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Tonwertkorrektur


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 64
Beiträge: 166



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Tonwertkorrektur eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Tonwertkorrektur

Konzentrat - Lösung mit höherem Sättigungsgrad.
Mehr Sättigung gleich mehr Kraft?
Irgendwo am Rande des Bildes entschwindet ein satt roter Ballon vor einem pastellblauen Horizont. Sättigungsgrade gelten als Indikator. Ein ganzes Leben im schnellen Vorlauf: pausieren, zurückspulen, Momente in Standaufnahmen. Die Farben werden dann fahl. Das hat mit der Entladung zu tun, sagt Ischnie und springt auf 12,21. Will man die Ausgangswerte festhalten, um sie später mit den Datenbanken abzugleichen, muss man sofort einen Shot ziehen. Bei Ischnie alles auf klug. Ich mag es nicht, wie sie sachlich bleibt, wenn vor unseren Augen die Essenzen des Lebens ablaufen. 340 erste Male: vollkommen überbewertet, Zimmerdecken in tristem Grau, 820 Sonnenuntergänge, orange, lila rot und mit grauen Ausläufern, kaum mehr als halbe Sekunden, die am Ende besser auf Fotos wirken. Was zählt sind Gesichter, in den meisten Fällen.
Gesichter, die sich am Zahn der Zeit abreiben und deren Sättigungsgrad manchmal braucht, bis er sich vollständig gesättigt hat. Ischnie macht Low Carb. Zwischen zwei Löffeln Zucchini Creme Suppe, deren helles Grün schon jetzt wieder verfliegt, geht sie auf Farbe. "Der zweite Tod", sagt Ischnie, hält inne und zieht einen Shot. Mehrere Ordner voll satt schwarzer Trauerkleidung, schneeweißer Zimmerwände und klar begrenzter Gesichtskonturen, in deren Mitte sich alles trennt. Posterisation, immer dann, wenn es zu schmerzhaft wird. Mit speziellen Korrekturen machen wir Details wieder sichtbar, wenn das Bild unter zu viel Sättigung an Tonwerten verliert.
"Ich wette auf drei und eine Geburt." Ob Ischnie mein Augenrollen jetzt ablegt? Irgendwann vergisst man die Namen. Die Kindheit ist lang, wenn man sie in Farben misst. Satt rote Ballons, ein Kleid mit Volant, ein Bruder, der schon erwachsen und dann rasend schnell immer weniger wird. Tod Nummer eins, noch vor dem Erwartbaren und so gesättigt, dass es wehtut. Nicht so lange dran aufhalten, weil die Werte, ein mal aus den Sinneszellen gelöst, sich abschwächen, je länger man sie bearbeitet. Bitte nur speichern, was brauchbar ist.
Tod Nummer zwei und keine Geburt, stattdessen ein Unfall. Körper, die gesichtslos bleiben und das grell zuckende Blaulicht einer Straßensperre, gefolgt von endlosem Grau, um Jahre vorgespult. Ischnie wirkt fast gelangweilt, wie sie auf zweiten Frühling zoomt - endlich Ressourcen, bevor noch ein dritter Tod seinen geschätzten Einzug halten wird.
Ich ginge gern auf Kindheit zurück. Es fühlt sich dann an, als müsste nie etwas aufbrechen, selbst, wenn sich das feurige Rot einer Ohrfeige auf einer erhitzten Wange im Spiegel zeigt. Ein Hund zwar nicht stirbt, aber nie wieder auftaucht, sich ein vertrautes Gesicht aus dem Auto beugt und ein dicker Zopf Weizen satten Haares im Wind gegen den metallic blauen Rahmen schlägt.
Seltsamerweise immer Verlust. Verlust in den schillerndsten Farben, ein sprichwörtliches Paradoxon, die Momente zwischen Freude und Leid, wenn etwas ist, nur damit es werden kann und am Ende davon fliegt wie ein Ballon, dessen Leine man nicht mehr zu fassen bekommt.
Yorinde hat keine Jugend gehabt. An Yorindes Unterseite bilden sich Purpurfarben. Alles, was hinter Scheiben ist, kommt einem nicht zu Nahe. Yorindes erster Kuss: den silbernen Putz einer Wand im Rücken. Ihr erstes Mal: auf staubigen Dielen im Dämmerlicht. Ihre erste  Erkenntnis, als ihr Bruder den Starken im Schwachen mimt. Yorinde bricht sich das Bein, als sie, in graue Schleier gehüllt, von einer mannshohen Mauer springt. Yorinde verschluckt sich an Rauch, als sie, von falschem Mut beseelt, eine Kanumapfeife an die Lippen setzt. Eine Reihe an gängigen Betäubungsmitteln, die die Sättigung gleichwohl herunter drehen und bis zu dem Punkt heranreichen, an dem das blaue Licht mit den Schwellwerten bricht. Referenzpunkte, Graustufen, schreiende Farben.
