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Die Paartherapie


 

 
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DLurie
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 102
Wohnort: Düsseldorf


BeitragVerfasst am: 07.09.2019 12:48    Titel: Die Paartherapie eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe dsfo'ler,
der Anfang einer Kurzgeschichte mit der Frage,  ob das Lust auf mehr macht.
LG
DLurie


»Er hat mich immer wieder betrogen, all die Jahre. Und ich bin trotzdem geblieben.«
Hilfesuchend blickte Christine in Richtung der Therapeutin.
Frau Dr. Herta Tobler-Ross erhob sich, reichte ihrer Patientin eine Packung Papiertaschentücher, bevor sie wieder Platz nahm, ihre Beine übereinander schlug und mit einem kurzen Seitenblick auf Klaus den Rock über ihren Knien glatt streifte.
»Danke«, hauchte Christine mit belegter Stimme, entnahm der Packung ein Tuch und begann zu weinen. Wahrscheinlich löste schon die bloße Berührung der weichen Faser einen Tränenfluss bei seiner Frau aus, dachte Klaus und sank etwas tiefer in den Sessel. Er hätte sich niemals auf diese Paartherapie einlassen sollen! Was ihn betraf, war die Ehe nach über zwanzig Jahren schlicht am Ende und die Dreier-Sitzungen, zu denen ihn seine Frau überredet hatte, waren nichts als eine Verschleierung dieser Tatsache.
»Das Thema Untreue haben wir nun schon etliche Male besprochen, Christine« hob Herta an. »Ich denke, für die Planung einer gemeinsamen Zukunft ist es nicht zielführend, wenn wir diese Thematik noch weiter vertiefen.«
Christine nickte und schnäuzte sich.
Von welcher gemeinsamen Zukunft faselte Herta da, dachte er verärgert. Sie musste doch längst begriffen haben, dass es für diese Ehe keine Zukunft gab. Und wenn er dieses Wort schon hörte, dieses zielführend, das Herta dauernd verwendete. Nein: Es war absolut nicht zielführend, immer wieder auf den drei oder vier Affären, die er während seiner langen Ehezeit gehabt hatte, herum zu kauen. Im Grunde waren diese Seitensprünge doch nur die Folge seiner tiefen Unzufriedenheit gewesen. Das einzige Ergebnis dieser Paartherapie bestand darin, dass er in letzter Zeit von Herta träumte. Erotische Träume, in denen er vor ihrem Sessel kniete, eines ihrer makellosen Beine in den Händen hielt und der Paartherapeutin die Fußfessel leckte.
»Ich möchte eine Trennung auf Probe«, sagte er so sanft wie möglich.
»Was meinst du damit?« Seine Frau sah ihn mit geröteten Augen an.
»Klaus hat vielleicht nicht Unrecht«, sagte Herta. »Manchmal kann es zielführend sein, dass Paare sich für eine gewisse Zeit räumlich trennen. Um sich darüber klar zu werden, was einem der Partner noch bedeutet.«
»Meinst du wirklich, Herta?«
»Ja Christine, das meine ich wirklich«
Am Ende der Sitzung wurde eine Trennung auf Probe für drei Monate vereinbart.

12Wie es weitergeht »




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(F. Dürrenmatt, Theaterprobleme)
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Thaddeus
Geschlecht:männlichAbc-Schütze

Alter: 44
Beiträge: 5
Wohnort: Darmstadt


BeitragVerfasst am: 07.09.2019 18:32    Titel: Antworten mit Zitat

Macht definitiv Lust auf mehr, vor allem wegen der gefühlvollen Schreibweise ... Daumen hoch²
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Selanna
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 544
Wohnort: Süddeutschland


BeitragVerfasst am: 07.09.2019 21:33    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

ich kann nicht sagen, dass es mir keine Lust macht, weiterzulesen. Es scheint eine gewisse Spannung zwischen Klaus und Herta zu geben und man könnte beim Weiterlesen erfahren, ob Klaus' Wunsch in Erfüllung geht.

Andererseits macht es mir keine große Lust, weiterzulesen, weil ich Klaus unsympathisch finde (weil er seine Frau betrügt und ihr die Schuld gibt), Christine aber ebenso unsympathisch finde (weil sie sich betrügen lässt und sich etwas darauf einbildet, es erduldet zu haben). Falls sich zwischen Klaus und Herta etwas ergibt, wäre ich entrüstet, weil sie die Therapeutin von beiden ist und auch genau weiß, was Klaus für einer ist.

Also, wenn es eine Geschichte in einer Anthologie wäre, würde ich sie lesen, wenn sie an der Reihe ist. Aber ich würde kein Buch weiterlesen, das so beginnt. Vielleicht bin ich auch einfach nicht Deine Zielgruppe (siehe "Der Maler") oder wir haben einen unterschiedlichen Humor.
Nichts für Ungut und weiterhin viel Spaß beim Schreiben!
Liebe Grüße
Selanna


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Nur ein mittelmäßiger Mensch ist immer in Hochform. - William Somerset Maugham
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DLurie
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 102
Wohnort: Düsseldorf


BeitragVerfasst am: 08.09.2019 14:00    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Selanna,

danke fürs Lesen und den Kommentar.

Selanna hat Folgendes geschrieben:


ich kann nicht sagen, dass es mir keine Lust macht, weiterzulesen.

Immerhin...

