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Der Raum


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 64
Beiträge: 166



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Der Raum eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Er hatte keine Erinnerung daran, wie und wann er hierher gekommen war. Auch wusste er nicht, wer den Raum entdeckt hatte. Vielleicht war er es selbst gewesen. Seit er denken konnte, war er hier. Er war ihm sehr vertraut, dieser Raum, groß und spärlich eingerichtet. In seiner Mitte stand eine alte, aber beeindruckende Chaiselongue aus rotem Samt. Daneben spendete eine Stehlampe dämmriges Licht. Ein kleiner, dunkler Schrank stand in einer Ecke, in einer anderen ein Holzstuhl.

Als kleines Kind fühlte er sich hier geborgen, verband Gemütlichkeit mit dem Raum. Er teilte ihn mit Mutter, die es sich immer auf der Chaiselongue bequem machte und die Füße hochlegte. Sein Platz war der Holzstuhl. „Wir beide sind die besten Freunde und ich werde immer hier bleiben“, beteuerte Mutter. Er stellte weder die Sitzordnung noch ihre Worte in Frage.

In den ersten Jahren genoss er die gemeinsame Zeit mit Mutter. Wann genau sich das änderte, konnte er später nicht mehr sagen. Sie strich immer öfter unruhig umher und inspizierte die Einrichtung. Zuerst hörte er interessiert ihren vereinzelten Bemerkungen über die Farbe der Wände und die Anordnung der Möbelstücke zu. Doch als sie zur offenen Kritik wurden, war er verunsichert. Einerseits mochte er den Raum genau so, wie er war. Andererseits dachte er, Mutter hatte sicher mehr Ahnung. Und ihm lag daran, dass sie sich wohl fühlte.

Je genauer und vehementer ihre Ausführungen mit der Zeit wurden, desto mehr wuchs seine Angst. Mutter schien der Raum immer weniger zu gefallen. Der Gedanke, sie könne ausziehen, lähmte ihn. Also fing er an, ihn nach ihren Plänen zu verändern. Er strich die Wände, verrückte die Möbel und hing Bilder auf. Seine Bemühungen motivierten Mutter offensichtlich, denn mit jeder Veränderung bekam sie eine weitere Idee.

Die nächsten Jahre verbrachte er mit immer wieder neuen Renovierungsarbeiten. Doch mit jedem Jahr klangen die Anleitungen von Mutter ungeduldiger und frustrierter. Er schaffte es einfach nicht, den Raum nach ihrem Wunsch zu gestalten. Seine Verzweiflung mischte sich mit ihrer und setzte sich in jeder Ecke fest.

Dann gab er auf. Er verkroch sich im Schrank und machte die Türen zu. Mit den Händen über seinen Ohren klangen die Vorwürfe von Mutter gedämpfter, doch konnte er jedes Wort verstehen. Er schloss die Augen. Wie lange er so im Schrank saß, wusste er nicht. Mutter verlor sich in nicht enden wollenden Tiraden. Irgendwann taten sie nicht mehr weh, sondern begannen zu jucken. Sie zupften an seinen Nerven, immer stärker, immer intensiver. Er versuchte es zu ertragen.

Bis zu dem Moment, in dem er es nicht mehr aushielt. Er stieß die Schranktür auf, kroch aus seinem Versteck und stellte sich vor Mutter auf. Wortlos zeigte er zur Tür, die er zum erste Mal wahr nahm. Den Blick von Mutter vergaß er nie wieder. Weder Traurigkeit noch Bedauern lag in ihm, nur Enttäuschung.

Sie war weg. Das erste Mal, seit er sich erinnern konnte, war er alleine. Erleichterung mischte sich mit einem Gefühl des Verlustes und der Trauer. Eine Ambivalenz, die ihn zu zerreißen versuchte. Er blickte sich um; alles war verändert. Hektisch versuchte er, den Raum in den ursprünglichen Zustand zu bringen. Aber er konnte sich weder an die Farbe der Wände noch an den Platz der Möbel erinnern. Was immer er auch probierte, der Raum blieb ihm fremd.

Die meiste Zeit verbrachte er an dem einzig Platz, der ihm noch vertraut war: im Inneren des Schrankes. Dort im Dunkeln träumte er oft, wie sich der Raum mit Leben füllen würde. Licht und Musik würden ihn durchfluteten. Die Klänge wären so mitreißend und stimmungsvoll, dass er sich wie schwerelos dazu bewegen würde. Er würde mit all seinen Gästen tanzen. Interessante, liebenswerte Menschen, die seine Freunde wären. Lachen würde überall erklingen und er wäre glücklich.

Ja, bald würde es so sein. Er musste nur den richtigen Leuten begegnen. So öffnete er ab und zu die Tür des Raumes  einen Spalt breit. Er sehnte sich nach Gesellschaft, wartete auf Freunde. Dann erinnerte er sich daran, dass der Raum noch nicht richtig eingerichtet war. Erschrocken schloss er wieder die Tür.

