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Fasching im Schnee


 

 
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emr
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BeitragVerfasst am: 04.02.2019 19:40    Titel: Fasching im Schnee eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Metainformationen
Die vielen Jecken im Kirchpark wollen zum Nachtumzug, Melina lernt Red Jim kennen und seine Brüder.


Alltagsdrama. Nee, doch nicht. KurzLanggeschichte, rund 4500 Wörter, Neufassung von Feb 2018/Feb 2019. Urfassung Herbst 2010.

Hat Stellen. Insgesamt nicht rund, zu lang, festgefahren, trotz/wegen der vielen Arbeit daran, die ich hiermit einstelle. Imho gut genug, um im Trash des DSFo gemächlich dem Archiv entgegenzusinken, Lesegenuss unter Umständen (Stellen!) möglich. Kommentare erwarte ich keine, wer trotzdem möchte: na gut. Wink

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emr
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BeitragVerfasst am: 04.02.2019 19:45    Titel: Kirchpark weiß (1/10) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Frühmorgens hatte es Eis geregnet, nach dem Mittagessen leuchtete die Wiese im Park. Vor dem Schnee wirkten die Fußgänger noch bunter. Hinter ihnen ragte sandsteinrot die Kirche, ganz bestimmt höher als das Haus, in dem Melina wohnte. Trotzdem nannten Mama und Papa die Kirche „klein“. Erwachsene sagten oft so Sachen.
Wie beim Schränkchen vorm Badezimmerfenster. Eigentlich durfte Melina nicht draufsteigen, um oberhalb des Riffelglases in den Kirchpark schauen zu können. Zu gefährlich, dabei stand der Hocker daneben, es war ganz einfach, hinaufzukommen. Wenn es hier oben gefährlich war, wieso bauten Mama und Papa dann eine Treppe hin?
Dicht hinter der immergrünen Parkeinfassung hatten sich fünf oder sechs Leute versammelt, im Winkel mit der römischen Mauer. Die war drei von Melinas Armspannen lang, mit Papa hatte sie das vor kurzem ausgemessen. Interessiert sah sie zu, wie zwei Indianer in Anoraks etwas davorlegten und Schnee darüberhäuften. Der eine stieß immer wieder mit dem Kopfschmuck gegen die Mauer, aber was genau sie da trieben, war nicht zu erkennen. Wegen der Hecke konnte sie auch ihrer besten Freundin nicht winken, dabei wohnte Leonie fast genau gegenüber.
Drei Indianer zählte Melina, die beiden Häuptlinge und einen nicht so guten im Fellmantel. Mit dem Schnee half ihnen ein Mann, der in einem komischen braunen Mantel mit Kapuze fast verschwand. Dann stand da noch ein Clown, der über seinem Overall nur eine dicke Weste in Knallorange trug. Wie Papa, wenn er Schnee schaufelte, aber viel bunter: Ein Bein gelb, eins grün, die Arme umgekehrt. Auf einmal drehte er sich zur Straße um, musterte die Häuserfront. Jetzt trug er Rot und Blau.
Melina stellte sich auf die Zehenspitzen, am Griff hielt sich fest, drückte die Nase ans Fenster. Das sah er, warf die Weste ab, breitete die Arme aus, wandte sich um und um. Melina lachte hellauf, rief nach Mama. Der Clown rotierte immer schneller, bis die Zipfel und Zotteln an seiner Kapuze vom Kopf wegstanden. Seine Freunde feuerten ihn an, Melina schwenkte ihren Feenhut mit dem rosa Schleier.
Endlich kam Mama ins Bad, vergaß glatt zu schimpfen, so lustig sah der dort unten aus. Er sei aber kein Clown wie im Zirkus, sagte Mama, sondern ein veritabler Hofnarr mit Glöckchen. Das verwirrte Melina, denn der der Clown stand im Kirchpark, der Hof dagegen lag hinterm Haus, dort hatte Papa heute den Weg zu den Mülltonnen freigeschaufelt. Um sich zu sortieren, sagte sie erst mal nichts, dazu runzelte Mama die Stirn und meinte, sie könne den Clown auch einfach einen Narren heißen. Das träfe es sogar sehr gut, denn so würde er sich mit Sicherheit erkälten.
Das war wieder so eine Rede von den Großen, aber dann machte Mama sogar das Fenster auf, Melina musste sich so lange ganz tief ducken. Schon bevor sie wieder hochkam, hörte sie draußen das Johlen, und wenn gerade alle still waren die Glöckchen, ganz leise. Aufgeregt drängelte sie sich neben Mama.
Die Indianer und der, den Mama einen Mönch nannte, klatschten ryttmisch in die Hände. Warum? Man hörte es ja gar nicht, alle außer dem Narren trugen Handschuhe. Darauf ging Mama nicht ein, ließ Melina ‚rhythmisch‘ buchstabieren. Das passte zum Klatschen: lauter ‚h‘-s für nichts.
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emr
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BeitragVerfasst am: 04.02.2019 20:01    Titel: Umzug (2/10) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Die Karnevalsjecken liefen viel zu früh im Dorf herum, der Nachtumzug wurde gerade erst aufgestellt. Vorn auf der Hauptstraße, auflösen sollte er sich auf dem Rückweg.
Vermutlich sei das Aufstellen das Spannendste daran, meinte Mama, denn bei so viel Schnee sparten sich die Prunkwagen aus den Höhendörfern den Schlenker zum letzten, beträchtlich niedriger angesiedelten Nachbarort. Dort spielten sie dann wieder beleidigt bis Ostern.
„Reine Egozentrik“, sagte Mama. „Sie verschließen die Augen vor der Unfallgefahr für diese schwerfälligen Vehikel, und denen zieht dort unten der unreflektiert am Ortseingang verortete Bustransfer die Zuschauer ab. Morgen sehen wir einen professionellen Rosenmontagszug, den hier können wir getrost ignorieren.“
Auch Papa kam ans Fenster, Tante Andrea hatte aus der Stadt angerufen. Mit dem Zug war sie angereist, jetzt stand sie vorm Hauptbahnhof.
„Die Linienbusse und Shuttles zum Nachtumzug fahren verspätet", sagte Papa, "die platzen vor Leuten, und die Straßenbahn hat Probleme mit vereisten Oberleitungen. Andrea will die Reise nicht wagen, am Ende muss sie noch mitsamt Gepäck zu Fuß zu uns heraufsteigen. Ich frag mal meine Follower …“ Der Höhenweg sei inzwischen geräumt, meldeten Papas Twitterfreunde, nicht aber die Verbindung zum unteren Dorf, über die man am Fluss entlang auch in die Stadt kam.
Schneller, als sie hinterherdenken konnte, befand sich Melina mit ihrer Winterjacke über dem Feenkostüm auf der anderen Seite des Parks. Die Tür von Leonies Haus summte und klackte auf, Mama fuhr los, Papa winkte.
Im Chaos am Hauptbahnhof konnten sie auf Melina nicht aufpassen, sie durfte bei ihrer Freundin warten. So konnte Mama noch schnell in ein paar sonntags geöffnete Läden springen. Beim Hüpfkästchenspiel wollte Mama nie mitmachen, natürlich war das ein anderes Springen. Trotzdem kam sich Melina ein bisschen veräppelt vor und musste aufpassen, dass sie kein Gesicht zog. Wenn Mama die Grimasse nämlich erklärt haben wollte und Melina mit sowas kam, dann hörte Mama nicht mehr zu. Fing wieder von der Denkschwäche an, ließ sie buchstabieren und rechnen, bis Papa eingriff. ‚Ich halte dieses Triezen für mehr als überflüssig, unsere Melina ist ein sehr kluges Mädchen.‘