Selanna hat Folgendes geschrieben:

Andererseits macht es mir keine große Lust, weiterzulesen, weil ich Klaus unsympathisch finde (weil er seine Frau betrügt und ihr die Schuld gibt), Christine aber ebenso unsympathisch finde (weil sie sich betrügen lässt und sich etwas darauf einbildet, es erduldet zu haben). Falls sich zwischen Klaus und Herta etwas ergibt, wäre ich entrüstet, weil sie die Therapeutin von beiden ist und auch genau weiß, was Klaus für einer ist.

Ich ticke da als Leser ganz anders. Mir ist es erst mal völlig egal, ob die Protagonisten sympathisch sind. Es reicht mir, wenn sie glaubhaft sind.

Selanna hat Folgendes geschrieben:

Vielleicht bin ich auch einfach nicht Deine Zielgruppe (siehe "Der Maler") oder wir haben einen unterschiedlichen Humor.
.
Ich habe beim Schreiben noch nie an eine bestimmte Zielgruppe gedacht. Es interessiert mich aber schon, ob die Geschichten überhaupt  jemanden ansprechen, sonst wäre ich nicht in diesem Forum.   
Zum Humor: Schau Dir meinen Avatar an. Siehst Du da die geringste Spur von Humor? Smile

LG
Dlurie


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DLurie
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 102
Wohnort: Düsseldorf


BeitragVerfasst am: 08.09.2019 14:03    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Thaddeus,

danke fürs Lesen und den Kommentar.

Thaddeus hat Folgendes geschrieben:
Macht definitiv Lust auf mehr, vor allem wegen der gefühlvollen Schreibweise ... Daumen hoch²

Fortsetzung folgt...

LG
DLurie


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Ribanna
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 56
Beiträge: 234
Wohnort: am schönen Rhein...


BeitragVerfasst am: 08.09.2019 15:21    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

nein, leider bekomme ich hier keine Lust, weiter zu lesen.
Für mich ist das ein bisschen zu viel Klischee: die arme Frau, die weinend versucht, ihre Ehe zu retten, während der genervte Mann nur weiter ans Fremdgehen denkt - da fehlt der Witz. Das habe ich schon tausend Mal in den verschiedensten Variationen gelesen und im Film gesehen.

Aber handwerklich ist an dem Text m.M.n. nichts auszusetzen.

Vielleicht gibt es ja überraschende Wendungen, die das Klischee auflösen?


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Wenn Du einen Garten hast und eine Bibliothek wird es Dir an nichts fehlen.
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Pia
Geschlecht:weiblichSchreiberassi

Alter: 65
Beiträge: 43



BeitragVerfasst am: 08.09.2019 15:30    Titel: Antworten mit Zitat

Auch mich interessiert es, wie es weitergeht. Klaus lässt mich schmunzeln. Von ihm erwarte ich mir Wildes. Laughing

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Die Eine Wahrheit ist die eine Wahrheit.
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DLurie
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 102
Wohnort: Düsseldorf


BeitragVerfasst am: 08.09.2019 16:48    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Ribanna, hallo Pia
danke für die Kommentare. Hier der Rest der Geschichte:

Endlich frei!
Mit zwei großen Koffern betrat Klaus seine neue Bleibe. Er hatte das bezugsfertige Einzimmerappartement innerhalb einer Woche gefunden, stellte die Koffer in der Mitte des Raumes ab und prüfte mit den Fingern die Beschaffenheit der Matratze. Dann trat er hinaus auf den Balkon und zündete sich eine Zigarette an. Um ihn herum verwinkelte Hinterhöfe mit Garagen und spärlichen Oasen des Grüns. Nicht gerade eine bevorzugte Wohnlage, doch bald schon würde er sich nach einer besser gelegenen und größeren Wohnung umsehen und dann seine Sachen nachholen. Zumindest seinen Schreibtisch, seine Bücher und den alten Kleiderschrank, den sein Vater für ihn hergerichtet hatte. Den Rest der würde er Christine lassen und sich ein kantiges schwarzes Ledersofa zulegen, nachdem er zwanzig Jahre lang in weichen, cremefarbenen Stoffmulden versunken war, nur weil Christine kein Leder mochte.
Einmal pro Woche kam Christine ihn besuchen. Sie tranken ein Glas Wein zusammen, sie erkundigte sich, ob ihm etwas fehle, erzählte von ihrer Arbeit, wirkte erstaunlich gefasst. Keine Weinkrämpfe, kein Streit. Sie hat es akzeptiert, dachte er.

Von Anfang an surfte er in einer Partnerbörse. Nicht in der Seitensprung-Agentur, deren diskrete Dienste er vor einem Jahr zweimal erfolgreich in Anspruch genommen hatte, sondern in einer Börse für Partnersuchende, die ungebunden waren. Schluss mit der Geheimniskrämerei und dem schlechten Gewissen, dachte er.
Bald fiel ihm das Profil einer Frau auf. Zunächst wegen des Pseudonyms, unter dem sie auftrat: Feuerquelle, der Titel eines Bildes von Paul Klee, das er sehr schätzte.
Auch der erste Satz ihres Vorstellungstextes war ihm nur zu gut bekannt.
Ich schenke dir Perlen aus Regen. Eine Zeile aus einem Chanson des Liedermachers Jacques Brel, den er so sehr verehrte, dass er selbst JacquesB als Pseudonym für seinen Auftritt in der Partnerbörse gewählt hatte. Leise summte er die Melodie des Liedes vor sich hin. Auch der Rest des Profils von Feuerquelle stach angenehm hervor aus der Unzahl der nichtssagenden Selbstdarstellungen, die meist nicht mehr waren, als eine Anhäufung der immer gleichen Adjektive: romantisch, sensibel charmant, humorvoll, gutaussehend...
Eine Seelenverwandte, dachte er erfreut und auch die knappe Beschreibung ihres Äußeren klang verheißungsvoll: Schwarzes, langes Haar, 168 cm, 57 kg, eine Frau!
Ihr Foto war nicht für die Allgemeinheit freigeschaltet. In aller Eile verfasste er eine Nachricht:

Liebe Feuerquelle!
Ich schenke dir Perlen aus Regen,
aus einem Land, wo der Regen nie fällt.

