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2121 // Freebooter


 
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agu
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

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Beiträge: 1740
Wohnort: deep down in the Brandenburger woods


BeitragVerfasst am: 13.11.2018 20:20    Titel: 2121 // Freebooter eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Hallo ihr Lieben,

nach gut drei oder vier Jahren Schreibabstinenz wegen abartiger Arbeitslast habe ich vor ein paar Monaten wieder mit der Schreiberei angefangen. Ein Resultat dieser Pause ist auch, dass ich für mich entschieden habe, das marktgerechte Schreiben gemäß Verlags- und Agenturwunschzetteln (die sich eh alle 6 Monate ändern) in Genres, die mich eigentlich langweilen, nicht mehr in den Vordergrund zu stellen, sondern stattdessen das zu schreiben, worauf ich wirklich Lust habe. Und das ist unter anderem Science Fiction. Wie man munkelt, unverkäuflich, wenn man nicht schon einen Namen hat. Aber das ist mir grad Wurscht, darum kümmere ich mich, wenn's fertig ist. Und wenn's keiner will, wird mein Ego auch nicht dran zugrunde gehen Wink
Aber genug der Vorrede - nachdem es schon eine Zeitlang bei mir auf dem Rost schmort, würde ich euch gern mal den Anfang vorstellen und ein paar Meinungen und Eindrücke einholen.

Eine Frage, bei der ich mir unschlüssig bin, ist tatsächlich die Zeitform. Ich habe das Ganze in der Vergangenheitsform abgefasst, aber testweise das erste Kapitel mal in die Gegenwart umgeschrieben, und finde fast, dass es mehr Drive hat. Ich hänge ein paar Absätze direkt im Anschluss mal an.

Freue mich über Rückmeldungen!
LG, Andrea

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1

Eine Stunde vor Sonnenaufgang ...
Dane schleppte im Laufschritt die Kisten zum SOL-Copter. Ein Scheppern, ein metallisches Pang vor seinen Füßen. Jun Mi’s Stimme von oben, so eine gottverfluchte Scheiße. Sie flickte die Einschusslöcher oben auf der Kanzel und die Zeit saß ihnen im Nacken.
Eigentlich verirrten sich keine Piraten auf die Ascension-Route, aber seit FRONTEX letztes Jahr Freetown ausgeräuchert hatte, war alles anders. Seitdem lag die ganze beschissene rote Flotte vor São Tomé und lauerte auf Beute. Dane gratulierte sich zum Entschluss, an Bug und Stern großkalibrige Drehbassen mit Auto-Zielsuche installieren zu lassen, obwohl Jun Mi die Monster hasste. Zwei Tonnen Ballast, und wofür? Zum Wale schießen? J war als Mechanikerin top, aber kannte die Mörder mit den rot bemalten Schnellboten nur vom Hörensagen. Bis gestern, jedenfalls.   
Er schnallte sich das Holster mit der Walther EPEX um und tauschte das blaue Magazin mit der Betäubungsmunition gegen eins von den roten. Der dünne Strahl von Jun Mi’s Stirnlampe schnitt wie ein Lichtschwert durchs Dunkel. Sie hatten vorsichtshalber Positionslampen und Decksbeleuchtung ausgeschaltet. Das Intermezzo mit den Schnellbooten war zwar fünf Stunden her, aber Dane wollte kein Risiko eingehen.
Jetzt ankerten sie in einer Lagune an der Südspitze von Bioko, einer Vulkaninsel dreißig Meilen vor der kamerunischen Küste. Der perfekte Liegeplatz unter überhängenden Felsen, weder vom Meer her noch aus der Luft einsehbar. Der Freihandel galt als Hochrisiko-Geschäft, aber Dane war in den fünf Jahren, seit er zum ersten Mal die Festung Gibraltar passiert hatte, nie ausgeraubt worden. Weil Vorsicht die Mutter der Porzellankiste ist.
Er hievte die letzte Kiste in den Laderaum, die mit dem roten Punkt, für die Jungs von der Aufsichtsbehörde. Dann schlug er mit der Faust auf den großen Knopf neben der Ladeluke. Die Formstahlplatte senkte sich mit hörbarem Knirschen. Er machte einen Schritt zurück und legte den Kopf in den Nacken.
"J, wie siehts aus da oben?"
Jun Mi beugte sich vor. Dane kniff die Augen zusammen, weil ihre Stirnlampe ihn blendete.
"Gleich fertig. Das hier hat einen Riss." Sie klopfte mit den Fingerknöcheln auf ein Rotorblatt. "Hab’s mit FS-Folie umwickelt. Kann sein, dass sie jetzt unrund läuft. Musst sie einfach mit viel Gefühl fliegen." Sie lachte. Es klang irgendwie brüchig. Gar nicht wie J.
"Alles okay, Süße?"
Das Lichtschwert schwang von ihm weg und stach in den Himmel. Am Horizont löste sich ein dünner Streifen aus dem Schwarz und wurde rasch breiter. Sonnenaufgang am Äquator. J sprang von ihrem Rollgestell und zog sich die Lampe vom Kopf. Dane musterte den Verband um ihren Oberarm, wo der Streifschuss eine fingertiefe Furche ins Fleisch gerissen hatte. Auf dem Mull war eine kleine dunkle Stelle. "Glück gehabt."
"Tut fast nicht weh."
"Das ist das Neoangin. Lass es in Ruhe."
"Ja Shit. Die hätten uns plattgemacht."
"Zum Glück hatten wir die größere Knarre."
Das brachte ihre Mundwinkel zum Zucken.
Sie grinsten sich an.
"Daniel Helgren, ich sage nie wieder was gegen deine bescheuerten Haubitzen."
Er drehte er sich zur Blechkiste mit den Waffen und stopfte ein paar mehr von den roten Magazinen in die Cargo-Taschen an den Oberschenkeln.
"Glaubst du, es wird gefährlich?"
Er warf ihr einen Taser zu. "Keine Ahnung."
Normalerweise war die Tour von Douala nach Kumba ein Kindergeburtstag. Normalerweise tauschte er beim Anflug auf die Flugsicherungszone in Douala ein paar Frotzeleien mit dem Tower und ging mit den Jungs Kaffee trinken, während sie auf die Freigabe warteten. Die Typen von der Bodenkontrolle würden die Kiste mit dem roten Punkt einkassieren, die Dane randvoll mit Scheiß vollgestopft hatte, den sie hier, im Herzen der Finsternis, schmerzlich vermissten. Schottischen Whisky, haltbare Wurst, fünfzig Kilo Schokoriegel, zwanzig Packungen Kartoffel-Chips, aktuelle Hollywood-Holo's, Vidporn-Heftchen für alle Geschmacksrichtungen, zwanzigtausend Euro-Dollars in bar. Und ein Paola-Manolo-Kleid für die kleine Dédé vom Regionalchef. Dafür ließen sie den Rest der Ladung in Ruhe und kontrollierten ihn auf der Rücktour nicht. Normalerweise. Aber nach der Schießerei auf offenem Meer war er nicht sicher, ob in Douala noch alles normal war. Über die regulären Kanäle gab es natürlich keine Informationen. Südlich der Mittelmeer-Mauer begann das große, schwarze Loch. Dass FRONTEX-Söldner die Piratenhäfen in Liberia ausgehoben hatten, wusste er nur, weil er mit Freunden aus den alten Zeiten gelegentlich was trinken ging. Und dass die rote Flotte sich nach São Tomé zurückgezogen hatte, waren Gerüchte. An denen aber wohl was dran war, dem Überfall nach zu urteilen.
„Na los.“ Er hievte sich die Waffenkiste auf die Schulter und stieß mit einem Fuß die Luke zum Unterdeck auf. „Schalt’ alles scharf. Und nimm das Neoangin mit. In zwei Stunden wirst du’s brauchen.“
„Gelernt ist gelernt, was?“
„Halt die Klappe, J.“ Mit dem Ellbogen schaltete er das Licht an und balancierte die Kiste nach unten in die Werkstatt. So nannten sie die verwinkelte Kammer zwischen Maschinenraum und Treibstofflager, in der Jun Mi den Großteil ihrer Zeit an Bord verbrachte.
J’s Schritte verloren sich in Richtung Brücke, wo sie Luna in den Überwachungsmodus versetzen würde. Luna war ein mittelgroßer Überseefrachter, der sich zwar auch manuell steuern ließ, aber eigentlich für autonomen Betrieb gebaut war. Was den Vorteil hatte, dass Luna sich sehr gut gegen ungebetene Gäste verteidigen konnte.
Mit einem Tritt beförderte Dane die Waffenkiste unter die Werkbank, damit sie nicht sofort ins Auge fiel. Was natürlich Blödsinn war, denn niemand außer ihm und J setzte einen Fuß auf dieses Schiff. Reflex. Genau wie das Kampfmesser, das er nach kurzem Zögern wieder herausfischte und am Knöchel unter dem Hosenbein befestigte. Für einen Moment fühlte er sich wie ein paranoider Idiot mit PTBS. Er flog nach Kumba, um Blechtöpfe, abgelaufene Dauerkekse und Second-Hand-Klamotten gegen Kasit zu tauschen, und rüstete sich wie für einen Kriegseinsatz? Aber dann kroch das flaue Gefühl zurück in seinen Bauch. Die Magenschmerzen, als er Jun Mi’s Streifschuss verarztete und sich vorstellte, die Kugel hätte sie ein Stück weiter links getroffen. J kannte das nicht, Typen mit scharfen Waffen und all diesen Scheiß. J war ein Kind aus gutem Hause. Ihre Erfahrung mit Gewalt beschränkte sich auf einen Jiu-Jitsu-Kurs und gelegentliche Rangeleien mit der Polizei auf Demos gegen die Umweltsünden der Großkonzerne. Sie stand auf afrikanische Bretterbudenromantik und den Hauch von Abenteuer, der die abgefuckten Bars in Douala umwehte. Aber ihr gemeinsames kleines Freihandelsunternehmen lief nicht deshalb so reibungslos, weil die Südhalbkugel der Welt sich plötzlich in einen friedlichen Abenteuerspielplatz verwandelt hatte. Sondern weil Dane sich auf seine Instinkte verließ, weil er keine Risiken einging, weil er vorbereitet war.
Er griff nach seinem Rucksack, fuhr sich mit einer Hand über die Bartstoppeln auf Kinn und Wangen, holte tief Luft. Dann ließ er den Rucksack wieder fallen, öffnete einen Blechspind und holte die KV-Panzer heraus, die ein kleines Vermögen gekostet hatten, weil sie auch Uranprojektile aufhielten.
J tauchte in der Tür auf. Beim Blick auf die Panzer verdrehte sie die Augen. „Echt jetzt?“
Er hielt ihr eins der Shirts hin. „Zieh’s an.“
„Ich krieg Ausschlag von den Scheißdingern.“
„Lieber Ausschlag als Tod.“
Ihre Wimpern flackerten, ein Zeichen, dass sie angespannt war. Dane zog sein Hemd aus. J hob eine Braue. „Hübsch.“
Er folgte ihrem Blick nach unten, wo zwischen seinen Bauchmuskeln die dünne Haarlinie verschwand. „Nichts, was du nicht schon gesehen hättest.“
„Nee, das da ist neu.“ Sie stach ihm spielerisch einen Finger in die Seite, dass er zusammenzuckte. „Hast du’s in Nantes krachen lassen?“
Mit einem Ruck zog er das schussfeste Gewebe nach unten, so dass es das Tattoo bedeckte. Natürlich würde J ihn die nächsten vier Wochen damit aufziehen. Dabei konnte er sich an die fragliche Nacht nicht mal erinnern. Er wusste nur noch, dass er mit grauenhaften Kopfschmerzen in einer fremden Wohnung aufgewacht war, die nach Schimmel stank. Dass ihm zwei Tage fehlten. Und dass etwas vorgefallen war, das die üblichen Wiedersehens-Exzesse mit Luc und Arthur, seinen Zimmergenossen von der FRONTEX-Akademie, in den Schatten stellte, weil die beiden ihm partout nichts sagen wollten.
„Kein Wunder, dass wir auf dem Zahnfleisch gehen, wenn du die Kohle für Highend-Nutten verbrennst.“
„Ist gut jetzt, J. Zieh das Ding an.“
Sie lachte. Das Tattoo pulsierte unangenehm, wo ihre Fingerspitze es berührt hatte. Bilder flackerten auf, kurze Fetzen ohne Zusammenhang. Weiß. Gold. Ein Pfeil. Eine Welle.
Er blinzelte.
Weiß... durchsichtig. Skalpell. Ein Streit. Wörter in einer fremden Sprache. „Dane?“
Hinter Glas. Alles ist...

„Daniel!“
... so weiß, dass es blendet. Gold. Goldene Drähte. Vibrieren bei jedem Atemzug. Es ist... Ein Stoß. Rotglühend. Der ... Schmerz...
„Dane!“
Er fing J’s Handgelenk, bevor sie ihn erneut ohrfeigen konnte.
„Lass los, verdammt! Du tust mir weh!“
Mit einem Ruck öffnete er die Finger, als hätte er sich verbrannt. Der Raum um ihn nahm wieder Konturen an, Jun Mi’s Gesicht, der Geruch nach Maschinenöl.
„Ich...“ Er rieb sich die Augen, vollkommen verwirrt. „Was ist passiert?“
„Du warst weggetreten. Hast du was genommen?“
Er schüttelte den Kopf. Die Bilder verblassten so schnell, dass er sich schon nicht mehr erinnern konnte. Wie ein Traum, der beim Aufwachen verfliegt. Das Pulsieren an seiner Hüfte verklang.
„Dan, das war gerade ziemlich gruselig.“
„Tut mir leid.“ Er fühlte sich, als wäre er ins Leere getreten und fünf Meter in die Tiefe gestürzt.
„Übrigens, Luna ist geladen und scharf.“ J zog eine Grimasse, als sich das Panzergewebe wie eine zweite Haut um ihren Körper straffte. Sie zog ihr Leinenhemd drüber und schloss die Knöpfe. „Habe ich erwähnt, dass ich Pickel von dem Scheiß kriege? Geht schon los. Dan, ich kann fühlen, wie sie wachsen!“
Er hob seinen Rucksack auf und umfasste ihre Schulter. „Auf geht’s.“
Wieder an Deck, warf er einen letzten Blick zur Brücke. Wenn man genau hinschaute, konnte man den schwachen blauen Widerschein des Kontroll-Panels sehen, auf dem jetzt die Autonomie-Schleife lief. Er öffnete die Tür zur Pilotenkanzel des SOL-Copters und zog sich ins Innere. J ließ sich neben ihm in den Copiloten-Sitz fallen. Er schaltete die Maschinen ein und setzte sich die Kopfhörer auf. Heulend lief der Rotor hoch. Er hörte die Unwucht, bevor er sie spürte.
Am Horizont ging die Sonne auf und überzog den Atlantik mit flammendem Gold.



_________________
Meine Bücher:
Engelsbrut (2009 Sieben, 2011 LYX) | Engelsjagd (2010 Sieben) | Engelsdämmerung (2012 Sieben)
Die dunklen Farben des Lichts (2012, SP)
Purpurdämmern (2013, Ueberreuter)
Sonnenfänger (2013, Weltbild)
Kill Order (2013 Sieben)
Choice / als Chris Portman (2014, Rowohlt)
Wie man ein Löwenmäulchen zähmt / als Eva Lindbergh (2016, Droemer Knaur)
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agu
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BeitragVerfasst am: 13.11.2018 20:21    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier die Gegenwarts-Variante...