Vor lauter Freude hatte Melina überhaupt nicht mehr daran gedacht, dass ihre beste Freundin vorgestern in der Schule gefehlt hatte. Im Flur hing schlaff das Zauberin-Kostüm mit den glänzenden Sternen, Leonie lag mit Fieber im Bett.
Ihre Mutter arbeitete von zu Hause aus, genau wie Papa. Als Melina vorschlug, allein im Park zu spielen, gab sie ihr vor lauter Erleichterung Leonies Gummistiefel, ein dickes Paar Extrastrümpfe, Handschuhe und einen Pulli. Vom Feenkleid blieb nur der Saum sichtbar, ein rosa Streifen über quietschbunten Stiefeln. Um noch eine Fee zu bleiben, lehnte Melina die Wollmütze ab: Ihren spitzen Hut hatte Mama nicht nur mit Schleier und Plüschrand versehen lassen, sondern auch mit warmem Innenfutter. Leonies Mutter guckte selbst hinein, nickte und ließ die Fee ziehen.
Ohne Umweg stapfte Melina zur römischen Mauer, die vor langer Zeit einmal eine öffentliche Bedürfnisanstalt hatte werden sollen. Gebaut im selben Rot wie die Kirche, und auch sonst ziemlich ähnlich. Irgendwem hatte das nicht gepasst. Die Arbeiten waren eingestellt worden, über dem Streit zerfielen die Anfänge des Gebäudes, wurden mutwillig zerstört. Übrig blieben ein schief eingesunkenes Stück vom Boden und die niedrige Sandsteinmauer.
Wenn Touristen die Kirche besichtigten, kamen sie oft zu Melina und Papa in den Park, fragten danach. Meistens erzählte Papa das mit dem Toilettenhaus, darüber schüttelten die Leute den Kopf. Manchen sagte er, es sei ein römisches Badehaus gewesen, richtig mit Statuen und so. Die machten dann Fotos. Seinem Freund erzählte er beides, der musste furchtbar lachen. Seitdem erriet Melina meistens, welche Geschichte Papa wählen würde.

