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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Dem Himmel so nah: Spirituelles im Leistungskurs Deutsch


 

 
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Willi Wamser
Schreiberassi


Beiträge: 47



BeitragVerfasst am: 04.01.2019 14:08    Titel: Dem Himmel so nah: Spirituelles im Leistungskurs Deutsch eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Gott und der Teufel schauten wieder einmal auf die Erde,
als Gott den Teufel plötzlich anstieß und, auf einen jungen Mann deutend, sagte:
„Jetzt schau dir mal diese Ratte da an!“
Robert Gernhardt: Das Buch Ewald.


Dem Himmel so nah: Spirituelles im Leistungskurs Deutsch




Gott und Teufel sowie der schwäbische Dichter Friedrich Schiller hatten wieder einmal mehrere Flaschen roten und weißen Weines getrunken und starrten auf die Erde, als Gott den Teufel anstieß und – auf einen Mann namens W. deutend – sagte: „Jetzt schau dir mal diesen Dödel mit seinem weiß lackierten Türblatt auf den zwei Trägerböcken an!“
 „Dödel? Nu na na ...“, antwortete der Teufel leise korrigierend. Leise, da er des Herren Zorn nicht durch direkten Widerspruch entfachen wollte. Korrigierend, da er den  älteren  Mann da unten kannte, einen Pädagogen, der sich selbst als begnadet ansah und es wohl auch war, ihn für geistig einigermaßen beweglich, wenn auch für etwas verschroben hielt.
Und das alles nicht zu Unrecht, da sich W. mit anspruchsvoller, leicht verstiegen wirkender  Lektüre abgab, die man Schülern kaum zumuten, aber doch mit Geist und einigem Einsatz von Energie zu vermitteln vermochte. Und immer wieder befasste sich dieser W. auch mit  Entlegenem. So auch jetzt gerade: Das Alte Testament, das Buch der  Weisheit, war aufgeschlagen. Und W. sann über  die Stelle 2,1ff nach:  „... gewesen. Der Atem in unserer Nase ist Rauch, und das Denken ist ein Funke, der vom Schlag des Herzens entfacht wird;  verlöscht er, dann zerfällt der Leib zu Asche, und der Geist verweht wie dünne Luft. ...  Auf, lasst uns die Güter des Lebens genießen und die Schöpfung auskosten, wie es uns  zusteht.  Erlesener Wein und Salböl sollen uns reichlich fließen, keine Blume des Frühlings darf uns entgehen.  Bekränzen wir uns mit Rosen, ehe sie verwelken;  keine Wiese bleibe unberührt von unseren ausgelassenen Spielen. Überall wollen wir Zeichen der Fröhlichkeit zurücklassen; das ist unser Anteil, das fällt uns zu  ...“
„Überall wollen wir Zeichen der Fröhlichkeit zurücklassen; das ist unser Anteil, das fällt uns zu  ...“, murmelte  W. und fand dann in seinem Bewusstsein  gewisse Erinnerungsspuren und Vernetzungen. Bert Brechts „Hauspostille“, speziell das „Lied vom Rauch“,   es  bezog sich doch auf diese Stelle des Alten Testamentes? Und hatte Schiller, dessen Maria Stuart und dessen ästhetisch-poetologische Theorie im LK zu behandeln war, nicht eine interessante Spieltheorie aufgestellt? W. entnahm seinem Karteikasten eine Karte zu Schillers Schrift „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ und prüfte deren Inhalt:
Von 1793 bis 1795 schrieb Friedrich Schiller seine Briefe  "Über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Kunst ist die Ausformung des Spieltriebs, ein probierendes Handeln, das zu voller Humanität führt: „....  um es endlich einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt ...“
Schiller sah das mit einem gewissen Entzücken und begann zu schwäbeln: „Ganz gwiess isch des koi Dödel neta“, verstummte dann aber, da nun alles danach aussah, als ob sich hier gleich jemand daran machen würde, seine – Schillers – Spieltheorie,   planvoll in die Praxis umzusetzen, in die Schulpraxis jedenfalls.  Es wurde interessant. Man würde, man musste diese sich anbahnende Entwicklung beobachten, unbedingt. Und Gott der Herr schmunzelte, denn ihm machte es Spaß zu spielen und er wollte seinen Knecht W.  in diesem Sinne inspirieren. Und hatte er nicht auch Schillern seinerzeit die Spieltheorie eingegeben?
 Und so kam es, dass der Lehrer, der gerade über den Lexemen „Spiele“, „erlesener Wein“ und „Salböl“ brütete, zuerst  von ferne,  dann aus unmittelbarer Nähe  die Stimme des Herrn vernahm,  im Stil und Rhythmus der Sprüche der Weisheit, vorerst noch leise. Versonnen strich sich der Pädagoge über seinen  schütteren Schädel, setzte sich in seinem riesigen Arbeitszimmer an den dritten seiner drei Schreibtische – ein weiß lackiertes Türblatt, auf zwei Böcke gelegt – das war  ihm Weltbühne und Einfallspforte für Inspiration;  – und  der Herr  redete da zu ihm.
Andächtig und freudig zugleich begann unser Pädagoge  schwungvoll des Herren Worte – gedankliche Blitze, Gesetze,  Regeln – schriftlich zu fixieren. Wie leicht glitt da die inspirierte  Feder übers Blatt! Und siehe – zweiundzwanzig Sprüche der Weisheit lagen nach einiger Zeit vor ihm frisch  auf dem Tisch.
 Oben im Himmel lehnte sich der Herr zufrieden zurück: „Na, der Text steht.  Jawoll. Ist ein guter Text mit zweiundzwanzig Regeln. Da steckt viel drin, Friedrich! Du auch ein bisschen, mit deiner großen Spieltheorie, guck mal, sogar dein Hinweis auf mich in deinem  „Kabale und Liebe“, ich sei der „Vater der Liebenden“, findet sich  in der Regel 17. Wirst es sehen, das grätscht rein in den Schultrott. Wirst es sehen, Mittwoch 2. und 3. Stunde, Leistungskurs Deutsch, Zimmer 120, erster Beleg, wie das wirkt.“  “Ich weiss net“,  meinte Mephisto vorsichtig, „ob des wirklich reingrätscht.“
*

