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Lichter des Lebens


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

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Beiträge: 166



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Lichter des Lebens eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lichter des Lebens

Lichter aus. Tür zu.
Der frische Duft von Rasierwasser und Deo mischt sich mit der kalten, klammen Abendluft. Jemand trägt eine Laterne vorbei und wir nicken freundlich, wünschen einen guten Abend. Wie an jedem der letzten 21 Tage werden sich heute viele in der Kirche treffen, gemeinsam beten und singen und im Anschluss zu einem Haus wandern, dort bei Glühwein und Keksen feiern. Ein lebender Adventskalender. Lichter des Lebens. Wir sind gemeinsam auf dem Weg, der Schein der Lampen spiegelt sich auf dem feuchten Asphalt, zeichnet unsere Silhouetten auf die Straße. Wir folgen ihr ein kurzes Stück hinunter ins Tal und biegen in der letzten Kurve rechts ab ins Dunkel. Wie oft sind wir diesen Weg schon gemeinsam gegangen? Unzählbar. Unser Ziel wird sichtbar,...
  leuchtet einladend am Horizont. Sie warten dort auf uns. Hinter uns lebt ein Motor auf, ein kaltes Licht braust heran, wirft im Nieselregen glitzernd unsere Schatten voraus. Es holt uns ein, erwischt uns, reißt uns vom Boden, wir wirbeln hoch, fliegen in einem fast perfekten Bogen, die Lichter verwischen wie auf einer Langzeitbelichteten Nachtaufnahme. Lichtbilder...
  des Lebens blitzen durch unsere Gedanken, fluten ineinander, überlappen sich, lodern auf, banale und wichtige, in wildem Tanz durcheinander. Die Kirchturmglocke schlägt. Wir können sie sehen, die Fenster...
  der Kirche, warm und einladend. Hinter den vertrauten weißen Mauern steht alles bereit für das Krippenspiel. Wilde Schäfer waren wir einst. Und über uns der Adventskranz. Advent...
  die drei angebrannten Kerzen auf dem Adventskranz, der vierten bleibt eine letzte Nacht. Zwei Nächte...
  bevor die Lichterketten in der Nordmanntanne erstrahlen sollten, die zu Hause noch auf das gemeinsame Schmücken im Kreis der Familie wartet. Der Glanz der Christbaumkugeln im dunklen grün, das Licht der Kerzen im Widerschein. Die bereitstehenden großen und kleinen Geschenke, versteckt hinter dem hohen Sofa, eingepackt in Vorfreude auf leuchtende Kinderaugen, Neffen, Nichten, Geschwister, Eltern, jung und alt. Alles vergeblich. Denn wir fliegen...
  und mit uns unsere Gedanken an Geschenke und Kerzen...
  so wenige davon ausgeblasen auf leckeren, selbstgebackenen Geburtstagskuchen. Geburtstage...
  Kellerpartys zu unseren achtzehnten, die bis zum Morgen dauerten. Der erste Kuss, die große Liebe. Mit ihr im letzten Sommer, Hand in Hand am Strand. Unsere Leute, lachend, die nicht ahnen, dass wir in diesem Moment fliegen. Oder doch? Zünden sie gerade Kerzen an? Kerzen wie...
  auf dem Festtisch zur Konfirmation. Ein wichtiger Tag. Im Anschluss gemeinsam durch den Ort gezogen. Der erste Kater am Tag danach. Licht war tödlich...
  aber wir fliegen, verfolgen die Lichter unseres Lebens durch die Zeiten, in den Schein von Lagerfeuern bei Zeltlagern, in das Flackern von Fackeln und Friesenfeuer auf Festen in der Aue oder an der Waldhütte. Erst letzten Monat haben wir das Wildgatter für den Winter fertig geflickt, dort wo...
  wir vor Jahren den dampfenden Meiler geschichtet und mit Hingabe gehegt und gepflegt und sorgsam bewacht haben. Wie stolz wir beim Öffnen waren. Wir glühten vor Freude und Stolz. Doch die Nacht darauf...
  Entsetzen, stille Tränen, Schweigen im unerbittlichen Brausen hell lodernden, verzehrenden Feuers. Brandstiftung, der umliegende Wald und die Tiere im Gehege in Gefahr. Wir halfen löschen und retten, doch das Gebäude zerfiel noch vor dem Morgenlicht zu Asche. Die Gemeinde beraubt, Erschütterung und Ohnmacht im ganzen Ort. Dann ein Hoffnungsschimmer, aufraffen, Gelder sammeln, Wiederaufbau, anpacken, Seite an Seite, Hand in Hand. Der Ort stand zusammen. Wir waren Macher. Kameraden. Die Kameraden...
  sie werden als erste hier sein. Mit Blaulichtern und grelles Flutlicht. Doch wir sind...
  auf der Höhe unseres Fluges. Ein letzter Blick auf die vielen kleinen Lichter unter uns, auf die umgebenden Berge mit ihren Wäldern, das lang gestreckte Tal, weit über Aue und Fluss. Von Kindesbeinen an ein vertrautes Panorama, durch die Jahreszeiten, in jedem Licht des Tages. Dort...
  das Freibad, im Sommer direkt aufs Fahrrad und ab hier her. Wärme und Wasser...
  am Abend zum Fluss, wenn die letzten Sonnenstrahlen auf den Wellen leuchten, Libellen und Wasserläufer tanzen, die Fische aufsteigen. Die ersten hungrigen Fledermäuse über uns. Stille Schatten. Stille. Schatten...
