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Gezeiten


 

 
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Christof Lais Sperl
Geschlecht:männlichKlammeraffe

Alter: 59
Beiträge: 562
Wohnort: Hangover
Der silberne Roboter


BeitragVerfasst am: 03.08.2019 16:30    Titel: Gezeiten eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Eine melancholische Geschichte.

Gezeiten

Nachdem man vom Scheitel abwärts mit dem warmen süßlichen Atem überströmt wird, legt der sich wenig später als erkaltete und beißend riechende Gasschicht auf den Umhang. Geruch, der sich am glatten Stoff festhält und am Schluss vom Fön weggeblasen wird. Viel nützt das nicht. Beim Frisör wabern sich widersprechende Aromen dutzender Pflegemittel ineinander, um in ihrer Summe den schnöden Geruch von Exkrementen zu ergeben. Im Sommer schwebt die Wolke weit auf die Straße hinaus. Für den Frisör sollten Pfefferminzbonbons Pflicht sein. Die körperliche Nähe. Der Laden liegt unten, auf der anderen Straßenseite.

Vom Schreibtisch aus kann ich große Teile der feuchten Schlucht einsehen. Die schon schütteren Bäume. Den Salon. Ein hellblonder Wuschelkopf verdeutlicht die Bewegung eines Rades, das der Fahrtrichtung in einer weitläufigen Schlangenlinie folgt. Wie Kirsten, denke ich. Die hat doch auch solche Locken, die jeder gern zwischen den Händen spüren will. Man könnte sie von der Seite her zusammendrücken und dann fühlen, wie klein ihr Kopf eigentlich ist. Der sich schutzsuchend im Gebüsch verkriecht. Die Haarfarbe passt. Kirsten ist ein blonder Name.  

Ich bin eben vom Friseurladen hochgekommen, und will weiter an einer Geschichte schreiben. Nun höre die ich Ohnesorge vom Einkauf kommen. Besser sollte ich Besorgung sagen, denn mehr als die BILD, eine Schachtel Zigaretten und eine Flasche Kirschlikör könnte man in der Tasche nicht finden, legte man es darauf an, einen Blick hineinzuwerfen. Die Frau geht gebückt mit schlurfendem Gang. Traurige Augenbrauen über einem stets geheimnisvoll lächelnden Mund. Ein Mysterium. Monalisa im Alter von Achtzig. Ohnesorge dreht jetzt das Schloss, mit langem Nachhall rumpelt das Schließgeräusch der Wohnungstür im Treppenhaus herunter. Es muss um die drei sein. Ohnesorge kommt immer gegen drei und macht sich eine neue Flasche auf. In einer halben Stunde ist es dann so weit. Lachen und Weinen wechseln alle paar Minuten, je nachdem, welche BILD-Geschichte sie eben noch gelesen hat. Ich habe nachgemessen: Maximal fünf Minuten braucht sie pro Artikel. Die Spätnachmittage enden stets mit dem Weinen. Dann verstummt das Jammern langsam und Ohnesorge schläft von halb sechs bis zum Morgen durch.

Das schnelle Auf und Ab deckt sich nicht mit meinem Rhythmus. Bei mir laufen die Wellen in monatlichen Schüben. Das Denken im Tal immer gleich: Diese Sülze tu ich mir heute Abend nicht an. Heilpraktikergeschwätz, Fußball, Verschwörungstheorien, Kinder, Schule und Globuli. Warum der und nicht ich. Bin eh nichts, kann nichts. Eine falsche Entscheidung nach der anderen. Auf dem Wellenkamm aber bringe ich öfter mal was zustande. Ein Anruf, ein Treffen, ein paar Geschichten.

Auf dem Bildschirm flimmert das alte Konzert von Patti Smith. My Generation klingt gerade  aus. Sie trägt ein altes Jackett und junges Grinsen. Geht jetzt samt Band zum Interview mit Alan Bangs. Total breit. So dermaßen dicht, dass sie im Keller die Sterne sehen muss. Lacht in die Kamera und spielt als Antwort Schalmeimelodien ins Mikro. So eine wär’s. Genau die wär’s. So jung, so schön, schlau, und schlaksig wie ein Junge. Der Pferdeschwanz. Das alte Jackett.

Kirsten ist auch so eine. Beängstigend smart. Alles gehört, sämtliche Ausstellungen gesehen und jedes Buch gelesen. Immer ein wenig schneller im Kopf als die anderen, weshalb als Freund nicht jeder Schluffi in Frage kommt. Außerdem ziemlich groß. Dürfte mich um einen Kopf überragen. Kirsten ist wie all die Hübschen aus den TV-Nachrichten, die man bei UNO-Konferenzen sehen kann, wenn sie dolmetschen oder Sitzungen leiten, Obamas die Hand schütteln, Krankenhäuser besichtigen und mit ihren Rollkoffern am Flughafen in Limousinen steigen. Das edle Tuch und die hohen Schuhe. Ich guck mir das gerne in den Tagesthemen an. Kirsten wirkt wie eine von denen: Blonde Mähne, geschmackvoll ausgewählte Klamotten und leuchtend blaue Augen, die immer Kontakt halten. Selbst wenn sie sich eine dreht, glänzt sie sie dich fiebrig an. Wartet auf Antworten und Ideen. Wechselt in rasender Geschwindigkeit vom rechten zum linken Auge des Gesprächspartners und zurück. Vier mal pro Sekunde flackert das hin und her. Nicht nur körperlich eine Nummer zu groß für mich. Auch sonst. Zu hübsch. Viel zu hübsch. Zu blond. Zu smart. Zu schön. Ihre Typen haben alle was Besonderes. Erst war sie mit dem Musiker zusammen. Dann mit dem Maler, und zuletzt dem Pianisten. Der Pianist ist mein bester Kumpel. Da verbieten sich Begehrlichkeiten sowieso. Nur im Traum denke ich mal dran. Wie das so wäre. Manchmal sitzen wir mit ein paar Leuten in ihrer Küche. Allein habe ich sie noch nie getroffen. Die Küche mit den Stapeln ungespülten Geschirrs. Die Slips auf dem Wohnzimmerteppich. Der Pianist kennt keinen Mainstream. Er bringt mut, was keiner kennt. Er hört Renaldo and the Loaf.

Der heftige Niederschlag draußen ist in einen Platzregen übergegangen.  Ohnesorges Lachen ist zu hören. Ich bin seit sieben Jahren in der Wohnung und kenne alle Geräusche. Ab und zu kommt mal jemand von den Jungs vorbei. An schlechten Tagen lösche ich das Licht und mache nicht auf, wenn es klingelt. Die Terz der Türglocke erinnert mich an Zappas Xylophon. Ruth Underwood. Auch so eine Klassefrau. Sieben Jahre also sitze ich schon hier und rauche die Tapeten gelb. Der Qualm steht ich Schichten im Zimmer und wird von den orangefarbenen Straßenlaternen getönt. Sieben Jahre solo. Was ich haben will das krieg ich nicht Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht, heißt es auf Monarchie und Alltag.

Ding Dong. Wer mag das sein? Egal, die Stimmung ist okay. Außerdem rieche ich gut, weil ich beim Frisör war. Mal einfach überraschen lassen. Ich drücke auf den Türöffner und zwei Minuten später steht Kirsten in der Wohnungstür. An der Leine ein kleiner Hund. „Ferdinand“, sagt Kirsten. „Gerade im Tierheim geholt“. Der schwarze Welpe weiß nicht wohin mit seiner jungen Freude. Er spult als aufgeregter Wirbel um seine ahnungslose Seele herum. Ob ihm der Schwanz wehtut, wenn er ihn so heftig gegen den Türstock schlägt? „Komm rein, Pferdchen“, befiehlt Kirsten und stellt eine große Sporttasche neben dem das Holz trommelnden, kreiselnden Hund ab. „Mit dir hätte ich ja nun nicht gerade gerechnet“, sage ich. Kirsten zieht den nassen Parka aus und lässt den Blick nicht von mir ab. „Ich muss erst mal baden“, sagt Kerstin. „Total durchgefroren“

Im Bad bollert das Wasser in die Wanne. Während ich mit Ferdinand spiele, ruft Kirsten durchs Brausen: „Ich brauche deine Hilfe. Gegenüber ist ein Neuer eingezogen. Ich fühle mich beobachtet.“ Ihre Stimme klingt weich nach Schaum. Die Badtür ist halb geöffnet, aber ich traue mich nicht hinein. „In der Tasche ist Prosecco. Bringst du mir ein Glas?“
„Soll ich da jetzt wirklich reinkommen, und dir das Glas bringen?“
„Völlig problemlos.“, sagt Kirsten. Völlig ist eines ihrer Lieblingswörter.
„Siehst, du, man kann nichts erspähen!“, lacht mit Kirsten entgegen, die sich in einer Wolke aus Schaum verbirgt. Ihre Locken sind vom Wasser in dunkle Länge gezogen.
Aus der Wolke ragt ein Arm mit dem Sektglas, aus dem Kirsten in kleinen Schlucken trinkt.
„Wollen wir hier reden, oder später, wenn du fertig bist?“, frage ich.
„Wir gehen erst ins Spot, und reden heute Nacht weiter.“, sagt Kirsten. „Weißt du noch, wie man zum Spot kommt? Ich habe meinen Orientierungssinn verloren.“

Ferdinand steht auf den Hinterläufen an der Badewanne. „Geh raus, Pferdchen“, sagt Kirsten. „ich komme gleich.“

Das Sofa. Auf dem Plattenteller dreht sich Dylan. „Auch so ein Arschloch“, sagt Kirsten und setzt sich neben mich. „Hat sein Geld bei der Rüstungsindustrie angelegt. Wollen wir ins Spot?“ Ich mache die Anlage aus, und Schiebe Dylan in die Hülle. Sie sieht aus wie der Oberteil eines rosa Flügels. Die Schrift erinnert an Fahndungsplakate in alten Westernfilmen.

*

Das Gute am Spot ist der Platz. Es ist nie rammelvoll und überall stehen mit Samt bezogene Kisten, auf denen man sein Bier abstellen kann. In einiger Entfernung von der Tanzfläche kann man sich unterhalten, ohne sich ins Ohr brüllen zu müssen.
„Bei was soll ich dir denn helfen, Kirsten?“
„Na ja, der Musiker, der Maler und der Pianist, du weißt schon. Sie haben Nachforschungen über mich angestellt. Vielleicht sind sie aufeinender eifersüchtig. Ich schätze mal, sie arbeiten gemeinsam. Sie wollen sicherlich erfahren, welches meine nächsten Schritte sind. Also künstlerisch, meine ich. Sie Sachen mit den quadratischen Smileys habe ich ja hinter mir.
Der Pianist wollte mir keine Freiheit einräumen. Und nun will er wissen, was ich so mache.
Ich bin ja nicht mehr mit ihm zusammen. Hab zwar noch das Zimmer bei meinen Eltern, aber die nerven auch immer mit ihrer Zukunftsfragerei. Außerdem mag Vater den Ferdinand nicht.“

Der liegt zwischen zwei Samtboxen und hat seine Schnauze zwischen die Vorderpfoten gestopft. Kirsten stellt ihren Hirtenbeutel auf Ferdinands Rücken. Der merkt das gar nicht und schläft weiter. „Jetzt guck mich mal ganz genau an“, sagt Kirsten. „Kennst du das, wenn sich Gesichter so nahe sind, dass die Teilbilder verschmelzen, und man nur noch ein Auge sieht?“
Kirstens Gesicht kommt näher. Blaues Leuchten umfängt mich und blicke in ein Zyklopenauge. Das Grinsen darunter. Ich nehme Kirstens Locken zwischen die Hände. Wie weich und gut sich das anfühlt. Jetzt die Schultern. So kraftvoll und rund. Kirsten küsst mich auf die Stirn und ihr Mund kriecht mir über ein Auge und die Nase zu meinen Lippen herunter. Wie weich sich das anfühlt. Wie gut das riecht. „Ich habe hier noch ein paar Briefe“, sagt Kirsten. „Die bringe ich zum Spätschalter am Bahnhof. Dort hat die Post bis Mitternacht geöffnet. Warte zu Hause auf mich.“ Kirsten trinkt ihr Alt aus und geht. Ferdinand wirbelt an der Leine hinterher.

Vielleicht zum ersten Mal im Leben bin ich so richtig glücklich. Gute Neuigkeiten, und dann auch noch eine wie Kirsten. Die nächtliche Stadt und die gelben Blätter. Kühler Wind an den Straßenecken. Aber warum nun ausgerechnet ich? Einen guten Kopf kleiner als sie selbst. Und kaum was erreicht. Die paar Geschichten, damit wird man auch kein Millionär. Über den Job erst gar nicht zu reden. Was werden bloß die drei Anderen sagen?

*

Ich habe die Nacht durch geraucht und Bier getrunken. Es ist Wochenende. Da geht das schon mal. Kirsten ist lange nicht gekommen. So gegen elf taucht sie dann mit einer Brötchentüte doch noch auf. Obwohl sie kaum geschlafen haben kann, ist ihr Teint so frisch  und rosig wie immer.

„Gut, dass ich deine Straße wiedergefunden habe. Ich habe noch ein paar Nachforschungen zum Trio angestellt“, sagt Kirsten. „Alles hat sich völlig bestätigt. Es wurden Dossiers angelegt. Heute Nacht habe ich ja noch ein paar Briefe vom Bahnhof aus abgeschickt. Ich stehe in regem Austausch mit einem Typen am Bodensee. Kennst du nicht. Der bestätigt alles.“

Kirsten öffnet ihre Hirtentasche. Darin ein Dutzend, wenn nicht noch mehr Briefe. „Hier, alles bezeugt. Psst!“ Kirsten hat den Zeigefinger auf den geschlossenen Mund gelegt und konzentriert sich auf die Geräusche im Treppenhaus. Das wird wohl Ohnesorge sein. Kirsten küsst mich. Ich streichele ihren Rücken und umfasse ihre Hüften. Kirsten dreht sich los und geht zum Fenster. „Da unten, das sind sie. Die haben auch was mit der Stasi zu tun. Völlig klar. Ich schwöre! Siehst du den schwarzen Polo? Da sind sie drin. Im Auftrag des Pianisten. Seit Tagen geht das schon so.“
„Die Stasi? Die gibt’s doch dar nicht mehr!“
„Das ist es ja. Die haben nichts zu tun und arbeiten jetzt im Auftrag.“

Der leere Polo.

Ich brühe Kaffee und Kirsten deckt den Tisch. Die beste Mahlzeit des Tages. Frische Brötchen, so richtig Hunger, danach noch einen Kaffee und rauchen.
Mit Kirsten. Sie hat sich wieder beruhigt, und Ferdinand knabbert unterm Tisch an einem Gummiball herum. Man sieht das Weiß seiner Augen, so strengt er sich beim Kauen an.
Kirsten dreht immer ganz dicke Zigaretten und zieht nur wenig vom Rauch ein. Sie sagt, die Dünnen wären viel gefährlicher. „Nur Leute, die Dünne rauchen kriegen Lungenkrebs.“

Das wird ein schöner Tag. „Wir können spazieren gehen. An der Leine entlang. Das wird auf Ferdinand Spaß machen“, sage ich. „Klar“, sagt Kirsten. „Aber vorher müssen wir noch ein bisschen Kuscheln. Der Pianist wollte mich zuletzt ja gar nicht mehr.“

Die Befürchtung, ich könnte Kisten nicht genügen. So als Vierter. Nach dem Musiker, dem Maler und  dem Pianisten. Aber Kirsten scheint es zu gefallen. Sie kommt ganz schön in Fahrt. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Eine Frau neben mir, die mir wirklich so richtig gefällt. Nicht eine von denen, die mir das Leben zugeteilt hat. Eine Frau, die ich verschlingen könnte. Blitzblank und schön. Alles Augen, Locken, Haut, Hellblau und Wärme, wie sich das alles verwirbelt. Der Hund denkt, ein Spiel. „Pferdchen, geh weg!“ ruft Kirsten und schwingt das Bettlaken wie eine Fahne. Ferdinand zieht sich unter den Tisch zurück und knabbert an seinem Ball herum.

*

„Wie kommen wir denn ans Leineufer?“, fragt Kirsten. „Ich kenne mich in der Stadt ja gar nicht mehr aus. Die Stadtteile verschieben sich gegeneinander. Das hat was mit meinem Vater zu tun. Lies das mal“, sagt sie und zieht ein Blatt Papier aus der Tasche, das an den Rändern ganz abgegriffen ist. Kirstens Schrift.

