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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Whistleblower


 

 
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wunderkerze
Schreiber-Lehrling


Beiträge: 92



BeitragVerfasst am: 21.08.2019 10:13    Titel: Whistleblower eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Whistleblower

                                                             1
   Das Flugzeug hoch am Himmel, silbrig, klein und unscheinbar wie Spielzeug, zog ruhig seine Bahn. Ein dunkler Punkt löste sich von seinem Rumpf und wurde im Fallen schnell größer. Jetzt erkannte er: Eine Bombe. Sie flog direkt auf ihn zu. Angst erfasste ihn wie mit Krakenarmen und presste sein Herz zusammen. Er wollte wegrennen, doch es ging nicht. Seine Füße steckten in zähem Schleim.
   Die Bombe explodierte genau über seinem Kopf.
  Schweißgebadet schlug die Augen auf und starrte in die Dunkelheit. Unter seiner Schädeldecke tobte eine Horde wild gewordener Schmerzteufel. Es war also doch kein Traum, dachte er, obwohl ihm das Denken schwer fiel, die Bombe ist wirklich explodiert.
   Mit zitternden Fingern tastete er nach der Nachttischlampe. Endlich fand er den Knipser und machte Licht. Seine Frau neben ihm, in Bettzeug und Kissen tief vergraben, schlief mit kuhhaft weichem Atem den Schlaf eines Menschen, dessen Leben fest geregelt ist wie der gestirnte Himmel.
   Ein Niesreiz nistete sich in seiner Nase ein, breitete sich aus und verlangte unerbittlich nach Erlösung. Um seine Frau nicht zu wecken, hielt er sich die Nase zu. Der Nieser explodierte nach innen und spornte die Schmerzteufel zu rasendem Eifer an. Mit einem verzweifelten Stöhnen sank er auf sein Kissen zurück und hielt sich den Kopf.
   Seine Frau, aus verführerischen Traumgebilden erwacht, drehte sich zu ihm um und murmelte schlaftrunken: „Rüdiger, was hast du? Ist dir nicht gut?“  
    Immer noch stöhnend richtete er sich halb auf und blickte seine Frau ungläubig an. Diese Stimme...
   Plötzlich rief er entsetzt: „Wer zum Teufel sind Sie?“
   Nach einer neuerlichen Niesattacke ließ er sich zurückfallen und rührte sich nicht mehr.
    Die Digitaluhr zeigte den sechsundzwanzigsten November, 5 Uhr 32.
   Die Nacht war mondlos und schwarz, ein leichter Nieselregen trübte die Laune der städtischen Müllwerker, die zur Frühschicht unterwegs waren, noch weiter ein.
 
                                                                2

   „Was ist mit meinem Mann?“, fragte Frau Winderling verzagt. Sie stand auf dem Flur des städtischen Krankenhauses. Besorgt blickte sie den Arzt an. Im kalten Licht der Deckenleuchten sah ihr Gesicht totenbleich aus. „Ist es sehr schlimm?"
   „Kommen Sie hier herein“, sagte der Doktor mit überraschend heller Stimme, „ich erkläre es Ihnen.“
   In dem schmalen Zimmer war fast alles blendend weiß. Der Doktor bat, Platz zu nehmen. Er schlug eine dünne schwarze Mappe auf und blätterte eine Weile darin herum. Schließlich erklärte er: „Ihr Mann hatte eine Embolie in der linken oberen Hirnarterie. Das CT zeigt eindeutig eine dunkle Stelle. Hier, sehen Sie? Wir haben den Thrombus schnell aufgelöst, so dass von daher keine Gefahr mehr droht. Leider ist durch den dadurch bedingten Mangel an Sauerstoff schon eine Schädigung des linken Sehnervs eingetreten.“ Der Doktor klappte die Mappe wieder zu. Er war ein noch ziemlich junger, großer Mann mit einer ziemlich starken Brille. Sein völlig kahler Schädel glänzte im Licht der Neonröhren.
   „Sie meinen, mein Mann hatte einen Hirnschlag?“
  Der Doktor, Oberarzt und Leiter der Abteilung für Herz- und Kreislauferkrankungen, schüttelte bedächtig den mächtigen Kahlkopf. „Nein, gnädige Frau, so würde ich es nicht nennen“, sagte er. „Ein Schlaganfall weist andere und in der Regel schwerwiegendere Symptome auf. Sagen wir mal so: Ihr Mann war kurz davor! Glücklicherweise ist er noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen.“
   „Aber wieso muss er denn ständig niesen und sieht alles doppelt?“
   Der Arzt dachte kurz nach und sagte: „Unser Gehirn will mit Informationen versorgt werde, Tag und Nacht, rund um die Uhr. Wenn es die nicht bekommt, bildet es sich welche ein, zum Beispiel im Traum. Bei Ihrem Mann sieht es höchstwahrscheinlich so aus: Da vom linken Auge wegen der Schädigung des Sehnervs keine oder zu wenige Signale ankommen, füllt sein Gehirn dieses Defizit einfach mit Nervenimpulsen vom rechten Auge auf. Nun gibt es da eine Überkreuzführung der beiden Sehnerven. Und diese Überkreuzführung, dieses Chiasma nervi optici, wie es im Fachjargon heißt, ist letztendlich für die Doppelsichtigkeit verantwortlich. Nun das Niesen... Nervus olfactorius und Nervus opticus, also Riech- und Sehnerv, verlaufen einige Zentimeter nebeneinander her, und zwar eng aneinander geschmiegt wie heimliche Liebhaber, um es mal so auszudrücken.“ Er lachte schelmisch. „Wenn der eine leidet, leidet der andere mit. Manche Menschen müssen niesen, wenn sie in allzu starkes Licht schauen.“
   „Gibt sich das wieder?“
   „Tja, das ist schwer zu sagen...“ Der Doktor strich sich das Kinn. „Ein solcher Fall ist mir noch nicht vorgekommen. Wir werden Ihren Mann einige Zeit zur Beobachtung hier behalten und ordentlich mit Sauerstoff versorgen. Dann werden wir weitersehen. Allerdings, wir sollten die Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen.“ Während er in der Mappe suchend herumblätterte, fragte er: „Sagen Sie, Frau Winderling, was macht Ihr Mann eigentlich beruflich?“
   „Mein Mann ist Steuerfachkraft in leitender Position beim hiesigen Finanzamt.“
   „Steuerfachkraft. Soso. Hmm... Leidet Ihr Mann sehr unter Stress?“
   Frau Winderling schlug sich mit der flachen Hand aufs Knie. „Das können Sie wohl sagen!“, rief sie aufgebracht, „seit die Paradise Papers bekannt sind, ist auf dem Amt der Teufel los. Von Angestellten wie meinem Mann wird verlangt, dass sie quasi Tag und Nacht arbeiten und noch Akten mit nach Hause nehmen. Und mein Mann ist jemand, der es sehr genau nimmt.“ Sie seufzte dumpf. „Und ein Ende diese unsäglichen Theaters ist nicht abzusehen. Erst waren es die Panama Papers, jetzt sind es die Paradise Papers, und sollten die jemals abgearbeitet sein, flattern die nächsten unheiligen 'Papers' ins Haus! Es ist zum Haareausraufen!“ Frau Winderlich rang nach Atem. „Hinzu kommt noch“, keuchte sie, „dass die ganz großen Steuervermeider wie Google oder Amazon doch ungeschoren davonkommen. Mein Mann leidet darunter, dass er einem Bauern die steuerliche Absetzbarkeit einer Motorsäge verweigern muss, weil der damit auch privates Holz sägen könnte, während –“
   Der Doktor stand auf. „Frau Winderling, entschuldigen Sie, ich muss mich leider schon verabschieden. Auch hier ist heute morgen der Teufel los. Aber ich versichere Ihnen, wir werden alles tun, um Ihren Mann wieder arbeitsfähig zu machen.“
   „Sein Zustand ist also nicht hoffnungslos?“
   „Aber, aber!“ flötete er, „ich bitte Sie! Wo denken Sie hin? Nichts ist hoffnungslos, solange man noch Kraft verspürt und das Herz noch schlägt!“ Er stand auf, deutete eine Verbeugung an und verließ den Raum.
   Auch die Frau hatte sich erhoben. Sie trat vor den Spiegel über dem Waschbecken und sah sich an. Das harte Licht der Neonleuchten modellierte jede Falte in ihrem Gesicht gnadenlos deutlich heraus. Bestürzt wandte sie sich ab. „Das darf nicht wahr sein“,  murmelte sie, „ich bin über Nacht alt geworden“.
   Viel schwerer wog allerdings die Erkenntnis, dass es mit ihrer himmlischen Ruhe vorbei war.  
     

                                                                 3

    Acht Tage später.
  Die Niesanfälle waren verschwanden, nur die Doppelsichtigkeit war geblieben. Das war nun keine beruhigende Aussicht. Abgesehen von den Irritationen im Alltag, die solch ein Handikap mit sich bringt, ein Mitarbeiter beim Finanzamt, der alles doppelt sieht? Nicht auszudenken, zu welchen Missverständnissen es dabei kommen könnte!
   Winderling versank erneut in eine Art somnambulen Dämmerzustand. Er befand sich allein im Zimmer, das andere Bett war nicht belegt. Die Sonne schien herein und zauberte Schattengebilde an die Wand. Auf der weiß gestrichenen Fläche erschienen  zwei Hände mit bizarr verkrümmten dünnen Fingern, die ihm im Gleichtakt zuwinkten. Er wusste: Es war der Schattenwurf eines Astes, der sich im Wind bewegte.
   Zwei Krankenschwestern, ganz in Weiß, kamen herein und schüttelten sein Bett auf.
  „Derr Härr Doktorr kommt gleich!“, sagte die eine mit harter Zunge. An ihrem Hals – wie auch an dem der anderen – baumelte ein goldenes Kettchen mit einem winzigen Kreuz. Über die Gleichförmigkeit ihrer Bewegungen hätte der Patient am liebsten laut aufgelacht, wenn der Anlass dazu nicht zu ernst gewesen wäre. Kaum hatten die beiden den Raum verlassen, da erschienen auch schon zwei junge Ärzte mit Kahlköpfen und Brillen auf der Nase, gefolgt von einer Horde weiterer weiß gekleideter Personen beiderlei Geschlechts, von denen sich etliche verteufelt ähnlich sahen, sowie zwei Krankenschwestern mit Tablets in der Händen.
   Die Ärzte richteten ihre großen Brillenblicke auf den Patienten, und einer fragte: „Herr  Winderling, wie fühlen Sie sich?“
   Winderling wusste nicht recht, wer zu ihm sprach und wen er anreden sollte, denn beide hatten gleichzeitig den Mund bewegt. War´s der Doktor, war´s sein Doppel? Also richtete er seine Worte genau auf die Mitte zwischen den beiden Medizinern.
   „Besser, aber keineswegs gut.“
   Die Anwesenden betrachteten den Kranken aufmerksam.
   „Wunder dauern bei uns eben etwas länger, aber sie geschehen“, witzelten die Doktoren und lachten kraftlos. Sie wandten sich ihren Begleitern zu. „Herr Winderling leidet an einer seltenen Doppelsichtigkeit, ausgelöst durch eine cerebrale Embolie im Bereich des linken Nervus opticus“, erklärten sie gewichtig. „Bis vor einigen Tagen kamen noch heftige Niesanfälle hinzu.“ Die Krankenschwestern schrieben eifrig mit. „Wir haben Sauerstoff und eine kalorienreiche Kost verordnet. Trotzdem ist eine wesentliche Besserung bisher noch nicht eingetreten.“ Sie wandten sich wieder dem Patienten zu. „Oder sehe ich das nicht richtig?“
   „Das sehen Sie goldrichtig! Leider!“
   „Wir werden diese Maßnahmen noch bis zum Wochenende fortsetzen. Wenn sich dann noch keine Veränderung zum Guten hin gezeigt hat, müssen wir zu anderen Mitteln greifen.“
   „Und welche wären das?“, fragte der Patient nicht gerade hoffnungsvoll.
   „Ich komme nach der Visite noch einmal vorbei, und wir unterhalten uns.“ Die  Oberärzte nickten Winderling aufmunternd zu und verließen, gefolgt von ihrem Kometenschweif, mit wehenden Kitteln das Zimmer.
  Winderling griff nach dem Wasserglas, um einen Schluck zu trinken. Doch erst beim zweiten Versuch glückte der Zugriff. Er trank und stellte das Glas langsam ab, denn er wusste ja damit rechnen, dass die Tischplatte nicht die echte war und das Glas herunterfiel. Vom Mummenschanz seiner Doppelsichtigkeit genervt streckte er sich aus uns starrte an die knallweiße Decke. Endlich sah er nichts mehr doppelt, denn da war nichts, das verdoppelt werden konnte.

   „Herr Doktor, besteht denn überhaupt noch Aussicht auf Besserung?“, fragte  Winderling verzagt, als der Arzt wieder an seinem Bett stand. „Das geht nun schon acht Tage so, und es wird nicht besser! Diese Doppelsichtigkeit ist ja nicht zum aushalten! Heute Morgen hat Schwester Barbara mich ausgeschimpft, weil ich schon wieder das Wasserglas auf die falsche Tischplatte gestellt hatte. Aber das ist noch das geringste der Übel. Beim Toilettengang hab ich mich zweimal auf die falsche Brille gesetzt. Es ist zermürbend, ständig wie ein Blinder alles abtasten zu müssen. Ich sehe mich schon als dementen Frührentner, der Kaninchen züchtet! Wissen Sie, ich bin kurz davor, zu verzweifeln.“
   Der Doktor klatschte in die Hände. „Herr Winderling!“, rief er munter, „dazu besteht überhaupt kein Grund! Die Kaninchen können Sie getrost vergessen! Schau´n Sie, ich hab´ Ihnen hier etwas mitgebracht.“ Er griff in eine Tasche seines Kittels und brachte ein weißes Kästchen zum Vorschein, eines von der Sorte, in denen man der Geliebten kleine Kostbarkeiten überreicht. Er öffnete das Kästchen und hielt es Winderling hin. Auf dem Boden des Kästchens lag in Watte gepackt ein etwa erbsengroßes Gebilde, aus dem zwei kurze haarfeine Drähte heraushingen.
   „Was Sie da sehen, ist ein elektronischer Impulsverstärker“, erklärte der Doktor mit honigweicher Stimme. „Damit können allzu schwache Nervenimpulse verstärkt und somit wieder wirksam gemacht werden. In Ihrem Falle stelle ich mir die Wirkung folgendermaßen vor: Der Sender generiert winzige Stromstöße im Millivoltbereich, die vom Hörnerv in Nervenimpulse umgewandelt und auf den Sehnerv übertragen werden. Damit wird das Defizit an optischen Informationen ausgeglichen und Sie können wieder normal sehen.“
   Da Winderling schwieg, fuhr der Doktor mit seiner Erklärung fort: „Der Impulsverstärker wird in die weiche Haut im oberen Nackenbereich implantiert – keine große Operation, nach zwei Tagen merken Sie gar nicht mehr, dass Ihnen etwas im Nacken sitzt.“ Er lachte dröhnend.
   „Im oberen Nackenbereich? Warum gerade da?“, wollte der Patient wissen.
   „Weil die Sehfelder in den Hinterhauptlappen des Gehirns liegen. Ich muss allerdings dazu sagen, dass Ihr Handy ständig eingeschaltet sein muss, zumindest tagsüber, und dass Sie eine spezielle App benötigen, welche die Daten des Senders mit einem eigens für solche Fälle entwickeltem Programm vergleicht und gegebenenfalls korrigiert. Die App ist nicht ganz billig, aber Sie wollen doch wieder ein normales Leben führen. Na sehen Sie! Und Sie müssen das Handy immer bei sich haben, denn die Reichweite des Senders ist sehr begrenzt.“ Der Doktor blickte seinen Patienten erwartungsvoll an.
   „Und Sie meinen, das hilft?“
 „Versprechen kann ich natürlich nichts. Schließlich bin ich Arzt und kein Wunderheiler. Aber ich kann Ihnen versichern, dass der Impulsverstärker eine Neuentwicklung aus den USA ist und dort schon mit Erfolg erprobt wurde. In Deutschland steht er kurz vor der Zulassung. Hier dauert eben alles etwas länger. Um ein belastbares Urteil fällen zu können, benötigen wir noch einige abschließende Erkenntnisse.“
   „Ach, und ich soll das Versuchskaninchen spielen!“
   Der Arzt nahm seine Brille ab und putzte sie. Winderling sah vier nackten Augen. Es waren die Augen eines erschöpften Menschen, der an sich und seiner Berufung zweifelt.
   „Versuchskaninchen sagen Sie? Nein, so würde ich es nicht ausdrücken.“ Der Kahlkopf setzte die Brille wieder auf und sah Winderling mit stark vergrößerten Augen an. „Herr Winderling! Seh´n Sie´s doch mal so: Sie gehören zu den wenigen auserwählten Patienten in Deutschland, die den Segnungen dieser neuartigen Technologie teilhaftig werden, um es etwas pathetisch, aber treffend zu formulieren. Nun, Sie müssen sich ja jetzt noch nicht entscheiden. Natürlich will eine solche Maßnahme gut überlegt sein. Aber eine andere Möglichkeit, Ihre Doppelsichtigkeit zu beseitigen, sehe ich im Moment leider nicht. Hier können wir nichts mehr für sie tun. Auf jeden Fall werde ich Sie am Freitag mit dem Vermerk 'gebessert' entlassen und Ihnen eine Kur verschreiben. Am besten sechs Wochen. Wäre Ihnen das Weserbergland recht?“ Der Doktor erhob sich. „Ach, eines noch. Sollten Sie sich für den Impulsverstärker entscheiden, müssen Sie folgendes wissen. Durch die Reizung des Hörnervs kann es möglicherweise zu unangenehmen linksseitigen Ohrgeräuschen kommen. Wenn es zu schlimm wird, stellen Sie ihr Handy einfach aus.“
   „Das heißt, ich komme vom Regen in die Traufe.“
   „Nicht ganz. Nun ja, es gibt eben Situationen im Leben, da kann man nur zwischen Pest und Cholera wählen.“
   Die Tür ging auf, und die Schwester mit dem Kreuz kam herein. „Herr Doktorr, derr Patiänt auf Zimmärr dreihundärtzwäi möchte Sie sprrechen.“
   „Also, Herr Winderling, wenn Sie sich entschieden haben, geben Sie Bescheid. Mein Vorzimmer bereitet inzwischen alles für die Unterschrift vor. Einen Versuch ist es wert, denke ich.“  Er berührte Winderling freundschaftlich am Arm. „Das schaffen wir schon!“, rief er begeistert. Und hinaus war er.
   Winderling hatte sich genau gemerkt, welche Hand ihn berührt hatte. Es war die rechte Hand der rechten Figur gewesen. Also war die der echte Doktor.