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Eine Stunde vor Sonnenaufgang ...
Dane schleppt im Laufschritt die Kisten zum SOL-Copter. Ein Scheppern, ein metallisches Pang direkt vor seinen Füßen. Jun Mi’s Stimme von oben, gottverfluchte Scheiße! Sie flickt die Einschusslöcher auf der Kanzel und die Zeit sitzt ihnen im Nacken.
Eigentlich verirrten sich keine Piraten auf die Ascension-Route, aber seit FRONTEX letztes Jahr Freetown ausgeräuchert hat, ist alles anders. Seitdem liegt die ganze beschissene rote Flotte vor São Tomé und lauert auf Beute. Dane gratuliert sich zum Entschluss, an Bug und Stern großkalibrige Drehbassen mit Auto-Zielsuche installieren zu lassen, obwohl Jun Mi die Monster hasst. Zwei Tonnen Ballast, und wofür? Zum Wale schießen? J ist als Mechanikerin top, aber kennt die Mörder mit den rot bemalten Schnellboten nur vom Hörensagen. Bis gestern, jedenfalls.   
Er schnallt sich das Holster mit der Walther EPEX um und tauscht das blaue Magazin mit der Betäubungsmunition gegen eins von den roten. Der dünne Strahl von Jun Mi’s Stirnlampe schneidet wie ein Lichtschwert durchs Dunkel. Sie haben vorsichtshalber Positionslampen und Decksbeleuchtung ausgeschaltet. Das Intermezzo mit den Schnellbooten ist zwar fünf Stunden her, aber Dane will kein Risiko eingehen.
Jetzt ankern sie in einer Lagune an der Südspitze von Bioko, einer Vulkaninsel dreißig Meilen vor der kamerunischen Küste. Der perfekte Liegeplatz unter überhängenden Felsen, weder vom Meer her noch aus der Luft einsehbar. Der Freihandel gilt als Hochrisiko-Geschäft, aber Dane ist in den fünf Jahren, seit er zum ersten Mal die Festung Gibraltar passiert hat, nie ausgeraubt worden. Weil Vorsicht die Mutter der Porzellankiste ist.
Er hievt die letzte Kiste in den Laderaum, die mit dem roten Punkt, für die Jungs von der Hafenbehörde. Dann schlägt er mit der Faust auf den großen Knopf neben der Ladeluke. Die Formstahlplatte senkt sich mit hörbarem Knirschen. Er macht einen Schritt zurück und legt den Kopf in den Nacken.
"J, wie siehts aus da oben?"
Jun Mi beugt sich vor. Dane kneift die Augen zusammen, weil ihre Stirnlampe ihn blendet.
"Gleich fertig. Das hier hat einen Riss." Sie klopft mit den Fingerknöcheln auf ein Rotorblatt. "Hab’s mit FS-Folie umwickelt. Kann sein, dass sie jetzt unrund läuft. Musst sie einfach mit viel Gefühl fliegen." Sie lacht. Klingt irgendwie brüchig. Gar nicht wie J.
"Alles okay, Süße?"
Das Lichtschwert schwingt von ihm weg und sticht in den Himmel. Am Horizont löst sich ein dünner Streifen aus dem Schwarz und wird rasch breiter. Sonnenaufgang am Äquator. J springt von ihrem Rollgestell und zieht sich die Lampe vom Kopf. Dane mustert den Verband um ihren Oberarm, wo der Streifschuss eine fingertiefe Furche ins Fleisch gerissen hat. Auf dem Mull blüht eine kleine dunkle Stelle. "Glück gehabt, J."
"Tut fast nicht weh."
"Das ist das Neoangin. Lass es einfach in Ruhe."
"Ja Shit. Die hätten uns plattgemacht."
"Zum Glück hatten wir die größere Knarre."
Das bringt ihre Mundwinkel zum Zucken.
Sie grinsen sich an.
"Daniel Helgren, ich sage nie wieder was gegen deine bescheuerten Haubitzen."
Er dreht sich zur Blechkiste mit den Waffen und stopft ein paar mehr von den roten Magazinen in die Cargo-Taschen an den Oberschenkeln.
"Glaubst du, es wird gefährlich?"
Er wirft ihr einen Taser zu. "Keine Ahnung."
Normalerweise ist die Tour von Douala nach Kumba ein Kindergeburtstag. Normalerweise tauscht er beim Anflug auf die Flugsicherungszone in Douala ein paar Frotzeleien mit dem Tower und geht mit den Jungs Kaffee trinken, während sie auf die Freigabe warten. Die Typen von der Bodenkontrolle würden die Kiste mit dem roten Punkt einkassieren, die Dane randvoll mit Scheiß vollgestopft hat, den sie hier, im Herzen der Finsternis, schmerzlich vermissen. Schottischen Whisky, haltbare Wurst, fünfzig Kilo Schokoriegel, zwanzig Packungen Kartoffel-Chips, aktuelle Hollywood-Holo's, Vidporn-Heftchen für alle Geschmacksrichtungen, zwanzigtausend Euro-Dollars in bar. Und ein Paola-Manolo-Kleid für die kleine Dédé vom Regionalchef. Dafür lassen sie den Rest der Ladung in Ruhe und kontrollieren ihn auf der Rücktour nicht. Normalerweise. Aber nach der Schießerei auf offenem Meer ist er nicht sicher, ob in Douala noch alles normal ist. Über die regulären Kanäle gibt es natürlich keine Informationen. Südlich der Mittelmeer-Mauer beginnt das große, schwarze Loch. Dass FRONTEX-Söldner die Piratenhäfen in Liberia ausgehoben haben, weiß er nur, weil er mit Brüdern aus den alten Zeiten gelegentlich was trinken geht. Und dass die rote Flotte sich nach São Tomé zurückgezogen hat, sind Gerüchte. An denen aber wohl was dran ist, dem Überfall nach zu urteilen.
„Na los.“ Er hievt sich die Waffenkiste auf die Schulter und stößt mit einem Fuß die Luke zum Unterdeck auf. „Schalt’ alles scharf. Und nimm das Neoangin mit. In zwei Stunden wirst du’s brauchen.“
„Du musst es ja wissen“, frotzelt sie. „Gelernt ist gelernt, was?“
„Halt die Klappe, J.“ Mit dem Ellbogen schaltet er das Licht an und balanciert die Kiste runter in die Werkstatt. So nennen sie die verwinkelte Kammer zwischen Maschinenraum und Treibstofflager, in der Jun Mi den Großteil ihrer Zeit verbringt.


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Kiara
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BeitragVerfasst am: 13.11.2018 21:07    Titel: Antworten mit Zitat

Gelesen... und die Vergangenheits-Variante bevorzugt. Warum - vielleicht komm ich noch dazu.

PS: Find ich gut, dass du auf die Vorgaben "xxxst..". Schreib das, was in deinem Kopf ist, und nicht, was sich gerade gut vermarkten lässt.
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hobbes
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Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
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BeitragVerfasst am: 13.11.2018 21:36    Titel: Antworten mit Zitat

Hi agu,

es könnte natürlich daran liegen, dass das überhaupt nicht mein Genre ist. Eventuell aber auch nicht, darum lasse ich einfach mal hier, warum es mich ziemlich schnell heraushaut. Nämlich wegen der Häufung an Wörtern, bei denen ich Hä? oder einfach nur ? denke. Das ist hauptsächlich so etwas wie SOL-Copter, Ascension-Route, FRONTEX, Freetown, rote Flotte, São Tomé,  Bug und Stern großkalibrige Drehbassen, ...
Dann kommen auch noch die Namen hinzu, Dane und Jun Mi sind für mich jetzt nicht sofort eingänglich und tatsächlich habe ich mich bei Dane gleich zwei Mal verlesen, was dann eben auch zu einem ? führte.

Mir ist schon klar - Science Fiction, da habe ich es nicht nur mit den üblichen Alltagsbegriffen zu tun, aber mit diesem geballten Anfang bin ich total überfordert. Kommt noch dazu, dass gefühlt jedes zweite Wort "gottverfluchte Scheiße" ist. Womit ich üblicherweise eher kein Problem habe, aber - gleiches Argument: gerade zum Einstieg in der geballten Form schreckt es mich ab.

Vielleicht kommt das auch so geballt bei mir an, weil du mit den ersten Sätzen totalen Stress verbreitest. Das ist ja eigentlich was Gutes, die, bzw. Dane ist ja tatsächlich im Stress und genau das kommt bei mir an. Nur führt es leider nicht dazu, dass ich weiterlesen will.
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Michel
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Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 13.11.2018 22:22    Titel: Antworten mit Zitat

Neuer Text von Dir! Ich freu mich.

Im Gegensatz zu Hobbes mag ich das ganze Techie-Gedöns sogar dann, wenn ich keinen Schimmer davon habe. Bei mir erzeugst Du damit dieses Gefühl von Authentizität, das Bild vor meinem inneren Auge bekommt einen dystopischen Rostschleier. Gefällt mir, übrigens auch ohne gottverdammte Scheiße in Zeile drei.

Ein paar Dinge sind mir unklar. Die Zeit sitzt ihnen im Nacken, aha - aber wo taucht das im weiteren Text wieder auf? So wirkt es behauptet, nicht belegt. Die kurzhubigen Dialoge ("Ja Shit") nehmen etwas viel Platz ein, auch optisch - ist vielleicht Geschmackssache. Der Genitiv-Apostroph in Sun Mi's Namen ist mir mehrfach sauer aufgestoßen.

Noch mal zum Techie-Kram: Einige der Begriffe lassen eine Menge anklingen. Frontex (Behörde zum Schutz der EU-Außengrenzen) hast Du sicher sehr gezielt geparkt - dass die fremde Häfen einäschern, lässt für die EU nichts Gutes erwarten. Drehbassen habe ich noch nie gehört, aber schnell ein Bild vor Augen - Geschütztürme auf Kriegsschiffen.

Wirklich gelungen finde ich den Tauma-Flashback (zumindest funktioniert er wie ein Trauma-Flashback): Blitzartig einschießende Wahrnehmung, Einfrieren, Jetzt-Qualität - finde ich ausgesprochen gelungen, ohne zu übertreiben.

Präteritum liest sich für mich deutlich angenehmer. Präsens mag dichter dran sein, aber einen ganzen Roman lang bräuchte ich dieses Bisschen mehr Distanz, die das Präteritum mitbringt.

Gefällt mir. Sehr.
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Tape Dispenser
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Beiträge: 278



BeitragVerfasst am: 13.11.2018 23:31    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Agu,

ich kenne mich im Genre eigentlich ganz gut aus.

Die Szene ist aber eher weniger was für mich. Zu viele Namen und Nebensächlichkeiten, die - zwar gut verpackt – mir aber zu viel sind -zumindest für einen Anfang.
Eindeutig Action Driven, was ich zwar mag, aber nicht in dieser geballten Form und dann eher Hard-SF. Das Setting erinnert mich doch zu stark an Schmuggler mit schwer bewaffneten Schnellboot im Jahr 2100. Spielt vermutlich ausschließlich auf der Erde mit vermutlich dystopischen Elementen.

Abtörnend ist, wenn ich Sachen lese wie "Alles okay, Süße?" oder "Echt jetzt?" Das ist mir zu gewollt umgangssprachlich. Auf dem Büchertisch würde ich mich für etwas anderes entscheiden, weil ich befürchten würde, dass es genau in diesem Stil und Tempo weitergeht. Das wäre mir zu anstrengend und die Dialoge waren mir zu flach. Da würde ich mir eine ruhigere Exposition wünschen, nicht 180 bpm, sondern vielleicht 120.

Das Präteritum ziehe ich eindeutig vor. Der Text ist schnell genug, den muss man nicht noch mehr beschleunigen.
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azareon35
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BeitragVerfasst am: 14.11.2018 04:02    Titel: Re: 2121 // Freebooter Antworten mit Zitat

Yo Agu,

dann will ich mich auch mal zu dem Text äußern. Ich beziehe mich auf die Präteritum-Variante, die liest sich für mich besser.
(Präsens ginge auch, aber ich würde Präteritum bevorzugen)

agu hat Folgendes geschrieben:

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1

Eine Stunde vor Sonnenaufgang ...
Dane Havelock the? schleppte im Laufschritt die Kisten zum SOL-Copter. Ein Scheppern, ein metallisches Pang Da ist was doppeltgemoppelt. Entscheid dich für eins. vor seinen Füßen. Jun Mi’s Stimme von oben, so eine gottverfluchte Scheiße. Ich denke mal, dass Jun Mi das sagt, aber dann würde ich es in wörtliche Rede setzen. Im Moment klingt es irreführend. Sie flickte die Einschusslöcher oben auf der Kanzel und die Zeit saß ihnen im Nacken. Ehhh ... das ist etwas problematisch. Ich weiß, was du sagen willst, nur dichtest du der Zeit da greifbare Züge an und das klingt komisch. Schreib lieber die Zeit lief ihnen davon.
Eigentlich verirrten sich keine Piraten auf die Ascension-Route, aber seit FRONTEX letztes Jahr Freetown ausgeräuchert hatte, war alles anders. Seitdem lag die ganze beschissene rote Flotte vor São Tomé und lauerte auf Beute. Dane gratulierte sich zum Entschluss, an Bug und Stern Heck Ja, ich weiß, dass Stern im Englischen Achtern heißt, aber die gängige Bezeichnung ist Heck. großkalibrige Drehbassen mit Auto-Zielsuche installieren zu lassen, obwohl Jun Mi die Monster hasste. Zwei Tonnen Ballast, und wofür? Zum Wale schießen? J war als Mechanikerin top, aber kannte die Mörder mit den rot bemalten Schnellboten nur vom Hörensagen. Bis gestern, jedenfallsÜberflüssig 
Er schnallte sich das Holster mit der Walther EPEX um und tauschte das blaue Magazin mit der Betäubungsmunition gegen eins von den roten. Der dünne Strahl von Jun Mi’s Stirnlampe schnitt wie ein Lichtschwert Wink Vorsicht, das ist trademarked. durchs Dunkel. Sie hatten vorsichtshalber Positionslampen und Decksbeleuchtung ausgeschaltet. Das Intermezzo mit den Schnellbooten war zwar fünf Stunden her, aber Dane wollte kein Risiko eingehen.
Jetzt ankerten sie in einer Lagune an der Südspitze von Bioko, einer Vulkaninsel dreißig Meilen vor der kamerunischen Küste. Der perfekte Liegeplatz unter überhängenden Felsen, weder vom Meer her noch aus der Luft einsehbar. Der Freihandel galt als Hochrisiko-Geschäft, aber Dane war in den fünf Jahren, seit er zum ersten Mal die Festung Gibraltar passiert hatte, nie ausgeraubt worden. Weil Vorsicht die Mutter der Porzellankiste ist.
Er hievte die letzte Kiste in den Laderaum, die mit dem roten Punkt, für die Jungs von der Aufsichtsbehörde. Dann schlug er mit der Faust auf den großen Knopf neben der Ladeluke. Die Formstahlplatte senkte sich mit hörbarem Knirschen. Er machte einen Schritt zurück und legte den Kopf in den Nacken.
"J, wie siehtApostrophs aus da oben?"
Jun Mi beugte sich vor. Dane kniff die Augen zusammen, weil ihre Stirnlampe ihn blendete.
"Gleich fertig. Das hier hat einen Riss." Sie klopfte mit den Fingerknöcheln auf ein Rotorblatt. "Hab’s mit FS-Folie umwickelt. Kann sein, dass sie jetzt unrund läuft. Musst sie einfach mit viel Gefühl fliegen." Sie lachte. Es klang irgendwie Bitte keine vagen Füllwörter brüchig. Gar nicht wie J.
"Alles okay, Süße?"
Das Lichtschwert Hahaha. schwang von ihm weg und stach in den Himmel. Am Horizont löste sich ein dünner Streifen aus dem Schwarz und wurde rasch breiter. Sonnenaufgang am Äquator. J sprang von ihrem Rollgestell und zog sich die Lampe vom Kopf. Dane musterte den Verband um ihren Oberarm, wo der Streifschuss eine fingertiefe Furche ins Fleisch gerissen hatte. Auf dem Mull war eine kleine dunkle Stelle. "Glück gehabt."
"Tut fast nicht weh."
"Das ist das Neoangin. Lass es in Ruhe." Neoangin? Dieses Halswehmittel? Da kannst du dir bestimmt was besseres ausdenken. (im Zweifelsfall nimm Endorphine, das passt immer) Außerdem ist das eine eingetragene Marke. Sowas ist immer mit Vorsicht zu genießen.
"JaKomma Shit. Die hätten uns plattgemacht."
"Zum Glück hatten wir die größere Knarre."
Das brachte ihre Mundwinkel zum Zucken.
Sie grinsten sich an.
"Daniel Helgren, ich sage nie wieder was gegen deine bescheuerten Haubitzen." Okay, ich weiß, dass es sich auf die Waffen am Copter bezieht, aber das klingt, als würde sie über seine Oberarme reden. (Zugegeben, im Englischen kann 'Guns' auch für Muskeln (oder Brüste) stehen)
Er drehte er sich zur Blechkiste mit den Waffen und stopfte ein paar mehr von den roten Magazinen in die Cargo-Taschen an den Oberschenkeln.
"Glaubst du, es wird gefährlich?"
Er warf ihr einen Taser zu. "Keine Ahnung." Zu nichtssagend. Da braucht es einen cooleren Spruch. Z.B. "Das Ungefährlichste ist immer der abgeschlossene Auftrag."
Normalerweise war die Tour von Douala nach Kumba ein Kindergeburtstag. Normalerweise tauschte er beim Anflug auf die Flugsicherungszone in Douala ein paar Frotzeleien mit dem Tower und ging mit den Jungs Kaffee trinken, während sie auf die Freigabe warteten. Die Typen von der Bodenkontrolle würden die Kiste mit dem roten Punkt einkassieren, die Dane randvoll mit Scheiß Aufgrund der folgenden Aufzählung wäre sowas wie Kinkerlitzchen oder Luxusartikel passender. Oder Annehmlichkeiten. vollgestopft hatte, den sie hier, im Herzen der Finsternis, schmerzlich vermissten. Schottischen Whisky, haltbare Wurst, fünfzig Kilo Schokoriegel, zwanzig Packungen Kartoffel-Chips, aktuelle Hollywood-Holo's, Vidporn-Heftchen für alle Geschmacksrichtungen, zwanzigtausend Euro-Dollars in bar. Und ein Paola-Manolo-Kleid für die kleine Dédé vom Regionalchef. Dafür ließen sie den Rest der Ladung in Ruhe und kontrollierten ihn auf der Rücktour nicht. Normalerweise. Aber nach der Schießerei auf offenem Meer war er nicht sicher, ob in Douala noch alles normal war. Über die regulären Kanäle gab es natürlich keine Informationen. Südlich der Mittelmeer-Mauer begann das große, schwarze Loch. Dass FRONTEX-Söldner die Piratenhäfen in Liberia ausgehoben hatten, wusste er nur, weil er mit Freunden aus den alten Zeiten gelegentlich was trinken ging. Und dass die rote Flotte sich nach São Tomé zurückgezogen hatte, waren Gerüchte. An denen aber wohl was dran war, dem Überfall nach zu urteilen.
„Na los.“ Er hievte sich die Waffenkiste auf die Schulter und stieß mit einem Fuß die Luke zum Unterdeck auf. „Schalt’ alles scharf. Und nimm das Neoangin mit. In zwei Stunden wirst du’s brauchen.“
„Gelernt ist gelernt, was?“
„Halt die Klappe, J.“ Mit dem Ellbogen schaltete er das Licht an und balancierte die Kiste nach unten in die Werkstatt. So nannten sie die verwinkelte Kammer zwischen Maschinenraum und Treibstofflager, in der Jun Mi den Großteil ihrer Zeit an Bord verbrachte.
J’s Schritte verloren sich in Richtung Brücke, wo sie Luna in den Überwachungsmodus versetzen würde. Luna war ein mittelgroßer Überseefrachter, der sich zwar auch manuell steuern ließ, aber eigentlich für autonomen Betrieb gebaut war. Was den Vorteil hatte, dass Luna sich sehr gut gegen ungebetene Gäste verteidigen konnte.
Mit einem Tritt beförderte Dane die Waffenkiste unter die Werkbank, damit sie nicht sofort ins Auge fiel. Was natürlich Blödsinn war, denn niemand außer ihm und J setzte einen Fuß auf dieses Schiff. Reflex. Genau wie das Kampfmesser, das er nach kurzem Zögern wieder herausfischte und am Knöchel unter dem Hosenbein befestigte. Für einen Moment fühlte er sich wie ein paranoider Idiot mit PTBS. Er flog nach Kumba, um Blechtöpfe, abgelaufene Dauerkekse und Second-Hand-Klamotten gegen Kasit zu tauschen, und rüstete sich wie für einen Kriegseinsatz? Wieso ist das als Frage formuliert? Kommt als Aussage besser rüber. Aber dann kroch das flaue Gefühl zurück in seinen Bauch. Die Magenschmerzen, als er Jun Mi’s Streifschuss verarztete und sich vorstellte, die Kugel hätte sie ein Stück weiter links getroffen. J kannte das nicht, Typen mit scharfen Waffen und all diesen Scheiß. J war ein Kind aus gutem Hause. Ihre Erfahrung mit Gewalt beschränkte sich auf einen Jiu-Jitsu-Kurs und gelegentliche Rangeleien mit der Polizei auf Demos gegen die Umweltsünden der Großkonzerne. Sie stand auf afrikanische Bretterbudenromantik und den Hauch von Abenteuer, der die abgefuckten Bars in Douala umwehte. Aber ihr gemeinsames kleines Freihandelsunternehmen lief nicht deshalb so reibungslos, weil die Südhalbkugel der Welt sich plötzlich in einen friedlichen Abenteuerspielplatz verwandelt hatte. Sondern weil Dane sich auf seine Instinkte verließ, weil er keine Risiken einging, weil er vorbereitet war.
Er griff nach seinem Rucksack, fuhr sich mit einer Hand über die Bartstoppeln auf Kinn und Wangen, holte tief Luft. Dann ließ er den Rucksack wieder fallen, öffnete einen Blechspind und holte die KV-Panzer heraus, die ein kleines Vermögen gekostet hatten, weil sie auch Uranprojektile aufhielten.
J tauchte in der Tür auf. Beim Blick auf die Panzer verdrehte sie die Augen. „Echt jetzt?“
Er hielt ihr eins der Shirts hin. „Zieh’s an.“
„Ich krieg Ausschlag von den Scheißdingern.“
„Lieber Ausschlag als Tod.“
Ihre Wimpern flackerten, ein Zeichen, dass sie angespannt war. Dane zog sein Hemd aus. J hob eine Braue. „Hübsch.“
Er folgte ihrem Blick nach unten, wo zwischen seinen Bauchmuskeln die dünne Haarlinie verschwand. „Nichts, was du nicht schon gesehen hättest.“
„Nee, das da ist neu.“ Sie stach ihm spielerisch einen Finger in die Seite, dass er zusammenzuckte. „Hast du’s in Nantes krachen lassen?“
Mit einem Ruck zog er das schussfeste Gewebe nach unten, so dass es das Tattoo bedeckte. Natürlich würde J ihn die nächsten vier Wochen damit aufziehen. Dabei konnte er sich an die fragliche Nacht nicht mal erinnern. Er wusste nur noch, dass er mit grauenhaften Kopfschmerzen in einer fremden Wohnung aufgewacht war, die nach Schimmel stank. Dass ihm zwei Tage fehlten. Und dass etwas vorgefallen war, das die üblichen Wiedersehens-Exzesse mit Luc und Arthur, seinen Zimmergenossen von der FRONTEX-Akademie, in den Schatten stellte, weil die beiden ihm partout nichts sagen wollten.
„Kein Wunder, dass wir auf dem Zahnfleisch gehen, wenn du die Kohle für Highend-Nutten verbrennst.“
„Ist gut jetzt, J. Zieh das Ding an.“
Sie lachte. Das Tattoo pulsierte unangenehm, wo ihre Fingerspitze es berührt hatte. Bilder flackerten auf, kurze Fetzen ohne Zusammenhang. Weiß. Gold. Ein Pfeil. Eine Welle.
Er blinzelte.
Weiß... durchsichtig. Skalpell. Ein Streit. Wörter in einer fremden Sprache. „Dane?“
Hinter Glas. Alles ist...

„Daniel!“
... so weiß, dass es blendet. Gold. Goldene Drähte. Vibrieren bei jedem Atemzug. Es ist... Ein Stoß. Rotglühend. Der ... Schmerz...
„Dane!“
Er fing J’s Handgelenk, bevor sie ihn erneut ohrfeigen konnte.
„Lass los, verdammt! Du tust mir weh!“
Mit einem Ruck öffnete er die Finger, als hätte er sich verbrannt. Der Raum um ihn nahm wieder Konturen an, Jun Mi’s Gesicht, der Geruch nach Maschinenöl.
„Ich...“ Er rieb sich die Augen, vollkommen verwirrt. „Was ist passiert?“
„Du warst weggetreten. Hast du was genommen?“
Er schüttelte den Kopf. Die Bilder verblassten so schnell, dass er sich schon nicht mehr erinnern konnte. Wie ein Traum, der beim Aufwachen verfliegt. Das Pulsieren an seiner Hüfte verklang.
„Dan, das war gerade ziemlich gruselig.“
„Tut mir leid.“ Er fühlte sich, als wäre er ins Leere getreten und fünf Meter in die Tiefe gestürzt.
„Übrigens, Luna ist geladen und scharf.“ J zog eine Grimasse, als sich das Panzergewebe wie eine zweite Haut um ihren Körper straffte. Sie zog ihr Leinenhemd drüber und schloss die Knöpfe. „Habe ich erwähnt, dass ich Pickel von dem Scheiß kriege? Geht schon los. Dan, ich kann fühlen, wie sie wachsen!“
Er hob seinen Rucksack auf und umfasste ihre Schulter. „Auf geht’s.“
Wieder an Deck, warf er einen letzten Blick zur Brücke. Wenn man genau hinschaute, konnte man den schwachen blauen Widerschein des Kontroll-Panels sehen, auf dem jetzt die Autonomie-Schleife lief. Er öffnete die Tür zur Pilotenkanzel des SOL-Copters und zog sich ins Innere. J ließ sich neben ihm in den Copiloten-Sitz fallen. Er schaltete die Maschinen ein und setzte sich die Kopfhörer auf. Heulend lief der Rotor hoch. Er hörte die Unwucht, bevor er sie spürte.
Am Horizont ging die Sonne auf und überzog den Atlantik mit flammendem Gold. Ohne Flachs, das ist ein cooles Ende für das Kapitel. Sehr gut.


Also, wir haben eine Cyberpunk-Dystopie in Neo-Afrika. Das ist eine coole und interessante Grundidee.

Was mich stört, ist die Sprache, die ist noch nicht rotzig genug. Mit den Kraftausdrücken hab ich keine Probleme, das ist Cyberpunk, da flucht jeder wie ein Bierkutscher. Im vorliegenden Text fehlt mir da der Rhythmus aber noch, es klingt zu gekünstelt.

Alles andere hab ich im Text angemerkt, wenn du Fragen hast, einfach stellen.

Azareon


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agu
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BeitragVerfasst am: 14.11.2018 12:58    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallihallo,
danke für die Rückmeldungen!
Die Präferenz für's Präteritum fällt ja recht einstimmig aus Smile

Vielleicht noch was zum Setting:
Ja, es ist ein SciFi, der nur auf der Erde spielt, ungefähr 100, vielleicht 150 Jahre in der Zukunft. Damit ist zwangsläufig ein Stück Cyberpunk mit drin (auf jeden Fall das Motiv der allmächtigen Corporations). Dystopie - jain, es gab keine große Katastrophe, die alles zurück auf Null setzt oder ähnliches, sondern das Setting nimmt nur eine - teils vielleicht extreme - Weiterentwicklung bestimmter Trends, Gesellschaftsströmungen und Technologien der heutigen Zeit an. Ein paar davon auch dystopisch. Aber nicht alle.
Es gibt einen signifikanten Action-Anteil, aber zur Balance auch ruhige Szenen - die Handlung ist eine viermal ineinander verdrehte Detektivgeschichte, die rückwärts vom Prota entwirrt werden muss, da braucht's auch Zeit zum Suchen und Denken.
 


@Hobbes und Michel -
Techie-Gedöns und die vielen Begrifflichkeiten. Ja ich weiß, daran scheiden sich die Geister. Man kann die Fremdartigkeit langsam einführen und für jedes Element den Kontext erklären, oder den Leser einfach reinwerfen und in Kauf nehmen, dass sich etliche Details vielleicht erst deutlich später im Buch erschließen. Ich persönlich bin ein Fan vom zweiten Ansatz und werte dieses Gefühl von Authentizität und Unmittelbarkeit höher, als die anfängliche Unklarheit über einige der Elemente. Bin mir aber bewusst, dass das nicht jedermanns Sache ist.
Ich bin seit Anbeginn der Zeit glühender Fan von z.B. Richard Morgan (der Altered Carbon-Autor, wem der Name nichts sagt), der das ja auf die Spitze treibt und extrem tief im POV seines erzählenden Protagonisten drinsteckt, d.h. er wirft dem Leser nicht nur 50 unbekannte Technologien oder Sachverhalte auf den ersten 10 Seiten zu, sondern tut das auch noch mit der schnoddrigen Umgangserzählstimme des Protas im Quasi-Straßenslang, d.h. die Hälfte der Begriffe ist verkürzt, man kann sich also nicht mal aus der Wortschöpfung die Bedeutung erschließen.
Ich schätze, an der Stelle kommt die Zielgruppenüberlegung ins Spiel. Ich vermute, man kommt umso besser mit diesem Ansatz klar, je intensiver und länger man sich mit dem Genre beschäftigt. Soll heißen, als routinierter SciFi-Leser ist das OK, wenn ich aber einmal in 10 Jahren einen SciFi-Titel in die Hand nehmen, wahrscheinlich eher nicht.

@Michel
Mit dem Genitiv-Apostroph bin ich auch noch unschlüssig. Um ihn loszuwerden, müsste ich J's Namen ändern... ich überlege noch.
Die gottverdammte Scheiße am Anfang habe ich inzwischen gestrichen smile

FRONTEX ist Absicht, ja.
2121 zu einer der weltweit größten Militärorganisationen angewachsen, inzwischen teilprivatisiert und damit den Aktionären verpflichtet. So wie auch diverse Entwicklungshilfe-Konzerne.


@Tape Dispenser
Guter Punkt, das mit der Umgangssprachlichkeit. Ich mag diese Elemente, weil sie Natürlichkeit in die Dialoge bringen, aber hier sind sie vielleicht ein bisschen zu dick drin - ich habe sie mal probeweise entschärft, und es fühlt sich tatsächlich besser an.

Interessant, dass Du die Szene als sehr schnell empfindest. Ich war mir nicht mal sicher, ob sie nicht noch mehr Drive vertragen könnte. Aber ich habe sie auch schon so oft editiert und nachverdichtet, dass ich inzwischen betriebsblind bin.


@Azareon
Danke für die Detailkritik, schaue ich durch.

Das Problem mit Begrifflichkeiten unter Trademark besteht meines Wissens in diesem Kontext allerdings nicht; das fällt unter Zitat - denn genau das ist es ja, eine popkulturelle Referenz, wie sie quer durch alle Bücher ständig gebraucht wird. In die gleiche Kerbe fällt ja auch die Verwendung realer Namen, Örtlichkeiten, Produktmarken usw., die dem Text ihre Authentizität verleihen.
Schwierig wird es erst, wenn eine Marke entweder verunglimpft wird (ist Auslegungssache, wo die anfängt, kann aber ein Ansatz für ein Begehren des Markeninhabers auf Unterlassung sein), oder wenn sie offensichtlich zut Verkaufsförderung genutzt wird, also z.B. im Buchtitel erscheint (dann kann es ein Fall für's Wettbewerbsrecht werden).


schöne Grüße -
Andrea


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Engelsbrut (2009 Sieben, 2011 LYX) | Engelsjagd (2010 Sieben) | Engelsdämmerung (2012 Sieben)
Die dunklen Farben des Lichts (2012, SP)
Purpurdämmern (2013, Ueberreuter)
Sonnenfänger (2013, Weltbild)
Kill Order (2013 Sieben)
Choice / als Chris Portman (2014, Rowohlt)
Wie man ein Löwenmäulchen zähmt / als Eva Lindbergh (2016, Droemer Knaur)
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Kätzchen
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BeitragVerfasst am: 14.11.2018 15:56    Titel: Antworten mit Zitat

Ich mochte den Text, genau mein Ding.
Es wirkt "echt" und das mag ich ganz besonders daran. Was ich aber auch finde:

Zitat:
Was mich stört, ist die Sprache, die ist noch nicht rotzig genug. Mit den Kraftausdrücken hab ich keine Probleme, das ist Cyberpunk, da flucht jeder wie ein Bierkutscher. Im vorliegenden Text fehlt mir da der Rhythmus aber noch, es klingt zu gekünstelt.


Die Dialoge haben eine absolut genial richtige Richtung, aber sie sind noch nicht locker genug. Ich kaufe sie dir nur
teilweise ab. Mein Vorschlag wäre, das Rüde, Rotzige auch in Danes sonstiger Sprache einzubinden. Wenn er denkt,
erzählt, denn deine Perspektive scheint bisher sehr, sehr nah an Dane. Das kannst du nutzen, nicht nur in Dialogen.
Das "gottverdammt" ist perfekt, es ist genau was ich meine.
Ich kaufe dir den rauen Scheiß erst ab, wenn Dane ihn dir abkauft.

Sehr nah dran an etwas, das mir wirklich gefällt.
Es ist dieser winzige letzte Kniff, noch etwas mehr glaubwürdige Lockerheit einzubringen.

Dennoch sehr gerne gelesen.