Weißt du noch, Vater, als wir im Urlaub am Steinhuder Meer waren? Ich war hinausgeschwommen. Du hattest mir einen Schwimmreifen gekauft, der aussah wie ein Flamingo. Der Schwimmreifen war mir entglitten. Ich konnte noch nicht gut schwimmen und rief nach dir. Du hast dich aber nicht darum gekümmert. Ein fremder Mann hat mich gerettet.

„Das habe ich Vater zu Lesen gegeben. Er hat alles abgestritten. In Wirklichkeit hat er das Ufer vom See immer weiter von mir weggezogen. Dass ich’s nicht mehr schaffe.“
„Kirsten, wie soll denn ein Mensch ein Ufer wegziehen?“, frage ich. „Und dann auch noch dein Vater. Der kann doch keiner Fliege was antun.“ Kirsten wird zu einem Automaten. Ihre Mimik gleicht jetzt der der Weidel, wenn sie im Bundestag über alimentierte Messermänner redet. Ein Stakkato wie beim alten Wehner - nur von ganz rechts. Ohne jede Betonung antwortet Kirsten:
„Siehst du, nun gehörst du auch dazu. Ich wusste es. Alle gehören dazu.“ Sie weint.
„Beruhige dich. Es ist alles gut. Ich halte zu dir“, sage ich. Ich wische Kirsten die Tränen weg. Nun ist sie wieder fröhlicher: „Tut mir leid. Du hast ja gesagt, dass du mir hilfst. Und mich nicht wie die Anderen einfach wegschmeißt.“
Alle Dinge haben eine Erklärung. Leider mangelt es an Zeit.

Am Leineufer hüpfen Krähen herum. Ich mag Krähen, weil sie so schlau sind. Wenn der Mensch seine Lebensgrundlage zertört hat, werden diese Vögel übernehmen. Ferdinand kennt noch keine Krähen und hält respektvoll Abstand. Auf einer Parkbank erblicke ich Helle. Der ist ganz erstaunt, mit wem ich einen Spaziergang mache.

„Oha“, sagt Helle. „Grüß dich!“
„Das ist Kirsten. Und hier mein Freund, der Helle.“
„Hallo Helle“, sagt Kirsten. Kennst du den Chris schon lange?
„Klar“, sagt Helle. „Seit der Neunten Klasse. Im Moment mache ich Zivildienst. Da sehe ich Chris nicht mehr so oft. Essen ausfahren und so was.“
„Zivildienst ist völlige Scheiße“, sagt Kirsten. „Da sollte man besser total verweigern, und in den Knast gehen. Mit Zivildienst denkst du, du tust was gegen das System. Aber im Grunde stabilisierst du die ganze Kacke noch weiter. Da geben sie vor, den Leuten Rechte einzuräumen, also zum Beispiel den Kriegsdienst zu verweigern, aber in Wahrheit lügen sie dich an und locken dich mit der ganzen Kohle zum Zivildienst. Darauf fällst du rein? Wieviel kriegst du? Einen Tausender? Und wer zahlt die Knete, die du abends in der Kneipe auf den Kopf haust? Der gleiche Staat, der den Bundeswehrspackos den Sold überweist! Ist doch alles verlogen. Damit ködern sie euch alle. Ich würde auf jeden Fall sofort in den Knast. Alles andere ist pure Heuchelei und obeistisches Untertanentum. Obwohl man im Sinne einer akzelerationalistischen Theorie  wie bei Williams und Smicek natürlich auch argumentieren könnte, den Kapitalismus, der sich mit seinem Klimawandel, dem CO2 und der Massenverelendung selber auffrisst, in seiner Selbstzerstörung zu beschleunigen. Nick Land dachte am Anfang ja auch so, bevor das alles nach rechts abgedriftet ist. Ob du das alles verstehst, möchte ich aber mal bezweifeln. Und glauben würde ich dir eh nicht, Angsthase!“
„Oha“, sagt Helle.
„Is halt so“, sagt Kirsten. „Überleg dir mal, ob du noch auf dem richtigen Dampfer bist. Dann reden wir weiter.“
„Okay, Helle, wir müssen dann mal weiter.“, sage ich. „Mach’s gut.“
„Bis die Tage, Alter“, sagt Helle. Er hebt die Augenbrauen an.
Kirsten atmet wie nach einem Hundertmeterlauf. Sie zittert.

*

Meine Brust ist immer noch vor Freude aufgebläht. Aber nun schiebt sich von oben ein Schmerz durch die Speiseröhre, als wollte jemand einen Korkenzieher durch meinen Hals bis zum Magen runterschrauben. Wir kommen auf dem Heimweg überein, dass wir mal zu Andreas gehen sollten. Andreas ist Diplom-Psychologe. Klinischer. Kriegt zwar sein eigenes Leben nicht so ganz auf die Reihe, aber seinen Patienten hat er bisher wohl immer ganz gut geholfen. Wie man so hört. Kirsten sagt, warum nicht, sie merkt ja, dass es mit dem Orientierungssinn nicht mehr zum Besten steht, und dass auch mit dem Studium und überhaupt manches Andere nicht mehr so ganz klappt. „Ist bestimmt nicht schlimm“, sage ich. „Andreas kriegt das schon hin.“

Er öffnet die Tür, ein Jesus mit langem Haar und dürrem Bart. Ich frage Andreas, ob ich mit reinkommen soll, oder lieber draußen warten. Das wäre schon ganz gut, wenn du mit reinkämst, denn zu zweit hört ja man ja immer mehr als allein. Falls du Kirsten dann noch weiter unterstützen kannst?

„Also“, sagt Andreas, und schaltet auf professionell um, „ist denn in letzter Zeit manches anders gewesen? Seid ihr denn schon lange zusammen? Hat sich bei euch oder bei dir“, er schaut Kirsten an, „irgendetwas verändert?“

Kirsten redet eine gute Stunde. Von Streitigkeiten. Dem Orientierungssinn. Von Zeiten der Apathie und solchen schlaflosen Rasens. Dass sie keine Straße und keine Wohnung mehr findet. Sich keine Straßennamen mehr merken kann. Dass das jeden Tag schlimmer wird.

„Womit ihr beginnen könnt“, sagt Andreas, „ist zu spüren, wann Kirsten zuviel im Kopf und zu wenig im Körper lebt. Momentan spielt sich zu viel im Kopf ab. Das passiert den Eingeschränkten nicht. Nur den Intelligenten.“ Er lächelt. „Dumme kommen gar nicht da hin, wo du jetzt bist, Kirsten. Fangt damit an, dass du jeden Tag ein Bad nimmst. Schön heiß. Dass sie mal ihren Körper wieder richtig spürt, und aus dem Kopf herauskommt. Ihr könnt auch zu zweit baden. Und dabei unterhaltet ihr euch darüber, wie sich das anfühlt. Schreibt es auf. Alles weitere kriegen wir in der Zukunft noch hin.“

*
Wir sitzen in der Wanne gegenüber. Das heiße Wasser. Der dicke Strahl, dessen Eintrittsgeräusch vom Schaum angenehm gedämpft wird. Der Schmerz bohrt sich noch immer durch meine Kehle. Er ist sogar noch heftiger geworden. Wie kann das alles weitergehen? Ich nehme mit der Hand Wasser auf, und lasse es an meiner Brust vom Hals abwärts hinabrinnen. Das hilft. Kirsten erzählt etwas über regionale Schriftsteller, springt von Broch zu Grimmelshausen, und den Young Gods zu Žižek. Wie Zappa im Hotel eine Folterszene nachstellt und das Opfer rufen muss: „Nein, ich werde nie wieder in einem Cadillac fahren“. Wie Benigni in Down By Law englische Schimpfwörter in sein Notizbuch schreibt, um sie Redenwendungen einzuflechten. Eine Frau, die viel weiß. Endlich mal Gespräche, die ihren namen verdienst haben. Wir lachen und ich sage: „Kirsten, spürst du das Wasser auf deiner Haut? Spürst du deinen Körper? Fühlst du, wie die Wärme dich hierher zurückbringt? “
*
Die Fahrt. Es ist zwei. „Wohin fahren wir? Ich habe Durst“, sagt Kirsten. „War ja eine Überraschung. Jetzt sage  ich’s dir. Steinhuder Meer. Ein bisschen ausspannen. Ich fahre an der ARAL raus. Muss mal tanken. Nimm Ferdi mit. Der kann sich mal ein bisschen bewegen. “ Kirsten steigt mit Ferdi aus du geht in Richtung Shop. Ich hatte zuerst so getan, als wollte ich zur Zapfsäule. Tanken. Ich steige wieder ein und gebe Vollgas. Am nächsten Parkplatz halte ich an, um mich zu übergeben.



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Lais
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BeitragVerfasst am: 05.08.2019 18:54    Titel: Gezeiten II pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich war mit meinem ersten Text unzufrieden. Einige Ungereimtheiten und Dummheiten habe ich beseitigt. Was mich interessieren würde: Gleubt ihr, dass die Geschichte im Präsend gut klingt? Oder würdet ihr Formen der Vergangenheit wählen? Ich meine, im Präsens klingt alles spannender und unmittelbarer. Was sagt ihr?

Gezeiten

 
Vom Schreibtisch aus kann ich große Teile der feuchten Straßenschlucht einsehen. Die schon schütteren Bäume. Den Friseursalon. Manche Fenster sind geöffnet. Ein hellblonder Wuschelkopf verdeutlicht die Bewegung eines Rades, das der Fahrtrichtung in einer weitläufigen Schlangenlinie folgt. Wie Kirsten, denke ich. Die hat doch auch solche Locken, die jeder gern zwischen den Händen spüren will. Man könnte sie von der Seite her zusammendrücken und dann fühlen, wie klein der Kopf ist, der sich Schutz suchend im Gebüsch verkriecht.

Die Haarfarbe passt. Kirsten ist ein blonder Name.   

Nun höre ich Ohnesorge vom Einkauf kommen. Die BILD, eine Schachtel Zigaretten und eine Flasche Kirschlikör. Die Frau geht gebückt mit schlurfendem Gang. Traurige Augenbrauen über einem stets geheimnisvoll lächelnden Mund. Ein Mysterium. Monalisa mit Achtzig. Ohnesorge dreht das Schloss, mit langem Nachhall rumpelt das Schließgeräusch der Wohnungstür im Treppenhaus herunter. Es muss um die drei sein. Ohnesorge kommt immer gegen drei, und macht sich eine neue Flasche auf. In einer halben Stunde ist es dann so weit. Lachen und Weinen wechseln alle paar Minuten, je nachdem, welche BILD-Geschichte sie gelesen hat. Ich habe nachgemessen: Maximal fünf Minuten pro Artikel. Die Spätnachmittage enden stets mit dem Weinen. Dann verstummt das Jammern nach und nach. Und Ohnesorge schläft von sechs bis zum Morgen durch.

Das schnelle Auf und Ab deckt sich nicht mit meinem Rhythmus. Bei mir laufen die Wellen in monatlichen Schüben. Auf dem Bildschirm flimmert das alte Konzert von Patti Smith. My Generation klingt gerade  aus. Sie trägt ein altes Jackett und junges Grinsen. Geht jetzt samt Band zum Interview mit Alan Bangs. Vollkommen breit. So dicht, dass sie die Sterne sehen muss. Lacht in die Kamera und spielt als Antwort Schalmeimelodien ins Mikro. So eine wär’s. Genau die wär’s. Jung, schön, schlau und schlaksig wie ein Junge. Der Pferdeschwanz. Das alte Jackett. Die schiefen Zähne.

Kirsten ist auch so eine. Beängstigend smart. Alles gehört, sämtliche Ausstellungen gesehen und jedes Buch gelesen. Immer ein wenig schneller im Kopf als die anderen, weshalb als Freund nicht jeder Kerl in Frage kommt. Außerdem ist sie  ziemlich groß, und dürfte mich um einen Kopf überragen. Kirsten gleicht all den Hübschen aus den TV-Nachrichten, die man auf wichtigen Konferenzen sehen kann, wenn sie dolmetschen oder Sitzungen leiten, Präsidenten die Hand schütteln, Krankenhäuser besichtigen und mit ihren Rollkoffern am Flughafen in Limousinen steigen. Edles Tuch und hohe Schuhe. Kirsten wirkt wie eine von denen: Blonde Mähne, die geschmackvoll ausgewählte Kleidung und leuchtend blaue Augen, die immer Kontakt halten. Selbst wenn sie überlegt, glänzt sie sie einen fiebrig an. Wartet auf Antworten und Ideen. Wechselt in rasender Geschwindigkeit vom rechten zum linken Auge des Gesprächspartners und zurück. Vier mal pro Sekunde flackert das hin und her. Die ist nicht nur körperlich eine Nummer zu groß für mich. Auch sonst. Zu hübsch. Zu blond. Zu smart.

Ihre Männer haben alle was Besonderes. Erst war sie mit dem Musiker zusammen. Dann mit dem Maler, und zuletzt dem Pianisten. Der Pianist ist mein bester Kumpel. Da verbieten sich Begehrlichkeiten sowieso. Nur im Traum denke ich mal dran. Wie das mit ihr so wäre. Manchmal sitzen wir mit ein paar Leuten in der Küche. Allein habe ich sie noch nie getroffen. Die Stapel ungespülten Geschirrs. Die Slips auf dem Wohnzimmerteppich. Der Pianist hat die Young Gods aufgelegt. Kirstens Lieblingsband.

Der heftige Niederschlag draußen ist in einen Platzregen übergegangen. Es wird dunkel. Man vernimmt Ohnesorges Lachen. Seit sieben Jahren bin ich in der Wohnung und kann alle Geräusche voneinander unterscheiden. Ab und zu klingelt es, dann kommt jemand von den Jungs vorbei. An schlechten Tagen lösche ich das Licht und öffne nicht. Nur Fremde klingeln, wenn die Fensterlöcher schwarz sind. Die Jungs wissen aber bescheid. Die Terz der Türglocke erinnert mich an Zappas Xylophonläufe. Sieben Jahre sitze ich schon hier und rauche die Tapeten gelb. Der Qualm steht abends in Schichten im Zimmer und wird von den orangefarbenen Straßenlaternen durchleuchtet. Sieben Jahre solo. Nichts passiert.

Was ich haben will das krieg ich nicht Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht, heißt es auf Monarchie und Alltag.

Die Türglocke. Wer mag das sein? Egal, die Stimmung ist in Ordnung. Außerdem rieche ich gut, weil ich beim Frisör war. Ich drücke auf den Türöffner und zwei Minuten später steht Kirsten in der Wohnungstür. An der Leine ein kleiner Hund. „Ferdinand“, sagt Kirsten.
„Gerade im Tierheim geholt“.
Der schwarze Welpe weiß nicht wohin mit seiner jungen Freude. Er wirbelt um seine ahnungslose Seele herum. Weiß nicht, wohin er die Schnauze zuerst stecken soll. Ob ihm der Schwanz wehtut, wenn er ihn so heftig gegen den Türstock schlägt?
„Komm rein, Pferdchen“, bestimmt Kirsten und stellt eine große Sporttasche neben dem das Türholz trommelnden Hund ab.
„Mit dir hätte ich ja nun nicht gerade gerechnet“, sage ich. Kirsten zieht den nassen Parka aus und lässt den Blick nicht von mir ab.
„Ich muss erst mal baden“, sagt sie. „Total durchgefroren“

Im Bad bollert das Wasser in die Wanne. Während ich mit Ferdinand spiele, ruft Kirsten durchs Brausen her:
„Ich brauche deine Hilfe. Gegenüber ist ein Neuer eingezogen. Ich fühle mich beobachtet. Der Pianist macht nichts.“
Ihre Stimme klingt nach weichem Schaum. Die Badtür ist halb geöffnet, aber ich traue mich nicht hinein.
„In der Tasche ist Prosecco. Bringst du mir ein Glas?“
„Soll ich da jetzt wirklich reingehen, und dir das Glas bringen?“
„Völlig problemlos.“, sagt Kirsten.
Völlig ist eines ihrer Lieblingswörter.
„Siehst, du, man kann nichts erspähen!“, lacht mir Kirsten entgegen, die sich in einer Wolke aus Schaum verbirgt. Ihre Locken sind vom Wasser in dunkle Länge gezogen.
Aus der Wolke ragt ein Arm mit dem Sektglas, aus dem Kirsten jetzt in kleinen Schlucken trinkt.
„Wollen wir hier reden, oder später, wenn du fertig bist?“, frage ich.
„Wir gehen erst ins Spot, und reden heute Nacht weiter.“, sagt Kirsten.
„Weißt du noch, wie man zum Spot kommt? Ich habe den Orientierungssinn verloren.“
Ferdinand steht auf den Hinterläufen an der Badewanne.
„Geh raus, Pferdchen“, sagt Kirsten. „ich komme gleich.“

Das Sofa. Auf dem Plattenteller dreht sich Dylan.
„Auch so ein Arschloch“, sagt Kirsten, die die klagende Stimme sofort erkannt hat und setzt sich neben mich.
„Hat sein Geld bei der Rüstungsindustrie angelegt. Wollen wir ins Spot?“
Ich mache die Anlage aus, und Schiebe Dylan in die Hülle. Sie sieht aus wie der Oberteil eines rosa Flügels. Die Schrift erinnert an Fahndungsplakate in alten Westernfilmen.