                                                                4

   Nun ja, die Kur.
   Aus den verschriebenen sechs Wochen wurde nichts. Nach vierzehn Tagen stand Winderling schon  wieder vor seiner Haustür. Er hatte sich selbst entlassen.
  Die Wochenenden: Der reinste Horror, zumindest für Winderling, der ja nicht ernstlich krank war. Tödliche Langeweile, wie in den meisten medizinischen Einrichtungen zwischen Freitag Mittag und Montag morgen.
  Der Kurbetrieb ruhte dann. Man kann nicht von früh bis spät im Wald spazieren gehen, schon gar nicht, wenn es ununterbrochen von oben schüttet. Dann der Kurort: völlig ohne Reiz. Das reinste Armageddon. Schwamm drüber.
   Auch für die erstaunlich gut sortierte Bibliothek im Gesellschaftsraum der Kurklinik, in dem den ganzen Tag über der Fernseher flimmerte, konnte er sich nicht begeistern. Da Winderling beruflich viel lesen musste, las er in seiner Freizeit kaum. Höchstens mal einen Krimi, in dem es um Finanzkriminalität ging, aber auch nur, um sich über die unwahrscheinlichen Erfolge der Steuerfahnder zu amüsieren. Und jetzt, wo es zuweilen noch vor seinen Augen flimmerte und er schnell Kopfschmerzen bekam, war an ausdauerndes Lesen sowieso nicht zu denken.
   Der Hauptgrund für seine Flucht aus dem Weserbergland jedoch war der: Er konnte wieder klar sehen. Eines morgens wachte er auf, und der Spuk war verschwunden. Zuerst wollte er seinen Augen nicht trauen: Statt zwei Ärzten stand jetzt nur noch einer vor ihm! Auch auf den erfrischenden Anblick von zwei oder sogar vier drallen  Krankenschwestern musste er plötzlich verzichten. Fast war er ein wenig enttäuscht, denn er hatte sich schon eingebildet, er sei ein interessanter Fall und für einen einzigen Arzt und eine einzige Hilfskraft zu bedeutend.
  Doch das Wunder war endlich eingetreten! Der Impulsverstärker, zusammen mit der Ruhe, der frischen Luft und den reichlichen Mahlzeiten, wirkte. Der Tisch war wieder ein zuverlässiger Partner, auf die Klobrille war wieder Verlass, Messer und Gabel waren keine widerlichen Kobolde mehr, die sich beim Zugriff in Luft auflösten. Allerdings waren die Ohrgeräusche manchmal ziemlich stark, und zuweilen fühlte es sich an, als stächen spitze Nadeln in sein Gehirn. Er war gezwungen, das Handy nachts oder während der Mittagsruhe abzustellen. Dann wieder schien es ihm, als raune ihm eine Stimme, die über einem seltsamen Grundrauschen lag, unermüdlich etwas ins Ohr.
   Zu diesen Irritationen kam noch ein anderer Zwischenfall, den er jedoch nicht weiter beachtete und tapfer verdrängte. Bei einer gymnastischen Übung entdeckte der Therapeut die kleine Narbe in seinem Nacken. Der Mann fragte verwundert, was es damit auf sich habe. Winderling berichtete. Der Behandler, ein Herr Sonnleitner aus Pilnitz bei Dresden, schüttelte entsetzt den Kopf. Ob Winderling wirklich wisse, fragte er, worauf er sich da eingelassen habe. Der Patient, dessen Nerven plötzlich bis zum Zerreißen angespannt waren, beendete die Diskussion mit der Bemerkung: „Was hilft, kann nicht falsch sein.“
   Alles in allem war er jedoch hoch zufrieden. Ein lustig Lied pfeifend verließ er die Klinik. Sogar der Rollkoffer schien vor Freude zu hüpfen. Zuhause schickte er dem kahlköpfigen Doktor eine dankbare Mail.
  Sein Leben nahm wieder Fahrt auf, und er verspürte nicht die geringste Neigung, weiterhin auf Kosten der Solidargemeinschaft Urlaub zu machen. Im Büro und zu Hause, dachte er, stapelt sich die Arbeit, und ich lümmele hier faul und nutzlos herum! Kommt überhaupt nicht infrage!
   Außerdem feierte er in zwei Tagen seinen fünfzigsten Geburtstag. Da wollte er doch schon gerne zu Hause sein.

Forts. folgt

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wunderkerze
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jon
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Wohnort: Leipzig


BeitragVerfasst am: 22.08.2019 21:29    Titel: Antworten mit Zitat

Das, was der Arzt beschreibt (ein Thrombus verstopft ein Hirngefäß) ist ein Schlaganfall. Was ein Hirnschlag ist, wird nicht durch die Symptome bestimmt, sondern durch den Vorgang in Gehirn.
https://www.kardionet.de/schlaganfall/?qt-tab_schlaganfall=0&cHash=bb9f2e81a41a267a1456e6773ce8ac29

Linke obere Hirnarterie - hab ich noch nie gelesen/gehört. Wenn du meinst, dass der Thrombus sich quasi oben unterm Schädeldach festgesetzt hat: Wieso wird da der Sehnerv - und zwar nur der Sehnerv - geschädigt, der vorn sitzt, nichtmal Teil (sondern nur "Zulieferer") des Gehirns ist? Bitte sag mir, dass du entweder Arzt bist oder das sauber recherchiert hast und ich als lediglich interessierter Laie so verdammt seltene Fälle nur nicht kennen kann.

"Da vom linken Auge wegen der Schädigung des Sehnervs keine oder zu wenige Signale ankommen, füllt sein Gehirn dieses Defizit einfach mit Nervenimpulsen vom rechten Auge auf. Nun gibt es da eine Überkreuzführung der beiden Sehnerven. Und diese Überkreuzführung, dieses Chiasma nervi optici, wie es im Fachjargon heißt, ist letztendlich für die Doppelsichtigkeit verantwortlich."
Auch das erscheint mir frei fabuliert - die Überkreuzung der Nerven ist sicher nicht Ursache fürs Doppeltsehen. Und nein: Das Gehirn ersetzt fehlenden Signal-Eingang in Auge 1 nicht einfach durch Signale aus Auge 2. Deiner Logik nach müssten alle, die einseitig erblinden, doppelt sehen.

Die Folgen der Doppelsichtigkeit erscheinen mir (z. T. maßlos) übertrieben. Wenn - wie behauptet - diese dadurch ensteht, dass das Hirn das Bild von Auge 1 als Bild von Auge 1 und von Auge 2 interpretiert, sind die Bildverschiebungen in der Ferne und im mittleren Sehbereich nicht so groß, dass er das Wasserglas neben die echte Tischplatte stellt. Abgesehen davon lernt das gesunde Gehirn in der Regel recht schnell die Bilder in einen sinnigen Zusammenhang zu bringen. Das heißt, das räumliche Sehvermögen man beschränkt sein, aber eine Doppelsichtigkeit legt sich. Es sei denn, es liegt eher ein Problem des Gehirn als mit dem Sehnerv vor.
 
"eine kalorienreiche Kost verordnet" Warum?? Die wollen ihn heilen, nicht ihn mästen!

"Der Sender generiert winzige Stromstöße im Millivoltbereich, die vom Hörnerv in Nervenimpulse umgewandelt und auf den Sehnerv übertragen werden. Damit wird das Defizit an optischen Informationen ausgeglichen und Sie können wieder normal sehen.“ " Was? Wenn das Hirn Hörsignale als Sehsignale geliefert bekommt, löst das das Problem der Fehlsichtigkeit???? Das wäre wie "Wir verstärken mal die Herzsignale aus dem EKG und leiten sie in den Oberschenkel, damit Sie wieder laufen können."

" Durch die Reizung des Hörnervs kann es möglicherweise zu unangenehmen linksseitigen Ohrgeräuschen kommen. Wenn es zu schlimm wird, stellen Sie ihr Handy einfach aus.“" ??


Von all dem abgesehen: Die Figuren reagieren mir zu überdreht und damit nicht glaubwürdig. Der Sound ist mir (vor allem am Anfang) zu eintönig und zu "technisch" (also wie man eine Gebrauchsanweisung schreiben würde).


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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt. (Klaus Klages)
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wunderkerze
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BeitragVerfasst am: 23.08.2019 10:47    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Jon,

du hast vollständig Recht. Die ganze Geschichte ist frei fabuliert (Fantasy!), das Medizinische ist Pseudomedizin. Vielleicht solltest du erst mal weiterlesen, bevor du dir ein abschließendes Urteil bildest.

Gruß
Wunderkerze

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wunderkerze
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wunderkerze
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BeitragVerfasst am: 23.08.2019 11:31    Titel: Fortsetzung pdf-Datei Antworten mit Zitat

5

   Die nächsten Wochen verbrachte er in guter Verfassung im Kreise seiner kleinen Familie. Um sein Gehirn vermehrt mit Sauerstoff zu versorgen, kaufte er sich neue Joggingschuhe und nahm seine Waldläufe wieder auf. Und er stieg vom Auto aufs Fahrrad um. Allerdings stellte sich heraus, dass er nachts schwer einschlafen konnte. Durch das Lösen von Zahlenrätseln versuchte er, sich in den nötigen Schlafmodus zu versetzten, doch das genaue Gegenteil trat ein: Da er sich immer vertracktere Rätsel vornahm, war er schon nach kurzer Zeit putzmunter. Er schaltete Handy und Lampe aus, machte sich lang und starrte an die Zimmerdecke, auf der sich doppelt der schräge Lichtschein einer Straßenbeleuchtung abzeichnete.
    Eine seltsame, nie gekannte Unruhe überkam ihn. Er fühlte dumpf, dass er auf einen Abweg geraten war, doch er konnte nicht erkennen, wohin dieser Weg führte. Auch erinnerte er sich nicht, bei welcher Gelegenheit er diesen Weg zum ersten Mal beschritten hatte. Er ahnte nur, dass dieser Weg kein guter Weg war, und dass er in die Irre führte.
   Eine weiße, doppelköpfige Gestalt näherte sich seinem Bett. Es war der Arzt mit dem kahlen Kopf und der starken Brille. Er beugte sich zu ihm herunter und flüsterte ihm etwas zu, das er nicht verstand. Dabei fiel einer der Köpfe ab. Doch blitzschnell war wieder ein neuer Kopf da, der größer und größer wurde. Schon hatte die Brille die Ausmaße eines Kinderfahrrades. Plötzlich löste sich der Kopf vom Rumpf und schwebte wie eine riesige Seifenblase auf ihn zu. Winderling überkam eine furchtbare Angst, dass dieser unförmig wabernde Seifenblasenkopf ihn umhüllen und ersticken könnte. Tatsächlich senkte sich der Kopf herab und rollte ihm auf die Brust. Schwer atmend versuchte er, die Last wegzuschieben, doch vergeblich. Jedesmal, wenn er versuchte, den Kopf zu fassen, griffen seine Hände ins Leere. Im Zimmer war es jetzt gleißend hell. Irgendetwas stieß hart gegen seine Schulter, und er schlug die Augen auf. Die Nachttischlampe schien ihm genau ins Gesicht. Seine Frau stand an seinem Bett und war kurz davor, ihm den nächsten Stoß zu versetzen. „Rüdiger!“ rief sie ungehalten, „was hast du? Ist alles in Ordnung?“

                                                                 6

   Es ging schon stark auf die Festtage zu, da radelte er wieder aufs Amt und klopfte bei Amtsrat Kleinmeier an. Kleinmeier, als er Winderling durch die Tür treten sah, breitete die Arme aus wie der Christus auf dem Altarbild in der Marktkirche und ging milde lächelnd auf ihn zu. „Herr Winderling!“ rief er begeistert in seiner aufgeräumten Art, „wie schön, dass Sie Ihre alte Wirkungsstätte noch nicht vergessen haben!“ Er schüttelte warm die Hand seines Besuchers und nötigte ihn in einen der schwarzen Kunstledersessel. Dann bot er ihm Kaffee an.
   Nach ein paar nichtssagenden Floskeln fragte er: „Herr Winderling, entschuldigen Sie, wenn ich so ungeniert frage... wie lange sind Sie eigentlich noch krank geschrieben? Wie? Vierzehn Tage! Hmm...“ Er schüttelte bedächtig seinen fast kahlen Schädel.
   „Deshalb komme ich ja gerade“, sagte Winderling. „Ich würde mir gerne einen Stapel Steuererklärungen mit nach Hause nehmen. Mittlerweile fällt mir die Decke auf den Kopf.“
   Kleinmeiers eisgraue Augen ruhten mit Wohlwollen auf dem Gesicht seines Angestellten. Er schlug ein Bein über das andere und rieb sich vergnügt die Hände. „Herr Winderling“, sagte er mit tenoralem Timbre, „von Ihnen habe ich auch nichts anderes erwartet. Und wie gerne würde ich sagen: Recht so! Nehmen Sie mit, so viel Sie wollen, soviel Sie tragen können, soviel Ihr Schreibtisch fassen kann, es ist ja genug davon da, hahaha! Allerdings –“, er räusperte sich theatralisch, „Sie wissen doch selbst: Solange Sie krank geschrieben sind, ruht Ihr arbeitsrechtlicher Versicherungsschutz! Ja, ja, wem sage ich das! Sowie Sie mit einer Steuererklärung in der Hand losziehen, sind sie kein netter Besucher mehr, sondern wieder ein eifriger Angestellter! Nicht auszudenken, wenn Ihnen auf dem Nachhauseweg etwas zustoßen sollte! Und wie gerne würde ich Ihren Wunsch erfüllen! Der Schuh drückt mittlerweile von allen Seiten! Nun ja, wem erzähl´ ich das.“ Er blickte bekümmert vor sich hin.
 Nur mit Mühe konnte Winderling ein amüsiertes Grinsen unterdrücken. An dem Mann ist ein erstklassiger Schauspieler verloren gegangen, dachte er.
   „Ach, das wichtigste hätte ich beinahe vergessen!“ fuhr der Amtsrat scheinheilig fort. „Was machen eigentlich Ihre Beschwerden? Sind sie verschwunden?“
   Winderling berichtete.
   „Das ist erfreulich zu hören! Sie glauben ja nicht, wie mir die Gesundheit meiner... ähem... Leute am Herzen liegt. Also, überstürzen Sie nichts, lieber Kollege, einstweilen kommen wir noch ohne Sie klar! Jaja, ich weiß, es klingt brutal, aber es ist so! Es dauert eben etwas länger, bis die Steuerbescheide unseren Kunden ins Haus flattern. Auch kein Beinbruch, aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben! Und ich denke, manch einem unserer Klienten ist´s bestimmt nicht unlieb, hahaha!“ Kleinmeier schwieg erwartungsvoll.
    „Das denke ich auch. Eigentlich bin ich ja nur gekommen, um mal guten Tag zu sagen. Damit ich nicht in Vergessenheit gerate!“
   „Hahaha! Sie und in Vergessenheit geraten, hahaha!“ Kleinmeier lachte etwas zu bereitwillig und mit offenem Mund. „Ihren Humor möchte ich haben! Immer einen flotten Spruch auf der Zunge! Wie sagte doch mein Großvater, der alte Seebär, seinerzeit immer: Ist der Mast auch geknickt, so wird doch lustig weiter... Ähem... Entschuldigen Sie... was wollte ich sagen... ach ja! Machen Sie das, mein Lieber, machen Sie das! Kommen Sie morgen wieder, gehen Sie in Ihr Büro und sagen Sie Ihren Kollegen guten Tag! Der Herr Steinhauer wird sich bestimmt freuen! Und wenn Sie dann wieder gehen, greifen Sie meinetwegen ordentlich zu! Ich habe nichts gesehen, nichts gehört, nichts gerochen, nichts gefühlt, kurz: Ich weiß von nichts! Und wenn Sie, sagen wir nach Weihnachten, wieder vorbeischauen, würde ich mich sehr freuen!“
   
