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Gedankensprünge


 

 
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Soleatus
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Beiträge: 807



BeitragVerfasst am: 26.11.2019 13:14    Titel: Gedankensprünge eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Müssen die Herausgeber von Gedichtbänden etwas von Gedichten verstehen? Es verhinderte immerhin einige Fehler. In "Eduard Mörike. Gedichte in einem Band", Insel 2001, findet sich zum Beispiel auf Seite 246 das zehnte der "Bilder aus Bebenhausen":

Nachmittags

Drei Uhr schlägt es im Kloster. Wie klar durch die schwülige Stille
Gleitet herüber zum Waldesrand mit Beben der Schall,
Wo er lieblich zerfließt, in der Biene Gesumm sich mischend,
Das mich Ruhenden hier unter den Tannen umgibt.


Der zweite Vers ist für jeden, der sich mit Distichen auskennt, sofort als metrisch falsch, als verfälscht erkennbar, und tatsächlich hat der verssichere Mörike sich hier nichts zuschulden kommen lassen:

Gleitet herüber zum Waldrande mit Beben der Schall,

heißt es bei ihm - der Schuldige ist nicht der Dichter, sondern sein Herausgeber Bernhard Zeller (und der Insel-Band hat, leider! noch mehrere solcher Ungenauigkeiten).

An dieses Beispiel musste ich beim Lesen im "Buch der Sinnsprüche" denken. Das ist 1853 in Leipzig bei Mayer erschienen und trägt den vollständigen Titel "Buch der Sinnsprüche. Eine Konkordanz poetischer Sinnsprüche des Morgen- und Abendlandes, gesammelt von W.K., mit einem Vorwort von W. Wackernagel". Die etwas eigenartige Abkürzung erklärt Wackernagel gleich am Anfang seines Vorworts so:

Ein jüngerer Gelehrter, als ich es bin, hat dieses Buch der Sinnsprüche mit dem Fleiß und zugleich dem prüfenden Geschmack der Biene aus dem Reichtum literarischer Hilfsmittel zusammengetragen, welche günstige Verhältnisse ihm zu Gebote stellten. Aber eine seltene Bescheidenheit erlaubt ihm nicht, seinen Namen anders als mit seinen Anfagsbuchstaben zu bezeichnen, und es geschieht auf seinen und des Verlegers Wunsch, dass ich zur Ausfüllung der Lücke noch meinen Namen hinzufüge.

Zu den "unter günstigen Verhältnissen" gesammelten Texten gehört auch dieser von Georg Rudolf Weckherlin:

Mit dem gnadenlosen Tod muss Jung und Alt dahin:
Die Jungen findet er, die Alten finden ihn.


Da scheint der erste Vers ein trochäischer Siebenheber zu sein; das ist ein Vers, den Weckherlin nicht mit einem nachfolgenden Alexandriner verbunden hätte! In Wirklichkeit sind beide Verse Alexandriner, der erste lautet bei Weckherlin so:

Mit dem gnadlosen Tod muss Jung und Alt dahin:

Ist hier "W.K." für die Veränderung verantwortlich? Wer kann das wissen, wenn schon der eigentliche Name ein Geheimnis ist ...

Nun hätte ich auf dieses Alexandriner-Couplet gar nicht geachtet, wäre mir nicht kurze Zeit und einige Bücher zuvor ein inhaltlich verwandtes Epigramm von Hans Assmann von Abschatz aufgefallen:

Versorgung für Jung und Alt

Dem Alten das Grab, dem Jungen das Weib,
So haben sie beide versorget den Leib.


Daran ist nun nichts verändert worden; es ist mir aufgrund seiner, na ich sage einmal, Direktheit in Erinnerung geblieben! Das angesprochene Grab eröffnet auch einen Weg zurück von der schroffen barocken Antithetik hin zu Mörike und zum Distichon:

Sieh den gesunkenen Hügel; es kennen die ältesten Greise
Kaum ihn noch, und es ahnt niemand ein Heiligtum hier.


So steht es in "Auf das Grab von Schillers Mutter". Und die große Ruhe, die hier wie überall in Mörikes Versen wirkt, erlaubt nun auch den zuvor wild springenden Gedanken, ruhig zu werden ...

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wunderkerze
Schreiber-Lehrling


Beiträge: 107



BeitragVerfasst am: 17.12.2019 18:08    Titel: Antwort Antworten mit Zitat

Hallo Soleatus!
Mir gefällt das...
Aber:

Zitat
sofort als metrisch falsch, als verfälscht erkennbar

Da war einer, der wollte Goethe verbessern und fand in seinem "Reineke Fuchs" dutzende metrischer "Fehler". Blamiert hat sich der Pedant, nicht er Goethen. Ich will nicht wie manche geistreichen Leute behaupten, die meisten so genannten Fehler in der Metrik seien gar keine, sondern Synkopen, die zu besonderer Betonung führten. So würde mich "Waldesrand" auch nicht weiter stören, wenn da nicht das scharfe "s" wäre, das unmusikalisch ist und mir die Ruhe nimmt. Insofern war der verfälschende Herausgeber wohl einer von der robusten Sorte. Schwamm drüber.

   Mal was anderes und nichts für ungut. Ich überlege schon eine ganze Weile, wen du mit solchen Feinheiten in diesem Forum erreichen willst. In einem speziellen Gedicht/Germanisten/Lyrikform würden sie dir wahrsch. den Lorbeerkranz zuwerfen. Aber hier? Wo alle auf schöne Geschichten aus sind?

Liebe Grüße,
Wunderkerze


_________________
wunderkerze
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Soleatus
Autor


Beiträge: 807



BeitragVerfasst am: 17.12.2019 20:58    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Wunderkerze!

Wäre es mir um den zur Lyrik gehörigen Inhalt gegangen, hätte ich den Text in eines der Lyrik-Unterforen gestellt. Hier im Prosa-Feedback steht er, weil mich interessiert hätte, ob man einen Text über einen selbst für literarisch empfängliche Menschen fernliegenden Gegenstand - wie es metrische Fragen nun einmal sind - auf diese Art schreiben kann: weist er trotz seiner gedankenspringenden Herkunft eine ausreichende Geschlossenheit auf, sind die verwendeten Texte werthaltig genug, um einen Leser "bei der Stange zu halten", der kein eigentliches Interesse am Verhandelten hat, müsste man das Vorausgesetzte (zum Beispiel, was ein Distichon in metrischer Hinsicht ausmacht) näher erklären, weil sich sich der Leser bei der reinen Erwähnung unwohl / fremd / überfordert fühlt, ist der Schluss zu plötzlich / willkürlich - derlei; also vor allem das Hinterfragen des Textes in Hinblick auf seine "essayistische Eignung".

Mit Dank für deine Zeit und deine Worte,

Soleatus
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