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Zukunft 1


 

 
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Ralfchen
Geschlecht:männlichSchreiberling

Alter: 72
Beiträge: 203



BeitragVerfasst am: 10.11.2018 02:05    Titel: Zukunft 1 eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zukunft 1

Das Fenster im ersten Stock ist sperrangelweit offen. Starrt wie ein aufgerissener Mund, rektangulär aus dem Gesicht des Hauses. Brüchiger Anstrich entblättert in bleichem Grün das nackte Holz der Fensterflügel – das Versprechen eins Herzversagens für ambitionierte Streichergesellen? (Gibts die noch?)

Man hat den Eindruck, dass den Okkupanten das summende Geschmeiß im Haus erwünscht ist, denn: das Fliegengitter hat Löcher an diversen Stellen. Wie der drahtene Schleier einer alten Hardware-Braut. Zerfransten Gardinen, an deren Pflegeempfehlungen sich die residenten Nager bereits vor Dekaden delektierten, schämen sich schmutzstarrend im Wind.

Vor dem Fenster duften zwei ältliche Sommerlinden in voller Blüte vor sich hin. Myriaden von ausgebeuteten Honigarbeiterinnen versummen die Luft mit Geräuschen, die an den fernen Kampfeinsatz von Helikoptern in einem schon lange vergessenem Vietnam erinnern.

Das Gefieder der noch nicht zu den ausgerotteten Vogelarten zählenden zwei Gattungen brummzwitschert mit rauen Kehlen vom Himmel. Es ist ein Vorbeigleiten das kaum mehr zu bewundern ist. Die Flügelspannweite der radiologierten Spatzen beträgt 12 Meter. Also wirkt gewaltig, fast furchteinflößend. Doch wovor soll man sich hier noch fürchten? Der rötliche Himmel hatte schon vor Äonen aufgegeben himmlisch zu sein. Reduziert auf einen schmutzigroten matt-szintillierenden Spatzendom.

123Wie es weitergeht »




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Alles, was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen. (L. Wittgenstein)
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Pickman
Geschlecht:männlichAutor

Alter: 52
Beiträge: 534
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BeitragVerfasst am: 10.11.2018 04:57    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Ralphchen,

Dein Text liest sich mal ambitioniert, mal prätentiös, aber an keiner Stelle flüssig. Bevor ich in die Details gehe: ist er Teil einer Kurzgeschichte oder von etwas Größerem?

Cheers

Pickman


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"Damit sich alles erfüllt, damit ich mich weniger allein fühle, brauche ich nur noch eines zu wünschen: am Tag meiner Hinrichtung viele Zuschauer, die mich mit Schreien des Hasses empfangen." (Albert Camus: Der Fremde)
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Ralfchen
Geschlecht:männlichSchreiberling

Alter: 72
Beiträge: 203



BeitragVerfasst am: 10.11.2018 15:06    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

hallo Pickman -

danke mal fürs lesen. es ist wie die ziffer sagt ein teil einer kurzgeschichte. bis bald. der teil zwei kommt mitte nächster woche.

vlg
r


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Tape Dispenser
Geschlecht:männlichSchreiberling


Beiträge: 278



BeitragVerfasst am: 10.11.2018 15:43    Titel: Antworten mit Zitat

Spektakuär schwitzend spatzt mein Hirn im Sonnenglast derart gedrechselter Feinziselierung.

Liebes Ralfchen, mich dünkt du möchtest literarisch schreiben?
Pickman hat das Wort prätentiös benutzt, dem kann ich mich nur anschließen.
Was sollen "alte Hardware-Bräute" sein?

Zitat:
Das Gefieder der noch nicht zu den ausgerotteten Vogelarten zählenden zwei Gattungen brummzwitschert mit rauen Kehlen vom Himmel.


Das Gefieder … zweier Gattungen … brummt und zwitschert … mit rauen Kehlen vom Himmel.

Aha.