Es freut mich sehr, in diesem Forum einen Fan von Jacques Brel gefunden zu haben. Selbst in der deutschen Übersetzung sind diese Zeilen noch wunderschön! Wie ich vermute, haben wir noch eine weitere Gemeinsamkeit: Du magst den Maler Paul Klee. Oder ist dein Pseudonym nur zufällig identisch mit dem Titel eines seiner Bilder? Wenn du Lust hast, so sieh dir doch mal mein Profil an und melde dich, wenn es dich anspricht.
Ich würde mich freuen.
LG JacquesB


Noch am gleichen Abend erhielt er eine Antwort:

Hallo JacquesB!
Ich erfind für dich Worte ohne Sinn,
die nur du verstehst.

Er war einfach genial, dieser Brel! Er ist viel zu früh gestorben! Bei der Feuerquelle habe ich mich wirklich von dem gleichnamigen Klee Bild inspirieren lassen.
Was treibst du so, wenn du nicht gerade mit Frauen Liebesgedichte im Internet austauschst? Erzähl doch ein bisschen von dir. Dein Profil ist ansprechend, aber ein wenig karg.
Noch etwas: Bei einem begnadeten Poeten wie Jacques Brel würde mich das Pferdegesicht nicht stören, aber sonst ich bin ein sehr visueller Mensch. Wenn du mir also einen Blick auf dein Antlitz gönnen würdest...
LG Feuerquelle


Er antwortete prompt:

Liebe Feuerquelle!
leider kann ich keine Verse schmieden wie Brel, dafür habe ich aber auch keine Ähnlichkeit mit einem Pferd. Aber überzeuge dich selbst: Mein Foto ist für dich freigeschaltet.
Was ich so treibe, fragst du. Nichts wirklich Aufregendes. Beruflich kümmere ich mich um das Innenleben von Computern. Eine trockene Tätigkeit, die mich aber zuverlässig ernährt. Wenn dich mein Foto nicht zu sehr abgeschreckt hat, könntest du auch ein wenig von dir berichten. By the way: Ich bin auch ein visueller Mensch.
LG Klaus

Lieber Klaus!
du gefällst mir oder wie man hier sagen würde: Du passt in mein Beuteschema. Ich hoffe das Foto ist nicht zehn Jahre alt! Ich habe mein Foto auch für dich freigeschaltet. Was sagst du dazu? Es kommt der Wirklichkeit recht nahe. Mach mir wilde Komplimente, nur keine Hemmungen!
Ich bin Journalistin in der Musikbranche, schreibe Beiträge für Sender und Zeitschriften, und liebe meinen Beruf.
Wie lange lebst du schon getrennt? Was hältst du davon, wenn wir mal miteinander telefonieren?
LG Maria

Liebe Maria!
welch ein vollkommenes Gesicht! Dieses Lachen, so frisch wie ein Quell, diese Augen, so tief wie das Meer. Reicht das fürs Erste an Komplimenten? Wenn nicht, sag Bescheid: Fortsetzung folgt.
Ich lebe noch nicht so lange getrennt, aber meine Ehe ist bereits Jahre vor der räumlichen Trennung nur noch eine Wohngemeinschaftsehe gewesen.
Meine Telefonnummer ist 09342 14835, du erreichst mich diese Woche jeden Abend ab 20:00 Uhr.
LG Klaus