   Die nächsten Tage nahmen ihren gewohnten, fast möchte man sagen gemütlichen Gang. Nach dem Frühstück, so gegen neun, ging Winderling frisch geduscht und dezent parfümiert in sein Arbeitszimmer – dessen steuerliche Absetzbarkeit wieder einmal infrage stand, denn die hiesige Oberfinanzdirektion war der Meinung, einem Angestellten des Finanzamtes müsse sein Büro auf dem Amt reichen. Bis zum Mittagessen um zwölf prüfte er die steuerliche Absetzbarkeit eines hochpreisigen Kelim-Teppichs für das Vorzimmer einer Anwaltskanzlei, oder er beschäftigte sich mit der Frage, ob ein bebildertes Kartenspiel für lernschwache Grundschüler als Druckerzeugnis oder als Lernmittel zu versteuern sei.  
   Er bemerkte aber zu seiner Verwundung, dass seine Akribie beim Aufspüren kleinerer Steuersünden stark nachgelassen hatte; immer öfter ließ er die private Axt, die Biedermeier-Anrichte oder die Schwarzwälder Kuckucksuhr als betriebsbedingte Anschaffungen durchgehen. Die Bündel von Baumarkt- und Handwerkerrechnungen, die als Belege beigegeben waren, legte er meist ungeprüft beiseite und akzeptierte unbesehen die angegebenen Summen.
   Da legte ihm eines Tages seine Frau einen Brief auf den Schreibtisch, der gerade als Einschreiben hereingekommen war. Es war in der letzten vorweihnachtlichen Woche. Verwundert betrachtete er den Absender mit dem Polizeistern. Mit leicht zitternden Händen schnitt er den Brief auf und zog ein Schreiben heraus, dass ihn aufforderte, sich Mittwoch, den zweiundzwanzigsten Dezember – also in zwei Tagen –, um neun Uhr dreißig im Polizeipräsidium Rackerstraße 2, Zimmer 207, zu einem Gespräch einzufinden. Stempel, Unterschrift (unleserlich).  
   Obwohl er als Angestellter des Finanzamts häufig eingeschriebene Post von den Justizbehörden in Stadt und Land bekam – meist ging es um juristisches Tauziehen zwischen Steuerbürgern und seiner Behörde, um Erbschaftsangelegenheiten oder ähnliches – erfasste ihn doch ein leichter Schwindel. Denn diese Post jetzt stammte nicht vom Amtsgericht, sondern von der Kriminalpolizei, und sie landete auch nicht auf seinem Schreibtisch im Amt, sondern bei sich zuhause. Es bestand kein Zweifel, nun ging es nicht mehr um Lieschen Müllers Widerspruch oder um Hauke Hamkens Steuermogelei, sondern um seine höchsteigene Person.
   Ohne es wirklich zu wollen, begann Winderlich unverzüglich mit der Erforschung seines Gewissens. Die Kriminalpolizei hat die Aufgabe, Verbrecher aufzuspüren, dingfest zu machen und dem Gericht gerichtsfeste Beweise für eine Verurteilung  auf den Tisch zu legen. Also, welches Verbrechens bezichtigte man ihn?
   Es ist geradezu wie verhext. Auch der unbescholtene Bürger empfindet sekundenlang einen heiligen Schauer, wenn er Post von der Polizei erhält. Dabei sind es meist nur ganz harmlose Sachen. Eine Frage zu einem polizeilichen Führungszeugnis, die Nachricht vom Selbstmord eines entfernten Verwandten, den man noch nie gesehen hat und jetzt auch nie mehr sehen wird, ein Bußgeldbescheid wegen einer groben Nachlässigkeit im Straßenverkehr, die Aufforderung zur Zeugenaussage im Falle des Kaninchendiebstahls in der Kleingartenkolonie Am Roten Turm. Lappalien, nichts als Lappalien. Und trotzdem... Ist die Weste wirklich weiß? Ganz sicher ist man sich nicht. Zu tief stecken noch im kollektiven Bewusstsein der Abendländer zweitausend Jahre Erbsündenlehre.

                                                                  7    
   
   Pünktlich um halb zehn stand Winderling in Zimmer zweihundertsieben des Polizeipräsidiums, dritter Stock links, Zimmer 207. Im Raum anwesend waren zwei Herren, die sich als Kriminalhauptkommissar Schürholz und Kriminalkommissar Rademacher vorstellten. Der Hauptkommissar bat den Besucher Platz zu nehmen und bot ihm Kaffee an.
   Winderling lehnte ab.
  Der Hauptkommissar sagte: „Herr Winderling, dies ist kein Verhör, sondern ein informelles Gespräch.“ Er sah sein Gegenüber ausforschend an.
   Winderling blickte auf das Tonbandgerät auf dem Tisch. Er war fest entschlossen, sich nicht verunsichern zu lassen, denn er war sich keiner Schuld bewusst. Deshalb sagte er sofort: „Meine Herren, hier muss ein Irrtum vorliegen! Sind Sie wirklich sicher, dass Sie mich und nicht jemand anderen sprechen wollen?“ Mechanisch griff er in die Innentasche seines Anoraks, um seinen Personalausweis vorzuzeigen. Er war fest davon überzeugt, dass sie jemand anderen im Visier hatten.
   „Lassen Sie das!“, bellte der Hauptkommissar, „und merken Sie sich, die Fragen stellen wir!“ Er war ein großer Mann mit einer winzigen Nase, Hamsterbacken und anscheinend von ausgesuchter Grobheit.
  Winderling bäumte sich auf wie ein Pferd, das gerade zugeritten wird, und gab in gleicher Münze zurück. „Herrgottnochmal!“, giftete er, „was soll das Affentheater? Warum bestellen Sie mich hierher? Glauben Sie, ich habe meine Zeit gestohlen? Auf meinem Schreibtisch stapelt sich die Arbeit, und ich vergeude hier meine Zeit mit unsinnigen Gesprächen!“ Nach den letzten Worten lachte er höhnisch.
   „Nun halten Sie mal die Beine still“, sagte der Hauptkommissar etwas weniger aggressiv, „wir tun hier nur, was wir tun müssen.“
   „Also, was wollen Sie?“, fragte Winderling mit zitternder Ungeduld. „Verhören Sie mich, drehen Sie mich durch die Mangel, stellen Sie mich von mir aus auch an die Wand, aber fangen Sie endlich an!“
   „Herr Winderling“, fragte Schürholz ungerührt und mit der Ruhe eines lauernden Löwen, „warum haben Sie den Brief verschickt?“
   „Welchen Brief?“
   Die Beamten wechselten einen kurzen Blick. „Uns liegen Hinweise vor“, sagte Rademacher jetzt, „dass der Brief mit den tödlichen Botulinumkeimen an den Oberbürgermeister vergangenen Donnerstag von Ihnen stammen könnte!“ Er war kleiner als sein Chef und besaß eine große Nase und unwahrscheinlich lange Wimpern.
   Winderling schüttelte verständnislos den Kopf. Er war ziemlich perplex. „Ich weiß von keinem Brief! Außerdem schreibe ich keine Briefe. Ich twittere! Das ist... das ist doch völlig absurd!“, stammelte er. „Und überhaupt, was denn für Hinweise? Da müssen Sie schon deutlicher werden.“ Die stoische Ruhe der Kriminalbeamten brachte ihn völlig aus dem Konzept.
   „Hinweise eben. Anonyme Hinweise. Herr Winderling, Sie verlangen doch nicht, dass wir unsere Informationsquellen benennen.“
   Winderling hatte sich wieder gefasst. „Und auf einen anonymen Hinweis hin laden Sie mich vor? Waren Sie mal bei der Stasi?“
   „Herr Winderling, bleiben Sie sachlich. Also, was ist mit dem Brief? Haben sie ihn abgeschickt? Ja oder nein? Eine klare Antwort würde uns allen viel Zeit ersparen.“
   „Sollte es diesen seltsamen Brief wirklich gegeben haben: Mit dem Brief habe ich nichts zu tun.“ Winderling sah den Hauptkommissar an und sah jetzt, dass er keine Ohrläppchen hatte. „Das soll wohl ein Witz sein!“
   „An Ihrer Stelle würde ich die Angelegenheit nicht auf die leichte Schulter nehmen“, sagte der Kommissar mürrisch und klappte die Augen auf und zu. „Schließlich handelt es sich hier um einen Mordversuch. Und das finden wir nun überhaupt nicht witzig.“
   Winderlings Selbsterhaltungstrieb meldete sich. Außerdem bemerkte er, dass das Aufnahmegerät nicht lief. Also ist es doch kein Verhör, dachte er und wurde mutiger.
   „Aha! Jetzt verstehe ich!“ rief er aufgebracht und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn, „man will mich mundtot machen! Hätt´ ich mir denken können! An dieser Farce ist doch nicht ein Körnchen Substanz!“ Er sah den Kommissar böse an. „In dieser Stadt gibt es eine Steuervermeidungskultur, die bis in die höchsten Ämter reicht. Also daher weht der Wind! Man kennt das: Scharfe Steuerfahnder werden entweder für verrückt erklärt oder in Frührente geschickt. Doch diese Variante hier ist mir neu!“ Er lachte höhnisch. „Nicht mit mir, meine Herren, nicht mit mir! Ich bin kein Hanswurst, den man mit billigen Einschüchterungsversuchen ins Boxhorn jagen kann! Da gibt es für die Damen und Herren Steuerhinterzieher nur eine Möglichkeit, mit halbwegs heiler Haut aus dieser Schweinerei herauszukommen, wenn überhaupt: Selbstanzeige, persönlich abzugeben in Zimmer zweihundertsieben, dritter Stock links! Und rechtzeitig, wenn ich bitten darf!“ Er keuchte. „Da hat anscheinend jemand einen giftigen Brief an den Oberbürgermeister geschrieben. War vielleicht auch mal nötig, so selbstherrlich, wie der in letzter Zeit auftrit –“
   Der Hauptkommissar schnellte vor. „Herr Winderling, mäßigen sich!“, rief er verärgert.
   Winderling war nicht mehr aufzuhalten. Seine Rede glich jetzt einem fahrenden Zug ohne Bremsen auf abschüssigem Gelände.
   „Schon gut. schon gut! Wer wird denn gleich so empfindlich sein! Ich bin´s doch auch nicht! Und warum sollte ich den Oberbürgermeister überhaupt umbringen, he? Na schön, der Mann tut viel für seine Stadt, und im übrigen kenne ich ihn gar nicht! Bei mir hat er sich noch nicht blicken lassen. Also, bitteschön, warum in drei Teufels Namen sollte ich ihm einen giftigen Brief schicken?“ Er lächelte listig. „Warum suchen Sie den Täter nicht im Rathaus? Da geht es doch drunter und drüber, wie man hört und liest. Seit sich der OB gegen das dritte Gleis ausgesprochen hat, gleicht der Laden einem Affenfelsen! Sie sollten sich lieber mal bei der Tiefbaulobby umsehen, als einen unbescholtenen Bürger zu verdächtigen! Ich weiß, dass die Baufirma Steinke & Co. Millionenaufträge für Tiefbauarbeiten in den Auftragsbüchern hat, die sie jetzt in den Wind schreiben kann.“
   Der Hauptkommissar wollte etwas sagen, doch Winderling war noch nicht fertig. So einfach sollten sie ihm nicht davonkommen. „Da ist doch etwas oberfaul! Natürlich, jetzt erinnere ich mich! Die Steuerakte Steinke! Liegt doch auf meinem Schreibtisch!“, log er, „Buchstabe S. Ist noch nicht dran, kommt aber sofort dran. Ich werd´ sie nämlich vorziehen, und ich finde was, da können Sie Gift drauf nehmen, meine Herren. Das können Sie denen da oben schon mal ausrichten!“ Es war ein Schuss ins Blaue, doch besser eine Schuss ins Blaue, der daneben geht, als ein Schuss ins eigene Knie, der trifft.
   Der Steuerfachangestellte war ziemlich aus der Puste geraten und schwieg abrupt. Rademacher nutzte die Gelegenheit, das Wort zu ergreifen. „Herr Winderling“, sagte er mit milder Stimme, „Sie regen sich unnötig auf. Niemand hat behauptet, dass Sie den Brief tatsächlich verschickt haben. Wir haben nur gesagt, dass aufgrund eines... ähem... Hinweises die Möglichkeit besteht, dass er von Ihnen stammen könnte. Ich wiederhole: Könnte! Nicht kann! Und schon gar nicht: Muss!“ Er wechselte einen kurzen Blick mit seinem Kollegen. Der nickte unmerklich.
   „Sie erwähnten eben die Steuerakte Steinke“, sagte der Hauptkommissar. „Erzählen Sie! Was hat es damit auf sich?“
   Winderling, der die unglaubliche Durchtriebenheit dieser Kommissare noch nicht kannte, glaubte sich schon auf der Siegerseite. Er lachte herzhaft. „Herr Schürholz, Sie verlangen doch nicht im Ernst, dass ich hier aus dem Nähkästchen plaudere und Amtsgeheimnisse verrate. Schon mal was von Steuergeheimnis gehört? Sie haben Ihre kleinen Geheimnisse, und ich habe meine!“
   „Natürlich kennen wir das Steuergeheimnis, wir sind doch nicht von gestern“, sagte Schürholz mit gebremster Wut. Plötzlich änderte er den Tonfall und polterte los: „Herr Winderling, hören Sie auf, uns einen Bären aufzubinden! Ich glaube Ihnen kein Wort! Die Steuersachen der Firma Steinke liegen nicht auf Ihrem Schreibtisch, sondern mindestens eine Etage höher, wenn nicht sogar zwei! Ich frage Sie noch einmal: Haben Sie diesen Brief abgeschickt?“
  Winderling seufzte. Sie versuchen, die Schlinge zuzuziehen, dachte er. Irgendwie muss ich erreichen, dass sie locker bleibt und mir nicht den Hals abschnürt. Aber wie?
   „Wie oft muss ich denn noch beteuern, dass ich mit diesem ominösen Brief nichts zu tun habe“, sagte er im Brustton tiefster Aufrichtigkeit. „Ihre Hinweise sind falsch.“ Sein Handy meldete sich.
   „Stellen Sie es bitte aus“, sagte Schürholz. Komischerweise klang er jetzt fast freundlich.
   „Geht nicht“, sagte Winderling prompt. „Wenn ich es ausstelle, sehe ich nach kurzer Zeit alles doppelt. Und zwei Kriminalbeamte reichen mir.“
   „Das Witzemachen wird Ihnen noch vergehen!“ rief Rademacher ärgerlich und mit zuckenden Augenbrauen.
   Der Hauptkommissar indes fuhr ungerührt fort: „Unsere Hinweise sind natürlich nicht aus der Luft gegriffen, wie Sie wahrscheinlich denken. Wir bekommen sie von allerhöchster Stelle. Und ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sich diese Stelle geirrt haben könnte.“ Er blickte verlegen an Winderling vorbei auf einen imaginären Punkt an der Wand. „Tja, das ist nun eine dumme Geschichte! Ich muss gestehen, für einen konkreten Tatverdacht reichen die Hinweise tatsächlich nicht aus. Aber wir arbeiten daran, Tag und Nacht, und, wenn´s sein muss, sogar rund um die Uhr!“ Sein Ton war jetzt wieder aggressiv. „Ich weiß, jetzt lachen Sie sich ins Fäustchen und denken: Ha, da hab´ ich die Bullen aber ganz schön an der Nase herumgeführt!“ Er richtete sich auf, und für einen Moment hegte Winderling die Befürchtung, der Hauptkommissar könne sich auf ihn stürzen. „Einen Scheißdreck haben Sie, Herr!“ rief Schürholz wütend, „ich bin kein Greenhorn! Über kurz oder lang haben wir Sie! Dann sitzen Sie knietief in der Scheiße! Und da löffelt Sie dann keine noch so listige Ausrede mehr raus!“ Es war nicht zu überhören: Der Mann konnte nicht verlieren.  
   Der Kommissar räusperte sich und sagte: „Lass es gut sein, Heinrich.“ Und zu Winderling: „Für´s erste wär´s das. Sie können gehen. Aber ich habe das Gefühl, dass wir uns bald wiedersehen.“
    Winderling stand auf und verließ grußlos den Raum. Zu seiner Verblüffung stellte er fest, dass der Druck in seinem Kopf, der ihn in der letzten halben Stunde gequält hatte, vollständig verschwunden war. Diese Entdeckung gab ihm Rätsel auf. Wie kann das sein?, fragte er sich, ich fühle mich wie aus dem Wasser gezogen, und trotzdem ist mein Kopf klar wie selten in letzter Zeit. Er holte sein Smartphone hervor, um die unterdrückte Nachricht von vorhin entgegenzunehmen. Es war seine Frau, die ihn bat, auf dem Rückweg ein Bündel Suppengrün einzukaufen.

