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emr
Geschlecht:weiblichSchreiberling


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BeitragVerfasst am: 03.01.2019 17:45    Titel: Wechselwirkung eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Frühstückstisch war schon wieder nicht abgeräumt. Sabrina stellte Handtasche und Tüten ab, stapelte Teller und Tassen. Konnte Jens nicht mal an Heiligabend helfen? Die letzten Einkäufe erledigte sie, nahm den Müll mit runter, er musste sich nur um den Abwasch kümmern. So war es abgemacht - ah, sie hatte das Altpapier vergessen. Daher wehte der Wind. Es war seine Wohnung, doch seit sie hier wohnte, diente ihm so ziemlich alles als Ausrede, nicht zu helfen.
Erst diesen Sommer hatte sie ihn kennengelernt, während eines einsamen Spaziergangs. Auf einmal hatte sich ein riesiger Katzenkopf über die Bäume erhoben, neugierig war sie hingelaufen.
Neben Zelten und Wohnmobilen befüllten ein paar Leute einen Ballon mit Gas. „Wollen Sie mit?“, rief einer mit Strubbelhaar. „Wir sind Hobby-Archäologen, campen hier. Den Ballon haben wir nur heute.“
Die Erinnerung löste ihre Gesichtsmuskulatur, sie spürte ein Lächeln nahen. Ohne Vorstellung, wo es hinging, war sie mit drei Männern in einen Korb geklettert und aufgestiegen.
Bei zwei der Saisonkräfte in ihrem Betrieb ging es immer nur um Luftbilder. Studenten, sie brachte ein paar ihrer angeberischen Fremdwörter an, schon hing der Strubbelkopf an ihren Lippen. Wenn der Korb stark schwankte, taumelte sie gegen ihn, als sie den geborgten Pulli auszog, verrutschte geplant ihr T-Shirt.
Abends kam er mit zu ihr, durfte duschen. Natürlich hatte sie das frische Handtuch vergessen, musste es ihm ins Bad reichen. Ein hübscher Kerl, und gar nicht schüchtern. Noch im Flur ging es zur Sache.
Die Weihnachtsfeiertage würde sie mit dem Langweiler verbringen, zu dem er geworden war. Geräuschvoll versenkte sie das Porzellan im Spülbecken, kein Platz mehr in der Maschine. Sollte er es doch von Hand abwaschen, sie musste zur Arbeit. Jens hockte gemütlich daheim, brütete bis in die Nacht über Büchern und dem Computer. Kein Wunder, dass er so oft Kopfschmerzen bekam. Es gab Tabletten dagegen, doch Jens hatte Angst vor Medikamenten.
Erzählt hatte er ihr das nicht. Wie er sich mit seinem Migränemittel anstellte, sagte schon alles, dann hatte sie beim Putzen hinterm Küchenschrank die Apothekentüte gefunden. Stimmungsaufheller, ein ganzer Vorrat. Fluxo-Irgendwas, auf eine angebrochene Packung hatte Jens geschrieben ‚1. Tabl. am 29. 08.‘, die Einnahme wenig später abgebrochen. Im August war er noch ein aufregender Mann gewesen.

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emr
Geschlecht:weiblichSchreiberling


Beiträge: 253



BeitragVerfasst am: 03.01.2019 17:54    Titel: (2/5) pdf-Datei Antworten mit Zitat

***

Mit geschlossenen Augen saß Jens am Schreibtisch. Hoffentlich blieb ihm ein Migräneanfall erspart, Weihnachten war auch so unerfreulich genug. Diesmal hatte er sofort beim ersten Flimmern zwei Tabletten genommen, eine reichte offenbar nicht mehr aus. Die Anwendung des Medikaments war heikel: Nahm er es zu spät, half es ihm nicht über den Anfall hinweg. Bei zu häufigem Einsatz ließ die Wirkung mit der Zeit nach.
In der Küche hörte er Sabrina poltern, er hatte sich um den Abwasch nicht mehr kümmern können. Wenn ein Migräneanfall kam, gab sie ihm die Schuld, maulte hinter ihm her, wenn er sich hinlegen musste. Seine Erklärungen begriff sie nicht, hielt Krankheit für Vorwand. Die Beziehung kostete ihn viel Kraft, dabei hatte im Sommer alles so gut ausgesehen.