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emr
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BeitragVerfasst am: 04.02.2019 20:16    Titel: Segen (3/10) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Bucklig und verlassen hockte das Werk der Jecken vor den Steinen, ein langweiliger Hügel, nicht mal richtig festgeklopft. Am Ende steckte bloß was Doofes drin. Auf eine Enttäuschung gefasst hockte sie sich hin, begann den Schnee beiseitezuschieben. Plötzlich rutschte der ganze Haufen eine Handbreit nach vorn.
„Alaaf!“
Sie fuhr herum, ihr Gewissen kreischte.
Der nicht so gute Indianer, er hielt eine Bierflasche in der Hand, guckte wie Papa heute morgen, als er sie abgelenkt und ihren Krapfen geklaut hatte.
Neben ihm stand der Mönch, zeigte auf Melina. „Wir kennen dich, du bist die Hüterin dieses verwunschenen Ortes. Am Fenster deiner Kemenate geruhtest du, unseres Spastikers Huldigungen entgegenzunehmen. Friede sei mit dir, Fee vom Kirchpark.“
Stumm ließ sie sich segnen, sah zum nicht so guten Indianer. Der grub jetzt Flaschen aus dem Schnee, steckte sie aufrecht in den Haufen. Noch mehr langweiliges Bier, und statt Kriegsbemalung sah sie rotbraune Gesichtshaut, wie bei Mama nach dem Solarium. Unter seinen Händen ruckte immer wieder der Schneehügel, Flaschen rutschten heraus, darunter lag vereist die Bodenplatte.
Zur Rede des Mönchs lächelte er, fragte „Spastiker?“, wandte sich ihr zu. „Mein Bruder meint den bunten Mann, der sich gedreht hat.“
„Er meint den Narren, der sich erkälten wird.“ Melina wusste eben Bescheid, doch die beiden lachten, als habe sie einen tollen Witz erzählt.
Als erster beruhigte sich der Indianer. „Du bist gut, kleine Fee.“
Lügen gehörte sich nicht, was blieb ihr übrig. „Du nicht so“, antwortete sie und sah einen Mönch wiehern.
Dann flog eine Menge Haar mit was Rotem drin an ihr vorbei, der Indianer war zusammengeknickt in lautloser Heiterkeit. Das Rote kam vom Stirnband, ein ziemlich olles Stück Stoff, das ihm die Sicht freihielt. Keine einzige Feder, und auch noch die falsche Haarfarbe. Wirklich kein guter Indianer, aber er lachte ansteckend.
Sein Freund zog einen Beutel nach dem anderen aus den Falten seiner riesigweiten Kutte, reichte ihm leere Flaschen, die der Indianer nach einigem Probieren dicht an der Mauer aufrecht im Schnee versenkte. Im Gegenzug gab er die bereitgestellten weiter, die schob der Mönch in die Beutel, ließ sie in der Kutte verschwinden. „Bis gleich", sagte er. "Unsere Brüder dürstet, ich hör schon Alex lamentieren. Mein Bruder Red Jim denkt bitte an den Nachschub.“
Das mit den Beuteln hatte ihr gut gefallen, erwartungsvoll sah sie Red Jim an. Der nickte dem Mönch zu, zog seine dicken schwarzen Lederhandschuhe aus. Darunter trug er fingerlose aus Wolle, über Händen, so braun wie sein Gesicht. Immerhin konsikwent, würde Papa sagen. Es kam aber kein Zaubertrick, er putzte sich bloß die Nase. Zog die Handschuhe wieder an und meinte, er müsse zum Wohnmobil. „Es gehört Alex, der sich erkälten wird, er hat für uns alle eingekauft. Aber erst will ich wissen, warum ich ‚nicht so gut‘ bin.“
Wütend sah er nicht aus, also sagte sie es ihm.

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emr
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BeitragVerfasst am: 04.02.2019 22:21    Titel: Schindluder (4/10) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Red Jim nickte zu allem, was sie aufzählte. „Willst du hören, warum ich nicht aussehe wie ein Faschings-Indianer?“
„Au ja! Ich meine, bitte gern.“
„Es wird aber lang", sagte Red Jim, "weil es mir am Herzen liegt.“
„So Sachen krieg ich gern erklärt“, versicherte sie ihm. „Mama findet es überflüssig. Ihr liegt nichts am Herzen.“
„Sowas." Red Jim schluckte einmal. "Okay, das Wort ‚Indianer‘ ist ziemlich alt. Es klingt nicht für jeden freundlich.“
„Wie das alte Wort im Buch“, sagte sie, „das gilt nicht mehr.“ An Papas Geschichte zu den Negerlein hatte sie denken müssen, als Leonies Oma doch wieder ‚Lenilein‘ gerufen hatte. Melina mochte es gern, wenn Papa ‚Linchen‘ sagte, aber Leonie behauptete, ihre Oma meine das extra doof.
Aufmerksam hörte Red Jim ihr zu, seine Augen leuchteten. „Ja, sowas gibts. Und ich sage lieber Native American statt 'Indianer', musst du dir nicht merken. Es heißt ‚amerikanischer Ureinwohner‘.“
„Gilt das für immer? Leonie wollte auf ewig ihren Elbennamen behalten, aber am nächsten Tag hat sie mich angeschrien und gesagt, er gilt nicht mehr.“ Bloß weil Melina versehentlich gesagt hatte ‚Guten Morgen, Leonudel‘, richtig ging er ‚Leonandel‘. Manchmal stellte sich Leonie ganz schön an.
Wie unter Schmerzen verzog sich Red Jims Gesicht, aber er kicherte nur. „Einfachste Lösung: Frag ihn nach seinem Volk, wenn du einen Ureinwohner triffst.“ Einen echten Indianer treffen, das traute er ihr zu? „Wenn du ihn erkennst. Vermutlich wird er keine Federn tragen, damit treiben Natives kein Schindluder.“
Wegen seiner Anerkennung musste Melina ein wenig hüpfen, und dann noch ein bisschen mehr, weil sie wieder etwas wusste. „Die Faschingsleute aus dem Dorf wollten sich bei Papa alles leihen für den Umzug. Er hat das mit dem Schindluder gesagt, da waren sie beleidigt. Mama auch.“
„Was wollten sie denn haben?“
„Die Ausrüstung."
Red Jim sah sie fragend an.
"Papa ist Zeugmeister bei der freiwilligen Feuerwehr.“
Kurzes Schweigen, Red Jim schien sich das auszumalen. „Und warum war deine Mutter beleidigt?“
„Ich weiß nicht. Mama hat gesagt, wenn der Sohn vom Bürgermeister fragt, gibt es kein ‚Nein‘.“ In der Hoffnung auf Erhellung sah sie zu Red Jim auf.
„Du wirst das bald verstehen“, sagte er, „bis dahin ist es nicht so wichtig.“
Nur ein klein wenig enttäuscht nickte sie. Warten war nicht so schlimm, und er hatte nichts von Denkschwäche gesagt.
„Noch was, einer von den alten Kriegern hätte sich niemals Kriegszeichen ins Gesicht gemalt, um dann in Festtagsgewänder zu steigen und feiern zu gehen. Alles zu seiner Zeit. Ich will bloß den Narren zusehen und was trinken.“
„Aber du hast dich braun angemalt.“ Farbe war Farbe, fand sie.
„Das stammt nicht aus der Tube, ich reise viel.“ Red Jim stampfte mit den Füßen. „Bevor du fragst: Die Haare sind meine eigenen, Red Jim war schon immer mein Spitzname, und das Fell ist nicht echt.“
Irgendwie musste sie an den Mond in ihrem Zimmer denken, und an den echten am Himmel, der nie lachte und wie Mama die meiste Zeit nicht da war. Das Gespräch mit Red Jim war fast so schön wie eins mit Papa, aber bei Papa ging oft das Telefon, dann musste er weiterarbeiten. „Warum grabt ihr die ganzen Flaschen im Schnee ein?“