Am Mittwoch um 8.45 begann im LK Deutsch traditionsgemäß die Doppelstunde.  Gott, Mephisto und Schiller saßen beisammen  und freuten sich des Anblicks da unten:  Heute gab es neun  – Daniel fehlte nämlich –proppere, wissensdurstige  Kollegiaten zu sehen, zu hören war die Kaffeemaschine, sie  schnurrte und gluckste behaglich, in Gang gesetzt von Martina und Andrea. Andrea wusste noch nicht recht, was sie studieren wollte. Und Martina dachte  mit einem gewissen Grauen an die zwei Wochen, welche W. dem Motiv des Chinesen in Fontanes Roman „Effi Briest“ gewidmet hatte, bis man sich endlich vor drei Tagen an den Durchzieher „Lyrik und Literaturgeschichte“ machte, zwar ein recht  trockenes Feld, aber eben immer noch besser als diese chinesenhaltige  Wüste in Kessin. Doch jetzt war Kaffeepause, anheimelnd und vertraut das alles. Der Overheadprojektor, er bekam seine Folie, wurde angeschaltet, das entsprechende Blatt ausgeteilt, alles noch geläufige Routine. Die Kollegiaten setzten die Tassen ab, hielten ihre spitzen Bleistifte für die Textarbeit bereit und  Regina trieb in  ihrem japanisch-deutschen rot-schwarzen Druckbleistift, der  ihr über das Abitur hinaus gute Dienste leisten sollte, die Mine um einen Millimeter nach vorne ....  
Aber im hellen Licht des Projektors sah man nicht  wie noch am Dienstag den gewohnten lyrischen Text mit Zeilenzählung im Fünfer-Intervall, sondern zweiundzwanzig durchnummerierte  optisch-graphische Sinnabschnitte, und  in die Stille hinein  bat  Herr W. die Kollegiatin Martina,  den Text vorzulesen. Folgendes war nun zu hören, das wir nur in Ausschnitten wiedergeben wollen, um den geneigten Leser nicht zu ermüden und geneigt zu halten.
Zweiundzwanzig Regeln  für ein glückliches Leben in der Schulfamilie
1. Tja, ich bin, der ich bin, dein HErr. Du aber höre, denn du bist mein Knecht.….
7. Signalisiere, dass eine Konversation  ausgeklungen ist, indem du die Hände  über die  Ohren legst und die    Augen  schließest.……
17. Du sollst  die Mitkollegiaten und die Lehrer fragen, welchen Geschlechtes sie seien und sie zur Liebe ermahnen. Denn ist nicht Gott der  Vater der Liebenden? So sagt  Luise Millerin im ersten Akt von Schillers „Kabale und Liebe“.  ....
22. Kopiere diese Regeln im ersten Stock des Paul Klee Gymnasiums für deine Mitkollegiaten und die Schüler der Oberstufe, lege sie in den entsprechenden Klassenzimmern aus.

*

Der Lehrer atmete tief aus – desgleichen tat auch Gott im Himmel – und blickte freudig in die Runde, auf erste positive  Rückmeldungen wartend. „Tja“, sagte Martina, „scho luschtig! Und die zwei Großbuchstaben beim Lexem ´HErr´ in Regel 1, die sind wohl Absicht, drücken vermutlich aus, dass hier eine Autorität spricht.“  Gott im Himmel nickte wohlgefällig.
„Gott im Himmel! Zehn Zentimeter und ein neues  Blatt mit den 22 Regeln dazu“,  seufzte Andrea  und blickte  auf das Papier vor sich, im Geiste den Stapel selbstgefertigter (vom Lehrer selbst gefertigter) und gelochter  früherer Arbeitsblätter vermessend. Diese wiesen zwar inhaltlich eine gewisse Systematik auf, doch war diese nicht imstande, das Gesetz des Zufalls zu brechen, von dem sich etwa die Kollegiatin Elisabeth leiten ließ, soweit sie die Kopien in ihrer Klemm-Mappe zu verwahren suchte.  Eine Quelle des Frustes für unseren Pädagogen, deren Sprudeln er seit einiger Zeit erfolgreich zu überhören wusste. Gott harrte weiterer Wortmeldungen oder stiller Gedanken.
“Warum des jetzt noch kopieren?“, sagte Anita, wobei sie mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf die  Regel 22  zeigte und mit dem  Handballen der linken gespreizten Hand zweimal auf das vor ihr liegende Blatt klopfte. „Außerdem geht der Kopierer im ersten Stock net. Der Stefan hat ihn ruiniert mit seinen Liedtexten für die Mulis.“ Des Pädagogen Mundwinkel zuckten, doch hielt er sich zurück, Gott ebenfalls.
 Stefan wandte das Gesicht von der Sprecherin ab, er suchte instinktiv Blickkontakt zu Daniel, weil der sich immer wieder über die Weiber in diesem Kurs echauffierte und sich darin mit Stefan traf, aber Daniel fehlte, wie schon erwähnt, heute gänzlich. Er saß, wie Gott mit einem schnellen Blick sah, über seiner kreativ orientierten Facharbeit, einer Kriminalstückparodie, und  musterte mit  Inspektor Murphy und seinem  Assistent Greenear   Die Leiche im Dom. Später wollte   er  seine Rolle im Schulmusical  als Seymour im  „Kleinen Horrorladen“ memorieren.  Kurzum:   Es fehlte für Stefan der geeignete Gesprächspartner und Blickewerfer stillen Einvernehmens und so sagte er gar nichts.
Barbara schwieg ebenfalls,  hielt aber ausdrucksvoll den klugen Kopf um 15 Grad geneigt wie ein edler Sittich. Regina sagte nichts und malte mit ihrem spitzen, rot-schwarzen Druckbleistift japanisch-deutscher Herkunft aenigmatische Zeichen auf ihr Papier.  Sie überdachte wohl die Absurdität von  Ionescos Unterrichtsfarce in  Frau H.s  (Französisch, Deutsch) Inszenierung, wo Regina in der Schülerin-Rolle die blonden Zöpfe einer Perücke schüttelte. Auch ringelte  sie ein Agens-Sem-haltiges Lexem in Regel  1 ein. Eher beiläufig. Das da vor ihr, das war nix.
Die vor Regina sitzende Elisabeth sagte auch nichts, immerhin aber spitzte sie die Lippen und blies auf ihr Handgelenk. Dann gähnte sie, wobei sie die Hand mit leichter Verzögerung vor den Mund hielt. Sie hatte ein seltsames Thema gewählt für ihre Facharbeit: „Stilkritik im Zeitalter des Internets“. Einen wortgewaltigen Schreiber und seine Kommentare hatte ihr W. nahegelegt zu lesen und zu analysieren: …. das Collagieren von Sinneseindrücken Dritter, das Nachsummen längst Vergess'nens und das Hervorkramen von Schnipseln bibliophiler Vergangenheiten, das dröge Bröseln altbackener Mümmelprosa sind nur sehr schwer mit dem Personal Standing eines Autors so in Einklang zu bringen, dass ein Publikum in Ekstase fällt, zu tanzen beginnt und Reiskörner durch den Saal wirft...
Stumm saß Bettina da und sann über  zwei Bekanntschaftsanzeigen nach, die in ihrer Facharbeit „Kontaktsuche im Zeitalter der Medien“  keinen Platz gefunden hatten.  Sehr poetisch die  erste  Annonce: mirabellen konserviert im glas, jedoch / noch eigens mit dem stein versehen, von dem / die zunge zögerlich den dünnen fetzen // fruchtfleisch löstSehr viel aggressiver in Sprache und härter  in der  Fügung die zweite Annonce:O Liebe! Tritt mir doch die Türe ein, /schlag zu und lass den Himmel rein. Beide Liebesrufe hatten schon  ganz schön Drive. Ganz anders als diese spillerigen zweiundzwanzig Regeln.
In der ersten Reihe saß Sabine und sagte nichts, denn es galt einem  Gähnreiz Genüge zu tun, den Elisabeths Gähnen ausgelöst hatte. Dann wurde Sabine zusätzlich  von einem  Keckerreiz  gepackt, als sie ihr entspannter Gaumen unwillkürlich daran erinnerte,  wie sie im Kurse auf Zuruf dreimal Verse laut zu lesen versuchte, aber  bei  Jambus, Trochäus und spondeusnahen Passagen (Hebungsprall) dermaßen stolperte – Dumpa Dumpa Dump Dump – , dass  die  Mitkollegiaten fast von den Stühlen kippten und winselnd auf dem Boden keuchten (Konjunktiv II); – „Ach du große  Schei ...“   hatte sie damals fazitartig gerufen. Jetzt aber wollte keine rechte Stimmung aufkommen , Indifferenz – es war nicht zu leugnen – hatte sich ausgebreitet im Raume 120 und  war selbst im Himmel zu  bemerken.
*