Immerhin ging es ihm diese Weihnachten erheblich besser als letzte. Jahrelang hatte er nach der Arbeit für Mutter gesorgt, das war nicht ohne Folgen geblieben. Burnout-Syndrom. Anfangs hatte er ihr vor allem Gesellschaft geleistet, im letzten Jahr fütterte und windelte er sie, brachte sie zu Bett.
Finanziell wäre eine Fachkraft kein Problem gewesen, doch Mutter fürchtete sich vor Fremden. Gottseidank konnte er meist von zu Haus aus arbeiten, musste nur ein paar Tage die Woche vormittags ins Büro. Vertreten durfte ihn nur die ehemalige Krankenschwester, die unter ihnen wohnte. Frau Czerwenga kannten und schätzen sie schon seit Mutters Oberschenkelhalsbruch, sie versteckte ihr Mitgefühl unter resolutem Handeln, bei ihr hatte sich Mutter weder entmündigt gefühlt noch als hilfloser Fleischhaufen.

Nach Mutters Tod im Herbst letzten Jahres hatte ihm sein Chef ein Sabbatjahr verschafft. Nach anfänglicher Lethargie brachte er kistenweise Medikamente zur Apotheke zurück, verschenkte oder entsorgte den Pflegebedarf, Mutters jahrzehntelang gehortete Besitztümer. Renovierte die Wohnung, sie wirkte heller, ihre Atmosphäre verlor das Klinikartige. Er vergaß die Öffnungszeiten, Zuständigkeiten, Formulare und Fristen, erholte sich phänomenal, sogar die Migräne verschwand. Und Mutter hatte endlich Frieden.

Dann trat Sabrina auf den Plan, zog im Handumdrehen bei ihm ein. Erst war es schön, wieder zu zweit zu wohnen, beide gesund und berufstätig. Niemand weinte aus Angst vor Zugluft, keiner versteckte treffsicher, was er dringend brauchte, kein herzergreifendes Jammern, wenn es klingelte. In der Anfangszeit mit Sabrina wurde ihm bewusst, wie umfassend die Betreuung sein Leben bestimmt hatte.
Doch was Sabrina fehlte, konnte er nicht mit Fürsorge ersetzen, leider hatte er das nicht sofort begriffen. Die Migräne kehrte zurück, verstärkte sich beim Wiedereintritt ins Berufsleben. Obwohl er sie selbst arrangiert hatte, kreidete ihm sein Chef die lange Auszeit an. Wenn Jens im Frühjahr nicht auf dem neuesten Stand war, wurde er versetzt, seine Stelle bekam ein jüngerer Mann.

Versuchsweise öffnete er die Augen, kein Flimmern. Stand vorsichtig auf, bei Lärm oder hastigen Bewegungen sprengte der Schmerz die chemische Fessel. Wie einen Raubtierschemen stellte sich Jens die Migräne vor, ihr Dunkel kam über ihn, schlug die Fänge in sein Hirn. Genoss er sein Leben, jagte sie woanders. Mühsal schien sie anzuziehen.

Vielleicht sollte er Sabrina ausführlicher über die Zeit mit Mutter erzählen, wie lieb und tapfer sie gewesen war, bis der Zerfall ihr auch das genommen hatte. Doch er bezweifelte, dass Sabrina lange zuhören, geschweige denn mehr Verständnis für ihn aufbringen würde. Ihr fehlte es an Fantasie, sie fragte nicht nach den Bedürfnissen anderer, langweilte sich schnell. Täglich wollte sie hören, wie hübsch sie sei, wie sehr er sie liebe. Musste unterhalten werden, las nicht, wollte nichts lernen.
Aufgeschnappte Wissensbröckchen setzte sie geschickt im Gespräch ein, am ersten Tag war er darauf hereingefallen. Wenig später erzählte er ihr von antiken Mauerresten, generationenlang überpflügt von ahnungslosen Landwirten. Je nach Sonnenstand erkannten Archäologen sowas aus der Luft. Sabrina zuckte die Achseln, griff nach dem Smartphone, guckte Fotos von der Fahrt. Schmollte, weil er im Ballon nicht mit aufs Selfie gewollt hatte. Inzwischen nahm er sie wahr als eine Art Leere, die sich hinter einem Schutzschirm aus Geplapper und Vorwürfen verbarg.