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BeitragVerfasst am: 04.02.2019 22:44    Titel: Elendiglich (5/10) pdf-Datei Antworten mit Zitat

„Unsere Karre ist kaputtgegangen, und es gab Gerüchte von wegen Alkoholverbot. Wir haben jeder ein paar eingesteckt, aber sie waren unbequem zu tragen, der arme Mönch hat bei jedem Schritt geklirrt. Hätte nicht gedacht, dass sie jemand findet zwischen Mauer und Hecke.“ Red Jim schlug die Hände gegeneinander. „Platzen kann nichts bei minus zwei Grad. Zu stark. Ich bringe gleich eine Kiste, aber die kommt leer wieder in den Camper, sonst trägt einer alles weg und fünf Mann müssen elendiglich verdursten. Vielleicht kriegen wir es so hin, dass die Flaschen nicht mehr in die Wiese rutschen.“ Er stampfte wieder mit den Füßen, drehte sich um sich selbst, entdeckte an einen Baum gelehnt einen Schieber. „Ha!“ Im Handumdrehen hatte er den Schnee bis zur Mauerkrone aufgehäuft, gemeinsam klopften sie ihn fest.
„Ohne die Flaschen hättet ihr es viel einfacher“, sagte Melina.
„Ohne Bier finden wir Fasching nicht besonders lustig.“
„Oh. Ich hab eben gedacht, ihr habt mit mir gelacht. Weil ich die Fee vom Kirchpark bin. Aber ihr habt vom Bier gelacht.“
Dazu machte Red Jim Augen wie Mama, wenn ihr Papa ins Schreien hinein ganz ruhig etwas sagte und Mama dann erst mal weggehen musste. Um sich zu schämen, sagte Papa. Um sich zu tranquilieren, sagte Mama. In Mama wohnte etwas, manchmal kam es raus.
„Doch“, sagte Red Jim, „das war wegen dir. Wer eine gute Fee hat, braucht kein Bier.“
Zum ersten Mal stimmte nicht, was er sagte. „Du hast mich aber gar nicht, und du hast eben Bier getrunken.“
„Wer eine gute Fee trifft, braucht kein Bier“, verbesserte sich Red Jim. „Dass du hier bist, konnte ich vorher nicht ahnen, und jetzt trinke ich keins.“
Belustigt klang das, aber nur ein ganz klein wenig. Sie ließ es gelten und riet ihm, sich lieber morgen den professorellen Umzug in der Stadt anzusehen.
„Haben wir sowieso vor“, versicherte er lachend. „Wir übernachten alle beim Mönch in der Stadt. Nur Alex muss wieder die Extrawurst-- Wenn man vom Teufel spricht.“
„Ja, seid ihr denn bekloppt.“ Der Hofnarr höchstselbst kam angeklingelt, gar nicht begeistert vom Neubau an der römischen Mauer. „Hast du etwa das ganze Bier da eingebuddelt? Und ich kann’s morgen wieder zusammenklauben.“
„Ruhig Blut, Alex, ich war noch nicht am Wohnmobil. Das hier ist vor allem Schnee.“ Mit dem umgedrehten Schieber stach Red Jim in den Hügel, der Stiel sank bis fast zum Boden ein. „So kriegen wir bequem das Leergut unter, das vorher war mir zu fummelig.“
„Kein Nachschub? Och nö jetzt. Ich hab’ das Bier doch schon besorgt, soll ich es auch noch hinter euch hertragen? Ihr seid mir ein paar Freunde.“
Der Narr urteilte ungerecht, fand Melina, und er jammerte.
Auch Red Jim verdrehte die Augen. „Du wolltest doch unbedingt in deinem Vehikel anreisen, das hier nirgends parken kann. Im Örtchen unten gibts den Busshuttle.“
„Mein Camper kommt bei Schnee den Berg rauf, aber schön, nächstes Mal shuttelt ihr fünf Kisten Bier. Gib mir eins, ich muss mich trösten. Keiner versteht mich.“ Leises Gebimmel umwehte das betrübte Narrengesicht, Alex ließ die Zipfel an der Kapuze wackeln und auch die dicken bunten Zotteln, die vorn und zwischen den Druckknöpfen in seinem Nacken herauslugten. Seine Haare, begriff sie, er hatte seine Dreadlocks passend zum Kostüm eingefärbt.
All das Kichern in ihr, sie brachte es nicht auf einmal heraus, wand sich und quietschte.
Alex' Klingeln lebte auf, er stellte das Bier ab, die Weste flog in den Schnee, und er drehte sich wieder, war so und anders bunt. „Helau!“, „Alaaf!“, Passanten klatschten, riefen die Karnevalsgrüße. Einer brüllte „Allez Hopp!“, aber Alex meinte, von Hüpfen würde ihm schlecht.
Red Jim versprach ihm, endlich den Nachschub zu holen. „Es ist ja noch was da, nimm dir meinen Anteil.“
„Ey Aller“, sagte Alex, „du bist mein Bro. Bitte hilf mir noch ausgraben.“
Im tiefen Schnee wühlten sie nach Flaschen, nichts rutschte, aber Alex bekam furchtbar kalte Finger. Kopfschüttelnd gab ihm Red Jim seine Handschuhe. Melina bot ihren Feenhut an, der hielt über den Kopf den Rest des Körpers warm. Und drückte ganz schön auf Dauer.
„Viel zu klein“, meinte Alex, „Danke der Fürsorge, liebe Fee vom Kirchhof. Auch meine Narrenkappe hat ein Thermofutter, und zwischendrin kann ich sie abnehmen und mich im Camper aufwärmen.“
Dann kam der Abschied in verschiedene Richtungen, nur kurz winkte sie jedem nach. Ihr war eingefallen, dass sie bei Leonie hatte warten sollen, und es dämmerte schon. Sie rannte bis zum Haus.