Ich fürchte, das ist einfach nicht besonders gut durchdacht.
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Ralfchen
Geschlecht:männlichSchreiberling

Alter: 72
Beiträge: 203



BeitragVerfasst am: 11.11.2018 00:58    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

nein ich möchte nicht literarisch schreiben weil mir dazu das talent fehlt. ich möchte mit worten und neologismen bilder in der phantasie der leserInnen malen...ich bin maler

...eine alte HARDWARE-BRAUT...ist die kurz vor der heirat stehende ältliche verlobte eines hardware-laden-besitzers (eisen-handlung mit schrauben und kleineren werkzeugen) in ermangelung vorhandener tüll-schleier verwendet der alte bräutling für die verschleierung der dame fliegengitter aus dem lagerbestand.

der text ist auch ein experiment mit der sprache und ihren unendlichen chancen vigoröser eventualitäten und ausdrucks-mechanismen.

vlg
r


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Abari
Geschlecht:männlichAutor

Alter: 38
Beiträge: 839
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BeitragVerfasst am: 11.11.2018 01:31    Titel: Antworten mit Zitat

Warum so laut? Wer soll das denn ahnen? Nach so langer Zeit der Abwesenheit?

Vielleicht geht das Experiment zu weit? Eine Häufung schwer nachassoziierbarer Worte macht noch keinen guten Text und erst recht kein gutes, auch kein modernes Bild. Vielleicht wäre mein Urteil besser ausgefallen, wenn Du nicht gleich herumposaunt hättest. Ich dachte nämlich darüber nach und hätte Dir gern besseren Bescheid gegeben. Aber so denke ich nicht, dass das Deiner "hohen Kunst" je würdig und gerecht würde. Aber bevor du Dir es anders überlegst, friere ich Deinen, wie ich finde, ziemlich barschen Post ein. Und ich werde mich nie wieder mit einem Text von Dir beschäftigen. Bitteschön.


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Das zeigt Dir lediglich meine persönliche, höchst subjektive Meinung.
Ich mache (mir) bewusst, damit ich bewusst machen kann.

LG
Abari
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Ralfchen
Geschlecht:männlichSchreiberling

Alter: 72
Beiträge: 203



BeitragVerfasst am: 11.11.2018 02:53    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

hallo Abari - ich bin nicht laut. versuche nur zu erklären warum und wie ich einen text schreibe. denke das habe ich ausführlich getan.

Zitat:
... Vielleicht wäre mein Urteil besser ausgefallen, wenn Du nicht gleich herumposaunt hättest..


hm...ok schade dass dein besseres urteil von meinem versuch sauber und klar zu antworten nun nicht mehr möglich ist.

gute nacht (guten morgen)
r


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Pickman
Geschlecht:männlichAutor

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BeitragVerfasst am: 11.11.2018 07:42    Titel: Antworten mit Zitat

Ralfchen hat Folgendes geschrieben:
es ist wie die ziffer sagt ein teil einer kurzgeschichte


Hi Ralfchen,

die Ziffer sagt erst einmal "1" und sonst nichts. Trotzdem vielen Dank für die Auskunft.

Wenn Abari die Lautstärke Deiner Rückmeldung moniert, meint er möglicherweise die verwendete Schriftgröße.

Nun zum Inhalt Deines Texts. Das Fenster im ersten Stock steht offen. Der Anstrich ist grün und brüchig. Das Fliegengitter weist Löcher auf. Die Gardinen sind schmutzig und zerfranst. Vor dem Fenster stehen zwei Linden in Blüte. Sie durften und sind voller Bienen. So weit die ersten drei Absätze. Im vierten Absatz treten Riesenspatzen auf, die infolge eines lange zurückliegenden schrecklichen Ereignisses entstanden sind.

Inhaltlich ist der Text nicht sonderlich komplex, aber der manieristische Stil macht ihn kaum lesbar. Das wertet ihn nicht auf. Im Gegenteil: als Leser bin ich nur zu geneigt, ihn nach zwei Zeilen wegzulegen, weil dicke Form und dünner Inhalt nicht zueinander passen.

Die zahlreichen Nebensätze und Einschübe, in denen Du Deinen Lesern die verschiedensten Assoziationen anbietest, hättest Du nutzen können, um den Text mit Spannung, Vorahnungen, Interpretationen etc. aufzuladen. Ich sehe nicht, dass Du diese Chance genutzt hättest. Zumindest kann ich mit den – aus meiner Sicht wahllosen - Abschweifungen nichts anfangen.

Gegen den Gebrauch von Neologismen und von Wörtern außerhalb ihres üblichen Kontexts ist nichts einzuwenden. Aber mit diesen Stilmitteln würde ich äußerst sparsam einsetzen: nur dann, wenn der bestehende Wortschatz wirklich nicht ausreicht, oder an inhaltlichen(!) Höhepunkten des Texts. Sprachliche und stilistische Originalität ist kein Selbstzweck, sondern sollte stets ein Ziel verfolgen.