***

Um die Mittagszeit brach er auf, ein wenig zu früh, aber er traf gerne vor der Zeit zu Verabredungen an ihm unbekannten Orten ein. Maria hatte ihn vor zwei Tagen angerufen und direkt ein Treffen vorgeschlagen:
»Ich kenne da einen schönen, ruhigen Ort. Ein ehemaliges Kloster mit einem Zentrum für spirituelle Erneuerung. An den Wochenenden öffnen sie ihr Bistro im Klostergarten für die paar Wanderer, die sich dorthin verirrt haben. Und sie machen einen Schokoladenkuchen, der jede spirituelle Erfahrung in den Schatten stellt.«
Er hielt kurz an einer Tankstelle und kaufte einen Strauß orangefarbener Rosen. Der Main glitzerte in der Sonne und er fuhr mit heruntergelassenem Fenster gemächlich aus der kleinen Stadt hinaus über sanfte Hügel mit Feldern und Wiesen. Die letzten Kilometer schlängelte sich die Landstraße, einem Bachlauf folgend, durch ein sattgrünes, von dicht bewaldeten Bergen gesäumtes Wiesental. Schließlich erreichte er das Dorf und das am Ortsausgang gelegene Anwesen, parkte den Wagen und trat durch einen Torbogen in den Innenhof. Runde Raseninseln lagen über das Gelände verstreut, in unterschiedlicher Größe und mit schattenspendenden Bäumen, unter denen Bänke zur Rast einluden. Jede Front der langen, zweigeschossigen Gebäude aus rotem Buntsandstein unterschied sich von der Nächsten: Die eine zierte Fachwerk unterhalb des Giebeldachs, die andere ein Arkadengang.
Eine gute Wahl für ein erstes Rendezvous, dachte er, setzte sich auf die Terrasse des kleinen Bistros unter einen der eckigen, gelben Sonnenschirme und bestellte einen Kaffee. Bis auf ein älteres Ehepaar am Nachbartisch war er der einzige Gast. Die Frau hatte ihre Wanderschuhe ausgezogen und ließ sich von ihrem Begleiter die Füße massieren, wobei sie Klaus zublinzelte.
Ein Blick auf die Uhr: In einer Viertelstunde würde er vielleicht die Frau seines Lebens kennenlernen! Ein Gefühl der freudigen Erwartung erfüllte ihn, ein Gefühl, das er seit seiner Jugendzeit nicht mehr erlebt hatte. Er zündete sich eine Zigarette an und wartete. Nach einer halben Stunde war Maria immer noch nicht aufgetaucht.
Warum ruft sie nicht an? fragte er sich. Er konnte sie nicht erreichen, denn sie hatte die  eigene Rufnummer, unter der sie ihn vor zwei Tagen angerufen hatte, unterdrückt. Nach weiteren zehn Minuten zahlte er, verließ die Anlage und ging mit gesenktem Kopf in Richtung des Parkplatzes.
Bei seinem Wagen angekommen, tauchte eine Frau hinter einer Hausecke auf, kam auf ihn zu, und er wollte seine Augen zunächst nicht glauben. Seine Frau Christine! In Wanderhosen und mit dunkler Sonnenbrille.
»Enttäuscht?«,  fragte sie.
»Was machst du denn hier?«
»Leg die Blumen ins Auto und lass uns ein Stück durch den Wald gehen. Ist schön hier, nicht wahr?«, erwiderte sie.
Ohne seine Reaktion abzuwarten, ging sie voraus, aus der Ortschaft hinaus, über eine abgemähte Wiese bis hin zu dem Bach, über einen Holzsteg auf die andere Seite des Gewässers, einen schmalen Pfad folgend, der steil bergan durch dichten Wald führte. Sie trug einen kleinen Rucksack und marschierte zügig, so als läge noch eine längere Wegstrecke vor ihnen. Er lief hinter ihr her, rutschte in seinen Straßenschuhen mehrfach auf dem nassen Laub aus und geriet ins Schwitzen.
»Ich bin nicht für einen Gewaltmarsch ausgerüstet«, rief er ihr hinterher, doch sie reagierte nicht. An einer Lichtung angekommen, setzte sie sich auf einen Baumstamm und forderte ihn auf, neben ihr Platz zu nehmen.
»Eine Wohngemeinschaftsehe haben wir also in den letzten Jahren geführt«, sagte sie, nahm ihre Sonnenbrille ab und sah ihn ernst an. »Das habe ich nicht so empfunden.«
»Maria ...«, stammelte er, »Es gibt gar keine Maria! Nicht wahr?«
»Doch, es gibt eine Maria«, erwiderte sie hart. »Eine Freundin, du kennst sie nicht. Meine Freundinnen haben dich nie interessiert. Von denen hast du die Finger gelassen, denn das hätte zu Komplikationen führen können. Du hast lieber diskret in deinen eigenen Revieren gejagt.« Sie lachte bitter auf.
«Wir leben getrennt, Christine.»
»Wir hatten eine Trennung auf Probe vereinbart, Klaus. Um dieser Ehe eine letzte Chance zu geben, nach so vielen Jahren. Das war mein Verständnis. Doch ich habe dir misstraut. Beim einem meiner Besuche in deiner neuen Bleibe, hast du das Appartement kurz verlassen, um uns eine Pizza zu besorgen. Erinnerst Du dich? Ich habe deine Abwesenheit genutzt und ein wenig im Browserverlauf deines Computers gestöbert. Nicht sehr nett, zugegeben, aber ich wollte Gewissheit. Und was finde ich da: Zig Aufrufe einer allgemein bekannten Partnerbörse.»
Er schwieg.
»Leih mir deine Identität für ein paar Wochen, habe ich Maria gebeten. Du riskierst nichts. Nur der Betreiber des Forums erhält die Kopie deines Personalausweises und eine E-Mail-Adresse. Für die anderen Nutzer des Forums bist du anonym. Du bist Feuerquelle, solange du es willst. Maria hat zunächst gezögert, dann aber eingewilligt.«
Er wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.
»Ist dir warm geworden?«, fragte sie, zog aus ihrem Rucksack eine Flasche Mineralwasser und reichte sie ihm. Er nahm einen langen Zug.
»Ich habe einen Köder für dich ausgelegt, einen schmackhaften. Maßgeschneidert. Und du hast prompt angebissen. In der Annahme, es sei eine andere, hast du deiner eigenen Frau den Hof gemacht.«
Übelkeit und Schwindel ergriffen ihn plötzlich. Er atmete tief durch.
»Es hat mir fast Herz gebrochen, als ich dein Foto sah«, fuhr sie fort. »Aber nur fast. Dieser Mistkerl, habe ich dann gedacht, dieser verdammte Mistkerl! Und dann habe ich Maria um einen letzten, kleinen Gefallen gebeten: Das Telefonat und die Verabredung.«
Sie erhob sich. Er versuchte aufzustehen, doch seine Beine fühlten sich an wie aus Watte und versagten ihm den Dienst. Er sah seine Frau nur noch schemenhaft, wie durch einen Schleier.
»Ist dir nicht gut?«, hörte er sie fragen.
»Maria! Maria!«, stammelte er voller Angst.
»Woher willst du wissen, dass sie Maria heißt. Vielleicht heißt sie Klara. Oder Elisabeth. Oder Gertrude.«
»Was hast du getan?« Seine Stimme klang verwaschen, so als sei er völlig betrunken. Verzweifelt versuchte er seinen Arm auszustrecken, seine Frau zu packen, doch auch der Arm gehorchte ihm nicht mehr, war wie gelähmt.
»Du wirst nie mehr eine Frau enttäuschen, Klaus!«
Wie in Zeitlupe kippte er mit dem Oberkörper zur Seite. Kurz bevor er das Bewusstsein verlor, fühlte er noch die Rinde des Baumstamms an seiner Wange.
Als er erwachte, schien durch die Wipfel der Bäume ein prächtiger Vollmond. Etwas krabbelte gerade in sein linkes Nasenloch, und er fuhr sich hastig mit der Hand durch das Gesicht. Er setzte sich auf, blinzelte benommen. Sein Kopf dröhnte, er fror.
Bis auf die letzten Momente vor der Bewusstlosigkeit konnte er sich an alles erinnern: das geplatzte Rendezvous, das überraschende Auftauchen seiner Frau, Teile ihres Gesprächs. Doch er konnte sich nicht erklären, warum er hier lag, im Wald, mitten in der Nacht.
Dann fiel es ihm wieder ein: der Schluck aus ihrer Flasche!
Schwerfällig erhob er sich und wankte bergab in Richtung des Dorfes. Am Bach angekommen, erfrischte er sich mit dem eiskalten Wasser. Auf der Rückfahrt kam er mehrfach um ein Haar von der Straße ab, denn immer wieder übermannten ihn kurze Schwindelanfälle. Nach einer halben Stunde Fahrt erreichte er endlich seine Wohnung. Er duschte heiß, brühte sich einen starken Kaffee und setzte sich an den Computer.
Es lagen keine neuen Nachrichten für JacquesB vor und das Profil von Feuerquelle war gelöscht.
Aber er seine Paartherapeutin Hertha hatte ihm eine Mail geschrieben:
»Lieber Klaus,
nach einem Gespräch mit Christine halte ich eine Fortsetzung der Paartherapie nicht mehr für zielführend.«