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BeitragVerfasst am: 04.02.2019 23:03    Titel: Abenteuerabend (6/10) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ihre Eltern hatten angerufen, steckten im Stau.
„Überm Arbeiten hab ich völlig die Zeit vergessen“, sagte Leonies Mutter, „sonst hätte ich nach dir geschaut. Das Los der Freiberufler … Mein Herzblatt schläft, es geht ihr etwas besser. Aber zu ihr lassen kann ich dich noch nicht, Liebes.“
„Wegen der Ansteckungsgefahr“, nickte Melina. Ohne irgendwas buchstabieren zu müssen, bekam sie einen heißen Kakao, so viele Krapfen wie sie wollte, und noch einen Kakao.
Auf dem Weg zum Bad sah sie durchs Flurfenster, dass die doofen Geschwister an der Mauer spielten. Die wohnten einige Straßen weiter, durften abends raus, kamen immer zu dritt. Die Mädchen sprachen kaum, taten alles, was ihr großer Bruder befahl. Sie seufzte. Die Flaschen lagen auf der anderen Seite, hoffentlich machten sie die nicht kaputt. Denn dann mussten fünf Mann Elen dicklich verdursten.
Monopoly, bis Mama kam, zwischendrin sagte ihr Leonies Mutter, wie ‚elendiglich‘ richtig ging. Beim Verabschieden hing Melina halb schlafend an Mamas Hand, kam zu sich in der feuchtkalten Luft. Erst am Ausgang auf ihrer Seite konnte sie den Schneehügel überblicken, in der schummrigen Beleuchtung wirkte er wie zerstampft.
Sie wollte hinlaufen. „Ich muss nachgucken, unser Bruder Red Jim hat dort seinen Nachschub vergraben.“
Mama ließ nicht los. „Natürlich, und da am Baum lehnt He who dances with the snow. Ich dachte, du bist eine Fee.“

Vor dem Schlafengehen kletterte Melina noch einmal auf den Badschrank. Es schneite, und einer der nicht so guten Häuptlinge türmte den Hügel auf. Um ihn herum kapriolte Alex, jonglierte mit Schneebällen, versuchte es mit zwei leeren Bierkisten. Dann rannte er um die Mauer, sprang drüber, knapp über den Haufen weg, und nochmal, und wieder. Jedes Mal verfolgte ihn der Faschings-Indianer mit dem Schieber.
Vor lauter Giggeln musste sie sich wieder am Fenstergriff festhalten, mittendrin kam Tante Andrea samt Kulturtasche. Obwohl der Großteil des Fensters undurchsichtig war, schloss sie die Jalousie.
In Melinas Traum hüpfte der Pastor in bunten Gummistiefeln die Treppe vorm Portal herunter, zertrampelte den Schnee im Kirchhof zu sandsteinrotem Matsch. Ihr Traum-Ich hatte große Angst vor seinen Handschuhen.

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BeitragVerfasst am: 04.02.2019 23:43    Titel: Mauerschlacht (7/10) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Papas Weg im Hof war nur noch als Vertiefung zu erahnen, über Nacht musste es doll geschneit haben. Im Bad fand sie Hocker und Schränkchen vollgepackt mit Tante Andreas Sachen.
Schlafen mochte sie nicht mehr, tanzte lange vorm Frühstück der Großen angekleidet und satt durchs Haus. Durfte Fee vom Kirchpark sein, bis sie in die Stadt aufbrachen, sah schon am Parktor, dass die römische Mauer komplett verschwunden war unterm Neuschnee. Der Hügel sah nicht so schön aus wie gestern, mit Dellen drin und so, aber ganz bestimmt hatte ihn niemand geplündert. Vielleicht kamen Red Jim und seine Brüder gleich zum Ausgraben.
Auf der Mauerkrone ruhte unterm Weiß der Schieber, sie machte sich daran, die Löcher aufzufüllen und alles glattzuziehen. Ein Bier war doch wieder in die Wiese gerutscht, sie mochte es nicht anfassen. Mit der Schaufel drückte sie gegen den Schneeklumpen, aus dem der Flaschenboden ragte, nichts regte sich. Festgefroren.
Also musste sie den Hügel breiter machen, setzte die Schneeschaufel an, hörte die doofen Geschwister. Duckte sich hinter die Mauer, hoffentlich liefen sie vorbei.