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jon
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BeitragVerfasst am: 23.08.2019 12:06    Titel: Antworten mit Zitat

" Vielleicht solltest du erst mal weiterlesen, bevor du dir ein abschließendes Urteil bildest. "
A: Warum? Wird das dann medizinisch richtig? Im Ernst: Fantasy erlaubt solchen - sorry! -  Quark nur, wenn es keine Menschen sind, also die Biologie dieser Wesen eine andere als unsere ist. Das ist aber nicht erkennbar. Vielleicht wird es auf Seite 103 mitgeteilt - dann muss man sich als Leser also erstmal unter Schmerzen durch 100 Seiten quälen. Die allerallerwenigsten Leser sind dafür bereit.
Tipp: Wenn du dir die Mühe einer zumindest rudimentären Recherche nicht machen willst, kannst du es so schreiben, dass es nicht wörtlich auftaucht. s ist ja auch Winderlings Sicht geschrieben, da kann man etwas wie Der Arzt erklärte irgendwas, Winderling konnte dem Fachchinesisch nicht folgen schreiben.
B: Vielleicht sollte ich auch gar nicht weiterlesen, bei so vielen störenden Elementen. Im Ernst: Wenn der Anfang nicht "greift", darf man doch wohl darauf hinweisen, dass er nicht "greift".


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BeitragVerfasst am: 26.08.2019 09:27    Titel: Fortsetzung pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zunächst hatte er vorgehabt, eine Dienstaufsichtsbeschwerde einzureichen. Die Sache war einfach zu ärgerlich. Doch die Sonne schien, am Himmel zogen lustige Schäfchenwolken dahin, und er beschloss, erst einmal eine Nacht darüber zu schlafen. Außerdem hatte ihn die Erfahrung gelehrt, dass solche Beschwerden häufig auf dem Dienstwege irgendwo steckenbleiben oder sonstwie nichts bewirken, gerade bei so einer eingeschworenen Bruderschaft wie der Kriminalpolizei.
   Am nächsten Morgen um halb neun rief er im Polizeipräsidium an und ließ sich mit dem Vorgesetzten der Beamten Schürholz und Rademacher verbinden.
   Worum es denn ginge, fragte der Kriminalrat mit knorriger Stimme, als er endlich am Apparat war. Winderling berichtete, um einen sachlichen Ton bemüht.
   Zunächst herrschte Schweigen. Dann sagte die Stimme – und Winderling hatte den Eindruck, als antworte ihr Besitzer nur widerwillig –: Da sei wohl ein bedauerlicher Irrtum geschehen, er bäte vielmals um Entschuldigung, aber er, Winderling, sei nicht der erste, dem so etwas zustoße, und somit auch nicht der einzige. Warum sich solche peinlichen Verwechselungen in der letzten Zeit häuften, könne er beim besten Willen nicht sagen. Aber Irren sei nun mal menschlich, sogar bei der Kriminalpolizei.
   Das sei alles schön und gut, erwiderte Winderling mühsam beherrscht, aber Allgemeinplätze nützten ihm jetzt nichts. Wieso man denn überhaupt auf ihn gekommen sei und von wem diese Hinweise stammten, die seine, des Kriminalrats Beamten, erwähnt hätten. Da wolle ihn doch jemand denunzieren. Ob ihm, dem Kriminalrat, überhaupt klar sei, dass solche falschen Verdächtigungen seinem, Winderlings, Ruf schaden könnten, denn schließlich befinde sich das Finanzamt nur knappe fünfzig Meter vom Polizeipräsidium entfernt, und missgünstige Augen und Ohren gäbe es haufenweise – von den seelischen Verwerfungen, die eine solche Denunziation mit sich bringe, ganz abgesehen.
   Wieder war es am anderen Ende der Leitung bis auf ein leises Knacken mucksmäuschenstill, und Winderling fragte: „Sind Sie noch dran?“
  Es gibt verschiedene Arten von Stille. Es gibt die geheimnisvolle Stille, die geschwätzige, die schwermütige Stille, die gedankenschwere, die zugespitzte Stille. Doch auf keine dieser Arten schwieg der Kriminalrat jetzt. Er schwieg auf eine geheimnistuerische, ja verräterische Weise. Winderling hatte sofort den Eindruck: Hier spielt jemand nicht mit offenen Karten.  
   Schließlich sagte der Kriminalrat ziemlich von oben herab: Erstens seien es nicht seine Beamten, und zweitens könne er nur wiederholen, dass es ihm leid tue, und zu den Hinweisen könne er beim besten Willen nichts sagen. Im übrigen sei es jedem Bürger unbenommen, bei amtlichem Fehlverhalten eine schriftliche Beschwerde auf dem Dienstwege...“
   Wütend knallte Winderling den Hörer auf die Basisstation. Er empfand jetzt ganz deutlich den Geruch von faulen Zähnen und schlechtem Atem. „Dieser verlogene Sesselpfurzer!“ knurrte er, „da ist doch etwas oberfaul! Als er meinen Namen hörte, war er einen Moment sprachlos! Und auch, dass ich ihn nach den Hinweisen fragte, hat ihm überhaupt nicht behagt. Er weiß Bescheid, dieser Komiker, aber er darf natürlich nichts sagen. Sie stecken alle unter einer Decke, diese Saubande!“ Er schimpfte noch eine Weile vor sich hin, doch allmählich beruhigte er sich wieder. Verärgert schlug er eine Steuererklärung auf und vertiefte sich.    

                                                              8

   Was Winderling befürchtet hatte, trat schneller als erwartet ein. Als er wieder auf dem Amt erschien, um 'guten Tag zu sagen', behandelte ihn Kleinmeier zwar höflich, aber diese Höflichkeit war ohne Tiefe, sein Händedruck ohne seelische Wärme, sein Blick ohne Anteilnahme. Die albernen Anzüglichkeiten, mit denen er bisher in Winderlings Gegenwart versucht hatte, den Amtsschimmel zum Wiehern zu bringen, verkniff er sich. Winderling hatte sogar das unbedingte Gefühl, dass der Amtsrat froh war, als er sich wieder verabschiedete und ging.
  Und da war noch eine weitere Veränderung, die er sich jedoch nicht erklären konnte. Während er die kleinen Fische wieder von der Angel nahm, begann er jetzt, sich über freche Täuschungsversuche der Großverdiener aufzuregen.
  Es muss nicht extra betont werden, dass ein Mitarbeiter der Finanzbehörde, der einigermaßen gesund seinen Lebensabend erreichen will, gelernt hat, sich über keinen noch so üblen Steuertrick zu ärgern. Wird es zu bunt, geht die Sache  an den Staatsanwalt, der Mohr hat seine Schuldigkeit getan und kann wieder gehen. Auch dass manche Leute viel verdienen und wenig zu versteuern haben, andere wiederum wenig verdienen und mit dem bisschen auch noch voll zur Kasse gebeten werden, ist nicht weiter der Rede wert. So ist die Welt eben. Es gibt Reiche und Arme, Ehrliche und weniger Ehrliche, Weise und Klugschnacker, wie es schon immer war und immer sein wird. Gesetzt den Fall, es gäbe auf der Welt plötzlich nur noch arme Leute, dann wären, wie die Erfahrung in den Favelas Brasiliens zeigt, nach kurzer Zeit viele noch ärmer, und wenige weniger arm, also vergleichsweise reich. Also was soll´s. Und Hand auf´s Herz: Wer, außer ein paar linken Spinnern, ist denn überhaupt daran interessiert, dass sich daran etwas ändert?
   Es kam sogar manchmal vor, dass er sich über die Versuche der kleinen Leute, den Fiskus übers Ohr zu hauen und Geld zu sparen, köstlich amüsierte. Da war zum Beispiel der Hundebesitzer, der seinem zottigen Tier beigebracht hatte, wie ein Schaf zu blöken, um die Hundesteuer zu umgehen. Oder der Lehrer, der abgelaufene Parkscheine sammelte, um sie ein Jahr später am gleichen Datum, am selben Ort und zur gleichen Uhrzeit wiederzuverwenden.
   Doch was er jetzt las, das war überhaupt nicht mehr amüsant.
  Vor ihm lag die umfangreiche Steuererklärung des Besitzers des einzigen und deshalb gutgehenden Bordellbetriebs der Stadt, des 'Amoroso'. Das kondompflichtige 'Etablissement' lag versteckt aber immer wieder gefunden am Rande der Altstadt. Winderling überflog die entsprechenden Seiten und stellte höchst verwundert fest, dass der Betreiber im letzten Kalenderjahr kaum Gewinn gemacht haben wollte. Da er aus den Steuererklärungen der 'Damen', die alle 'freischaffende Künstlerinnen' waren, wusste, wie hoch die Miete war, die er für die winzigen Zimmer verlangte, begann er, sich über diese offensichtliche Frechheit aufzuregen. Den Prostituierten nimmt er eine horrende Miete ab, schwurbelte er dumpf-brütend, und selber zahlen will er nur ein Spottgeld! Wie unanständig! – Er regte sich weiter auf. – Das ist doch eine mordsmäßige Frechheit! Aber ich weiß schon! Da steckt doch wieder das Steuerbüro Dettmer dahinter! – Er blickte auf die letzte Seite. – Natürlich, da steht´s ja schwarz auf weiß! Siegel und Unterschrift: Dettmer und Partner! – Wütend blickte er aus dem Fenster. – Ich werd mit Kleinmeier reden. Wir sollten die Bude wegen Beihilfeverdacht zur Steuerhinterziehung mal gründlich auseinandernehmen!
   Jetzt war auch der Druck auf die Ohren wieder da.
   Ehe er sich in noch wüstere Gedanken hineinsteigern konnte, kam seine Frau und bat ihn zu Tisch.
                                                                  
   Am nächsten Morgen um halb sechs. Winderling saß bei gedämpftem Licht im Bett und rätselte an einem Sudoku der Meisterklasse herum. Er war um vier Uhr aufgewacht, von bösen Vorahnungen gepeinigt, und nicht mehr eingeschlafen. Neben ihm schlief seine Frau mit kuhhaft regelmäßigen Atemzügen, und in seiner Ecke schnarchte der Hund. Der Regen klopfte gegen die Fensterscheiben, von Ferne grollte zahmer Donner. Ein nächtliches Wintergewitter zog heran.
   Plötzlich knurrte der Hund, und unmittelbar darauf klingelte es dreimal kurz hintereinander. Jemand stand unten vor der Haustür. Noch ehe sich Winderling Gedanken über den Grund dieser Ruhestörung machen konnte, klingelte es schon wieder, und eine herbe Männerstimme rief kernig: „Kriminalpolizei! Machen Sie bitte auf!“
   Völlig verdutzt und voll böser Ahnungen sprang Winderling aus dem Bett, fuhr in seine Pantoffeln, warf sich einen Bademantel über und hastete die Treppe herunter, wobei er fast gestolpert wäre. Er war jetzt hellwach. Vor der Tür standen ein Mann und eine Frau, die ihm ihre Dienstausweise vor die Nase hielten und Namen und Dienstgrad nannten. Winderling war zu verblüfft, um überhaupt etwas zu verstehen.
  „Herr  Winderling?“, fragte der Mann, um sogleich fortzufahren: „Sie sind wegen des Verdachts, die Prostituierte Anna-Maria Thekla ermordet zu haben oder an ihrer Ermordung maßgeblich beteiligt gewesen zu sein vorläufig festgenommen!“
   Inzwischen waren die aufs höchste verwunderte Frau und der knurrende Hund auf dem oberen Treppenabsatz erschienen. „Sag ihnen, dass es nicht stimmt!“, rief seine Frau schrill, „sag ihnen, sie sollen verschwinden!“
   „Natürlich stimmt es nicht“, rief er zurück, „die Herrschaften haben sich nur in der Tür geirrt!“
   „Herr Winderling“, sagte jetzt die Kriminalpolizistin. Sie hatte eine spitze Nase und ein spitzes Kinn. Unter ihrer Dienstmütze quollen dichte braune Haare hervor. „Machen Sie bitte keine Schwierigkeiten. Sie wecken nur die Nachbarn auf. Ziehen Sie sich bitte an, wir warten hier.“
    Winderling stieg wie vom Donner gerührt die Treppe hoch. Er war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Oben ergriff ihn seine Frau beim Arm und stammelte: „Rüdiger, mir kannst du es doch sagen –  Du hast doch nicht wirklich –“
   „Unsinn, meine Liebe, beruhige dich! Natürlich nicht! Weder das eine noch das andere! Ich weiß wirklich nicht, was sie schon wieder von mir wollen.“ Er blickte zurück. Unten im Flur standen die beiden Beamten und blickten ihm nach.
   Winderling brach in ein infernalisches Gelächter aus.

