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Geheimnis der silbernen Taschenuhr - eine unglaubliche Geschichte


 

 
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wunderkerze
Schreiberassi


Beiträge: 75



BeitragVerfasst am: 15.01.2019 11:29    Titel: Geheimnis der silbernen Taschenuhr - eine unglaubliche Geschichte eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das Geheimnis der silbernen Taschenuhr
                                                        Eine unglaubliche Geschichte

                                                                                1
   Als der bekannte Sinologe Augustus Holm-Seppensen mit annähernd sechsundneunzig Jahren starb, hinterließ er eine Vielzahl seltsamer Gegenstände, deren Bedeutung zum Teil bis heute noch nicht geklärt ist. Holm-Seppensen, Verfasser des in Fachkreisen hochgeschätzten Werkes 'Der Einfluss des Sanskrit auf die Literatur der Dritten Dynastie', war eine eigenartige, ja, man kann schon fast sagen bizarre Erscheinung gewesen. Hoch aufgeschossen, dürr, stets im weißen Gewand und mit wallendem Silberhaar, hatte man an seinen Füßen nie anderes Schuhwerk als Mao-Latschen gesehen.
   Mit der Sichtung seines umfangreichen Nachlasses wurden zwei Doktoranden des Instituts für fernöstliche Kulturen an der Universität zu B. beauftragt. Der eine, Juri Becker, erschien eines Morgens nicht zur Arbeit. Als nach drei Tagen immer noch keine Krankmeldung vorlag und Anrufe seitens der Institutsleitung bei ihm zuhause ohne Erfolg blieben, und da man wusste, dass er allein lebte, meldete man ihn als vermisst. Da ein Gewaltverbrechen nicht auszuschließen war, untersuchte die Kriminalpolizei seine Wohnung nach entsprechenden Hinweisen.
   Auf dem Nachttisch neben Beckers Bett lag eine silberne Taschenuhr, die aus dem Nachlass des Professors stammte. Anscheinend hatte Becker sie mit nach Hause genommen, um sich nach Feierabend mit ihr zu beschäftigen.
   Im Übrigen sah die Wohnung nicht danach aus, als habe ihr Besitzer eine längere Reise vorgehabt. Im Gegenteil. Es sah alles danach aus, als habe sie Juri Becker Hals über Kopf verlassen. Auf dem Küchentisch standen noch die Reste einer Mahlzeit, und in der Garderobe hing seine Jacke mit Personalausweis und Führerschein.
   Nun verschwinden in Deutschland jedes Jahr mehrere Tausend Menschen aller Altersstufen, und viele tauchen tatsächlich nie wieder auf. In solchen Fällen wird der Vermisste nach einiger Zeit amtlicherseits für tot erklärt und, wenn keine Verwandten aufzufinden sind, fällt sein Nachlass an den Staat.  
  Auch Juri Becker ist bisher nicht wieder aufgetaucht. Es sieht aus, als habe er sich in Luft aufgelöst. Ein Fall von Hunderten ähnlicher Fälle.
  Insofern war Juri Beckers Verschwinden nicht weiter aufregend, und der Fall wurde dem Internationalen Suchdienst übergeben.  
   Da erhielt der Leiter der Kriminaldirektion 1, Holger Abendschweisz, einen Anruf aus Minsk, Weißrussland. Am Apparat war eine Dame, die sich als Anastasia Grabowski und Freundin des Juri Becker vorstellte. Sie teilte dem Kriminaldirektor in gebrochenem Deutsch mit, die Suche nach ihrem Freund werde ergebnislos bleiben. Man werde weder ihn noch seine Leiche finden. Er sei auch keinem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen, sondern er habe sich entmaterialisieren lassen.
   Auf die verblüffte Frage von Abendschweisz, was sie denn damit meine, antwortete sie, das sei nicht so einfach zu erklären, und am Telefon schon gar nicht. Sie werde ihm Beckers Briefe schicken, daraus gehe alles hervor. Becker sei ein leidenschaftlicher Briefschreiber gewesen, der der elektronischen Nachrichtenübermittlung misstraut habe. Die Briefe seien allerdings in Russisch, doch das sei ja wohl keine Hürde.
   Abendschweisz leitete die Briefe der Dienststelle zu, die mit Beckers Verschwinden befasst war. Sie wurden übersetzt, und was der zuständige Beamte da las, war geradezu unglaublich...

                                                                    2
                                                Die Briefe des Juri Becker

   Mittwoch, den 3. März 20.. , abends
   Meine liebe Freundin,
   ich komme gerade vom Institut, und auf dem Weg hierher ist mir etwas sehr Merkwürdiges passiert. Ich habe meinen Bruder Viktor wiedergesehen! Ja, da staunst du! Und was glaubst du wohl, wie ich erst gestaunt habe! Ich sah ihn ganz deutlich auf der anderen Straßenseite. Er saß auf seinem Motorrad und unterhielt sich mit einer mir nicht bekannten Frau. Es war das gleiche Motorrad, das ihn in den Tod gerissen hat, eine Harvey Davidson. Die Vision war so real, dass ich vor Überraschung fast gegen einen Laternenmast gefahren wäre.
    Gut, ich höre dich. Du sagst: Ein Doppelgänger. Ja. Wahrscheinlich hast du Recht. Möglicherweise gibt es zu jedem Menschen irgendwo auf der Welt ein Double. Möglicherweise hatte auch Jesus von Nazareth einen, den seine Jüngern nach seinem Tode für den Wiederauferstandenen hielten. Doch so einfach will ich es mir jetzt nicht machen. Die Person hatte das gleiche, schon etwas angegraute Haar, die gleiche untersetzte Gestalt, und, was noch wichtiger ist, sie zeigte das gleiche kurze Einknicken des Oberkörpers beim Sprechen wie mein verblichener Bruder, möge er in Frieden ruhen. Auch die Handbewegungen, die der Mann machte, wenn er eine Aussage unterstreichen wollte, waren denen Viktors verblüffend ähnlich. Ich gestehe, für einen Moment war ich versucht, umzukehren und meinen Bruder in die Arme zu schließen.   
   Eine unwahrscheinliche Personenähnlichkeit – dass so etwas überhaupt möglich ist! Natürlich glaube ich nicht, dass der Mann wirklich mein Bruder Viktor war. Ich bin Realist genug, um dergleichen Gedanken sofort als Hirngespinst zu verwerfen. Aber beeindruckend war es doch, und ich bin immer noch ergriffen.
   Ach ja, noch eins. Ich war bei nasskaltem Wetter losgeradelt, und als ich die Vision hatte, kam plötzlich die Sonne durch und ein warmer Wind wehte mich an. Seltsam, sehr seltsam. Aber wahrscheinlich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun.
   Das ist es, was ich dir berichten wollte.
   So, nun zu dir, mein Täubchen...