*

Das Gute am Spot ist der Platz. Es ist nie rammelvoll und überall stehen mit Samt bezogene Kisten, auf denen man sein Bier abstellen kann. In einiger Entfernung von der Tanzfläche sind Unterhaltungen möglich, ohne dass man sich ins Ohr brüllen muss.
„Bei was soll ich dir denn helfen, Kirsten?“
„Na ja, der Musiker, der Maler und der Pianist, du weißt schon. Sie haben Nachforschungen über mich angestellt. Vielleicht sind sie aufeinender eifersüchtig. Ich schätze mal, sie arbeiten trotzdem gemeinsam. Sie wollen sicherlich erfahren, welches meine nächsten Schritte sind. Also künstlerisch und beziehungsmäßig, meine ich. Sie Sachen mit den quadratischen Smileys habe ich ja hinter mir. Und der Pianist wollte mir keine Freiheit einräumen. Nun will er wissen, was ich so mache. Ich bin ja nicht mehr mit ihm zusammen. Hab zwar noch das Zimmer und auch das bei meinen Eltern, aber die nerven auch immer mit ihrer Zukunftsfragerei. Außerdem mag Vater den Ferdinand nicht.“

Der liegt zwischen zwei Samtboxen und hat seine Schnauze zwischen die Vorderpfoten gestopft. Kirsten stellt ihren Hirtenbeutel auf Ferdinands Rücken. Der merkt das gar nicht und schläft weiter.
„Jetzt guck mich mal ganz genau an“, sagt Kirsten.
„Kennst du das, wenn sich Gesichter so nahe sind, dass die Teilbilder verschmelzen, und man nur noch ein Auge sieht?“
Kirstens Gesicht kommt näher. Blaues Leuchten umfängt mich und blicke in ein Zyklopenauge. Das Grinsen darunter. Ich nehme Kirstens Locken zwischen die Hände. Wie weich und gut sich das anfühlt. Jetzt die Schultern. So kraftvoll und rund. Kirsten küsst mich auf die Stirn und ihr Mund kriecht mir über ein Auge und die Nase zu meinen Lippen herunter. Wie weich sich das anfühlt. Wie gut das riecht.
„Ich habe hier noch ein paar Briefe“, sagt Kirsten. „Die bringe ich zum Spätschalter am Bahnhof. Dort hat die Post bis Mitternacht geöffnet. Warte zu Hause auf mich.“
Kirsten trinkt ihren Batida aus und geht. Ferdinand wirbelt an der Leine hinterher.

Vielleicht zum ersten Mal im Leben bin ich so richtig glücklich. Gute Neuigkeiten, und dann auch noch eine wie Kirsten. Die nächtliche Stadt und die gelben Blätter. Kühler Wind an den Straßenecken. Aber warum nun ausgerechnet ich? Einen guten Kopf kleiner als sie selbst. Und kaum was erreicht. Die paar Geschichten, damit wird man auch kein Millionär. Über den Job erst gar nicht zu reden. Was werden bloß die drei Anderen sagen? Und wie meinst sie das mit den Nachforschungen?

*

Ich habe die Nacht durch geraucht und Bier getrunken. Es ist Wochenende. Da geht das schon mal. Kirsten ist lange nicht gekommen. So gegen acht taucht sie am Morgen mit einer Brötchentüte doch noch auf. Obwohl sie kaum geschlafen haben kann, ist ihr Teint so frisch  und rosig wie immer. Ferdinand rollt sich zusammen und schläft ein.

„Gut, dass ich deine Straße wiedergefunden habe. Ich habe noch ein paar Nachforschungen zum Trio angestellt“, sagt Kirsten.
„Alles hat sich völlig bestätigt. Es wurden Dossiers angelegt. Heute Nacht habe ich ja noch ein paar Briefe vom Bahnhof aus abgeschickt. Ich stehe in regem Austausch mit einem Typen am Bodensee. Kennst du aber nicht. Der bezeugt alles.“

Kirsten öffnet ihre Hirtentasche. Darin ein Dutzend, wenn nicht noch mehr Briefe. „Hier, alles voller Belege. Psst!“
Kirsten hat den Zeigefinger auf den geschlossenen Mund gelegt und konzentriert sich auf die Geräusche im Treppenhaus. Das wird wohl Ohnesorge sein. Kirsten küsst mich. Ich streichele ihren Rücken und umfasse ihre Hüften. Kirsten dreht sich los und geht zum Fenster.
„Da unten, das sind sie. Die haben auch was mit der Stasi zu tun. Völlig klar. Ich schwöre! Siehst du den schwarzen Polo? Da sind sie drin. Im Auftrag des Pianisten. Seit Tagen geht das schon so.“
„Die Stasi? Die gibt’s doch dar nicht mehr!“
„Das ist es ja. Die haben nichts zu tun und arbeiten jetzt auf Honorarbasis.“

Unten der leere Polo.

Ich brühe Kaffee und sie deckt den Tisch. Die beste Mahlzeit des Tages. Frische Brötchen, so richtig Hunger, danach noch einen Kaffee und mit Kirsten rauchen.
Sie hat sich wieder beruhigt, und Ferdinand knabbert unterm Tisch an einem Gummiball herum. Man sieht das Weiß seiner Augen, so strengt er sich beim Kauen an.
Kirsten dreht immer ganz dicke Zigaretten und zieht nur wenig vom Rauch ein. Sie sagt, die Dünnen wären viel gefährlicher.
„Nur Leute, die Dünne rauchen kriegen Lungenkrebs.“

Es wird ein schöner Tag.

„Wir können spazieren gehen. An der Leine entlang. Das wird auf Ferdinand Spaß machen“, sage ich.
„Klar“, sagt Kirsten.
„Aber vorher müssen wir noch ein bisschen Kuscheln. Der Pianist wollte mich zuletzt ja gar nicht mehr.“

Die Befürchtung, ich könnte Kisten nicht genügen. So als Vierter. Nach dem Musiker, dem Maler und  dem Pianisten. Diesen ganzen Edeltypen. Aber Kirsten scheint es zu gefallen. Sie kommt ganz schön in Fahrt. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Eine Frau neben mir, die mir wirklich so richtig gefällt. Nicht eine von denen, die mir das Leben irgendwann zugeteilt hat. Eine Frau, die ich verschlingen könnte. Blitzblank und schön. Alles Augen, Locken, Haut, Hellblau und Wärme, wie es sich verwirbelt. Der Hund denkt, ein Spiel.
„Pferdchen, geh weg!“, ruft Kirsten und schwingt das Bettlaken wie eine Fahne. Ferdinand zieht sich unter den Tisch zurück und knabbert an seinem Ball.

*

„Wie kommen wir denn ans Leineufer?“, fragt Kirsten.
„Ich kenne mich in der Stadt ja gar nicht mehr aus. Die Stadtteile verschieben sich gegeneinander. Das hat was mit meinem Vater zu tun. Lies das mal“, sagt sie und zieht ein Blatt Papier aus der Tasche, das an den Rändern ganz abgegriffen ist.

Kirstens Schrift.

Weißt du noch, als wir im Urlaub am Steinhuder Meer waren? Ich war hinausgeschwommen. Du hattest mir einen Schwimmreifen gekauft, der aussah wie ein Flamingo. Der Schwimmreifen war mir entglitten. Ich konnte noch nicht gut schwimmen und rief nach dir. Du hast dich aber nicht darum gekümmert. Ein fremder Mann hat mich gerettet.

„Das habe ich Vater zu Lesen gegeben. Er hat alles abgestritten. In Wirklichkeit hat er das Ufer vom See immer weiter von mir weggezogen. Dass ich’s nicht mehr schaffe.“
„Kirsten, wie soll denn ein Mensch ein Ufer wegziehen?“, frage ich.
„Und dann auch noch dein Vater. Der kann doch keiner Fliege was antun.“
Kirsten wird zu einem Automaten. Ihre Mimik gleicht jetzt der von Weidel, wenn sie im Bundestag über Messermänner redet. Ein Stakkato ohne jede Betonung.
„Siehst du, nun gehörst du auch dazu. Ich wusste es. Alle gehören dazu.“
Sie weint.
„Beruhige dich. Es ist alles gut. Ich halte zu dir“, sage ich. Ich wische Kirsten die Tränen weg. Nun ist sie wieder fröhlicher:
„Tut mir leid. Du hast ja gesagt, dass du mir hilfst. Und mich nicht wie die Anderen einfach wegschmeißt.“

Am Leineufer hüpfen Krähen herum. Ich mag Krähen, weil sie so schlau sind. Wenn der Mensch seine Lebensgrundlage zerstört hat, werden diese Vögel übernehmen. Ferdinand kennt noch keine Krähen und hält respektvoll Abstand. Auf einer Parkbank erblicke ich Helle. Der ist ganz erstaunt, mit wem ich einen Spaziergang mache.

„Oha“, sagt Helle. „Grüß dich!“
„Na, altes Haus? Dies ist Kirsten. Und das hier mein Freund, der Helle.“
„Hallo Helle“, sagt Kirsten. „Kennst du Chris schon lange?
„Klar“, sagt Helle. „Schon ewig. Seit der Neunten Klasse. Im Moment mache ich Zivildienst. Da sehen wir uns nicht mehr so oft. Essen ausfahren und so was.“
„Zivildienst ist völlige Scheiße“, sagt Kirsten.
„Da sollte man besser total verweigern, und in den Knast gehen. Mit Zivildienst denkst du, du tust was gegen das System. Aber im Grunde stabilisierst du die ganze Kacke noch weiter. Da geben sie vor, den Leuten Rechte einzuräumen, also zum Beispiel den Kriegsdienst zu verweigern, aber in Wahrheit lügen sie dich an und locken dich mit der ganzen Kohle zum Zivildienst. Darauf fällst du rein? Wieviel kriegst du? Einen Tausender? Und wer zahlt die Knete, die du abends in der Kneipe auf den Kopf haust? Der gleiche Staat, der den Bundeswehrtypen den Sold überweist! Ist doch alles verlogen! Damit ködern sie euch alle. Ich würde auf jeden Fall sofort in den Knast. Alles andere ist pure Heuchelei und  Untertanentum. Obwohl man im Sinne einer akzelerationalistischen Theorie  wie bei Williams und Smicek natürlich auch argumentieren könnte, den Kapitalismus, der sich mit seinem Klimawandel, dem CO2 und der Massenverelendung selber auffrisst, in seiner Selbstzerstörung zu beschleunigen. Dann geht alles noch schneller den Bach runter. Nick Land dachte am Anfang ja auch so, bevor das alles nach rechts abgedriftet ist. Ob du das alles verstehst, möchte ich aber mal bezweifeln, du Angsthase!“
„Oha“, sagt Helle.
„Ishaltso“, sagt Kirsten.
„Überleg dir mal, ob du noch auf dem richtigen Dampfer bist. Dann reden wir nächstes Mal weiter.“
„Okay, Helle, wir müssen dann mal weiter.“, sage ich. „Mach’s gut.“
„Bis die Tage, Alter“, sagt Helle. Er hebt die Augenbrauen an und nickt bedächtig.  
Kirsten atmet wie nach einem Hundertmeterlauf. Sie zittert.

*

Meine Brust ist immer noch, wie gestern Abend, vor Freude aufgebläht. Aber nun schiebt sich von oben ein Schmerz durch die Speiseröhre, als wollte jemand einen Korkenzieher durch den Hals bis zum Magen runterschrauben. Ob ich das hinkriege? Ob ich ein wenig Ruhe schaffen kann?

„Kirsten, ich habe Hunger. Laß uns auf dem Weg was essen gehen“.
„Was Vegetarisches“, sagt Kirsten.
„Dann gehen wir zum Imbiss am Park, da gibt’s Farfalle oder Falafel.“
„Falafel“, lacht Kirsten.
 
Wir besprechen auf dem Heimweg, dass wir bei Andreas vorbeigehen sollten. Kirsten kennt ihn nicht. Er ist Diplom-Psychologe. Klinischer. Kriegt zwar sein eigenes Leben nicht so ganz auf die Reihe, aber seinen Patienten hat er bisher wohl immer ganz gut geholfen, wie man hört. Kirsten sagt, warum nicht, sie merkt ja, dass vieles nicht mehr klappt. Und dazu die vielen Streitereien. Schneller als ich dachte, hat sie eingewilligt.  

„Ist bestimmt nichts Schlimmes“, sage ich. „Wir kriegen das schon hin.“

Andreas öffnet die Tür. Immer noch ganz der Jesus mit langem Haar und dürrem Bart. Kirsten fragt nach der Toilette. Ich gebe ein paar Erklärungen und frage Andreas, ob ich mit ins Zimmer kommen soll, oder draußen warten. Wäre schon ganz gut, wenn du mit reinkämst, denn zu zweit hört ja man ja immer mehr als allein. Falls du Kirsten dann noch weiter unterstützen willst.

„Also“, sagt Andreas, und schaltet auf professionell um, „ist denn in letzter Zeit manches merkwürdig gewesen? Hat sich bei euch oder bei dir“, er schaut Kirsten an, „irgendetwas verändert?“

Kirsten redet eine gute Stunde. Von den Streitigkeiten. Dem Orientierungssinn. Von Zeiten der Apathie und solchen schlaflosen Rasens. Dass sie keinen Stadtteil und keine Wohnung mehr findet. Sich keine Straßennamen mehr merken kann. Dass das mit den Nachforschungen jeden Tag schlimmer wird.

„Womit ihr beginnen könnt“, sagt Andreas, „ist zu spüren, wann Kirsten zuviel im Kopf aber zu wenig im Körper lebt. Momentan spielt sich zu viel im Kopf ab. Das passiert den Eingeschränkten nicht. Nur den Intelligenten.“ Er lächelt. „Dumme kommen gar nicht da hin, wo du jetzt bist, Kirsten. Fangt damit an, dass du jeden Tag ein Bad nimmst. Schön heiß. Dass du deinen Körper wieder richtig spürst, und aus dem Kopf herauskommst. Ihr könnt auch zu zweit baden. Und dabei unterhaltet ihr euch. Wie sich das anfühlt. Schreibt alles auf. Das weitere kriegen wir in der Zukunft noch hin.“

*

Wir sitzen in der Wanne gegenüber. Das heiße Wasser. Der dicke Strahl, dessen Eintrittsgeräusch vom Schaum angenehm gedämpft wird. Der Schmerz bohrt sich noch immer durch meine Kehle. Er ist sogar noch heftiger geworden. Wie soll das weitergehen? Ich nehme mit der Hand Wasser auf, und lasse es an meiner Brust vom Hals abwärts hinabrinnen. Das hilft. Das Gefühl der Freude und zugleich der Verzweiflung. Die Frage, was stärker ist, Liebe oder Angst. Kirsten erzählt etwas über regionale Schriftsteller, springt von Broch zu Grimmelshausen, von den Young Gods zu Žižek. Wie Zappa im Hotel eine Folterszene nachstellt und das Opfer rufen muss: „Nein, ich werde nie wieder in einem Cadillac fahren“. Wie Benigni in Down By Law englische Schimpfwörter in sein Notizbuch schreibt, um sie Redenwendungen einzuflechten. Eine Frau, die viel weiß. Endlich mal Gespräche, die ihren Namen verdient haben. Wir lachen und ich sage:
„Spürst du das Wasser auf deiner Haut? Nimmst du deinen Körper wahr? Fühlst du, wie die Wärme dich zurückbringt? “  
Kirsten sieht mich an.