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BeitragVerfasst am: 14.11.2018 19:46    Titel: Antworten mit Zitat

agu hat Folgendes geschrieben:

Ich bin seit Anbeginn der Zeit glühender Fan von z.B. Richard Morgan (der Altered Carbon-Autor, wem der Name nichts sagt), der das ja auf die Spitze treibt und extrem tief im POV seines erzählenden Protagonisten drinsteckt, d.h. er wirft dem Leser nicht nur 50 unbekannte Technologien oder Sachverhalte auf den ersten 10 Seiten zu, sondern tut das auch noch mit der schnoddrigen Umgangserzählstimme des Protas im Quasi-Straßenslang, d.h. die Hälfte der Begriffe ist verkürzt, man kann sich also nicht mal aus der Wortschöpfung die Bedeutung erschließen.
Ich schätze, an der Stelle kommt die Zielgruppenüberlegung ins Spiel. Ich vermute, man kommt umso besser mit diesem Ansatz klar, je intensiver und länger man sich mit dem Genre beschäftigt. Soll heißen, als routinierter SciFi-Leser ist das OK, wenn ich aber einmal in 10 Jahren einen SciFi-Titel in die Hand nehmen, wahrscheinlich eher nicht.

Ein weiterer Fan von Richard Morgan, wie schön. Daumen hoch (Ich denke immer, ich bin damit alleine)
An das Unsterblichkeitsprogramm hat mich dein Text auch erinnert, aber du bist noch etwas von der Authentizität entfernt. Wie Kätzchen gesagt hat, deine Sprache ist noch zu verkrampft.Es klingt nach einem Werk mit FSK 12, welches unbedingt auf FSK 16 oder 18 getrimmt werden soll.

agu hat Folgendes geschrieben:

Das Problem mit Begrifflichkeiten unter Trademark besteht meines Wissens in diesem Kontext allerdings nicht; das fällt unter Zitat - denn genau das ist es ja, eine popkulturelle Referenz, wie sie quer durch alle Bücher ständig gebraucht wird. In die gleiche Kerbe fällt ja auch die Verwendung realer Namen, Örtlichkeiten, Produktmarken usw., die dem Text ihre Authentizität verleihen.

Ich hab nichts gegen K-Mart Realismus. Ich wollte das mit dem Trademark nur anmerken. Mein Problem ist auch mehr, dass ich Neoangin als Analgetikum nicht für voll nehmen kann. Das sind Halstabletten, ich kann meinen Unglauben nicht weit genug aufheben, um zu akzeptieren, dass sie die Schmerzen einer Schussverletzung betäuben. Deswegen mein Vorschlag mit Endorphinen.


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BeitragVerfasst am: 14.11.2018 19:49    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo agu,

Gerne habe ich deinen Text gelesen, da ich selber SF Fan bin und dieses Genre ja selten und meist als Dystopie auftaucht.

Du schreibts gekonnt und flüssig und auch die Dialoge sind nicht schlecht. Leider muss ich einen Punkt kritisieren. Der Plot und auch Stil und  Handlung erzeugen in mir kein SF Gefühl. Irgendwie war ich immer in einem Freibeuterfilm gefangen und sah Kirk Douglas mit der Drehbasse (kleines Vorderladergeschütz auf Drehestell mit Handgriff) auf Piraten feuern.


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Phantastik beschreibt ungewöhnliche Dinge (leider m.M.) meist gewöhnlich, man erfährt fast nicht über fast alles.

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BeitragVerfasst am: 14.11.2018 22:14    Titel: Antworten mit Zitat

Zum Thema Umgangssprachlichkeit ist mir noch eingefallen, dass es auf mich auch nicht so besonders innovativ wirkt, wenn du deine Protagonisten im heutigen "Slang" sprechen lässt. Irgendjemand hat mal über (glaube ich) Arthur C. Clarke (frühe US SF) geschrieben, seine Charaktere würden sprechen wie Versicherungsvertreter der 60er Jahre. Löogsih, weil er es eben damals geschrieben hat.
William Gibsons "Neuromancer" war vielleicht damals so erfolgreich, weil er  Begriffe wie Sprawl oder Cyber und was ich noch alles bekannt gemacht hat. Das war auch umgangssprachlich, aber eben neu.
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agu
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BeitragVerfasst am: 05.03.2019 20:39    Titel: 2121 | Freebooter pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo ihr Lieben,

ich bin dran geblieben, auch dank eures Feedbacks ... irgendwie ein gutes Gefühl, zum ersten Mal seit 4 Jahren wieder etwas zu Papier zu bringen, aus dem sich endlich die Umrisse des ganzen Romans formen. Inzwischen bin ich durch die ersten 100 Seiten durch und habe die Story halbwegs rund.

Stichworte:
SciFi-Thriller | Character-driven, recht actionlastig | spielt in 2123 auf der Erde.
Dank Klimawandel ist sind weite Teile Afrikas verwüstetes Land ohne Staatsgefüge, vom Rest der Welt seit 50 Jahren abgeschnitten. Um Europa zieht sich eine (fast) unüberwindbare Mauer, Neo-Kolonialismus durch Konzerne ist ein Thema, der Protagonist ist Freihändler, tauscht noch brauchbaren Müll aus Europa gegen seltene Rohstoffe in Zentralafrika. Aus dem Ruder gelaufene, pränatale Genmanipulation (Designer-Babys) und fragwürdige Medizintechnik spielen eine wichtige Rolle im Plot.


Vielleicht hat der eine oder andere noch einmal Lust, über den Einstieg zu lesen - er ist nun um einiges runder geschliffen (jedenfalls war das mein Ansinnen).

Ich freue mich sehr über Meinungen und Feedback. Detailkritik auf Kommafehler-Level braucht's eher noch nicht, da muss ich am Ende ohnehin noch mal drüber.

Schöne Grüße,
Andrea





Eine Stunde vor Sonnenaufgang ...
Daniel schleppte im Laufschritt die Kisten zum SOL-Copter. Ein Scheppern, ein metallisches Pang vor seinen Füßen. Yuri’s Stimme von oben, eine wüste Schimpfkanonade. Sie flickte die Einschusslöcher auf der Kanzel. Die Zeit saß ihnen im Nacken.
Eigentlich verirrten sich keine Piraten in die Gegend, aber seit FRONTEX letztes Jahr Freetown ausgeräuchert hatte, war alles anders. Seitdem lag die ganze beschissene rote Flotte vor São Tomé und lauerte auf Beute. Daniel gratulierte sich zum Entschluss, an Bug und Stern großkalibrige Drehbassen mit Auto-Zielsuche installieren zu lassen, obwohl Yuri die Monster hasste. Zwei Tonnen Ballast, und wofür? Zum Wale schießen? Als Mechanikerin war sie top, aber die Mörder mit den rot bemalten Schnellbooten kannte sie nur vom Hörensagen. Bis gestern, jedenfalls.
Er schnallte sich das Holster mit der Walther EPEX um und tauschte das blaue Magazin mit der Betäubungsmunition gegen eins von den roten. Der dünne Strahl von Yuri’s Stirnlampe schnitt wie ein Lichtschwert durchs Dunkel. Sie hatten vorsichtshalber Positionslampen und Deckbeleuchtung ausgeschaltet. Das Intermezzo mit den Schnellbooten war zwar fünf Stunden her, aber Daniel wollte kein Risiko eingehen.
Jetzt ankerten sie in einer Lagune an der Südspitze von Bioko, einer Vulkaninsel dreißig Meilen vor der kamerunischen Küste. Ein perfekter Liegeplatz unter überhängenden Felsen, weder vom Meer noch aus der Luft einsehbar. Der Freihandel galt als Hochrisiko-Geschäft, aber Daniel war in den fünf Jahren, seit er Erkkis Urne unter einem Jakaranda-Baum in Porto vergraben hatte, nie ausgeraubt worden. Weil Vorsicht die Mutter der Porzellankiste ist.
Er hievte die letzte Kiste in den Laderaum, die mit dem roten Punkt, für die Jungs von der Aufsichtsbehörde. Dann schlug er mit der Faust auf den großen Knopf neben der Ladeluke. Die Formstahlplatte senkte sich mit hörbarem Knirschen. Er machte einen Schritt zurück und legte den Kopf in den Nacken.
"Yuri, wie siehts aus?"
Sie beugte sich vor. Daniel kniff die Augen zusammen, weil ihre Stirnlampe ihn blendete. "Gleich fertig. Das hier hat einen Riss." Sie klopfte mit den Fingerknöcheln auf ein Rotorblatt. "Hab’s mit FS verklebt. Kann sein, dass sie jetzt unrund läuft. Musst sie einfach mit Gefühl fliegen." Sie lachte. Es klang brüchig. Gar nicht nach Yuri.
"Alles okay?"
Das Lichtschwert schwang von ihm weg und stach in den Himmel. Am Horizont löste sich eine Linie aus dem Schwarz und wurde rasch breiter. Sonnenaufgang am Äquator. Yuri sprang von ihrem Rollgestell, zog sich die Lampe vom Kopf und fuhr sich durch den Wust aus weißen und violetten Haarsträhnen. Daniel fing ihr Handgelenk und musterte den Verband um ihren Oberarm. Streifschuss. Auf dem Mull blühte eine kleine dunkle Stelle.
"Tut fast nicht mehr weh", sagte sie.
"Das ist das Neo-PX. Lass es in Ruhe."
"Ja, Shit. Die hätten uns plattgemacht."
"Zum Glück hatten wir die größere Knarre."
Das brachte ihre Mundwinkel zum Zucken.
Sie grinsten sich an.
"Daniel Helgren, ich sage nie wieder was gegen deine bescheuerten Haubitzen."
Er drehte sich zur Blechkiste mit den Waffen und stopfte ein paar mehr von den roten Magazinen in die Taschen an den Oberschenkeln.
"Glaubst du, es wird gefährlich?"
Er warf ihr einen Taser zu. "Keine Ahnung."
Normalerweise war die Tour von Douala nach Kumba ein Kindergeburtstag. Normalerweise tauschte er beim Anflug auf die Flugsicherungszone in Douala ein paar Frotzeleien mit dem Tower und ging mit den Jungs Kaffee trinken, während sie auf die Freigabe warteten. Die Typen von der Bodenkontrolle würden die Kiste mit dem roten Punkt einkassieren, die Daniel randvoll mit Scheiß vollgestopft hatte, den sie hier, im Herzen der Finsternis, schmerzlich vermissten. Schottischen Whisky, haltbare Wurst, fünfzig Kilo Schokoriegel, drei Dutzend Packungen Kartoffel-Chips, aktuelle Hollywood-Holo's, Vidporn-Heftchen für alle Geschmacksrichtungen, zwanzigtausend Euro-Dollars in bar. Und ein Paola-Manolo-Kleid für die kleine Dédé vom Regionalchef. Dafür ließen sie den Rest der Ladung in Ruhe und kontrollierten ihn auf der Rücktour nicht. Normalerweise. Aber nach der Schießerei auf offenem Meer war er nicht sicher, ob in Douala noch alles normal war.
Über die regulären Kanäle gab es keine Informationen. Südlich der Mittelmeer-Mauer begann das große, schwarze Loch. Dass FRONTEX-Söldner die Piratenhäfen in Liberia ausgehoben hatten, wusste er nur, weil er mit Freunden aus den alten Zeiten gelegentlich was trinken ging. Und dass die rote Flotte sich danach vor São Tomé verschanzt hatte, waren Gerüchte. An denen aber wohl was dran war, dem Überfall nach zu urteilen.
„Na los.“ Er hievte sich die Waffenkiste auf die Schulter und stieß mit einem Fuß die Luke zum Unterdeck auf. „Schalt’ alles scharf. Und nimm das Neo-PX mit. In zwei Stunden wirst du’s brauchen.“
„Gelernt ist gelernt, was?“
„Halt die Klappe, Yuri.“ Mit dem Ellbogen schaltete er das Licht an und balancierte die Kiste nach unten in die Werkstatt. So nannten sie die verwinkelte Kammer zwischen Maschinenraum und Treibstofflager, in der Yuri den Großteil ihrer Zeit an Bord verbrachte.
Yuri’s Schritte verloren sich in Richtung Brücke, wo sie Luna in den Überwachungsmodus versetzen würde. Luna war ein mittelgroßer Überseefrachter, der sich zwar manuell steuern ließ, aber eigentlich für autonomen Betrieb gebaut war. Was den Vorteil hatte, dass Luna sich bestens gegen ungebetene Gäste verteidigen konnte.
Mit einem Tritt beförderte Daniel die Waffenkiste unter die Werkbank, damit sie nicht sofort ins Auge fiel. Was Blödsinn war, denn niemand außer ihm und Yuri setzte einen Fuß auf dieses Schiff. Reflex. Genau wie das Kampfmesser, das er nach kurzem Zögern wieder herausfischte und am Knöchel unter dem Hosenbein befestigte. Für einen Moment fühlte er sich wie ein paranoider Idiot mit PTBS. Er flog nach Kumba, um Blechtöpfe, abgelaufene Dauerkekse und Second-Hand-Klamotten gegen Kasit zu tauschen, und rüstete sich wie für einen Kriegseinsatz? Aber dann kroch das flaue Gefühl zurück in seinen Bauch. Die Magenschmerzen, als er Yuri’s Streifschuss verarztete und sich vorstellte, die Kugel hätte sie ein Stück weiter links getroffen. Yuri kannte das nicht, Typen mit scharfen Waffen und all diesen Scheiß. Sie war ein Kind aus gutem Hause, Gen-Enhancer, blaue Augen zum Sechzehnten, all der privilegierte Shit. Ihre Erfahrung mit Gewalt beschränkte sich auf einen Jiu-Jitsu-Kurs und gelegentliche Rangeleien mit der Polizei auf Demos gegen die Umweltsünden der Großkonzerne. Sie stand auf afrikanische Bretterbudenromantik und den Hauch von Abenteuer, der die abgefuckten Bars in Douala umwehte. Aber ihr gemeinsames kleines Freihandelsunternehmen lief nicht deshalb so stressfrei, weil die Südhalbkugel der Welt sich plötzlich in einen friedlichen Märchenspielplatz verwandelt hatte. Sondern weil Daniel auf seine Instinkte hörte, weil er keine Risiken einging, weil er vorbereitet war. Nicht wie damals mit Erkki. Damals, als du so scheißüberheblich warst und dachtest, es trifft immer nur die anderen. Da warst du nicht vorbereitet, mit deinem FRONTEX-Verve. Da dachtest du, du bist unbesiegbar. Falsch gedacht, Arschloch.
Er griff nach seinem Rucksack, fuhr sich mit einer Hand über die Bartstoppeln auf Kinn und Wangen, holte tief Luft. Dann ließ er den Rucksack wieder fallen, öffnete einen Blechspind und zog die K-Panzer heraus, die ein kleines Vermögen gekostet hatten. Weil sie sogar Uranbeschuss aushielten.
Yuri tauchte in der Tür auf. Beim Blick auf die Panzer verdrehte sie die Augen. „Dein Ernst?“
Er hielt ihr eins der Shirts hin. „Zieh’s an.“
„Ich krieg Ausschlag von den Scheißdingern.“
„Lieber Ausschlag als Tod.“
Ihre Wimpern flackerten, ein Zeichen, dass sie angespannt war. Daniel zog sein Hemd aus. Yuri hob eine Braue. „Hübsch.“
Er folgte ihrem Blick nach unten, wo zwischen seinen Bauchmuskeln die dünne Haarlinie verschwand. „Nichts, was du nicht schon gesehen hast.“
„Das da ist neu.“ Sie stach ihm spielerisch einen Finger in die Seite, dass er zusammenzuckte. „Hast du’s in Nantes krachen lassen?“
Mit einem Ruck zog er das schussfeste Gewebe nach unten, so dass es das Tattoo bedeckte. Yuri würde ihn die nächsten vier Wochen damit aufziehen. Dabei konnte er sich an die fragliche Nacht nicht mal erinnern. Er wusste nur, dass er mit grauenhaften Kopfschmerzen in einer fremden Wohnung aufgewacht war, die nach Schimmel stank. Dass ihm zwei Tage fehlten. Und dass etwas vorgefallen war, das alle früheren Wiedersehens-Exzesse mit Luc und Arthur, seinen Stubenkameraden aus FRONTEX-Akademiezeiten in den Schatten stellte. Denn die beiden hatten ihm partout nichts sagen wollen.
„Kein Wunder, dass wir auf dem Zahnfleisch gehen, wenn du die Kohle für Highend-Nutten verbrennst.“
„Ist gut jetzt, Yuri. Zieh das Ding an.“
Sie lachte. Das Tattoo pulsierte unangenehm, wo ihre Fingerspitze es berührt hatte. Bilder flackerten auf, kurze Fetzen ohne Zusammenhang. Weiß. Gold. Ein Pfeil. Eine Welle.
Er blinzelte.
Weiß ... durchsichtig. Skalpell. Ein Streit. Wörter in einer fremden Sprache. „Daniel?“
Hinter Glas. Alles ist ...
„Daniel!“
... so weiß. Gold. Goldene Drähte. Vibrieren bei jedem Atemzug. Es ist ... Ein Stoß. Rotglühend. Der ... Schmerz ...
„Daniel!“
Er fing Yuri’s Handgelenk, bevor sie ihn erneut ohrfeigen konnte.
„Lass los, verdammt! Du tust mir weh!“
Mit einem Ruck öffnete er die Finger, als hätte er sich verbrannt. Der Raum um ihn nahm wieder Konturen an, Yuri’s Gesicht, der Geruch nach Maschinenöl.
„Ich...“ Er rieb sich die Augen, vollkommen verwirrt. „Was ist passiert?“
„Du bist weggetreten. Hast du was genommen?“
Er schüttelte den Kopf. Die Bilder verblassten so schnell, dass er sich schon nicht mehr erinnern konnte. Wie ein Traum, der beim Aufwachen verfliegt. Das Pulsieren an seiner Hüfte verklang.
„Dan, das war gerade ziemlich gruselig.“
„Tut mir leid.“ Er fühlte sich, als wäre er ins Leere getreten und fünf Meter in die Tiefe gestürzt.
„Luna ist übrigens scharfgeschaltet.“ Yuri zog eine Grimasse, als sich das Panzergewebe wie eine zweite Haut um ihren Körper straffte. Sie zog ihre Leinenbluse drüber und schloss die Knöpfe. „Hab ich erwähnt, dass ich Pickel von dem Scheiß kriege? Geht schon los. Dan, ich kann fühlen, wie sie wachsen!“
Er hob seinen Rucksack auf und umfasste ihre Schulter. „Auf geht’s.“
Wieder an Deck warf er einen letzten Blick zur Brücke. Wenn man genau hinschaute, sah man den schwachen blauen Widerschein des Kontroll-Panels, auf dem jetzt die Autonomie-Schleife lief. Er öffnete die Tür zur Pilotenkanzel des SOL-Copters und zog sich ins Innere. Yuri ließ sich neben ihm in den Copiloten-Sitz fallen. Er schaltete die Maschinen ein und setzte sich die Kopfhörer auf. Heulend lief der Rotor hoch. Er hörte die Unwucht, bevor er sie spürte.
Am Horizont ging die Sonne auf und überzog den Atlantik mit Gold.