Auch Gott spürte die flaue Stimmung und wollte schon laut werden:  Keine Vibrationen bei diesen  räudigen  Rezipienten, so dachte er. Bodenschwere Hohlköppe, die nicht huppen wollten oder konnten oder beides.  Irgendwie ohne Pepp, so gar nicht nach seinem Bilde. Ließen seinen Text einfach  abtroppen. Man sollte ihnen die Schuhe aufblasen, anpicksen und  sie dann zur Hölle schicken. Aber bevor er laut werden konnte, nahm der  Teufel geschmeidig-flapsig das Wort, weil er so den Unmut seines Gegenübers zu dämpfen können glaubte  „Na, Cheffe, so schlimm ist es  nicht. Oder? Was sollten sie denn schon anderes sagen oder machen, die acht Damen und der junge,  knorrig-grätige Mann mit den Rasta-Locken? Sie sind es gewöhnt zu analysieren. Und Botschaften gleich umzusetzen, das geht  nicht bei Heranwachsenden. Und auch deine Propheten waren nicht von Anfang an begeistert, wenn sie deine Aufträge vernahmen. Denk nur an Jonas, der in Ninive predigen sollte.“  Da Gott nur unwillig brummte und „Rasta-Locken“ zu „Dread-Locks“ korrigierte,  sagte Mephisto nichts mehr weiter, sondern schaute auf  Schillern, dessen Urteil und diplomatische Art er  zu schätzen gelernt hatte. Auch  Gott lauschte, was Schiller sagen würde,  was man allerdings nur bei sehr genauem Hinsehen merkte, da  er uninteressiert tat und seine Fingernägel betrachtete. Genauer und ohne Umschweife gesagt:  Gott  wollte Lob für seinen  Text und Tadel für dessen  Rezipienten.
 „Irgendetwas wurde da missverstanden, oh Herr “, sagte Schiller leise in Richtung Erde und mittels  Passiv-Formulierung das Agens-Subjekt aussparend. Und der Herr lächelte, als er dies vernahm, da er in diesen Sätzen Kritisches über die Rezipienten heraushörte. Schiller wurde etwas lauter: „Fehldeutungen zuhauf,  Fehldeutungen hinsichtlich der  ästhetischen Erziehung und der These, dass der Mensch nur da  ganz Mensch sei, wo er spiele. Irgendwie ist dieser Text  nämlich nicht durchdacht, er ist halbgar, schwankend zwischen Ironie und Pathos, Ernst und Scherz, Rotwein und Weißwein, nur  partiell, sehr partiell  Interesse und  Wohlgefallen hervorrufend .........“
Dann verkniff sich  Schiller  jedes weitere Wort und kehrte den Blick von der Erde, ihren Geschöpfen und weg von deren Schöpfer,  weg  in die Weite des Kosmos. Gott  aber dachte darüber  nach, was mit  „Agens“  und „Agenssubjekt“ gemeint sein könnte. Und: Ob die Passagen in diesem Buch der Weisheit da vielleicht verkehrte Gedanken enthielten?