Menschen wie Yorinde leben auf der falschen Seite. Sie enden als blassblaue Körper, die man noch zu Lebzeiten in fremde Hände übergibt. Nichts weiter als eine Signatur, aus Verzweiflung oder Gleichgültigkeit auf einen Bildschirm gedrückt. Alle Rechte abgetreten. Wen soll es kümmern? Yorindes zweiter Frühling endet noch vor dem ersten Sonnenaufgang.
Ein Mensch, der vom Verlust erzogen wurde, kann einen Zuwachs manchmal nicht ertragen. Ich hätte mir eine Geburt gewünscht, selbst, wenn Ischnie damit gewonnen hätte. Die Identifizierung mit der Trägerfigur untergräbt die Objektivität der Arbeit. Alles gar keine Wissenschaft - wir leben und lieben und in unseren Hirnen speichert sich Erinnerung in Licht und Farbe. Wenn die Sauerstoffsättigung die Funktion unserer Körper aufrechterhält, sind die Farben, was uns symptomatisch macht. Ein ganzes Leben im Zeitraffer. Yorinde ist keine 50 geworden, vom Langlebigkeitsrisiko war sie nie betroffen. Ihre Schönheit steht irgendwann nur noch als Echo in ihren horizontblauen Augen, Spiegelblick, erkenntnisgesättigt und abgewandt, als hätte man sich endlich verstanden. Ein Leben lässt sich nicht nachträglich aufwickeln wie eine Rolle abgesprungenem Garnes. Stationen wie Sättigungsgrade, aus den Schatten einer Existenz gesehen, die nackt und gekühlt auf Karbon Faser liegt. Mensch und Material, ich wünsche mir manchmal, wir könnten mehr tun, als vorhandenen Tonwerten nachzuspüren und ihre Stufen zu korrigieren, damit man das Ausmaß erkennen kann.
Die Entdeckung der Sexualität. Mit 45 Jahren hat Yorinde, was man einen Orgasmus nennt. Vor ihren Augen zerplatzen Farben wie Feuerwerk. 45 Jahre gestundeter Zeit finden ihren Höhepunkt im Einklang mit dem, was man stets und zu oft vergeblich in seinem Gegenüber sucht, weil man es selbst schon verloren geglaubt hat. Mir kommen die Tränen. Emotionale Porosität ist kitschig und ein Grund zur vorzeitigen Kündigung. Ischnie tut unbeteiligt, aber ins Grün ihrer Lowcarbsuppe rühren sich Strudel einer Übersprunghandlung. Shot ziehen und Tonwertmessung. Ein nicht alltäglicher Fund. Ich weiß, was Ischnie jetzt denkt, wir beide fürchten den dritten Tod. Wenn du ein Leben vor dir siehst, wünschst du dir manchmal, es anzuhalten, den Moment im Ursprung bewahren zu können, ohne dass er an Farbe verliert, unhaltbare Gegenwart, 48 Jahre auf eine einzige Minute Glück reduziert. Es hat nicht sollen sein. Die abschließenden Tonwerte legen sich stets wie ein Schleier auf schon vorhandenes Material. Yorinde ist nur noch ein Körper, der seinen letzten Inhalt aushaucht. Künstlich konservierte Hirnaktivität, aus dem Hippocampus abgerufen und analog übersetzt, korrigiert und gespeichert in unzähligen Galerien. Von empirisch erbrachten Beweisen kann man erst sprechen, wenn die Ergebnisse reproduzierbar sind.
Konversation - nur um der Unterhaltung willen.
Unterhaltung - Synonym für Konservierung.
Ein Konzentrat ist zumeist eine Lösung mit vergleichbar höherem Sättigungsgrad. Ischnie erspart uns die Posterisation im Zuge des letzten Todes. Einen Klick für den Verbrennungsofen, einen für den Datensatz. Das Leben ist manchmal nicht mehr, als die Prämisse einer Erzählung. Yorinde Habersaat, tippt Ischnie in das Feld für die Klassifizierung. Die Software rechnet. Gesamtsättigungssgrad weit unter Durchschnitt, Tonwerte vergleichsweise unausgeglichen, 0,7 % ergänzende Korrekturen, diesen Moment des Feuerwerks, den lässt Ischnie mit traurigem Lächeln und für immer in den Äther fliegen.

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