« Was vorher geschah12



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(F. Dürrenmatt, Theaterprobleme)
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Pia
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Beiträge: 43



BeitragVerfasst am: 08.09.2019 17:25    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

mir fehlt das prickelnde Ende. Wenn Christine schon auf Rache sinnt, dann aber richtig! Da geht noch mehr. Smile

»Du wirst nie mehr eine Frau enttäuschen, Klaus!«

Nur eine leere Drohung?

LG


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DLurie
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 102
Wohnort: Düsseldorf


BeitragVerfasst am: 08.09.2019 20:46    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Pia
danke fürs Lesen und dein Kommentar

Pia hat Folgendes geschrieben:
Hallo DLurie,

mir fehlt das prickelnde Ende. Wenn Christine schon auf Rache sinnt, dann aber richtig! Da geht noch mehr. Smile

»Du wirst nie mehr eine Frau enttäuschen, Klaus!«

Nur eine leere Drohung?

LG

Einen ordentlichen Denkzettel hat sie ihm schon verpasst, wie ich finde. Das könnte man noch deutlicher herausstellen ohne das Ende selbst zu verändern.
Natürlich wären auch einige deutlich drastischere Enden denkbar. Meine Freundin meint immer, ich sei in meinen Geschichten nicht gemein genug...
Ich warte mal weitere Reaktionen Warte zu diesem Punkt ab.

LG
DLurie


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BlueNote
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BeitragVerfasst am: 08.09.2019 21:12    Titel: Antworten mit Zitat

Na ja, diese "Paartherapeutin" ist schon eine recht seltsame Person. So ... zielführend. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Paartherapien wirklich so ablaufen.

Zwischendurch fand ich deine Geschichte recht spannend. Der Schluss war aber dann etwas lau. Wenigstens hast du die "gehörnte" Ehefrau ihren Mann nicht ermorden lassen, mit vergifteter Pilzsuppe etwa. Das wäre schon zu sehr Klischee gewesen. Aber einfach ... die Paartherapie ist nicht zielführend. Na und?! Dann ist sie das eben nicht. Was will uns der Text eigentlich sagen mit diesem auf unsympathisch getrimmten Ehemann und der seltsamen Aktion seiner Noch-Frau?
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 08.09.2019 22:20    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi BlueNote

ein alter Bekannter aus vergangenen Tagen...
Danke fürs Lesen und den Kommentar.

BlueNote hat Folgendes geschrieben:
Na ja, diese "Paartherapeutin" ist schon eine recht seltsame Person. So ... zielführend. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Paartherapien wirklich so ablaufen.

Ob sie genau so ablaufen, weiß ich auch nicht. Aber ich hatte mal Kontakt zu einem Psychotherapeuten, der die Welt gerne in zielführende und nicht zielführende Dinge einteilte, was mir ziemlich auf den Senkel ging. Der hat hier Pate gestanden.

