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120-134


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 64
Beiträge: 166



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: 120-134 eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Sonntag, 23.4.2018, Hanau, Pflegestift Kurana, roter Trakt, Zimmer 120 bis 134, 10.54 Uhr - 10.55 Uhr.

Zimmer 120.

Tick, tack, tick, tack. Josepha Meißel blickt von der alten Standuhr hinauf an die Decke. Langsam verschwimmt dort die Vormittagssonne mit ihren eigenen Gedanken. Ein alter Lastwagen aus den Nachkriegsjahren, auf dem ihr Papa steht und ruft, stumm, sein Mund geht auf und zu. „Ja, ja, ich komme schon“, seufzt sie in den stillen Raum hinein. Nebenan schreit jemand.

Zimmer 121.
Edwin Müller schreit. Und klopft mit den Fäusten an die Wand. Er fühlt, wie seine Hose nass und klebrig wird. Von seinem Bett aufstehen kann er schon lange nicht mehr. Er sieht nur Gitterstäbe und sich in einem Gefängnis eingesperrt.

Zimmer 122.

„… dann habe ich dem Jäckel gesagt, dass er drei Rehe haben kann, dass das eine Schweinerei ist, wie das alles so gelaufen ist“, erzählt Oskar Thumeysen seinem Enkel Tobias. Oskar sitzt in einem alten Sessel, Wanderstock in der rechten Hand. Tobias weiß nicht, wer Jäckel ist, weiß nicht, dass sein Opa Rehe besitzt, nickt nur. „Und was gibt es sonst so Neues? Weißt du, wo du bist?“, fragt seine Tochter Monika, schaut dabei auf die Armbanduhr, gleich Zeit zu gehen. Oskar: „Ihr glaubt wohl, ich bin nicht ganz richtig. Hier, das Kreuz an der Wand, daheim bin ich! Da ist mein Bett, da mein Fenster, das…“
Zimmer 123.
Tränen laufen Maria Scherers Wangen hinab. Ihr tiefes Atmen wird dabei zum brodelnden Husten. Mit Sauerstoffschlauch in der Nase sitzt sie an der Bettkante. Und denkt an gestern zurück, als sie ihren siebzigsten Geburtstag allein feierte. Und ihr Michael kam nicht. Sie denkt an die Tage zurück, als Michael noch klein war. Sie schob ihn jeden Sonntag im Kinderwagen die Elbe entlang, sein Köpfchen drehte sich dabei von links nach rechts, und da war dieser weiße Schwan, der ihnen einmal bis fast nach Hause nachgelaufen ist. Maria hustet abschließend mehrmals und greift nach der Sauerstoffflasche.

Zimmer 124.

„... und ich liebe dich immer noch, weißt du das überhaupt?“ fragt Josef Kress seine Ingeborg. Er hält ihre Hand und sagt: „Einundsechzig Jahre sind wir schon verheiratet und alleine lassen werde ich dich nicht, niemals!“ Speichel läuft aus Ingeborgs linken Mundwinkel. Ihr Blick geht starr an die Decke, gelegentlich zuckt ihr rechtes Auge. Der Urinbeutel gluckert. Josef blickt die nächsten dreißig Sekunden zu Boden und ist in Gedanken versunken.
Zimmer 125.
Tick, tack, tick, tack. Wigbert Wilkens hört die Uhr sich im Kreise drehen. Und döst wieder weg. In Gedanken läuft er durch Nebel. Kurz sieht er seine Tochter, der Nebel löst sich für einen Moment auf, die grüne Aue erkennt er wieder, eine alte Blockhütte, dann: Nebel. Im Hintergrund: Tick, tack, tick, tack. Aus dem Nebel wird langsam schwarze Nacht. Wigbert bekommt Angst, macht wieder die Augen auf, blickt an die weiße Decke, an der sich tausend Insekten bewegen, hört das Tick-Tack der Uhr und döst wieder weg…
Zimmer 126.
Mehmet Fathi frisiert sich im Bad seine weißen Haare. Die durch Gicht verrenkten Finger halten den Kamm nur mit Mühe. Er betrachtet sich im Spiegel. Große braune Augen, eingefallene Wangen und Lippen, Falten. Die Zahnprothesen weichen gerade in Kukident ein. Er fängt an zu lächeln. Mehmet würde gerne wieder tanzen gehen, in Gedanken tanzt er, er tanzt mit seiner großen Liebe, auf der großen Bühne in Izmir, immer weiter, tanzen, ohne Schmerzen. Und der Posaunist, er heißt Cengiz, sein Cousin und dann…
Zimmer 127.