Cheers

Pickman


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Michel
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Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 11.11.2018 11:09    Titel: Antworten mit Zitat

Also, ich hab's interessiert gelesen.
Ja, bei mir entsteht der Eindruck eines etwas verschraubten Stils, an einigen Stellen bleibe ich hängen. Dass das Fenster offen ist und nicht offen steht, zum Beispiel, oder das "man" zum Beginn des zweiten Absatzes. Sind die gefühlt-germanischen Stabreime ("Brüchig entblättert im bleichen Grün ...") absichtlich gesetzt oder zufällig entstanden?
Etwas überzogen kommt mir der "delektierten"-Satz vor, in meiner Wahrnehmung dreht er sich etwas arg selbstgefällig um sich selbst. Bei den ausgebeuteten Arbeiterinnen verliere ich den Faden, der Text scheint etwas auszufransen. Der Schluss fängt mich dann wieder ein: Riesenspatzen? Geiles Bild. (Tschuldigung.)
"Wovor soll man sich fürchten?" verstehe ich nicht; meintest Du "wer soll sich noch fürchten?"
Aber. Insgesamt. Originelle, unverbrauchte Bilder ("Hardware-Braut", "aufgerissener Mund") und eine Wendung im Text, die mich neugierig macht. Ich bleibe dabei: Mich interessiert's.
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Pickman
Geschlecht:männlichAutor

Alter: 52
Beiträge: 534
Wohnort: Diaspora


BeitragVerfasst am: 11.11.2018 11:17    Titel: Antworten mit Zitat

Michel hat Folgendes geschrieben:
Mich interessiert's.


Mich - trotz aller Kritik am Stil - auch. Wie geht es weiter?


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agu
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Alter: 45
Beiträge: 1764
Wohnort: deep down in the Brandenburger woods


BeitragVerfasst am: 11.11.2018 11:47    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Ralfchen,

Deine Sprachbilder sind überwiegend schön und ungewöhnlich, aber es sind zu viele pro Quadratmeter. Das ist wie mit besonders exotischen und geschmacksintensiven Gewürzen: Gezielt an der einen oder anderen Stelle eingesetzt machen sie das Essen zum Genuss. Schmeißt man sie alle zusammen in den Topf (und zu viele davon) und rührt sie durch, wird's ungenießbar.
In Deinem Text deshalb passieren zwei Dinge:
    Die Bilder kommen nicht richtig zur Wirkung, weil sie sich gegenseitig erdrücken.

    Der Text wird - wie schon von anderen angemerkt - sperrig und schwer lesbar, was die Freude daran merklich trübt


Mein Vorschlag:
Versuche mal folgende Dinge:
1.
Reduziere die Anzahl dieser Sprachbilder drastisch. Ich würde mal mit 1 pro Absatz anfangen. Die können sich an einer Stelle auch ruhig mal zu zweit oder zu dritt häufen, aber dann braucht man wieder ein paar Sätze schnörkellosen Kontrast. Guter Text lebt von Kontrasten. Kurze gegen lange Sätze, starke gegen schwache Verben, voluminöse Sprachbilder gegen ökonomische, schnörkellose Sprache.
Außerdem ist es bei solch bildhaften Konstruktionen von großem Vorteil, sich vorher zu überlegen, wer der Erzähler ist und dann jedes Bild dagegen zu prüfen, ob er so denken würde. Damit erreichst Du Konsistenz. Denn als Leser leitet man sich aus den Bildern automatisch den Charakter des erzählenden Protagonisten ab, was man als Autor auch aktiv nutzen sollte.

Bei Deinen Bildern zum Beispiel ergibt sich bei mir folgender Eindruck vom Protagonisten: Eine Person, die lange nicht mehr hier war ("Gibts die noch?"), aber trotzdem diese Welt gut kennt (sonst wäre sie von den 12 Meter großen Spatzen mehr erschrocken), veganer Tierschützer ist ("ausgebeutete Honigbienen"), den Reinlichkeitssinn einer schwäbischen Hausfrau hat (schmutzige Gardinen schämen sich, brummendes Geschmeiß), in Vietnam war... spätestens hier wird es inkonsistent, denn etwas später deutest Du mit "Äonen" an, dass der Zustand der Welt schon sehr, sehr lange so ist wie jetzt, also müsste der Prota ein paar tausend Jahre alt sein, sonst könnte er Vietnam nicht kennen.
Smile
Du siehst, was ich meine, oder?