                                                                        *
   Montag, den 10. März, 20..
   Liebe Anastasia,  
   schon wieder ist etwas sehr Seltsames passiert, das mir den Schlaf einer halben Nacht gekostet hat. Weil ich weiß, dass du eine geduldige Leserin meiner Briefe bist, wage ich es überhaupt, dir davon zu berichten. Einerseits ist es absolut banal, doch andrerseits – also höre.
   Vorgestern waren meine Kaffeevorräte aufgebraucht. Der Discounter um die Ecke warb mit Sonderangeboten, also kaufte ich mutig gleich drei Packungen und stellte sie in den Hochschrank, wo der Kaffee immer steht. Das war vorgestern. Gestern morgen nun griff ich in den Schrank – da waren zwei Packungen verschwunden, und die dritte nur noch halb voll. Du lachst! Aber das Drama ist noch nicht zuende, mein Engel. Heute morgen waren die beiden Packungen wieder da. Ich weiß genau, dass ich sie nicht angerührt habe, und in der Wohnung war außer mir niemand. Und sollte doch jemand ohne Spuren zu hinterlassen drin gewesen sein – wer stiehlt denn zwei Pfund Kaffee und lässt die Unterhaltungselektronik liegen!
  Kannst du dir vorstellen, wie ich mich fühle? Erst sehe ich meinen verstorbenen Bruder auf der Straße, und jetzt das! Bin ich noch richtig im Kopf? Ich überlege schon, ob ich mich nicht krank melde und mal wieder richtig ausschlafe. Was sage ich? Ausschlafen? Ha! Davon wird erst einmal nicht die Rede sein! Du kannst dir natürlich vorstellen, dass mir die absonderlichsten Gedanken Tag und Nacht durch den Kopf gehen! Außerdem liegt mir das Krankfeiern ohne wirklich krank zu sein nicht, und die Arbeit, die ich gerade mache, ist auch viel zu interessant.
   Wenn du erlaubst, berichte ich kurz.
   Gegenwärtig befasse ich mich mit dem Nachlass eines Professors, der lange in China gelebt hat. Der Nachlass enthält eine Unzahl seltsamen Sachen, von denen niemand weiß, ob sie von wissenschaftlicher Bedeutung oder nur ulkige Kuriosa sind. Ein Kollege und ich nun sollen die Spreu vom Weizen trennen. Da ist zum Beispiel eine silberne Taschenuhr – oder sagen wir besser: Ein Ding, das so ähnlich wie eine Taschenuhr aussieht. Eine richtige Uhr kann es nämlich nicht sein, denn da ist keine Vorrichtung zum Aufziehen. Du meinst, vielleicht eine von diesen modernen Uhren, die durch Bewegungen in Gang gehalten werden? Daran habe ich auch schon gedacht und sie dementsprechend bewegt. Doch sie tickt nicht, und auch die Zeiger bewegen sich nicht. Und für diese Technik scheint sie mir auch zu zu alt zu sein, denn sie sieht ziemlich abgegriffen aus. Ich habe sie mit nach Hause genommen, um sie genauer zu untersuchen. Sie liegt jetzt auf meinem Nachttisch und blinzelt mir zu, haha!
   Wie geht es deiner Mutter? Ist ihr offenes Bein...

                                                                     *

   Sonnabend, 20. März, abends
   Liebe Anastasia
   im letzten Brief schrieb ich dir doch, dass mir diese komische Taschenuhr aus dem Nachlass des verstorbenen Professors zublinzele. Das sollte ein Witz sein, war´s aber wohl nicht. Zwar blinzelt sie mir nicht zu, aber sie schlägt mich immer mehr in ihren Bann.
   Damit du dir eine Vorstellung machen kannst, worum es überhaupt geht, werde ich dir die Uhr jetzt ziemlich ausführlich beschreiben.Wenn es dich langweilt, ist´s auch kein Beinbruch. Dann legst du diesen Brief eben beiseite und wartest auf den nächsten. Aber möglicherweise verstehst du dann besser, warum mich die Uhr so fasziniert.   
  
   Wenn ich auf den oberen Bügelknopf drücke, springt der Deckel auf. Ich sehe zwei Zeiger, einen langen und einen kurzen, die an verschiedenen Stellen außerhalb der Mitte des Zifferblattes sitzen. Das Zifferblatt enthält keine Zahlen, sondern Schriftzeichen, ich denke mal chinesische oder indische.
   Die meisten sind zierlich, feingliedrig-filigran, nur einige  etwas größer und deutlicher, und zwar diejenigen in Position drei, sechs und neun. Die Zeichen auf den Positionen halb zwölf und halb eins glänzen silbrig, die übrigen sind schwarz. Auf der Zwölf befindet sich ein totenkopfähnliches Gebilde, in dessen Augenhöhlen zwei winzige Diamanten blitzen. Diese Diamanten üben eine eigenartige Wirkung auf mich aus. Wenn ich sie länger anschaue, wird mir schwindlig. Das Zifferblatt ist nicht in zwölf, sondern in vierundzwanzig Abschnitte eingeteilt. Eine Vorrichtung zum Aufziehen gibt es wie schon gesagt nicht, und eine hintere Klappe kann ich auch nicht finden. An den Seiten der Uhr befinden sich zwei Rädchen, mit der ich die Zeiger unabhängig voneinander bewegen kann. Deckel und Rückseite sind nach fernöstlicher Art mit allerlei Getier verziert.
  Ich frage dich, meine Liebe, ist dies überhaupt ein Zeitmesser? Und wenn ja, welche Zeit misst dieses Gerät? Die MEZ bestimmt nicht! Kannst du mir vielleicht weiterhelfen? Du hast doch in deiner Verwandtschaft einen Popen, der sich angeblich in magischen Dingen auskennt.
   ….........

                                                                          *

   Sonnabend, den 27. März, vormittags
   Meine liebe Anastasia,
   eben, beim Frühstück, überlegte ich, wie lange ich es ohne dich noch aushalte. Du fehlst mir doch sehr, allein schon, um wieder mal unbeschwert russisch reden zu können... Und auch sonst...
   Du wirst es schon ahnen: Ja, es ist wieder etwas passiert. Nichts dramatisches, aber mir reicht es langsam. Heute Nacht gegen drei Uhr wachte ich mit starkem Herzrasen und Kopfschmerzen auf. Ich ging ins Badezimmer, um eine Aspirin einzunehmen und ein paar Schluck Wasser zu trinken. Dabei blickte ich in den Spiegel und erkannte mich nicht wieder. Ich sah mich um Jahre gealtert und mit einem Acht-Tage-Bart. Dabei hatte ich mich doch erst am Morgen gründlich rasiert! Du kannst dir meine Verblüffung sicherlich vorstellen! Aber das Tollste kommt noch! Heute morgen war der Bart weg, und ich sah aus wie immer – nicht mehr ganz jugendfrisch, aber auf keinen Fall so alt und verbraucht wie nachts vor dem Spiegel. Ich war wie von Donner gerührt.
  Mittlerweile bilde ich mir ein, dass ich das alles nur geträumt habe. Anders kann ich es mir nicht erklären. Denn als ich in den Spiegel schaute, wurde es schon hell! Das kann doch gar nicht sein! Ende März!
   Trotzdem – irgendetwas stimmt mit mir nicht. Ich wache nachts manchmal mit heftigen Kopfschmerzen auf und kann dann stundenlang nicht mehr einschlafen. Wenn es so bleibt, hole ich mir einen Termin beim Neurologen. Noch gehe ich davon aus, dass es nichts Ernstes ist, aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste*, wie es so richtig heißt.
   Übrigens, ich habe ganz vergessen, Jewgenij zum bestandenen Examen...

   Sonntag, halb elf am Vormittag
   Der Brief liegt noch offen auf dem Schreibtisch, also schreibe ich weiter.
   Heute Nacht habe ich eine seltsame Entdeckung gemacht. Wieder bekam ich, kaum dass ich mich gegen halb elf hingelegt hatte, dieses Herzrasen und Kopfschmerzen, stand auf und ging in die Küche, wo jetzt die Aspirin liegen. Auch auf die Gefahr hin, dass du fürchterlich lachst, meine Teuerste, gesteh´ ich´s frank und frei – ich wollte mir den Anblick meines Greisengesichts im Badezimmerspiegel ersparen. Ja, und nochmals ja, es ist albern, aber vielleicht kannst du daran ermessen, in welcher Verfassung ich mich mittlerweile befinde. Kurz: Kaum hatte ich mich an den Küchentisch gesetzt, das Glas mit den sprudelnden Tabletten vor mir, da waren Herzrasen und Kopfschmerzen auf einmal wie weggeblasen. Ich ließ das Glas stehen und ging wieder zu Bett. Nach einer halben Stunde waren die Schmerzen wieder da. Ich stand auf, setzte mich in die Küche und starrte das Glas mit den Aspirin an. Nach einiger Zeit war mein Kopf wieder klar. Als ich mich wieder hinlegen wollte, fiel mein Blick auf die Uhr, die unter der Nachttischlampe lag. Die beiden Diamanten in dem Totenkopf funkelten auf eine seltsame Weise intensiv. Mir schien es, als komme das Gefunkel nicht vom Lampenlicht, sondern von innen heraus. Ich knipste die Lampe aus – das Funkeln erlosch bis auf einen schwachen Schimmer. Es waren jetzt zwei winzige Augen, die mich unverwandt anstarrten. In diesem Moment empfand ich einen Druck auf dem Kopf, und schon waren die Schmerzen wieder da, und mein Herz fing an, wie wild zu schlagen. Ich nahm die Uhr und legte sie in das Schuhbord draußen vor der Wohnungstür. Dann legte ich mich hin und schlief bis halb elf. Von Kopfschmerz keine Spur.
   Da mache sich nun einer einen Reim drauf! Man kann das ganze noch nicht einmal für absurd erklären, denn das Absurde ist ja bekanntlich nur eine ungewohnte Form des Alltäglichen. Auf jeden Fall weiß ich jetzt hundertpro: In dieser seltsamen Uhr steckt ein Geheimnis. Ich spüre es deutlich – und ich habe mir vorgenommen, dieses Geheimnis zu lüften, koste es, was es wolle. Vielleicht erlange ich ja dadurch sogar noch zu wissenschaftlichem Ruhm.
   Wenn ich neue Erkenntnisse habe, schreib´ ich sie dir.
   Bis dahin Gruß und Kuss!
   Dein Juri.
   PS. Vielleicht hat euer Pope ja eine Idee.      
   __________
   *Im Original deutsch, wie auch, wenn nicht anders vermerkt, alle weiteren kursiven Textstellen                       

