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Kokon


 
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anderswolf
Geschlecht:männlichHobbyautor


Beiträge: 421
Wohnort: Bad Nauheim


BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Kokon eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

dem Horizont entgegen stürzt die Sonne
verblüht ist der Blauregen
ein Riss durchzieht dein Haus
Flieg, Bläuling,
oder stirb.

Mittags schon verkürzen sich die Tage des noch hohen Sommers, und du schläfst hoch oben in deinem Kokon. Raupe bist du nicht mehr, diese Haut ist abgestreift, doch Schmetterling bist du auch noch nicht. Träumst du vom Fliegen unter klarem Himmel? Ich muss dich enttäuschen: Wolken beschatten die Pergola.
Könnten wir Menschen unsere Haut doch auch einfach ablegen. Alle sieben Jahre, heißt es, erneuerten sich alle Zellen des Körpers, alle sieben Jahre stünden wir da als neuer Mensch. Narben aber bleiben, ein Korsett, das wir nicht aufschnüren können.
Als hätte ich nichts Besseres zu tun, liege ich auf der heißen Terracotta, starre durch das Blättermeer hinauf in den Azur. Du, Bläuling, wirst bald wohl schlüpfen. Nektar des Blauregens soll deine Nahrung sein, seine Knospen künden zweite Blüte. Tagsüber wirst du Spielball der Winde sein, nachts schlafen zwischen den Ästen, und am Ende des Sommers bist du tot.
Dann, spätestens, werde ich mich in die steinerne Hülle zurückziehen, in der ich geboren wurde.

ich singe das Lied der Wilden Jagd
Vater stanzt seine Tränen mir ein
bitter die Frucht dieses eisigen Leibes
Nichts trifft härter
als der Verlust einer Hoffnung.

Vater hat dieses Haus gebaut. Die Robinie in der Mitte des Gartens hat Vater gepflanzt. Den Sohn aber glaubte Vater nicht von seinem Samen. In Raunächten sandte später eine Frau, die ich nicht kennengelernt, aber gemordet hatte, ihren Geist über Vater aus, hieß mich mit seiner Stimme Wechselbalg, Bastard, Dämonenbrut. Das crescendo der Raketen hätte mich aus der Welt treiben müssen und nicht hinein in einen menschlichen Leib. Wie ein Parasit hätte das kindgewordene Übel sie ausgezehrt und nach dem Schlupf nur eine wächserne Hülle zurückgelassen. Mit meinem ersten Schrei sei ihr Lebenslicht erloschen.
Woraus, Bläuling, besteht dein Kokon? Schmetterlingsspucke und Raupenhaut? Das Netz um mein Herz ist gewoben aus Tränen und Blut, Brüchen und Schlägen und Schmerz. Manchmal zieht es sich auch heute noch zusammen, raubt mir Atem und Sinne, und lange dauert es dann, bis ich wieder stehen kann. Als hätte ich nichts Besseres zu tun.

ich habe Eisblumen geschnitten
in Scherben liegen alle Vasen
Sonne unter dem Horizont
Der abgebrochene Zweig
treibt wieder aus.

Die ersten Jahre meines Lebens gingen über mich hinweg wie eines dieser Gewitter, die kurz vor dem Frühjahr noch einmal den Winter über das Land legen. Ich finde keine Erinnerung daran. Dann ein Foto von meiner Einschulung: ganz rechts in der hintersten Reihe ein dürres Kind, schwarzhaarig, hohläugig, in abgetragener Kleidung, das einzige ohne Schultüte.
Regst du dich im Kokon, schaukelt deine Hülle in der windlosen Welt. Willst du am Ende doch heute noch schlüpfen? Wirst wie die Seele eines Toten dich deinem Sarkophag entwinden? Lass dir Zeit, ich werde, als hätte ich nichts Besseres zu tun, hier auf dich warten.
Ab der zweiten Klasse neben mir, rotwangig, blauäugig, flachsblond: Mat. Von Jahr zu Jahr wechseln wir die Position im Bild, doch immer wieder: Mat an meiner Seite. In der fünften Klasse legen wir einander die Arme um die Schultern, wie wir es von den Halbstarken aus dem Fernsehen kennen. In der sechsten Klasse wachse ich Mat davon, in der siebten hat er mich wieder eingeholt. In der achten Klasse trennt uns ein Mädchen. Alle drei sehen wir unglücklich aus.

es waren zwei Königskinder
eine Fackel entzündet Hekatē
Irrfeuer über dem Moor
Du bist das Licht,
ich bin dein Schatten.