Wird fortgesetzt

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BeitragVerfasst am: 31.08.2019 11:04    Titel: Fortsetzung pdf-Datei Antworten mit Zitat

9

   Im Bundesinnenministerium saßen eine Dame und zwei Herren an einem runden Tisch und unterhielten sich. Vor den bodentiefen Fenstern verdeckten cremefarbene Gardinen den Blick nach draußen, von wo ganz leiser Amselgesang hereindrang. Der Raum war in angenehmen Farbtönen gehalten und in mildes Honiglicht getaucht. Die Einrichtung war funktional, aber erlesen.
   Gerade sprach der Innenminister. Er war ein hochgewachsener hagerer Mann in mittleren Jahren, mit bleichem Teint und weißen Haaren. Die stark umrandete Brille verlieh seinem Gesicht entfernt den Ausdruck einer Schneeeule. „Bitte, berichten Sie“, sagte er jetzt mit Blick auf den BKA-Chef. „Wie ich höre, gibt es Probleme mit der Software.“
   Die Haltung des Angeredeten straffte sich. Der BKA-Chef war ein soldatischer Typ mit Pockennarben im groben Gesicht und einem wüsten Haarschopf, der an das Fell eines Drahthaardackels erinnerte. „Ja, leider, aber wir arbeiten daran“, sagte er mit markiger Stimme.
   „Also, worum handelt es sich?“
   „Unsere Detektoren können immer noch nicht zwischen reinen Gedanken und festen Absichten unterscheiden.“
   Der Chef der obersten Sicherheitsbehörde machte nicht gern viele Worte. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass ein falsche Bemerkung zur falschen Zeit einen Beamten in seiner Position den Job kosten konnte. Deshalb schwieg er und wartete auf die nächste Frage.
   „Wie sollen wir das verstehen?“, fragte die dünne Dame, die  ihm schräg gegenüber saß.
   „Eine unserer Versuchspersonen, ein Finanzfachangestellter in einer westdeutschen Kleinstadt wurde unter dem Verdacht, beim Mord einer Prostituierten Beihilfe geleistet zu haben, vorläufig festgenommen und von der örtlichen Kriminalpolizei verhört. Dabei stellte sich heraus, dass der Mann offensichtlich unschuldig war, denn zum Zeitpunkt des Mordes weilte er zur Kur im Weserbergland.“ Der BKA-Chef saß wieder bequemer, aber er vermied nach wie vor sorgfältig den Kontakt mit der Rückenlehne seines Stuhls.
   „Wie konnte denn das passieren?“, fragte der Innenminister mit rauer Stimme.
 „Unsere Detektoren hatten folgendes Gedankengut bei ihm entschlüsselt: Unanständig, Prostituierte, Mord, Beihilfe. Wir gingen davon aus, dass er ein Psychopath ist, der Prostituierte aus moralischen Grundsätzen umbringt. Zudem wohnte er in der Nähe des Bordells, in dem die Tat geschah. Wir haben ihn bereits abgeschaltet.“
   „Sie sagten wohnte? Wieso wohnte?“, wollte die Dame wissen.
  „Ja, leider. Inzwischen lebt er in einer psychiatrischen Einrichtung und schreibt von morgens bis Abends Briefe, auf die er riesige Absender pinselt.“
   „Wie das?“
   Der BKA-Chef druckste stark. „Hmm... Nun ja... Das mit dem Mordverdacht war nicht der erste Fehlgriff, den wir uns mit dieser VP geleistet haben. Einige Wochen zuvor war er wegen eines Briefes mit Botulinumkeimen, der dem Oberbürgermeister seines Wohnortes ohne Absender zugeschickt worden war, vorgeladen. Gottseidank konnte der Sicherheitsdienst des Rathauses den Brief rechtzeitig erkennen und unschädlich machen, sonst wäre noch Gottweißwas passiert.“
   „Und der Mann war natürlich unschuldig“, stellte die Dame fest.
   „Leider ja... nein natürlich nicht... äh... ich meine... ja, er war´s, er war unschuldig“, stotterte der Bka-Chef. „Das Briefpapier stammte aus dem Rathaus.“
   Die Dame dachte: Du bist mir der Richtige! Ständig den Namen Gottes im Mund, aber verlogen bis in die Zehenspitzen.
   „Und auf welches Gedankengut stützte sich nun wieder dieser Verdacht?“, fragte der Minister nicht ohne Ironie.
   „Unsere Gedankenanalyse ergab die Worte 'Brief' und 'tödliches Gift'.“
   „Aber dann war er doch zumindest stark verdächtig, und das Verhör geschah zu Recht!“ rief der Minister sichtlich erleichtert. „Wieso ist das denn ein Fehlgriff gewesen?“
   „Es verhielt sich so: Bei dem 'tödlichen Gift' handelte es sich um ein Rasierwasser für den selbstbewussten Herrn, das im Internet angeboten wird.“
    Die Dame lachte schrill und höhnisch. „Das ist ja ungeheuerlich, was Sie da erzählen!“, rief sie entrüstet, nachdem ihr Gelächter verklungen war. Sie war die Bundesbeauftragte für den Datenschutz und versah ihr Amt mit heißer Hingabe. „Verstehe ich das richtig? Da sitzt jemand nichtsahnend vor dem Fernseher, sieht eine Sendung über die Verschwendung von Nahrungsmitteln, denkt: Wir sollten alle mal den Gürtel enger schnallen, und vierzehn Tage später sagt er zu seiner Frau: Was der Innenminister da gerade vorhat, birgt doch erheblichen sozialen Sprengstoff, oder er denkt es einfach, und zwei Stunden später erstürmt ein GSG-Trupp sein sauberes Wohnzimmer? Das ist doch in keinster Weise grundgesetzkonform!“
  Den Innenminister lachte trocken. Die oberste Datenschützerin blickte ihn böse an. Mit ihrem spitzen Gesicht und den streng nach hinten gekämmten Haaren erinnerte sie ihn an ein Frettchen. „Außerdem war es so nicht vereinbart“, fuhr sie heftig atmend fort, „es sollten nur Daten zu Versuchszwecken gesammelt, aber nicht ausgewertet werden. Und von Festnahmen war überhaupt nicht die Rede!“
   „Bei der gegenwärtigen Bedrohungslage, meine Liebe, bleibt uns keine andere Wahl“, erwiderte der Minister gönnerhaft. „Wieder einmal mehr heiligt der Zweck die Mittel.“ Der Minister gehörte zu den Menschen, die sogar noch beim erkennbaren Lügen glaubhaft wirken.
   „Die Kollegen in den USA berichten von ähnlichen Schwierigkeiten“, sagte der BKA-Chef, ohne die Bemerkungen der  Bundesbeauftragten zu beachten. Er wusste, seit ihre Partei mitregierte, war sie trotz aller rhetorischer Kraftmeierei gefügig wie ein Osterlamm. Und die nächsten Wahlen waren noch weit. „Seit einiger Zeit bemüht man sich drüben fieberhaft, eine Software mit größerer Trennschärfe zu entwickeln.“
   „Das hilft uns aber jetzt nicht weiter“, murmelte der Minister resigniert. Er nahm seine Brille ab und putzte sie umständlich. Ohne die Brille sah sein Gesicht immer etwas müde und bekümmert aus. Seine Vorfahren waren vor Jahrhunderten aus Frankreich vertrieben worden und hatten in Deutschland Asyl gesucht und gefunden. Und jetzt hatte ihn ein gefühlloses Schicksal dazu ausersehen, Menschen, die aus ihren Heimatländern vertrieben wurden und in Deutschland Asyl suchten, wieder nachhause zu schicken. So etwas kann einem schon den Charakter verderben.
   „Ein Skandal wäre das Letzte, was ich jetzt gebrauchen könnte!“, stöhnte der Minister. „Wer außer uns dreien weiß noch davon?“
   „Niemand“, sagte der BKA-Chef schnell.
   „Auch die Kanzlerin nicht?“, fragte die Bundesbeauftragte spitz.
   „Nein.“
   „Meine Herren, so geht das nicht!“ Im Gesicht der obersten Datenhüterin spiegelten sich Enttäuschung und Verdruss. „Ich wiederhole: Ich habe zähneknirschend zugestimmt, dass Gedanken gesammelt, aber nicht, dass sie ausgewertet werden.“ Sie sah den Minister herausfordernd an. „Was versprechen Sie sich eigentlich von diesem... Projekt?“
   Dem Minister dachte: Du alte Schepfe! Diese Frage war ihm sichtlich unangenehm, obwohl er natürlich damit gerechnet hatte, dass die Bundesbeauftragte für den Datenschutz sie irgendwann einmal stellen würde. Schließlich wurde sie dafür bezahlt, dass sie Fragen stellte, die ihm das Leben schwer machten.
   Er strich sich nervös ein Paarmal mit der Zunge über die trockenen Lippen und antwortete zögerlich: „Hm... Nun ja... Sehen Sie... Also gut. Sollten sich die Versuche als positiv erweisen, ist daran gedacht, eine bestimmte Personengruppe zu verpflichten, sich den Sensor einpflanzen zu lassen. Ich denke da zunächst an junge Asylbewerber zwischen sechzehn und sechsunddreißig Jahren aus bestimmten Krisengebieten. Wie gesagt, es geht hierbei nur um die Verhinderung schwerer Straftaten. Unsere Detektoren reagieren nur auf bestimmte, verdächtige Gedanken, oder auf solche, die Anlass zur Sorge geben, alles andere interessiert uns nicht.“
   „Und dann? Sie sagten eben 'zunächst'?“
   Der Minister biss sich auf die Lippen. Verdammt, dachte er, kannst du nicht einmal deine Zunge im Zaum halten? Jetzt wird sie nicht eher Ruhe geben, bis sie alles aus mir herausgequetscht hat.
   Folglich trat er die Flucht nach vorne an. „Als Zieloption strebe ich an, allen männlichen Personen innerhalb der Grenzen der Bundesrepublik Deutschland den Sensor mit dem Beginn der Grundschulreife implantieren zu lassen. Sozusagen als Schutzimpfung gegen das Virus der Kriminalität.“ Der Minister verstummte, grau im Gesicht.  
   Noch bevor die Bundesbeauftragte den Mund zu einer wahrscheinlich gepfefferten Widerrede öffnen konnte, griff der BKA-Chef ein. „Herr Minister! Liebe Frau Bundesbeauftragte!“ rief er ziemlich ungestüm, „das sind doch alles noch ungelegte Eier!“ Am liebsten hätte er den Minister geohrfeigt. „Jetzt geht es doch erst einmal darum, das System so zu perfektionieren, dass es nicht mehr zu Ermittlungspannen kommt! Und davon sind wir anscheinend noch meilenweit entfernt!“ Er kochte innerlich. Dieser Minister ist einfach nicht länger tragbar!, dachte er. Na ja, vielleicht bin ich ihn ja bald los, die Kanzlerin hat ihm schon mehrmals ihr Vertrauen ausgesprochen, ein sicheres Zeichen, dass sie bereits an seinem Stuhl sägt.
   „Wie viele so genannte VP´s sind eigentlich eingeschaltet, wie Sie es ausdrücken“, fragte die Bundesbeauftragte den BKA-Chef mit einem Hauch von Ironie. Dabei blickte sie nicht ihn an, sondern seinen Krawattenknoten. Seine überbordende Männlichkeit brachte sie immer etwas aus der Fassung.
   „Fünfundzwanzig“, antwortete er bereitwillig, froh, dass sie das Thema gewechselt hatte.
   „Wissen die Ärzte, was sie da tun?“
   „Nein.“
   „Hat es denn außer bei diesem... äh... diesem Steuerfachangestellten noch weitere Ermittlungspannen gegeben?“
   „Leider ja. Bei einer Razzia in einem Asylantenheim bei Bremen wurden drei Syrer festgenommen, die in einem Zimmer untergebracht waren. Einer von ihnen war eine unserer Versuchspersonen, die sich einen Sensor im Zusammenhang mit einem Hörsturz hatte einsetzen lassen. Wir hatten Hinweise, dass ein Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt angedacht war. Leider – oder, wenn Sie so wollen, glücklicherweise – erwies sich der Hinweis als peinlicher Übersetzungsfehler, weil diese Männer arabisch dachten, und wir mussten sie wieder laufen lassen.“
   „Peinlicher Übersetzungsfehler? Wieso peinlich?“ Die Bundesbeauftragte blickte den BKA-Chef fragend an.
   Der Angeblickte schluckte. Dabei hüpfte sein Kehlkopf auf und ab wie ein betrunkener Kobold. „Der arabische Ausdruck eid almilad bedeutet Weihnachten, aber auch Geburtstag.“
   „Mit etwas mehr Grips im Kopf hätte man darauf kommen können“, raunzte der Minister ungehalten.
   „Aber Ihrer Pubicity hat dieser Reinfall nicht geschadet, Herr Minister“, meinte die Bundesbeauftragte schnippisch. „Die Meldung von den Festnahmen stand auf der ersten Seite mit dicker Headline, das Laufenlassen hingegen unter Vermischtes!“
   „Ein Schelm, der Böses dabei denkt!“, sagte der Minister keck.
   „Jetzt muss ich Sie doch einmal fragen, wie funktioniert das Ganze eigentlich?“, insistierte die Hüterin des Datenschutzes. „Nach allem was ich höre, scheint Ihr System ja ziemlich störanfällig zu sein.“
   „Nun ja, wie bei jedem neuen Schuh drückt es noch hie und da“, witzelte der BKA-Chef halbherzig und mit einem Anflug von Galgenhumor, „aber das kriegen wir zusammen mit unseren amerikanischen Kollegen schon noch in den Griff. Die Russen arbeiten übrigens auch an einem ähnlichen Projekt. Aber nach unseren Informationen sind sie noch weiter zurück als wir.“
   In den Minister kam Bewegung. Ihm war aufgefallen, dass er schon eine ganze Weile nichts Bedeutendes mehr gesagt hatte. „Ich bin zwar kein IT-Experte“, begann er deshalb unvorsichtigerweise, „aber soweit ich weiß, werden die elektronischen Wolken, die sich beim Denken bilden und ausbreiten, von diesen Sensoren aufgefangen und... und... äh...“
   „Darf ich?“, fragte der BKA-Chef höflich, aber bestimmt. Schließlich betraf die Frage sein Ressort. „Denken und Emotionen sind keineswegs unstoffliche Vorgänge, wie man meinen möchte“, dozierte er. „Bei jedem Denkvorgang werden elektronische Ladungsträger verschoben, und dazu wird sogar Energie benötigt. Deshalb macht ja starke seelische Erregung hungrig. Dabei entstehen elektromagnetische Felder, die von den  Sensoren gemessen werden. Die Sensoren übermitteln die entsprechenden Signale auf das Handy der Person, und von da geht es über Satellit weiter zu unserer Abhörzentrale nach Raisting in Oberbayern. Unser Ziel ist es, jeder dieser elektronischen Wolken, wie sie der Herr Minister nicht unpassend nennt, ein Bedeutungsprofil zuzuordnen, um bestimmte Schlüsselgedanken herausfiltern zu können. Ich muss gestehen: Von diesem Ziel sind wir noch weit entfernt. Aber es gibt bereits einen ersten Erfolg.“ Der BKA-Chef machte eine Kunstpause, doch weder der Minister noch die Bundesbeauftragte schienen an dem Erfolg sonderlich interessiert.
   Deshalb fuhr er weniger vollmundig fort: „Einer dieser Versuchspersonen, ein sechsunddreißigjährige Marokkaner mit italienischem Pass, konnte aufgrund der Gedankenanalyse eindeutig als Gefährder eingestuft werden. Er saß bereits in Italien wegen Drogenhandels und illegalen Waffenbesitzes im Gefängnis.“
   „Der Berg kreißte und gebar eine Maus“, bemerkte die Bundesbeauftragte nicht ganz ohne Grund. „Warum haben Sie nicht bei Europol nachgefragt? Das wäre weniger problematisch gewesen!“
   Der Minister lächelte schief. „Meine liebe Frau Bundesbeauftragte, auch Rom wurde nicht an einem Tag erbaut. Und glauben Sie etwa mir gefällt das? Aber in Zeiten des internationalen Terrors muss man zu außergewöhnlichen Mitteln greifen. Zu Mitteln, die den Terroristen unbekannt sind. Noch!“ Er seufzte. „Aber ich befürchte, dass wir den Vorsprung nicht lange halten können. Diese Leute sind auch nicht auf den Kopf gefallen.“
   „Nein!“ Die Bundesbeauftragte beugte sich vor, und es sah fast aus, als wolle sie den Minister in die Nase beißen. „Nein und nochmals nein! Ich werde nicht zulassen, dass Sie das Projekt auf Biegen und Brechen am Bundestag vorbei durchziehen! Das wäre ja noch schöner! Noch heute werde ich die Bundeskanzlerin –“
   „Meine Liebe, in welcher Welt leben Sie eigentlich?“, unterbrach sie der Minister müde. „Sowie das Projekt öffentlich wird, ist es unwirksam. Außerdem –“
   Die Tür ging auf, und ein Beamter des Bundeskriminalamtes übergab seinem Chef ein versiegeltes Couvert mit der Aufschrift 'Streng geheim', also der höchsten Geheimhaltungsstufe. Der BKA-Chef öffnete den Brief und nahm ein Schreiben heraus, dass er kurz überflog und dem Minister weiterreichte. Der warf einen Blick hinein und wurde auf einmal kreidebleich. „Das hat uns gerade noch gefehlt“, stammelte er und sah den BKA-Chef hilflos an.

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BeitragVerfasst am: 01.09.2019 11:10    Titel: Antworten mit Zitat

Bis jetzt habe ich noch nichts gelesen, was die Einsortierung als Fantasy rechtfertigt.

Ansonsten: Hübsche Idee, die mehr Respekt (also Sorgfalt beim Schreiben) verlangt hätte.
Geht es noch weiter?


