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Chinesische Zimmer


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 64
Beiträge: 166



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Chinesische Zimmer eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

07-11-F082
›Das ausblutende Licht der einzigen aller relevanten Uhren fließt vom Fluchtpunkt auf die Siedlung zu, träge tropfende Sekunden auf den heißen Stein einer immerwährenden Gegenwart.‹ Die zitternde Hand der Dichterin hinterließ schnell dahingekritzelte Worte auf dem Papier. ›Endlose Minuten entfernt die Zukunft, so unerreichbar wie hochgradig polymorph, hinter einem Grenze gewordenen Horizont, jenseits dessen kein Jetzt mehr existiert; das Vorher patriotische Legenden und das Morgen alles von Belang.‹
Sie legte den Stift ab und schüttelte die Hand aus. Wie sollte sie ihre restlichen Gedanken in den verbleibenden Sekunden noch zu Papier bringen? Die Gesellschaft hatte das Jetzt deportiert und mit ihm jene, die das Morgen nicht mehr brauchte. Ein akribisch vermessenes Gitter identischer Behausungen, vierhundert an der Zahl, zwanzig mal zwanzig in einem perfekten Quadrat malerischer Kleingrundstücke. Eine Menschenmüllhalde als Vorzeigeprojekt eines Architekten, der mehr Sozialkredite dafür geerntet hatte, als alle hier Versammelten Zeit ihres Lebens verspielt oder verloren.
Heute brachte das letzte Sonnenlicht noch eine Inspiration. Und etwas anderes mit sich vom Horizont, das diesen Tag zum letzten machen würde, für die Meisten hier. Im Radio sprachen sie von einem Chemieunfall. Tragen Sie Gasmasken, sofern vorhanden. Die tödliche Wolke wird in einer Minute in Ihre Häuser dringen.

13-15-M097
Der alte Mann saß auf der Veranda seines Holzbungalows. Die Gasmaske aus dem medizinischen Notfallspind lag vor ihm auf den Treppenstufen. Sollte sie nehmen, wer immer sie wollte. Für ihn würde es der letzte Sonnenuntergang sein und er hatte sich damit abgefunden. Das Gift würde leichtes Spiel mit seiner Lunge haben, es war nur die letzte letale Dosis dessen, was sein Körper eh schon kannte. Schleichend hatte es seine Atemwege zerstört, während er in der Fabrik jene Punkte sammelte, die ihm einen Teil der Privilegien des Fortschritts gewährt hatten, bis die Diagnose kam. Unheilbar bedeutete, kein Teil der Zukunft mehr sein zu können, höchstens noch als Datenbankmaterial zum medizinischen Fortschritt beizutragen. Nur ein paar Gewebeproben von ihm waren in der Stadt geblieben, er selbst durfte nichts mitnehmen. Alles, was er hier noch brauchte, wurde von den Behörden gestellt. Es gab genügend Land hier draußen, doch in den Städten war der Platz rar und den Produktiven vorbehalten. Noch immer liebte er sein Land. Er hatte ein schönes Leben gehabt.
Müde lächelnd nickte er der Frau mit der blutigen Nase zu, die fragend auf die Gasmaske zeigte. »Ja, nehmen Sie. Ich brauche sie nicht mehr.«