                                                               *
   Donnerstag, 26. April, abends
   Hi, meine Geliebte, und nochmal hi und wieder hi und abermals hi!
   Du siehst, ich drehe langsam durch! Wenn ich nicht wüsste, dass du mich noch liebtest, auch wenn ich im Irrenhaus säße, würde ich verzweifeln. Denn bald ist es so weit. Die Kette unerklärlicher Vorkommnisse reißt nicht ab. Dabei ist jedes für sich nicht der Rede wert, doch alle zusammen bringen mich allmählich an den Rand des Wahnsinns. Das fängt damit an, dass dieser unheimliche Dieb wieder zugeschlagen hat. Als ich heute morgen die halb volle Rotweinflasche zurückstellen wollte, war sie leer. Du kennst mich und weißt, dass ich nie mehr als ein, zwei Gläser trinke. Frage: Wer hat die Flasche geleert?
   Dann kann ich anscheinend nicht mehr richtig sehen und hören. Gegenüber steht schon seit Monaten ein eingerüsteter Rohbau ohne Fenster und Türen, bei dem es nicht voran geht. Als ich vor drei Tagen morgens aus dem Badezimmerfenster schaute, war das Haus fertig und bewohnt. Ich habe die Rollos heruntergezogen, denn ich könnte es nicht ertragen, wenn da jetzt wieder der Rohbau stände, womit ich allerdings stark rechne.
    Dann: Heute in den Morgennachrichten kam die Meldung von dem Giftanschlag auf den russischen Dissidenten, diesen Scripal. War das nicht schon vor einem halben Jahr? Kann es sein, dass ich mich da verhört habe, oder ist da schon wieder etwas passiert mit jemandem, der so ähnlich heißt? Ich werd´ mich mal umhorchen.
   Seit gestern ist übrigens auch mein Fahrrad verschwunden, obwohl ich es mit einem massiven Bügelschloss gesichert hatte. Ich hoffe inständig, dass es sich um einen ganz normalen Diebstahl handelt und nicht schon wieder eine dieser seltsamen Narreteien.
   Ein Termin beim Neurologen ist übrigens erst nächste Woche frei. Ich denke, bis dahin schaff´ ich´s noch.
   So, das wär´s erst mal für heute. Du sagst, es reicht auch? Recht hast du, mein Schnuckelchen, wie meistens...
   Übrigens – die Uhr habe ich aus meinem Schlafzimmer verbannt. Sie liegt jetzt auf meinem Schreibtisch und grinst mich höhnisch an.
   Also dann bis zum nächsten Brief, hihi!
   Dein...     

                                                                    *

   Sonnabend, 29. April, 10 Uhr abends
   Liebe Anastasia,
   ja, schon wieder ein Brief von mir. Zage nicht, weine nicht – wenn du ihn nicht lesen willst, wirf ihn einfach weg, oder tu so, als hättest du deine Brille verlegt. Wie? Du trägst gar keine? Ach! Wie man sich doch täuschen kann! Aber es wäre ein Fehler, diesen Brief nicht zu lesen, meine Teuerste, denn in diesem Briefchen stehen neue, seltsame Nachrichten...
   Also, ich beginne:
   Gestern, vor dem Einschlafen, nahm ich mir noch mal die Uhr vor und drehte an den Zeigern herum. Darüber fielen mir die Augen zu, und als ich mich am anderen Morgen am Kinn kratzen wollte, griff ich in struppiges Gewühl. Ich ging ins Badezimmer und blickte in den Spiegel. Und was erblickte ich da wohl, mein kleines Täubschen? Richtig! Ich blickte in ein völlig zugewachsenes Gesicht. – Nun gut, höre ich dich murmeln, so etwas Ähnliches hatten wir doch schon mal. Richtig wie immer, wenn du etwas murmelst. Aber damals zeigten sich noch keine graue Haarsträhnen an Stellen, an denen ich vorher noch keine waren. Und ich sah auch nicht aus wie einer dieser indischen Gurus, die sich ein Leben lang nicht die Haare schneiden. Und als ich zur Zahnbürste greifen wollte, stieß ich den Zahnbecher zu Boden. Meine Fingernägel waren so lang wie die eines Callgirls der höchsten Preisklasse –  Nein, nein, was du nun wieder denkst! Ach, du denkst gar nichts?
   Dann also weiter.
   Ich setzte mich an den Küchentisch und starrte vor mich hin. Irgend jemand schlug jedes Mal, wenn ich mich bewegte, mit dem Hammer auf meine Schädeldecke. In einem Anfall grausamer Selbsbesichtigung stellte ich mich vor den großen Spiegel im Flur. Ich sah aus wie Don Qichote nach der Schlacht mit den Windmühlenflügeln: Wie ein klappriger, abgezehrter Greis.
   Dieses war der erste Streich, und der zweite folgt sogleich.
   Liebe Anastasia, du weißt, dass ich nie einem kleinen Scherz abgeneigt bin. Es liegt mir einfach im Blut. Und dieser Zustand, in dem ich mich befand, war geradezu eine Steilvorlage für ein kleines Verwirrspiel. Diese absurde Situation schrie geradezu nach nach einer Komödie. Also entschloss ich mich, in diesem zugewachsenen Zustand zum Bäcker zu gehen. Um meinem Outfit noch den letzten Schliff zu geben, holte ich meine alten Arbeitsklamotten und die Schuhe mit den Farbklecksen aus dem Keller und zog sie an.
   Die Reaktionen der Leute auf der Straße fielen jedoch nicht so aus, wie ich erwartet hatte. Zwar fixierten mich einige beim Näherkommen, wandten dann aber schnell den Blick ab, wie das so üblich ist. Ich schien ihnen völlig gleichgültig zu sein. Es erfolgten keine Missfallensbekundungen, weder mit Worten noch mit Taten. Offensichtlich ist ihnen ein deutscher Landstreicher lieber als ein syrischer Professor.      
   Im Bäckerladen war nur eine Kundin, eine ältere Dame, die in einer Fensternische am  Stehtisch ihren Morgenkaffee schlürfte. Als sie mich erblickte, stellt sie ihre Tasse ab und starrte mich konsterniert an. Aus einer Tür trat jetzt die Verkäuferin, eine ältere füllige Dame, die ich hier noch nie gesehen hatte. Aber irgendwie kam sie mir bekannt vor. Bisher hatte meistens die Tochter des Bäckerehepaars bedient, eine dralle junge Frau mit roten Wange und runden Augen.
   Mein Anblick schien die Dame hinter der Verkaufstheke nicht zu stören, sie blieb bemerkenswert cool. Allerdings – ihr gequältes Verkäuferinnenlächeln, nachdem sie mich erblickt hatte, verfiel zusehends. –
   Was meinst du, mein Herzliebchen? Ich soll endlich zur Sache kommen? Aber sicher doch! Ich komme! Ich eile! Ich überschlage mich vor –  
   Bis jetzt hatte ich die Hände in den Taschen gehabt und versuchte nun, ein Zwei-Euro-Stück zu greifen, was bei diesen langen Fingernägeln, die einer hochpreisigen – ha! Beinahe hätte ich mich verraten! – was bei diesen langen Fingernägeln natürlich nicht so einfach war. Als ich das Geldstück auf die Theke legte, brach die Verkäuferin in ein schrilles Lachen aus, das sie jedoch ganz plötzlich abbrach, sich die Hand vor den Mund hielt und sich der Kasse zuwandte.
   Und jetzt erkannte ich sie. Ich sah diesen großen, hässlichen Leberfleck mit den Haarborsten in ihrem Nacken. Damals hatte sie mir deswegen immer leidgetan. Und auch das Gelächter kam mir bekannt vor. En peu de mots*: Es war die Tochter des Hauses, nur um Jahre gealtert. Wir beide, sie und ich, waren um Jahre gealtert. Punkt.
   So, jetzt bist du dran. Wenn das so weitergeht, schließt du demnächst einen vierundneunzigjährigen Greis in deine betörenden Arme. – Wie, höre ich recht? Das würde dir nichts ausmachen, weil ich es ja wäre? Danke für das Kompliment! Aber Gottseidank, noch ist es nicht so weit! Mittlerweile seh´ ich wieder halbwegs normal aus. Aber was heißt schon normal. Kann jemand, der in seine Anastasia verliebt ist, noch normal sein – vor Glück natürlich, du Dummchen!
   Und nun bin ich dran. Woran? An der Uhr natürlich, oder was es auch immer sei. Ich weiß jetzt nämlich, dass diese bizarren Erscheinungen nur dann stattfinden, wenn ich dieses teuflische Gerät bei mir trage, wie beim Gang zum Bäcker, oder wenn es neben mir, zum Beispiel auf dem Nachttisch, oder wenn es vor mir auf dem Schreibtisch liegt. Sowie ich es weiter weglege, hört der Spuk auf. Und der Spuk hat etwas mit der Zeigerstellung zu tun.
   Auch wenn ich dich nicht sehe – ich seh´s dir trotzdem an. Du glaubst mir die Geschichte nicht. Du nimmst sie mir einfach nicht ab. Du denkst, jetzt ist mein Juri verrückt geworden. Du wirst lachen, das selbe denke ich auch: Dass ich verrückt bin. Aber nicht im üblichen Sinne, sondern in dem, dass mich etwas in der Zeit verrückt und dann wieder in die Realität zurück befördert. Und ich weiß auch schon, wer oder was für diesen teuflischen Spuk verantwortlich ist.
  Nur das Wie, das weiß ich noch nicht. Aber ich werde es herausfinden.
    ________
   *Auch im Original französisch