2.
Um besagte ökonomische Schnörkellosigkeit als Kontrast zu erreichen, schmeiß die Adjektive raus. Behalte nur ein paar als Verstärker - da, wo sie wirklich einen Unterschied machen oder eine Aussage treffen und nicht nur Schnörkel sind.
Wo Du kannst, ersetze die Adjektive durch ein Substantiv, das die Aussage schon impliziert - das ist präziser, lässt sich besser lesen und dann erreichst Du beides: Entschlackung und Farbe im Text in einem. Aus dem drahtenen Schleier kann man z.B. einen Drahtschleier machen.
Und wo Du gerade bei Entschlackung bist - wenn Du etwas kürzer formulieren kannst, ohne dabei den Sinn zu verlieren, ist es meist eine gute Idee, das zu tun. Ein paar Deiner Sätze sind recht kompliziert ziseliert, ihnen würde Verknappung gut tun.

So z.B.:
Die Bewohner scheint das summende Geschmeiß nicht zu stören, denn das Fliegengitter hat Löcher wie der Drahtschleier einer alten Hardware-Braut.

Oder den Satz mit den Vögeln. Wenn es eh nur zwei Arten sind, die nicht ausgerottet wurden, kannst Du sie auch beim Namen nennen, das ist präziser und liest sich besser.
So was:
Radiologisierte Spatzen und Kohlmeisen, die letzten Vogelarten, die nicht ausgerottet wurden, brummzwitschern vom Himmel. Mit zwölf Meter Flügelspannweite gleiten sie vorbei, ein gewaltiger, fast furchteinflößender Anblick.



3.
Es würde der Kurzgeschichte helfen, wenn relativ weit am Anfang klar wäre, wer der Erzähler ist, ob die Story aus Sicht eines Protagonisten erzählt wird (dann sollte seine Anwesenheit am Ort des Geschehens deutlich sein) oder eines allwissenden Erzählers - auch in diesem Fall wäre es gut, wenn nach dem ersten beschreibenden Absatz ein Stück Handlung käme, die dem Leser einen Wink gibt, wo das alles hingeht. Im Moment beschränkst Du Dich auf eine reine Beschreibung.
Beschreibung kann auch spannend sein, aber sie sollte einem Zweck dienen, damit der Leser bei der Stange bleibt. Mit reiner Beschreibung hält man die Aufmerksamkeit des Lesers nicht lange aufrecht, dafür braucht es Handlung; einen Hinweis, dass gerade etwas passiert oder gleich passieren wird. Dann zeichnet eine gute Beschreibung ein prächtiges Bild daraus.


Davon abgesehen finde ich das Szenario auch spannend.

viele Grüße,
Andrea


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Meine Bücher:
Engelsbrut (2009 Sieben, 2011 LYX) | Engelsjagd (2010 Sieben) | Engelsdämmerung (2012 Sieben)
Die dunklen Farben des Lichts (2012, SP)
Purpurdämmern (2013, Ueberreuter)
Sonnenfänger (2013, Weltbild)
Kill Order (2013 Sieben)
Choice / als Chris Portman (2014, Rowohlt)
Wie man ein Löwenmäulchen zähmt / als Eva Lindbergh (2016, Droemer Knaur)
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Abari
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BeitragVerfasst am: 11.11.2018 14:33    Titel: Antworten mit Zitat

Hey,

ich entschuldige mich für meinen nächtlichen Affront. Aber ja, wie Pickman schon sagt, sagte mir die Schriftgröße: Laut! Das war mir einfach zu viel. Lass das bitte.

Nun zum Text: Du machst in meinen Augen etwas, was schon viele SchriftstellerInnen versucht haben und kläglich daran gescheitert sind: Du vermischt starke lyrische Verdichtung mit epischer Textformatierung. Das wird so nichts, wie die Beispiele aus der Geschichte zeigen, die nicht umsonst in Vergessenheit geraten sind. Das sind einfach zwei paar Schuhe, die da gleichzeitig angezogen werden sollen. Die Kunst, etwas zu erzählen ist eine andere als die Kunst, in höchstem Maße zu verdichten.

Wie bereits meine VorrednerInnen anmerkten, geht es bei epischer Breite um eben: Breite. Das Bild mit den Gewürzen trifft es in der Prosa am besten; in der Lyrik ist alles so eingedampft, dass die Verse und Strophen für sich wirken. Da kannst Du verdichten bis zur Unkenntlichkeit von Sprache.