04-20-F026
Nur eine im Spind, Erwachsenengröße. Die junge Philosophiedozentin hatte die Gasmaske nicht angerührt. Behutsam legte sie stattdessen die Decke über ihren fünfjährigen Sohn und streichelte ihm durchs Haar. Warum musste auch er hier leben? Vor zwei Wochen hatten sie noch in der Stadt gewohnt, dann wurde ihr Blog den Behörden gemeldet.
Kinder von Dissidenten werden oft selbst zu Dissidenten, hatte der Beamte ihren Wunsch abgewunken, den Jungen zu den Großeltern geben zu dürfen, und ihm damit jegliche Zukunft genommen. Nein, sie selbst trug die Verantwortung. Immer wieder bekam sie das zu hören, von dem Psychologen der Eingliederungshilfe oder der Frau bei der Verteilerstation. Selbst die Nachbarn hier redeten so.
Es war so ironisch. Da warnten andere jahrelang vor künstlichen Intelligenzen, fürchteten gar, zu Sklaven einer vollautomatisierten Industriellen Revolution 2.0 zu werden. Doch Rokos Basilisk war lange tot, zerschellt mit Theseus' Schiff an den Klippen einer anthropischen Weltsicht. Nur Opium für das Volk, wie alle Götter vor ihm. Die Gesellschaft selbst war der Basilisk geworden, es bedurfte keiner in die Vergangenheit strafenden digitalen Monstrosität, nur einer Partei von Menschen, die um jeden Preis in die Zukunft wollte und die einstigen kommunistischen Ideale mit Füßen trat. Mao hatte sich geirrt, die politische Macht kam nicht aus den Gewehrläufen, sondern aus der Begeisterung eines reich gewordenen Proletariats, Sozialkredite zu sammeln, als wären es Punkte in einem verdammten Computerspiel.
»Warum gehen wir denn schon ins Bett?«, fragte ihr Sohn.
»Wir machen ein Spiel. Wenn du es schaffst, sofort einzuschlafen, habe ich morgen eine ganz tolle Überraschung für dich.«
Noch gelang es ihr, die Tränen zurückzuhalten. Er hatte die Durchsage nicht gehört. War es möglich, dass sie beide einfach friedlich einschliefen, bevor–
»Eine tolle Überraschung, Mama?«
»Ja. Die tollste, die du dir vorstellen kannst.«
Der Junge setzte sich auf und kreuzte die Arme vor der Brust. »Ich möchte nach Hause zurück. Das ist das Einzige, was ich will.«
Sie spürte das Krampfhafte in ihrem erzwungenen Lächeln. »Ja, darfst du. Morgen früh fahren wir zurück. Alles wird wieder–«
Ihre Stimme stockte, sie konnte nicht mehr.
»Mama, warum weinst du? Wir können nicht zurück, oder?«
Sie nahm ihn in den Arm und drückte ihn fest an sich. »Nein, wir können nicht. Die bringen uns um.«

06-16-M122 / F042
»Du trägst sie.« Der durchtrainierte Geldeintreiber hielt seiner Freundin die Gasmaske entgegen, sie schüttelte den Kopf.
»Nein. Ich lasse nicht zu, dass du stirbst.«
»Ich auch nicht.« Er nahm einen schweren Schraubenschlüssel aus dem Werkzeugschrank und machte sich auf den Weg zur Tür. »Wir überleben beide.«
»Sei vorsichtig.« Sie zog die Maske über, setzte sich aufs Sofa und versuchte, die Implikationen zu verdrängen. Sozialkredite hatten sie eh nicht mehr, hier ging es nur noch ums Überleben.
Abwechselnd schaute sie von der Tür zur Wanduhr. Das leise Ticken des Sekundenzeigers wurde ein lauter Donner in ihren Ohren. Wie die stampfenden Schritte eines Ungeheuers, das die Gesellschaft vergessen wollte, zu überpunkten versucht hatte. Unaufhaltsam wälzte es sich heran, langsam, Sekunde für Sekunde. Und sie fühlte sich wieder als ein Teil davon.

11-14-M120 / F081
Völlig selbstverständlich wollte die pensionierte Anwältin die Schutzmaske überziehen. Ihr Mann sah sie fassungslos an. »Was ist mit mir?«
»Frauen und Kinder zuerst.«
Er seufzte. Wenigstens waren die Kinder nicht hier. Beide lange erwachsen, führten ein erfolgreiches Leben in Beijing. Größtenteils hatten sie es ihren Eltern zu verdanken, besonders die jüngere Tochter. Nur der hohe Punktestand ihrer Mutter hatte dieser ein zweites Kind erlaubt. Der Fahrzeugmechaniker war zuhause geblieben, um sich um die Kinder zu kümmern. Ihr Punktekonto und Einkommen hatten ihn mitgetragen.
Er dachte nach. War sie ihm je dankbar gewesen, ihr die Karriere zu ermöglichen? Nein, es war eine Selbstverständlichkeit. Als Liebende hatten sie die Ehe begonnen, soziale Unterschiede ignoriert. Doch aus Bitten wurden nach und nach Befehle und schließlich Selbstverständlichkeiten. Die Liebe war kalt geworden, und er hatte sie zu hassen gelernt.
Der Faustschlag traf sie auf die Nase und ließ sie gegen die Wand prallen. Jetzt war er der Stärkere.