                                                               *

   Dienstag, der 5. Mai, 11Uhr dreißig
   Hallo, du meine Herzenskönigin, und grüß Gott!
   Ja, ich falle mit der Tür ins Haus und werfe – krach – bumm – auch noch den Wohnzimmerschrank mit um! Mein Kopf – dein Kopf? Nein! Ja, wessen Kopf denn? Ach so, sag´ das doch gleich – mein Kopf, dieser Tropf, dieser Knopf, dieser Topf – wo ist er denn bloß? Ach ja! Auf meinem Hals, auf meinem Schmalz – weißt du was? Gleich knallt´s! Er ist gesund, der Hund, mit diesem großen Mund – wo ich ihn fund? Nirgendwo! Er ist ein altes Erbstück, hahaha, und festgewachsen! Und da soll er auch bleiben, der Schopf! Kurz, mein Pfurz – oha, das tut man nicht, schon gar nicht in Anwesenheit einer Dame, und ihr Name? Muss ich wohl vergessen haben! Weißt du ihn vielleicht, Anastasia, mein Schatz, ha – ha?
   Ich komme gerade vom Neurologen. Du hast es bereits gelesen: Da ist nichts – kein Knötchen, keine Beule, keine Blase, noch nicht mal ein Bläschen – kein nichts, aber auch nicht das Fitzelchen von einem Nichts! An meinem Gestammel kannst du ermessen – aber das muss ich dir nicht extra sagen? Ich bin maßlos erleichtert. Weil ich dich nicht beunruhigen wollte, meine Allerliebste, deshalb sag´ ich´s erst jetzt, und auch nicht durch die Blume, sondern so, wie mir der Schnabel gewachsen ist: Zwischenzeitlich habe ich mir doch große Sorgen gemacht, denn manchmal fühlte sich mein Schädel an, als läge darin eine Eisenkugel begraben. Und ein Onkel von mir ist am Hirntumor gestorben und hat über die gleichen Symptome geklagt. Da kann man schon auf dumme Gedanken kommen!
   Aber nun hab´ ich es schwarz auf weiß. Ohne Befund, der Hund. Allerdings – eine regio... regio... warte, ich hab´ es mir aufgeschrieben – eine regio corticis praefrontalis – sag´s auf russisch, Schatz – gerne! Eine Stelle hinter meiner Stenkerdirne – wie? Ich meine natürlich hinter meiner Denkerstirne weist eine abnorm erhöhte Stoffwechsel-Aktivität auf. Weißt du, was mich dieser Stoffel – Verzeihung, kleiner Scherz – was mich dieser Stoffwechsel-Professor fragte? Nun, heraus mit der Sprache! Nein? Du weißt es nicht? Dann sag´ ich´s dir eben: Er fragte mich, dieser – er fragte mich, ob ich häufig meditiere oder einer religiösen Sekte angehöre! Bizarr, was? Ich und Sekte! Hätte er wenigstens Sekt gesagt! – Was meinst du, mein aller, aller, allerliebster Wonneproppen? Ich soll nicht so albern sein? Aye aye, Sir, dann eben nicht. Schmoll.
   Mit der verdammten Uhr bin ich noch nicht weitergekommen.
   Das wär´s dann für´s erste.
  Bis zum nächsten Brief alles Gute!
   Dein – dein – DEIN? Kruzitürken! Jetzt hab ich auch noch meinen Namen vergessen! Bist du wohl so nett, und schreibst ihn mir mal?