Noch bevor ich ihn kannte, habe ich Mat verletzt. Wir wurden dennoch Freunde, vielleicht gerade deswegen. Mat besaß liebende Eltern und Großeltern, Spielzeug, Freiheiten und, nachdem ich einer Nichtigkeit wegen sein Blut vergossen hatte, mich. Wir wuchsen zusammen auf und wie nahstehende Bäume ineinander. Und dann, als späte Strafe für die Affekte eines Siebenjährigen, war ich wieder allein.
Öffnete ich, als hätte ich nichts Besseres zu tun, deinen Kokon vor der Zeit, was geschähe? Allein die Vorstellung lässt dich unruhig werden, ich sehe das. Keine Angst, Bläuling, ich werde dir nichts tun. Vielleicht aber verstehst du, was mir geschah, als ich aus Mats Leben fiel.
Vorsichtig ausgedrückt: Ich verlor die Balance. Wechsel vom Gymnasium auf die Realschule mitten im Schuljahr. Abschluss mit inakzeptablen Noten. Beginn einer Schreinerlehre dank Vaters Beziehungen. Alkohol und andere Drogen, Streit mit dem Chef und dem Vater, Schulden und schlechte Gesellschaft. Schließlich eine kuriose Erkenntnis: Vater mochte sich weigern, mir Geld zu geben, andere Männer in seinem Alter bezahlten mich gern.

Kind eines Kaltschmieds
der Gefallenen Kamerad
höllisch Gefrorener
All diese Orden haben mir
Haut und Seele zerfetzt.

Mit 21 trotz allem Zeitsoldat, Vater stolz: „Habe ich doch einen Sohn gezeugt!“ Kosovo, Mazedonien, Dschibuti, Kongo, Kuwait, Sudan und immer wieder Afghanistan, vor jedem Einsatz ein Hieb auf die Schulter: „Guter Mann!“ Was Vater nicht hat zerschlagen können, hielt er für unzerstörbar.
Der Krieg, Bläuling, der war nix. Nirgendwo. Da magst du noch so kaputt sein vorher, die Mahlsteine der Gewalt kriegen dich noch kleiner. Die Nacht kriecht auch tags in deine Gedanken, klebt rote Farbe an alles, was du anlangst. Wenn du den ersten Kameraden sterben siehst, kotzt du. Beim zweiten zitterst du nur noch. Den dritten hast du vergessen, kaum dass ihm eine Sprengfalle den Oberkörper aufgebrochen hat.
Aufbruch auch bei dir, Bläuling? Aufwerfen, Ausstülpen, Ausziehen, Wiedergeburt in Zeitlupe, schrecklich langsam, unerträglich spannend. Ich könnte aufstehen, hineingehen, ein Glas mit Eiswürfeln und Wasser füllen, einen Spritzer Zitronensaft dazu. Selbst die Neige könnte ich schon geleert und mich wieder in die verblassende Mittagshitze gelegt haben, du wärst immer noch gefangen. Als hätte ich nichts Besseres zu tun, bleibe ich aber, blinzle nicht, starre dir zu. Deine Anstrengung ist genug für uns beide.

Augenweide im Blauregen
himmelfarbener Tagtraumtaumler
zu Kostbarkeit erschliffener Saphir
Kein Gefängnis kann dich halten
und keine Hand.

Nun sitzt du da, Bläuling, pumpst Blut in Leib und Flügeladern. Erschöpft bist Du, stilles Entknittern nur, gemächliches Auffalten. Hielte ich mein Ohr an deinen Leib, was hörte ich? Ein Knistern wie von Flammen in sternkalter Wüste? Das dunkle Dröhnen explodierender Bomben am Stadtrand? Oder ein zufriedenes Summen, weil du deine harmlose Zukunft ahnst: Augenblicksblinken von Glück im Vorüberwehn.
Ich kehrte heim in Vaters Haus. Beendete die Schreinerlehre. Baute die Pergola. Vater war dagegen, wagte aber nicht die Konfrontation mit dem Fremden, das mich in meinen Blutjahren durchwuchert hatte. Gemeinsam setzten wir den Blauregen. Während die Pflanzen wuchsen, zerwelkte der Vater. Drei Jahre pflegte ich seinen Körper aus Spinnweb und Asche, als hätte ich nichts Besseres zu tun, dann legte ich ihn ins Grab neben die mir unbekannte Frau. Mir kondolierten Weggefährten des Vaters und am Ende ein Mann meines Alters, blauäugig, flachshaarig, blass, nervös. Ich wusste selbst nicht, was sagen. So schwiegen wir eine Weile vor dem Loch in der Erde. Als Mat seine Hand in meine legte, weinte ich das erste Mal seit Jahren.

gesellig wachsen die Maiglöckchen
wir verlassen die Umlaufbahn
das Herz eine heilende Wunde
Die Götter kannten einen,
Ikarus nannten sie ihn.

Man kann nicht 20 Jahre ungeschehen machen. Wie also findet man zurück? Tastend. Mat war vor allem: fad. Ungebrochener Lebenslauf, Jurist einer Mittelstandsbank, kein Privatleben. Der strahlende Halbgott entpuppte sich als Gipsfigur mit Rauschgoldbesatz. Mat war aber auch: neugierig. Wie ein Forscher kartografierte er meine Abgründe. Er unterschätzte den Preis einer Finsternis, meine Schattengeschichten erregten ihn. Mat war: hungrig. Gemeinsam feierten und tanzten wir, flogen mit Gleitschirmen, ritten durch Island, wanderten im Atlas, umsegelten Feuerland. Schließlich zog Mat zu mir, erst in ein eigenes Zimmer, bald in mein Bett. Mat war vieles, aber nicht: prüde.
Die Sonne hat die Wolken überwunden, und im Gegenlicht habe ich dich aus den Augen verloren. Als hätte ich nichts Besseres zu tun, suche ich dich. Das Gefängnis deiner Jugend hängt sturznah am Ast, doch du? Sitzt du noch im Blauregen, trocknest deine Flügel, freust dich auf den Jungfernflug? Wohin bist du gewandert? Da, eine blauschillernde Bewegung, aufwärts kletterst du, dem Locken des Lichtes folgend.