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wunderkerze
Schreiberassi


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BeitragVerfasst am: 12.01.2019 17:18    Titel: antwort Antworten mit Zitat

Hallo und Gott zum Gruße, lieber Willi,
  zunächst danke, dass du den Lehrer nicht zur Karrikatur verzeichnet hast. Dann hätte ich nicht zuende gelesen.
 Da hast du aber ordentlich in die Wundertüte der dt.Literatur gergriffen! Bisschen weniger hätte nichts geschadet, denn in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister! Schiller allein reicht doch schon. Außerdem: Warum kann man Schülern eines Lk Deutsch keinen anspruchsvollen Text zumuten? Es sind doch nicht alle Schüler Dödel. Und wer ist 'man'? W.? Aber der kann´s doch anscheinend. Dieser Aspekt hätte es verdient, auf Kosten z. B. der Kaffeemaschine weiter ausgearbeitet zu werden.
   Bei allem Respekt, lieber Willi, nimm es mir nicht übel: Dies ist ein Text, aber keine Satire. Ich hab´mich, als ich mich durch deine Sätze wühlte - von denen einige allerdings durchaus erfrischend sind - gefragt: warum erzählt er das? Wo sind da Ironie und tiefere Bedeutung? Warum soll ich wissen, dass Regina mit einem rot-schwarzen Bleistift spielt, wo ich doch lieber erfahren hätte, dass sie heute wieder schwarz beledert und bestrumpft wie eine Domina dasitzt und Holger auch nicht an einen kruden Text, sondern an den nächsten One Night Stand denkt. Kurz: dem ganzen fehlt der ultimative Kick und die Personen bleiben blass. Obwohl viel Schiller drinsteckt, schillert nach außen nichts, außerdem zerfranst die Erzählung.
   Das im Himmel: nicht neu, aber man liest es immer wieder gerne. Mein Vorschlag: du dampfst den Text gehörig ein und kochst aus dem Sud einen neuen. Weniger literaturlastig, dafür mit mehr Humor. Der Rohdiamant ist da, er muss nur noch geschliffen werde. Es liegt an dir, daraus einen Edelstein zu machen.

  Liebe Grüße!
  Wunderkerze


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Willi Wamser
Schreiberassi


Beiträge: 47



BeitragVerfasst am: 20.01.2019 17:35    Titel: Dem Himmel fett nah: Gottes Spiel im Leistungskurs Deutsch. pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Himmel so nah: Spirituelles im Leistungskurs Deutsch
Kurzgeschichte




Gott und der Teufel schauten wieder einmal auf die Erde,
als Gott den Teufel plötzlich anstieß
und, auf einen jungen Mann deutend,
sagte: „Jetzt schau dir mal diese Ratte da an!“
Robert Gernhardt: Das Buch Ewald.

Wir kennen den oft überfrachteten narrativen Habitus
des Erzählers bei Thomas Mann,
die scheinbar beiläufig ausgestellte gelehrte Quellenkenntnis,
den archaisierenden Sprach-Sound, nicht selten mit deutlichem ironischen Unterton.
Und die daraus resultierende Freude beim Lesen.
Der Autor schafft eine Art von "pseudowissenschaftlich-humoristischer Fundamentlegung",
lässt seinen Erzähler in die Rolle des Forschers schlüpfen und eine Zeitreise unternehmen.
Warum  also nicht einen Mönch wie Adson von Melk als Erzähler installieren, der seine Feder oder Kiel oder seinen Pinsel im 14. Jahrhundert über das Pergament führt?

Und warum nicht einen Erzähler, der eine Wunderkerze entzündet
und Gottes Einwirken in (s)einem pädagogischen Raum präsentiert?
Und sich dabei eines Stilus bedient, der antiquarisch anmutend
dem Sprachspielen zugewandten, geneigten Leser Vergnügen bereiten kann?
Jenseits (sic!) eher grobschlächtiger Effekte wie Dominatrix-Gepimpe und One-Night-Stand-Gekrause.
Umberto Eco

Auf meinem Schreibtisch steht ´ne Lampe, die hat  ´nen schweren Marmorfuß.
Willibald W.


Gott und Teufel sowie der schwäbische Dichter Friedrich Schiller hatten wieder einmal  mehrere Flaschen roten und weißen Weines getrunken und blickten auf die Erde hinab, als Gott den Teufel anstieß und – auf einen Mann namens W. deutend –  sagte: „Jetzt schau dir mal diesen Dödel mit seinem weiß lackierten Türblatt auf den zwei Trägerböcken  an!“
 „Dödel? Nu,  na na ...“, antwortete Mephisto leise korrigierend. Leise, da er des Herren Zorn nicht durch direkten Widerspruch entfachen wollte. Korrigierend, da er den  älteren  Mann da unten kannte, einen Pädagogen, der sich selbst als begnadet ansah und es wohl auch war, der Teufel hielt ihn für geistig einigermaßen beweglich, wenn auch für etwas verschroben.
Und das alles nicht zu Unrecht, da sich W. mit anspruchsvoller, leicht verstiegen wirkender  Lektüre abgab, die man Schülern kaum zumuten, aber doch mit Geist und einigem Einsatz von Energie vermitteln kann, naja, konnte. Und immer wieder suchte W. auch Entlegenes. So auch jetzt: Das Alte Testament, das Buch der  Weisheit, war aufgeschlagen. Und W. sann über  die Stelle 2,1ff nach.  „... gewesen. Der Atem in unserer Nase ist Rauch, und das Denken ist ein Funke, der vom Schlag des Herzens entfacht wird;  verlöscht er, dann zerfällt der Leib zu Asche, und der Geist verweht wie dünne Luft. ...  Auf, lasst uns die Güter des Lebens genießen und die Schöpfung auskosten, wie es uns  zusteht.  Erlesener Wein und Salböl sollen uns reichlich fließen, keine Blume des Frühlings darf uns entgehen.  Bekränzen wir uns mit Rosen, ehe sie verwelken;  keine Wiese bleibe unberührt von unseren ausgelassenen Spielen. Überall wollen wir Zeichen der Fröhlichkeit zurücklassen; das ist unser Anteil, das fällt uns zu  ...“
„Überall wollen wir Zeichen der Fröhlichkeit zurücklassen; das ist unser Anteil, das fällt uns zu  ...“, murmelte  W. und fand dann in seinem Bewusstsein  gewisse Erinnerungsspuren und Vernetzungen. Bert Brechts „Hauspostille“, speziell das „Lied vom Rauch“,   es  bezog sich doch auf diese Stelle des Alten Testamentes? Und hatte Schiller, dessen Maria Stuart und dessen ästhetisch-poetologische Theorie im Leistungskurs Deutsch zu behandeln waren, hatte Schiller nicht eine interessante Spieltheorie aufgestellt? W. entnahm seinem Karteikasten eine Karte zu Schillers Schrift „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ und prüfte deren Inhalt:
Von 1793 bis 1795 schrieb Friedrich Schiller seine Briefe  "Über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Kunst ist die Ausformung des Spieltriebs, ein probierendes Handeln, das zu voller Humanität führt: „....  um es endlich einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt ...“
Schiller sah das mit einem gewissen Entzücken und begann zu schwäbeln: „Ganz gwiess isch des koi Dödel neta“, verstummte dann aber, da nun alles danach aussah, als ob sich hier gleich jemand daran machen würde, seine – Schillers – Spieltheorie,   planvoll in die Praxis umzusetzen, in die Schulpraxis jedenfalls.  Es wurde interessant. Man würde, man musste diese sich anbahnende Entwicklung beobachten, unbedingt. Und Gott der Herr schmunzelte, denn ihm machte es Spaß, in Menschengeschöpfen, „seinem Ebenbilde“,  zu agieren und er wollte seinen Knecht W.  in diesem Sinne bespielen und inspirieren. Und hatte er nicht auch Schillern seinerzeit seine (sic!) Spieltheorie eingegeben?
Und so kam es, dass der Lehrer, der gerade über den Lexemen „Spiele“, „erlesener Wein“ und „Salböl“ brütete, zuerst  von ferne,  dann aus unmittelbarer Nähe  die Stimme des Herrn, vorerst noch leise, vernahm. Versonnen strich sich der Pädagoge über seinen  schütteren Schädel, setzte sich in seinem riesigen Arbeitszimmer an den dritten seiner drei Schreibtische – ein weiß lackiertes Türblatt, auf zwei Böcke gelegt, das war  ihm Weltbühne und Einfallspforte für Inspiration – und  da redete der Herr  zu ihm deutlich und sprach.
Andächtig und freudig zugleich begann unser Pädagoge  schwungvoll des Herren Worte – gedankliche Blitze, Gesetze,  Regeln – schriftlich zu fixieren. Wie leicht glitt da die inspirierte  Feder übers Blatt! Und siehe – zweiundzwanzig Sprüche der Weisheit lagen nach einiger Zeit vor ihm frisch  auf dem Tisch.
 Oben im Himmel lehnte sich der Herr zufrieden zurück: „Na, der Text steht.  Jawoll. Ist ein guter Text mit zweiundzwanzig Regeln. Da steckt viel drin, Friedrich! Du auch ein bisschen, mit deiner großen Spieltheorie, guck mal, sogar dein Hinweis auf mich in deinem  bürgerlichen Trauerspiel „Kabale und Liebe“, ich sei der „Vater der Liebenden“,  das findet sich  in der Regel 17. Wirst es sehen, das grätscht rein in den Schultrott. Wirst es sehen, Mittwoch 2. und 3. Stunde, LK Deutsch, Zimmer 120, erster Beleg, wie das wirkt.“  “Ich weiss net“,  meinte Mephisto vorsichtig, „ob des wirklich reingrätscht.“