                                                                 *
   Sonnabend, den 18. Mai, kurz vor Mitternacht
   Liebe Anastasia,
   keine Angst, ich bin nicht mehr albern. Ich bin jetzt ernst. Nicht todernst – einfach nur ernst.
   Und das hat seinen guten Grund.
   Die Beschäftigung mit der Uhr entwickelt sich nämlich allmählich zu einer sehr ernsthaften Angelegenheit. Ich will nicht übertrieben euphorisch sein, aber es besteht die Möglichkeit, dass ich mit ihrer Hilfe unsterblich werden könnte oder zumindest ewiger Jugend teilhaftig, was ja bekanntlich auf´s Gleiche herauskommt!  
   Aber nun immer hübsch der Reihe nach.
  Ich schrieb dir doch, dass der Neurologe mich fragte, ob ich meditiere oder einer religiösen Sekte angehöre. Nun las ich letzte Woche zufällig einen Artikel in einer unserer Fachzeitschriften von tibetanischen Mönchen, deren Hirnaktivitäten man beim Meditieren gemessen hat. Dabei stellte sich heraus, dass immer dann, wenn sie angaben, mit der Gottheit in Kontakt getreten zu sein, eine bestimmte Stelle im präfrontalen Cortex – du erinnerst dich – besonders aktiv war. Die Mönche sprachen von einer Art Glühen, dass sie empfunden hätten, einige klagten über Kopfschmerzen.    
   Nun kann ich mich nicht erinnern, in der letzten Zeit jemals mit einer Gottheit in Kontakt getreten zu sein, und klappte das Journal wieder zu.
   Zwei Tage später lud mich ein Arbeitskollege zu einer kleinen Abendgesellschaft ein. Er hatte seinen Dr. jur. gemacht und wollte dieses Ereignis in kleinem Kreise feiern. Dabei unterließ er es nicht, mir seine Wohnung zu zeigen. Du weißt, ich hasse diese Wohnungsbesichtigungen. Besonders die Schlafzimmer fremder Leute sind mir ein Gräuel, auch wenn sie frisch gelüftet sind und die Betten noch so akkurat hergerichtet. Ich hab´ immer Angst, unter einem Bett doch noch einen vollen Nachttopf zu entdecken. Kurz und gut: Wir kamen in die Küche. Mir fiel die Kochplatte auf, die weder ein Tastfeld noch irgendeinen dieser Ringe, in die man den Topf stellt, aufwies. Die Hausfrau belehrte mich, das sei eine Induktionskochplatte. Man stellt einen eisernen Topf oder eine Eisenpfanne einfach irgendwo drauf, und die Induktionsspulen übertrügen die Energie ohne Hitzeentwicklung auf das Kochgeschirr. Aber es müsse schon aus Eisen sein, meinte sie, Aluminium- oder Keramikgefäße seien nicht geeignet.
   Mir fiel es wie Schuppen von den Augen! Das Gefühl dieser Eisenkugel im Kopf! Es musste etwas mit Induktion zu tun haben!   
   Und woher die Energie kam, kommen musste, die meinen Kopf in Wallung versetzte, war mir auch sofort klar: Sie kann nur aus der Uhr des Sinologen stammen, eine andere Möglichkeit sehe ich gegenwärtig nicht.
   Ein bisschen viel Zufall, meinst du nicht auch? Gut, nehmen wir es erst einmal so hin.
  Du kannst dir natürlich vorstellen, dass ich wie auf glühenden Kohlen saß. Ich nahm anstandshalber ein paar Häppchen, redete anstandshalber ein paar wohlgesetzte Worte
und verabschiedete mich bald, indem ich Kopfschmerzen vorgab.
   Aber schon auf dem Weg nachhause kamen mir Bedenken. Wenn ich auch eine Eisenkugel in meinem Kopf verspürte – eine echte lag ja nicht drin. Und ohne Eisen geht´s nun mal nicht, hatte die Frau gesagt.
   Zuhause setzte ich mich vor die Uhr und starrte sie an. Verrat´ mir dein Geheimnis, murmelte ich, sag mir, wie du funktionierst!
   Die beiden Diamanten funkelten mich an, mit einer bestürzenden, magischen Intensität. Es war unheimlich! Und schon meldeten sich wieder die Kopfschmerzen...
   Doch jetzt wollte ich es wissen. Eisenkugel ja oder nein – dann waren es eben keine elektromagnetischen, sondern andere, geheimnisvolle Kräfte, die auf mein Gehirn einwirkten. Das Universum ist voll von Strahlungen, die wir nicht merken, und nur, weil wir kein Sinnesorgan für sie haben, sollten sie ohne Wirkung sein?
   Glücklicherweise hatte ich mir die Zeigerstellung jener Nacht, als ich als Greis erwachte, gemerkt. Damals standen beide Zeiger jeweils auf Position 10. Jetzt drehte ich beide Zeiger auf halb zwölf, stellte meinen Wecker auf drei Uhr, legte die Uhr auf meinen Nachttisch und ging zu Bett. Als ich um drei erwachte, fühlte ich sofort: Da war er wieder, der Drei-Tage-Bart, obwohl ich mich natürlich sorgfältig rasiert hatte. Ich stand auf und betrachtete mein Gesicht im Spiegel. Es sah aus wie immer – bis auf den Bart.
   So, meine Liebe, das sei´s für heute. Der Brief ist eh schon zu lang. Ich halte dich auf dem laufenden. Bis dahin usw. usf.

                                                                 *

   Sonnabend, 6. Juni, abends
   Meine ferne Geliebte,
   das Dunkel lichtet sich, und die Nebel lösen sich auf.
   Dass ich mich erst jetzt melde, hat einen Grund: Wegen einer mehrtägigen Seminarveranstaltung musste ich meine Versuche erst einmal unterbrechen. Allerdings hat mir die Pause gut getan. Mein Kopf ist wieder völlig klar, und nachts schlafe ich wie ein Murmeltier. Jetzt fühle ich mich stark genug, das letzte, entscheidende Experiment durchzuführen. Aber noch ist es nicht soweit. Noch fehlt mir die letzte Gewissheit. Doch ich denke, dass es nur noch eine Frage von kurzer Zeit ist, bis ich die Uhr vollständig beherrsche.
  Auf jeden Fall weiß ich jetzt schon, was die Zeiger bedeuten. Und zwar: Der kleine ist für das Alter zuständig, in das mich die Uhr versetzt, der große bestimmt, wie lange ich dieser Zustand andauert. Es hat eine Weile gebraucht, bis ich dahinter kam. Wenn der große Zeiger zum Beispiel auf Pos. 12 steht, passiert gar nichts. Steht der kleine auf 12 und der große sonst wo, passiert auch nichts. Stehen beide Zeiger kurz vor 12, werde ich nur ein wenig älter und auch nur für kurze Zeit. Um sicherzugehen, stellte ich den kleinen Zeiger auf kurz vor Pos.12 und den großen auf Pos. 9. Und siehe da: Ich wachte morgens mit leichtem Bartwuchs und langen Fingernägeln auf, und dieser Zustand hielt drei Tage an. Mich juckt es in den Fingern, den kleinen Zeiger auch noch auf die 9 zu stellen. Es wäre ein Hauptspaß! Ob mich im Institut wohl noch jemand wiedererkennen würde? Ich glaube, es würde nur heillose Verwirrung stiften, deshalb lass ich´s lieber.
   Ich gebe zu, das alles ist mit klarem Menschenverstand nicht zu erklären. Es gibt eben mehr zwischen Himmel und Erde, als sich eure Weisheit erträumen lässt. Wie wahr! Trotzdem, mein wissenschaftlich geschulter Verstand erheischt eine vernünftige Erklärung. Und wie es der Zufall will – glaubst du noch an Zufälle, meine Teuerste? Ich nicht! – hält sich seit drei Tagen ein indischer Guru im Institut auf, der wie ein Bruder des verstorbenen Professors aussieht, oder sein Klon: Silberweißes Haar, wallendes Gewandt, nur trägt er an den Füßen keine Mao-Latschen, sondern schneeweiße Plastik-Klogs. Diesen Guru fragte ich, ob er von einer fernöstlichen Technik wisse, mit der der Mensch aktiv in den Lauf der Zeit eingreifen könne. Er sah mich groß an, und für einen Moment befürchtete ich, der werde mich auslachen, doch das Gegenteil war der Fall. „Mein lieber junger Freund“, sagte er in astreinem Englisch, „warum sollte er denn nicht?“ Er lud mich zu einem Tee in die Cafeteria ein und erzählte mir eine Geschichte.
   Du schaust zur Uhr, mein Herz? Dann mache ich jetzt einen Absatz, und du liest morgen weiter.