Wie sich eine solche Beziehung auf ihn auswirkte, zeigte sein zweiter Migräneanfall in dieser Woche. Die Aussprache war fällig, aber nicht ausgerechnet an Weihnachten. Die drei Tage würde er auch noch überleben.

 ***

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emr
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BeitragVerfasst am: 03.01.2019 18:01    Titel: (3/5) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Als sie Jens im Flur hörte, ließ Sabrina die daumenlange Pfeffermühle in der Schublade verschwinden. Wartete, bis er aus dem Bad kam, schaute mit betont fröhlicher Miene aus der handbreit geöffneten Küchentür. „Schatzilein, ich mach’ mir schnell nochmal Kaffee. Soll ich dir auch einen bringen?“ Hoffentlich kam er nicht rein.
Ihr Lebensgefährte bedachte sich, nickte dann, als habe er einen schwerwiegenden Entschluss gefasst. Bingo, immerhin hatte er die erste Dosis Fluxo geordert. Und flugs ist er wieder der alte.
Sie verkniff sich ein Kichern, vergewisserte sich, dass er ins Arbeitszimmer schlurfte. Goss kochendes Wasser in die Glaskanne, deponierte den Stabfilter daneben. Furchtbar umständlich, so ein Kaffeebereiter, aber Jens bestand darauf.
Zucker für den Herrn, Süßstoff für die Dame, sie trällerte vor sich hin, schäumte die Milch auf. Kramte die Mühle wieder hervor, ließ etwas von dem Pulver auf den Zucker in Jens’ Tasse rieseln. Eine Heidenarbeit, das Fluxo mit diesem Outdoor-Küchenhelfer so fein zu kriegen. Mehrere von Pünktchen durchsetzte Ladungen hatte sie in den Ausguss kippen müssen, obwohl vorher weißer Pfeffer drin gewesen war.
Jetzt aber flott, die Schichtleiterin würde keifen, wenn sie sich verspätete. Als gäbe es keine Stechkarten. In der durchsichtigen Plastikmühle fiel das Tablettenweiß doch sehr auf, fürs erste kippte sie ihr Wundermittel in den Zuckerstreuer. Er war fast leer und bei näherer Betrachtung sah man die helleren Körnchen, doch Jens nahm nie mehr als einen Löffel. Die winzige Mühle klopfte sie aus, ab in die Schublade. Wenn Jens Pfeffer brauchte, nahm er die große.
Für die ellenlange Packungsbeilage fehlte ihr die Zeit, weg damit. Es würde schon hinhauen, sie hielt sich an die empfohlene Dosierung, und Jens war ein Pedant, er ließ nichts Gefährliches rumliegen. Gut, dass sie das Papier vergessen hatte, so fiel es nicht auf, wenn sie nochmal zu den Tonnen ging.
Wie schnell es wohl anschlug? Mit etwas Glück bekam sie schon zu Feierabend den Mann zurück, der ihr die Welt von oben gezeigt hatte.

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emr
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BeitragVerfasst am: 03.01.2019 18:30    Titel: (4/5) pdf-Datei Antworten mit Zitat