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BeitragVerfasst am: 02.09.2019 19:58    Titel: Antwort pdf-Datei Antworten mit Zitat

Was gibt es Fantastischeres als einen Detektor, mit dem geheime Gedanken aufgespürt werden können und einen Innenminister, der zum Zwecke der Gefahrenabwehr die Gedanken der Bürger auf elektonischem Wege ausforschen will! Nun gut, es wäre nicht die erste Vision, die Realität wird, aber noch ist es Fantasie.

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BeitragVerfasst am: 02.09.2019 20:23    Titel: Antworten mit Zitat

Es geht um das Genre Fantasy - nicht um Fantasie oder phantastische Dinge.

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BeitragVerfasst am: 02.09.2019 20:34    Titel: Fortsetzung pdf-Datei Antworten mit Zitat

10

   Sie war sechzehn, da bekam sie Schwierigkeiten mit ihrer Figur. Besonders um die Hüften ging sie auf wie Brandteig im Backofen. Noch zwei Jahre, dann hatte ihr Körper die Form einer Birne. In dem bodentiefen Schneiderspiegel, der im Schlafzimmer ihrer Mutter stand, sah sie sich mit Widerwillen und Verachtung an.
   Ihren Freundinnen sagte sie, wenn es keinen Kuchen gab: „Ich brauch´ nur ein Stück Kuchen ansehen, und schon hab´ ich wieder zugenommen!“
   Gab es jedoch Kuchen, ließ sie sich nicht lange bitten.
   Sie lebte mit ihrer ständig hustenden Mutter, die eine Zigarette nach der anderen rauchte, und einem lebensmüden Dackel in einem der Hochhäuser am Rande der Stadt. In der zweieinhalb Zimmer-Wohnung im fünfzehnten Stock wurde es im Sommer drückend heiß und im Winter nie richtig warm. Im Treppenhaus roch es nach Urin und Fäkalien, und unten auf dem Hof brannten ab und zu die Papiercontainer. Doch da die Miete gering war und die Aussicht herrlich, harrten sie aus.
   Obwohl sie nicht dumm war und leicht lernte, war sie froh, als endlich das Gymnasium hinter ihr lag. Jahrelang hatte sie mit ansehen müssen, wie viele ihrer Klassenkameradinnen zu attraktiven jungen Damen heranwuchsen, während sie immer pummeliger wurde. Da war es auch kein Trost, dass sie die Jahrgangsbeste in Latein war. Allerdings behielt sie ihr hübsches Gesicht; die übervollen Wangen glänzten gesund wie Augustäpfel, und ihr kleiner Schmollmund wölbte sich in dreister Ungezwungenheit. Nur ihre grauen Augen schienen von einem dunklen, unsichtbaren Schleier verhangen.
   An einem mutigen Diskothekenabend begriff sie, dass der Zug für sie mit einundzwanzig bereits abgefahren war. Keiner kümmerte sich um sie, die jungen Männer sahen geflissentlich an ihr vorbei oder über sie hinweg. Ihre Miene nahm einen krampfhaft verzerrt-fröhlichen Ausdruck an. In wütender Verzweiflung warf sie sich einem nicht mehr ganz jungen Kerl an den Hals, der einsam an der Bar hockte, ab und zu sauer aufstieß und stark nach Alkohol roch. Doch nach ein paar nichtssagenden Floskeln stieg er vom Hocker und verschwand im Gewühl.
   Verzweifelt rannte sie nach Hause, warf sich auf ihr Bett und heulte sich aus. Von nebenan hörte sie den krachenden Raucherhusten ihrer Mutter.
   Da sie keinerlei berufliche Neigung verspürte, verbrachte sie die nächsten Wochen und Monate in dumpf brütendem Müßiggang. Sie stand spät auf, duschte lange, machte sich notdürftig zurecht und führte den Dackel aus. Nach dem Mittagessen setzte sie sich im verrauchten Wohnzimmer in den Schaukelstuhl und verschaukelte die Zeit mit mürrischer Miene bis zum Tee. Danach nahm sie sich eine lateinische Grammatik vor und lernte unregelmäßige Verben auswendig. Obwohl ihr Körper schlaff und träge war, so war ihr Geist doch hellwach und sehnte sich nach Nahrung. Abends, nach der Tagesschau, sah sie mit ihrer Mutter den ersten Krimi und hörte ihren Hustenorgien zu. Dann ging sie mit dem Hund Gassi und anschließend wieder ins Bett.
   Eines morgens beim Frühstück – sie war jetzt zweiundzwanzig – wurde es der Mutter zu bunt. Sie hieb mit der Faust auf den Tisch, sodass es eine kleines Erdbeben gab, und rief: „Carmen, so geht es mit dir nicht weiter! Warum unternimmst du nichts? Wenn du weiter hier wie eine faule Kartoffel rumhängst, werf´ ich dich raus!“
   Die junge Frau blickte verwirrt auf. Einen solchen Ton hatte sie von ihrer Mutter nicht erwartet. Sie hatte ihre Mutter bisher als apathische Dulderin empfunden. Jetzt sah sie, dass sie auch anders konnte und dass es ihr ernst war.    
   „Was soll ich denn unternehmen, Mama, so wie ich aussehe“, erwiderte sie kleinlaut. „Schau mich doch an! Mit meiner Figur nimmt mich doch eh keiner.“
   „Quatsch!“, fauchte die Mutter, und die Unmutsfalten auf ihrer zerfurchten Stirn vertieften sich. „Was red´st du da für´n Unsinn! Es laufen genug Frauen mit deiner Figur herum, und es werden immer mehr! Warum es immer mehr werden, weiß ich nicht, und es interessiert mich auch nicht. Aber eines weiß ich: Die wenigsten davon hängen wie du zuhause herum und verbrauchen nutzlos kostbaren Sauerstoff! Also, überleg´ dir was!“
   „Ich hab´ doch nichts gelernt.“
   „Dann lernst du eben was! Du bist doch nicht dumm!“
   „Ich weiß nicht...“
    „Ich weiß nicht, ich weiß nicht!“, schnauzte die Mutter. „Schluss jetzt, Ende der Debatte! Morgen früh um neun bewegst du deinen Hintern, marschierst zur ARGE und meldest dich arbeitssuchend!“ Sie beugte sich vor und legte begütigend ihre Hand auf den Arm ihrer Tochter. „Mensch Mädel, Carmen! Was ist denn los mit dir? Dir fehlt es nicht an Figur, sondern an Selbstbewusstsein! Mit deinem Gesicht und deiner Intelligenz steht dir die halbe Welt offen!“ Mit zittrigen Fingern zündete sie sich die zehnte Zigarette an. „Dann nimmst du eben einen Job, wo man dich nur oben sieht!“ Sie stieß den Rauch mit schiefem Mund zur Seite aus. „Also, morgen früh um achte werf´ ich dich aus den Federn.“
   Die Mutter behielt recht. Schon nach erstaunlich kurzer Zeit trat Carmen bei einer kieferorthopädischen Gemeinschaftspraxis eine Stelle als Bürokraft an. Sie war dort für die Terminvergabe zuständig, eine Aufgabe, die sie voll in Anspruch nahm, denn die Praxis besaß einen guten Ruf. Carmen erschien morgens um halb neun, nahm ihren Platz hinter der langen Empfangstheke ein und blieb dort – abgesehen von einigen notwendigen Unterbrechungen – bis zum Dienstschluss auf ihrem Stuhl sitzen. Ihre untere Hälfte blieb dem Publikum verborgen; die Patienten sahen nur ihr freundliches Gesicht, das jetzt wieder glatt und rund war und wie der Vollmond strahlte. Und siehe da: Man lächelte zurück.
   Sogar einer der Arzthelfer, ein junger Mann, der selbst ziemlich breit geraten war (und mit entsetzlichen O-Beinen geschlagen, die allerdings der Arztkittel verdeckte), lächelte ihr zu und versäumte nicht, wenn es sich eben machen ließ, ihr ein heiteres Scherzwort zuzuwerfen. Doch sie nahm das Angebot nicht an, obwohl sich ihre Seele nach männlicher Anerkennung und ihr Körper nach männlicher Zuneigung sehnte. Zu tief saß die Furcht, letztendlich doch wieder abgewiesen zu werden.
   Eines morgens im März, zu Frühlingsanfang, das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite, fasste sie einen heroischen Entschluss: Abhungern. Sie würde sich die überflüssigen Pfunde gnadenlos abhungern. Es war kein leicht gefasster Entschluss mit nur geringer Haltbarkeit, wie etwa ein launiger Silvestervorsatz oder die hirnrissige Idee, mehr zu arbeiten, weniger zu rauchen, öfter spazieren zu gehen und dergleichen mehr. Nein. Dieser Entschluss war in vielen schlaflosen Nächten gereift, und sie wusste, was da auf sie zukam. Natürlich war ihr klar, dass auch eine Hungerdiät langfristig nichts ändern würde. Sie kannte einige junge Frauen, bei denen auch die schärfste Fastenkur langfristig nichts genutzt hatte. Aber sie sah die heiteren braunen Rehaugen des jungen Arzthelfers vor sich, und da setzte ihr Verstand aus. Also stürzte sie sich unbesonnen in das gefährliche Abenteuer, obwohl die Mutter entschieden zur Mäßigung mahnte und ihr riet, einen Arzt aufzusuchen und sich beraten zu lassen. Doch so schnell war ein Termin beim Doktor nicht zu haben, und Carmen wusste: Ein einmal gefasster Vorsatz, der nicht sofort in die Tat umgesetzt wird, verliert langsam aber sicher an Überzeugungskraft.
   Etwa acht Wochen später stand sie wie gewöhnlich um halb acht auf. Auf dem Weg zum Badezimmer wurde ihr schwindlig, sie stürzte und schlug mit dem Hinterkopf hart gegen einen Heizkörper. Als sie im Krankenhaus wieder aufwachte, war einiges nicht mehr so wie vorher.  Sie hörte zwar die Stimme der Krankenschwester, die sie anscheinend etwas fragte, aber sie verstand die Bedeutung der Worte nicht.
   Der hinzugezogene Arzt schüttelte den Kopf. „So etwas ist mir in meiner gesamten Praxis noch nicht vorgekommen! Anscheinend ist sie seelenblind“, murmelte er.
   „Seelenblind?“, fragte die Krankenschwester.
   Der Doktor erklärte: „Als Seelenblindheit bezeichnet man eine seltene Form der geistigen Umnachtung. Sie tritt bei Menschen auf – vornehmlich bei Kindern und Jugendlichen aus Kriegsgebieten – die etwas Furchtbares mit ansehen oder erleben mussten. Es ist eine Art Selbstschutz des Gehirns, eine übersteigerte Gereiztheit des Nerven infolge eines emotionalen Schocks. Das Nervensystem weigert sich, weitere Außenreize wahrzunehmen und zu verarbeiten, weil es keine Tragödien mehr verkraften kann. Manche Menschen werden wirklich blind, andere, wie unsere junge Dame hier, werden seelenblind.“

   Die Mutter stand fassungslos am Bett ihrer Tochter. Carmen sah sie mit großen Augen an und schüttelte immer wieder den Kopf. Sie verstand ihre gut gemeinten Worte nicht. Die Mutter rief, nachdem ihr der Arzt, der daneben stand, den Sachverhalt erklärt hatte: „Aber sie hat doch nichts Schreckliches erlebt!“
   Der Doktor sagte: „Sie nicht, aber ihr Gehirn. Ihre Tochter war gerade dabei, es verhungern zu lassen. Da hat es einfach den Dienst quittiert. Es schaltete auf Notbetrieb und erfüllte nur noch die Funktionen, die unbedingt zum Überleben notwendig sind. Daher der Ohnmachtsanfall. Es wollte Ihrer Tochter mitteilen: Wenn du mich nicht ausreichend fütterst, verweigere ich dir die Gefolgschaft.“
   Die Mutter brauste auf. „Ich hab´ ihr immer wieder gesagt: Carmen, du übertreibst es! Denk an deine Nichte Karla! Die ist schließlich in der Psychiatrie gelandet! Aber nein, das Küken wollte unbedingt schlauer als die Henne sein. Und jetzt haben wir den Salat!“
   „Das ist leider wahr“, sagte der Arzt.
  „Gibt sich das wieder?“
   „Tja, diese Frage ist nicht leicht zu beantworten.“ Der Doktor klappte resigniert mit den Armen wie ein Pinguin, der feststellt, dass er nicht fliegen kann. „Manchmal ja, manchmal nein. Mir ist ein Fall bekannt, wo ein zwölfjähriger Junge, der mit ansehen musste, wie seine Eltern ermordet wurden, nach fünf Jahren wieder sehen konnte. Aber was die Seelenblindheit betrifft, da müsste ich spekulieren. Es sind zu wenig gesicherte Fälle bekannt, um eine Prognose stellen zu können. Und laut Fachliteratur lagen bei diesen Patienten auch keine organischen Schäden vor, wie bei Ihrer Tochter, sondern seelische Traumata. Ich befürchte sogar, dass bei ihr einige Hirnbereiche schon irreversibel zerstört sind. Und im Gehirn wächst ja bekanntlich kaum etwas nach. Tut mir Leid, aber schönreden nützt nichts.“
   Die Mutter sah die fragenden Augen ihrer Tochter und wandte sich erschüttert ab.
   „Frau Schneider“, sagte der Arzt mitfühlend, „ich kann wirklich sagen: Der Fall ihrer Tochter ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Wir sind heute in der Lage, auch schwere Defizite des zentralen Nervensystems mit elektronischen Hilfsmitteln auszugleichen. Auf dem Gebiet der IHE (er sagte ai-äitsch-äi), der intelligenten Gesundheitselektronik, sind in den letzten Jahren gewaltige Fortschritte erzielt worden. Wir verfügen jetzt über Möglichkeiten, die vor zehn, ach was sag´ ich, die vor fünf Jahren noch undenkbar waren. Ich schlage vor, wir gehen in mein Sprechzimmer, und ich erkläre es Ihnen genauer.“

                                                                11

   Nachdem die Hungerkur beendet war, zeigten sich auch bald die ersten verräterischen Fettpolster wieder. Eine gnadenlose Natur hat es so eingerichtet, dass das Zarte und Verletzliche zuerst stirbt. Und Nervenzellen sind eben zart und verletzlich, während Fettzellen eine erstaunliche Robustheit besitzen. Durch Hungern wird Frau sie nicht los. Sie magern zwar ab, aber sie sterben nicht. Die gefräßigen kleinen Ungeheuer kommen Tage, Wochen, Monate mit einem Minimum an Nahrung aus, wie die Spinnen in der Wohnzimmerecke. Und wenn es dann wieder etwas zu fressen gibt, schlagen sie um so kräftiger zu.
   Schneller als befürchtet kehrten die schrecklichen Rundungen zurück und stürzten Carmen in eine tiefe Depression. Ihre Oberschenkel, die nach der Hungerkur schlaff herumhingen wie leere Schläuche, füllten sich. Nur an der Oberweite haperte es nach wie vor. Mancher der verfetteten Kerle, die sich im Warmbad tummelten, hatte mehr Brust als sie. Aus Verzweiflung ließ Carmen das Fasten sein und begann regelrecht zu fressen. Riesige, turmhoch mit Sahne gefüllte Windbeutel, gewaltige Tortenstücke, Baumkuchen, von denen der Schokoladenüberzug wie Borke herunterhing, dazu jeweils mehrere große Cappuccinos mit Sahnehäubchen und Schokoschnipseln und dergleichen Verführungen mehr: All das ersetzte jetzt die kargen Müsli-Mahlzeiten und versüßten ihr den traurigen Alltag. Die Mutter sah den neuen Essgewohnheiten ihrer Tochter teils amüsiert teils bekümmert zu; an einen dauerhaften Erfolg ihrer Hungerkur hatte sie sowieso nie geglaubt.
   Und so kam es, dass nach einem halben Jahr oder so die verhasste Birnenform wieder erreicht war.
   An einem dieser Warmbadetage stieg Carmen aus dem Bewegungsbecken. Die einzige halbwegs sportliche Tätigkeit, der sie sich widerwillig unterzog, war die vom Arzt verordnete Bewegungstherapie (Gassi gehen entfiel neuerdings, der Dackel musste wegen mehrerer Gleitwirbel eingeschläfert werden). Sie schälte sich aus dem Badeanzug und stellte sich nackt vor einen der großen Spiegel im Gang bei den Umkleidekabinen. Ihr war es egal, was die anderen Badegäste dachten. Sie drehte und wendete sich und betrachtete diese unförmigen Fettmassen mit einer Art masochistischer Wollust. Mit  gesteigertem Drang zur Qual trat sie näher an den Spiegel heran und sah jetzt, dass ihre ehemals glatte Haut an vielen Stelle Cellulitisstreifen aufwies. Ein unendlicher Ekel erfasste sie. In diesem Moment hasste diesen Körper mit der ganzen Inbrunst einer alternden, betrogenen Ehefrau. In diesem Moment hätte sie sich am liebsten in die Luft gesprengt. Jetzt hörte sie auch wieder dieses eigenartige leise Flüstern in ihrem rechten Ohr, das sie immer vernahm, wenn sie aufgeregt war.