   Er erzählte mir:  
   „Ein Yogi kehrte nach vielen Jahren intensiver Meditation aus seiner Einsiedlerhöhle  beim See Gaurikunt nach Hause zurück, um noch einmal seine alten Eltern zu besuchen. Als seine Mutter die Tür öffnete, erblickte er die kostbare Wohnungseinrichtung mit wertvollen Mandalas und kupfernem Töpfen und Kannen, und er kam augenblicklich zu dem Entschluss, seine Seele nicht mit dem Anblick des irdischen Wohlstands zu verunreinigen. Die Mutter wandte kurz den Kopf, um den Vater zu rufen, und als sie den Kopf wieder zurückdrehte, war der Sohn verschwunden. Er konnte in dieser kurzen Zeit unmöglich das Grundstück verlassen und sich weit fortbewegt haben, der Sohn war und blieb wie vom Erdboden verschluckt. Auch in der Umgebung wurde er nicht mehr gesehen. Nach fünfzehn Jahren erblickte ihn die nun steinalte Mutter – der Vater war inzwischen gestorben – bei der Gartenpforte, wie er auf das Häuschen starrte und ihr wie geistesabwesend zuwinkte. Er war kaum gealtert! Dieses wurde von der Mutter, ihrer Tochter, und einer Nachbarin, die den Sohn vom Küchenfenster aus beobachtet hatte, bezeugt.
   Unsere Gelehrten erklären dieses Ereignis dahingehend“, erzählte der Mann, der sich übrigens als Svani Malarepa vorgestellt hatte und ein berühmter Yoga-Meister ist, „dass dem Sohn, der ja augenscheinlich einen sehr hohen Grad der Seelenreinheit erreicht hatte, eine zeitliche Entrückung geglückt war, das heißt, es war ihm gelungen, sich in eine Parallelwelt mit einem anderen Zeitverlauf zu versetzen; um dann nach fünfzehn Erdenjahren wieder in die Realwelt zurückzukehren, ohne den Ort verlassen zu haben.“
   Ich muss wohl ziemlich ungläubig geguckt haben, denn der Svani sagte: „Natürlich, mit der Logik des Alltäglichen lässt sich so etwas nicht erklären. Aber was wollen Sie, junger Mann! Wollen Sie sich mit dem äußeren Schein begnügen? Dann bin ich nicht der richtige Gesprächspartner für Sie! Das Alltägliche ist nicht das Wirkliche! Das Wirkliche steckt hinter der sichtbaren Welt.“  
   Das wisse ich genau so gut wie er, sagte ich einlenkend, mir ginge auch nicht um grundsätzliche Dinge, sondern um diese zeitliche Entrückung, von der er da gerade erzählt habe. Um ihn aus der Reserve zu locken, sagte ich: „Angeblich soll es so eine Art Chronometer geben, mit der man –“
   Er ließ mich nicht ausreden, sondern er sprang wie von der Tarantel gestochen auf. „Die Uhr des Reathmandu!“ rief er, „was wissen Sie darüber?“
   Nicht viel, sagte ich wahrheitsgemäß, nur, dass sie sich angeblich unter dem Nachlass Holm-Seppensens befunden habe und jetzt aus dem Nachlass verschwunden sei.
   Er setzte sich wieder und blickte eine Weile nachdenklich vor sich hin. Dann sagte er: „ Ein Schüler des Meisters Reathmandu ist 1949 noch vor dem Einmarsch der Roten Armee in Tibet nach Amerika geflohen und hat dort ein Buch mit dem Titel 'Die sterbenden Götter' geschrieben. In diesem Buch erwähnt der Verfasser auch ein uhrenähnliches Gerät, das seitdem verschollen ist. Der Verfasser schreibt: Der Meister habe ihm gegenüber behauptet, es sei ihm gelungen, mit Hilfe dieses eigens für ihn, den Meister, angefertigten Chronometers Raum und Zeit zu entkoppeln. Dadurch habe er nach etlichen Pilgerfahrten bei gleichzeitigem strengen Fasten und häufigem Drehen der Gebetsmühlen einige Male einen Blick ins Jenseits werfen können, ohne dass sich seine Seele vom Körper gelöst habe. Dann habe er sich nach vollständiger Reinkarnation darangemacht, seine Erlebnisse aufzuschreiben. Was daran Dichtung, was Wahrheit sei, so der Autor, ließe sich nicht mehr feststellen, denn es gebe keine Belege. Sollte es tatsächlich Aufzeichnungen gegeben haben, dann seien diese Dokumente mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in den Wirren der chinesischen Kulturrevolution verloren gegangen. Seltsamerweise sei auch der Meister von einer Minute zur anderen spurlos verschwunden; man habe angenommen, er sei gestorben, doch seine Leiche wurde nie gefunden. 1985, als die Chinesen religiöse Rituale wieder zuließen, soll er in einem Kloster in der Nähe von Shirpan wieder aufgetaucht sein und dort bis zu seinem natürlichen Tode gelehrt haben, aber auch das ist nicht sicher belegt.“
   Plötzich sah er mich seinen stechenden Augen eindringlich an.
   „Haben Sie das Zeitgerät?“, fragte er leise.
   Ich schwieg. Für einen Moment war ich versucht, ihm die Wahrheit zu sagen. Doch er redete schon weiter. „Junger Freund“, sagte er, „legen sie die Uhr wieder zurück. Sie wird Ihnen nichts nützen. Es gibt nur ganz wenige Menschen auf der Welt, bei denen sie überhaupt eine Wirkung erzielen kann. Und zwar nur bei denen, deren Gehirn für ihre Strahlungen empfänglich ist. Das sind auf der ganzen Welt höchstens eine Handvoll Auserwählte.“
   So, jetzt weißt du Bescheid, und ich bin hundemüde. Alles weitere im nächsten Brief.
   Dein...

                                                                 *

   Sonnabend, den 21. Juni, abends, zehn Uhr
   Mein liebes Täubchen,
   Ich sitze hier auf einer Bank am Universitätsteich und blicke auf die glitzernde Wasseroberfläche. Der Himmel brennt, es ist noch warm, die Enten machen Köpfchen in das Wasser, Schwänzchen in die Höh´, und die Nachtigallen singen, dass einem Hören und sehen vergeht. Ein paar Verse kommen mir in den Sinn:

Wandelnd im Dunkeln
freundliches Spiel
 still Lichter funkeln
schimmerndes Ziel

   Von wem die Verse sind, weiß ich nicht mehr*. Aber sie treffen genau meine Situation. Noch tappe ich im Dunkeln, und ob ich das Ziel erreichen werde, weiß ich nicht. Es könnte sogar sein, dass ich über das Ziel hinausschieße. Und das wäre dann das Ende. Aber daran denke ich jetzt nicht, und du bitte auch nicht, mein Schatz. Natürlich könnte ich die Uhr wieder zurücklegen, und das wär´s dann. Genug Kopfzerbrechen hat sie mir ja schon gemacht. Und ich weiß auch, warum sie bei mir wirkt. Weil ich zu einer Handvoll Auserwählter gehöre. Und ich weiß auch, wie sie wirkt. Sie kann die Zeit versetzten. Aber warum sie so wirkt, das weiß ich immer noch nicht – und es interessiert mich auch nicht mehr. Wichtig ist, dass sie überhaupt wirkt.
   Dann lass es doch gut sein, sagst du.
   Tja, das nun ist so eine Sache...
   Weißt du, warum der Mensch unbedingt die unbekannte Seite des Mondes erforschen will, obwohl es da wahrscheinlich nicht viel anders aussieht als auf der bekannten?
   Weil er´s genau wissen will.
   Und ich will es auch genau wissen.
   Ich will wissen, was passiert, wenn ich die Zeiger in Richtung drei Uhr drehe. Ich ahne es schon, und möglicherweise ahnst du es auch, denn wie hätte ich sonst meinem Bruder begegnen können? Aber keiner von uns beiden weiß es genau. Und das ist der springende Punkt.
   Also werde ich noch heute Nacht einen entsprechenden Versuch wagen. Keine Angst, keinen gewagten. Die Zeiger bleiben nah an der 12.
   Dann schau´n wir mal.
   Dein dich immer und ewig...
_____________
  *Clemens Brentano

                                                            *

   Sonntag, 22. Juni, morgens um acht
   
   Heureka! Ich hab´s geschafft! Mitten in der Nacht wachte ich auf und fühlte mich wie neugeboren! Schnell vor den Spiegel – und was sah ich da? Das glatte Gesicht eines Achtzehnjährigen! Fast hätte mich der Schlag gerührt. Nein, nicht wegen der Jugend, sondern wegen der heiligen Einfalt, die mir da entgegengrinste. Puh! Und dann diese Pickel auf der Stirn... Sah ich mit achtzehn wirklich so aus? Oder arbeitet die Uhr doch nicht korrekt? Wie dem auch sei, heute morgen hatte ich gottseidank wieder mein altes, liebes, faltiges, trübes, kuscheliges – gut, ich hör´ schon auf – mein altes Gesicht.
   Guten Morgen, mein Schatz! Hast du gut geschlafen? Ich hab´s!
  Wie gut, dass jeden Tag ein Bus nach Minsk abfährt. Dann bekommst du diese Nachricht noch heute Abend! Und wenn der Fahrer nochmal Geld von dir haben will, tritt ihm in den Allerwertesten! Er hat von mir schon reichlich bekommen!
   Küsschen und tschüs!