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Am Mittwoch um 8.45 begann im LK Deutsch traditionsgemäß die Doppelstunde mit einer Tasse Kaffee.  Gott, Mephisto und Schiller saßen beisammen  und freuten sich des Anblicks da unten:  Heute gab es neun  – Daniel fehlte nämlich – proppere, wissensdurstige  Kollegiaten zu sehen, zu hören war die Kaffeemaschine, sie  schnurrte und gluckste behaglich, in Gang gesetzt von Martina und Andrea.
Andrea wusste noch nicht recht, was sie studieren sollte. Und Martina dachte  mit einem gewissen Grauen an die zwei Wochen, welche Lehrer W. dem Motiv des Chinesen in Fontanes Roman „Effi Briest“ gewidmet hatte, bis man sich endlich vor drei Tagen an den Durchzieher „Lyrik und Literaturgeschichte“ machte, zwar ein recht  trockenes Feld, aber eben immer noch besser als diese chinesenhaltige  Wüste in Kessin. Und kurz vor dem Abitur brachte das Sicherheit. Doch jetzt war Kaffee angesagt, anheimelnd und vertraut das alles. Die Kollegiaten schlürften, während W. tätig war: Der Overheadprojektor, er bekam seine Folie, wurde angeschaltet, das entsprechende Blatt ausgeteilt, alles noch geläufige Routine (1). Die Kollegiaten setzten die Tassen ab, hielten ihre spitzen Bleistifte für die Textarbeit bereit und  Regina trieb in  ihrem japanisch-deutschen rot-schwarzen Druckbleistift, der  ihr über das Abitur hinaus gute Dienste leisten sollte, die Mine um einen Millimeter nach vorne.  
Aber im hellen Licht des Projektors erschienen nicht  wie noch am Dienstag die lyrischen Texte mit Zeilenzählung im Fünfer-Intervall, sondern zweiundzwanzig durchnummerierte  optisch-graphische Sinnabschnitte, und  in die Stille hinein  bat  Herr W. die Kollegiatin Martina,  den Text vorzulesen. Folgendes war nun zu hören, das wir nur in Ausschnitten wiedergeben wollen, um den geneigten Leser nicht zu ermüden und und keine Anflüge von Übellaunigkeit aufkommen zu lassen.

Zweiundzwanzig Regeln für ein glückliches Leben in der Schulfamilie
1. Tja, ich bin, der ich bin, dein HErr. Du aber höre, denn du bist mein Knecht.….
7. Signalisiere, dass eine Konversation  ausgeklungen ist, indem du die Hände  über die  Ohren legst und die         Augen  schließest.……
17. Du sollst  die Mitkollegiaten und die Lehrer fragen, welchen Geschlechtes sie seien und sie zur Menschen-Liebe ermahnen. Denn ist nicht Gott der  Vater der Liebenden? So sagt  Luise Millerin im ersten Akt von Schillers „Kabale und Liebe“.....
22. Kopiere diese Regeln im ersten Stock des PKG für deine Mitkollegiaten und die Schüler der Oberstufe, lege sie in den entsprechenden Klassenzimmern aus.