Taten sie nicht. Anfangs halfen sie eifrig, so fing das immer an mit denen. Natürlich verlangte der Junge den Schieber, das sah Melina ein. Er war größer als sie und packte viel mehr, zu viert hatten sie schnell eine glatte weiße Schräge befestigt. Damit betrachtete sie das Werk als vollendet, aber die anderen wollten Häuser draufmalen. Mit Kreide, sie hatten rosafarbene Stangen dabei und hellblaue.
„Das geht doch gar nicht“, sagte Melina, „der Schnee ist zu weich.“
„Denkste“, lachte der Junge, „Wir machen das anders“.
Seine Schwestern hatten schon zu malen versucht wie auf der Straße, gaben auf, stellten sich zu Melina. Gespannt sahen sie alle drei zu, wie der Junge ein Blau auf der Schieberfläche zerbrach, wo es dunkel anlief, darauf herumtrampelte, Schnee dazugab, die Bröckchen mit dem Absatz zermalmte. Mit der eingefärbten Masse markierte er seine Hausecken, fügte die Außenlinien hinzu.
„Siehst du, so geht das.“ Sorgfältig wischte er das Schaufelblatt mit Schnee ab, reichte den beiden Mädchen das Werkzeug.
Die kriegten erst ihr Rosa nicht durchgebrochen. Dann blieben ihnen die Kreidestückchen im Stiefelprofil stecken, klebten an den Handschuhen, den Kleidern, überall schmierten sie herum damit. Am Ende knackste auch noch der Schieber, als sie zu zweit draufstanden.
Der Junge sagte nichts dazu, er machte Schneebälle. Statt sie zu werfen, wie Melina erst befürchtet hatte, färbte er sie ein, nahm sie für die Ecken und bekam doch noch zwei rosafarbene Häuser fertig. „Jetzt springen wir von der Mauer.“ Er behielt Melina im Auge. „Jeder in sein Haus.“
Typisch, mit sowas hatte sie gerechnet. „Tut ihr nicht. Es ist mein Hügel.“
„Wir haben mitgeholfen, und die Häuser gehören uns. Wir haben drei, und du hast keins.“
So ein Angeber, als Gast musste er trotzdem erst höflich– Im letzten Moment fiel ihr das Wichtigste ein: „Ihr könnt nicht springen! Da sind Flaschen drin, die gehen in Scherben und tun euch ganz schlimm weh.“
Zwei lange Gesichter, die Mädchen ließen sich einschüchtern.
„Du bist doch nur neidisch.“ Der Junge stieg hoch und sprang.
Lautes Klirren, etwas platzte mit dumpfem Knall, großer Bruder machte einen Satz, pflügte ohne Blick zurück durch den Schnee bis zum Tor und verschwand. Hinterher die Mädchen.
Wütend stapfte Melina vom Schlachtfeld, das Warten hatte sich erledigt. Jetzt würden Red Jim und seine Brüder bestimmt nicht mehr mit ihr lachen.

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BeitragVerfasst am: 05.02.2019 00:09    Titel: 24/7 (8/10) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ein professoreller Umzug war schrecklich laut. Ein paar Mal hob Papa sie auf seine Schultern, aber die Kamellen taten weh, es schneite ihr in die Augen, und die Masse der schreienden Köpfe machte ihr Angst. Auf der Rückfahrt schlief sie im Auto ein, friedlich und warm, erwachte morgens in ihrem Bett und hatte einen Schnupfen.
Inzwischen war es so kalt geworden, dass Mama und Tante Andrea sie abwechselnd mit dem Auto zur Schule brachten und wieder abholten. Draußen spielen durfte sie nicht, es war ihr recht.
Sie liebte Tante Andreas Besuche, dann kamen immer ganz viele Leute zu ihnen. Die Essenszeiten gerieten durcheinander, die Großen tranken Wein und Bier, Sektkorken ploppten, jeden Tag machte Tante Andrea eine andere Kinderbowle. Der Schnupfen verzog sich schnell, und manchmal blieb Melina ganz schön lang auf.
An Red Jim und Alex und ihre durstigen Brüder dachte sie erst wieder am Samstagabend. Morgens war Tante Andrea abgereist, da hatte der Frost schon nachgelassen, und als in den Nachrichten Tauwetter vorhergesagt wurde, fiel Melina plötzlich etwas ein. „Papa, wann platzt Bier bei Frost?" Denn die Jecken hatten alle beim Mönch in der Stadt geschlafen.
Während sich Papa noch über die Frage wunderte, zog Mama schon am Griff vom Tiefkühlschrank. Natürlich hatte Melina da kein Bier hineingelegt.
Mama verbat sich das Geflunker. „Ich erinnere mich sehr gut an die Experimente mit Kinderbowle.“
Beleidigt schwieg Melina. Es war Tante Andreas Idee gewesen, aus den Resten der Bowle Eis am Stiel zu frieren. Niemand konnte wissen, dass die Formen so viele Risse hatten.
Aber Papa fragte so lieb, dass sie ihr Erlebnis von Faschingssonntag dann doch noch erzählte. Dabei merkte sie, dass Mama ihr das mit dem Nachschub im Schneehügel tatsächlich nicht geglaubt hatte, und dann sprach Mama von Lügen und Denkschwäche.
Vor lauter Wut vergaß sie sich und schrie. Mama schrie lauter, bis Papa sie beide schweigen hieß. Fast ohne Stimme vor Tränen zerrte Melina an ihm, auf der Stelle sollte er mitkommen und sehen, dass sie die Wahrheit sagte.
„Gern, mein lieber Schatz, aber nicht mehr heute. Ich glaube dir, da reicht es doch auch morgen nach dem Frühstück. Jetzt gehst du am besten schlafen. Die letzten Tage waren ganz schön anstrengend, wir sind alle erschöpft. Insbesondere Mama.“
„Korrekt“, murmelte Mama. „Vierundzwanzig Strich sieben haben Kinder im Haus randaliert, inklusive diverse, exponentiell zur Uhrzeit gen Infantilität strebende Erziehungsberechtigte.“
„Siebzehn“, sagte Melina und schluchzte ein letztes Mal. „Oder meinst du mit ‚Strich‘ addieren? Das wären dann aber zwei Striche.“ Buchstabieren musste sie nichts davon, und beim Gutenachtsagen taten Papa und Mama sehr lieb mit ihr.
Auf dem Weg zum Zähneputzen hörte sie Papa im Wohnzimmer. „… muss ein einziger Scherbenhaufen liegen, nach den Temperaturen der vergangenen Woche. Das sehe ich mir lieber mal an.“
Mit leichtem Herzen ging sie zu Bett.