***

Noch mehr Koffein, war das klug, gleich nach der Tablette? Ganz sicher war er sich nicht, aber er liebte diesen Kaffee, und frohgemut war Sabrina besser zu ertragen. An anderen Tagen tat sie viel länger beleidigt wegen Haushaltspflichten, hatte er etwas übersehen?
Leise summend kam sie ins Arbeitszimmer, schon in der Jacke, er legte das Buch weg. Betrachtete ihr hübsches, stets kunstvoll bemaltes Gesicht, das von Highlights durchsetzte Haar, die angeklebten Fingernägel. Alles wie gehabt, er dehnte die Musterung aus, erfreut streckte sie die zu groß geratenen Brüste vor.
Keine Chance. Mit denen war er nicht mehr per Du, seit sie ihm von den Kochsalzeinlagen erzählt hatte.
Wie immer hielt sie ihm den Kaffeebecher am Griff entgegen. ‚Wenn ich auch dir alles serviere, komm‘ ich mir ja vor wie auf der Arbeit.‘ Jens sah zu, dass er das Ding loswurde, kühlte die Finger am Chrom des Drehstuhls. „Danke.“
„Geht aufs Haus, Herr Jensibär. Bis später dann!“ Ein Winken, ihre Absätze hämmerten durch den Flur, verklangen im Treppenhaus.
An Heiligabend schloss ihr Betrieb um siebzehn Uhr. Für Sabrina eine ganz normale Tagschicht, acht Stunden Ruhe für ihn, gleich nach dem üblichen kleinen Plausch, den er nicht missen mochte.
Die Migräne hielt sich bedeckt, fast fröhlich griff er nach der Fachliteratur, schaltete das Notebook ein. Nippte am Kaffee. Pfeffer? Nur eine Ahnung. Begleitet von leicht bitterem Geschmack, beim Spülen verfingen sich bisweilen Partikel im Stabfilter.