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Der Lehrer atmete tief aus und ein – desgleichen tat auch Gott im Himmel – und blickte freudig in die Runde, auf erste positive  Rückmeldungen wartend. „Tja“, sagte Martina, „scho luschtig! Und die zwei Großbuchstaben beim Lexem ´HErr´ in Regel 1, die sind wohl Absicht, drücken vermutlich aus, dass hier eine Autorität spricht.“  Gott im Himmel nickte wohlgefällig.
„O, Gott! Gott im Himmel! Zehn Zentimeter und ein neues  Blatt mit den 22 Regeln dazu“,  seufzte Andrea  und blickte  auf das Papier vor sich, im Geiste den Stapel selbstgefertigter (vom Lehrer W. selbst gefertigter) und gelochter  früherer Arbeitsblätter vermessend. Diese wiesen zwar im Blattkopf eine fortlaufende Systematik zur Einordnung auf, doch war diese nicht imstande, das Gesetz des Zufalls zu brechen, von dem sich etwa die Kollegiatin Elisabeth leiten ließ, soweit sie die Kopien in ihrer Klemm-Mappe zu verwahren suchte.  Eine Quelle des Frustes für unseren Pädagogen, deren Sprudeln er seit einiger Zeit erfolgreich zu überhören wusste, zumal Elisabeth meistens das Blatt ihrer Nachbarin mit betrachtete und so den Betrieb nicht unnötig aufhielt, was ihr früher einige Ermahnungen eingetragen hatte, die sie freundlich lächelnd aufzunehmen wusste, während sie ihre Klemmmappe entsicherte und bei gemächlicher Suche mindestens  ein halbes Dutzend vor sich auf dem Tisch ausbreitete.
Gott indessen harrte weiterer Wortmeldungen oder stiller Gedankenrede.
“Warum des jetzt noch kopieren? Das ist nicht gut für die Umwelt“, sagte Anita, wobei sie mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf die  Regel 22  zeigte und mit dem  Handballen der linken gespreizten Hand zweimal auf das vor ihr liegende Blatt klopfte. „Außerdem geht der Kopierer im ersten Stock net. Der Stefan hat ihn ruiniert mit seinen Liedtexten für die Mulis.“ Des Pädagogen Mundwinkel zuckten, doch hielt er sich zurück, Gott ebenfalls.
 Stefan wandte das Gesicht von der Sprecherin ab, er suchte instinktiv Blickkontakt zu Daniel, weil der sich immer wieder über diese Weiber im Kurs echauffierte und sich darin mit Stefan traf. Aber Daniel fehlte, wie schon erwähnt, heute gänzlich. Daniel saß, wie Gott mit einem schnellen Blick erfasste, über seiner kreativ orientierten Facharbeit, einer Kriminalstückparodie, und  musterte mit  Inspektor Murphy und seinem  Assistent Greenear   Die Leiche im Dom. Später wollte   er dann noch seine Rolle im Schulmusical  als Seymour im  „Kleinen Horrorladen“ memorieren.  Kurzum:   Es fehlte für Stefan der geeignete Gesprächspartner und Blickewerfer voll stillem Einvernehmen und so sagte er gar nichts.
Barbara schwieg ebenfalls,  hielt aber ausdrucksvoll den klugen Kopf um 15 Grad geneigt wie ein edler Sittich. Regina sagte nichts und malte mit ihrem spitzen, rot-schwarzen Druckbleistift japanisch-deutscher Herkunft aenigmatische Zeichen auf ihr Papier.  Sie überdachte wohl die Absurdität von  Ionescos Unterrichtsfarce La Leçon in  Frau H.s  (Französisch, Deutsch) Inszenierung, wo Regina in der Schülerin-Rolle die blonden Zöpfe einer Perücke schüttelte. Auch ringelte  sie ein agenssemhaltiges Lexem in Regel  1 ein. Eher beiläufig. Das da vor ihr, das war nix.

Die vor Regina sitzende Elisabeth sagte auch nichts, immerhin aber spitzte sie die Lippen und blies auf ihr Handgelenk. Dann gähnte sie, wobei sie die Hand mit leichter Verzögerung vor den Mund hielt. Sie hatte ein seltsames Thema gewählt für ihre Facharbeit: „Stilkritik im Zeitalter des Internets“. Einen wortgewaltigen Blogger-Schreiber und seine Kommentare hatte ihr W. nahegelegt zu lesen und zu analysieren: …. das Collagieren von Sinneseindrücken Dritter, das Nachsummen längst Vergess'nens und das Hevorkramen von Schnipseln bibliophiler Vergangenheiten, das dröge Zerbröseln altbackener Mümmelprosa sind nur sehr schwer mit dem Personal Standing eines Autors so in Einklang zu bringen, dass ein Publikum in Ekstase fällt, zu tanzen beginnt und Reiskörner durch den Saal wirft...
Stumm saß Bettina da und sann über  zwei Bekanntschaftsanzeigen nach, die in ihrer Facharbeit „Kontaktsuche im Zeitalter der Medien“  noch keinen Platz gefunden hatten.  Sehr poetisch die  erste  Annonce: mirabellen konserviert im glas, jedoch / noch eigens mit dem stein versehen, von dem / die zunge zögerlich den dünnen fetzen // fruchtfleisch löst. Sehr viel aggressiver in Sprache und härter  in der  Fügung die zweite Annonce:O Liebe! Tritt mir doch die Türe ein/schlag zu und lass den Himmel rein. Beide Liebesrufe hatten schon  ganz schön Drive. Ganz anders als diese spillerigen zweiundzwanzig Regeln.
In der ersten Reihe saß Sabine und sagte nichts, denn es galt einem  Gähnreiz Genüge zu tun, den Elisabeths Gähnen ausgelöst hatte. Dann wurde Sabine zusätzlich  von einem  Keckerreiz  gepackt, als  ihr entspannter Gaumen sie unwillkürlich daran erinnerte,  wie sie im Kurse auf Zuruf dreimal Verse laut zu lesen versuchte, aber  bei  Jambus, Trochäus und spondeusnahen Passagen (Hebungsprall) dermaßen stolperte – Dumpa Dumpa Dump Dump – , dass  die  Mitkollegiaten fast von den Stühlen kippten und winselnd auf dem Boden keuchten (Konjunktiv II? Nein.); – „Ach du große  Schei ...“   hatte sie damals fazitartig gerufen. Jetzt aber wollte keine rechte Stimmung aufkommen, Indifferenz – es war nicht zu leugnen – hatte sich ausgebreitet im Raume 120 und  war selbst im Himmel zu  bemerken.

