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Coming Home for Christmas


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 64
Beiträge: 166



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Coming Home for Christmas eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Flugkapitän schwenkt auf die Anfluggrundlinie ein und beginnt kurz hinter Essen und parallel zur A 52 mit dem finalen Sinkflug. Mit 28 Knoten bläst der Südwestwind die letzten Fetzen der niedrigen Wolkendecke davon und lässt am Horizont die Landebahn des Flughafens Düsseldorf in der blassen Nachmittagssonne glänzen. Leichter Gegenwind, keine Turbulenzen, ein Bilderbuchanflug. Kontrolliert sinkende Treibstoffreserven, Handgriffe, Ansagen aus dem Tower, Checks und Gegenchecks, entgegen seinen Befürchtungen läuft alles so routiniert ab wie immer.
Er stellt sich vor, dass aus dem ausgeklappten Fahrwerk des Airbus eine imaginäre Kamera alles aufnähme, was in diesem Moment unter dem Flugzeug geschähe. Nicht die banale Satellitensicht auf Flachdächer, Baumkronen und Verkehrsadern, sondern eine Art Röntgenblick auf alle Abläufe, Geschichten, Augenblicke, die Empfindungen aller Menschen, über die just in diesem Moment der Rumpf des Airbus schwebt, und nicht nur die Szenen, sondern auch ihr Verwobensein miteinander, vielleicht sogar mit dem Airbus, den er gerade steuert, die Ursachen und Folgen, die jeweils wieder Ursachen neuer Folgen darstellten, bis sich im Sucher der imaginären Kamera ein Netz zeigte, das die Beteiligten dieses Dramas, die dort unten so bezugslos nebeneinander herleben, untrennbar aneinanderkettete mit Unmengen an Daten, Bytes, Beziehungen, Verbindungen, von denen auch nur eine einzige Minute auszuwerten ein Menschenleben nicht ausreichen würde.
Nun, dann hätte er ab morgen wenigstens etwas zu tun.
Die letzten Augenblicke seiner Karriere gleiten an ihm vorbei. Ein kurzer, intensiver Blick aufs Steuerhorn, der unterdrückte Wunsch, noch eine Ehrenrunde um den Tower zu drehen, bevor die Check-Routinen der Landung wieder seine volle Aufmerksamkeit fordern.
Zweitausend Fuß unter ihm setzt ein Geschäftsführer im Arbeitszimmer seines Privathauses den Brieföffner an, schlitzt die sauber verklebte Lasche des Einschreibens und entnimmt ihm das Dokument, das seinen Hinauswurf verkündet. Das Logo der Firma blickt ihm entgegen, ein stilisiertes Auge, das jede seiner Bewegungen aufzuzeichnen scheint, wachsam und gleichgültig zugleich registriert, wie er die DIN-Lang-Faltung glattstreicht und den Umschlag achtlos auf den Schreibtisch fallen lässt. Kündigung Ihres Arbeitsverhältnisses, schreit die Betreffszeile über dem üblichen Gewäsch, das er in der letzten Zeit schon viel zu oft selbst abgezeichnet hat. Das Schreiben in seiner Hand trägt dagegen die Unterschrift des Eigners der Firma, mit den besten Wünschen für die Zukunft, fehlt nur noch „Frohe Weihnachten“. Hätte der Firmeninhaber ihm nicht ständig hineingepfuscht mit seinen völlig überzogenen Vorstellungen von kreditfinanziertem Wachstum, dann wäre dieser Brief niemals geschrieben worden und zahllose andere auch nicht.
Er kennt seine Kontoauszüge. Die Reserven werden eine Weile reichen, aber die Raten aufs Haus lassen sie zügig sinken und verknappen die Zeit, die ihm noch bis zur Landung in einem anderen Unternehmen bleibt. Natürlich hätte er schon vor Monaten mit der Suche beginnen müssen. Ob man ihn nun aus gekündigter Stellung woanders einstellt, steht in den Sternen. Ein Schatten scheint über das Haus zu streichen und hinterlässt es dunkler als zuvor.