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BeitragVerfasst am: 05.02.2019 00:20    Titel: Frostscherben (9/10) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Trotz fünf Grad plus und Sonnenschein sah der Schneehügel unberührt aus, bis auf die etwas eingesunkene Stelle ganz links. Dort war der Junge hineingesprungen.
Mit Mamas Nordic-Walking-Stock grub Papa ein paar Kreidestücke aus, traf auf die Scherben. „Tja.“
Neben ihm piekste Melina mit dem Kinderschirm Löcher in die Eiskruste, bis ein Stück losbrach und wegschlitterte. Darunter gewährte ein Hohlraum Einblick, in seinen Wänden schimmerte es rötlich und blau. Die Kreide, aber es gab auch einen anderen Fleck. „Papa, gibt rosa und blau zusammen grün?“ Eigentlich lila, aber sie war sich nicht sicher.
„Wie kommst du denn-“ Papa ließ Mamas Stock fallen, klopfte fahrig seine Taschen ab. Wie damals immer, als er mit dem Rauchen aufgehört hatte. Erstaunt blickte Melina zu ihm auf, da sagte er etwas Merkwürdiges. „Weißt du was? Wir sehen mal nach, ob die kleine Kirche auf hat.“
Die ganze Woche über hatte er verächtlich abgewunken, wenn der Besuch die Kirche besichtigen wollte. Papa hielt nichts von Kirchen. Sein Vorschlag verblüffte sie dermaßen, dass sie sofort mitkommen wollte. Bei Tauwetter wurde der Kirchhof matschig, vielleicht trug der Pastor wirklich quietschbunte Gummistiefel.
Hinter ihnen bummerte etwas. Mama, sie kreischte, riss das Badfenster auf. „Nimm sie da weg, nimm sie da weg!“
Weil Mama auf die römische Mauer zeigte, sah Melina hin, noch während Papa sie am Anorak packte und mit sich fortzog. Mehr Eiskruste war weggebrochen, sie entdeckte die abgerutschte Bierflasche, für die sie den Schneehügel hatte verbreitern müssen. Jemand hatte ihr einen dicken schwarzen Handschuh um den Hals gelegt. Auch den grünen Fleck konnte sie jetzt gut erkennen, seine Rückseite leuchtete rot und am Saum hingen Glöckchen.

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emr
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BeitragVerfasst am: 05.02.2019 00:29    Titel: Alex gut (10/10) pdf-Datei Antworten mit Zitat

„Ihr seid so doof“, schrie Melina, „das ist doch nur seine Mütze.“ Sie wusste ganz genau, dass es Alex gut ging.
„Kapuze!“, kreischte Mama, „Angenäht! Weißt du, was das ist, du geistesschwaches-“
Mehr hörte sie nicht, Papa hielt ihr die Ohren zu. Zu Mama rief er etwas hoch, sie bekam ihre Augen und schloss das Fenster.
Melina achtete nicht weiter auf sie, denn sie musste furchtbar winken. Durch das Parktor kam ein Mann mit Schubkarre, in der Eimer und Werkzeug klapperten. Die blassbunten Dreads hingen ihm bis über die Schultern, vergnügt winkte er zurück.

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firstoffertio
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BeitragVerfasst am: 07.02.2019 22:07    Titel: Antworten mit Zitat

Warum hast du denn Päckchen gemacht, wenn du eh alles am selben Tag eingestellt hast?

Ich las die ersten zwei, und dachte, da bleibt Zeit, um sich drauf einzulassen. Dann ging das immer weiter mit den Päckchen. So ist mir das zu viel auf einmal.
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emr
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BeitragVerfasst am: 08.02.2019 13:42    Titel: na gut :) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Smile
firstoffertio, gestern schien mir deine Beschwerde so kryptisch, mir fiel nichts ein dazu. Heute finde ich, sie passt zu "wer trotzdem möchte: na gut".