Sonne unter dem Horizont
verblassen die Sterne
du bist das Licht
Ich bin der Schatten,
den in die Welt du wirfst.

Die Triebe des Blauregens blockieren Wasserrohre, zerbrechen Dachziegel, verbiegen Gerüste. Hegt man ihn nicht, vernichtet der Blauregen, was ihn hält.
Nun ist Mat nicht mehr. Alle Abenteuer dieser Welt konnten seine Lebensgier nicht befrieden und – so sehr mich das schmerzt – auch ich nicht. Habe ich dieses Verlangen in ihn hingeschlagen damals, als wir Kinder waren? Oder wurzelte seine Adrenalinsucht tiefer? Feigling hieß er mich für meine Angst vor dem Absturz, Narr nannte ich ihn, diese Angst nicht zu kennen. Er lief ins Dunkel, zog nicht einmal die Tür hinter sich ins Schloss. Keine drei Stunden später erstickte er in einem schmierigen Club an seinem Erbrochenen.
Bläuling, ich neide dir die selbstvergessene Schwerelosigkeit. Den Tod, dem du entgegenflatterst, ahnst du nicht, nur die Freiheit einer sich dir öffnenden Welt. Flieg, Bläuling, fürchte nicht das Leben.
Wir werden gezeugt und geboren, wir wachsen auf und heran, wir lernen sprechen, wir krabbeln und gehen, wir springen und rennen und tanzen, wir fallen hin und stehen wieder auf, bis wir, als hätten wir nichts Besseres zu tun, für immer liegen bleiben und verstummen.

ich stürze aus dem Zenit
Bläuling reitet den Wind
Risse durchziehen mein Haus
In der Dämmerung
brechen die Knospen auf.

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lebefroh
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 38
Beiträge: 311
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 12.01.2019 08:15    Titel: Antworten mit Zitat

Die Idee, das Leben des Protagonisten dem Leben bzw. der Geburt des Schmetterlings gegenüberzustellen, fand ich gut.

Überzeugen konnte mich der Text jedoch trotzdem nicht, weil mir die Lebensgeschichte überdramatisch und klischeehaft vorkam.

Leider keine Punkte.
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Herdis
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 110



BeitragVerfasst am: 13.01.2019 15:14    Titel: Antworten mit Zitat

Ein Leben im Zeitraffer. Diese Vorgabe ist für mich erfüllt.

Von der Mottovorgabe "(Un-)Haltbare Gegenwart "Die gestundete Zeit" von Ingeborg Machmann:
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont."
inspiriert oder sich damit auseinandersetzend?

Nicht wörtlich, aber im Kontext schon. Vorgabe m.E. nach erfüllt.

Ob E-Lit oder U-Lit- da halte ich mich (bei allen Texten, die ich hier bewerte) raus.

Ich empfand den Text als sehr eindringlich. Die kurzen Lyrik Einschübe konnte ich zwar nicht überall gedanklich nachvollziehen, was für mich aber den Text insgesamt nicht schmälert. Ein oder zwei Passagen sind in meinen Augen im Zeitstrang etwas verrutscht, ich hätte sie vielleicht anders sortiert. Trotzdem war der Text leicht nachzuvollziehen und gut geschrieben. Ich als Leser habe definitiv mit dem Protagonisten mitgelitten.


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"Wenn ich nicht schreibe, fühle ich, wie meine Welt schrumpft. Ich empfinde, wie ich mein Feuer und meine Farben verliere." Anais Nin
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Eredor
Geschlecht:männlichDichter und dichter

Moderator
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Traumtagebuch
BeitragVerfasst am: 13.01.2019 23:11    Titel: Antworten mit Zitat

Ach ne, jetzt. Ein blauer Schmetterling, hm? Idea
Du könntest Hobbes sein, aber eigentlich ist mir gar nicht wichtig, richtig zu liegen. Dein Text ist saugut, und der kriegt Punkte. Womit ich nicht einverstanden bin: Den Gedichtpassagen mittendrin. Das ist kein gutes Gedicht, was da steht. Die Prosa ist besser. Viel, viel besser.

Nachtrag: Ich habe doch viel mehr Favoriten, als ursprünglich gedacht. Sei daher nicht enttäuscht, wenn du weniger Punkte erhältst, als durch mein Lob ersichtlich wurde. Weil das Lob immer noch ernst gemeint ist.