***

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emr
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BeitragVerfasst am: 03.01.2019 19:23    Titel: (5/5) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Sabrina trat in den Flur, streifte die Schuhe ab. Auf dem Weg zur Arbeit wollte sie hübsch aussehen, aber nach acht Stunden Schicht in Gesundheitstretern brachten die Absätze sie fast um. „Jens?“
Schweigen. Im Arbeitszimmer und im Wohnzimmer brannte Licht, überm Lesen wurde Jens taub für die Welt.
In der Küche stellte sie die Handtasche ab. Bemerkte den Karton mit Papier, schon wieder vergessen, sah das Frühstücksgeschirr im Spülbecken. Müde tippte sie an einen Teller. Trotzte Jens?
„Guten Tag.“
Sie kiekste, in der Tür stand eine Frau. „Was machen Sie hier?“
„Ihr Partner, kommen Sie.“ Die Person marschierte durch den Flur, als sei sie hier daheim, in der Hand hielt sie einen Prospekt. Vor dem Arbeitszimmer blieb sie stehen. „Halluzinationen und Muskelkrämpfe, der arme Kerl.“
Endlich erkannte sie die Rentnerin aus dem Erdgeschoss, deren Name sie sich nicht merken konnte. Offenbar war ihr Mann krank, wahrscheinlich hatte Jens sie gutmütig ins Wohnzimmer gebeten. „Jens!“
Das passte zu ihm, sich an Heiligabend eine jammernde Nachbarin aufzuhalsen. Sabrina schob sich an ihr vorbei, öffnete die Tür.
Kein Jens. Sein Stuhl lag umgekippt auf dem Boden, zwischen Büchern und Flecken auf dem Teppich sein Porzellanbecher. „Was ist—“
„Eins hat er mir noch sagen können.“ Die stämmige Alte rückte nach, zwang sie, ins Zimmer zu treten. Irritiert wandte Sabrina den Kopf, traf auf einen Blick, vor dem sie kein Wort herausbrachte.
„Es war der Kaffee.“ Die Nachbarin zeigte auf den Schreibtisch.
Dort stand der zerlegte Zuckerstreuer. In ihrem Brustkorb schien plötzlich ein Beil zu stecken, das Sprechen fiel ihr schwer. „Was …? War er zu stark?“
„Tun Sie doch nicht so. Er wird es sich wohl kaum selbst verabreicht haben.“
Ein Rauschen in ihren Ohren überlagerte die Worte, ihr wurde schummrig, dann hörte sie ganz deutlich das Türschloss knirschen. Wandte sich um, probierte den Griff. Durch den Glaseinsatz sah die Nachbarin zu, aus dem Nichts kam ihr Name: Czerwenga.
„Da bleiben Sie jetzt drin, bis die Polizei kommt“, sagte Frau Czerwenga, „Ihr Motiv bleibt mir ein Rätsel. Aber im Altpapier hab ich das hier gesehen, und ich bin vom Fach.“ Sie hielt den Prospekt hoch, Sabrina starrte auf vertraut angeordnete Farbflecke. Die Werbung für Ballonfahrten, oben lugte der Beipackzettel heraus. „Ihre Fingerabrücke befinden sich auf dem Antidepressivum seiner Mutter.“ Pause. „Kombiniert mit dem Migränemittel lähmt es die Atemmuskulatur. Fröhliche Weihnachten, Sie Mörd-“
„Bitte nicht übertreiben, Frau Czerwenga.“ Jens‘ Stimme.
Ihr Innerstes wogte, als wolle es zerspringen, sie hörte ein Zähneklappern.
„Aber genau so wäre es gekommen! Hätte ich nicht die Gewohnheit, bei Ihnen zu klingeln, sobald Ihre Freundin für alle hörbar das Haus verlassen hat.“
Hinterm Glas trat eine schlanke Silhouette neben Frau Czerwenga. „Das mit dem Einsperren hätte nicht sein müssen.“
„Ja, das geht auf meine Kappe“, nickte der Czerwenga-Schemen, „da ist die Professionalität mit mir durchgegangen. Dreißig Jahre Stationsschwester, verwirrte-“
„Bitte öffnen Sie jetzt, ich möchte zu Sabrina.“
„… alte Menschen können flinke, kräftige Gegner sein.“ Widerwillig gab das Schloss nach. „Ein kleiner Denkzettel war angebracht, Sie sind ja zu mitfühlend für sowas.“ Frau Czerwenga sprach mit der Hand am Türgriff, wandte sich Sabrina zu. „Oh. Der Schock …“ Sie eilte herein, dicht gefolgt von Jens, fasste mehr aufmerksam als erschrocken Sabrinas Handgelenk.
„Die Gefahr bei einer Racheaktion.“ Jens‘ Arm umfasste sie liebevoll, aber anders als sonst. „Alles gut, Sabrina. Die Szene hier ist allerdings nicht gestellt. Ich hatte schon ein wenig getrunken, Frau Czerwenga hat mir die Tasse aus der Hand geschlagen. Für alle Fälle hat sie mich zum Check in die Notaufnahme gefahren.“
„Die Medikamenteninformation, wo doch seine Mutter schon ein Jahr tot ist, der Zuckerstreuer, den er sonst nie benutzt – manche Patienten verstecken ihre Tabletten darin, ich kenn das gut. Aber erst hier im Zimmer habe ich kombiniert– Ach, Frau Sabrina, wie Sie dastehen ... Ich habe nicht wirklich geglaubt, dass Sie eine Mörderin sind, aber ich hab mich offensichtlich noch mehr vertan. Ich hielt Sie für ein hohles Schminkpüppchen.“
Sie spürte Jens' Zusammenzucken, dachte an den harschen Ton des Gastroteams, ausgelaugt von vier Wochen Weihnachtswahnsinn ...
Nein. Das hier lag anders. Fast erstaunt erkannte sie, dass diese Frau sich nicht verbal abreagierte, sie sagte ihr die Wahrheit.
Das Zittern hörte auf, stumm schaute sie die Nachbarin an.
Frau Czerwenga lächelte. „Ganz viel auf einmal, das dauert jetzt seine Zeit.“ Der Prospekt knisterte, verschwamm wieder zu bunten Flecken. “Mit ausreichend Abstand ...“
Tränen, sie lehnte den Kopf an Jens‘ Schulter. Schmiegte sich nicht an wie sonst, dieses Weinen tat anders weh.
„Dann ziehe ich mich mal zurück“, sagte Frau Czerwenga, „Bringen Sie sie zu Bett, Herr Jens, und seien Sie lieb zu ihr.“
„Natürlich“, sagte Jens.
Sabrina rührte sich nicht. Noch brauchte sie eine Stütze, aber in ihr regte sich etwas. Darüber nachdenken würde sie später.

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Kiara
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Wohnort: bayerisch-Schwaben


BeitragVerfasst am: 03.01.2019 19:58    Titel: Antworten mit Zitat

Ich lese über die neu eingestellten Texte meist in einer Art "überfliegen". Greife mir Absätze und lese sie ganz durch, springe zu einem beliebigen nächsten usw.
So kann ich einen Text relativ schnell einordnen - liege nicht immer goldrichtig, klar. Aber ein Gespür hat sich mit der Zeit entwickelt.