BlueNote hat Folgendes geschrieben:

Zwischendurch fand ich deine Geschichte recht spannend. Der Schluss war aber dann etwas lau. Wenigstens hast du die "gehörnte" Ehefrau ihren Mann nicht ermorden lassen, mit vergifteter Pilzsuppe etwa. Das wäre schon zu sehr Klischee gewesen. Aber einfach ... die Paartherapie ist nicht zielführend. Na und?! Dann ist sie das eben nicht. Was will uns der Text eigentlich sagen mit diesem auf unsympathisch getrimmten Ehemann und der seltsamen Aktion seiner Noch-Frau?


Ich nehme mit, dass auch du den Schluss zu lau findest und ein Ende mit Pilzsuppe schwebte mir nie vor.   
Zur Aussage, die du zu vermissen scheinst: Es ist keine spezielle Aussage beabsichtigt.
LG
DLurie


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Selanna
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BeitragVerfasst am: 09.09.2019 01:16    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

hu, da war ich ja zu langsam! Jetzt ist sogar schon das Ende eingestellt.

Zitat:
ich ticke da als Leser ganz anders. Mir ist es erst mal völlig egal, ob die Protagonisten sympathisch sind. Es reicht mir, wenn sie glaubhaft sind.

Das hast Du gut ausgedrückt! Naja, eigentlich dachte ich, dass ich auch mit unsympathischen Protagonisten kein Problem habe (Scarlett O’Hara war ja auch nicht nett Wink), aber jetzt habe ich es doch so formuliert. Ich muss noch einmal drüber nachdenken, vielleicht kommt es darauf an, warum sie mit unsympathisch sind. Vielleicht weil ich ein Problem mit gerade diesem Typ Mann und diesem Typ Frau habe? Ich weiß es momentan noch nicht.

Ich dachte auch nicht, dass Du eine Zielgruppe beim Schreiben im Kopf hast. Aber egal, wenn der Text fertig ist, wird er eben den einen ansprechen und den anderen nicht, den dritten einigermaßen. So war das gemeint. Und Humor hast Du auf alle Fälle, alle Texte, die ich bisher von Dir gelesen habe, waren humoristisch (sogar Dein Avatar, wenn der auch hölzern ist Sich kaputt lachen Nur ein schlechter Scherz von mir, entschuldige Wink), das wollte ich Dir auf keinen Fall absprechen. Nur gibt es eben unterschiedliche Humorgeschmäcker, meiner könnte ein bisschen anders nuanciert sein als Deiner, das meinte ich damit. Ich werde Deine Texte aber trotzdem lesen und kommentieren, also mach Dich auf was gefasst Twisted Evil

Zum zweiten Teil Deiner Kurzgeschichte:
Du führst also eine Paar bei einer Paartherapie ein, deren Ehe durch seine Seitensprünge kaputt ist (die Ausgangslage) und die die Frau im Gegensatz zu ihm retten will (der Konflikt). Ihre Motivation bleibt unklar (weil sie ihn noch liebt? Das scheint unwahrscheinlich). Es folgt eine Trennung auf Zeit (der erste Lösungsversuch), die daran scheitert, dass er es als endgültige Trennung ansieht und sie ihm dahinterkommt. Es folgt dann eine List ihrerseits, aber nicht mehr zur Lösung des Konflikts (Rettung der Ehe; ihr Ziel vom Anfang ist also ad acta gelegt, jetzt ist ihr Ziel Rache), sondern um ihm zu zeigen, dass sie ihn durchschaut hat und auch nicht mehr an der Rettung der Ehe interessiert ist. Die List führt für mich völlig von dem ursprünglichen Konflikt weg und hat auch nichts mehr mit der Ausgangslage in der Paartherapie zu tun. Als ihre List aufgeht, versucht sie, ihn zu vergiften (Rache für die gescheiterte Ehe und den Versuch, ihm eine glückliche Zukunft zu zerstören?). Das Vergiften scheitert, sein scheinbares neues Glück ist zerplatzt und er steht vor der "Katastrophe" am Ende. Jetzt kommst Du zum Ausgangspunkt zurück, auch die Paartherapie, die mittendrin keine Rolle mehr spielte, ist von Seite der Frau aufgekündigt worden, von der Therapeutin wird das bestätigt. So schließt Du die Klammer, damit es einen runden Eindruck macht. Aber hast Du schon einmal überlegt, ob es die Therapeutin für die Geschichte eigentlich braucht? Du könntest auch nur die Radikalisierung einer betrogenen Ehefrau ins Zentrum stellen. Nur ein Denkanstoß.

Liebe Grüße
Selanna


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DLurie
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BeitragVerfasst am: 09.09.2019 11:01    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Selanna,

wann schläfst du?

Vielen Dank für deine Kommentare. Wie immer sehr hilfreich!


Selanna hat Folgendes geschrieben:

Zitat:
ich ticke da als Leser ganz anders. Mir ist es erst mal völlig egal, ob die Protagonisten sympathisch sind. Es reicht mir, wenn sie glaubhaft sind.

...weil ich ein Problem mit gerade diesem Typ Mann und diesem Typ Frau habe?.

Es fallen mir tatsächlich ungleich mehr Geschichten zu unsympathischen Protas ein.. weiß auch nicht woran das liegt. Und dem Typ Casanova bin ich ziemlich häufig begegnet, auch in Kombination mit Frauen die aus -für den Rest der Welt - unbegreiflichen Gründen nicht von diesen Schwerenötern ablassen konnten.