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"vielleicht ist der mensch das was man in den/ ersten sekunden in ihm sieht/ die umwege könnte man sich sparen/ auch bei sich selbst"
- Lütfiye Güzel
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Heidi
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Alter: 37
Beiträge: 1225
Wohnort: Hamburg


BeitragVerfasst am: 14.01.2019 21:27    Titel: Re: Kokon Antworten mit Zitat

Ein ganzes Leben -
als hätten wir nichts Besseres zu tun.
Das ist eine spannende Aussage, die den Text durchzieht. Als wäre das Leben etwas, das man sich nicht aussuchen kann, es kommt auf uns zu und wir haben keine Wahl, so lese ich das. Der Ich-Erzähler empfindet so.

Mir gefallen besonders die lyrischen Zwischenstücke, der Rest des Textes liest sich in einer melancholischen Stimmlage (mag ich) und eher flaumigen Sprache, die an ferne Zeiten erinnert, was mir wiederum weniger gefällt. Auch die Blau-Bezüge find ich schön gewählt und diesen Schmetterling, der den ganzen Text begleitet, den Bezug zur griechischen Mythologie finde ich spannend und passend zur gewählten Sprache, aber auch inhaltlich zum Thema und Motto. Es ist ein ruhiger Text über ein ganzes Leben, was ich schön finde.

Inhaltlich fehlt mir etwas Auffälliges. Klar kann ein Leben eben nur sein, wie es ist. Es muss nicht immer hoch hergehen, ich meine auch eher inhaltliche Auffälligkeiten, das können genauso auch Bilder sein. Auch die Raffung finde ich noch nicht gut genug eingesetzt. Es fehlen Zwischenschritte, um beim Lesen auch wirklich ein zusammengezogenes Leben sichtbar wird. Es dauert vorweg schon sehr lange, bis überhaupt die Figur greifbar wird; erst kommt eine sehr lange Einleitung.

Das Motto ... ist es drin? Momentan erspüre ich es nicht.
Ich werde aber noch mal lesen und gucken, zu welchen Erkenntnissen ich komme.

---

Nach erneutem Lesen:
Doch, jetzt konnte ich das Motto ausmachen. Und wenige Pünktchen sind da auch noch für deinen Text.


_________________
unsichtbare gesichter in bewegung
sehen dasselbe vieraugen

dann eins
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Mardii
Stiefmütterle

Alter: 59
Beiträge: 1841



BeitragVerfasst am: 15.01.2019 13:52    Titel: Antworten mit Zitat

Eine Umsetzung des Themas Biographie, die sehr gelungen ist. Die Sprache und der Stil sind sehr lyrisch und sensibel. Der Text mutet klassisch an, erst nach dem Bruch in der Biographie kommt die Erkenntnis, dass Mats doch nicht der ist, als der er zuerst erscheint.

_________________
`bin ein herzen´s gutes stück blech was halt gerne ein edelmetall wäre´
Ridickully
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Literättin
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BeitragVerfasst am: 15.01.2019 14:12    Titel: Antworten mit Zitat

Hier hat sich einer eingesponnen: tragisch und paradox hat er sich eingerichtet in seiner Vergangenheit, die ihn nicht loslässt, und wie er da so ein wenig eitel in seiner Selbstbetrachtung im Vergleich mit dem Bläuling in Selbstverlorenheit aufzugehen scheint, geht für mich der Ton des Textes auf, der mich zuerst ein wenig irritiert hat: der Tonfall wirkt zart und üppig zugleich, romantisch und spröde, überladen und ein wenig manieriert. Doch das passt zu dieser „eitlen“ „selbstverlorenen“ Terrakotta-Szene: Der nur äußerlich erwachsen gewordene Mann ist innerlich in seinem Kokon verblieben und vielleicht ist es diese latente, nicht eingestandene Selbsterkenntnis, die ihn am Ende dazu bringt ein recht selbstherrliches Urteil über den damaligen Freund zu fällen, der „nur normal“ geworden ist und eben kein „besonderes“ Leben führt, so wie er, der sich da nur scheinbar selbstvergessen und doch ständig um sich selbst und seine Verletzungen kreisend, wie „hingegossen“ (der Tonfall bringt mich zu diesem Gefühl) eine Figur von Oscar Wilde zu geben versucht. Freilich ohne allzu viel Erfolg.

Manchmal kippt der Text ein wenig über die Kante und löst in mir den Verdacht aus, dass nicht alles so gewollt ist, wie es bei mir ankommt: Es sind sprachliche Ungenauigkeiten darin, in manchem lyrischen Abschnitt, der wie ein Zuviel wirkt und in meinen Augen streichbar wäre:
Zitat:
es waren zwei Königskinder 
eine Fackel entzündet Hekatē 
Irrfeuer über dem Moor 
Du bist das Licht, 
ich bin dein Schatten. 


Oder mir zu sehr einen verletzten Todernst zeigt:

Zitat:
Kind eines Kaltschmieds 
der Gefallenen Kamerad 
höllisch Gefrorener 
All diese Orden haben mir 
Haut und Seele zerfetzt.   


Und an anderen Stellen geradezu umgangspachlich wird:

Zitat:
Der Krieg, Bläuling, der war nix. Nirgendwo. Da magst du noch so kaputt sein vorher, (...)


Oder hier
Zitat:
Vorsichtig ausgedrückt: Ich verlor die Balance. 