Das ist mir bei dir nicht gelungen, denn spätestens nach dem dritten "Hüpfer" hab ich von vorne angefangen. Weil es mich interessierte.

Gut gemacht smile

Das Ende ist etwas verwirrend (Ihr inneres wogte (wer fühlt da?) / schlanke Silhouette und Czerwenga-Schemen / für mich war nicht immer klar, wer spricht) - hier könntest du meines Erachtens noch nacharbeiten.

Der Stil, aus der Sicht beider Protagonisten zu schreiben, ist dir recht gut gelungen.
Mir fehlt noch die Einsicht, warum Sabrina das alles tut - nur, damit sie ihren Sven vom Sommer wieder hat? Die Anspielungen auf diesen Sven von damals sind da, aber wie war es denn - kannst du das vertiefen oder passt das nicht so gut?

Nur ein paar Gedanken dazu. Vielleicht helfen sie dir?

Danke für den Text!
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emr
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BeitragVerfasst am: 03.01.2019 20:26    Titel: Danke. pdf-Datei Antworten mit Zitat

@Kiara Na sowas. Smile
Wechselwirkung war im Dezember 2010 eine Art Kurzkrimi mit totem Jens am Schluss. Die Story wurde ausgewählt für den Community-Weihnachtskalender des damals krachneuen Neobooks, stand jahrelang online.

Auf diese erste Veröffentlichung war ich stolz, bis ich sie nach einer mehrjährigen Schreibpause wiederentdeckte. Hab sie umgeschrieben und -zigmal überarbeitet, aber irgendwie ... Sie scheint mir unrettbar, ohne dass ich es genauer definieren könnte. Eben noch ein paar "Sabrina" rausgekürzt, offensichtlich zu viele. In den Trash gestellt mit der Idee: R.I.P. Wechselwirkung.

Ja, Sabrina wollte bloß die Krücke heilmachen, an der sie durchs Leben geht. Aber jetzt ...
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emr
Geschlecht:weiblichSchreiberling


Beiträge: 253



BeitragVerfasst am: 09.01.2019 21:43    Titel: Cover pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das Cover will sich verschwommen präsentieren, ob .jpg oder .png und bei jeder Skalierung. Liefere trotzdem zu jeder Geschichte.
Warum überhaupt Cover? -- Jach Gottchen, sie sehen doch nett aus, oder? -- Okay: Ich drücke mich vor der Arbeit am Roman. Confused
Inga Hetten war mein Pseudonym während der Kurzgeschichten-Phase.

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V.K.B.
Geschlecht:männlichDichter und Denker

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Wohnort: an der Nordseeküste
Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 09.01.2019 22:16    Titel: Antworten mit Zitat

Bei dem Cover denke ich aber eher an eine populärwissenschaftliche Abhandlung aus dem Soziologie-Fachbereich und nicht an eine Erzählung.

_________________
Warning: Cthulhu may occasionally scare people …
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emr
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Beiträge: 253



BeitragVerfasst am: 09.01.2019 22:43    Titel: ... pdf-Datei Antworten mit Zitat

@VKB Überspitzt gesagt: Genau was ich haben wollte. Wink Erklärung hier, mittlerer Absatz.
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V.K.B.
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Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 09.01.2019 23:25    Titel: Antworten mit Zitat

Ist das nicht ein bisschen kontraproduktiv, wenn Cover und Inhalt unterschiedliche Zielgruppen ansprechen? Die Text-Zielgruppe wird des Covers wegen vielleicht gar keinen Blick darauf werfen, und die Cover-Zielgruppe schaut es sich an, aber interessiert sich dann wenig für den Text.

Wer kauft und liest es dann?


_________________
Warning: Cthulhu may occasionally scare people …
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emr
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Beiträge: 253



BeitragVerfasst am: 10.01.2019 15:33    Titel: :) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Veith, man konnte dort nichts kaufen. Wer nicht wollte, las es nicht: recht so. Um Zielgruppen mache ich mir keinen Kopf.* Smile

* Edit: bei den alten Kurzgeschichten
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