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Der Name bleibt


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 64
Beiträge: 166



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Der Name bleibt eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Nagashi fluchte. Laut. Das tat er sonst nie, aber irgendwie war es ihm jetzt egal. Was könnte ihm auch nicht egal sein, jetzt, in dieser absurden Situation? Wer auch immer ihn jetzt mit dieser angeleinten Absurdität sah, würde seine Wortwahl verstehen. Konnte diese importierte Nachricht allen Übels nicht einfach das Bein am nächsten Pfosten heben und ihn nachhause zurückkehren lassen? Zum wiederholten Male spielte er mit dem Gedanken, die Leine einfach loszumachen – wie schnell konnten so grotesk kurze Beine schon laufen, wenn Nagashi jetzt heimsprintete? Wozu hatte er dem alten Mann diesen Gefallen doch gleich nochmal getan und den Hund adoptiert? Ach ja, weil der sich Zeit genommen hatte. Zeit für ihn damals, als er nach seinem entflogenen Vogel gesucht hatte. Aber jetzt, da gab es so viel, das er erlegdigen musste – und jetzt blieb dieses Vieh auch noch stehen! Er musste los! Jetzt. Sofort…

Kurze Beine tragen nicht gut. Davon konnte er ein Lied singen oder jaulen. Jedenfalls schmerzte schon der kurze Weg den Hausflur und zur Tür hinaus höllisch. Außerdem war es alles andere als hilfreich, wenn jemand an der Leine zog, als würde er sie seinem Halsband entreißen wollen, wie ein nettes Stöckchen einem anderen Maul entrissen werden musste. Jeder Schritt ließ ihn hoffen, dass sie gleich umkehren würden. Es war schon sehr heiß. Zu heiß, für einen alten Dackel! Allerdings war da dieses dringende Bedürfnis, das Beinchen zu heben. Hiro hatte schon Bauchschmerzen, so dringend war es. Er erinnerte sich noch an Zeiten bei seinem alten Frauchen, als er dann einfach das Bein gehoben hatte und die Welt wieder eine bessere geworden war. Krampfhaft hielt er dem Zug der Leine stand und streckte die linke Hüfte vor, lupfte das rechte Bein, und – mehr als die Höhe eines Leckerlis konnte er es nicht mehr heben, aber vielleicht würde die Welt dennoch eine Bessere werden, wenn…

Dämmrig drang das Licht durch ihre vor dem Gesicht verschränkten Finger. Ihr Atem hörte sich fremd an, in diesem selbstgebauten Konstrukt eingesperrten Leids. Das Gefühl zerbersten zu müssen, wenn sie denn aufblickte, war übermächtig. Die Stimmen der Ärzte wurden immer eindringlicher. Fern hinter dem Schutzschild ihrer verschränkten Finger. Doch obwohl sie sich die Ohren nicht zuhielt, drangen die Worte nicht bis zu Kiko vor. „Kiko“ – überhaupt war Papa der einzige Mensch gewesen, der sie jemals so genannt hatte. Sie selbst sah sich als „Kiko“. Das war sie! Der Name in ihrem Pass war eine Formalität, die jedoch in der Welt da draußen, auf der anderen Seite ihrer Handbarriere, die einzige Wahrheit war. Was würde also passieren, wenn sie die Hände wegnahm? Würde sie dann noch Kiko sein? Wie wäre das möglich? Ohne Papa, den Menschen, der jedem einen Namen gab? Der das hiesige Tierheim quasi im Alleingang geführt hatte und der kein Tier auch nur einen Tag namenlos ließ? Nein, Kiko beschloss, noch ein wenig Kiko zu bleiben. In dieser Welt aus fernen Stimmen, dämmrigem Licht und lautem Atemgeräusch würde sie Kiko bleiben. Nur noch ein bisschen…

Rosa entschied einmal mehr, das Beste aus ihrem selbstgewählten Exil zu machen. Natürlich hieß das, dass sie sich der japanischen Küche zuwendete. Dreißig Kilo hatte sie in den letzten beiden Jahren bereits zugenommen – aber wer sah schon so genau hin. Bei ihr – der alten Deutschen. Der einzige, der sich noch ernsthaft für sie interessiert hatte, war ihr Dackel gewesen. Eine echte, deutsche Besonderheit, von der sie wusste, dass viele Japaner sie um ihn beneidet hatten. Gut, vielleicht hatten sie sie auch nur ausgelacht. Egal. Jedenfalls war Kunz ihr vor einigen Monaten gestohlen worden. Da war sie sicher. Er war nicht weggelaufen, dieser treue Vierbeiner! Das wäre er nie! Seine Arthrose allein hätte das verhindert. So war sie nun der einsamste Mensch. Ob der Hund sich überhaupt noch an sie erinnern würde, wenn sie ihn wiederfände? Oh, wenn sie ihn doch noch einmal sehen könnte! Zufällig wanderte ihr Blick aus dem Küchenfenster und - da stand er und hob mühsam ein Bein an der gegenüberliegenden Hauswand. Als wäre sie ein Schwertschlucker, der sich zuvor an seiner Nummer verschluckt hatte und dem nun das Schwert wieder aus dem Hals fuhr, entwich alle Luft ihrer Lunge und ein stummer Schrei bahnte sich seinen Weg durch ihre Kehle…

Aus sicherer Entfernung beobachtete sie Nagashi. Er hatte es eilig, das konnte man an seinem Gesicht sehen. Es hatte diese Farbe, die aussah, als sei sie gerade aus seinem Gesicht geflüchtet, aus Angst vor dem Ärger, der in seinen Augen funkelte. Sie konnte es seiner Gesichtsfarbe nicht verübeln. Sie tat es ihr schließlich gleich. Auch wenn Nagashi ihr Mann war, ließ sie lieber einen großen Abstand zwischen ihnen beiden. Außerdem war sie froh um jeden Meter, der zwischen ihr und dem Hund lag. Das Tier roch nicht gut! Was hatte Nagashi sich nur dabei gedacht, als er eines Tages nach der Arbeit dieses komische Ding mitgebracht hatte? Es sah nicht aus, wie irgendein Haustier, das sie kannte. Ein Haustier, wenn man schon eins hatte, sollte den Haushalt ästhetisch bereichern! Doch diese Chimäre aus Wurm und geweihlosem Hirschlein hatte es irgendwie geschafft, etwas bei Nagashi zu bewirken. Seit der Hund bei ihnen wohnte, war ihr Mann viel aufmerksamer, was sie betraf. Zuvor hatte er sich nur für das Tagesgeschehen und den Krieg interessiert. Als ob das hier wichtig wäre! So weit weg von all dem Grauen wie in der Stadt, waren sie in Sicherheit. Hier, in der Stadt, nach der ihr neuer Hund benannt war. Sie blickte zu den Häusern gegenüber. Eine angenehme Gegend eigentlich! Hier wohnten viele Ausländer. Deshalb hatte Nagashi wohl mit dem Hund diese Route gewählt: es fiel nicht so auf, mit komischen Haustieren herumzulaufen. Sonst ging er lieber woanders entlang. Ihr Blick blieb an einem gegenüberliegenden Haus hängen – in seinem Fenster spiegelte sich eine Bewegung am Himmel. Aber das war völlig unmöglich! Hier? Mitten im Land flogen sie nicht! Das war sicher nur ein Vogel…

…dann blieb Kiko für immer Kiko.

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