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BeitragVerfasst am: 05.03.2019 20:44    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Und ich gleich noch mal. Falls jemand wissen möchte, wie es weitergeht - hier noch das Folgekapitel dieses Erzählstrangs (folgt im Buch allerdings nicht direkt auf das Intro, weil sich danach der zweite Erzählstrang zunächst dazwischen schiebt).  

--

Douala fühlte sich unwirklich schön an, wie immer am ersten Tag. Für Daniel war es Schock und Lust zugleich, aus der Kälte Europas in die überreife, klebrige, nach Fäulnis riechende Fülle dieser Stadt einzutauchen.
In der FRONTEX-Kantine gab es abartig süßen Mocca in winzigen Gläsern. „Pass auf, dass du dich nicht vergiftest“, witzelte Geoffrey.
Daniel verzog einen Mundwinkel und stürzte den Rest des heißen Sirups hinunter. Es war sein drittes Glas. Er wusste auch nicht warum, aber konnte von dem Zeug nicht genug kriegen.
Sie saßen auf der Holzterrasse der Kantine, die zwar bis runter auf die Träger von Termiten zerfressen war, aber einen atemberaubenden Blick über die Stadt bot. So früh am Nachmittag waren sie die einzigen Gäste. Drinnen dudelte Metro-Pop.
„Wo ist deine kleine Freundin?“
„Unten am Flugfeld, repariert den Rotor.“ Daniel lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Wie läufts bei euch?“
Geoffrey warf sich eine Handvoll Erdnüsse in den Mund. Die Uniform spannte über seinem Bauch. „Wie soll’s laufen? Die Geier machen sich über die fette Beute her und wir passen auf, dass sie sich nicht die Augen dabei aushacken.“
„Du meinst Misereor?“
Er lachte auf. „Die Mining Company, die Kohlhaas-Bande, Misereor und alle, die sich bei dem scheinheiligen Drecksverein eingekauft haben.“
„Du könntest aufhören, wenn du wolltest.“
„Ja, und wer passt dann auf deinen schnuckeligen Arsch auf?“
Daniel fühlte ein Lächeln über seine Lippen zucken. Er kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, ob das Rauch da hinten über dem Medi-SEC war.
„Was ist eigentlich mit deinem Copter passiert?“
Er richtete seinen Blick zurück auf Geoffrey. „Piraten.“
„Du machst Witze.“
„Also habt ihr nichts gehört?“
„Nur, dass unsere Leute Freetown gesäubert haben.“
„Aber die Flotte ist entkommen.“
Geoffrey zuckte mit den Schultern. „Sieht die oberste Heeresleitung anders. FRONTEX hat ne fette Prämie eingesackt.“
„Und wer übernimmt jetzt die Stadt? Die Mining Company?“
„Die Chinesen.“
Daniel schüttelte den Kopf. „So haben die sich das bestimmt nicht gedacht.“
„Uns kann’s egal sein. Chinesische Credits sind nicht schlechter als die aus Porto.“
„Hm, weiß nicht. Die haben die Sklaverei wieder legalisiert.“
„Ach und unser beschissenes Indent-System ist keine Sklaverei oder was?“
Anstatt einer Antwort winkte Daniel dem Barmann mit seinem Kaffeeglas.
Geoffrey schüttete den Rest der Erdnüsse in seine Hand und warf sie sich in den Mund. „Im Ernst, Dan? Der einzige Unterschied ist die Schaufensterfront. Unsere Leute verballern Millionen für Öffentlichkeitsarbeit, damit der Heiligenschein keine Kratzer kriegt. Und die Chinesen scheißen auf die Moralapostel. Weil ihre Dollars trotzdem jeder gerne nimmt.“
Für ein paar Minuten schwiegen sie beide.
Daniel schloss die Augen und genoss die Sonne auf seinem Gesicht. Er mochte das Äquatorialklima, auch wenn Yuri die Hitze und den klebrigen Staub in Douala unerträglich fand. Ihm ging’s wie Geoffrey, der stets proklamierte, er würde sich von der FRONTEX-Pension eine Farm in Costa Rica kaufen und Orangenbäume pflanzen. Ironisch, dass ausgerechnet Erkkis Tod sie wieder zusammengebracht hatte, nachdem sie sich vor so vielen Jahren aus den Augen verloren hatten.
„Hast du das Kleid für unseren Commandante?“
Daniel blickte auf. „Klar. Hat ein Vermögen gekostet.“
„Marten wird dich dafür küssen.“
„Mir reicht’s schon, wenn er mich in Ruhe meinen Kram machen lässt.“
„Er ist total verknallt in die Kleine.“
„Schön für ihn.“
Geoffrey lachte. „Ich wette, die nimmt ihn aus wie ne Weihnachtsgans. Die hat’s faustdick hinter den Ohren.“
Daniel musterte wieder die Schwaden über dem Nordosten der Stadt. Inzwischen war er sich ziemlich sicher, dass es Rauch war. Er deutete über die Brüstung. „Siehst du das?“
„Die Scheiße bei Misereor? Nicht unser Problem.“
„Ich dachte, ihr beschützt sie?“
„Beschützen ja, für sie die Leute umbringen, nein. Unsere Truppe passt nur auf, dass die Absperrungen halten. Die Arschlöcher von Kohlhaas machen dann die Drecksarbeit. Aber bis morgen früh ist da wieder Ruhe.“ Geoffrey zündete sich eine Zigarette an. „Willst du eine?“
Der Tabakduft kitzelte verführerisch in Daniels Nase. Er war versucht zuzugreifen, aber riss sich zusammen. Seit er mit dem Rauchen aufgehört hatte, waren die Blackouts seltener geworden. Zumindest bildete er sich das ein.
Geoffrey zuckte mit den Schultern und steckte die Schachtel zurück in seine Brusttasche. „Fliegst du wieder nach Kumba?“
„Das ist der Plan.“
„Dann halt die Augen auf. Hier gibts Gerüchte von Unruhen. Und von Rotfieber-Ausbrüchen. Keine Ahnung, ob eins mit dem anderen zu tun hat. Aus dem Norden kommen jedenfalls Flüchtlinge. Und angeblich gab es ein Massaker in diesem Flusscamp. Munira? Mungane?“
„Moundamé.“ Daniel richtete sich in seinem Stuhl auf. Seine entspannte Stimmung war wie weggeblasen. „Gehts etwas genauer?“
„Wir wissen nicht viel. Ist auch nicht unser Gebiet, sondern das von Kohlhaas. Und von denen hat mir einer gestern Abend erzählt, dass sie in der Gegend den Kontakt zu einer Einheit verloren haben. Die sollte einen Minen-Konvoi sichern. Über Nacht ist aber der Funkkontakt abgebrochen. Vor zwei Tagen schon.“
„Ja, Scheiße.“
„Genau.“
„Satellitenaufklärung?“
„Im Dschungel? Vergiss es.“
„Komm schon, Geoff. Zwei Tage und keiner weiß, was passiert ist? Was ist mit Wärmesignaturen? Haben die keine Aufklärer?“
„Was weiß ich, wie die bei Kohlhaas operieren? Bin ich Jesus? Wächst mir Brot aus der Tasche?“ Geoffrey deutete vage über die Stadt. „Unser Mandat endet dort an den Hügeln. Willst du lieber noch ein paar Tage warten?“
Daniel starrte wieder zu den Rauchschwaden. Sein Ziel lag nicht direkt in Kumba, sondern an einem Kratersee ein paar Klicks weiter nördlich. Nur weil bewaffnete Banden die Kumba-Minen überfielen, hieß das noch nichts. Wenn sie vom Mungo-Fluss gekommen waren, lag Moundamé genau auf der Route nach Kumba, während der Dissoni-See sich auf der anderen Seite befand, mit zwanzig Meilen Wildnis als Puffer dazwischen.
„Wir fliegen“, sagte er.
„Hmhm. Ist vielleicht sogar besser. Kommt eben darauf an.“
„Worauf?“
„Angenommen, das ist der Anfang von was Größerem, dann fliegst du am besten schnell rein, tauscht deinen Krempel und bist über alle Berge, wenn der richtige Ärger losbricht.“ Geoffrey zuckte mit den Schultern. „Oder du wettest darauf, dass es nur gewöhnliche Banditen sind – in diesem Fall machst du bei uns ein paar Tage Wellness-Urlaub, bis Kohlhaas da drüben aufgeräumt hat.“
„Was glaubst du denn?“
„Naja.“ Er kratzte sich am Bauch. „Ich frage mich, ob das die beschissene Vorhut ist und demnächst das ganze Gebiet von einer neuen kongolesischen Gottesarmee überrannt wird. Dann können wir bloß beten, dass ein Scheißtruppentransporter in der Nähe ist, der uns schnell aufsammelt, wenn wir evakuieren müssen.“
Moskitoschwärme und verwesende Leichen auf beiden Seiten des Flusses. Gelbe Handabdrücke an den Bäumen. Erkki im Delirium, alles ist voller Blut, im leck geschossenen Boot steht knöchelhoch das Wasser.
„Ich dachte, die Gottesarmee hat sich aufgelöst?“
„Angeblich haben sie einen neuen Propheten und schlachten Ungläubige ab. Sagen die Flüchtlinge, die aus dem Kongo-Gebiet kommen.“
„Kongo ist weit.“
„Nicht wenn du Motorboote hast.“
Masken aus Kalk auf kohlschwarzer Haut, wie ein Spuk zwischen den Blättern. Masken mit Macheten und Maschinengewehren.
Daniel stülpte das Glas mit der Öffnung nach unten auf die Tischplatte und betrachtete den Moskito, den er gefangen hatte. Wenn er die Tour in den Wind schoss, musste er seinen Schrott in Douala losschlagen. Das würde nicht mal die Treibstoffkosten einspielen, geschweige denn die Reparaturen. In diesem Moment tauschte Yuri die beschädigten Rotorblätter aus und er hatte mit dem Zeugmeister noch nicht über den Preis geredet. „Shit. Wisst ihr zufällig, wie gut diese Gotteskrieger bewaffnet sind?“
„Du meinst, ob sie einen SOL-Copter vom Himmel holen können?“
„Ganz genau.“
„Vor fünf Jahren waren alte Kalaschnikows die Speerspitze ihrer Technologie“, sagte Geoffrey. „Aber damals war damals.“
„Und heute ist heute.“ Daniel nickte. „Hab vor ein paar Monaten gehört, dass die Alexandriner neuerdings Waffen Richtung Süden verschieben.“
„Da hast du’s.“
„Aber Süden kann sonst was heißen. Das muss nicht Kongo sein.“
„Und in Moundamé könnten genauso gut Minenarbeiter randaliert haben, weil sie keine Lust mehr haben, von weißen Großfressen rumkommandiert zu werden.“
Daniel verzog einen Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln. „Dann gibts wohl nur eine Möglichkeit. Ich fliege hin und finde es raus.“

1Wie es weitergeht »



_________________
Meine Bücher:
Engelsbrut (2009 Sieben, 2011 LYX) | Engelsjagd (2010 Sieben) | Engelsdämmerung (2012 Sieben)
Die dunklen Farben des Lichts (2012, SP)
Purpurdämmern (2013, Ueberreuter)
Sonnenfänger (2013, Weltbild)
Kill Order (2013 Sieben)
Choice / als Chris Portman (2014, Rowohlt)
Wie man ein Löwenmäulchen zähmt / als Eva Lindbergh (2016, Droemer Knaur)
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BeitragVerfasst am: 05.03.2019 23:49    Titel: Re: 2121 | Freebooter Antworten mit Zitat

Dann sage ich doch mal was dazu.
Alternativvorschläge sind in blau, meine Anmerkungen in grün, Fehler in Rot und irritierende Teile in orange.

agu hat Folgendes geschrieben:
.