In Teilstücken stelle ich ein, weil sie das Überarbeiten der vorherigen unmöglich machen. Auf die hier gefasste Idee, die Geschichte im Trash einzustellen, folgten drei Durchläufe, einer vorab komplett, einer vorm Einstellen jedes Teilstücks und ein letzter Check, wenn es abgesendet war. En bloc hätte es mich die ganze Nacht beschäftigt.

In Teilstücken stelle ich ein, weil ich einen langen Text selbst lieber in Abschnitten lese.

Wäre dies eine AG, befänden wir uns in der Werkstatt, wünschte ich Feedback, dann wären Pausen für Kommentare freundlich. So aber: Wozu? Lies, wann und wie du möchtest, oder eben gar nicht.
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firstoffertio
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BeitragVerfasst am: 09.02.2019 23:30    Titel: Antworten mit Zitat

Also, ich glaube, was mir auffällt und mich irritiert, und das Einlassen auf den Text nicht ganz einfach macht, wird schon am Anfang klar:

Zitat:
Frühmorgens hatte es Eis geregnet, nach dem Mittagessen leuchtete die Wiese im Park. Vor dem Schnee wirkten die Fußgänger noch bunter. Hinter ihnen ragte sandsteinrot die Kirche, ganz bestimmt höher als das Haus, in dem Melina wohnte. Trotzdem nannten Mama und Papa die Kirche „klein“. Erwachsene sagten oft so Sachen.
Wie beim Schränkchen vorm Badezimmerfenster. Eigentlich durfte Melina nicht draufsteigen, um oberhalb des Riffelglases in den Kirchpark schauen zu können. Zu gefährlich, dabei stand der Hocker daneben, es war ganz einfach, hinaufzukommen. Wenn es hier oben gefährlich war, wieso bauten Mama und Papa dann eine Treppe hin?
Dicht hinter der immergrünen Parkeinfassung hatten sich fünf oder sechs Leute versammelt, im Winkel mit der römischen Mauer. Die war drei von Melinas Armspannen lang, mit Papa hatte sie das vor kurzem ausgemessen. Interessiert sah sie zu, wie zwei Indianer in Anoraks etwas davorlegten und Schnee darüberhäuften. Der eine stieß immer wieder mit dem Kopfschmuck gegen die Mauer, aber was genau sie da trieben, war nicht zu erkennen. Wegen der Hecke konnte sie auch ihrer besten Freundin nicht winken, dabei wohnte Leonie fast genau gegenüber.


Es ist diese eigenartige Vermischung der Perspektiven.
Einerseits meine ich, einen Erzähler zu haben (frag mich nicht nach dem Typ). Andererseits dann wieder diese Perspektive aus Kindes Sicht: Mama, Papa:

Zitat:
Dicht hinter der immergrünen Parkeinfassung hatten sich fünf oder sechs Leute versammelt, im Winkel mit der römischen Mauer. Die war drei von Melinas Armspannen lang, mit Papa hatte sie das vor kurzem ausgemessen.
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emr
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BeitragVerfasst am: 09.02.2019 23:42    Titel: ...! pdf-Datei Antworten mit Zitat

firstoffertio hat Folgendes geschrieben:
Es ist diese eigenartige Vermischung der Perspektiven.
Einerseits meine ich, einen Erzähler zu haben (frag mich nicht nach dem Typ). Andererseits dann wieder diese Perspektive aus Kindes Sicht: Mama, Papa:

Ach. Interessant. Shocked
Das könnte es sein, was ich als 'Stolperfallen' oder 'Klumpigkeit' wahrgenommen habe. Ohne dahinterzusteigen, dass es an der Perspektive liegt. Bis ich das klarer sehe, muss die Geschichte wohl länger ruhen.
Dankeschön, first. Bin gerade etwas benommen, Erkenntnis macht schwindelig.
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gold
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BeitragVerfasst am: 27.02.2019 06:34    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe emr,

 ich unterschreibe firsts Kommentar. Ich finde die Idee spannend, Fasching aus der Kindperspektive darzustellen. Bin jedoch beim Lesen ausgestiegen, als du geswitcht bist. Das Kind hat sich plötzlich in Fremdwörtern ausgedrückt, die ein Kind nie gebrauchen würde.
Meine five Cents.

Edit: Ich bin mir jetzt gar nicht sicher, ob dich ein Feedback dazu interessiert. Wenn nicht,  mach einfach weiter. So oder so, mach weiter. Mich juckt es nur, wenn ich einen Text lese, der gut beginnt und der ein interessantes Thema bearbeitet und wenn mir der (die) Autor(-in) sympathisch ist. Dann denke ich, vielleicht kann ich irgendwie behilflich sein. Rolling Eyes

Liebe Grüße
gold


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emr
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BeitragVerfasst am: 27.02.2019 17:20    Titel: :) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke, gold. smile

Fasching aus Sicht eines Kindes mag erzählen wer will, mich dünkt das zum Gähnen ohne Extra. Es gibt einen Grund für Melinas Äußerungen. Er ist erst mal nicht so wichtig, führt aber am Ende ...

Wie soll das wissen, wer mich nicht kennt? Da fehlt es mir noch am Geschick, in einer vermeintlich harmlosen Story einen Tick mehr anzudeuten.

Spoiler:
Der Schluss war fies, hab ihn umgeschrieben. Weil die Geschichte einzig auf diesen Schluss ausgelegt ist, funktioniert sie womöglich nicht mehr.

Ja, ich bitte nicht um Feedback. Mich freut, wenn welches kommt.
Natürlich hilfst du mir damit, genau wie first. Ich hatte geglaubt, die witzigen Stellen reichten aus, um Leser bis zum Ende zu bringen.
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