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Stadt Land Turm


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 64
Beiträge: 166



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Stadt Land Turm eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Stadt Land Turm


Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont

Ingeborg Bachmann



Hier leben etwa 160 000 Einwohner, Menschen, eingeboren, aus allen Himmelsrichtungen eingewandert und niedergelassen, Menschen, die allein leben, Familien gegründet haben, Kinder geboren, arbeiten oder krank sind, arbeitslos, in Fabriken gehen, ein Geschäft führen, im Büro sitzen, die Geh- und Fahrwege reinigen, Nachtwache halten; Menschen, die nichtsesshaft sind, im Apartment wohnen,, in einem großen Haus, im Keller oder in der Garage; die Stadt hat ein großes Kraftwerk, dass die Wohnungen, Büros, Geschäfte, Kaufhäuser, Schulen, Kirchen, Moscheen und Synagogen mit Energie versorgt und kleinere Werke in den Hinterhöfen, die dasselbe tun; ein Dom befindet sich fast in der Mitte, davor ein Platz, aus dem sternförmig die Straßen hervorgehen, ausstrahlen bis zum Ring, sich weiter verzweigen in die Stadtteile hinaus, in kleine Seitenstraßen münden, Abkürzungen und Umwege bilden; eine Stadtautobahn kreuzt dies alles, führt nah am Münster vorbei, an Mitte mit seinen Museen, der Universität, den Banken und Kaufhäusern; ein Viertel im Norden hat einen Güterbahnhof, eine Fabrik, die Tausenden von Menschen Beschäftigung bietet; hier befinden sich auch die heruntergekommensten Behausungen, die Häuser, in denen noch Kohleöfen heizen, kleine Läden von türkischen Einwohnern, das Wasserwerk mit seinen vielfältigen Gerüchen; dagegen im Westen liegen Parkanlagen und Villen, elegante Geschäfte; und überall gibt es Luxusmodernisierungen; über der Stadt wabert eine Dunstglocke aus Milliarden von Partikeln, mikroskopisch oder größer, die Schutz und Fluch sind, Dunst, der von Winden zerschnitten wird und auch von Flugzeugen und Drohnen und die Luft, sie durchsetzt die Nacht, in der geatmet, gehustet und geweint und vielleicht auch gelacht wird; bald beginnt der Tag und der Kampf, das Glück und das Unglück, aber bemerkt jemand, dass um 5.02 Uhr das Nest der dort brütenden Turmfalken vom Südturm des Doms fallen wird?

5.01 Uhr

die Zeilen flackern vor ihren Augen, streben auseinander, von Norden nach Süden, von Osten nach Westen, über das Erzgebirge zum schwarzen Meer, über die Nordsee, die Highlands, viel weiter noch, bis kein Land, keine See mehr ist, nur noch Zeilen, die wieder zusammenfließen, ein Heer von Zeichen, auf die sie ruckweise niedersinkt, während im Nacken nacheinander sieben Wirbelgelenke knacken und der Kopf fast auf die Stapel von Papieren und Büchern aufsetzt; bevor ihre Stirn auf den Schreibtisch aufschlägt und sie hochfährt, die Hand auf dem Mittelmeer, der Spann zwischen Daumen und Zeigefinger eine spiegelverkehrte Bucht zur Côte d´Azur bildet, mit Cannes, Nizza, Monaco und San Remo gegenüber, oh ja, die französische Riviera, da muss sie hin nach dem Examen, wenn es vorbei ist, das Schwitzen, die Ströme, Golfströme; das Zittern, die Erdbeben, von Lissabon, die Kontinentalplatten, die sich gefährlich aneinander reiben, dahin, oder vielleicht nach Kalifornien, weil überall die Erde beben kann, also doch lieber an die Ostsee; auf der Seebrücke von Ahlbeck im Gleichschritt gehen und zwischen den Ritzen der Planken das ruhige Meer betrachten, die regenbogenfarben schillernden Wellen aus denen die Möwen auffliegen, das heisere Schreien, mit dem sie doch wieder nur den Sturm ankündigen, nein, das Mittelgebirge, oder ja, der Gardasee mit seinen Bergen und Palmwedeln und verwunschenen Orten, den Gassen von Malcesine – da kommt die Stirn endlich auf Papier zu liegen, fast driftet das Herz in tiefen Schlaf und sie schreckt auf, sieht in der Fensterscheibe, hinter der der Dom ist, ein fremdes Gesicht, eine verwaschene Landschaft, fast kommen ihr die Tränen, die Schichtung von Licht und Glas blendet sie, aber es ist nur sie selbst, die aus dem Halbschlaf hochschreckt, die über die Seiten gebeugt dasitzt, schon die ganze Nacht und versucht zu lernen, die ganze Welt umrundet hat, bis sie hier wieder aufsetzt in ihrem Studentenapartment und kaum ein Bewusstsein hat von den vergangenen sechzig Sekunden, in denen sie fast eingenickt ist; jetzt wird sie aufstehen und sich für den Schlaf umziehen -