Eine Stunde vor Sonnenaufgang ...
Daniel schleppte im Laufschritt die Kisten zum SOL-Copter. Ein Scheppern, ein metallisches Pang vor seinen Füßen. Yuri’s Stimme von oben, eine wüste Schimpfkanonade. Sie flickte die Einschusslöcher auf der Kanzel. Die Zeit saß ihnen im Nacken. Das habe ich bereits angemerkt.
Eigentlich verirrten sich keine Piraten in die Gegend, aber seit FRONTEX letztes Jahr Freetown ausgeräuchert hatte, war alles anders. Seitdem lag die ganze beschissene rote Flotte vor São Tomé und lauerte auf Beute. Daniel gratulierte sich zum Entschluss, an Bug und Stern Heck Das habe ich bereits angemerkt. Das Wort Stern ist irritierend, es ist das Heck, auch wenn es im Englischen stern heißt. großkalibrige Drehbassen mit Auto-Zielsuche installieren zu lassen, obwohl Yuri die Monster hasste. Zwei Tonnen Ballast, und wofür? Zum Wale schießen? Als Mechanikerin war sie top, aber die Mörder mit den rot bemalten Schnellbooten kannte sie nur vom Hörensagen. Bis gestern, jedenfalls.
Er schnallte sich das Holster mit der Walther EPEX um und tauschte das blaue Magazin mit der Betäubungsmunition gegen eins von den roten. ein rotes. Der dünne Strahl von Yuri’s Stirnlampe schnitt wie ein Lichtschwert Das habe ich bereits angemerkt. Ich würde da einen anderen Begriff verwenden, weil ich die Star Wars Anspielung ziemlich platt finde. durchs Dunkel. Sie hatten vorsichtshalber Positionslampen und Deckbeleuchtung ausgeschaltet. Das Intermezzo mit den Schnellbooten war zwar fünf Stunden her, aber Daniel wollte kein Risiko eingehen.
Jetzt ankerten sie in einer Lagune an der Südspitze von Bioko, einer Vulkaninsel dreißig Meilen vor der kamerunischen Küste. Ein perfekter Liegeplatz unter überhängenden Felsen, weder vom Meer noch aus der Luft einsehbar. Der Freihandel galt als Hochrisiko-Geschäft, aber Daniel war in den fünf Jahren, seit er Erkkis Urne unter einem Jakaranda-Baum in Porto vergraben hatte, nie ausgeraubt worden. Weil Vorsicht die Mutter der Porzellankiste ist. Das Kursive irritiert mich. Es wirkt, als würde der Prota direkt mit dem Leser sprechen.
Er hievte die letzte Kiste in den Laderaum, die mit dem roten Punkt, für die Jungs von der Aufsichtsbehörde. Dann schlug er mit der Faust auf den großen Knopf neben der Ladeluke. Die Formstahlplatte senkte sich mit hörbarem Knirschen. Er machte einen Schritt zurück und legte den Kopf in den Nacken.
"Yuri, wie siehts aus?"
Sie beugte sich vor. Daniel kniff die Augen zusammen, weil als ihre Stirnlampe ihn blendete. "Gleich fertig. Das hier hat einen Riss." Sie klopfte mit den Fingerknöcheln auf ein Rotorblatt. "Hab’s mit FS verklebt. Kann sein, dass sie jetzt unrund läuft. Musst sie einfach mit Gefühl fliegen." Sie lachte. Es klang brüchig. Gar nicht nach Yuri.
"Alles okay?"
Das Lichtschwert Das habe ich bereits angemerkt. schwang von ihm weg und stach in den Himmel. Am Horizont löste sich eine Linie aus dem Schwarz und wurde rasch breiter. Sonnenaufgang am Äquator. Yuri sprang von ihrem Rollgestell, zog sich die Lampe vom Kopf und fuhr sich durch den Wust aus weißen und violetten Haarsträhnen. Daniel fing ihr Handgelenk und musterte den Verband um ihren Oberarm. Streifschuss. Auf dem Mull blühte eine kleine dunkle Stelle.
"Tut fast nicht mehr weh", sagte sie.
"Das ist das Neo-PX. Lass es in Ruhe."
"Ja, Shit. Die hätten uns plattgemacht."
"Zum Glück hatten wir die größere Knarre."
Das brachte ihre Mundwinkel zum Zucken.
Sie grinsten sich an.
"Daniel Helgren, ich sage nie wieder was gegen deine bescheuerten Haubitzen."
Er drehte sich zur Blechkiste mit den Waffen und stopfte ein paar mehr von den roten Magazinen in die Taschen an den Oberschenkeln.
"Glaubst du, es wird gefährlich?"
Er warf ihr einen Taser zu. "Keine Ahnung." Dazu hatte ich ja schonmal was angemerkt. Das ist eine komische Aussage, da er dieses Geschäft ja schon länger betreibt. Also würde ich da eher was erwarten wie "Es ist immer gefährlich."
Normalerweise war die Tour von Douala nach Kumba ein Kindergeburtstag. Normalerweise tauschte er beim Anflug auf die Flugsicherungszone in Douala ein paar Frotzeleien mit dem Tower und ging mit den Jungs Kaffee trinken, während sie auf die Freigabe warteten. Die Typen von der Bodenkontrolle würden die Kiste mit dem roten Punkt einkassieren, die Daniel randvoll mit Scheiß Das habe ich bereits angemerkt.vollgestopft Randvoll vollgestopft. Ich weiß nicht, ob man das als Pleonasmus werten kann, aber es ist eine unschöne Wortwiederholung. hatte, den sie hier, im Herzen der Finsternis das ist eine schöne Anspielung, schmerzlich vermissten. Schottischen Whisky, haltbare Wurst, fünfzig Kilo Schokoriegel, drei Dutzend Packungen Kartoffel-Chips, aktuelle Hollywood-Holo's, Vidporn-Heftchen für alle Geschmacksrichtungen, zwanzigtausend Euro-Dollars in bar. Und ein Paola-Manolo-Kleid für die kleine Dédé vom Regionalchef. Dafür ließen sie den Rest der Ladung in Ruhe und kontrollierten ihn auf der Rücktour nicht. Normalerweise. Aber nach der Schießerei auf offenem Meer war er nicht sicher, ob in Douala noch alles normal war.
Über die regulären Kanäle gab es keine Informationen. Südlich der Mittelmeer-Mauer begann das große, schwarze Loch. Dass FRONTEX-Söldner die Piratenhäfen in Liberia ausgehoben hatten, Das finde ich unschön formuliert. Von der Einäscherung der Piratenhäfen in Liberia durch FRONTEX-Söldner wusste er nur, weil er mit Freunden aus den alten Zeiten gelegentlich was trinken ging. Und dass die rote Flotte sich danach vor São Tomé verschanzt hatte, waren Gerüchte. An denen aber wohl was dran war, dem Überfall nach zu urteilen.
„Na los.“ Er hievte sich die Waffenkiste auf die Schulter und stieß mit einem Fuß die Luke zum Unterdeck auf. „Schalt’ alles scharf. Und nimm das Neo-PX mit. In zwei Stunden wirst du’s brauchen.“
„Gelernt ist gelernt, was?“
„Halt die Klappe, Yuri.“ Mit dem Ellbogen schaltete er das Licht an und balancierte die Kiste nach unten in die Werkstatt. So nannten sie die verwinkelte Kammer zwischen Maschinenraum und Treibstofflager, in der Yuri den Großteil ihrer Zeit an Bord verbrachte.
Yuri's Yuris Schritte verloren sich in Richtung Brücke, wo sie Luna in den Überwachungsmodus versetzen würde. Luna war ein mittelgroßer Überseefrachter, der sich zwar manuell steuern ließ, aber eigentlich für autonomen Betrieb gebaut war. Was den Vorteil hatte, dass Luna sich bestens gegen ungebetene Gäste verteidigen konnte.
Mit einem Tritt beförderte Daniel die Waffenkiste unter die Werkbank, damit sie nicht sofort ins Auge fiel. Was Blödsinn war, denn niemand außer ihm und Yuri setzte einen Fuß auf dieses Schiff. Reflex. Genau wie das Kampfmesser, das er nach kurzem Zögern wieder herausfischte und am Knöchel unter dem Hosenbein befestigte. Für einen Moment fühlte er sich wie ein paranoider Idiot mit PTBS. Er flog nach Kumba, um Blechtöpfe, abgelaufene Dauerkekse und Second-Hand-Klamotten gegen Kasit zu tauschen, und rüstete sich wie für einen Kriegseinsatz? Das habe ich bereits angemerkt. es ging nicht in einen Kriegseinsatz gegen die bösen Wichte von Generitanien. Aber dann kroch das flaue Gefühl zurück in seinen Bauch. Die Magenschmerzen, als er Yuri’s Yuris Streifschuss verarztete und sich vorstellte, die Kugel hätte sie ein Stück weiter links getroffen. Yuri kannte das nicht, Typen mit scharfen Waffen und all diesen Scheiß. Sie war ein Kind aus gutem Hause, Gen-Enhancer, blaue Augen zum Sechzehnten, all der privilegierte Shit. Warum ist das jetzt wieder kursiv? Mischen sich seine Gedanken mit der Erzählstimme? Ihre Erfahrung mit Gewalt beschränkte sich auf einen Jiu-Jitsu-Kurs und gelegentliche Rangeleien mit der Polizei auf Demos gegen die Umweltsünden der Großkonzerne. Sie stand auf afrikanische Bretterbudenromantik und den Hauch von Abenteuer, der die abgefuckten Bars in Douala umwehte. Aber ihr gemeinsames kleines Freihandelsunternehmen lief nicht deshalb so stressfrei, weil die Südhalbkugel der Welt sich plötzlich in einen friedlichen Märchenspielplatz verwandelt hatte. Sondern weil Daniel auf seine Instinkte hörte, weil er keine Risiken einging, weil er vorbereitet war. Nicht wie damals mit Erkki. Damals, als du so scheißüberheblich warst und dachtest, es trifft immer nur die anderen. Da warst du nicht vorbereitet, mit deinem FRONTEX-Verve. Da dachtest du, du bist unbesiegbar. Falsch gedacht, Arschloch.
Er griff nach seinem Rucksack, fuhr sich mit einer Hand über die Bartstoppeln auf Kinn und Wangen, holte tief Luft. Dann ließ er den Rucksack wieder fallen, öffnete einen Blechspind und zog die K-Panzer heraus, die ein kleines Vermögen gekostet hatten. Weil sie sogar Uranbeschuss aushielten.
Yuri tauchte in der Tür auf. Beim Blick auf die Panzer verdrehte sie die Augen. „Dein Ernst?“
Er hielt ihr eins der Shirts hin. „Zieh’s an.“
„Ich krieg Ausschlag von den Scheißdingern.“
„Lieber Ausschlag als Tod.“
Ihre Wimpern flackerten, ein Zeichen, dass sie angespannt war. Daniel zog sein Hemd aus. Absatz
Yuri hob eine Braue. „Hübsch.“
Er folgte ihrem Blick nach unten, wo zwischen seinen Bauchmuskeln die dünne Haarlinie verschwand. „Nichts, was du nicht schon gesehen hast.“
„Das da ist neu.“ Sie stach ihm spielerisch einen Finger in die Seite, dass er zusammenzuckte. „Hast du’s in Nantes krachen lassen?“
Mit einem Ruck zog er das schussfeste Gewebe nach unten, so dass es das Tattoo bedeckte. Yuri würde ihn die nächsten vier Wochen damit aufziehen. Dabei konnte er sich an die fragliche Nacht nicht mal erinnern. Er wusste nur, dass er mit grauenhaften Kopfschmerzen in einer fremden Wohnung aufgewacht war, die nach Schimmel stank. Dass ihm zwei Tage fehlten. Und dass etwas vorgefallen war, Ihm fehlten zwei Tage. Etwas war vorgefallen, das alle früheren Wiedersehens-Exzesse mit Luc und Arthur, seinen Stubenkameraden aus FRONTEX-Akademiezeiten in den Schatten stellte. Denn die beiden hatten ihm partout nichts sagen wollen.
„Kein Wunder, dass wir auf dem Zahnfleisch gehen, wenn du die Kohle für Highend-Nutten verbrennst.“
„Ist gut jetzt, Yuri. Zieh das Ding an.“
Sie lachte. Das Tattoo pulsierte unangenehm, wo ihre Fingerspitze es berührt hatte. Bilder flackerten auf, kurze Fetzen ohne Zusammenhang. Weiß. Gold. Ein Pfeil. Eine Welle.
Er blinzelte.
Weiß ... durchsichtig. Skalpell. Ein Streit. Wörter in einer fremden Sprache. „Daniel?“
Hinter Glas. Alles ist ...
„Daniel!“
... so weiß. Gold. Goldene Drähte. Vibrieren bei jedem Atemzug. Es ist ... Ein Stoß. Rotglühend. Der ... Schmerz ...
„Daniel!“
Er fing Yuri’s Yuris Handgelenk, bevor sie ihn erneut ohrfeigen konnte.
„Lass los, verdammt! Du tust mir weh!“
Mit einem Ruck öffnete er die Finger, als hätte er sich verbrannt. Der Raum um ihn nahm wieder Konturen an, Yuri’s Yuris Gesicht, der Geruch nach Maschinenöl.
„Ich...“ Er rieb sich die Augen, vollkommen verwirrt. „Was ist passiert?“
„Du bist warst weggetreten. Hast du was genommen?“
Er schüttelte den Kopf. Die Bilder verblassten so schnell, dass er sich schon nicht mehr erinnern konnte. Wie ein Traum, der beim Aufwachen verfliegt. Das Pulsieren an seiner Hüfte verklang.
„Dan, das war gerade ziemlich gruselig.“
„Tut mir leid.“ Er fühlte sich, als wäre er ins Leere getreten und fünf Meter in die Tiefe gestürzt.
„Luna ist übrigens scharfgeschaltet.“ Yuri zog eine Grimasse, als sich das Panzergewebe wie eine zweite Haut um ihren Körper straffte. Sie zog ihre Leinenbluse drüber und schloss die Knöpfe. „Hab ich erwähnt, dass ich Pickel von dem Scheiß kriege? Geht schon los. Dan, ich kann fühlen, wie sie wachsen!“ Das Kursive betont ihr letztes Wort sehr übertrieben. Schreib das entweder normal, oder lass sie eine komische Geste machen, dann passt es zur Übertreibung.
Er hob seinen Rucksack auf und umfasste ihre Schulter. „Auf geht’s.“
Wieder an Deck warf er einen letzten Blick zur Brücke. Wenn man genau hinschaute, sah man den schwachen blauen Widerschein des Kontroll-Panels, auf dem jetzt die Autonomie-Schleife lief. Er öffnete die Tür zur Pilotenkanzel des SOL-Copters und zog sich ins Innere. Yuri ließ sich neben ihm in den Copiloten-Sitz fallen. Er schaltete die Maschinen ein und setzte sich die Kopfhörer auf. Heulend lief der Rotor hoch. Er hörte die Unwucht, bevor er sie spürte.
Am Horizont ging die Sonne auf und überzog den Atlantik mit Gold.


agu hat Folgendes geschrieben:

Douala fühlte sich unwirklich schön an, wie immer am ersten Tag. Das verstehe ich nicht ganz. Bezieht er sich auf den ersten Tag, nachdem er von einer Tour zurückkehrt, oder fühlt sich die Stadt für ihn immer wie am ersten Tag an? Für Daniel war es Schock und Lust zugleich, aus der Kälte Europas in die überreife, klebrige, nach Fäulnis riechende Fülle dieser Stadt einzutauchen.
In der FRONTEX-Kantine gab es abartig süßen Mocca in winzigen Gläsern. „Pass auf, dass du dich nicht vergiftest“, witzelte Geoffrey.
Daniel verzog einen Mundwinkel und stürzte den Rest des heißen Sirups Mocca ist Sirup? hinunter. Es war sein drittes Glas. Er wusste auch nicht warum, aber er konnte von dem Zeug nicht genug kriegen.
Sie saßen auf der Holzterrasse der Kantine, die zwar bis runter auf die Träger von Termiten zerfressen warDann können sie da nicht mehr sitzen, hast du eine Ahnung, was Termiten für einen Schaden in Holz anrichten? aber einen atemberaubenden Blick über die Stadt bot. So früh am Nachmittag waren sie die einzigen Gäste. Drinnen dudelte Metro-Pop.
„Wo ist deine kleine Freundin?“
„Unten am Flugfeld, repariert den Rotor.“ Daniel lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Wie läufts bei euch?“
Geoffrey warf sich eine Handvoll Erdnüsse in den Mund. Die Uniform spannte über seinem Bauch. „Wie soll’s laufen? Die Geier machen sich über die fette Beute her und wir passen auf, dass sie sich nicht die Augen dabei aushacken.“
„Du meinst Misereor?“
Er lachte auf. „Die Mining Company, die Kohlhaas-Bande, Misereor und alle, die sich bei dem scheinheiligen Drecksverein eingekauft haben.“
„Du könntest aufhören, wenn du wolltest.“
„Ja, und wer passt dann auf deinen schnuckeligen Arsch auf?“
Daniel fühlte ein Lächeln über seine Lippen zucken. Er kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, ob das Rauch da hinten über dem Medi-SEC war.
„Was ist eigentlich mit deinem Copter passiert?“
Er richtete seinen Blick zurück auf Geoffrey. „Piraten.“
„Du machst Witze.“
„Also habt ihr nichts gehört?“
„Nur, dass unsere Leute Freetown gesäubert haben.“
„Aber die Flotte ist entkommen.“
Geoffrey zuckte mit den Schultern. „Sieht die oberste Heeresleitung anders. FRONTEX hat ne fette Prämie eingesackt.“
„Und wer übernimmt jetzt die Stadt? Die Mining Company?“
„Die Chinesen.“
Daniel schüttelte den Kopf. „So haben die sich das bestimmt nicht gedacht.“
„Uns kann’s egal sein. Chinesische Credits sind nicht schlechter als die aus Porto.“
„Hm, weiß nicht. Die haben die Sklaverei wieder legalisiert.“
„AchKomma und unser beschissenes Indent-System ist keine SklavereiKomma oder was?“
Anstatt einer Antwort winkte Daniel dem Barmann mit seinem Kaffeeglas.
Geoffrey schüttete den Rest der Erdnüsse in seine Hand und warf sie sich in den Mund. „Im Ernst, Dan? Der einzige Unterschied ist die Schaufensterfront. Unsere Leute verballern Millionen für Öffentlichkeitsarbeit, damit der Heiligenschein keine Kratzer kriegt. Und die Chinesen scheißen auf die Moralapostel. Weil ihre Dollars Das wären wohl eher yuan. trotzdem jeder gerne nimmt.“ Ich hätte auch Weil ihr Geld auch nicht schlimmer stinkt als das von anderen. akzeptiert.
Für ein paar Minuten schwiegen sie beide.
Daniel schloss die Augen und genoss die Sonne auf seinem Gesicht. Er mochte das Äquatorialklima, auch wenn Yuri die Hitze und den klebrigen Staub in Douala unerträglich fand. Ihm ging’s wie Geoffrey, der stets proklamierte, er würde sich von der FRONTEX-Pension eine Farm in Costa Rica kaufen und Orangenbäume pflanzen. Ironisch, dass ausgerechnet Erkkis Tod sie wieder zusammengebracht hatte, nachdem sie sich vor so vielen Jahren aus den Augen verloren hatten.
„Hast du das Kleid für unseren Commandante?“
Daniel blickte auf. „Klar. Hat ein Vermögen gekostet.“
„Marten wird dich dafür küssen.“
„Mir reicht’s schon, wenn er mich in Ruhe meinen Kram machen lässt.“
„Er ist total verknallt in die Kleine.“
„Schön für ihn.“
Geoffrey lachte. „Ich wette, die nimmt ihn aus wie Apostrophne Weihnachtsgans. Die hat’s faustdick hinter den Ohren.“
Daniel musterte wieder die Schwaden über dem Nordosten der Stadt. Inzwischen war er sich ziemlich sicher, dass es Rauch war. Er deutete über die Brüstung. „Siehst du das?“
„Die Scheiße bei Misereor? Nicht unser Problem.“
„Ich dachte, ihr beschützt sie?“
„Beschützen ja, für sie die Leute umbringen, nein. Unsere Truppe passt nur auf, dass die Absperrungen halten. Die Arschlöcher von Kohlhaas machen dann die Drecksarbeit. Aber bis morgen früh ist da wieder Ruhe.“ Geoffrey zündete sich eine Zigarette an. „Willst du eine?“
Der Tabakduft kitzelte verführerisch in Daniels Nase. Er war versucht zuzugreifen, aber riss sich zusammen. Seit er mit dem Rauchen aufgehört hatte, waren die Blackouts seltener geworden. Zumindest bildete er sich das ein.
Geoffrey zuckte mit den Schultern und steckte die Schachtel zurück in seine Brusttasche. „Fliegst du wieder nach Kumba?“
„Das ist der Plan.“
„Dann halt die Augen auf. Hier gibts Gerüchte von Unruhen. Und von Rotfieber-Ausbrüchen. Keine Ahnung, ob eins mit dem anderen zu tun hat. Aus dem Norden kommen jedenfalls Flüchtlinge. Und angeblich gab es ein Massaker in diesem Flusscamp. Munira? Mungane?“
„Moundamé.“ Daniel richtete sich in seinem Stuhl auf. Seine entspannte Stimmung war wie weggeblasen. „GehtApostrophs etwas genauer?“
„Wir wissen nicht viel. Ist auch nicht unser Gebiet, sondern das von Kohlhaas. Und von denen hat mir einer gestern Abend erzählt, dass sie in der Gegend den Kontakt zu einer Einheit verloren haben. Die sollte einen Minen-Konvoi sichern. Über Nacht ist aber der Funkkontakt abgebrochen. Vor zwei Tagen schon.“
„Ja, Scheiße.“
„Genau.“
„Satellitenaufklärung?“
„Im Dschungel? Vergiss es.“
„Komm schon, Geoff. Zwei Tage und keiner weiß, was passiert ist? Was ist mit Wärmesignaturen? Haben die keine Aufklärer?“
„Was weiß ich, wie die bei Kohlhaas operieren? Bin ich Jesus? Wächst mir Brot aus der Tasche?“ Klingt jetzt schon lustig, könnte man vielleicht noch modernisieren. Geoffrey deutete vage über die Stadt. „Unser Mandat endet dort an den Hügeln. Willst du lieber noch ein paar Tage warten?“
Daniel starrte wieder zu den Rauchschwaden. Sein Ziel lag nicht direkt in Kumba, sondern an einem Kratersee ein paar Klicks weiter nördlich. Nur weil bewaffnete Banden die Kumba-Minen überfielen, hieß das noch nichts. Wenn sie vom Mungo-Fluss gekommen waren, lag Moundamé genau auf der Route nach Kumba, während der Dissoni-See sich auf der anderen Seite befand, mit zwanzig Meilen Wildnis als Puffer dazwischen.
„Wir fliegen“, sagte er.
„Hmhm. Ist vielleicht sogar besser. Kommt eben darauf an.“
„Worauf?“
„Angenommen, das ist der Anfang von was Größerem, dann fliegst du am besten schnell rein, tauscht deinen Krempel und bist über alle Berge, wenn bevor der richtige Ärger losbricht.“ Geoffrey zuckte mit den Schultern. „Oder du wettest darauf, dass es nur gewöhnliche Banditen sind – in diesem Fall machst du bei uns ein paar Tage Wellness-Urlaub, bis Kohlhaas da drüben aufgeräumt hat.“
„Was glaubst du denn?“
„Naja.“ Er kratzte sich am Bauch. „Ich frage mich, ob das die beschissene Vorhut ist und demnächst das ganze Gebiet von einer neuen kongolesischen Gottesarmee überrannt wird. Dann können wir bloß beten, dass ein Scheißtruppentransporter in der Nähe ist, der uns schnell aufsammelt, wenn wir evakuieren müssen.“
Moskitoschwärme und verwesende Leichen auf beiden Seiten des Flusses. Gelbe Handabdrücke an den Bäumen. Erkki im Delirium, alles ist voller Blut, im leck geschossenen Boot steht knöchelhoch das Wasser.
„Ich dachte, die Gottesarmee hat sich aufgelöst?“
„Angeblich haben sie einen neuen Propheten und schlachten Ungläubige ab. Sagen die Flüchtlinge, die aus dem Kongo-Gebiet kommen.“
„Kongo ist weit.“
„Nicht wenn du Motorboote hast.“
Masken aus Kalk auf kohlschwarzer Haut, wie ein Spuk zwischen den Blättern. Masken mit Macheten und Maschinengewehren.
Daniel stülpte das Glas mit der Öffnung nach unten auf die Tischplatte und betrachtete den Moskito, den er gefangen hatte. Wenn er die Tour in den Wind schoss, musste er seinen Schrott in Douala losschlagen. Das würde nicht mal die Treibstoffkosten einspielen, geschweige denn die Reparaturen. In diesem Moment tauschte Yuri die beschädigten Rotorblätter aus und er hatte mit dem Zeugmeister noch nicht über den Preis geredet. „Shit. Wisst ihr zufällig, wie gut diese Gotteskrieger bewaffnet sind?“
„Du meinst, ob sie einen SOL-Copter vom Himmel holen können?“
„Ganz genau.“
„Vor fünf Jahren waren alte Kalaschnikows die Speerspitze ihrer Technologie“, sagte Geoffrey. „Aber damals war damals.“
„Und heute ist heute.“ Daniel nickte. „Hab vor ein paar Monaten gehört, dass die Alexandriner neuerdings Waffen Richtung Süden verschieben.“
„Da hast du’s.“
„Aber Süden kann sonst was heißen. Das muss nicht Kongo sein.“
„Und in Moundamé könnten genauso gut Minenarbeiter randaliert haben, weil sie keine Lust mehr haben, von weißen Großfressen rumkommandiert zu werden.“
Daniel verzog einen Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln. „Dann gibts wohl nur eine Möglichkeit. Ich fliege hin und finde es raus.“


Das Folgekapitel gefällt mir fast noch besser als der Einstieg. Man kriegt einen guten Eindruck, wer Daniel Helgren ist und durch den Dialog bekommt man auch schön einiges über die Welt vermittelt, ohne das es in einen Infodump ausartet, oder einem die Tschechowflagge ins Gesicht geknallt wird. Klingt nach einem sehr natürlichen Dialog zwischen zwei Ex-Soldaten in einem Neoafrika.
Was mir aufgefallen ist, habe ich angemerkt. Angenehmerweise war das im Folgekapitel nicht sehr viel. Ich hoffe, du machst weiter, denn dieses Buch würde ich gerne lesen.


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agu
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BeitragVerfasst am: 06.03.2019 01:05    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Azareon -
vielen lieben Dank für's Lesen und Durchsehen ... alles valide Punkte.
Und freut mich sehr, dass es Dir gefällt. Nachdem ich über die psychologische Hürde der ersten hundert Seiten drüber bin und inzwischen unendliche Stunden in die Hintergrundstory gesteckt habe, denke ich doch, ich bin selbst nun fest genug am Haken, um es fertig zu schreiben Smile
/Andrea


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Engelsbrut (2009 Sieben, 2011 LYX) | Engelsjagd (2010 Sieben) | Engelsdämmerung (2012 Sieben)
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azareon35
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BeitragVerfasst am: 06.03.2019 01:17    Titel: Antworten mit Zitat

agu hat Folgendes geschrieben:
Hallo Azareon -
vielen lieben Dank für's Lesen und Durchsehen ... alles valide Punkte.
Und freut mich sehr, dass es Dir gefällt. Nachdem ich über die psychologische Hürde der ersten hundert Seiten drüber bin und inzwischen unendliche Stunden in die Hintergrundstory gesteckt habe, denke ich doch, ich bin selbst nun fest genug am Haken, um es fertig zu schreiben Smile
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Michel
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BeitragVerfasst am: 06.03.2019 11:47    Titel: Antworten mit Zitat

Zum Folgekapitel: Ja, das läuft stimmig durch und fügt sich vermutlich auch mit Einschüben anderer Kapitel gut an den ersten Textblock.

Einschübe fände ich an der Stelle tatsächlich ganz gut. Ich habe im Verlauf des Lesens einen gewissen Überdruss an hardboiled-Ex-FRONTEX-Soldaten-Harte-Jungs-Zeug gemerkt. Block eins fand ich absolut passend, Block zwei fühlte sich an wie eine etwas überdrehte Schraube ("nach fest kommt ab").

Überflüssig zu sagen, dass das Ganze höchst routiniert läuft und die Menge an Info, die Du einfließen lässt, gut austariert ist. Der Rotor muss bezahlt werden - also rein in die Scheiße, damit die Kohle wieder stimmt. Wenn alles gut geht - was es sicher nicht wird.
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agu
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BeitragVerfasst am: 06.03.2019 12:24    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Michel,

was die Einschübe betrifft - ja absolut, da gibt es ein Kontrastprogramm aus einer zweiten Erzählperspektive, die wirklich ganz anders ist. Sehe ich auch so wie Du - das Hardboiled-Soldier-Zeug ist nett und auch wichtig, um ein paar Infos zu verpacken und die Figuren zu umreißen, aber die Dosis macht das Gift.

Geht natürlich nicht gut aus, das Ganze smile


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agu
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BeitragVerfasst am: 10.03.2019 23:37    Titel: 2121 | Freebooter (der zweite Charakter) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo ihr Lieben,
ich hatte vor geraumer Zeit ja die Eingangs-Szene meines neuen SciFi-Projekts eingestellt; nun würde ich gern noch mal Meinungen zu einem Kapitel mit der zweiten Hauptfigur einholen.

Kurz zum Hintergrund - Schauplatz ist die "betreute Schwangerschaftsstation" eines Hilfsorganisations-Konzern, immer noch in Neo-Afrika, wo es u.a. grobe Unregelmäßigkeiten mit illegaler Leihmutterschaft gibt. In den umliegenden Slums braut sich ein Aufstand zusammen, befeuert durch eine Fieberepidemie und abergläubische Gerüchte über die künstlichen Befruchtungen.
Leloa, eine Art Versicherungsdetektivin, hat damit wenig am Hut, sie hat sich nur als Insassin eingeschleust, um zu überprüfen, ob ein Kunde ihrer Gesellschaft in schmutzige Geschäfte verwickelt ist.  

Ich freue mich auf eure Eindrücke. Nicht unbedingt Detailkritik, denn textlichen Feinschliff mache ich selbst noch, eher der generelle Eindruck. Ich stelle mir so Fragen wie - fiebert man mit der Protagonistin mit, liest es sich spannend, kann man dem Geschehen folgen, ohne dass es zu unübersichtlich wird?

Liebe Grüße,
Andrea

---

Zurück in der Station fiel Leloa als erstes auf, dass das Dienstbüro am Eingang unbesetzt war. Eine seltsame Unruhe hing in der Luft, die aber nicht von den Schwangeren ausging, sondern vom Klinikpersonal.
Die gesamte Nacht-Crew hatte sich im Büro der Stationschefin versammelt. Zehn Leute, deren Hinterköpfe sich gegen die Glasscheiben drückten. Sie hörte Stimmfetzen, aufgeregte Wortwechsel, dann das Piepsen eines Satellitentelefons auf Lautsprecher. Sie drückte sich in die schattige Nische neben dem Getränkeautomaten, um zu lauschen, konnte aber nichts verstehen.
Die Tür flog auf und Antoine, der große Franzose mit den Rastalocken, stürmte heraus. „Dafür habe ich nicht unterschrieben!“, brüllte er über die Schulter und verschwand durch die Stationstüren nach draußen.
Als Nächstes tauchte Schwester Gini auf. Ihre Blicke trafen sich. Ein Lächeln legte sich über die angespannten Züge der rotblonden Frau. „Gottseidank, da bist du ja!“
Leloa murmelte etwas Belangloses in Bantu. Sie konnte schlecht zugeben, dass sie Englisch verstand.
„Hier ist noch eine!“, rief Gini ihren Kollegen zu. Dann nahm sie Leloas Hand und zog sie mit sich ins Behandlungszimmer neben dem Büro. „Komm Schätzchen, wir müssen dich registrieren. Alles in Ordnung mit dir?“
Sie piepste Leloas Chip ins System, untersuchte sie eilig, starrte auf die Verbrennungen an ihren Füßen. Mit gerunzelter Stirn blickte sie auf.
„Diese Barbaren“, sagte sie, mehr zu sich selbst. „Das sind wilde Tiere, hörst du, meine Kleine? Aber hier drin seid ihr sicher, hier passiert euch nichts. Egal was die sich ausdenken, ihr müsst euch keine Sorgen machen.“
Vielleicht sind sie dazu übergegangen, alles abzuschlachten, was mit Schwangerschaftsbauch durch’s Tor kommt. Passte auch zu Sidones Geschichte. Und jetzt zählten sie hier drin ihre Insassen durch, um die Verluste zu beziffern.
Draußen auf dem Korridor entstand Bewegung. Durch die gläsernen Türen erhaschte Leloa einen Blick auf Fleck-Tarn und eine rote Bandana. Was hatten Kohlhaas-Söldner hier drin zu suchen? Nicht gut. Die Chefin vom Dienst geriet in ihr Sichtfeld, Doktor Balog, eine schroffe, pferdegesichtige Frau, die sich als einzige nicht mit ihrem Vornamen ansprechen ließ.
„... nach VII-D. Ich habe euch von Anfang an gesagt, dass es verrückt ist, sie draußen herumlaufen zu lassen! Das wäre nicht passiert, wenn ...“
„Wie viele fehlen?“, unterbrach sie ihr Gegenüber, ein Mann in einem eleganten Anzug. Leloa hatte ihn noch nie gesehen. Vielleicht jemand von der Klinik-Leitung.
„Finden wir gerade heraus.“
„Armes Mädchen, das tut sicher weh.“ Ginis Stimme rutschte zurück in Leloas Wahrnehmung. „Komm, setz dich hierher.“ Leloa ließ sich zu einer Pritsche dirigieren und hob ihre Füße auf die gummierte Unterlage. Angestrengt versuchte sie, mehr von der Konversation im Foyer aufzufangen.
„... und die Implants nach VII-D“, sagte der Mann. „Was mit den anderen passiert, ist mir egal. Die Implants sind das Einzige, was uns jetzt interessiert. Wenn uns eine durchrutscht, hänge ich Ihnen das um den Hals. Ist das klar?“
„Ja, Sir.“ Balog duckte sich, obwohl sie einen halben Kopf größer war als das gelackte Arschloch im Anzug.
Gini sprühte einen dünnen Film auf Leloas Brandblasen, der das Pochen und Brennen zum Verstummen brachte. Poly-Vin, dein Freund und Helfer in aussichtslosen Lagen. Verursacht Krebs, aber flickt dich zusammen. Lebe den Augenblick, Baby!
„Sie organisieren die Verlegung, ich rede mit der Security. In einer Stunde brauche ich die Liste.“
„Was soll ich jetzt mit den anderen machen?“, fragte Balog.
„Geben Sie Ihnen die Gnadenspritze oder werfen Sie sie raus, ist mir einerlei. Aber zuerst evakuieren wir die Implants.“
„Fertig!“, verkündete Gini. Leloa zog ihre Sandalen wieder an und ließ sich nach draußen führen, an Balog und dem Anzugträger vorbei, zum Übergang in den Wohntrakt. Die Schwester schob sie durch die graue Schwingtür. „Ruh dich aus, Schätzchen.“
Leloa machte vier Schritte in den halbdunklen Aufenthaltsraum, bis sie hinter sich das Klacken hörte. Das Schloss. Sie erstarrte und lauschte. Die Stimmen und Schritte aus dem Foyer klangen gedämpft. Sie kehrte zur Tür zurück und drückte dagegen. Nichts bewegte sich. Auch nicht, als sie ihr Handgelenk gegen den Leser presste. Scheiße, das ist neu.
Sie schloss die Augen und unterdrückte ihre aufsteigende Panik. Wenn ihre Tarnung aufflog, war sie geliefert. Und wenn nicht, wenn sie als Mila durchging, jedenfalls bis zum nächsten Ultra-Scan ... VII-D war ein Hochsicherheitsbereich. Keine Chance, da unbehelligt rein und rauszuspazieren. Wenn sie Ernst machten, wenn sie alle künstlichen Schwangerschaften in die VII-D verlegten, womöglich noch heute Nacht, dann rückten Kamera und Medikamente außer Reichweite. Die Medikamente waren nützlich, aber nicht kriegsentscheidend. Ohne die Kamera konnte sie allerdings nicht weg. Nicht nur, dass alle Beweise auf dem Gerät gespeichert waren. Sie konnte vor allem nicht riskieren, dass das Scheißding irgendjemandem in die Hände fiel, solange ihr Arsch noch in Douala fest hing. Und die Prämie kannst du dir dann auch in die Haare schmieren.
Sie drehte sich einmal um sich selbst, betrachtete die Konturen der Kissen auf dem Boden, die großen Obstschalen, die Sofas an den Wänden. Grünliches Nachtlicht tauchte alles in einen geisterhaften Schimmer. Ein Geräusch riss sie aus ihrer Betrachtung, das Quietschen der Tür, die zu den Schlafsälen führte. Ein Mädchen tauchte auf und marschierte an Leloa vorbei zum Ausgang. Verblüfft rüttelte sie an der Klinke, als die zweite Tür sich nicht bewegte.
„Es ist zugeschlossen“, sagte Leloa halblaut.
Die Kleine fuhr herum. „Es tut weh“, flüsterte sie. „Der Dämon ist aufgewacht.“ Dann wandte sie sich wieder zur Tür und schlug mit beiden Händen dagegen. Nichts passierte.
Leloa musterte den gewölbten Bauch des Mädchens. Wie so viele hier wirkte sie zu jung für die Mutterschaft.
Sie pflanzen uns Dämonen in den Bauch ... Der Fluch kommt von den Frauen, die die Dämonen gebären ... Sie müssen zum Zauberer, sonst sind sie verloren ... Abebi und Ijemma haben sie weggebracht ... jetzt sind sie tot!
Ganz plötzlich kam ihr eine Idee. Eine, die so gut war, dass sie in die Dunkelheit hinein lächeln musste.
„Wir sind verloren“, sagte sie zu dem Mädchen. „Draußen ist ein Zauberer, der könnte uns retten. Aber sie sperren uns ein. Sie sperren uns ein, damit wir die Dämonen ausbrüten müssen.“
Die Kleine starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an.
„Ich habe die Leichen gesehen.“ Leloa senkte ihre Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. „Abebi und Ijemma. Sie sind tot. Der Dämon war zu groß.“
„Und was machen wir jetzt?“
„Wir müssen hier raus. Los, sag den anderen Bescheid.“