                                                              *

   Freitag, 7. Juli, kurz vorm Zubettgehen
   Leibe Anastasia,
   du wunderst dich sicherlich, warum ich mich erst jetzt melde, wo ich doch vorher gefühlt einen Brief nach dem anderen auf die Reise geschickt habe. Es liegt an der Arbeit – nein, ich will ehrlich sein, es liegt auch an der Arbeitsbelastung. Der Hauptgrund ist der: Ich habe mit mir gerungen wie der olle Laokoon mit den Schlangenungeheuern. Nun habe ich mich durchgerungen.
   Wozu hat sich mein süßer Juri durchgerungen?, höre ich dich murmeln.
   Gut. Ich sag´s dir. Ich werde das kühne Experiment wagen. Ich werde mich in meine frühe Kindheit zurückversetzen lassen. Etwa in ein Alter von zehn, zwölf Jahren. Das ist weit genug weg von dem Punkt, wo – na sagen wir, wo etwas nicht wieder Gutzumachendes passieren könnte. Wenn –    
   Du schlägst die Hände über dem Kopf zusammen und rufst: Muss das denn unbedingt sein?
   Ja, mein Täubchen, es muss sein. Ich möchte meine Mutter wiedersehen. Sie starb, als ich dreizehn war. Damals, als sie ihre guten Augen für immer schloss, brach der Boden unter mir weg. Es war wie der Sturz in einen ungeheuren Abgrund. Mein Vater war mir keine Stütze. Der war selbst ein gebrochener Mann. Noch Jahre später erschien sie mir im Traum. Deutlich sah ich, wie sie die gebratene Ente und den Rotkohl auf den Tisch stellt und mir eine Keule auf den Teller legt. Dann wieder sitzt sie an meinem Bett und erzählt mir eine Gutenachtgeschichte. Jetzt beugt sie sich über mich und gibt mir einen Kuss. Ich höre ihre etwas raue Stimme: Schlaf gut, mein Engel. Oder wir sind im Wald, Pilze sammeln. Der Wald ist dunkel und unheimlich. Ich bekomme Angst. Doch da ist die Mutter. Ich laufe zu ihr hin und werfe mich in ihre Arme, und ein tiefes Gefühl der Geborgenheit überkommt mich.
  Die Visionen waren so real, dass ich mir während des Traums ganz sicher war: sie ist gar nicht tot, da hat jemand dummes Zeug erzählt.
  Seit einigen Jahren sind diese Träume versiegt, und ich vermisse sie sehr. Zwischenzeitlich habe ich versucht, sie wieder aufleben zu lassen, indem ich Fotos meiner Mutter betrachtete. Doch es hat nicht viel gebracht. Wenn sie mir erschien, war sie kaum zu erkennen, und sie verschwand auch schnell.
   Jetzt endlich könnte ich wieder mit ihr an einem Tisch sitzen, ihre Stimme hören, ihre Hand auf meinem Kopf fühlen... Es würde herrlich sein! Für eine halbe Stunde nur, mehr nicht!
   Keine Angst, meine Liebe, ich werde kein Risiko eingehen. Ich werde den großen Zeiger – der die Zeitdauer der Entrückung regelt – so einstellen, dass ich mich höchstens eine halbe Stunde bei ihr aufhalte. Versprochen!
   Also, drück mir die Daumen!
   Wenn ich wieder zurück bin, melde ich mich sofort!
   Bis dahin...

                                                                3
   Der Beamte legte den Brief beiseite und blickte eine ganze Weile nachdenklich auf seine Kaffeetasse. Schließlich griff er zum Hörer und ließ sich mit der Kriminaldirektion verbinden.
   Bei der erneuten Durchsuchung der Wohnung des Juri Becker fiel ein Umstand auf, dem man seinerzeit keine Bedeutung zugemessen hatte: Beckers Schlafanzug lag ausgestreckt unter der Bettdecke, das Halsteil auf dem Kopfkissen. Die kriminaltechnische Untersuchung des Kopfkissens ergab folgendes: Man fand dort Haare, ihrer Färbung und Beschaffenheit nach offensichtlich von verschiedenen Personen, unter anderem von einem Säugling. Eine Genanalyse ergab jedoch, dass die Haare alle von derselben Person, aber aus verschiedenen Altersstufen stammten.

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wunderkerze
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Rodge
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BeitragVerfasst am: 16.01.2019 11:12    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo wunderkerze,

ich finde das einfallsreich, gut geschrieben und mit einer der besten Texte, die ich hier bisher gelesen habe!
Mit Zeichensetzung und dergl. halte ich mich nicht auf, dallerdings benötigt der Text noch einen diesbezüglichen finalen Schliff.

- "Auf die verblüffte Frage von Abendschweisz" - na klar ist der verblüfft, aber das entspricht nicht meinem Verständnis von "show, don´t tell".

- Der tot geglaubte Bruder sitzt auf einem Motorrad und unterhält sich mit jemandem, fährt also nicht. Sein Bruder fährt mit dem Fahrrad auf der gegenüberliegenden Seite. Es ist unklar, warum er nicht einfach rübergeht. Wenn du dann später beschreibst, er wolle mit Handbewegungen seine Aussagen unterstützen, ist das eigentlich nur glaubhaft, wenn der Bruder das Gespräch hört. Dann noch eins: Er ist auf dem Fahrrad unterwegs, also fährt er, kriegt also nur wenige Sekunden mit, ist aber auch kurz davor, gegen einen Laternenmasten zu fahren, die stehen jedoch üblicherweise auf den Gehwegen. Fährt er also mit dem Fahrrad auf dem Gehweg?

- Ist Anastasia das Täubchen? Warum schreibt er ihr ständig Briefe, obwohl wir in der Neuzeit sind. Kein email, kein social media, kein Telefon, kein Skype? Gleichzeitig spekuliert er im Brief was sie denkt, das finde ich nicht logisch " Ach, du denkst gar nichts?"

- Den ersten wirren Absatz im Brief vom 5. Mai verstehe ich nicht...

- Ich bin mir nicht sicher, ob du das Gedicht so aufschreiben darfst (auch wenn du den Autor nennst...)

- Was ist das Halsteil eines Schlafanzugs - das Oberteil?

Grüße
Rodge
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wunderkerze
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BeitragVerfasst am: 16.01.2019 14:50    Titel: Anrwort pdf-Datei Antworten mit Zitat

Grüß dich, Rodge
schön, dass du dich für meinen Text erwärmen konntest!
Zu deiner Kritik: Die Schwachpunkte werde ich beseitigen.
Der Anfang des Briefs vom 5. Mai. Naja. Da freut sich einer unbändig, dass er keinen Hirntumor hat und schießt möglicherw. übers Ziel hinaus. Kann gekürzt werden.
Dann, warum sollte nicht jemand Briefe schreiben? Ich gebe zu, wirkt etwas aus der Zeit gefallen, andrerseits kann ein Brief nicht gehackt werden, und schließlich geht es hier um ein Geheimnis. Davon mal abgesehen, lebt der Mann den überhaupt auf dieser Welt?
Viele Grüße
Wunderkerze

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nicolailevin
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BeitragVerfasst am: 16.01.2019 15:01    Titel: Re: Geheimnis der silbernen Taschenuhr - eine unglaubliche Geschichte Antworten mit Zitat

Hi,

ich hab bis zum Ende durchgehalten, obwohl der Text wirklich lang war. Das spricht schon mal sehr für ihn! Rechtschreibung lass ich mal (ein paar Dinger waren drin)

Ich mag sehr, wie im Text Stilmittel des 19. Jhdt verwendet werden: "Die Universität zu B.", die weg gesternten Jahreszahlen, auch der Stil ist altmodisch, aber schlüssig für mich.