*

Die Fahrt. Es ist zwei. „Wohin fahren wir? Ich habe Durst“, sagt Kirsten.
„Das war eine Überraschung. Jetzt sage  ich’s dir. Bremen. Young Gods. Zwei Tickets. Ein bisschen ausspannen. Ich fahre an der ARAL raus. Muss mal tanken. Nimm Ferdi mit. Der kann sich mal ein bisschen bewegen und Wasser trinken.“
„Cool“, sagt Kirsten. „Die Young Gods.“

Sie steigt mit Ferdi aus und geht zum Shop. Ich hatte zuerst so getan, als wollte ich zur Zapfsäule. Tanken. Ich steige aber wieder ein und gebe Vollgas. Tränen dringen in meine Augen und lassen die vor mir fahrenden Autos wie tanzende rote Sterne erscheinen. Ich presse die Tränen aus den Augen. Am nächsten Parkplatz halte ich an, um mich zu übergeben. Die Wagentür bleibt geöffnet. Der Motor läuft und der Scheibenwischer scheuert blöde hin und her.


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BeitragVerfasst am: 26.08.2019 11:00    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Christof,

ich habe nur die zweite Version gelesen, das vorab. Zum Präsens: Ich finde eigentlich nicht, dass das Präsens etwas spannender oder unmittelbarer macht, aber es passt in jedem Fall gut zum Text, den ich auch sonst gern gelesen habe; es sind ein paar nach meinem Geschmack sehr schöne Stellen drin.
Ein paar umständliche und meiner Meinung nach auch nicht ganz treffende Formulierungen sind auch enthalten, etwa:
Zitat:
Ein hellblonder Wuschelkopf verdeutlicht die Bewegung eines Rades, das der Fahrtrichtung in einer weitläufigen Schlangenlinie folgt.

Ein Fehler scheint mir zu sein, dass es anfangs heißt, Kirsten hätte den Hund am gleichen Tag aus dem Tierheim geholt, später dann, dass ihr Vater den Hund nicht mögen würde, was zumindest nahelegt, dass sie ihn schon etwas länger hat.

Das Ende ist bitter, und ich frage mich, warum es dazu kommt. Zuerst dachte ich, es ist, weil der Erzähler das Abrutschen seines Schmachtobjekts in eine Psychose nicht mehr aushält, aber jetzt denke ich, dass vielleicht eher das Gegenteil der Fall ist: Er schleppt ja selbst jede Menge Probleme mit sich herum (ist möglicherweise bipolar, das wird nicht nur, aber auch im Titel angedeutet) und denkt, ihrer gar nicht würdig zu sein. Er hält also vielleicht vielmehr nicht aus, dass sie sich langsam wieder der Normalität annähert (das Gespräch in der Badewanne).
Das mal als Interpretationsversuch. smile

Liebe Grüße
Bananenfischin


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»Ob ich mir eine Dramatisierung meiner Bücher vorstellen kann? Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, in meinen letzten vier Büchern gibt es keine Handlung.« (Andreas Maier im Gespräch mit Raimund Fellinger, 2015)
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BeitragVerfasst am: 26.08.2019 18:31    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Christof,

habe nur die zweite Version gelesen.

Bis auf den Satz, den bereits Bananenfischerin erwähnt und ein paar Tippfehler ist mir formal nichts aufgefallen.

Finde ich gut geschrieben, dicht, mit treffenden Bildern. Kommt nicht oft vor, dass ich hier neun Seiten am Stück lese.

Mein Versuch der Interpretation des Endes:
Ich denke er ist mit seinem unerwarteten Glück schlicht überfordert. Weiß oder meint zu wissen, dass er angesichts eigener psychischer Probleme mit einer manisch-depressiven Frau, die bereits psychotische Episoden (Verfolgungswahn) hat, nicht klarkommen wird. Die Schlussszene ist dann ein Akt der verzweifelten Befreiung. Warum wählt er diese brutale Methode, sich von ihr zu lösen. Gibt vor, Karten für ihr Lieblingskonzert besorgt zu haben und setzt sie an einer Tankstelle aus? Das kann eigentlich nur bedeuten, dass er jede weitere Zusammenkunft unbedingt vermeiden möchte.
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 26.08.2019 18:33    Titel: Antworten mit Zitat

LG
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BeitragVerfasst am: 27.08.2019 16:21    Titel: @Bananenfischin und DLurie pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke für das genaue und schlaue Lesen. In der Tat, das mit dem Hund muss ich ändern. Die Schlangenlinie sollte die von oben betrachtete Bewegung eines blonden Kopfes auf einem Rad sein. Da fällt mir vielleicht etwas Schöneres ein. Lurii, du hast die Gefühle des Erzählers richtig erfasst! Vlg, C

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Selanna
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BeitragVerfasst am: 29.08.2019 17:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Christof,

zuerst ein paar Details, die mir auffielen:
„Es muss um die drei sein“ – sagt man das bei Euch so? Bei uns sagt man: Es muss um drei herum sein.
Zitat:
Selbst wenn sie überlegt, glänzt sie sie einen fiebrig an. Wartet auf Antworten und Ideen. Wechselt

Hier komme ich irgendwie raus. Es geht um ihre Augen. Dann müsste es doch heißen: Selbst wenn sie überlegt, glänzen sie (die Augen) einen fiebrig an. – Aber dann kann man nicht mit „Wartet“ und „Wechselt“ weitermachen, weil der Bezug zu Augen nicht mehr stimmt. Oder?
Könnte man das Besondere an Kirstens Männern so zusammenfassen, dass alle Künstler waren? Und warum ist der Musiker nur Musiker, der Pianist aber Pianist und nicht einfach auch Musiker?
Ich hab mich auch gefragt, welche Slips in welchem Wohnzimmer sind? Der Protagonist räumt also nicht einmal seine Slips weg, obwohl die Angebetete kommt? Oder ist er bei ihr und Kirsten hat Slips im Wohnzimmer rumliegen?
Zitat:
„Ferdinand“, sagt Kirsten.
„Gerade im Tierheim geholt“.

Hier würde ich keinen Absatz machen, sonst denkt man, die zweite Zeile sagt er.

Zitat:
neben dem das Türholz trommelnden Hund

Ist das Absicht, ich denke, das könnte sogar gehen, oder meinst Du „dem auf das“?

Zitat:
„Ich muss erst mal baden“, sagt sie. „Total durchgefroren“

Das hat mich sehr irritiert. Was hast Du denn jetzt vor? Sie treffen sich nie allein, aber sie badet mal eben schnell bei ihm? Ich glaube, der Text geht woanders hin, als ich dachte. Wink

Zitat:
„In der Tasche ist Prosecco. Bringst du mir ein Glas?“

Jetzt denke ich, sie sucht einen neuen Beschützer, weil der Pianist nichts macht, und wickelt deshalb den Protagonisten um den Finger. Richtig? Vielleicht deshalb auch der Hund?

Zitat:
„Geh raus, Pferdchen“, sagt Kirsten. „ich komme gleich.“

Ich nehme an, das ist so dahin gesagt. Er wird ja noch nicht erzogen sein.

Zitat:
Außerdem mag Vater den Ferdinand nicht

Aber Kirsten hat ihn doch erst aus dem Tierheim geholt. Wann hat sie ihn denn ihrem Vater vorgestellt? Oder ist was meinst Du mit „gerade“?

Zitat:
„Jetzt guck mich mal ganz genau an“, sagt Kirsten.
„Kennst du das, wenn sich Gesichter so nahe sind, dass die Teilbilder verschmelzen, und man nur noch ein Auge sieht?“

Ich würde hier keine neue Zeile anfangen, s.o.

Zitat:
Blaues Leuchten umfängt mich und blicke in ein Zyklopenauge

... und ich blicke ...

Zitat:
So gegen acht taucht sie am Morgen mit einer Brötchentüte doch noch auf

Der ist nicht recht rund, der Satz. Den solltest Du irgendwie umstellen.

Zitat:
Ich habe noch ein paar Nachforschungen zum Trio angestellt“, sagt Kirsten.
„Alles hat sich völlig bestätigt. Es wurden Dossiers angelegt. Heute Nacht habe ich ja noch ein paar Briefe vom Bahnhof aus abgeschickt. Ich stehe in regem Austausch mit einem Typen am Bodensee. Kennst du aber nicht. Der bezeugt alles.“

Ich dachte mir: Eben hieß es noch, die anderen stellten Nachforschungen an. Sie also auch? Und einer vom Bodensee bezeugt jetzt ihre Nachforschungen? Das hört sich etwas skurril und paranoid an. Soll es das?

Zitat:
Kirsten dreht sich los

Regional? Ich würde „dreht sich weg“ schreiben

Zitat:
Die haben auch was mit der Stasi zu tun. Völlig klar. Ich schwöre! Siehst du den schwarzen Polo? Da sind sie drin. Im Auftrag des Pianisten. Seit Tagen geht das schon so.“
„Die Stasi? Die gibt’s doch dar nicht mehr!“
„Das ist es ja. Die haben nichts zu tun und arbeiten jetzt auf Honorarbasis.“

Oje oje oje, das hört sich ja sehr ungesund an. Arme Kirsten?

Zitat:
Sie sagt, die Dünnen wären viel gefährlicher.

Sie ist schon etwas speziell, oder? Laughing

Zitat:
Es wird ein schöner Tag.

Und er ist wirklich sehr verliebt Wink

Zitat:
„Das habe ich Vater zu Lesen gegeben. Er hat alles abgestritten. In Wirklichkeit hat er das Ufer vom See immer weiter von mir weggezogen. Dass ich’s nicht mehr schaffe.“
„Kirsten, wie soll denn ein Mensch ein Ufer wegziehen?“, frage ich.

Es fällt ihm langsam auf. Gut. Alles andere hätte mich auch langsam gewundert.

Zitat:
Kirsten sagt, warum nicht, sie merkt ja, dass vieles nicht mehr klappt.

Das kommt für mich auch überraschend. Gerade eben hat sie noch bei seinem kleinen Widerspruch bzgl. ihres Vaters so heftig reagiert und jetzt ist sie einfach einverstanden, sieht ein, dass mit ihr etwas nicht stimmt? Das kommt mir nicht so schlüssig für ihre Figur vor.

Es hat mich auch erstaunt, dass jemand, der beim Sex so in Fahrt kommt, seinen Körper zu wenig spürt. Ist das logisch? Nur eine Frage.

Ich interpretiere es so, dass ein Mann eine Angebetete hat und im siebten Himmel schwebt, als sie sich ihm zuwendet. Er merkt früh, dass sie psychische Probleme hat, nimmt das aber in Kauf, da er so verliebt ist. Irgendwann merkt er aber, dass ihm ihre Probleme über den Kopf wachsen und schleicht sich recht unfair aus der Beziehung. Habe ich es richtig verstanden?
Es ist eine traurige Geschichte und Du schreibst sie ihn ganz eigenem Stil, einem recht lapidaren Stil. Ich könnte jetzt sagen, dass ich gerne etwas längere Sätze und etwas mehr Fleisch auf den Knochen hätte, aber ich glaube, das wäre dann eben nicht mehr Dein Stil. Insgesamt lässt es sich aber gut lesen, also braucht man daran auch nichts ändern.
Ich habe es gern und bis zum Ende gelesen, danke für die Geschichte.

Liebe Grüße
Selanna


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Nur ein mittelmäßiger Mensch ist immer in Hochform. - William Somerset Maugham
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Christof Lais Sperl
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BeitragVerfasst am: 30.08.2019 05:51    Titel: Kritik pdf-Datei Antworten mit Zitat

Gute Kritikpunkte. Ich werde am Wochenende überarbeiten! Vlg C

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Lais
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Christof Lais Sperl
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BeitragVerfasst am: 01.09.2019 09:58    Titel: Gezeiten 3.0 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe Kritiker*innen!
Eine traurige Geschichte von einem, der mit sich selbst und der Psychose einer Bekannten nicht mehr klarkommt. Erst will er den Zustand nicht wahrhaben, merkt aber dann, dass er die Liaison beenden muss, um sich selbst zu schützen.
Vielen Dank für die wertvolle Kritik. Ich habe alle Punkte noch einmal überarbeitet und zu verdeutlichen versucht.
Selanna: Ja, das ist ein armes Mädchen. Ja, das hat natürlich paranoide Züge.
Manchmal spürt sie den Körper. Beim Baden, beim Sex, aber man kann auch nicht ständig baden und Sex haben Confused
DLurie: Ja, der Erzähler kann nicht mehr. Er wird sonst in den Strudel hineingezogen. Er muss sie im Stich lassen.

*

Gezeiten
  
Vom Schreibtisch aus kann ich große Teile der feuchten Straßenschlucht einsehen. Die schon schütteren Bäume. Den Friseursalon. Manche Fenster sind geöffnet. Ein hellblonder Wuschelkopf folgt in einer weitläufigen Schlangenlinie grob der Fahrtrichtung. Wie Kirsten, denke ich. Die hat doch auch solche Locken, die jeder gern zwischen den Händen spüren will. Man könnte sie von der Seite her zusammendrücken und dann fühlen, wie klein der Kopf ist, der sich Schutz suchend im Gebüsch verkriecht.

Die Haarfarbe passt. Kirsten ist ein blonder Name.    

Nun höre ich Ohnesorge vom Einkauf kommen. Die BILD, eine Schachtel Zigaretten und eine Flasche Kirschlikör. Die Frau geht gebückt mit schlurfendem Gang. Traurige Augenbrauen über einem stets geheimnisvoll lächelnden Mund. Ein Mysterium. Monalisa mit Achtzig. Ohnesorge dreht das Schloss, mit langem Nachhall rumpelt das Schließgeräusch der Wohnungstür im Treppenhaus herunter. Es muss gegen drei sein. Ohnesorge kommt immer um drei, und macht sich eine neue Flasche auf. In einer halben Stunde ist es dann so weit. Lachen und Weinen wechseln alle paar Minuten, je nachdem, welche BILD-Geschichte sie gelesen hat. Ich habe nachgemessen: Maximal fünf Minuten pro Artikel. Die Spätnachmittage enden stets mit dem Weinen. Dann verstummt das Jammern nach und nach. Und Ohnesorge schläft von sechs bis zum Morgen durch.

Das schnelle Auf und Ab deckt sich nicht mit meinem Rhythmus. Bei mir laufen die Wellen in monatlichen Schüben. Auf dem Bildschirm flimmert das alte Konzert von Patti Smith. My Generation klingt gerade  aus. Sie trägt ein altes Jackett und junges Grinsen. Geht jetzt samt Band zum Interview mit Alan Bangs. Vollkommen breit. So dicht, dass sie die Sterne sehen muss. Lacht in die Kamera und spielt als Antwort Schalmeimelodien ins Mikro. So eine wär’s. Genau die wär’s. Jung, schön, schlau und schlaksig wie ein Junge. Der Pferdeschwanz. Das alte Jackett. Die schiefen Zähne.

Kirsten ist auch so eine. Beängstigend smart. Alles gehört, sämtliche Ausstellungen gesehen und jedes Buch gelesen. Immer ein wenig schneller im Kopf als die anderen, weshalb als Freund nicht jeder Kerl in Frage kommt. Außerdem ist sie  ziemlich groß, und dürfte mich um einen Kopf überragen. Kirsten gleicht all den Hübschen aus den TV-Nachrichten, die man auf wichtigen Konferenzen sehen kann, wenn sie dolmetschen oder Sitzungen leiten, Präsidenten die Hand schütteln, Krankenhäuser besichtigen und mit ihren Rollkoffern am Flughafen in Limousinen steigen. Edles Tuch und hohe Schuhe. Kirsten wirkt wie eine von denen: Blonde Mähne, die geschmackvoll ausgewählte Kleidung und leuchtend blaue Augen, die immer Kontakt halten. Selbst wenn sie überlegt, glänzen sie einen fiebrig an. Die Augen warten auf Antworten und Ideen. Wechseln in rasender Geschwindigkeit vom rechten zum linken Auge des Gesprächspartners und zurück. Vier mal pro Sekunde flackert das hin und her. Die ist nicht nur körperlich eine Nummer zu groß für mich. Auch sonst. Zu hübsch. Zu blond. Zu smart.