der Fluss liegt zwischen uns und dem Festplatz mit seiner Halle, so nah, wir könnten kurz rüber fliegen, sanft gleiten, wie die Fledermäuse des Sommers. Wir könnten...
  dort die unschätzbaren Erinnerungen an so viele mit dieser Stelle verbundenen Ereignisse, an helfende Hände, treue Freunde, an Familie, Gemeinschaft, an Kirmes, an Tanz, Gesang und Lachen und Literweise Bier einsammeln. Wie oft sind wir, erst als Kindergarten und Schulkinder, die selbst gebastelten Schilder in Händen, begleitet von Marschmusik durch die Straßen bis hier herunter marschiert. Sind als Vereinsmitglieder auf geschmückten Festwagen gesessen, die wir Jahre später selbst gezogen haben. Mit unseren eigenen Traktoren. Haben am Abend vorher den Maibaum die Hauptstraße hinunter in die Aue getragen. Erinnerungen an fröhliche Tage, spätnachts im Schein von Mond und Taschenlampen, wahlweise erst im Morgengrauen, nach Hause. Es ist nicht weit von hier- und doch so fern. Straßen,...
  in denen wir für einen Eierlohn die Löschbrunnen kontrolliert und gereinigt haben. Der Duft gebratener Eier in der Halle nach getaner Arbeit oder von...
  Harz und Nadeln der Weihnachtsbäume, für das Osterfeuer gesammelt. Wir haben die Kettensägen angeworfen, Stämme geschnitten, den großen Scheiterhaufen hoch oben über dem Ort errichtet und darüber manche bitterkalte Nacht unter Sternen gewacht. Mächtig strahlte dann endlich der Schein des Feuers, hoch hinauf stoben die Funken in den dunklen Himmel auf. Es leuchtete lang und bis weit in die Nacht. Hoffnungsfunken, geboren aus einer brennenden Quelle. Ein Licht des Lebens nach der Dunkelheit. In diesen vielen Momenten wussten wir, tief in unseren Herzen und Seelen, was Heimat bedeutet. Während andere in die Ferne zogen, sind wir dem Ort treu geblieben, fest verwurzelt mit und aktiv in dieser eingeschworenen Gemeinde. Feuer, Gemeinschaft...
  oh, könnten wir dem Weg des Flusses noch ein Stück weit folgen, ein letztes Mal die dampfenden Schornsteine und die wabernde Hitze über der rotgoldenen Glut sehen, den bogenförmigen Funkenflug erleben, wenn das flüssige, spritzende Eisen abgegossen wird. Ein letztes Mal in den blendenden Abguss schauen- und auf die treuen Kollegen, Kameraden, die Gesichter in Schweiß und Ruß. Drei Schichten, sieben Stunden, oft sieben Tage die Woche, zwölf Monate im Jahr. Erst gestern das letzte Mal gestempelt. Fast unser halbes Leben waren wir dort. Ein Knochenjob, Sommer wie Winter, in einer alles andere als eine Schokoladenfabrik. Kein Job für jedermann. Aber für uns. Morgens kurz nach sechs, nach getaner Arbeit, im ersten Licht der Sonne stehen, der Nebel noch tief über den Feldern, schweigend die erste Zigarette nach Schichtende in der Hand, hundemüde, aber stolz, die Haare noch feucht von der Dusche und über uns am Himmel den lautstarken Flug der Schwäne verfolgen. Frische Luft atmen und den Beginn des neuen Tages genießen. Sich auf das wartende Bett freuen. Sich später erschöpft hineinfallen lassen. Fallen...
  wir fallen. Immer schneller, zurück der Erde zu. Weiter steigen, höher und höher, noch ein Stück in Gedanken fliegen, bleibt unerfüllt. Es gibt unzählige Erinnerungen, die wir einsammeln und retten möchten, bevor sie am Boden zerschellen. So viele Lichter in unseren Leben- Menschen und Orte. Das alles ein letztes Mal mit wachen Augen sehen. Unser Ziel des Abends ist sichtbar...
  am Horizont. Aber es ist nicht mehr das unsere. Sie warten dort heute vergebens auf unser Kommen. Das Licht in den Fenstern brennt umsonst. Für uns wird ein anderes Ziel sichtbar. Feuer und Licht...
  waren stets ein Teil von uns. Wir beide sind miteinander durch Feuer gegangen und wir beide werden gemeinsam in Flammen aufgehen. Und dann sind wir es, die auf euer Kommen warten. Nicht begierig. Mögen euch viele Jahrzehnte mehr Zeit zum Leben gestundet sein. Heißt es nicht...
  `Der Tod dauert schließlich noch die ganze Ewigkeit.´?
Und sagt man nicht...
  `Unsere Zeit hier ist nur geliehen.´ ?
  Hätten wir, rückblickend, anders gelebt, wenn uns bewusst gewesen wäre, dass unsere Zeit heute widerrufen wurde? Dass uns nicht mehr Zeit gestundet ist? Es gibt darauf keine Antwort. Es ist nicht mehr wichtig. Von diesem Weg gibt es kein Entkommen und kein zurück. Für niemanden. Es gibt nur ein weiter und ein voraus. Wie viel Zeit wir darauf wandeln dürfen, durch wie viele Kurven, Höhen und Tiefen er uns führt- das alles wissen wir nicht, wenn wir ihn betreten.
Niemand sieht den Docht seines Lebenslichts, kennt sein Maß. Wir wissen nur, dass er eines Tages flackern und verglühen wird. Das ist der Moment, wenn der Weg endet und das Ziel erreicht ist.
Wir beide gehen jetzt schon mal vor.
Rote Heckschweinwerfer spiegeln sich auf nassem Asphalt.
Vor uns stirbt ein Motor.
Eine Tür öffnet sich.
Lichter aus.

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