Selanna hat Folgendes geschrieben:

Ich werde Deine Texte aber trotzdem lesen und kommentieren, also mach Dich auf was gefasst Twisted Evil
  
Da muss ich mich warm anziehen... Embarassed

Selanna hat Folgendes geschrieben:

Zum zweiten Teil Deiner Kurzgeschichte:
Du führst also eine Paar bei einer Paartherapie ein, deren Ehe durch seine Seitensprünge kaputt ist (die Ausgangslage) und die die Frau im Gegensatz zu ihm retten will (der Konflikt). Ihre Motivation bleibt unklar (weil sie ihn noch liebt? Das scheint unwahrscheinlich)

Wenn nicht rüberkommt, dass sie ihn trotz mehrmaligem Fremdgehen noch immer liebt, fällt die Geschichte in sich zusammen. Ich dachte, das hätte ich klargestellt. Wenn nicht, muss ich hier nachbessern.

Selanna hat Folgendes geschrieben:

Aber hast Du schon einmal überlegt, ob es die Therapeutin für die Geschichte eigentlich braucht? Du könntest auch nur die Radikalisierung einer betrogenen Ehefrau ins Zentrum stellen. Nur ein Denkanstoß .
 

De facto steht doch schon die Radikalisierung einer betrogenen Ehefrau im Zentrum. Die Paartherapie, in die beide mit völlig unterschiedlichen Erwartungen gehen, dient ja nur als Ausgangspunkt. Insofern bräuchte die Geschichte vielleicht einen anderen Titel. Und, das ist mir klar geworden, ein drastischeres Ende.

LG
DLurie


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Selanna
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BeitragVerfasst am: 09.09.2019 11:44    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

ich habe Urlaub. Und ohne feste Zeitvorgaben von außen dreht sich mein Tag-Nacht-Rhythmus immer um Embarassed

Zitat:
Es fallen mir tatsächlich ungleich mehr Geschichten zu unsympathischen Protas ein... Und dem Typ Casanova bin ich ziemlich häufig begegnet, auch in Kombination mit Frauen die aus -für den Rest der Welt - unbegreiflichen Gründen nicht von diesen Schwerenötern ablassen konnten.

Das erste kann ich gut verstehen, mir fallen meistens Geschichten zu Menschen mit komischen Schwächen/Ticks oder schrägen Vorstellungen ein. Ist dann ja auch in der Regel interessanter als Geschichten über brave Bürger, da sind wir uns einig Wink und das zweite ebenso, dem untreuen Typ bin ich auch oft begegnet, darum mag ich ihn wahrscheinlich auch nicht mehr. Das schreibe ich lieber versteckt, weil das viele sicher hart und unfair finden, was ich jetzt schreibe. Aber die Motivation vieler Frauen, die bei solchen Männern blieben, ist meiner Erfahrung nach leider oft fehlendes Selbstbewusstsein. Schlimmer noch, bei manchen war es das Schwimmen in Selbstmitleid, materielle Absicherung durch die schon lange bestehende Ehe oder rigoroses Ignorieren, was er da so treibt. Mir fallen hier spontan drei Fälle ein und in keinem war Liebe im Spiel. Aber das nur als trauriger Erfahrungsschatz am Rande

Zitat:
wenn nicht rüberkommt, dass sie ihn trotz mehrmaligem Fremdgehen noch immer liebt, fällt die Geschichte in sich zusammen. Ich dachte, das hätte ich klargestellt. Wenn nicht, muss ich hier nachbessern.

Nein, sie fällt deshalb nicht zusammen. Es könnte auch fehlendes Selbstbewusstsein/Selbstachtung sein. Aufgrund meiner zynischen Sichtweise hatte ich aufgrund der Tränen auf genüssliches Selbstmitleid (ja, es hört sich wirklich böse an, habe ich aber genauso über Monate mal miterlebt) getippt und da die Ehe schon so lange läuft: materielle Absicherungsgedanken im Hintergrund? Liebe ist natürlich der edlere Grund zu bleiben, vielleicht erkennt das auch jeder andere, außer mir, ganz klar?

Zitat:
insofern bräuchte die Geschichte vielleicht einen anderen Titel.

Ich meinte damit nur, dass der Geschichte nichts verloren ginge, wenn Du Herta streichst. Und dem Ganzen (gleich, ob Herta bleibt oder gestrichen wird) einen neuen Titel zu geben, halte ich für eine hervorragende Idee!

Liebe Grüße
Selanna


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Pia
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BeitragVerfasst am: 09.09.2019 16:17    Titel: Antworten mit Zitat

Natürlich wären auch einige deutlich drastischere Enden denkbar. Meine Freundin meint immer, ich sei in meinen Geschichten nicht gemein genug...

Das stimme ich ihr zu Very Happy .
Ja, er hat einen Denkzettel bekommen, mehr aber auch nicht. Das wird ihn nicht daran hindern, weiterhin Frauen zu hintergehen, er wird es nur geschickter machen.