Ihre Männer haben alle was Besonderes. Erst war sie mit dem Schlagzeuger zusammen. Dann mit dem Maler, und zuletzt dem Pianisten. Der Pianist ist mein bester Kumpel. Da verbieten sich Begehrlichkeiten sowieso. Nur im Traum denke ich mal dran. Wie das mit ihr so wäre. Manchmal sitzen wir mit ein paar Leuten in der Küche des Pianisten. Allein habe ich sie noch nie getroffen. Die Stapel ungespülten Geschirrs. Ihre Slips auf dem Wohnzimmerteppich. Der Klaviermann hat die Young Gods aufgelegt. Kirstens Lieblingsband.

Der heftige Niederschlag draußen ist in einen Platzregen übergegangen. Es wird dunkel. Man vernimmt Ohnesorges Lachen. Seit sieben Jahren bin ich in der Wohnung und kann alle Geräusche voneinander unterscheiden. Ab und zu klingelt es, dann kommt jemand von den Jungs vorbei. An schlechten Tagen lösche ich das Licht und öffne nicht. Nur Fremde klingeln, wenn die Fensterlöcher schwarz sind. Die Jungs wissen aber bescheid. Die Terz der Türglocke erinnert mich an Zappas Xylophonläufe. Sieben Jahre sitze ich schon hier und rauche die Tapeten gelb. Der Qualm steht abends in Schichten im Zimmer und wird von den orangefarbenen Straßenlaternen durchleuchtet. Sieben Jahre solo, und nichts passiert.

Was ich haben will das krieg ich nicht Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht, heißt es auf Monarchie und Alltag.

Die Türglocke. Wer mag das sein? Egal, die Stimmung ist in Ordnung. Außerdem rieche ich gut, weil ich beim Frisör war. Ich drücke auf den Türöffner und zwei Minuten später steht Kirsten in der Wohnungstür. An der Leine ein kleiner Hund. „Ferdinand“, sagt Kirsten.
„Letzte Woche im Tierheim geholt“. Der schwarze Welpe weiß nicht wohin mit seiner jungen Freude. Er wirbelt um seine ahnungslose Seele herum. Weiß nicht, wohin er die Schnauze zuerst stecken soll. Ob ihm der Schwanz wehtut, wenn er ihn so heftig gegen den Türstock schlägt?
„Komm rein, Pferdchen“, bestimmt Kirsten und stellt eine große Sporttasche neben dem auf das Türholz trommelnden Hund ab.
„Mit dir hätte ich ja nun nicht gerade gerechnet“, sage ich. Kirsten zieht den nassen Parka aus und lässt den Blick nicht von mir ab.
„Hätte auch nicht gedacht, dass ich mal allein bei dir vorbeischaue. Ich muss aber unbedingt mal baden“, sagt sie. „Total durchgefroren“

Im Bad bollert das Wasser in die Wanne. Während ich mit Ferdinand spiele, ruft Kirsten durchs Brausen her:
„Ich brauche deine Hilfe. Gegenüber ist ein Neuer eingezogen. Ich fühle mich beobachtet. Der Pianist macht absichtlich nichts.“
Ihre Stimme klingt nach weichem Schaum. Die Badtür ist halb geöffnet, aber ich traue mich nicht hinein.
„In der Tasche ist Prosecco. Bringst du mir ein Glas?“
„Soll ich da jetzt wirklich reingehen, und dir das Glas bringen?“
„Völlig problemlos.“, sagt Kirsten.
Völlig ist eines ihrer Lieblingswörter.
„Siehst, du, man kann noch nichts erspähen!“, lacht mir Kirsten entgegen, die sich in einer Wolke aus Schaum verbirgt. Ihre Locken sind vom Wasser in dunkle Länge gezogen.
Aus der Wolke ragt ein Arm mit dem Sektglas, aus dem Kirsten jetzt in kleinen Schlucken trinkt.
„Wollen wir hier reden, oder später, wenn du fertig bist?“, frage ich.
„Wir gehen erst ins Spot, und reden heute Nacht weiter.“, sagt Kirsten.
„Weißt du noch, wie man zum Spot kommt? Ich habe den Orientierungssinn verloren.“
Ferdinand steht auf den Hinterläufen an der Badewanne.
„Geh raus, Pferdchen“, sagt Kirsten, als könnte der kleine Hund das schon verstehen, „ich komme gleich.“

Das Sofa. Auf dem Plattenteller dreht sich Dylan.
„Auch so ein Arschloch“, sagt Kirsten, die die klagende Stimme sofort erkannt hat und setzt sich neben mich.
„Hat sein Geld bei der Rüstungsindustrie angelegt. Wollen wir ins Spot?“
Ich mache die Anlage aus, und Schiebe Dylan in die Hülle. Sie sieht aus wie der Oberteil eines rosa Flügels. Die Schrift erinnert an Fahndungsplakate in alten Westernfilmen.

*

Das Gute am Spot ist der Platz. Es ist nie rammelvoll und überall stehen mit Samt bezogene Kisten, auf denen man sein Bier abstellen kann. In einiger Entfernung von der Tanzfläche sind Unterhaltungen möglich, ohne dass man sich ins Ohr brüllen muss.
„Bei was soll ich dir denn helfen, Kirsten?“
„Na ja, der Drummer, der Maler und der Pianist, du weißt schon. Sie haben Nachforschungen über mich angestellt. Vielleicht sind sie aufeinender eifersüchtig. Ich schätze mal, sie arbeiten trotzdem gemeinsam. Sie wollen sicherlich erfahren, welches meine nächsten Schritte sind. Also künstlerisch und beziehungsmäßig, meine ich. Sie Sachen mit den quadratischen Smileys habe ich ja völlig hinter mir. Der Pianist wollte mir keine Freiheit einräumen. Nun will er aber wissen, was ich kunstmäßig so mache. Ich bin ja nicht mehr mit ihm zusammen. Hab zwar noch das Zimmer und auch das bei meinen Eltern, aber die nerven auch immer mit ihrer Zukunftsfragerei. Außerdem mag Vater den Ferdinand nicht.“

Der liegt zwischen zwei Samtboxen und hat seine Schnauze zwischen die Vorderpfoten gestopft. Kirsten stellt ihren Hirtenbeutel auf Ferdinands Rücken. Der merkt das gar nicht und schläft weiter.
„Jetzt guck mich mal ganz genau an“, sagt Kirsten.
„Kennst du das, wenn sich Gesichter so nahe sind, dass die Teilbilder verschmelzen, und man nur noch ein Auge sieht?“ Kirstens Gesicht kommt näher. Blaues Leuchten umfängt mich und ich blicke in ein Zyklopenauge. Das Grinsen darunter. Ich nehme Kirstens Locken zwischen die Hände. Wie weich und gut sich das anfühlt. Jetzt die Schultern. So kraftvoll und rund. Kirsten küsst mich auf die Stirn und ihr Mund kriecht mir über ein Auge und die Nase zu meinen Lippen herunter. Wie weich sich auch das anfühlt. Wie gut das riecht.

„Ich habe hier noch ein paar Briefe“, sagt Kirsten. „Die bringe ich zum Spätschalter am Bahnhof. Dort hat die Post bis Mitternacht geöffnet. Warte zu Hause auf mich.“
Kirsten trinkt ihren Batida aus und geht. Ferdinand wirbelt an der Leine hinterher.

Vielleicht zum ersten Mal im Leben bin ich so richtig glücklich. Gute Neuigkeiten, und dann auch noch eine wie Kirsten. Die nächtliche Stadt und die gelben Blätter. Kühler Wind an den Straßenecken. Aber warum nun ausgerechnet ich? Einen guten Kopf kleiner als sie selbst. Und kaum was erreicht. Die paar Geschichten, damit wird man auch kein Millionär. Über den Job erst gar nicht zu reden. Was werden bloß die drei Anderen sagen? Und wie meinst sie das mit den Nachforschungen?

*

Ich habe die Nacht durch geraucht und Bier getrunken. Es ist Wochenende. Da geht das schon mal. Kirsten ist lange nicht gekommen. Gegen Acht am Morgen taucht sie dann doch noch mit einer Brötchentüte auf. Obwohl sie kaum geschlafen haben kann, ist ihr Teint so frisch  und rosig wie immer. Ferdinand rollt sich zusammen und schläft ein.

„Gut, dass ich deine Straße wiedergefunden habe. Ich habe selbst auch noch ein paar Nachforschungen zur Abwehr des gegnerischen Trios angestellt“, sagt Kirsten.
„Alles hat sich völlig bestätigt. Es wurden Dossiers über mich angelegt. Heute Nacht habe ich ja noch ein paar Briefe vom Bahnhof aus abgeschickt. Ich stehe in regem Austausch mit einem Typen am Bodensee. Kennst du aber nicht. Der bezeugt alles.“

Kirsten öffnet ihre Hirtentasche. Darin ein Dutzend, wenn nicht noch mehr Briefe. „Hier, alles voller Belege. Psst!“
Kirsten hat den Zeigefinger auf den geschlossenen Mund gelegt und konzentriert sich auf die Geräusche im Treppenhaus. Das wird wohl Ohnesorge sein. Kirsten küsst mich. Ich streichele ihren Rücken und umfasse ihre Hüften. Kirsten dreht sich weg und geht zum Fenster.
„Da unten, das sind sie. Die haben auch was mit der Stasi zu tun. Völlig klar. Ich schwöre! Siehst du den schwarzen Polo? Da sind sie drin. Im Auftrag des Pianisten. Seit Tagen geht das schon so.“
„Die Stasi? Die gibt’s doch dar nicht mehr!“
„Das ist es ja. Die haben nichts zu tun und arbeiten jetzt auf Honorarbasis.“

Unten der leere Polo.

Ich brühe Kaffee und sie deckt den Tisch. Die beste Mahlzeit des Tages. Frische Brötchen, so richtig Hunger, danach noch einen Kaffee und mit Kirsten rauchen. Sie hat sich wieder beruhigt, und Ferdinand knabbert unterm Tisch an einem Gummiball herum. Man sieht das Weiß seiner Augen, so strengt er sich beim Kauen an. Kirsten dreht immer ganz dicke Zigaretten und zieht nur wenig vom Rauch ein. Sie sagt, die Dünnen wären viel gefährlicher. Das Tabak-Papier-Verhältnis müsse exakt neun zu zehn sein.
„Nur Leute, die Dünne rauchen kriegen Lungenkrebs.“

Es wird ein schöner Tag.

„Wir können spazieren gehen. An der Leine entlang. Das wird auf Ferdinand Spaß machen“, sage ich.
„Klar“, sagt Kirsten.
„Aber vorher müssen wir noch ein bisschen Kuscheln. Der Pianist wollte mich zuletzt ja gar nicht mehr.“

Die Befürchtung, ich könnte Kisten nicht genügen. So als Vierter. Nach dem Schlagzeuger, dem Maler und  dem Pianisten. Diesen ganzen Edeltypen. Aber Kirsten scheint es zu gefallen. Sie kommt ganz schön in Fahrt. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Eine Frau neben mir, die mir wirklich so richtig gefällt. Nicht eine von denen, die mir das Leben irgendwann zugeteilt hat. Eine Frau, die ich verschlingen könnte. Blitzblank und schön. Alles Augen, Locken, Haut, Hellblau und Wärme, wie sich das verwirbelt. Der Hund denkt, ein Spiel.
„Pferdchen, geh weg!“, ruft Kirsten und schwingt das Bettlaken wie eine Fahne. Ferdinand zieht sich unter den Tisch zurück und knabbert an seinem Ball.

*

„Wie kommen wir denn ans Leineufer?“, fragt Kirsten.
„Ich kenne mich in der Stadt ja gar nicht mehr aus. Die Stadtteile verschieben sich gegeneinander. Das hat was mit meinem Vater zu tun. Lies das mal“, sagt sie und zieht ein Blatt Papier aus der Tasche, das an den Rändern ganz abgegriffen ist.

Kirstens Schrift.

Weißt du noch, als wir im Urlaub am Steinhuder Meer waren? Ich war hinausgeschwommen. Du hattest mir einen Schwimmreifen gekauft, der aussah wie ein Flamingo. Der Schwimmreifen war mir entglitten. Ich konnte noch nicht gut schwimmen und rief nach dir. Du hast dich aber nicht darum gekümmert. Ein fremder Mann hat mich gerettet.

„Das habe ich Vater zu Lesen gegeben. Er hat alles abgestritten. In Wirklichkeit hat er das Ufer vom See immer weiter von mir weggezogen. Dass ich’s nicht mehr schaffe.“
„Kirsten, wie soll denn ein Mensch ein Ufer wegziehen?“, frage ich.
„Und dann auch noch dein Vater. Der kann doch keiner Fliege was antun.“
Kirsten wird zu einem Automaten. Ihre Mimik gleicht jetzt der von Weidel, wenn sie im Bundestag über Messermänner redet. Ein Stakkato ohne jede Betonung.
„Siehst du, nun gehörst du auch dazu. Ich wusste es. Alle gehören dazu.“
Sie weint.
„Beruhige dich. Es ist alles gut. Ich halte zu dir“, sage ich. Ich wische Kirsten die Tränen weg. Nun ist sie wieder fröhlicher:
„Tut mir leid. Du hast ja gesagt, dass du mir hilfst. Und mich nicht wie die Anderen einfach wegschmeißt. Ich finde keinen Schlaf mehr.“

Am Leineufer hüpfen Krähen herum. Ich mag Krähen, weil sie so schlau sind; wenn der Mensch seine Lebensgrundlage zerstört hat, werden diese Vögel übernehmen. Ferdinand kennt noch keine Krähen und hält respektvoll Abstand. Auf einer Parkbank erblicke ich Helle. Der ist ganz erstaunt, mit wem ich einen Spaziergang mache.

„Oha“, sagt Helle. „Grüß dich!“
„Na, altes Haus? Dies ist Kirsten. Und das hier mein Freund, der Helle.“
„Hallo Helle“, sagt Kirsten. „Kennst du Chris schon lange?
„Klar“, sagt Helle. „Schon ewig. Seit der Neunten Klasse. Im Moment mache ich Zivildienst. Da sehen wir uns nicht mehr so oft. Essen ausfahren und so was.“
„Zivildienst ist völlige Scheiße“, sagt Kirsten.
„Da sollte man besser total verweigern, und in den Knast gehen. Mit Zivildienst denkst du, du tust was gegen das System. Aber im Grunde stabilisierst du die ganze Kacke noch weiter. Da geben sie vor, den Leuten Rechte einzuräumen, also zum Beispiel den Kriegsdienst zu verweigern, aber in Wahrheit lügen sie dich an und locken dich mit der ganzen Kohle zum Zivildienst. Darauf fällst du rein? Wieviel kriegst du? Einen Tausender? Und wer zahlt die Knete, die du abends in der Kneipe auf den Kopf haust? Der gleiche Staat, der den Bundeswehrtypen den Sold überweist! Ist doch alles verlogen! Damit ködern sie euch alle. Ich würde auf jeden Fall sofort in den Knast. Alles andere ist pure Heuchelei und  Untertanentum. Obwohl man im Sinne einer akzelerationalistischen Theorie  wie bei Williams und Smicek natürlich auch argumentieren könnte, den Kapitalismus, der sich mit seinem Klimawandel, dem CO2 und der Massenverelendung selber auffrisst, in seiner Selbstzerstörung zu beschleunigen. Dann geht alles noch schneller den Bach runter. Nick Land dachte am Anfang ja auch so, bevor das alles nach rechts abgedriftet ist. Ob du das alles verstehst, möchte ich aber mal bezweifeln, du Angsthase!“
„Oha“, sagt Helle.
„Ishaltso“, sagt Kirsten.
„Überleg dir mal, ob du noch auf dem richtigen Dampfer bist. Dann reden wir nächstes Mal weiter.“
„Okay, Helle, wir müssen dann mal weiter.“, sage ich. „Mach’s gut.“
„Bis die Tage, Alter“, sagt Helle. Er hebt die Augenbrauen an und nickt bedächtig.   
Kirsten atmet wie nach einem Hundertmeterlauf. Sie zittert.

*

Meine Brust ist immer noch, wie gestern Abend, vor Freude aufgebläht. Aber nun schiebt sich von oben ein Schmerz durch die Speiseröhre, als wollte jemand einen Korkenzieher durch den Hals bis zum Magen runterschrauben. Ob ich das hinkriege? Ob ich ein wenig Ruhe schaffen kann?