   Doch bekanntlich wird ja nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Auch heißer Hass kühlt allmählich ab. Zudem ist der Selbsthass der Hass mit dem kürzesten Haltbarkeitsdatum. Entweder man bringt sich um, oder man versucht, sich wieder zu lieben. Zwar liebte sich Carmen nicht, aber sie brachte sich auch nicht um. Noch war ihr Überlebenswille stärker als ihr Hass.
   Es gab sogar Tage, da schien es, als könne sie sich mit ihrem Schicksal abfinden. Bei einem Eisbecher mit heißen Kirschen verlebte sie unter der milden Herbstsonne manche Minute fast unbeschwerter Lebensfreude.
  Der Höhepunkt dieser Euphorie war erreicht, als ein smarter Mann an ihr Interesse bekundete – mit dem Arzthelfer war es, seit sie nicht mehr in der Gemeinschaftspraxis arbeitete, vorbei. Der Neue war ein Asylsuchender mit Aufenthaltsstatus, dem sie auf der Arbeitsagentur zufällig und in Gedanken versunken in die Arme gelaufen war. Dieser untersetzte und nicht mehr ganz junge Galan mit den schwarzen Haaren und den traurigen Augen stammte aus dem nördlichen Afrika, genauer gesagt aus einer Gegend jenseits des Hohen Atlas, wie er erzählte, in der sich seit Abrahams Zeiten noch nicht viel geändert hat. Dort war es bis vor noch nicht allzu langer Zeit üblich, junge Mädchen in Käfige aus Weidengeflecht zu sperren und solange mit Ziegenkäse und Ziegenmilch zu füttern, bis sie kugelrund waren. Dann erzielten diese bedauernswerten Geschöpfe auf den lokalen Heiratsmärkten Höchstpreise. Carmen passte also in idealer Weise in sein tradiertes Frauenbild und somit in sein Jagdschema.
   Bei ihrem ersten Treffen gab er sein Alter mit siebenundzwanzig an, aber Carmen glaubte ihm nicht. Zu sehr hatten seine Augen bereits den Glanz der Jugend verloren. Aber sie hatte es sich inzwischen abgewöhnt, Männern Fragen zu stellen. Wozu auch? Hätte er ihr verraten, dass er in der Heimat bereits zwei dicke Frauen und sechs spindeldürre Kinder besaß? Hätte er ihr gestanden, dass er nur auf ein flüchtiges Abenteuer aus war? Hätte er ihr gesagt, dass sie nicht die erste war, bei der er es versuchte? Wohl kaum. Er war charmant, roch gut und hatte Gefallen an ihr gefunden. Was wollte sie mehr?

   Am neunundzwanzigsten Dezember, gegen sechzehn Uhr, saß Carmen Schneider im Cafe´ 69 und wartete auf ihre neue Bekanntschaft. Vor ihr auf dem Tisch prangte der übliche Cappuccino mit Sahnehäubchen und Schokoschnipseln. Die Neonsalmler im neongrün schimmernden Aquarium standen fast bewegungslos, es schien, als seien sie vor Langeweile erstarrt. Was in diesem Raum nicht grün war, war schwarz: Die klobigen Möbel, die gemauerten Wände, die ölig glänzenden Haare des jungen Mannes hinter der schwarz schimmernden Theke, die Servietten. Einzige Abwechselung: Die bunten Wasserpfeifen, denn es war ein türkisches Cafe´.
  Sie hatten sich vorgenommen, bei einer kleinen gemütlichen Wasserpfeife den Silvesterabend zu planen. Bei ihrem letzten Date hatte er ihr den Vorschlag gemacht, einmal versuchsweise gemeinsam Wasserpfeife zu rauchen. Obwohl ihr das Rauchen fremd war, hatte sie freudig eingewilligt. Sie hätte auch einem nasskalten Grillabend hoch unter dem Glockenspiel des Rathausturms freudig zugestimmt. Wichtig war, dass ihr überhaupt jemand einen Vorschlag machte. Und eine neue Erfahrung kann nie schaden.
  Draußen schneite es. Die Schneeflocken sanken ohne Eile hernieder. Bald war der Boden wie mit Zuckerwatte bedeckt. Da es im Lokal gerade ruhig war – es lag abgeschirmt vom Straßenverkehr auf einem Hinterhof und war nur durch einen Torweg zu erreichen (ein so genannter Geheimtipp) – konnte sie ungestört ihren Gedanken nachgehen. Sie sah ihre Mutter, roch ihren verrauchten Atem, hörte ihre Worte: „Ist es was Ernstes?“
  Aber da war noch eine andere Stimme in ihrem Ohr. Es raunte und flüsterte ununterbrochen. Der unheimliche Flüsterer war wieder am Werk. Das ging nun schon vierzehn Tage so, mal mehr, mal weniger. Besonders vor dem Einschlafen war die Stimme ziemlich lästig. Dann stellte sie ihr Handy aus, und dann war das Flüstern weg.
  Inzwischen hatte sie auch gelernt, ihre Seelenblindheit gewinnbringend einzusetzen. Wenn ihr das geistlose Gerede ihrer Mutter oder anderer Leute auf die Nerven ging, stellte sie unbemerkt ihr Handy aus. Es war dann wie bei einer Radiosendung mit verrauschtem Ton oder wie vermutlich ein Hund die Menschen reden hört. Er hört Laute, aber er versteht den Sinn nicht und muss sich nicht über das blöde Gequatsche ärgern.
  Mehrmals vermeinte sie jetzt, deutlich das Wort Schießpulver zu vernehmen, aber wenn sie genauer hinhörte, zerfloss die Wahrnehmung zu einem gestaltlosen Rauschen. Es war ja auch kein wirkliches Flüstern, sondern mehr ein eingebildetes Raunen, aber wie viele Einbildungen um so wirksamer. Sie hielt sich die Nase zu und blies die Backen auf, um einen Druckausgleich in ihrem rechten Mittelohr herbeizuführen. Aber das Flüstern blieb.
   Mittlerweile war es zwanzig nach vier. Sie beschloss, noch zehn Minuten zu warten, und dann zu gehen. Sie wusste: Wieder einmal war ein schöner Traum ausgeträumt.
   Der junge Mann hinter der Bar fragte: „Möchtest du noch etwas trinken?“ Dabei warf er ihr einen betörenden Blick zu, einen Blick, der sich nur im Haschischrauch  entwickelt haben konnte. Nein, sie wollte nicht. Wozu auch? Sie wollte zahlen. Sie wartete auch die zehn Minuten nicht mehr ab.

Forts. folgt

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BeitragVerfasst am: 07.09.2019 12:20    Titel: Fortsetzung pdf-Datei Antworten mit Zitat

12

   Der BKA-Chef hatte sofort Weisung auf allerstrengste Geheimhaltung erteilt. Für die Dauer einiger Herzschläge hatte er sogar überlegt, ob es überhaupt opportun sei, den Innenminister zu informieren. Aber schließlich war der Innenminister sein Chef, und die kleinste Nachlässigkeit bei dieser sensiblen Angelegenheit konnte sie beide den Kopf kosten.
   „Die Meldung gestern war leider keine Fakenew“, sagte er, als sie wieder am runden Tisch saßen. Sein Gesicht war käsebleich. Der Raum war jetzt nicht mehr in Honiglicht, sondern in das brutale Licht von Neonröhren getaucht. „Die Informationen stimmten. Sie kamen direkt vom FBI.“
   Die Bundesbeauftragte für den Datenschutz saß nicht mehr mit am Tisch.
   „Das FBI ist doch sonst nicht sehr zuverlässig“, sagte der Minister. In seinen Augen glomm ein Fünkchen Zuversicht. „Den Anschlag in Denver hat doch nicht der Geheimdienst, sondern eine aufmerksame Verkäuferin im Supermarkt verhindert. Also, besteht nicht doch noch Hoffnung auf eine Falschmeldung? Wo sie doch von drüben kommt?“ Man sah ihm an, dass er selbst nicht an seine Worte glaubte.
   „Ich befürchte nein.“
   Die Zweifel des Ministers am größten Geheimdienst der Welt ärgerten den obersten Kriminalisten der Republik etwas. Er dachte ungehalten: Von meinem Haus hält er wahrscheinlich noch weniger. Deshalb fuhr er griesgrämig fort: „Die Informationen werden vom Bundesnachrichtendienst bestätigt. Misstrauen Sie dem auch?“
   Der Minister schwieg bedrückt. Schließlich fragte er: „Wer, meinen Sie, steckt dahinter?“
   „Schwer zu sagen. Ich nehme an, irgendeine terroristische Splittergruppe.“
  „Können die denn sowas?“
   Der BKA-Chef lachte trocken. „Die können noch ganz was anderes!“
   „Aber wieso haben Ihre Leute denn nichts bemerkt? Wieso musste Sie erst das FBI darauf aufmerksam machen? Ist das nicht ziemlich peinlich?“
   Der BKA-Chef zog ein kariertes Taschentuch hervor und trocknete sich die Stirn.
   „Soweit ich mittlerweile weiß, haben die Hacker nur die Algorithmen für die Gedankenanalyse kopiert und mit einem Trojaner versehen wieder zurückgeschickt. Unsere Computer arbeiten anscheinend wie gewohnt, aber die Hinweise, die sie liefern, sind falsch. Jetzt verstehe ich auch, warum wir uns in letzter Zeit so häufig geirrt haben.“
   „Schöne Scheiße!“, sagte der Minister.
   „Das können Sie zweimal sagen!“, bestätgte der BKA-Chef.  
   „Damit ist das Projekt gestorben.“
   „Ich fürchte, eher das Gegenteil ist der Fall.“
   „Wie meinen Sie das?“ Der oberste Sicherheitswächter der Republik blickte den obersten Kriminalisten der Republik ungnädig an. „Mann, lassen Sie sich doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!“
   Der BKA-Chef verzog keine Miene. „Die Hacker sind wahrscheinlich gerade munter dabei, die Algorithmen für die Gedankenanalyse zu entschlüsseln. Im nächsten Schritt werden sie das System auf den Kopf stellen.“
   „Das heißt?“
   „Das heißt, sie werden Gedanken nicht nur erkennen, sondern auch erzeugen können. Und im nächsten Schritt dann Vorsätze. Und schließlich Taten. Mir graust jetzt schon vor dem, was da möglicherweise auf und zukommt.“
   Der Minister dachte eine Weile nach. „Ah, ich verstehe! Sie meinen, diese ausländische Macht oder wer auch immer wird versuchen, die VP´s mit Hilfe dieses... dieses... wie heißt das Ding nochmal?“ Der BKA-Chef sagte es ihm. „Mit Hilfe dieses Implantats zu schweren Straftaten zu verleiten.“ Der Minister kratzte sich am Kinn. „Da haben Sie ja was schönes angerichtet, mein Lieber. Dann hat also bald jede Versuchsperson eine Art Whistleblower hinterm Ohr, einen Wisperer, der ihnen immer 'Sprengstoffgürtel umschnallen!, Sprengstoffgürtel umschnallen!' ins Ohr flüstert.“
   „So nicht.“ Der BKA-Chef winkte ab. „Es ist ja kein wirkliches Wispern, denn diese Geräte erzeugen keinen Schalldruck. Aber weil die Impulse über den Hörnerv weitergeleitet werden, kann schon der Eindruck entstehen, als säße ein kleiner Mann im Ohr, der ständig Worte vor sich hinbrabbelt. Außerdem erlaube ich mir die Bemerkung, Herr Minister, dass Sie das Projekt höchstpersönlich befürwortet haben.“
   Der Minister blickte den BKA-Chef scharf an. „Besitzen Sie was Schriftliches? Na also... Schon gut, schon gut... Ich helf´ Ihnen da raus, wenn ich kann... Sagen Sie, Herr Müller, glauben Sie wirklich an die Übertragung von Gedanken? Ich meine, technisch gesehen.“
   „Sicherlich! Sonst hätte ich mich ja für das Projekt nicht stark gemacht! Es ist so: Die elektronische Datenübertragung ist keine Einbahnstraße. Jeder Empfänger ist auch gleichzeitig ein Sender, und umgekehrt. Sie können die Elektronik so verändern, dass die angeblichen Impulsverstärker nicht mehr empfangen, sondern via Handy als Sender arbeiten.“
   „Nein, das meine ich nicht. Ich meine, kann man Gedanken und Absichten auf elektromagnetischem Wege übertragen, und zwar so, dass sie der Empfänger für seine eigenen hält und aktiv wird?“
    „Aber warum sollte es denn nicht gehen! Die Natur macht´s uns doch vor! Unser ganzes Wirken und Wollen basiert doch im Grunde nur auf dem geordneten Wechselspiel elektrischer Kraftfelder im Gehirn!“ Müller sah seinen Brotherren begeistert an. „Am S-Bahnhof Friedrichstraße steht eine große Werbetafel mit einer leckeren Bratwurst und einer Tüte goldgelber Pommes frites mit Majonäse. Es ist mir mehr als einmal passiert, dass ich mich auf dem Nachhausewege mit Heißhunger auf den erstbesten Wurstmaxen gestürzt und eine Bratwurst mit Fritten verschlungen habe. Der Anblick des Bildes hat in meinem Gehirn Kraftfelder erzeugt, die mich zu dieser Handlung veranlasst haben. Die Werbebranche hat diese Zusammenhänge schon lange erkannt und nutzt sie schamlos aus.“
"Gut, gut, aber da ist keine feindliche Macht im Hintergrund, die Sie auf elektronischen Wege zu der Tat des Wurstverzehrs verleitet hat", wandte der Minister müde lächelnd ein.
   "Es nur noch eine Frage der Zeit, dann wird auch das möglich sein, und zwar über Mobilfunk-Sender."
   „Sie meinen, wenn die Hacker die Algorithmen analysiert haben, werden sie auch bald in der Lage sein, via UPS bestimmte elektromagnetische Kraftfelder zu senden, die verbrecherisches Tun auslösen.“
   „Ich rechne stündlich damit. Erlauben Sie mir diesbezüglich eine Bemerkung, Herr Minister. Unter dem Gesichtspunkt der terroristischen Bedrohung halte ich einen weiteren Netzausbau für kontraproduktiv. Jedes Funkloch könnte sich als eine Sicherheitsoase erweisen."
   "Na, nun überteiben Sie mal nicht gleich." Der Minister dachte nach. "Gut, ich werde mit der Kanzlerin sprechen. Vielleicht lässt sich ein weiterer Netztausbau in gewissn... prekären Teilen unseres Landes noch hinauszögern. Zumindest, bis wir die Lage besser beurteilen können."
   Der Blick des BKA-Chefs verfiel, er schüttelte fassungslos den Kopf. „Wir waren gerade dabei zu erkennen, wie die Kraftfelder beschaffen sind, die ein verbrecherisches Tun auslösen, um den Terror zu bekämpfen und die Sicherheit der Bevölkerung zu erhöhen. Da kommen uns jetzt diese Schweinehunde in die Quere.“
  „Hm...“ Der Minister fuhr sich durch sein Silberhaar. „Sind die Versuchspersonen wenigstens abgeschaltet?“
   Zum ersten Mal, seit er in diesem Raum saß – und er hatte schon häufig hier gesessen, denn die Kette alarmierender Nachrichten riss nicht ab – zum ersten Mal in diesem Raum verlor der BKA-Chef seine militärische Haltung. Er ließ sich zurück in den Stuhl fallen und lehnte sich an.
   „Wir kommen an ihre Daten nicht mehr heran. Sie sind verschwunden. Die Identität der Versuchspersonen ist natürlich für die verdammten  Hacker hochinteressant.“
   „Und in Papierform existiert natürlich nichts.“
   „Natürlich nicht. Sie haben es doch selbst angeordnet.“
   „Schon gut, regen Sie sich nicht auf. Hamm... Da sitzen wir ja ganz schön in der Bredrouille...“
   „Herr Minister, wenn Sie wollen, nehme ich meinen Hut.“
   Der Minister schüttelte energisch den Kopf. „Das lassen Sie mal ganz schön sein, mein Lieber! Sie haben uns die Suppe eingebrockt, jetzt können Sie sie auch wieder auslöffeln.“
   „Wie Sie wünschen!“
  „Sagen Sie mal, Herr Müller, was ich mich schon die ganze Zeit frage... Diese Sensoren wurden den Ärzten doch als Gesundheitselektronik untergejubelt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Dinger irgendwie geholfen haben. Irgendwann wäre der Schwindel doch sowieso aufgeflogen. Oder irre ich mich da?“
   „Mit Verlaub, Herr Minister, Sie irren sich! Jeder seriöse Arzt verspricht doch keine Heilung, sondern höchstens Besserung, wenn er überhaupt etwas verspricht. Wenn sich nichts bessert, geht man halt zur nächsten Therapie über. Und sollte wider Erwarten doch eine Besserung oder sogar eine Genesung eingetreten sein – wie schön! Dann schiebt man es eben auf die Gesundheitselektronik, obwohl es nur ein Placeboeffekt oder die Selbstheilungskraft der Natur war. Und schon ist für gute Reklame gesorgt.“
   „Da haben sie auch wieder Recht... Ach, noch eins. Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass sich tatsächlich eine dieser Versuchspersonen auf diesem Wege zu einer schweren sicherheitsgefährdenden Straftat verleiten lässt? Wenn ich richtig sehe, waren diese Leute bisher doch noch nie polizeilich in Erscheinung getreten.“
  „Wenn ich ehrlich bin, schätze ich die Gefahr, dass von unseren Versuchspersonen jemand zum Sprengstoffgürtel greift oder einen Lastwagen in die Menge fährt, eher gering ein, aber ganz ausschließen möchte ich es auch nicht. Und jedes Attentat ist eines zu viel. Und: Diese Person müsste schon die latente Neigung zur Schwerkriminalität besitzen oder sich in einer ausweglosen Situation befinden. Anders ausgedrückt: Ohne Hunger lässt sich niemand zu einem Bratwurstkauf überreden. Das trifft auf die Wenigsten zu. Die meisten Menschen sind ja im Grunde friedliche Leute, solange es nicht an ihren Geldbeutel geht. Gut, es laufen immer mehr durchgeknallte Typen herum. Aber die gehen nicht zum Arzt und lassen sich einen Gesundheitschip einsetzen. Also rechne ich damit, dass keine der Versuchspersonen kriminell ist. Und bekannte Gefährder sind  nicht darunter, darauf haben wir natürlich Acht gegeben.“
   „Finde ich etwas zu blauäugig, mein Lieber. Die Schwerverbrecher heutzutage sind gesundheitsbewusst und wirken keineswegs durchgeknallt.“
   „Herr Minister, wem sagen Sie das. Aber wenn es Sie beruhigt: Bis gestern morgen um sieben haben sich bereits sechs unserer Versuchspersonen den Impulsverstärker wegen Wirkungslosigkeit wieder herausnehmen lassen. Einer sitzt in der Psychiatrie, ein weiterer ist bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. Eine Frau liegt mit Lungenentzündung im heimischen Bett. Mittlerweile ist der prekäre Personenkreis also sehr überschaubar. Und...“ Der BKA-Chef trank gedankenverloren einen Schluck Wasser, bevor er weitersprach, „ohne die Impulsverstärker können die Terroristen doch sowieso nichts ausrichten! Die Herausgenommenen werden gerade wieder eingesammelt, und die übrigen zweihundert Stück, die für den Versuch vorgesehen waren, lagern gut bewacht im Keller des BKA.“
   „Was ist mit denen, die noch implantiert sind?“
   „Hm... Tja, das wird in der Tat nicht so einfach sein... Wir können nicht holterdipolter eine Rückrufaktion starten wie bei diesen Dieselautos mit Schummelsoftware. Das würde zu sehr auffallen und möglicherweise die Presse auf den Plan bringen, und dann hänge ich lieber tot überm Zaun. Aber wir arbeiten daran. Und wie ich schon sagte, das Risiko, dass etwas passiert, ist äußerst gering.“
   „Na schön... Haben Sie schon einen Plan, wenn doch etwas passieren sollte?“
   „Ja. Wir werden verbreiten, dass sich der Islamische Staat zu der Tat bekannt hat, und schon sind wir aus dem Schneider.“
   