Zitat:
Keine drei Stunden später erstickte er in einem schmierigen Club an seinem Erbrochenen. 


Und das inmitten der manierierten „Gedankenschreibe“ des Protagonisten. Das will mir nicht passen, erscheint mir nicht konsequent ausgearbeitet.

So steht mein Mitfühlen auf der Kippe: mal tut er mir leid, dann denke ich Junge, Junge, du bist ganz schön verkorkst, komm mal runter zu den Lebenden, von deiner hohen Terrasse aus, du bist kein Bläuling – wenn nicht vielleicht in einem darin versteckten Adels-Wortspiel, was ich dann wieder gelungen fände: Kein Blaublütiger, wie er sich da gedanklich (hin)gibt.

Die Kriterien: E – wie beschrieben auf der Kippe, Vorgabe Zeitraffung erfüllt, es wird sein Leben erzählt. Die gestundete Zeit kann ich nicht ausmachen am Horizont.


_________________
when I cannot sing my heart
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Christ wird nicht derjenige, der meint, dass "es Gott gibt", sondern derjenige, der begonnen hat zu glauben, dass Gott die Liebe ist.
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firstoffertio
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BeitragVerfasst am: 15.01.2019 23:59    Titel: Antworten mit Zitat

Ja, da ist das Motto/Thema schon drin, aber selbst wenn ich das Motiv des Schmetterlings mag, ist mir der Text zu aufgesetzt. Die lyrischen Zeilen zu angestrengt, als dass sie inhaltliche oder formal wirklich etwas hinzufügen.

Trotzdem bleibt mir das Bild des Blaeulings zu bemüht. Und der Text zu wortgewaltig.

Stellen wie diese

Zitat:
Das Netz um mein Herz ist gewoben aus Tränen und Blut, Brüchen und Schlägen und Schmerz. Manchmal zieht es sich auch heute noch zusammen, raubt mir Atem und Sinne,


z. B. wirken auf mich ausufernd. Es fehlt mir insgesamt die Raffung.

Inhaltlich haben wir hier die Geschichte zweier Leben, die sich teilweise verschränken, sich zwischendrin aus den Augen verlieren. Dann endet das eine. Während das kurze des Falters beginnt.
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d.frank
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BeitragVerfasst am: 16.01.2019 15:50    Titel: Antworten mit Zitat

Eigentlich ist das ja nicht schlecht, eigentlich ist das ja ziemlich poetisch, aber entweder steht mir gerade nicht der Sinn danach oder ich mag diesen Stilbruch nicht. Das ist so extrem nach früher versetzt. Die Gedichtzeilen, mitunter auch die Sprache im eigentlichen Text - da sehe ich einen uralten, eigentlich schon gestorbenen Mann vor mir, der der Erzähler ja nicht ist, oder einen, der in irgendeinem Elfenbeinturm eingeschlossen war und dem täglich 16 Stunden das Hirn gewaschen wurde. Tut mir leid, der Erzähler und sein Ton scheinen mir nicht authentisch genug.

_________________
Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
*Arthur Schopenhauer
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Municat
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BeitragVerfasst am: 16.01.2019 17:01    Titel: Antworten mit Zitat

Moin Inko smile

Was für eine Lebensgeschichte! Dein Erzähler bedient wirklich sehr viele Bilder dessen, was manche schlicht und ergreifend ein verkorkstes Leben nennen würden. Seine Mutter überlebt seine Geurt nicht, der Vater erkennt ihn erst an, als er das zeigt, was sein Vater für Stärke hält. Der Freund, der ihm in der von Gewalt geprägten Jugend Halt gibt, wird nach Jahren der Distanz sein Geliebter - und giert nach dem Kick im Leben, den der Erzähler selbst spätestens nach seinen traumatischen Erlebnissen im Krieg nicht mehr sucht. Was ich nicht verstehe, sind die Unstände, unter denen Mat stirbt. Hat er nun den ultimativen Kick in Form einer Extremsportart gesucht und sich dabei überschätzt, oder war ihm sein Lebensgefährte zu langweilig und er hat sich in einfach nur bis über den Rand hinaus mit Alkohol und Drogen zugeschütttet?

Gespiegelt wird dieser überzeichnete Lebenslauf in einem Bild, das kontroverser nicht sein könnte: der zweiten Geburt eines Wesens, das für Leichtigkeit und Freiheit steht.

Dein Erzähler schafft es nicht, eine positive Phase in seinem Leben festzuhalten, so gerne er es auch würde. Insofern ja, Thema gesehen (auch wenn das in anderen Beiträgen deutlich wird, wie ich finde).

Ernsthafte Literatur? Ja, definitiv.

Punkte vergebe ich erst, wenn ich alle Beiträge kommentiert habe.


_________________
Gräme dich nicht, weil der Rosenbusch Dornen hat, sondern freue dich, weil der Dornbusch Rosen trägt smile
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hobbes
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Beiträge: 3106

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
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BeitragVerfasst am: 16.01.2019 23:09    Titel: Antworten mit Zitat

OMG, eine Schmetterlingsgeschichte.