„Kirsten, ich habe Hunger. Laß uns auf dem Weg was essen gehen“.
„Was Vegetarisches“, sagt Kirsten.
„Dann gehen wir zum Imbiss am Park, da gibt’s Farfalle oder Falafel.“
„Falafel“, lacht Kirsten.
  
Wir besprechen auf dem Heimweg, dass wir bei Andreas vorbeigehen sollten. Kirsten kennt ihn nicht. Er ist Diplom-Psychologe. Klinischer. Kriegt zwar sein eigenes Leben nicht so ganz auf die Reihe, aber seinen Patienten hat er bisher wohl immer ganz gut geholfen, wie man hört. Kirsten sagt, warum nicht, sie merkt ja, dass vieles nicht mehr wie früher ist. Der Schlafmangel. Das aggressive Reden. Und dazu die vielen Streitereien. Kirsten braucht Harmonie. Schneller als ich dachte, hat sie eingewilligt.   

„Ist bestimmt nichts Schlimmes“, sage ich. „Wir kriegen das schon hin.“

Andreas öffnet die Tür. Immer noch ganz der Jesus mit langem Haar und dürrem Bart. Kirsten fragt nach der Toilette. Ich gebe ein paar Erklärungen und frage Andreas, ob ich mit ins Zimmer kommen soll, oder draußen warten. Wäre schon ganz gut, wenn du mit reinkämst, denn zu zweit hört ja man ja immer mehr als allein. Falls du Kirsten dann noch weiter unterstützen willst.

„Also“, sagt Andreas, und schaltet auf professionell um, „ist denn in letzter Zeit manches merkwürdig gewesen? Hat sich bei euch oder bei dir“, er schaut Kirsten an, „irgendetwas verändert?“

Kirsten redet eine gute Stunde. Von den Streitigkeiten. Dem Orientierungssinn. Von Zeiten der Apathie und solchen schlaflosen Rasens. Dass sie keinen Stadtteil und keine Wohnung mehr findet. Sich keine Straßennamen mehr merken kann. Dass das mit den Nachforschungen jeden Tag schlimmer wird.

„Womit ihr beginnen könnt“, sagt Andreas, „ist zu spüren, wann Kirsten zuviel im Kopf aber zu wenig im Körper lebt. Momentan spielt sich zu viel im Kopf ab. Das passiert den Eingeschränkten nicht. Nur den Intelligenten.“ Er lächelt. „Dumme kommen gar nicht da hin, wo du jetzt bist, Kirsten. Fangt damit an, dass du jeden Tag ein Bad nimmst. Schön heiß. Dass du deinen Körper wieder richtig spürst, und aus dem Kopf herauskommst. Ihr könnt auch zu zweit baden. Und dabei unterhaltet ihr euch. Wie sich das anfühlt. Schreibt alles auf. Das weitere kriegen wir in der Zukunft noch hin.“

*

Wir sitzen in der Wanne gegenüber. Das heiße Wasser. Der dicke Strahl, dessen Eintrittsgeräusch vom Schaum angenehm gedämpft wird. Der Schmerz bohrt sich noch immer durch meine Kehle. Er ist sogar noch heftiger geworden. Wie soll das weitergehen? Ich nehme mit der Hand Wasser auf, und lasse es an meiner Brust vom Hals abwärts hinabrinnen. Das hilft. Das Gefühl der Freude und zugleich der Verzweiflung. Die Frage, was stärker ist, Liebe oder Angst. Kirsten erzählt etwas über regionale Schriftsteller, springt von Broch zu Grimmelshausen, von den Young Gods zu Žižek. Wie Zappa im Hotel eine Folterszene nachstellt und das Opfer rufen muss: „Nein, ich werde nie wieder in einem Cadillac fahren“. Wie Benigni in Down By Law englische Schimpfwörter in sein Notizbuch schreibt, um sie Redenwendungen einzuflechten. Eine Frau, die viel weiß. Endlich mal Gespräche, die ihren Namen verdient haben. Wir lachen und ich sage:
„Spürst du das Wasser auf deiner Haut? Nimmst du deinen Körper wahr? Fühlst du, wie die Wärme dich zurückbringt? “   
Kirsten sieht mich an.

*

Die Fahrt. Es ist zwei. „Wohin fahren wir? Ich habe Durst“, sagt Kirsten.
„Das war eine Überraschung. Jetzt sage  ich’s dir. Bremen. Zwei Tickets. Ein bisschen ausspannen. Ich fahre an der ARAL raus. Muss mal tanken. Nimm Ferdi mit. Der kann sich mal ein bisschen bewegen und Wasser trinken.“
„Cool“, sagt Kirsten und betrachtet die Tickets, „die Young Gods.“

Sie steigt mit Ferdi aus und geht zum Shop. Ich hatte zuerst so getan, als wollte ich zur Zapfsäule. Tanken. Ich steige aber wieder ein und gebe Vollgas. Kann nicht mehr. Tränen dringen in meine Augen und lassen die vor mir fahrenden Autos wie tanzende rote Sterne erscheinen. Ich presse die Tränen aus den Augen. Am nächsten Parkplatz halte ich an, um mich zu übergeben. Die Wagentür bleibt geöffnet. Alles im Eimer. Der Motor läuft und der Scheibenwischer scheuert blöde hin und her.


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Kiara
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BeitragVerfasst am: 01.09.2019 10:33    Titel: Antworten mit Zitat

Gelungen smile Die Überarbeitung ebenfalls. Danke für die Geschichte!
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Literättin
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BeitragVerfasst am: 01.09.2019 11:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Christof,

ich habe die jüngste Version gelesen und nachdem mich die Ohnesorge und Patti Smith hineingezogen hatten, warf mich das was folgte leider immer wieder raus, so dass ich nach dem Anfang erst das Ende, dann ein paar der vorherigen Kommentare quer- und dann den Rest aus der Mitte gelesen habe.

Ein paar Dnge möchte ich dir herlassen: zum einen glaube ich, dass das Format der Kurzgeschichte nicht zum eigentlichen Inhalt und zum dahinter stehenden Drama passt, das in diesem Format wohl nur zu kurz kommen kann.

So wirkt das eigentliche Drama wie aus Versatzstücken zusammen geschustert.

Während mich zu Beginn die personale Kombination einer Frau Ohnesorge und der alten jungen Patti wirklich gespannt macht, - regelrecht am Haken hänge ich bei diesen beiden, - langweilen mich die folgenden Klischeebilder und als erstes wundere ich mich, dass der Protagonist von Patti Smith eine direkte Linie zu dieser smarten Blondine (als solche sehe ich sie geschildert) die quasi in den Augen des Protagonisten nur aus lauter Blau und Blond gewirbelt ist und sich unter all die "Hübschen" reiht, die Mann offenbar im Fernsehen so verfolgt (?). Erst dieses tatsächlich noch die Person würdigende:

Zitat:
Sie trägt ein altes Jackett und junges Grinsen. Geht jetzt samt Band zum Interview mit Alan Bangs. Vollkommen breit. So dicht, dass sie die Sterne sehen muss. Lacht in die Kamera und spielt als Antwort Schalmeimelodien ins Mikro. So eine wär’s. Genau die wär’s. Jung, schön, schlau und schlaksig wie ein Junge. Der Pferdeschwanz. Das alte Jackett. Die schiefen Zähne.


Und dann das:

Zitat:
Kirsten ist auch so eine. Beängstigend smart. Alles gehört, sämtliche Ausstellungen gesehen und jedes Buch gelesen. Immer ein wenig schneller im Kopf als die anderen, weshalb als Freund nicht jeder Kerl in Frage kommt. Außerdem ist sie ziemlich groß, und dürfte mich um einen Kopf überragen. Kirsten gleicht all den Hübschen aus den TV-Nachrichten, die man auf wichtigen Konferenzen sehen kann, wenn sie dolmetschen oder Sitzungen leiten, Präsidenten die Hand schütteln, Krankenhäuser besichtigen und mit ihren Rollkoffern am Flughafen in Limousinen steigen. Edles Tuch und hohe Schuhe. Kirsten wirkt wie eine von denen: Blonde Mähne, die geschmackvoll ausgewählte Kleidung und leuchtend blaue Augen ...


Da bin ich zum ersten Mal raus und surfe quer durch diesen Faden wie eingangs beschrieben, frage mich, ob da der Klischee-Mann im Protagonisten durchgegangen ist oder im Autor.

Das tut dem Text nicht gut, der wie gesagt ein spannender, interessanter und bewegender Roman sein könnte, ähnlich wie es Soundsoviel Grad am Morgen (der Film), ich glaube, "Betty" hieß er, als Film war: in sich stimmig in Format und Inhalt.

Ich vertexte mich gerade, zurück zum Thema.

Ich bemängele also das in meinen Augen falsche Kurzgeschichten-Format und die Versatzstücke: da wird eine Lebenswelt zusammengeschustert, die auf mich fade wirkt wie jahrzehntelang abgestandener Rauch: die Band, die Künstler, Patti, Zappa, Begehrlichkeiten des Protagonisten und die geheimnisvolle Schöne, die dann leider irre ist.

Dazu der Jesus als Kumpel-Therapeut.

Und wie aus der Zeit in die Vergangenheit geschossen plötzlich die Weidel, während ich mich noch irgendwo tief in den Achtziger Jahren wähne. Das scheint mir alles nicht so recht zu passen.

Und wo das Bild der Messermänner-Weidel mir noch spontan einen schönen (vorerst und vermeintlich gelungenen) Schauer über den Rücken jagt, so als Bild, bleibt mir hier am Ende ein ähnlich schales Gefühl wie mit Patti Smith herein gelegt worden zu sein, denn beide dienen hier als Bildkulisse. Und wohin zeigt das irre Weidel-Bild: auf Kirsten oder auf die Weidel? Und ist das so wirklich beabsichtigt? Oder ist das eine Art versehentlicher "Bild-Missbrauch", der aus der Geschichte hinaus auf aktuelles Zeitgeschehen weist bzw. umgekehrt aus der eigentlich angehimmelten Kirsten urplötzlich eine Art "Monster" macht? Oder aus der Weidel eine Art "Monster" wo das wiederum auch nicht funktionieren kann und für die Geschichte nicht wirklich einen eigenen, eigentlichen Gehalt birgt? Kürzer formuliert: da müsste ein eigenes Bild gezeichnet werden, das nicht ein Weidel'sches Minenspiel bemühen müsste, um der Kirsten etwas Schauriges zu geben ohne "Messermänner-Weidel" ins bildnerische Schlepptau nehmen zu müssen.

In der Bernutzung solchen Bildinventars, stimmt für mich etwas nicht. Und ich ahne an dieser Stelle, dass es wirklich dem zu kurzen Format geschuldet sein könnte, denn wie bringt man ein solches ernstes Drama, das am Rande (ob gewollt oder ungewollt ist mir nicht so klar) den Thriller schrammt, in eine so kurze Fassung?

Meiner Meinung nach so nicht. Weil Klischees, regelrecht "ausgeschnittenes" und zusammengewürfeltes Personal und schnell aneinander gesetzte Szenen einer wohl eher langwierigeren Entwicklung nicht gerecht werden. Das wirkt zusammengehauen. SO stimmen die Kumpels der Pianist, der Maler, der Schlagzeuger auch nicht. Es sind beliebige Pappfiguren aus einer semi-Subkulturellen Pseudoszene die am Rande etwas hipp und smart erscheint. Urban. Ein wenig abgefuckt. Aber in diesem Format in sich überhaupt nicht stimmig. Und wenig lebendig.

Der Protagonist nervt mich am Ende nicht weniger als Jesus und die Blondine, deren blonder Name anfangs Wuschelkopf ist, dann zu einem irren TV-Sternchen mutiert. Und die herben psychischen Leiden die hier anklingen erscheinen mir am Ende genauso versatzstückhaft gebraucht, wie um was spannendes in Kurzform zu pressen.

Ich ziehe mir an dieser Stelle die Angelhaken Patti Smith samt Alan Bangs und Frau Ohnesorge aus dem Gaumen und wünsche der eigentlichen Geschichte hinter diesem Text mehr Raum und eine würdigendere Herangehensweise.


Am Ende vermisse ich jedenfalls die Ohnesorge.

LG, Literättin


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Christ wird nicht derjenige, der meint, dass "es Gott gibt", sondern derjenige, der begonnen hat zu glauben, dass Gott die Liebe ist.
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Im günstigsten Fall führt literarisches Schreiben und lesen zu Erkenntnis.
- Marlene Streeruwitz - (Danke Rübenach für diesen Tipp.)
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Christof Lais Sperl
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BeitragVerfasst am: 01.09.2019 11:57    Titel: @Literättin pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Literättin, klasse Kritik. Chapeau. Aber bitte Freiheit zugestehen. In der Kunst dürfen doch durchaus verschiedene Epochen vermengt werden, so wie es doch auch in uns selbst geschieht. Klar, vielleicht verdient die Ohnesorge ein eigenes Buch, hier ist sie nur Kulisse. Sie ist wichtig für die Geräusche. Und das mit dem TV-Sternchen verstehe ich nicht. Ein Sternchen ist doch so etwas Dümmliches im Fernsehen. Doch die erträumte  Kirsten, die unerreichbare Smith und all die Hübschen auf den Konferenzen gehören ja nicht zu den Dummen! Vielleicht gebe ich dir aber Recht, was den Roman anbelangt. Zu lang für kurz, zu kurz für lang? Danke, LG, C

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Literättin
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BeitragVerfasst am: 01.09.2019 12:03    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Christof, ja, bei meiner Sternchen-Formulierung hing ist selbst eine Weile, weil es ja so nicht stimmt, ich glaube ich meine einfach diesen "sexualisierten Blick" auf diese TV-Figuren*, die hier angehimmelt werden, so wie der Blick auf Kirsten ein in erster Linie sexualisierter ist, während wenige Zeilen vorher Patti Smith noch anders gewürdigt wird: als Person. LG nochmal, Literättin

noch scnell ein edit. *(...) auf diese TV-Hübschen


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Nina
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BeitragVerfasst am: 01.09.2019 12:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Christof,

gut geschriebene Geschichte mit interessanten Bildern. Das hektische Ende verstehe ich allerdings nicht wirklich. Es kommt etwas abrupt, nachdem die Erzählung so schön langsam und atmosphärisch aufgebaut wurde.

Ein paar Sachen sind mir aufgefallen:


Zitat:
Ich habe den Orientierungssinn verloren.


Das stimmt so nicht, sie hat ja auch zu ihm gefunden. Entweder "ich habe gerade die Orientierung verloren" oder "ich kann mich gerade nicht erinnern" o.ä.

Zitat:
Sie sieht aus wie der Oberteil eines rosa Flügels.


Der Oberteil? Das Oberteil oder: der obere Teil des Flügels.

Zitat:
Vielleicht sind sie aufeinender eifersüchtig.


... aufeinander.

Zitat:
Sie wollen sicherlich erfahren, welches meine nächsten Schritte sind.


welche / wie

Zitat:
Der Hund denkt, ein Spiel.


es sei ein Spiel.

Gern gelesen, sehr atmosphärisch, gefällt mir sehr. Gut komponiert.

Liebe Grüße
Nina


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Christof Lais Sperl
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BeitragVerfasst am: 01.09.2019 13:25    Titel: Nina pdf-Datei Antworten mit Zitat

Gute Ideen, Nina. Danke. Vielleicht sollte ich das Ende besser auslaufen lassen. Lg C

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Rübenach
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BeitragVerfasst am: 01.09.2019 14:07    Titel: Antworten mit Zitat

Irgendwie bekomme ich das nicht auf die Reihe.
Ich-Erzähler erzählt im Präsens. Für mich ein Zeichen, dass das erlebende und das erzählende Ich zeitlich nicht weit auseinanderliegen. Klar, es gibt das historische Präsens, aber der Erzählgestus des Ich-Erzählers ist nicht der eines Großvaters, der im Lehnsessel seinen Enkelkindern aus den Zeiten vor dem letzten Krieg erzählt.

Durch die Beschreibung der Kerstin als weidel-haft und die von mir unterstellte kurze zeitliche Diskrepanz zwischen den Momenten der Erlebens und der Situation des Davon-Erzählens verorte ich die Handlung der Geschichte in der Gegenwart.