Die Stewardess in der Passagierkabine ermahnt ein letztes Mal den Geschäftsmann in Reihe drei, seinen Laptop endlich herunterzufahren und das Tischchen hochzuklappen, die Sicherheitsbestimmungen kann sie nicht einmal für ihn unterlaufen; sie lächelt eisern, bis er widerstrebend den Deckel des Geräts schließt, auf dessen Bildschirm lange Zahlenkolonnen in Rot den endgültigen Ruin seiner Firma verkünden. Er hätte den Geschäftsführer schon viel früher entlassen sollen, der einfach zu feige war, auch mal eine größere Investition in die Zukunft zu wagen. Immer das Gleiche: Wer stehenbleibt, fällt zurück. Nun wird auch der Rauswurf den Zusammenbruch seines Lebenswerks nicht mehr verhindern. Morgen früh geht das Schreiben ans Gericht, übermorgen steht der Konkursverwalter vor der Tür.
Der Airbus überfliegt Ratingen-Hösel und die imaginäre Kamera fokussiert eine Mutter, die ihre beiden Kinder antreibt, schnell, entscheidet euch endlich! Als das Mädchen noch immer zwischen Pferdefiguren und einem Buch über die Abenteuer zweier Springreiter schwankt, entreißt die Mutter ihr die Pferde und wirft sie in den offenen Umzugskarton, mit dem sie die Treppe hinunterpoltert. Komm jetzt endlich, zieh die Schuhe an! Der Junge wartet schon unten. Er hat nichts außer dem Smartphone eingepackt, doch jetzt rennt er in Winterstiefeln in sein Zimmer zurück, greift wahllos nach zwei Fußballzeitschriften und eilt wieder hinab, wo die Mutter ihn durch die Tür zerrt, hinaus in Sicherheit, weg von dem Haus, in dem schon lange nur noch Prügel auf sie warten. Sie hat es lange genug versucht, es geht einfach nicht mehr, und wenn die Firma wirklich pleite ist, wird es nur noch schlimmer werden. Gehen, zu den Eltern fliehen, bevor er vom Flughafen zurück ist. Das Heulen eines landenden Jets über ihnen lässt ihr den Schweiß auf die Stirn treten, bevor es in der Ferne verklingt.
Im Airbus klammert sich der Passagier in Reihe eins mit nassen Perlen auf der Stirn an die Armlehnen und lauscht auf das verhaltene Stottern seines Herzens, obwohl ihm nicht der Flug Angst macht sondern das, was folgen wird. OP-Termin übermorgen, Ausgang ungewiss. Er wusste immer, dass er mit diesem Herzen nicht alt würde, aber nun sind es auf einmal keine achtundvierzig Stunden mehr, bis sie ihn vielleicht mit einer Marke am Zeh in den Kühlraum schieben. Er kann nicht glauben, dass auf der anderen Seite seine Frau auf ihn wartet. Es drängt ihn, den Flugkapitän dort hinter der Tür zu bitten, noch eine Extrarunde zu drehen. Solange sie fliegen, ist der OP weit weg.
Sein Sohn will ihn mit dem Auto abholen, wenn er sich an Baggage Claim vorbei zum Ausgang durchgekämpft hat. Sein Sohn, der eben die Ampelanlage mit einem Fluch bedenkt, die den Weg auf die A 52 reguliert; halb Ratingen scheint sich auf den Weg zu den Arrivals zu machen. Die Ampel schaltet auf Grün, doch als er Gas geben will, stottert der Motor und stirbt ab. Das Hupen hinter ihm pflanzt sich durch die Reihe der Wartenden fort; schließlich schert sein Hintermann aus und zieht mit aufheulendem Motor an ihm vorüber; der ausgestreckte Mittelfinger verspottet Chris Rea, der glückselig-heiser aus den Lautsprechern klingt. Der Anlasser orgelt hilflos gegen die unbarmherzig verstreichende Zeit an. Es stottert ja so manches in diesen Tagen. Er hätte Vater doch sagen sollen, dass Ingrid letzte Woche ausgezogen ist zu ihrem Neuen. Doch der Vater war zu gefangen in seiner Angst, um die vorsichtigen Andeutungen zu verstehen. Zu Weihnachten ist er ohnehin nicht da, entweder auf Intensiv oder beim Bestatter, so hat er es am Telefon genannt und dabei nervös gelacht. Fast zu spät zum Reden, vielleicht endgültig. Kein Tannenbaum dieses Jahr.
Tausend Fuß. Die automatische Höhenansage lässt die imaginäre Kamera erlöschen und lenkt die Aufmerksamkeit des Flugkapitäns auf die letzten Sekunden bis zum Ausschweben.

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