Ute Jestädt ist gerade gestorben. Sie ist allein. Die Sonne des Vormittags spiegelt sich in ihrem spitzen Gesicht. Sie liegt halb aufgedeckt im Bett und starrt an die Decke. Auf dem Schränkchen links vom Bett stehen Bilder ihrer Liebsten: Auf dem ersten Bild ihr Mann Bernhard, der 1978 bei einem Verkehrsunfall starb, auf dem zweiten ihre Tochter Susanne mit Schwiegersohn Michael und den fünf gemeinsamen Kindern Katharina, Milena, Ole, Fabian und Mila. Auf dem dritten Bild ihre beste Freundin Gerlinde, die jetzt leise an die Tür klopft.
Zimmer 128.

Niemand ist im Zimmer 128. Berta Schimanski ist beim Arzt. Ein ordentliches Zimmer, kein Gitterbett, ein Laptop und viele Bücher. Ihr Telefon klingelt. Die Nummer ist von Rosa. Es klingelt dreißig Sekunden, bis der Anrufbeantworter angeht. Blickt man durch das Fenster, sieht man eine stark befahrene Straße. Ein LKW hupt, der Fahrer gestikuliert wild im Fahrerhaus. In der Bäckerei trinken Menschen Kaffee. Eine alte Dame mit Rollator läuft langsam die Straße entlang. 

Zimmer 129.

Marzena Pujona atmet schwer. Ihr offener Rücken schmerzt sehr stark. Pflegerin Editha trägt Salbe auf, blickt dabei auf den Beckenknochen. „Sie gehen morgen ins Krankenhaus“, sagt sie. „Ich sterbe“, antwortet Marzena. „Nein, nein, aber sie quälen sich“, entgegnet Editha. Langsam schiebt Editha das Nachthemd über den fleischigen Rücken. „Ich will sterben!“, schreit Marzena.

Zimmer 130.

Verlassenes Zimmer. Bis vorgestern lag hier Winfried Wedelmann. Der Geruch von Irisch Moos liegt noch in der Luft. 

Zimmer 131.

Im kleinsten Zimmer sitzt Anita Schmidt, eine Bewohnerin mit Down-Syndrom, im Rollstuhl, ein Donald-Duck-Kuscheltier im Schoß. Sie verkrampft auf dem Rollstuhl und umfasst die Armlehnen fest, stemmt sich mit aller Kraft hoch, Donald fällt zu Boden. Anita steht nun und tippelt langsam durch den Raum Richtung Tür. „Hunger, Hunger…“, kommt aus ihr hervor. Sie macht die Tür vorsichtig auf und schaut den Gang hinunter, eine ältere Dame klopft derweil an die 127.
Zimmer 132.

Gregor Faber ist nicht da. Vorhin hatte ihn sein Sohn Jonas abgeholt, um ihn zu einer Familienfeier zu bringen.

Zimmer 133.

Adelheid Herg wischt das verschüttete Wasser mit den Ärmeln ihres Blazers auf. Sie sitzt am kleinen Tisch des Raumes und blickt auf ihre zitternden Hände und dann auf das Glas mit dem stillem Wasser. Sie greift nach dem Glas und stabilisiert es mit der anderen Hand zusätzlich. Das Wasser im Glas bewegt sich leicht nach links und rechts. Sie führt das Glas vorsichtig an die Lippen, ihre stechgrünen Augen wirken angestrengt, und schluckt hastig, nach vier Schlücken ist das Glas leer. Sie versucht das Glas wieder auf den Tisch zu stellen; es fällt ihr aber zitternd aus der Hand und zerspringt auf dem PVC-Boden.
Zimmer 134.

Hartmut Belz sitzt auf dem Stuhl und wippt leicht mit seinem Oberkörper nach vorne und zurück. Sein Blick geht ins Leere, irgendwo zwischen Tür und Kommode. Er wippt leicht vor und zurück. In Gedanken sieht er eine Katze auf einem Kaminsims, die ihn angrinst. Und einen Moment später ist es ein Elefant, der mit seinem Rüssel wippt. Und dann ist es einfach dunkel. „Herr Belz, wollen Sie etwas zu trinken?“, fragt die Pflegerin Dorothea. Hartmut hebt seinen Blick und sieht ein Frauengesicht, welches verschwimmt und undeutlich wird, Hartmut taucht und taucht und wippt. 


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