Nur einmal, da war er nicht schnell genug. Sie steckte den Kopf herein und er vergaß nicht nur seine Angst, sondern auch alles andere. Dass sich dieses zauberhafte Geschöpf ausgerechnet seinen Raum ausgesucht hatte, war für ihn ein Wunder. Ohne nachzudenken ließ er sie eintreten. Sie sah sich um und nickte anerkennend. Dann fragte sie, wohin sie sich setzen könne. Er war irritiert.

Fast jeden Tag kam sie zu Besuch. Er liebte diese Zeit. Doch sie verlor nie ein Wort über die Einrichtung und er wurde immer unsicherer. Er fragte sich, ob es ihr egal war. Ob er ihr egal war; für ihn war das gleichbedeutend. Als er die Frage laut aussprach, war sie erstaunt. Es ginge sie doch nichts an, wie er sich einrichte. Er war maßlos enttäuscht.  

Fortan versuchte er, ihre Gedanken zu erraten. Nachdem sie auf der Chaiselongue traurig aussah, rückte er das Möbelstück in die andere Ecke. Er strich die Wände in der Farbe des Kleides, das sie am Vortag getragen hatte. Immer wieder. Vielleicht, wenn alles so wäre wie sie es liebte, würde sie doch bei ihm einziehen, hoffte er. Aber mit jedem seiner Versuche schien sie ungeduldiger zu werden. Ob er denn nicht wisse, was er wolle.
„Ich weiß nicht, was du willst“, dachte er verzweifelt. Ihre Ungeduld schrieb er seiner Unfähigkeit zu, den Raum nach ihren Wünschen zu verändern. Bald war er auch während ihrer gemeinsamen Zeit mit der Einrichtung beschäftigt, keine Minute wollte er verschenken. Seine Angst, sie würde ihn verlassen, wurde immer größer. Und mit ihr der Drang, es ihr so einzurichten, dass sie bleiben würde.

Ihre Besuche wurden seltener. Als sie gar nicht mehr kam, blieb er mit dem Gefühl zurück, versagt zu haben. Er versuchte, sich mit seinem alten Traum zu trösten. Doch der war nur noch blass. Ganz bestimmt würde er irgendwann Freunde haben, daran glaubte er fest. Sobald er fertig eingerichtet war. Lange Tage verbrachte er mit Überlegungen, wie genau er auszusehen hätte, der Raum. Seine Zeichnungen füllten unzählige Seiten an Papier und er stellte komplizierte Berechnungen auf. Überall stapelten sich Ratgeber mit Einrichtungsideen.

Als alles Überlegen zu nichts führte, probierte er wild eine Variation nach der nächsten aus. Er rückte, strich, hämmerte und bastelte im Akkord. Hin und wieder hielt er inne, um sein Werk zu begutachten, und jedes Mal sagte ihm ein schneller Blick, dass es noch lange nicht geschafft war. Nur kurz holte er Luft und fing wieder von vorne an. Er verlor das Gefühl für die Zeit und hatte nur noch einen Gedanken: den perfekten Raum.

Die folgenden Jahre verbrachte er wie im Fieberwahn. Er begann, Selbstgespräche zu führen. „Nein, nein, so nicht“, murmelte er vor sich hin, oder „Nochmal, nochmal“. Ein ums andere Mal strich er die Wände in allen nur denkbaren Nuancen und rückte die Möbel vor und zurück. „Falsch! Das ist falsch!“, rief er dann aus.

Bis seine Kraft ihn verließ. Er begann zu zittern und konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Nur mit großer Anstrengung schaffte er es, in in den Schrank zu kriechen. Hier musste er den für ihn so desolaten Raum nicht mehr sehen und er fand Ruhe. Nur noch selten verließ er sein Versteck; verrückte dann hier und da ein Möbelstück, strich ab und zu noch eine Wand. Das Ergebnis bedrückte ihn immer. Auch wenn er nicht wusste, wie der Raum auszusehen hatte, wusste er doch ganz genau, wie er es nicht sollte.

Die Tür blieb schon lange verschlossen. Ob noch Menschen daran vorbei gingen, interessierte ihn nicht mehr. Er war sich sicher: Keiner, der den Raum jetzt betrat, würde wieder kommen; hatte ihn doch jede Renovierung hässlicher gemacht.

Irgendwann kam er gar nicht mehr aus dem Schrank, dem einzigen Platz, an dem er keinen Drang zur Veränderung spürte. Die Dunkelheit war für ihn vollkommen, genauso wie die Stille. Lange blieb er dort sitzen. Sah nichts, hörte nichts und fühlte auch nichts mehr.

Einmal war es ihm, als schimmerte Licht zwischen den Schranktüren und er hörte leise Musik. Sein Körper begann, sich leicht im Takt zu wiegen und aus der Ferne hörte er glückliches Gelächter.
Dann war nichts mehr.

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