***


Auch Gott spürte die flaue Stimmung und wollte schon laut werden: Keine Vibrationen bei diesen  räudigen  Rezipienten, so dachte er. Bodenschwere Hohlköppe, die nicht huppen wollten oder konnten oder beides.  Irgendwie ohne Pepp, so gar nicht nach seinem Bilde. Ließen seinen Text einfach  abtroppen. Man sollte ihnen die Schuhe aufblasen, anpicksen und  sie dann zur Hölle schicken. Aber bevor er laut werden konnte, nahm der  Teufel geschmeidig-flapsig das Wort, weil er so den Unmut seines Gegenübers zu dämpfen hoffte.  „Na, Cheffe, so schlimm ist es  nicht. Oder? Was sollten sie denn schon anderes sagen oder machen, die acht Damen und der junge,  knorrig-grätige Mann mit den Rasta-Locken? Sie sind es gewöhnt zu analysieren. Und: Botschaften gleich umzusetzen, das geht  nicht bei Heranwachsenden. Und auch deine Propheten waren nicht von Anfang an begeistert, wenn sie deine Aufträge vernahmen. Denk nur an Jonas, der in Ninive predigen sollte und lieber den Wal nahm.“  Da Gott nur unwillig brummte und „Rasta-Locken“ zu „Dread-Locks“ korrigierte,  sagte Mephisto nichts mehr weiter, sondern schaute auf  Schillern, dessen Urteil und diplomatische Art er  zu schätzen gelernt hatte. Auch  Gott wartete, was Schiller sagen würde,  was man allerdings nur bei sehr genauem Hinsehen merkte, da  Gott uninteressiert tat und seine Fingernägel betrachtete. Genauer und ohne Umschweife:  Gott  wollte Lob für seinen  Text und Tadel für die verstockten   Rezipienten.
 „Irgendetwas wurde da missverstanden, oh Herr “, sagte Schiller leise in Richtung Erde und mittels  Passiv-Formulierung das Agens-Subjekt aussparend. Und der Herr lächelte, als er dies vernahm, da er in diesen Sätzen Kritisches über die Rezipienten heraushörte. Schiller wurde etwas lauter: „Fehldeutungen zuhauf,  Fehldeutungen hinsichtlich der  ästhetischen Erziehung und der These, dass der Mensch nur da  ganz Mensch sei, wo er spiele. Irgendwie ist dieser Text  nämlich nicht durchdacht, er ist halbgar, schwankend zwischen Ironie und Pathos, Ernst und Scherz, Rotwein und Weißwein, nur  partiell, sehr partiell  Interesse und  Wohlgefallen hervorrufend. Äh.“
Schiller war verstummt, jedes weitere Wort, das war klar,  würde eines zu viel gewesen sein. Er kehrte den Blick weg von der Erde, von ihren Geschöpfen und von deren Schöpfer, weg  in die Weite des Kosmos. Gott  aber dachte darüber  nach, was mit  „Agens“  und „Agenssubjekt“ gemeint sein könnte. Und ob diese Stelle im Buch der Weisheit vielleicht allerlei, nun ja, verkehrte Gedanken (3) enthielt?

****


Anmerkungen:

(1) Von Herrn W. ist bekannt, dass er sich einen Gerätewagen zulegte, auf dem ein Notebook, ein DVD- und Videorekorder, zwei Lautsprecher und ein Beamer fest installiert waren. Man konnte ihn vor Stundenende und vor Stundenbeginn mit diesem Gefährt durch das Schulgebäude rollen sehen. Eine Verhaltensweise, die er für unabdingbar hielt, um einen anschaulichen Unterricht zu gewährleisten, der nicht nur ihm kognitive und emotionale Freude bereiten sollte. An dieser Stelle sei dankbar auf den ehemaligen Kollegiaten Daniel „Elektrolurch“ P. verwiesen, der die Einrichtung dieses Gerätewagens vornahm, ihn  mit einem Aufkleber „Vorsicht Hochspannung“ Eigentum von Hern W.“ versah, um  Kollegen von W. abzuschrecken, die den Wagen für ein öffentlich zugängliches Lehrmittel hielten. Eine Annahme, die trotz der zwei halbwegs funktionierenden Whiteboards des Gymnasiums eher abenteuerlich anmutet. Daniel „Elektrolurch P.  ist heute wohlbestallter Experte in einer prosperierenden Firma. Auch wird selbst in neuester Zeit der Gebrauch von Tafel, Schwamm und Kreide von Bildungsexperten keineswegs als kontraproduktiv angesehen. Übrigens versuchten Kollegen trotz der aufgeklebten Hinweise, den Beamer und den Wagen zu nutzen. Da dieser mit einem Passwort nur von Herrn W. zu aktivieren war, gelang ihnen die Aktivierung nicht. Sie  machten ihrer Empörung Luft, indem sie etwa riefen: „Typisch. Nix funktioniert hier an diesem Gymnasium.“
(2) Die zweiundzwanzig Regeln sind wohl nur ein Beispiel von vielen für dergestalte Inspiration. Um die Jahrtausendwende etwa fanden sich allerlei analoge, „humorige“ Zusammenstellungen im  Netz.
Vgl.:http://abc.de]https://www.stern.de/digital/online/texte--hast-du-das-schon-gelesen---3344484.html
(3) Der theologisch interessierte Leser mag bemerkt haben, dass hier tatsächlich „verkehrte Gedanken“ vorliegen. Siehe die entsprechenden Passagen  im Alten Testament:
1 Sie tauschen ihre verkehrten Gedanken aus und sagen:
Kurz und traurig ist unser Leben; für das Ende des Menschen gibt es keine Arznei, und man kennt keinen, der aus der Welt des Todes befreit.
2 Durch Zufall sind wir geworden, und danach werden wir sein, als wären wir nie gewesen. Der Atem in unserer Nase ist Rauch, und das Denken ist ein Funke, der vom Schlag des Herzens entfacht wird;
3 verlöscht er, dann zerfällt der Leib zu Asche, und der Geist verweht wie dünne Luft.
4 Unser Name wird bald vergessen, niemand denkt mehr an unsere Taten. Unser Leben geht vorüber wie die Spur einer Wolke und löst sich auf wie ein Nebel, der von den Strahlen der Sonne verscheucht und von ihrer Wärme zu Boden gedrückt wird.
5 Unsere Zeit geht vorüber wie ein Schatten, unser Ende wiederholt sich nicht; es ist versiegelt, und keiner kommt zurück.
6 Auf, laßt uns die Güter des Lebens genießen und die Schöpfung auskosten, wie es der Jugend zusteht.
7 Erlesener Wein und Salböl sollen uns reichlich fließen, keine Blume des Frühlings darf uns entgehen.
8 Bekränzen wir uns mit Rosen, ehe sie verwelken;
9 keine Wiese bleibe unberührt von unserem ausgelassenen Treiben. Überall wollen wir Zeichen der Fröhlichkeit zurücklassen; das ist unser Anteil, das fällt uns zu.
10 Laßt uns den Gerechten unterdrücken, der in Armut lebt, die Witwe nicht schonen und das graue Haar des betagten Greises nicht scheuen!
11 Unsere Stärke soll bestimmen, was Gerechtigkeit ist; denn das Schwache erweist sich als unnütz.
12 Laßt uns dem Gerechten auflauern! Er ist uns unbequem und steht unserem Tun im Weg. Er wirft uns Vergehen gegen das Gesetz vor und beschuldigt uns des Verrats an unserer Erziehung.
13 Er rühmt sich, die Erkenntnis Gottes zu besitzen, und nennt sich einen Knecht des Herrn.
14 Er ist unserer Gesinnung ein lebendiger Vorwurf, schon sein Anblick ist uns lästig;
15 denn er führt ein Leben, das dem der andern nicht gleicht, und seine Wege sind grundverschieden.
16 Als falsche Münze gelten wir ihm; von unseren Wegen hält er sich fern wie von Unrat. Das Ende der Gerechten preist er glücklich und prahlt, Gott sei sein Vater.
(3) Wer bis hierher durchhielt und relativ intensiv las, dem wünscht Gottes Segen
willi wamser
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John Paul
Geschlecht:männlichSchreiberassi