Nun zu den Bildern: Ich finde sie interressant und durchaus schön, aber nicht genug ausformuliert. Das meinte ich mit "schwer nachassoziierbaren Bildern". Du malst eben nicht, wie Du es wünscht, ein klares Bild in mich, sondern überschüttest mich mit angedeuteten Vagheiten, die mich als Leser eher verwirren als eine konkrete Situation in mir entstehen zu lassen. Auf die innewohnenden Logikbrüche wies schon agu freundlich hin.

Ich finde, dass Du Dich in diesem Text entscheiden solltest zwischen einer der beiden Sprachkünste: entweder Lyrik: Dann aber in Versen. Oder Epik: Dann komm ins Erzählende. Natürlich kann ein epischer Text lyrisch verdichtete Phasen enthalten und Prosagedichte gibt es auch - die Übergänge sind fließend - aber dennoch stellen diese Textformen eine Symbiose dar, die von beidem nicht zuviel enthält. In ihrer Reinstform kommen Lyrik und Prosa selten zusammen und es ist, wie gesagt, nur zu oft bei einem Versuch geblieben.


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Ralfchen
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BeitragVerfasst am: 11.11.2018 17:38    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

danke liebe texterInnen und AutorInnen -

ich werde mir für den teil 2 zuallererst eure argumente genauestens unter die Lupe und zu herzen nehmen. stelle aber noch eine frage: ist es ein fehler mit sprache auf einem laien-niveau (so sehe ich meine schreibweise) zu experimentieren? was ich dabei erwarte ist kritik aus deren durchschnittlichem ton/erklärung/technische sachlichkeit, ich einen mittelweg für weitere arbeiten finden möchte und es ambitioniert versuchen werde. danke euch allen.

liebe grüß und schönen sonntag
euer
r.


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Kiara
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BeitragVerfasst am: 11.11.2018 17:58    Titel: Antworten mit Zitat

Es geht m.E. darum, dass der "durchschnittliche" Leser von relativ/im Allgemeinen unbekannten Adjektiven abgeschreckt werden könnte.

Wenige können damit umgehen, wenn ihnen in jedem Satz 1-2 Male um die Ohren gehauen wird: Ha, wieder ein Wort was du nicht kennst!

Es kommt einfach auf deine Zielgruppe an. Es gibt kein "Richtig" oder "Falsch".

Ich empfinde es als schwierig, die Gratwanderung zwischen
"Oh, der Autor schreibt aber intelligent und das Geschriebene wird in historischem Format in die Geschichte eingehen"
und
"Oh, was für ein von Selbstüberzeugung übergossener Gockel, der im Internet ungebräuchliche Fachbegriffe sucht und verwendet, um intelligenter zu erscheinen"
zu meistern.

Hoffe, ich habe das einigermaßen verständlich vermittelt, was ich sagen/schreiben wollte.... Embarassed
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Ralfchen
Geschlecht:männlichSchreiberling

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BeitragVerfasst am: 11.11.2018 18:14    Titel: Zukunft 2 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zukunft 2

Ich bin wieder im Ich zurück und beginne vor mich hinzuträumen. Dabei taucht ein Gedanken-Bukett aus dem Versteck des Subliminals auf: An das was die Liebe in uns anrichtet...an Freude und Schmerz. Und wieder erkenne ich einen Traum-Hauch von Wahrheit: Es ist alles ein Märchen...mit Feen und Nymphen - den Gesandten Lucifers - und Zwergen und Fabelwesen, den Boten der oberen Zwischen-Welt... es ist die fragile Scheinbarkeit, die uns mit einem Anflug des Möglichen erfüllt...so als würden wir unsere Seelen vom Wind der Zeit für ein kurzes Spektrum an versprochener Vielfalt eingehaucht bekommen.

Der Schwarm der Spatzen ist im fahlen Himmel verschwunden. Das Zischfächern ihrer Flügel summt in meinen Ohren nach – Tinnitus-gleich. Ein Tönen des Entrückten.

Hier am Ende der Menschwerdung nehme ich mir den Luxus mich in jenem Raum unseres Seelen-Labyrinths umschauen, den ich den IMMER-RAUM nenne. In ihm scheint alle Liebe der vergehenden Menschheit aufgehoben. Ich erkenne plötzlich einen weiteren Funken Menschseins; fast so als würde ich jenen Stern am Ende des Kosmos sehen...welcher der Erste war.