in der Tiefgarage, auf Abschnitt vier, zieht sie doch die Taschenlampe heraus, nicht weil das Licht zu schwach ist, denn hier ist gute Sicht, die fast helle Notbeleuchtung lässt genug erkennen; etwas scheint über die dämmrigen Ecken zu flackern, etwas, das ihr nicht wohlgesonnen ist; sie steigt in ihren Wagen, lässt den Motor an, er stottert, bald muss sie das Auto zur Reparatur bringen, was das kosten wird, dabei will sie sich einen neuen Laptop kaufen; sie biegt um die erste Kurve, sieht den Schlagbaum, gleich wird er sich öffnen, wenn sie durch die Lichtschranke fährt, ja, er rührt sich, hebt an, geht hoch, sie kann passieren, sie rast durch eine weitere Kurve, gleich ist sie auf der Stadtautobahn, da atmet sie erleichtert auf, nur ein leichtes Ziehen, hinten am Hals, erinnert an ihre Furcht im Dunkeln; sie fährt an der Milchfabrik vorbei, wo ihre Freundin Katharina arbeitet, da kriegt sie wenigstens kein Burnout; in der Ferne taucht der Dom auf, sie kann schon die beleuchteten Türme sehen, er hat etwas Anheimelndes, wie er so in der Nacht steht, fast freut man sich, am Wochenende könnte sie ihn mit Lars besichtigen, der steht auf so etwas; als sie die Kirche passiert, ist das Ziehen hinten plötzlich verschwunden und sie hat eine Idee, was sie als nächstes machen wird -

es ist kalt, ihr ganzer Körper schmerzt, vor allem der Kopf, niemals hat sie solche Kopfschmerzen erlebt; sie greifen wie ein starrer Helm um ihre Stirn, ihr Hinterhaupt, und innen dröhnt monoton ein Dauerton von solcher Intensität, dass ihr übel davon ist; sie versucht sich zur Seite zu drehen, aber dann merkt sie, sie liegt in der Badewanne, weiß plötzlich, sie hat Tabletten genommen; ihre Hand rutscht vom Rand ins Wasser und verursacht eine Fontäne, die ihr ins Gesicht spritzt, sodass sie ihre Augen öffnet, sie das schummrige Licht der Kerzen sieht, die sie angezündet hat, um dem Ganzen etwas Feierliches zu geben; das Glas, mit dem sie die Pillen heruntergespült hat, steht noch auf dem Waschbecken, es blinkt trübe; unvermittelt richtet sie sich auf, einen Seegang verursachend, der Wellen bis über die Kante schlägt, rutscht über den Rand der Wanne, landet hart auf dem Rücken auf der Badematte aus Gummi, die sofort an ihr kleben bleibt; sie bleibt liegen, döst sofort wieder weg und merkt, dass ihr Kopf frei wird, sich wie an einem Seil von ihrem Körper löst, zur Decke schwebt, von wo sie auf sich herunter sehen kann, ihrem vom Kerzenlicht grau schimmernden Leib, der kaum Konturen hat und durchscheinend wird, sich von der Matte hebt und zu ihrem Kopf aufsteigen will; eine Hand löst sich auch vom Boden, ein Finger zeigt auf sie, doch sie schüttelt sich abwehrend aus dem Nacken heraus, dreht das Gesicht zur Decke, die in feine Partikel zerstiebt, deren Stäube ihr in die Nase und die Augen rieseln, durch das Dach erscheint der Himmel und der frühe Morgen wird sichtbar, irgendwo im Westen muss der Dom sein, dunkel ist es noch, aber sie weiß, dass bald die Sonne über den Horizont steigt und den Himmel in gelbes Licht tauchen wird -

er steht vor dem Portal des Doms, legt die Hand auf die kunstgeschmiedete Klinke; in diesem Moment weiß er, dass die Tür geschlossen sein wird; er spürt das kalte Metall auf der Handfläche, beginnt zu beten: Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade - seine Hand umschließt fester den Griff, der Schweiß leitet seine Hitze in das Element - der Herr ist mit dir - vor seinen Augen steigt eine Sternschnuppe auf, die die Form einer leuchtenden Erdbeere hat - du bist gebenedeit unter den Frauen - die Beere schwirrt auf, steigt hoch - und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus - steigt entlang der steilen Fassade nach oben, dass ihm schwindelt und er taumelt - heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder - und dringt durch ein Turmfenster in das Innere der Kirche - jetzt und in der Stunde unseres Todes - und rollt hinab die Treppen und poltert vor den Altar - Amen. Er lässt erleichtert die Klinke los, geht weiter, nach Osten.

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