***

Die Hysterie schoss wie eine Tsunami-Welle durch die Schlafsäle, zerschmetterte die nächtliche Ruhe und spülte jede Vernunft davon. Leloa konnte kaum glauben, wie schnell die Panik sich ausbreitete. Es übertraf ihre kühnsten Hoffnungen. Binnen zehn Minuten verwandelte sich der gesamte Wohntrakt in ein Irrenhaus. Die Gerüchte, die schon seit Tagen kursierten, hatten sich zu einem riesigen Zunderhaufen aufgetürmt. Und sie musste nichts weiter tun, als ein kleines Zündholz anzureißen.
Sogar die Frauen, die auf natürliche Weise schwanger geworden waren, ließen sich anstecken. Alle Logik ging zum Teufel. Was übrig blieb, war eine Stampede wütender, zu Tode verängstigter Kreaturen, die sich mit abgebrochenen Stuhlbeinen und Vorhangstangen bewaffneten, wild entschlossen, jeden niederzutrampeln, der sich ihnen in den Weg stellte.
Mit einem Metallrohr brachen sie die Tür auf, die allerdings auch nicht dafür gemacht war, einem Gefangenenausbruch standzuhalten. Leloa drückte sich in eine Ecke und hörte mehr, als dass sie es sah, wie der Mob sich ins Foyer ergoss und alles überrollte. Ins Gebrüll und in die vielstimmigen Schimpftiraden mischten sich Schreie. Dann ein Schuss. Der Aufstand eskalierte binnen Sekunden.
Sie wartete eine Zeitlang, bevor sie sich aus der Deckung wagte. Draußen bot sich ein Bild der Verwüstung. Die Frauen drückten und stießen einander gegen die Wände und gegen die Schwingtüren zum Korridor, die offenbar verbarrikadiert worden waren. Aber sicher nicht mehr lange.
Zwischen den vielen schwarzen Köpfen tauchte für einen Moment Ginis rotblonder Schopf auf, verschwand gleich wieder. Leloa spürte einen Stich Schuldgefühl. Dann traf sie ein Ellbogen in die Seite. Der Schmerz erstickte jede Sentimentalität. Sie drückte sich an der Wand entlang bis zum Behandlungsraum. Drinnen rissen ein paar Frauen die Schränke auf und fegten XPol-Dosen, Spritzen und Verbandsmaterial auf den Boden. Die Tür zum benachbarten Stationsbüro war geschlossen, die großen Fenster eingeschlagen. Drinnen war ein Aktenschrank umgestürzt, der Raum ansonsten leer. Sie hörte eine Stimme, die das Chaos zu überbrüllen versuchte, Wortfetzen in Englisch, dann eine Maschinenfeuergarbe vom Korridor. Auf einen Schlag gingen die Lichter aus. Das Gebrüll um sie herum verwandelte sich ins Heulen wilder Tiere.
Sie spürte Hände an ihrem Kopf, stieß Körper beiseite, drückte sich so fest an die Wand, wie sie konnte. Bloß nicht in die Stampede hineinziehen lassen.
Die Bürotür ließ sich einfach aufstoßen. Sie drückte sich hinein und zog sie hinter sich zu, ging auf alle Viere hinunter und kroch zum Schreibtisch. Ihre Hände tasteten in etwas Nasses, Klebriges. Der Stoff über ihren Knien sog sich voll. Desinfektionsmittel stieg ihr in die Nase, Chemikalien, dann ein scharfer, beißender Geruch. Es war stockfinster, sie konnte nichts sehen. Entweder einer der Kohlhaas-Helden hatte den Sicherungskasten getroffen. Oder sie hatten die Sicherungen absichtlich herausgedreht. So oder so, im Moment war das Chaos auf ihrer Seite.
Nicht, dass sie es geplant hatte, aber wenn das Schicksal ihr so freundlich winkte, wer war sie, nein zu sagen? Sie stieß mit der Schulter gegen ein scharfkantiges Hindernis, unterdrückte einen Schmerzenslaut. Mit erhobenen Händen ertastete sie Kabel und die Kante der Schreibtischplatte. Sie kroch darunter hindurch, richtete sich auf, suchte nach dem X-Pad. Bingo. Komm zu Mama.
Das Pad war groß und schwer, ein stationäres Arbeitsdisplay. Sie berührte die Oberfläche und fluchte lautlos, als plötzliche Helligkeit sie blendete. Sie drehte es blitzschnell um und presste es auf den Boden, so dass das Licht nur noch entlang der Kanten entwich. Sie betete, dass keiner was gemerkt hatte. Oder es egal war. Dem Gebrüll nach zu urteilen waren sie dazu übergegangen, sich da draußen Körperteile abzureißen. Wieder peitschten Schüsse durch die Kakophonie, dann ein dumpfer Knall, bei dem der Boden unter Leloas Knien vibrierte. Eine Explosion.
Sie fummelte den winzigen Intruder aus einer offenen Naht ihres Overalls. Und Shit, warum hatte sie die Kamera nicht gleich dazu gepackt? Warum hatten ihre Instinkte versagt, warum hatte sie nicht absehen können, wie schnell die Scheiße eskalierte? Okay, konzentrier dich. Zuerst der Computer.
Sie versuchte die Schreie und die anderen, noch viel schlimmeren Geräusche auszublenden, die sich drei Meter entfernt von ihr abspielten, getrennt nur durch Finsternis, ein paar Stühle und eine kaputte Formblechwand. Ihre Hand zitterte. Sie atmete tief ein und wieder aus, starrte auf den feinen Rahmen aus Licht, legte den Intruder auf die Vertiefung, wo er magnetisch kleben blieb. Eine winzige orangefarbene Diode glomm auf, Kontakt, färbte sich nach einigen Sekunden grün. Zugriff. Begann zu flackern. Leloa legte ihre Hand darüber und beugte sich mit ihrem Oberkörper über das X-Pad, um das Leuchten abzuschirmen.
Natürlich war das ein Schuss ins Blaue. Der Intruder zog einfach eine Kopie aller Daten auf dem Pad. Und mit Glück hing sogar der zentrale Medi-SEC Server noch dran und hatte sich nicht zusammen mit der Beleuchtung verabschiedet. Ob dann irgendwas von dem Kram zu gebrauchen war, würde sie später herausfinden. Auf einem Schiff in Richtung Gibraltar oder, besser noch, in ihrem Büro in Utrecht.
Eine zweite Explosion erschütterte das Gebäude, dieses Mal so nah, dass die Druckwelle die verbliebenen Glasscheiben zerschmetterte. Instinktiv ließ Leloa sich flach auf den Bauch fallen. Um sie herum rieselten Splitter auf den Boden. Etwas Schweres krachte auf die Schreibtischplatte. Sie hörte statisches Knistern durchs Gebrüll, antike Funkgeräte, wo sonst nichts am Arsch der Welt funktioniert, gebellte Befehle, ganz nah. Die mussten inzwischen im Foyer sein, was hieß, dass die Schwingtüren nicht länger blockiert waren. Shit, wenn sie Nachtsichtgeräte hatten –
Sonst würden sie sich wohl kaum ins Chaos stürzen, Schätzchen.
Und sie lag hier wie auf dem Präsentierteller, abseits der Masse, unter sich ein X-Pad... Mist. Sie klaubte den Intruder in ihre Handfläche, scheißegal, wenn er nicht fertig ist, kroch auf Händen und Füßen zur Tür, beförderte ihn unterwegs in den Mund und schluckte. Das Drecksteil war zwar klein, aber hatte scharfe Kanten und brannte eine Spur ihre Kehle hinunter. Sie würgte und schluckte, schluckte erneut. Sie hoffte inständig, dass die klebrige Scheiße auf dem Boden Blut war, jedenfalls roch es jetzt so, wischte sich mit beiden Händen übers Gesicht, schmierte den Rest über ihren Overall.
„Drängt sie da rüber!“, brüllte jemand. „In die Schlafsäle, in die beschissenen Schlafsäle!“
Leloa taumelte in eine Szene wie aus der Apokalypse. Sie schaffte es kaum, sich aufzurichten, weil ihr jemand auf die Hände trat. Sie schrie und keuchte, wie alle anderen, hoffte, dass keiner der Söldner bemerkt hatte, wo sie herkam, und wenn doch, sich nichts dabei dachte. Nur eine weitere verwirrte Dédé, von Kopf bis Fuß mit Blut beschmiert. Wie eine losgerissene Kanone auf hoher See taumelte sie durch die Masse, stieg über Körper am Boden, manche still, andere krümmten sich, schrien oder wimmerten, griffen nach ihren Füßen.
Ein Taschenlampenstrahl zuckte über die Wände. Noch einer. Direkt neben ihr tauchte ein großer Kerl mit Kevlarweste auf, das Gewehr quer vor sich wie eine Barriere, der sie zusammen mit anderen Frauen zurück zum Wohntrakt schob. Sie stolperte absichtlich und ließ sich fallen, rollte zur Seite, stöhnte vor Schmerz, als ihr jemand in die Rippen trat. Sie rollte weiter, kroch, taumelte, robbte ein Stück auf den Knien. Vor ihr die schwarze Masse des Getränkeautomaten, sie drückte sich in die Nische daneben, heraus aus der Strömung aus Armen und Beinen und geschwollenen Bäuchen.
Zu den Schwingtüren waren es nur ein paar Meter. Eine davon stand halb offen. Anstelle von Glasscheiben steckten nur noch Splitter im Rahmen. Im Stroboskop-Gewitter der Taschenlampen machte sie zwei Wachen aus. Einer von ihnen setzte sich in Bewegung, direkt auf sie zu. Sie ließ sich gegen den Automaten sacken, Kopf runter auf die Brust.
Dann war er hinter ihr und sie schob sich weiter, dicht an der Wand entlang. Plötzlich lichtete sich das Chaos um sie herum. Auf dem Boden lagen tote und verwundete Leiber. Es stank nach verschmortem Fleisch, Exkrementen und Blut.
Sie erreichte die Schwingtür, richtete sich auf –
- und ein Arm legte sich um ihre Hüfte, zog sie herum, etwas Hartes drückte gegen ihren Bauch, sie tastete danach –
„Falsche Richtung“, sagte der Mann und drängte sie zurück, nicht gewalttätig, sondern gleichgültig, wie ein Schaf, das aus dem Gatter entwichen ist. Mehr Reflex als geplanter Gedanke, griff sie nach der Waffe an seinem Gürtel, Lederwicklung, taktisches Messer, zog sie heraus und herum, rammte ihm die Klinge in den Leib, genau in den Spalt zwischen Weste und Gürtel.
Er heulte auf und sein Griff gab nach und sie riss sich los und rannte. Wie eine Irre stürzte sie den Korridor hinunter, blind im Dunkeln, aber der Grundriss hatte sich ihr ins Hirn gebrannt, bog ab in einen OP-Saal, Gottseidank ist die Tür nicht verschlossen, durchquerte den Raum und blieb wie durch ein Wunder an keinem Hindernis hängen, schoss durch die Tür auf der anderen Seite, dann rechts, wieder rechts, dann in die Toiletten. Sie konnte die Hand nicht vor Augen sehen. Sie setzte sich in die hinterste Kabine, verriegelte die Tür, zog die Beine hoch und wartete. Ihr Herz hämmerte ihr bis in die Ohren. Es dauerte ewig, bis sich ihr Atem normalisierte. Sie hörte Stiefelschritte, jemand rannte, Männerstimmen, aber alles weit weg. Drei, nein vier Feuerstöße, lange Maschinengewehrgarben. Sie bekam das Bild nicht aus dem Kopf, wie schwer bewaffnete Typen in eine Gruppe schwangerer Frauen feuerten. Nein, bestimmt nicht, das taten sie nicht. Oder? Oder? Und wenn doch, war es ihre Schuld? Hatte sie jetzt fünfzig tote Mädchen auf dem Gewissen, nur damit ein Scheiß-Konzern, der einen anderen Scheiß-Konzern kaufen wollte, sich sicher sein konnte, dass er seine Scheiß-Dollars nicht in irgendeine unkalkulierbare Scheiße steckte, die womöglich nach hinten losging und ihn dann Millionen für Anwälte und Publicity kostete?
Sie hätte sich am liebsten übergeben, aber riss sich zusammen, damit der verdammte Intruder nicht mit hochkam und ihr auf dem Rückweg ein zweites Mal die Speiseröhre zerschrammte.


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Michel
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BeitragVerfasst am: 11.03.2019 10:58    Titel: Antworten mit Zitat

Ganz kurzer erster Eindruck: Ich habe mich beim Lesen immer wieder ertappt, den Atem anzuhalten und kein überflüssiges Geräusch zu machen. Shocked Danke, dass Du die MG-Garben nur akustisch einführst. Ist der Rauch, der in Szene 3 zu sehen ist, von hier?
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Bananenfischin
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BeitragVerfasst am: 11.03.2019 11:19    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe die Threads wegen unserer "ein Manuskript - ein Thread" Regel zusammengeführt.

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»Ob ich mir eine Dramatisierung meiner Bücher vorstellen kann? Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, in meinen letzten vier Büchern gibt es keine Handlung.« (Andreas Maier im Gespräch mit Raimund Fellinger, 2015)
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