                                                                  13

   Als Carmen aus dem Torweg auf die belebte Straße trat, wirkte sie wie jemand, der müde einen toten Fisch an einer Schnur hinter sich her zieht. Der Gedanke, jetzt nach Hause zu gehen und die Fragen ihrer Mutter anzuhören, war ihr unerträglich. Der Schnee fiel nun in dichten Flocken, und gerade ging die Weihnachtsbeleuchtung an.
   Eine abgrundtiefe Traurigkeit überfiel sie und drückte ihr das Herz zusammen. Die leuchtenden Girlanden, die bunten Sterne, die strahlenden Kerzen kamen ihr wie geisterhafte und sinnlose Lichtsignale aus einer anderen, trostlosen Welt vor. Obwohl die Geschäftsstraße sehr belebt war – die nachweihnachtliche Umtauschorgie war in vollem Gange – fühlte sie sich einsam und verlassen. Eine Weile noch irrte sie Ziellos in den Straßen und Plätzen der alten Stadt herum, dann trat sie den Heimweg an.
   Und da war wieder die Stimme im Ohr, deren Geflüster und Wispern sich mit den Geräuschen der Straße vermischte. Es klang wie das leise Plätschern eines Gebirgsbaches, wenn der Wind sanft durchs Gebüsch streicht, oder wie das Radnabengequitsche des Zeisigs auf der Telefonleitung. Zwei junge Männer kamen ihr entgegen, überschlank, mit vor Kälte geröteten Gesichtern und lustigen Augen. Sie lachten laut, wahrscheinlich über einen Witz, den einer der beiden gerade gerissen hatte. Ihre roten Münder dampften.
  War es da ein Wunder, dass Carmen dieses Lachen auf sich bezog, in dieser furchtbaren Verfassung, in der sie sich gegenwärtig befand? Sie fühlte sich ausgelacht, verächtlich gemacht, unsäglich erniedrigt. Jetzt zitterte sie nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Wut. Es war eine Wut, die sich gegen alles richtete, das ihr lieb und teuer war, aber am meisten gegen sich selbst. Die monströsesten Gedanken gingen ihr im Kopf herum.
   Vor einem der hell erleuchteten Schaufenster eines Discounters blieb sie wie angewurzelt stehen. Von einer unwiderstehlich starken Kraft angezogen, betrachtete sie mit fliegendem Atem den Reklameaushang, der dort angebracht war. Er zeigte eine betörende Vielzahl von Silvesterböllern und -raketen in allen Größen und Preislagen. Die Stimme in ihrem Ohr tobte wie noch nie. Mechanisch griff sie in die Innentasche ihres Anoraks und überzeugte sich, dass sie ihre Bankkarte dabei hatte. Dann betrat sie das Geschäft.

Forts. folgt

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BeitragVerfasst am: 11.09.2019 17:36    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Landeszeitung für die Altmark und Drawehn, 5. Juni 20..

                                       Doch kein islamistischer Hintergrund?
   In der Silvesternacht das vergangenen Jahres versuchte eine junge Frau (27), sich auf dem Marktplatz in die Luft zu sprengen. Dabei erlitt sie lebensgefährliche Verbrennungen, zwei Passanten wurden leicht verletzt (wir berichteten). Die Kriminalpolizei ging zunächst von einem islamischen Hintergrund der Tat aus, und der Generalbundesanwalt wurde eingeschaltet. Im Laufe der Ermittlungen stellte sich jedoch heraus, dass es höchstwahrscheinlich ein Selbstmordversuch aus persönlichen Motiven war. Da der Vorfall von erheblichem öffentlichem Interesse ist, haben wir den Leiter der Ermittlungsgruppe, die mit diesem Fall befasst ist, Herrn Kriminalhauptkommissar (KHK) Heinrich Schürholz, gebeten, den Stand der Ermittlungen für unsere Leser kurz zu skizzieren. Hier nun sein Bericht, den  wir ungekürzt abdrucken:
   „Am 29. 12. das vergangenen Jahres, zwischen 18 und 20 Uhr, kaufte   Frau Carmen S. bei mehreren Discountern größere Mengen Silvesterraketen und andere Feuerwerkartikel ein. Da sie stets mit EC-Karte bezahlte, konnten wir ihr die Einkäufe eindeutig zuordnen. Die Menge reichte aus, um einen selbst genähten Schlauch aus Leinen mit etwa 1,5 Kilogramm Schießpulver zu befüllen. Kurz vor Mitternacht band sie sich den Schlauch um die Hüften, ging auf den Marktplatz und zündete das Schießpulver mittels einer abgeschnittenen Raketenlunte.
   Offensichtlich hatte die junge Frau wohl die Kraft des Schießpulvers erheblich überschätzt, die erhoffte Sprengwirkung blieb aus. Das heute in Feuerwerkskörpern verwendete Schießpulver verbrennt nämlich nur langsam, es entwickelt eine treibende, keine sprengende Kraft. Eine gewisse, allerdings vergleichsweise eher harmlose Sprengwirkung wird erreicht, wenn man es in festen Papphülsen zündet, in einem lockeren Leinenstrumpf hingegen verbrennt es ziemlich schnell unter starker Hitzeentwicklung. Aus diesem Grund kam es bei dem Selbstmordversuch auch nicht zu weiteren schweren Personenschäden.
   Die Verwendung von Schießpulver anstatt von Plastiksprengstoff oder Dynamit sowie die dilettantische Ausführung der Tat ließen bei mir sofort Zweifel an einem islamistischen Hintergrund aufkommen, und ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen.
   Bei der gerichtsmedizinischen Untersuchung der Schwerverletzten wurde ein erbsengroßes Gebilde entdeckt, das in die weiche Haut hinter ihrem rechten Ohrläppchen implantiert worden war. Der Gerichtsarzt Prof. Dr. Schmitthüsen erkannte das Gebilde als ein so genanntes IHE-Gerät, das neuerdings bei zentralnervösen Ausfällen eingesetzt wird. Zur Wirksamkeit konnte oder wollte er keine Aussage machen.
  Ich erinnerte mich, bei einem Steuerfachangestellten (51), den er vor etwa einem Jahr wegen des Verdachts auf Beihilfe zum Mord verhört hatte, und der wenig später in die Psychiatrie eingeliefert worden war, eine ähnliche Beule gesehen zu haben,  allerdings nicht hinter dem Ohr, wie bei der Frau, sondern im Nacken. Ich suchte den Mann in seiner Wohnung auf. Als sich die Tür öffnete, stand mir eine frühzeitig ergrauten, hagere Gestalt mit abgehärmten Gesicht gegenüber, die bei meinem Anblick zu zittern anfing und in Tränen ausbrach. Mir gelang es, den Mann zu beruhigen, indem ich ihm versicherte, ich sei nicht gekommen, um ihn erneut festzunehmen, ich sei gekommen, um die Irrtümer von damals aufzuklären und mich für sein harsches Verhalten zu entschuldigen.
   Der Steuerfachangestellte sagte daraufhin, er habe sich ein solches IHE-Gerät kurz vor den seltsamen Verhören im städtischen Klinikum wegen eines nervösen Augenleidens einpflanzen, es aber noch während seines Aufenthaltes im Landeskrankenhaus wieder herausnehmen lassen. Er nannte auch den Namen des Arztes.
  Mir kam die Tatsache, dass der Besitz dieses Gerätes beide Male zu einem tragischen Ende geführt hatte, verdächtig vor, und zog weitere Erkundigungen ein. Von dem Arzt erfuhr ich, dass er vor etwa sechs Monaten aufgefordert worden war, herausgenommene IHE-Geräte zwecks technischer Überprüfung an einen medizinischen Dienst in Berlin-Mitte, Dorotheenstr. 5, einzuschicken. Doch zu meiner Verwunderung stellte ich fest, dass ein medizinischer Dienst unter dieser Adresse nicht zu erreichen war. Daraufhin unterrichtete ich meine vorgesetzte Dienststelle unter Leitung des Kriminaloberrates (KOR) Ernst Schweigemüller von diesen eigenartigen Zusammenhängen.
   Schweigemüller versicherte mir, man werde die Angelegenheit ernsthaft prüfen.“
   Soweit der Bericht des Hauptkommissars. Die Ermittlungen dauern an. Man darf gespannt sein, wie sich das Rätsel auflöst.

                                                               14
                                                               

   Bezirksregierung Nordelbe
   – Der Leitende Direktor –
    5. 5. 20..
    Vertraulich
   Betr.: Berichterstattung über den Selbstmordversuch der Carmen Schneider

   Sehr geehrter Herr KOR Schweigemüller,
   auf Weisung des niedersächsischen Innenministeriums fordere ich Sie auf, dafür zu sorgen, dass der KHK Herr Schürholz seine Nachforschungen zum o. a. Vorfall unverzüglich einstellt.
   Gez. Nachtschweiß, stellv. Dir.

                                                                   *
   
   Kriminalinspektion1
   11. 6. 20..
   Herrn KHK Heinrich Schürholz
   Betr.: Berichterstattung über den Selbstmordversuch der Carmen Schneider
   Bez.: Unser Gespräch vom 16. 5. 20..

   Sehr geehrter Herr KHK Schürholz,
 In Androhung eines Disziplinarverfahrens fordere ich Sie erneut auf, die Ermittlungen im o. a. Fall unverzüglich einzustellen.
    Gez. Schweigemüller, KOR

                                                                  *

   Rechtsanwaltskanzlei Pietsch und Partner, Berlin-Mitte, Karl-Marx-Allee 5-7
    Vorgang: Schürholz gegen Bundesrepublik Deutschland

   …  Lt. der mündlichen Verhandlung vom 24. 1. 20.. in einer ähnlichen Sache beim Oberverwaltungsgericht Leipzig ist der Auskunftsanspruch nach §7 Satz 1 BNDGes in Verbindung mit... einfach-gesetzlich nicht zu erzwingen und mangels besonderer Gründe auf verfassungsrechtlicher Grundlage nicht gegeben...
   Es ist nicht unsere Aufgabe, die Bedeutung dieser Entscheidung für den journalistischen Alltag zu bewerten. Wir raten Ihnen jedoch dringend, von weiteren juristischen Schritten abzusehen, denn eine Klage vor den Verwaltungsgerichten hätte nach dem neuesten BVG-Urteil  u. E. keine Aussicht auf Erfolg.

   Hochachtungsvoll...

                                                                   *

   Landeszeitung für die Altmark und Drawehn, 12. August 20..

   Im Fall der jungen Frau, die sich in der Silvesternacht schwere Brandverletzungen zufügte (wir berichteten), ist eine tragische Wende eingetreten. Der Chefermittler, Kriminalhauptkommissar Schürhoz, wurde gestern gegen sechzehn Uhr auf dem Wege zum Bundeskriminalamt in Berlin auf offener Straße erschossen. Zeugen beschreiben den Täter als untersetzt, schwarzhaarig und mit dichtem, langen Bart. Von der hiesigen Kriminaldirektion war bisher keine Stellungnahme zu erlangen.

                                                                   *

   Landeszeitung für die Altmark und Drawehn, 27. August 20..

   Wie dpa meldet, soll es sich bei dem Mann, der am 12. August den Kriminalhauptkommissar Schürholz erschoss (wir berichteten), um den erst kürzlich aus Syrien eingereisten Achmed N. handeln, dem Verbindungen zum IS nachgesagt werden. Von der hiesigen Kriminaldirektion ist noch immer keine Stellungnahme zu bekommen. Sollten wir neue Nachrichten erhalten, werden wir unsere Leser unverzüglich informieren.

   Hannover, 3. September 20..
   ...

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BeitragVerfasst am: 13.09.2019 11:54    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wunderkerze,

um ein Sinnbild zu bemühen: Die Wanne läuft über.

Du gießt mehr Kapitel nach, als wir kommentiert auszupumpen in der Lage sind. Ich würde vorschlagen, dass du uns erst einmal die Chance gibst, sich mit den ersten ein oder zwei Kapiteln zu befassen. Das Aufschütten von neuen und immer neuen Kapiteln aus dem Muldenkipper schreckt ab und ist damit kontraproduktiv.


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wunderkerze
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BeitragVerfasst am: 18.09.2019 10:07    Titel: Antwort pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Kojote,

vielen Dank für deinen Hinweis!

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