Alter: 34
Beiträge: 40
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BeitragVerfasst am: 30.01.2019 13:16    Titel: Antworten mit Zitat

Tach Willi,

uf, weiß gar nicht so richtig was ich sagen soll, du machst da riesige Fässer auf und das innerhalb von zwei bis dreitausend Wörter und das wirkt auf mich konfus und der Text ist dadurch löchrig. Dann mag ich es nicht, wenn Zahlen nicht ausgeschrieben werden, in einen Text gehören Buchstaben und keine Zahlen und viel zu viele Zitate.
Die Idee find ich Klasse, aber die Umsetzung ist aus meiner Sicht, nicht gelungen.

Gruß

John
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Klemens_Fitte
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BeitragVerfasst am: 30.01.2019 13:39    Titel: Antworten mit Zitat

John Paul hat Folgendes geschrieben:
Dann mag ich es nicht, wenn Zahlen nicht ausgeschrieben werden, in einen Text gehören Buchstaben und keine Zahlen


Ich hab das an ein paar Stellen mal beispielhaft korrigiert.

Zitat:
Von siebzehnhundertdreiundneunzig bis siebzehnhundertfünfundneunzig schrieb Friedrich Schiller seine Briefe


Zitat:
das findet sich  in der Regel siebzehn. Wirst es sehen, das grätscht rein in den Schultrott. Wirst es sehen, Mittwoch zweite und dritte Stunde, LK Deutsch, Zimmer einhundertzwanzig [oder eins zwei null?], erster Beleg, wie das wirkt.


Zitat:
Erstens: Tja, ich bin, der ich bin, dein HErr. Du aber höre, denn du bist mein Knecht.….
Siebtens: Signalisiere, dass eine Konversation  ausgeklungen ist, indem du die Hände  über die  Ohren legst und die         Augen  schließest.……
Siebzehntens: Du sollst  die Mitkollegiaten und die Lehrer fragen, welchen Geschlechtes sie seien und sie zur Menschen-Liebe ermahnen. Denn ist nicht Gott der  Vater der Liebenden? So sagt  Luise Millerin im ersten Akt von Schillers „Kabale und Liebe“.....
Zweiundzwanzigstens: Kopiere diese Regeln im ersten Stock des PKG für deine Mitkollegiaten und die Schüler der Oberstufe, lege sie in den entsprechenden Klassenzimmern aus.


Zitat:
Und die zwei Großbuchstaben beim Lexem ´HErr´ in Regel eins, die sind wohl Absicht, drücken vermutlich aus, dass hier eine Autorität spricht.“  Gott im Himmel nickte wohlgefällig.
„O, Gott! Gott im Himmel! Zehn Zentimeter und ein neues  Blatt mit den zweiundzwanzig Regeln dazu“,  seufzte Andrea


usw. usf.


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John Paul
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BeitragVerfasst am: 31.01.2019 17:29    Titel: Antworten mit Zitat

Hey Klemens_Fitte,

die Jahreszahlen lass ich gelten, ansonsten nicht, es sei denn auf jeder Seite der story kommen Zahlen vor, aber dann stellt sich die Frage, ob es eine Erzählung ist oder ein Sachtext. Eine Million ausgeschrieben, wirkt nicht komisch, find ich und du dürftest auch nicht viele Bücher finden, in denen Zahlen nicht ausgeschrieben werden.

Gruß

John
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V.K.B.
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Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 31.01.2019 20:49    Titel: Antworten mit Zitat

Moin Willi,

Nicht schlecht geschrieben, aber teilweise schwer zu folgen. Und an vielen Stellen hatte ich den Eindruck, dass der Text eher für einen ganz realen Kurs geschrieben ist und dort auch, durch eine Menge Insider-Andeutungen (die ich als Außenstehender hier nur erahnen kann), wahrscheinlich wesentlich witziger und satirischer rüberkäme, als es hier für mich der Fall ist.

Somit stellt sich mir die Frage, ob ich überhaupt wirklich was dazu sagen kann, wenn ich nicht Teil der primären Zielgruppe bin. Denn dort wird man den rot-schwarzen Druckbleistift sowie andere charakterisierende Details mit Sicherheit einordnen können.

Aus Außenstehender jedoch empfinde ich das alles als ein bisschen zahnlos.

Beste Grüße,
Veith


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John Paul
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BeitragVerfasst am: 09.02.2019 11:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Willi,

Ich mach mal offiziel einen Kniefall. Hab mir mal das geschehen hier durch den Kopf gehen lassen und das mit dem Kritik äussern...ich habe gesehen, hier im Forum gibt es eine Empfehlung und Punkte, die zu beachten sind.
Damit will ich sagen, ich ziehe meine Kritik zurück, weil sie keine ist, sondern nur eine Geschmacksangabe.

Sorry für die scharfen Sätze!

Gruß

John
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