Ich kann Texte ja meistens nur mit Eindrücken beschreiben, die bei mir ankommen. Dieser hier scheint mir wie ein Hochstapler daherzukommen. Hochtrabende Sprache oder eher der Versuch einer hochtrabenden Sprache und dann, beim genaueren Hinschauen ist da eben doch noch einiges an Potential nach oben.

Zitat:
Mittags schon verkürzen sich die Tage des noch hohen Sommers, und du schläfst hoch oben in deinem Kokon.

Hier zum Beispiel, ich wollte gleich Wortwiederholung schreien, konnte mich glücklicherweise zurückhalten, denn noch hohen und hoch oben, da wird ja überhaupt nichts wiederholt. Nichtsdestotrotz haut das für mich in die gleiche Kerbe.

Und dann noch mal den ganzen Absatz:
Zitat:
Mittags schon verkürzen sich die Tage des noch hohen Sommers, und du schläfst hoch oben in deinem Kokon. Raupe bist du nicht mehr, diese Haut ist abgestreift, doch Schmetterling bist du auch noch nicht. Träumst du vom Fliegen unter klarem Himmel? Ich muss dich enttäuschen: Wolken beschatten die Pergola.

Dieser letzte Satz, der enttäuscht. Ich kann das leider gar nicht so genau benennen. Er enthält zu einfache, zu "normale" Worte (im Gegensatz zu den anderen Sätzen). So als rede einer die ganze Zeit angestrengt Hochdeutsch und dann geht ihm doch der Dialekt durch. Was an sich nicht schlimm ist, es erzeugt aber bei mir den Eindruck von: da stimmt doch was nicht.

Noch dazu habe ich ja ein persönliches Problem mit hochtrabenden Worten.
Zitat:
Als hätte ich nichts Besseres zu tun, liege ich auf der heißen Terracotta, starre durch das Blättermeer hinauf in den Azur.

Hier zum Beispiel, da kriege ich beim Azur das große Augenrollen und bin versucht, zu fragen, warum du keine "einfachen" Wörter benutzt.
Nun, du wirst deine Gründe haben. Vermutlich kommen du und ich beim Schreiben und Lesen in dieser Welt nicht zusammen und das macht ja auch überhaupt nichts, aber es ist eben die Erklärung dafür, warum du von mir keine Punkte bekommst.
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V.K.B.
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BeitragVerfasst am: 17.01.2019 01:00    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,
nicht schlecht geschrieben, schöne Metaphern und Mythologie-Verweise. Definitiv E. Ein Leben wird vor mir ausgebreitet, aber – ich kann nicht einmal sagen, warum – es berührt mich nicht. Vielleicht liegt das an der doch distanziert bleibenden Sprache, aber es zieht nur so an mir vorüber, auch wenn schöne Details drin sind. Wie der Schmetterling in seinem Kokon. Vielleicht liegt es auch daran, dass einige Dinge, aus denen man mehr hätte machen können, nur so kurz angesprochen werden, wie zum Beispiel traumatische Kriegs– und Kindheitserfahrungen. Bisweilen wirkt die Sprache auf "überlyrikt" auf mich, einige Metaphern (ich bin der Schatten, du das Licht) wiederholen sich und zünden auch beim wiederholten Male nicht richtig.

Schade, der Text hat definitiv was, aber auch beim wiederholten Lesen zündet er nicht richtig bei mir und bleibt deshalb nur im Mittelfeld. Aber das mag eine individuelle Einschätzung meinerseits sein.

Trotz des Meckerns gerne gelesen,
Veith


_________________
Warning: Cthulhu may occasionally scare people …
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Kiara
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BeitragVerfasst am: 17.01.2019 10:21    Titel: Antworten mit Zitat

Dies ist eine Standard-Antwort: Vielen Dank für deinen Text! Ich bitte um Verständnis, dass ich (momentan) keine Begründung dafür abgebe, warum du von mir Punkte bekommen hast. Das liegt unter anderem daran, weil die (sogenannte) Klassifizierung von E-Literatur wenigstens teilweise subjektiv ist.
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Catalina
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BeitragVerfasst am: 18.01.2019 00:16    Titel: Antworten mit Zitat

Als hätte ich nichts besseres zu tun, war ich vom ersten Moment an von diesem Text verzaubert. Bereits nach wenigen Zeilen war er mein Favorit und ist es auch noch nach dem zweiten Lesedurchgang der Texte geblieben.

Mein erster Vermerk: Lyrik als Prosa verkleidet.

Die unterstrichenen Sätze:
"Vater stanzt seine Tränen mir ein"
"Das Netz um mein Herz ist gewoben aus Tränen und Blut"

Das ist bestimmt so wuchtig, dass es nicht jedermans Sache ist. Ich aber mag wuchtig und ausladend und finde es großartig.

Wundervolle Sprache, schöne Sprachbilder. Beide Vorgaben sehr gut erfüllt.

Ich hatte bis zum Schluss noch ein wenig Angst um das Wohl des Blaufalters. Sein Beobachter war mir zu fragil, zu unberechenbar. Ein verstörendes Ende hätte sicherlich auch was für sich gehabt - aber ich war doch recht froh, dass es so verzaubernd endete, wie es begonnen hatte.