Grundsätzlicher Einwand 1: Taschenuhren und Indien, das passt *eigentlich* nicht. Diese Feinmechanik der Uhrenlogik ist etwas typisch Mitteleuropäisches; die Inder können eine Menge, aber Taschenuhren haben sie erst kennengelernt, als die Engländer sie überrannt hatten. Ich weiß, dieser Einwand killt die Grundidee, da aber ohnehin irgendeine Form von Magie am Werk ist, würde ich mir überlegen, ob du eine Mechanik / einen Zugang findest, der eher Richtung Ferner Osten passt.

Grundsätzlicher Einwand 2: Die Briefe sollen russisch sein, stecken aber, speziell im hinteren Teil voller deutscher Wortspiele. Du musst dich weniger wenden, wenn das Täubchen Deutsch kann und die Briefe auch im Original Deutsch sein sollen.

wunderkerze hat Folgendes geschrieben:
                                                                            1
... Verfasser des in Fachkreisen hochgeschätzten Werkes 'Der Einfluss des Sanskrit auf die Literatur der Dritten Dynastie', ...


Der Titel klingt für mich gewollt, genau so wie jemand, der keinen Peil von Linguistik oder Literaturwissenschaft hat, es sich ausdenken würde, damit eine ebenso ahnungslose Leserschaft ihm folgt.

Mao-Latschen : Was ist das? Google kennt es nur aus einem anderen fiktionalen Buch ...

Zitat:

   Im Übrigen sah die Wohnung nicht danach aus, als habe ihr Besitzer eine längere Reise vorgehabt. Im Gegenteil. Es sah alles danach aus, als habe sie Juri Becker Hals über Kopf verlassen. Auf dem Küchentisch standen noch die Reste einer Mahlzeit, und in der Garderobe hing seine Jacke mit Personalausweis und Führerschein.


Sah aus / sah aus wiederholt sich.

Zitat:
  
  Auch Juri Becker ist bisher nicht wieder aufgetaucht. Es sieht aus, als habe er sich in Luft aufgelöst. Ein Fall von Hunderten ähnlicher Fälle.
  Insofern war Juri Beckers Verschwinden nicht weiter aufregend, und der Fall wurde dem Internationalen Suchdienst übergeben.


Wechsel im Tempus und auch in der Erzähllogik. Ein Fall von ...Fälle klingt auch unglücklich für mich.
  
Zitat:
Anastasia Grabowski


Grabowski ist nun ein _sehr_ polnischer Name. Die beiden parlieren aber russisch. Wenn da noch was nachkommt und die Namenswahl mit Absicht erfolgte, bin ich schon wieder still.

3. März
Die Personenschilderung des Bruders ist exakt die, die ein literarischer Autor wählen würde: 2 markante Merkmale beispielhaft herauspicken. In einem privaten Brief eines Wissenschaftlers? Entweder sie kennt den Bruder (dann weglassen) oder ich würde ihn bewusst unbeholfener formulieren lassen.

Ich hänge auch an der Bezeichnung "Vision" - erstmal hat er ihn gesehen oder seine Sinne trügen ihn. M.E. wird hier zu viel Übersinnliches von weiter hinten vorweggenommen.

Handbewegungen zum Unterstreichen von Argumenten kann Juri nicht wahrnehmen, wenn er auf der anderen Straßenseite entlangradelt.

20.3.
Ein Doktorand für Fernostkunde kann bei Schriftzeichen sehr genau unterscheiden, ob sie aus China oder Indien kommen und wo sie zeitlich einzuordnen sind!

Wenn der Pope mehr sein wird als nur Dekor, würde ich ihn ausführlicher einführen.

27.3.
Der Acht-Tage-Bart ist mir so auch noch nicht untergekommen. "Ein Bart, als hätte ich mich eine Woche lang nicht rasiert"?

Kursiv erscheint bei meinem Browser leider nichts ...

26.4.
Ist natürlich immer eine Frage der Glasgröße, aber wenn man von einer halben Flasche Wein zwei Gläser trinkt, bleibt nicht mehr schrecklich viel übrig, jedenfalls bei meinen Weingläsern.                 

29.4.
"Gewühl" für dichtes Gesichtshaar klingt in meinen Ohren seltsam; ich hab aber keine besser Alternative zu bieten.

Warum lacht die Bäckerin? Weil es in der Zukunft keine Euros mehr gibt? Das würde ich deutlicher ausführen.                                                               

5.5.
Eben das: Das ist doch nie und nimmer aus dem Russischen übersetzt!

18.5.
Dieser Artikel würde in keiner Kultur / Literatur / Linguistik Zeitschrift stehen, sondern in einer medizinischen.

Juri arbeitet am Fernöstlichen Institut und "ein Arbeitskollege" promoviert in Rechtswissenschaften? Wie sind denn an dieser Uni die Fakultäten aufgestellt?          
 
6.6.
Die Geschichte des Inders

Zitat:

Als seine Mutter die Tür öffnete, erblickte er die kostbare Wohnungseinrichtung mit wertvollen Mandalas und kupfernem Töpfen und Kannen, und er kam augenblicklich zu dem Entschluss, seine Seele nicht mit dem Anblick des irdischen Wohlstands zu verunreinigen. Die Mutter wandte kurz den Kopf, um den Vater zu rufen, und als sie den Kopf wieder zurückdrehte, war der Sohn verschwunden. Er konnte in dieser kurzen Zeit unmöglich das Grundstück verlassen und sich weit fortbewegt haben, der Sohn war und blieb wie vom Erdboden verschluckt. Auch in der Umgebung wurde er nicht mehr gesehen.


Unplausibler Perspektivwechsel innerhalb der Geschichte!

Zitat:

Ein Schüler des Meisters Reathmandu ist 1949 noch vor dem Einmarsch der Roten Armee in Tibet nach Amerika geflohen


Rote Armee = Sowjetunion. In Tibet ist die Volksbefreiungsarmee der VR China einmarschiert!


22.6.
Dass Juri Briefe schreibt: Von mir aus. Aber wenn er will, dass eine Nachricht schnell zu Anastasia kommt, wird er einen anderen Weg wählen!
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Rodge
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BeitragVerfasst am: 17.01.2019 08:14    Titel: Re: Anrwort Antworten mit Zitat

wunderkerze hat Folgendes geschrieben:
Grüß dich, Rodge
Dann, warum sollte nicht jemand Briefe schreiben? Ich gebe zu, wirkt etwas aus der Zeit gefallen, andrerseits kann ein Brief nicht gehackt werden, und schließlich geht es hier um ein Geheimnis. Davon mal abgesehen, lebt der Mann den überhaupt auf dieser Welt?
Wunderkerze


Moin, moin,

na ja, das unterstellt, dass die beiden in gut vier Monaten, in denen ihr Briefwechsel dauert, keinen sonstigen Kontakt haben. Das ist unglaubwürdig. Ich verstehe, dass du das als Stilmittel brauchst, sonst funktioniert die Geschichte so nicht, warum nicht in ein anderes Jahrhundert verlagern? (macht allerdings auch viel Arbeit und der Gag mit dem Namen des Motorradherstellers ist weg etc.).

Bin mir da nicht schlüssig, aber so ganz stimmig ist das Setting für mich nicht.

Grüße
Rodge
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wunderkerze
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Beiträge: 75



BeitragVerfasst am: 17.01.2019 12:13    Titel: Antwort pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lieber Rodge
ich werde die Geschichte ins 19. Jh. verlegen, dadurch, denke ich, werden die Briefe etwas plausibler und auch die lange Trennung. 1885 gab es das erste Motorrad, und Fahrräder gibt´s seit 1817.
Wunderkerze

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