Wie wäre es mit einem Tattoo an pikanter Stelle? Twisted Evil

LG


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DLurie
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BeitragVerfasst am: 09.09.2019 17:12    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe Pia, liebe Selanna,

danke für eure Anmerkungen.
Ich ändere den Titel auf: Geh nicht fort von mir. Das ist der Titel des Chansons von Brel aus dem ich zitiere.
Und hier mal der erste Entwurf eines alternativen Endes. Das ist Pia sicher immer noch zu harmlos...
LG
DLurie  


Als er erwachte, schien durch die Wipfel der Bäume ein prächtiger Vollmond.
Er blinzelte benommen, sein Kopf dröhnte, er zitterte vor Kälte. Etwas krabbelte gerade seinen linken Oberschenkel hoch, er wischte es hastig weg und stellte dabei fest, dass er weder Hose noch Unterhose trug. Er setze sich auf, blickte um sich und tastete erfolglos den Waldboden im näheren Umfeld ab. Auch seine Schuhe waren verschwunden.
Langsam kehrte die Erinnerung zurück, bis auf die letzten Momente vor der Bewusstlosigkeit: Das geplatzte Rendezvous, das überraschende Auftauchen seiner Frau, Teile ihres Gesprächs. Doch warum lag er hier im Wald, mitten in der Nacht, halbnackt?
Dann fiel es ihm wieder ein: der Schluck aus ihrer Flasche!
Was sollte er nun tun? Der Schlüsselbund mit dem Autoschlüssel, das Handy und das Portemonnaie hatte er in die Hosentaschen gesteckt. Er musste erst mal runter ins Dorf, raus aus diesem verfluchten Wald! Wenigstens die Socken hat sie dir gelassen!
Schwerfällig erhob er sich und wankte bergab in Richtung des Dorfes. Mehrfach stolperte er, fiel hin, schlug sich das Knie auf. Am Bach angekommen, erfrischte er sich mit dem eiskalten Wasser. Das hat ein Nachspiel, liebe Christine, dachte er wütend. Aber was hatte er schon groß in der Hand? Sie hatte dafür gesorgt, dass es keine Zeugen für ihr Zusammentreffen gab. Und sicherlich hatte sie auch ein Alibi für gestern. Eine ihrer zahlreichen Freundinnen. Christine würde einfach alles abstreiten.
Kurz vor dem Parkplatz, auf dem sein Wagen immer noch stand, zog er sein Oberhemd aus und band es sich um die Hüfte. Dann begab er sich zum ehemaligen Kloster, irrte eine Weile verzweifelt umher auf der Suche nach einem Haupteingang, fand diesen schließlich und drückte auf die einzige Klingel mit der Aufschrift Zentrum für spirituelle Erneuerung.
Keine Reaktion. Womöglich wohnte hier niemand. Er läutete Sturm, bis endlich im ersten Stock ein Licht anging. Kurz danach wurde die Eingangstür einen Spalt breit geöffnet und eine männliche Stimme sagte:
»Was soll das? Wissen Sie wie spät es ist?«
» Bitte helfen Sie mir! Ich bin überfallen worden. Oben im Wald. Man hat mir alles gestohlen. Brieftasche, Schlüssel, Handy, Kleidung. Ich müsste nur mal schnell telefonieren.«
Ein kurzes Zögern auf der anderen Seite der Tür, die schließlich geöffnet wurde. Ein junger Mann im Schlafanzug erschien und starrte ihn an:
»Mein Gott, wie sehen sie denn aus! Kommen sie erst mal rein.»
Ein Stunde später holte ihn sein Freund Peter, dem er auch die Überfallversion erzählt hatte, mit seinem Wagen ab.
»Hast Du schon die Polizei informiert? », fragte Peter auf der Rückfahrt.
»Mach ich morgen. Ich muss jetzt erst mal eine Runde schlafen.»
»Soll ich dich bei Christine absetzen? »
»Nein. Könnte ich bei dir ein paar Stunden pennen?»
»Klar.»
In Peters Wohnung duschte er heiß, versorgte die Schrammen an seinen Beinen und Fußsohlen, brühte sich einen starken Kaffee.
»Kann ich deinen Computer mal kurz nutzen, bevor ich mich aufs Ohr haue?»
Peter nickte.
Es lagen keine neuen Nachrichten für JacquesB vor und das Profil von Feuerquelle war gelöscht.
Aber er seine Paartherapeutin Hertha hatte ihm eine Mail geschrieben:
»Lieber Klaus,
nach einem Gespräch mit Christine halte ich eine Fortsetzung der Paartherapie nicht mehr für zielführend. Ich glaube, das ist auch in deinem Sinne und wünsche dir alle Gute.«

In Gedanken machte er eine Liste: Schlüsseldienst, Auto holen, Personalausweis, Führerschein, Kreditkarte.
Dann schlief er fest und völlig traumlos.


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Pia
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BeitragVerfasst am: 09.09.2019 17:36    Titel: Antworten mit Zitat

lol

Das gefällt mir auf jeden Fall besser. Generell finde ich deine Ideen sehr gut.

LG


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DLurie
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BeitragVerfasst am: 10.09.2019 11:57    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Pia

danke für das Kompliment.
Ich muss meinen Prota also nicht kastrieren - uff!

LG
DLurie


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Pia
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Alter: 65
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BeitragVerfasst am: 10.09.2019 15:13    Titel: Antworten mit Zitat

OMG
So weit würde selbst ich es nicht treiben. Embarassed

Aber ich denke, wir sollten unsere schriftstellerischen Freiheiten ausreizen.

LG


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Elodin
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BeitragVerfasst am: 06.11.2019 18:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, ich muss gestehen, das so genau passende Profil der Frau machte mich stutzig, da hat alles zu genau gepasst. Aber Männer denken ja meist mit den S..... Vielleicht ist er deswegen reingefallen Very Happy

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Liebe Grüße

Mathias
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