Und dann taucht da plötzlich ein Zivildienstleistender auf?


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Christof Lais Sperl
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BeitragVerfasst am: 01.09.2019 14:16    Titel: @rübenach pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke für die Kritik, Rübenach. Aber ist die Kunst nicht losgelöst von den Epochen in der Realität? Lg, C

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Selanna
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BeitragVerfasst am: 02.09.2019 23:41    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Christof,

ich dann auch noch einmal, obwohl Du ja schon sehr fundierte Kritiken gesammelt hast! Wow, das war ja eine Resonanz!

Zitat:
traurige Augenbrauen über einem stets geheimnisvoll lächelnden Mund.

Das hast Du gut beobachtet und formuliert. Ein trauriges Bild.

Du hast noch ein paar Satzzeichenfehler und Flüchtigkeitsfehler drin, ein paar hat ja Nina angemerkt. Ich war mal so, ähem, faul, und überlass das Dir Embarassed

Dass man Epochen so vermischt, von Weidel und ganz anderen Indizien, kenne ich so nicht, aber in Kurzgeschichten kann ich es mir als legitim, wenn auch etwas extravagant vorstellen. Es hat mich nicht gestört und wenn es Dein Stil und Dein Wille ist, sei es Dir gewährt Laughing

Der Mann sieht die Frauen sexualisiert, da hat Literättin recht und ich habe eine Weile darüber nachgedacht, wie ich das finde. Aber ich denke, wenn man lange allein oder in einer Partnerschaft nicht zufrieden ist, ist es für viele Leute (Mann wie Frau) normal, dass man das andere Geschlecht (oder dasselbe, je nachdem) mit viel Interesse anschaut und beurteilt und vor sich hinträumt: Die wäre doch was, der würde mir gefallen. Ich glaube, dass das eine nicht herabsetzende Sexualisierung ist, sondern was mit Partnerwunsch zu tun hat, und ein Blick in sein Denken und Fühlen ist. Ich finde es also angemessen für den Text.

Für mich ist es insgesamt viel logischer, nachvollziehbarer und geschmeidiger geworden. Die Überarbeitung hat sich gelohnt!

Liebe Grüße
Selanna


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Christof Lais Sperl
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BeitragVerfasst am: 03.09.2019 05:31    Titel: Selanna.. pdf-Datei Antworten mit Zitat

..danke dir. Ich werde die neuen Kritiken am Sonntag auch noch berücksichtigen.
Vlg, CLS


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BeitragVerfasst am: 17.09.2019 09:55    Titel: Gezeiten 3.0 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Literättin, Nina und all die weiteren Kritiker*innen, ich habe eure Ideen aufgenommen, hier und da noch etwas entschärft und abgerundet, Klischees geschliffen und in weicheres Licht getaucht. Ich hoffe, es passt. Ich denke, Literättin, das könnte wirklich ein Buch werden. Auch O. taucht noch mal kurz auf; ) Der Zivildienst wurde storniert. Der Psychologe ist kein Prophet mehr. Und ich hoffe, daß ich Kisten wie die Smith bewundere. VLG, CLS

Gezeiten
   

Vom Schreibtisch aus kann ich große Teile der feuchten Straßenschlucht einsehen. Die schon schütteren Bäume. Den Friseursalon. Manche Fenster sind geöffnet. Ein hellblonder Wuschelkopf folgt in einer weitläufigen Schlangenlinie grob der Fahrtrichtung. Fahrrad von oben. Wie Kirsten, denke ich. Die hat doch auch solche Locken, die jeder gern zwischen den Händen spüren will. Man könnte sie von der Seite her zusammendrücken und dann fühlen, wie klein der Kopf ist, der sich Schutz suchend im Gebüsch verkriecht.

Die Haarfarbe passt. Kirsten ist ein blonder Name.     

Nun höre ich Ohnesorge vom Einkauf kommen. Die BILD, eine Schachtel Zigaretten und eine Flasche Kirschlikör. Die Frau geht gebückt mit schlurfendem Gang. Traurige Augenbrauen über einem stets geheimnisvoll lächelnden Mund. Ein Mysterium. Monalisa mit Achtzig. Ohnesorge dreht das Schloss, mit langem Nachhall rumpelt das Schließgeräusch der Wohnungstür im Treppenhaus herunter. Es muss gegen drei sein. Ohnesorge kommt immer um drei, und macht sich eine neue Flasche auf. In einer halben Stunde ist es dann so weit. Lachen und Weinen wechseln alle paar Minuten, je nachdem, welche BILD-Geschichte sie gelesen hat. Ich habe nachgemessen: Maximal fünf Minuten pro Artikel. Die Spätnachmittage enden stets mit dem Weinen. Dann verstummt das Jammern nach und nach. Und Ohnesorge schläft von sechs bis zum Morgen durch.

Das schnelle Auf und Ab deckt sich nicht mit meinem Rhythmus. Bei mir laufen die Wellen in monatlichen Schüben. Auf dem Bildschirm flimmert das alte Konzert von Patti Smith. My Generation klingt gerade  aus. Sie trägt ein altes Jackett und junges Grinsen. Geht jetzt samt Band zum Interview mit Alan Bangs. Vollkommen breit. So dicht, dass sie die Sterne sehen muss. Lacht in die Kamera und spielt als Antwort Schalmeimelodien ins Mikro. So eine wär’s. Genau die wär’s. Jung, schön, schlau und schlaksig wie ein Junge. Der Pferdeschwanz. Das alte Jackett. Die schiefen Zähne.

Kirsten ist eine wie Patti. Beängstigend smart. Alles gehört, sämtliche Ausstellungen gesehen und jedes Buch gelesen. Immer ein wenig schneller im Kopf als die anderen, weshalb als Freund nicht jeder Kerl in Frage kommt. Außerdem ist sie  ziemlich groß, und dürfte mich um einen Kopf überragen. Kirsten gleicht all den Schlauen und Hübschen aus den TV-Nachrichten, denen, die man auf Konferenzen sehen kann. Wenn sie dolmetschen oder Sitzungen leiten, Präsidenten  auf Augenhöhe die Hand schütteln, Krankenhäuser besichtigen und mit ihren Rollkoffern am Flughafen in Limousinen steigen und Fragen der Reporter wie aus der Pistole geschossen und in beneidenswert gutem Englisch beantworten. Kirsten wirkt wie eine von denen: Stolze Beweglichkeit, die geschmackvoll ausgewählte Kleidung, die ewigen Bücher unterm Arm und leuchtend blaue, schlaue Augen, die stets Kontakt halten. Selbst wenn sie überlegt, glänzen sie einen fiebrig an. Die Augen warten auf Antworten und Ideen. Wechseln in rasender Geschwindigkeit vom rechten zum linken Auge des Gesprächspartners und zurück. Vier mal pro Sekunde flackert das hin und her. Das zieht mich hinein, und ich will mich in diesem Kirsten-Universum verlieren. Doch die ist nicht nur körperlich eine Nummer zu groß für mich. Auch sonst. Zu hübsch. Zu blond. Zu smart. Zu bedeutend.

Ihre Männer zu besprechen, lohnt für meinen Bericht nicht. Deshalb nur so viel: Sie haben alle was Besonderes, etwas, das ich nicht vorweisen kann. Ein Umstand, der mich unfrei macht. Erst war sie mit einem Schlagzeuger zusammen. Dann war's ein Maler, und zuletzt ein Pianist. Der ist mein bester Kumpel. Da verbieten sich Begehrlichkeiten sowieso. Nur im Traum denke ich mal dran, wie das mit ihr so wäre. Manchmal sitzen wir mit ein paar Leuten in der Küche des Tastenmannes. Allein habe ich sie noch nie getroffen. Die Stapel ungespülten Geschirrs. Ihre Slips auf dem Wohnzimmerteppich. Der Klaviermann hat die Young Gods aufgelegt. Kirstens Lieblingsband.

Der heftige Niederschlag draußen ist in einen Platzregen übergegangen. Es wird dunkel. Man vernimmt Ohnesorges Lachen. Seit sieben Jahren bin ich in der Wohnung und kann alle Geräusche voneinander unterscheiden. Ab und zu klingelt es, dann kommt jemand von den Jungs vorbei. An schlechten Tagen lösche ich das Licht und öffne nicht. Nur Fremde klingeln, wenn die Fensterlöcher schwarz sind. Die Jungs wissen aber bescheid. Die Terz der Türglocke erinnert mich an Zappas Xylophonläufe. Sieben Jahre sitze ich schon hier und rauche die Tapeten gelb. Der Qualm steht abends in Schichten im Zimmer und wird von den orangefarbenen Straßenlaternen durchleuchtet. Sieben Jahre solo, und nichts passiert.

Was ich haben will das krieg ich nicht Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht, heißt es auf Monarchie und Alltag.

Die Türglocke. Wer mag das sein? Egal, die Stimmung ist in Ordnung. Außerdem rieche ich gut, weil ich beim Frisör war. Ich drücke auf den Türöffner und zwei Minuten später steht Kirsten in der Wohnungstür. An der Leine ein kleiner Hund. „Ferdinand“, sagt Kirsten.
„Letzte Woche im Tierheim geholt“. Der schwarze Welpe weiß nicht wohin mit seiner jungen Freude. Er wirbelt um seine ahnungslose Seele herum. Weiß nicht, wohin er die Schnauze zuerst stecken soll. Ob ihm der Schwanz wehtut, wenn er ihn so heftig gegen den Türstock schlägt?
„Komm rein, Pferdchen“, bestimmt Kirsten und stellt eine große Sporttasche neben dem auf das Türholz trommelnden Hund ab.
„Mit dir hätte ich ja nun nicht gerade gerechnet“, sage ich. Kirsten zieht den nassen Parka aus und lässt den Blick nicht von mir ab.
„Hätte auch nicht gedacht, dass ich mal allein bei dir vorbeischaue. Ich muss aber unbedingt mal baden“, sagt sie. „Total durchgefroren“

Im Bad bollert das Wasser in die Wanne. Während ich mit Ferdinand spiele, ruft Kirsten durchs Brausen her:
„Ich brauche deine Hilfe. Gegenüber ist ein Neuer eingezogen. Ich fühle mich beobachtet. Der Pianist macht absichtlich nichts.“
Ihre Stimme klingt nach weichem Schaum. Die Badtür ist halb geöffnet, aber ich traue mich nicht hinein.
„In der Tasche ist Prosecco. Bringst du mir ein Glas?“
„Soll ich da jetzt wirklich reingehen, und dir das Glas bringen?“
„Völlig problemlos.“, sagt Kirsten.
Völlig ist eines ihrer Lieblingswörter.
„Siehst, du, man kann noch nichts erspähen!“, lacht mir Kirsten entgegen, die sich in einer Wolke aus Schaum verbirgt. Ihre Locken sind vom Wasser in dunkle Länge gezogen.
Aus der Wolke ragt ein Arm mit dem Sektglas, aus dem Kirsten jetzt in kleinen Schlucken trinkt.
„Wollen wir hier reden, oder später, wenn du fertig bist?“, frage ich.
„Wir gehen erst ins Spot, und reden heute Nacht weiter.“, sagt Kirsten.
„Weißt du noch, wie man zum Spot kommt? Ich habe die Orientierung verloren.“
Ferdinand steht auf den Hinterläufen an der Badewanne.
„Geh raus, Pferdchen“, sagt Kirsten, als könnte der kleine Hund das schon verstehen, „ich komme gleich.“

Das Sofa. Auf dem Plattenteller dreht sich Dylan.
„Auch so ein Arschloch“, sagt Kirsten, die die klagende Stimme sofort erkannt hat und setzt sich neben mich.
„Hat sein Geld bei der Rüstungsindustrie angelegt. Wollen wir ins Spot?“
Ich mache die Anlage aus, und Schiebe Dylan in die Hülle. Sie sieht aus wie der Obere Teil eines rosa Flügels. Die Schrift erinnert an Fahndungsplakate in alten Westernfilmen.

*

Das Gute am Spot ist der Platz. Es ist nie rammelvoll und überall stehen mit Samt bezogene Kisten, auf denen man sein Bier abstellen kann. In einiger Entfernung von der Tanzfläche sind Unterhaltungen möglich, ohne dass man sich ins Ohr brüllen muss.
„Bei was soll ich dir denn helfen, Kirsten?“
„Na ja, die Künstler, du weißt schon. Sie haben Nachforschungen über mich angestellt. Vielleicht sind sie aufeinander eifersüchtig. Ich schätze mal, sie arbeiten trotzdem gemeinsam. Sie wollen sicherlich erfahren, welche meine nächsten Schritte sind. Also künstlerisch und beziehungsmäßig, meine ich. Sie Sachen mit den quadratischen Smileys habe ich ja völlig hinter mir. Der Pianist wollte mir keine Freiheit einräumen. Nun will er aber wissen, was ich kunstmäßig so mache. Ich bin ja nicht mehr mit ihm zusammen. Hab zwar noch das Zimmer und auch das bei meinen Eltern, aber die nerven auch immer mit ihrer Zukunftsfragerei. Außerdem mag Vater den Ferdinand nicht.“

Der liegt zwischen zwei Samtboxen und hat seine Schnauze zwischen die Vorderpfoten gestopft. Kirsten stellt ihren Hirtenbeutel auf Ferdinands Rücken. Der merkt das gar nicht und schläft weiter.
„Jetzt guck mich mal ganz genau an“, sagt Kirsten.
„Kennst du das, wenn sich Gesichter so nahe sind, dass die Teilbilder verschmelzen, und man nur noch ein Auge sieht?“ Kirstens Gesicht kommt näher. Blaues Leuchten umfängt mich und ich blicke in ein Zyklopenauge. Das Grinsen darunter. Ich nehme Kirstens Locken zwischen die Hände. Wie weich und gut sich das anfühlt. Jetzt die Schultern. So kraftvoll und rund. Kirsten küsst mich auf die Stirn und ihr Mund kriecht mir über ein Auge und die Nase zu meinen Lippen herunter. Wie weich sich auch das anfühlt. Wie gut das riecht.

„Ich habe hier noch ein paar Briefe“, sagt Kirsten. „Die bringe ich zum Spätschalter am Bahnhof. Dort hat die Post bis Mitternacht geöffnet. Warte zu Hause auf mich.“
Kirsten trinkt ihren Batida aus und geht. Ferdinand wirbelt an der Leine hinterher.

Vielleicht zum ersten Mal im Leben bin ich so richtig glücklich. Gute Neuigkeiten, und dann auch noch eine wie Kirsten. Die nächtliche Stadt und die gelben Blätter. Kühler Wind an den Straßenecken. Aber warum nun ausgerechnet ich? Einen guten Kopf kleiner als sie selbst. Und kaum was erreicht. Die paar Geschichten, damit wird man auch kein Millionär. Über den Job erst gar nicht zu reden. Was werden bloß die drei Anderen sagen? Und wie meint sie das mit den Nachforschungen?

*

Ich habe die Nacht durch geraucht und Bier getrunken. Es ist Wochenende. Da geht das schon mal. Kirsten ist lange nicht gekommen. Gegen Acht am Morgen taucht sie dann doch noch mit einer Brötchentüte auf. Obwohl sie kaum geschlafen haben kann, ist ihr Teint so frisch  und rosig wie immer. Ferdinand rollt sich zusammen und schläft ein.

„Gut, dass ich deine Straße wiedergefunden habe. In der Stadt finde ich mich immer öfter gar nicht mehr zurecht. Aber egal. Ich habe selbst auch noch ein paar Nachforschungen zur Abwehr des gegnerischen Trios angestellt“, sagt Kirsten.
„Und alles hat sich völlig bestätigt. Es wurden Dossiers über mich angelegt. Heute Nacht habe ich ja noch ein paar Briefe vom Bahnhof aus abgeschickt. Ich stehe in regem Austausch mit einem Typen am Bodensee. Kennst du aber nicht. Der bezeugt alles.“

Kirsten öffnet ihre Hirtentasche. Darin ein Dutzend, wenn nicht noch mehr Briefe. „Hier, alles voller Belege. Psst!“
Kirsten hat den Zeigefinger auf den geschlossenen Mund gelegt und konzentriert sich auf die Geräusche im Treppenhaus. Das wird wohl Ohnesorge sein. Kirsten küsst mich. Ich streichele ihren Rücken und umfasse ihre Hüften. Kirsten dreht sich weg und geht zum Fenster.
„Da unten, das sind sie. Die haben auch was mit der Stasi zu tun. Völlig klar. Ich schwöre! Siehst du den schwarzen Polo? Da sind sie drin. Im Auftrag des Pianisten. Seit Tagen geht das schon so.“
„Die Stasi? Die gibt’s doch dar nicht mehr!“
„Das ist es ja. Die haben nichts zu tun und arbeiten jetzt auf Honorarbasis.“

Unten der leere Polo.