05-16-D014
Der seit Wochen computerlose Netzaktivist starrte durch das Sichtfenster seiner Gasmaske auf die Holzwände. Dort, in diesem Astloch, befand sich noch so ein Ding. Es war die zweite Kamera, die er innerhalb der halben Minute fand, seit er die erste im medizinischen Notfallspind entdeckt hatte. So weit war es also gekommen. Man brachte sie aufs Land, setzte sie zu Chemieunfällen umgedichteten Giftgasangriffen aus und sah ihnen beim Sterben zu. Nasse Tücher und improvisierte Filter würden nicht helfen, hatten die im Radio gesagt. Bestimmt waren die Gasmasken auch nutzlos, nur um eine Panik zu vermeiden.
Er rannte nach draußen. »Da sind überall Kameras in unseren Häusern«, schrie er, »die überwachen uns.« Eine letzte Entdeckung, die er mitteilen musste, auch ohne Internet. Keiner schien ihn zu hören. Er rannte weiter, schrie noch lauter. »Hört mir zu, da–«
Der Schraubenschlüssel traf ihn von hinten ins Genick und alles wurde dunkel.

10-10-M001
Sein Haus war das einzige mit einem Keller und einem Internetzugang. Xi saß am Schreibtisch seines einbruchsicheren Bunkers, hatte den Laptop vor sich und sah auf der Monitorphalanx an der Wand einer aufschlussreichen Minute lang dem Leben der anderen zu. Schnell tippte er Identnummern in die beiden Spalten der Liste für die Abteilung zur Erbgutanalyse. Die Nummern von jenen, die ihm sofort auffielen, positiv wie negativ. Noch zwei Wochen lang würde er Zeit haben, alle Aufzeichnungen auszuwerten, aber der erste Eindruck war immer der entscheidende. Gesellschaftlich waren sie alle Versager, ohne zweite Chance. Bei Xi als Beamten war es eine schwere finanzielle Fehlentscheidung gewesen, die sein Punktekonto negativ machte, doch er konnte sein Stadtrecht durch die Arbeit hier zurückverdienen. Auch sein eigenes Erbgut würde er zur Untersuchung und möglichen Geburtsaufwertungen empfehlen. Falls es überhaupt einen direkten Zusammenhang zwischen Genen und dem Verhalten in Krisensituationen gab. Seine Arbeit hier würde dazu beitragen, diese Frage zu beantworten.
Er sah die verschiedensten Reaktionen. Eine Mutter hielt weinend ihr Kind im Arm. Ein alter Mann überließ seine Gasmaske einer verletzten Frau. Menschen, für die keine Schutzmaske übrig war, überfielen ihre Nachbarn. Ein Vater vergewaltigte seine Tochter. Jemand schmiss seine Frau raus, eine andere Frau erstach ihren Mann. Hölle, pflanzte dieser Pfarrer aus 12-18 da tatsächlich Luther folgend noch einen Baum in seinem Garten? Die Frau dort in 07-11, schrieb sie einen Abschiedsbrief oder ein Gedicht?
Der Bildschirmtimer sprang auf Null. Xi startete das Abspielen der nächsten Radiodurchsage. Die Situation war unter Kontrolle, der Wind hatte sich gedreht, die Wolke war an der Siedlung vorbeigezogen. Niemandem drohte irgendeine Gefahr. Sie waren schließlich das Land der Zukunft und keine Barbaren, die ihre Ausgestoßenen vergifteten. Nein, selbst diese hatten noch die Möglichkeit, mit ihren Genen zu einem besseren Morgen beizutragen.

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