So ganz verstehe ich nicht, warum Du bei all den tollen Ideen Deiner Mitstreiter auf meinem Platz 1 geblieben bist. Dein Text hält mich aber so gefangen, berührt mein Herz, dass ich nicht anders kann, als Dir 12 Punkte zu geben.
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a.no-nym
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BeitragVerfasst am: 21.01.2019 01:48    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,
ich habe lange überlegt, was ich an dieser Stelle schreiben könnte (außer, dass ich mich irgendwie unwürdig und inkompetent fühle). Dein Text macht mich stets aufs Neue sprachlos, ist in all seiner Wucht  schwer verdaulich.

Für mich entfaltet er allerdings die größte Kraft, wenn ich sowohl die Gedicht-Zeilen als auch die Passagen über den Bläuling beim Lesen ausspare - obwohl ich diese (für sich genommen) als gelungen empfinde. Lese ich alles, ist es mir zu viel des Guten.

So oder so:
Für Text und Inko alles Gute!
Freundliche Grüße
a.

P.S.: Ich frage mich bei jedem Lesen, ob dieser Text wohl aus der Feder eines recht neuen Foristen aus der südlichen NachbarLandSchaft stammt... Question
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MoL
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Wohnort: NRW
Das bronzene Stundenglas


BeitragVerfasst am: 21.01.2019 19:41    Titel: Antworten mit Zitat

Wow. Wahnsinn. Mein absoluter Favorit. Einfach nur genial, gelungen, wunderschön.

_________________
"Hexenherz - Eisiger Zorn", acabus Verlag, Februar 2017.
"Die große acabus-Jubiläumsanthologie", acabus Verlag, Oktober 2018.
"Hexenherz - Glühender Hass", acabus Verlag, Januar 2019.
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Michel
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Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 22.01.2019 15:00    Titel: Antworten mit Zitat

Bisher mein absoluter Favorit. Ein männliches Leben (Mutter bei Geburt gestorben, brutaler Vater, verhauene Jugend, Zeitsoldat, Krieg, traumatisiert, Freund/Geliebter, wieder allein) verwoben mit dem Bläuling, der innerhalb einer Minute schlüpft. Beide Kriterien erfüllt. Durchbrochen von Gedichtzeilen, teils kopiert, oft neu. Bewegt und gefällt.
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Nihil
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BeitragVerfasst am: 22.01.2019 20:50    Titel: Antworten mit Zitat

Ein Text, der mit seiner Kombination aus Prosa-Block und lyrischen Strophen formal heraussticht, der formal etwas wagt. Sprachlich fügen sich die Strophen in den übrigen Stil ein, stören dadurch nicht, werden mir stellenweise aber etwas zu pathetisch und altertümelnd. Das Pandorafass mit der griechischen Mythologie hätte ich zudem nicht aufgemacht, der Text hat Symbolik genug. Das Eisblumenschneiden und der Tagtraumtaumler gefallen mir aber hervorragend. Ob es die lyrischen Einsprengsel unbedingt gebraucht hätte, darüber lässt sich sicher streiten; sie zeigen zwar durchaus die Zerrissenheit des Protagonisten auf, einfach dadurch, dass sie da sind (wenngleich dafür in etwas zu regelmäßgen Abständen), erfüllen darüber hinaus aber, so weit ich sehen kann, keine Funktion, die nicht ähnlich in den prosaischen Szenen zu finden wäre. Gerade der Zeitaspekt hätte sich durch die Gegenüberstellung von Prosa und Lyrik nochmal anders beleuchten lassen, bsplw.

Aproprosa: Die finde ich sehr, sehr ansprechend. Ein bisschen expressionistisch, teils bewusst sperrig in der Wortwahl (ge-mordet statt er-mordet) und auch vor gelegentlichen Neologismen (Blutjahre für die Bundeswehreinsätze) nicht zurückschreckend. Die Farbsymbolik mit der Sehnsuchtsfarbe Blau, die zerstörerischen Seiten der Sehnsucht, die sich in den Trieben des Blauregens äußert; natürlich ebenso wie in Mats unnötigem Tod. So mag ich das. Nur beim Dialog mit dem Schmetterling wird mir die metaphorische Ebene teilweise zu forciert aufrecht erhalten, weil ich innere Dialoge im Allgemeinen irgendwie albern finde, weil sie nur aus rhetorischen Fragen bestehen und dadurch immer gekünstelt wirken,