Ich brühe Kaffee und sie deckt den Tisch. Die beste Mahlzeit des Tages. Frische Brötchen, so richtig Hunger, danach noch einen Kaffee und mit Kirsten rauchen. Sie hat sich wieder beruhigt, und Ferdinand knabbert unterm Tisch an einem Gummiball herum. Man sieht das Weiß seiner Augen, so strengt er sich beim Kauen an. Kirsten dreht immer ganz dicke Zigaretten und zieht nur wenig vom Rauch ein. Sie sagt, die Dünnen wären viel gefährlicher. Das Tabak-Papier-Verhältnis müsse exakt neun zu zehn sein.
„Nur Leute, die Dünne rauchen kriegen Lungenkrebs.“

Es wird ein schöner Tag.

„Wir können spazieren gehen. An der Leine entlang. Das wird auf Ferdinand Spaß machen“, sage ich.
„Klar“, sagt Kirsten.
„Aber vorher müssen wir noch ein bisschen Kuscheln. Der Pianist wollte mich zuletzt ja gar nicht mehr. Keiner wollte mich mehr.“

Die Befürchtung, ich könnte Kisten nicht genügen. So als Vierter. Nach dem Schlagzeuger, dem Maler und  dem Pianisten. Diesen ganzen Edelkunsttypen. Aber Kirsten scheint es zu gefallen. Sie kommt ganz schön in Fahrt. Wird frei. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Eine Frau neben mir, die mir wirklich so richtig gefällt. Nicht eine von denen, die mir das Leben irgendwann zugeteilt hat. Eine Frau, die ich verschlingen könnte. Blitzblank und schön. Alles Augen, Locken, Haut, Hellblau und Wärme, wie sich das verwirbelt. Der Hund denkt, es sei ein Spiel.
„Pferdchen, geh weg!“, ruft Kirsten und schwingt das Bettlaken wie eine Fahne. Ferdinand zieht sich unter den Tisch zurück und knabbert an seinem Ball.

*

„Wie kommen wir denn ans Leineufer?“, fragt Kirsten.
„Ich kenne mich in der Stadt ja gar nicht mehr aus. Die Stadtteile verschieben sich gegeneinander. Das hat was mit meinem Vater zu tun. Lies das mal“, sagt sie und zieht ein Blatt Papier aus der Tasche, das an den Rändern ganz abgegriffen ist.

Kirstens Schrift.

Weißt du noch, als wir im Urlaub am Steinhuder Meer waren? Ich war hinausgeschwommen. Du hattest mir einen Schwimmreifen gekauft, der aussah wie ein Flamingo. Der Schwimmreifen war mir entglitten. Ich konnte noch nicht gut schwimmen und rief nach dir. Du hast dich aber nicht darum gekümmert. Ein fremder Mann hat mich gerettet.

„Das habe ich Vater zu Lesen gegeben. Er hat alles abgestritten. In Wirklichkeit hat er das Ufer vom See immer weiter von mir weggezogen. Dass ich’s nicht mehr schaffe.“
„Kirsten, wie soll denn ein Mensch ein Ufer wegziehen?“, frage ich.
„Und dann auch noch dein Vater. Der kann doch keiner Fliege was antun.“
Kirsten wird zu einem Automaten. Ihre Mimik gleicht jetzt der von Weidel, wenn sie im Bundestag über Messermänner redet. Ein Stakkato ohne jede Betonung. Der Weidel-Sound macht Kirsten zu einem Ungeheuer.
„Siehst du, nun gehörst du auch dazu. Ich wusste es. Alle gehören dazu.“
Sie weint.
„Beruhige dich. Es ist alles gut. Ich halte zu dir“, sage ich. Ich wische Kirsten die Tränen weg. Nun ist sie wieder fröhlicher:
„Tut mir leid. Du hast ja gesagt, dass du mir hilfst. Und mich nicht wie die Anderen einfach wegschmeißt. Ich finde keinen Schlaf mehr.“

Am Leineufer hüpfen Krähen herum. Ich mag Krähen, weil sie so schlau sind; wenn der Mensch seine Lebensgrundlage zerstört hat, werden diese Vögel übernehmen. Ferdinand kennt noch keine Krähen und hält respektvoll Abstand. Auf einer Parkbank erblicke ich Helle. Der ist ganz erstaunt, mit wem ich einen Spaziergang mache.

„Oha“, sagt Helle. „Grüß dich!“
„Na, altes Haus? Dies ist Kirsten. Und das hier mein Freund, der Helle.“
„Hallo Helle“, sagt Kirsten. „Kennst du Chris schon lange?
„Klar“, sagt Helle. „Schon ewig. Seit der Neunten Klasse. Im Moment mache ich ein soziales Jahr. Da sehen wir uns nicht mehr so oft. Essen ausfahren und so was.“
„Freiwillige Arbeit ist völlige Scheiße“, sagt Kirsten.
„Da sollte man besser alles total verweigern, und schlimmstenfalls aber erhobenen Hauptes in unter die Brücke oder in den Knast gehen. Das wäre wenigstens klare Kante. Mit dem Dienst denkst du, du tust was gegen das System. Aber im Grunde stabilisierst du die ganze Kacke noch weiter. Da geben sie vor, den Leuten Rechte einzuräumen, also zum Beispiel irgendwelche Marionetten zu wählen, aber in Wahrheit lügen sie dich an und locken dich mit den bisschen Kohle auf ihre Seite rüber, während sich die Chefs die Taschen voll stopfen. Darauf fällst du rein? Wie viel kriegst du? Einen Tausender? Und wer zahlt die Knete, die du abends in der Kneipe auf den Kopf haust? Der gleiche Steuerstaat, der den Bundeswehrtypen den Sold überweist und den Lederballtretern die Geldgeschenke macht! Ist doch alles verlogen! Damit ködern sie euch alle. Ich würde auf jeden Fall sofort in den Knast gehen. Alles andere ist pure Heuchelei und  Untertanentum. Obwohl man im Sinne einer akzelerationalistischen Theorie  wie bei Williams und Smicek natürlich auch argumentieren könnte, den Kapitalismus, der sich mit seinem Klimawandel, dem CO2 und der Massenverelendung selber auffrisst, in seiner Selbstzerstörung zu beschleunigen. Dann geht alles noch schneller den Bach runter. Nick Land dachte am Anfang ja auch so, bevor das alles nach rechts abgedriftet ist. Ob du das alles verstehst, möchte ich aber mal bezweifeln, du Angsthase!“

„Oha“, sagt Helle.
„Ishaltso“, sagt Kirsten.
„Überleg dir mal, ob du noch auf dem richtigen Dampfer bist. Dann reden wir nächstes Mal weiter.“
„Okay, Helle, wir müssen dann mal weiter.“, sage ich. „Mach’s gut.“
„Bis die Tage, Alter“, sagt Helle. Er hebt die Augenbrauen an und nickt bedächtig.    
Kirsten atmet wie nach einem Hundertmeterlauf. Sie zittert.

*

Meine Brust ist immer noch, wie gestern Abend, vor Freude aufgebläht. Aber nun schiebt sich von oben ein Schmerz durch die Speiseröhre, als wollte jemand einen Korkenzieher durch den Hals bis zum Magen runterschrauben. Ob ich das hinkriege? Ob ich ein wenig Ruhe schaffen kann?

„Kirsten, ich habe Hunger. Laß uns auf dem Weg was essen gehen“.
„Was Vegetarisches“, sagt Kirsten.
„Dann gehen wir zum Imbiss am Park, da gibt’s Farfalle oder Falafel.“
„Falafel“, lacht Kirsten.
   
Wir besprechen auf dem Heimweg, dass wir bei Andreas vorbeigehen sollten. Kirsten kennt ihn nicht. Er ist Diplom-Psychologe. Klinischer. Kriegt zwar sein eigenes Leben nicht so ganz auf die Reihe, aber seinen Patienten hat er bisher wohl immer ganz gut geholfen, wie man hört. Kirsten sagt, warum nicht, sie merkt ja, dass vieles nicht mehr wie früher ist. Der Schlafmangel. Das aggressive Reden. Und dazu die vielen Streitereien. Kirsten braucht Harmonie. Schneller als ich dachte, hat sie eingewilligt.    

„Ist bestimmt nichts Schlimmes“, sage ich. „Wir kriegen das schon hin.“

Andreas öffnet die Tür. Psychologenblicke. Da denkt man immer, die durchschauen einen komplett. Da ist an Geheimnisse nicht zu denken. Jedes Zucken des Mundwinkels verrät etwas aus deiner Kindheit, linkische Bewegungen offenbaren verschüttete Ängste. Kirsten fragt nach der Toilette. Ich gebe ein paar Erklärungen und frage Andreas, ob ich mit ins Zimmer kommen soll. Oder draußen warten. Wäre schon ganz gut, wenn du mit reinkämst, denn zu zweit hört ja man ja immer mehr als allein. Falls du Kirsten dann noch weiter unterstützen willst.

„Also“, sagt Andreas, und schaltet auf professionell um, „ist denn in letzter Zeit manches merkwürdig gewesen? Hat sich bei euch oder bei dir“, er schaut Kirsten an, „irgendetwas verändert?“

Kirsten redet eine gute Stunde. Von den Streitigkeiten. Dem Orientierungssinn. Von Zeiten der Apathie und solchen schlaflosen Rasens. Dass sie keinen Stadtteil und keine Wohnung mehr findet. Sich keine Straßennamen mehr merken kann. Dass das mit den Nachforschungen jeden Tag schlimmer wird.

„Womit ihr beginnen könnt“, sagt Andreas, „ist zu spüren, wann Kirsten zuviel im Kopf aber zu wenig im Körper lebt. Momentan spielt sich zu viel im Kopf ab. Das passiert den Eingeschränkten nicht. Nur den Intelligenten.“ Er lächelt. „Dumme kommen gar nicht da hin, wo du jetzt bist, Kirsten. Fangt damit an, dass du jeden Tag ein Bad nimmst. Schön heiß. Dass du deinen Körper wieder richtig spürst, und aus dem Kopf herauskommst. Ihr könnt auch zu zweit baden. Und dabei unterhaltet ihr euch. Wie sich das anfühlt. Schreibt alles auf. Das weitere kriegen wir in der Zukunft noch hin.“

*

Wir sitzen in der Wanne gegenüber. Das heiße Wasser. Der dicke Strahl, dessen Eintrittsgeräusch vom Schaum angenehm gedämpft wird. Der Schmerz bohrt sich noch immer durch meine Kehle. Er ist sogar noch heftiger geworden. Wie soll das weitergehen? Ich nehme mit der Hand Wasser auf, und lasse es an meiner Brust vom Hals abwärts hinabrinnen. Das hilft. Das Gefühl der Freude und zugleich der Verzweiflung. Die Frage, was stärker ist, Liebe oder Angst. Kirsten erzählt etwas über regionale Schriftsteller, springt von Broch zu Grimmelshausen, von den Young Gods zu Žižek. Wie Zappa im Hotel eine Folterszene nachstellt und das Opfer rufen muss: „Nein, ich werde nie wieder in einem Cadillac fahren“. Wie Benigni in Down By Law englische Schimpfwörter in sein Notizbuch schreibt, um sie Redenwendungen einzuflechten. Eine Frau, die viel weiß. Endlich mal Gespräche, die ihren Namen verdient haben. Wir lachen und ich sage:
„Spürst du das Wasser auf deiner Haut? Nimmst du deinen Körper wahr? Fühlst du, wie die Wärme dich zurückbringt? “    
Kirsten sieht mich schweigend an.

*
Entsetzlich, wie die Krankheit Stolz und Überlegenheit hin- und herwirft. Sich das Freundschaftlich Weiche in Bedrohliches verwandeln kann. Manchmal braucht es nur Minuten, bis sich all die Vernunft in einem stacheligen Wust kratzbürstiger Empörung verwandelt.  Erst kann ich nicht mehr folgen, laste das zunächst meinem geistigen Unvermögen an und erkenne doch immer wieder, dass sich ein neues Kartenhaus trügerischer Visionen aufgebaut hat. Das Kartenhaus wird zur kanonenbewehrten Trutzburg, aus der Salven abgegeben werden. Jeder kann ins Feuer geraten.


Die Fahrt. Von der Cassette spielt Musik für Autolautsprecher. Satt Bass und viele Höhen. Pixies. Grandmaster Flash. Rick James. Extrabreit. Blauweiße Richtungsschilder wischen übers Dach und an den Seitenfenstern vorbei. Hundertvierzig. Denke an die Ohnesorge, die sich schreiend über das Geschrei beschwert hat. Der Polo gibt alles. Ich drehe mir eine, während ich den Wagen lenke. Ausfahrt 300, 200, 100 Meter. Ich muss da raus. Ich kann das nicht mehr. Ich muss kotzen. Es ist zwei.

„Wohin fahren wir eigentlich? Ich habe Durst“, sagt Kirsten.
„War ’ne Überraschung. Jetzt sage  ich’s dir. Bremen. Zwei Tickets. Ein bisschen ausspannen. Ich fahre an der ARAL raus. Muss mal tanken. Nimm Ferdi mit. Der kann sich mal ein bisschen bewegen und Wasser trinken.“
„Cool“, sagt Kirsten und betrachtet die Tickets, „die Young Gods.“

Sie steigt mit Ferdi aus und geht zum Shop. Ich hatte zuerst so getan, als wollte ich zur Zapfsäule. Tanken. Ich steige aber wieder ein und gebe Vollgas. Geht nicht mehr. Tränen dringen in meine Augen und lassen die vor mir fahrenden Autos wie tanzende rote Sterne erscheinen. Ich presse die Tränen weg. Am nächsten Parkplatz halte ich an, um mich zu übergeben. Die Wagentür bleibt geöffnet. Alles im Eimer. Ich hab das nicht geschafft. Der Motor läuft und der Scheibenwischer scheuert blöde hin und her.


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BeitragVerfasst am: 17.09.2019 14:55    Titel: klasse Antworten mit Zitat

ich hab nur die allererste Fassung gelesen. Das ist sicher einfach ein Ausschnitt aus Deinem Tagebuch? Wink) *Scherz*.
Ne, ich fands fantastisch!! *Neidisch* Sad

Beim eigenen Geschreibsel hab ich mich manchmal gefragt, ob es okay ist, Bilder oder Stimmung zu malen, in dem man auf irgendwelche Musiker/Künstler/Politiker referenziert. Hier sehe ich, es funktioniert klasse. Patti Smith und Zappa ...
Naja, Frau Weidel wirds nicht freuen Wink)

Kann daran sogar meine eigenen Beziehungsprobleme reflektieren. unter Anderem ... - prima!


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Literättin
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BeitragVerfasst am: 18.09.2019 10:08    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Christof,

jetzt kommt mir der Text tatsächlich näher, erreicht mich eher und so auch tiefer, weil er mehr Zeit hat und eine Spur genauer blickt. Ich kann mit beiden Figuren jetzt mehr anfangen und würde ihnen als Leser tatsächlich auch länger und auf weiteren Wegen folgen.

Daumen hoch. smile

LG, Literättin

edit: Ich habe übrigens einen Lieblingssatz im Text, der mir jedes Mal wieder gefällt, weil ich diesen Zustand bislang nirgends besser formuliert gelesen habe:
Zitat:
Meine Brust ist immer noch vor Freude aufgebläht. Aber nun schiebt sich von oben ein Schmerz durch die Speiseröhre, als wollte jemand einen Korkenzieher durch meinen Hals bis zum Magen runterschrauben.


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- John Lennon -

Christ wird nicht derjenige, der meint, dass "es Gott gibt", sondern derjenige, der begonnen hat zu glauben, dass Gott die Liebe ist.
- Tomás Halík -

Im günstigsten Fall führt literarisches Schreiben und lesen zu Erkenntnis.
- Marlene Streeruwitz - (Danke Rübenach für diesen Tipp.)
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