Ein Text über Aufbruch und Wiederkehr, Sehnsucht und Tod, Verlust und Erneuerung, der einen Protagonisten beschreibt, dessen Lebensschmerz sich in der ausdrucksstarken Sprache äußert. Immer wieder finden sich tolle Beschreibungen wie:
Zitat:
Was Vater nicht hat zerschlagen können, hielt er für unzerstörbar.
Das reicht als Andeutung vollkommen aus, um sich alles über diese Vater-Sohn-Beziehung vorstellen zu können. An anderen Stellen bleibt es mir zu vage, etwa in diesem Absatz:
Zitat:
Noch bevor ich ihn kannte, habe ich Mat verletzt. [...] Und dann, als späte Strafe für die Affekte eines Siebenjährigen, war ich wieder allein.
Aber insbesondere hier
Zitat:
In Raunächten sandte später eine Frau, die ich nicht kennengelernt, aber gemordet hatte [...]
weil der Mord später nicht mehr thematisiert wird. So daher gesagt, wirkt das ein wenig effekthascherisch, was nicht zur übrigen Geschichte passt,

die mir übrigens sehr gut gefällt. Anfangs habe ich diesen Beitrag total überlesen, um ehrlich zu sein, und bin nun sehr froh, ihn mir noch einmal näher angeschaut zu haben. Während ich die Kritik hier geschrieben habe, ist er kontinuierlich weiter nach oben auf der Punkteskala gerückt.
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Jenni
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger


Beiträge: 3786

Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 23.01.2019 00:12    Titel: Antworten mit Zitat

Die Sprache ist so vielleicht poetisch, vielleicht blumig, mir ist das zu viel, vor allem am Anfang, als es um den Garten und den Schmetterling geht, aber das ist einfach auch Geschmackssache. Die Geschichte um den Ich-Erzähler und Max, die finde ich jedoch sehr schön, sowohl in ihrer Entwicklung, wie beide sich gegenseitig prägen und verändern, aber auch die Art zu erzählen, auch wie du die Zeitraffung umsetzt, besonders wie die Fotos das gemeinsame Größerwerden dokumentieren. Und dann ist da immer wieder der Schmetterling, mit dessen Entwicklung der Erzähler seine eigene (passend, originell jedoch nicht) in Bezug setzt, und das Gedicht, dessen Bedeutung (für die Geschichte) sich mich noch nicht völlig erschlossen hat. Und diese blumige Sprache, was vielleicht Teil der Charakterisierung ist, aber eigentlich mehr ein Bruch zu dem, was der Erzähler über sich preisgibt, oder gibt der Erzähler gar nichts preis, bei näherer Betrachtung jedenfalls nur reichlich plakatives, und den Rest soll ich vielleicht aus der blumigen Sprache schließen. Hm, hier weiß ich mir noch nicht recht ein Urteil zu bilden.

Vielleicht mal über das Thema nachdenken. (Un-)Haltbare Gegenwart ist da ja in gewisser Weise überall, in diesen Geschichten, die ein Leben und ein Zurückblicken erzählen. Inzwischen habe ich aber auch mindestens eine Geschichte gefunden, die diesbezüglich noch mehr aus der Vorgabe herausholt.
Hm, und jetzt, was mache ich damit.
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Tape Dispenser
Geschlecht:männlichSchreiberling


Beiträge: 278



BeitragVerfasst am: 23.01.2019 00:13    Titel: Antworten mit Zitat

Tja, Dieser Text lässt mich relativ ratlos und unberührt zurück. Das liegt daran, dass ich generell eine Aversion gegen in Prosa eingebundene Gedicht habe. Ich sehe hier zwar einen Konflikt zwischen Erzähler und der Vaterfigur und die Liebe zu Mat, aber die Bläulingsverse zünden bei mir nicht und das Ersticken am eigenem Erbrochenen ist mir zu gewollt auf den Schluss getrimmt.
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lilli.vostry
Wortschmiedin


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BeitragVerfasst am: 23.01.2019 03:43    Titel: aw:Kokon Antworten mit Zitat

Hallo,

Dein Text war einer der ersten, den ich las. Er beginnt ziemlich romantisch, doch dann ziehen schon Wolken herauf... Schönheit und Abgründe des Lebens, Träume und Traumata, Wunder und Wunden liegen dicht beieinander, in fein verwobenener Prosa mit lyrischen Versen.

Der Ich-Erzähler schaut an einem Hochsommertag einem werdenden Schmetterling, dem Bläuling, zu; wartet auf den aufbrechenden Kokon, spricht mit ihm, der nichts ahnt von seinem kurzen Lebensglück, beneidenswert schwerelos, einfach losfliegend...  Dies zieht sich durch den ganzen Text als Metapher.
Er denkt zurück, wie sein Leben begann, das ein anderes auslöschte und wie es verlief, begleitet an verschiedenen Stellen im Text mit unterschiedlicher Intensität und Schärfe von dem Satz: "Als hätte ich nichts Besseres zu tun."

Zartheit, Poesie, Härte, Schmerz und Verletztheit reiben sich im Ungeheuerlichen des Erzählten aneinander, ergreifen, erschüttern, trösten, verzaubern.

Ein unfassbar schöner, fragiler und starker Text, der lange nachklingt.
Daher stehst Du an erster Stelle bei mir in diesem Wettbewerb.

Viel Glück und Viele Grüße,
Lilli


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UtherPendragon
Hobbyautor


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BeitragVerfasst am: 24.01.2019 00:59    Titel: Antworten mit Zitat

Hier leider nur ein kurzer Kommentar, da es sehr spät ist und ich diesen Text eben erst für mich entdeckt habe, er aber unbedingt eine gute Bewertung verdient hat.

Sehr berührend.


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