Die Liebe – scheint mir – birgt den Vergleich mit endlosen Spinnweben, die sich über den gesamten Kosmos erstrecken. Sie dünken mich zart und zerbrechlich…weich und farblos…und es ist nichts, dass ich unverwechselbar erkennen könnte.

Erst wenn wir uns in ihren seidigen Fängen verwirrt haben und ihr süßer Duft uns wie der Speichel einer der Nymphen Luzifers berührt, erkennen wir, dass wir verloren sind und Pandämonium mit dem Paradies verschmolzen ist. Dies scheint stattzufinden. Wir begegnen der Liebe nie: Sie sucht uns, wählt uns aus. Sie kann überall sein - da sie überall ist wie das kosmische Vibrieren, wenn ein Schmetterling sich zitternd nach Flattern auf eine trockene Distel setzt.

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Bananenfischin
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BeitragVerfasst am: 12.11.2018 11:43    Titel: Antworten mit Zitat

Threads zusammengeführt und als Fortsetzung markiert. smile

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»Ob ich mir eine Dramatisierung meiner Bücher vorstellen kann? Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, in meinen letzten vier Büchern gibt es keine Handlung.« (Andreas Maier im Gespräch mit Raimund Fellinger, 2015)
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Ralfchen
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BeitragVerfasst am: 12.11.2018 11:57    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

danke

vlg
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Ralfchen
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BeitragVerfasst am: 12.11.2018 12:09    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Kiara hat Folgendes geschrieben:


Hoffe, ich habe das einigermaßen verständlich vermittelt, was ich sagen/schreiben wollte.... Embarassed


danke Klara - verstanden.

ich bin so wie die meisten anderen nur ein hobby-texter, da ich maler bin. ungeachtet dessen habe ich soviele neuschöpfungen im kopf, die wie bilder auftauchen und ich gebe sie dann als solche in den text. ich habe moderne autoren wie ARNO SCHMIDT, LOUIS BORGES, JOHN BARTH etc. gelesen und mich an FINNEGANS WAKE hoffnungslos versucht...und verstehe wie schwer es ist fremdartige formulierungen zu entschlüsseln....ich habe in meinen hobby-schriften sicher einige hunderte an neologismen eingesetzt. ich dachte immer dass die leserschaft in L-Foren dafür eher verständnis haben würde. aber wenn ein neues wort im leser nicht unverzüglich ein bild öffnet, dann hat es den sinn verfehlt.

lieben gruß
r


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Abari
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BeitragVerfasst am: 12.11.2018 12:31    Titel: Antworten mit Zitat

Ralfchen hat Folgendes geschrieben:
ich habe in meinen hobby-schriften sicher einige hunderte an neologismen eingesetzt. ich dachte immer dass die leserschaft in L-Foren dafür eher verständnis haben würde. aber wenn ein neues wort im leser nicht unverzüglich ein bild öffnet, dann hat es den sinn verfehlt.


Hey,

Neologismen sind schon ok. Absolute Metaphern auch. Aber wie Du schon schreibst: Es muss ein Bild entstehen. Und das gelingt Dir in "Zukunft 2" deutlich besser, weil Du ins Erzählen kommst. D a s, finde ich, ist ein epischer Text, über den man diskutieren kann. Der erste Teil wollte alles sein und lösen; der zweite gibt sich eindeutig und ist in seiner Kohärenz stimmiger. Er ist bildmäßig immer noch sehr dicht gewoben, aber die Bilder wirken abgestimmter und strömen mehr ineinander.


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Ralfchen
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BeitragVerfasst am: 12.11.2018 14:59    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zitat:
Er ist bildmäßig immer noch sehr dicht gewoben, aber die Bilder wirken abgestimmter und strömen mehr ineinander.


ja das ist die art und weise wie ich meine gedanken intern übersetze. ich hatte in 69 meine werbeagentur eröffnet und in diesem zusammenhang auch texte für head-hunting und wirtschaftswerbung geschrieben. headline und copy-text erforderten damals schon eine dichte d.h. sogar extrem dichte um den verkehrskreisen/umworbenen eine klar formuliert/verständliche botschaft zu vermitteln.

ja dass waren zeiten. ich hatte schon mit 10 begonnen weltliteratur zu lesen, da meine geliebte Mutter buch-kritikerin war. womit ich von BALZAC und BOCCACIO u.a. in eine etwas fremdartige sprache eingeführt wurde. micky maus und fix&foxi gabe es nur einmal pro woche...

danke für die kritik und aufmunterung.

vlg
r


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Ralfchen
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BeitragVerfasst am: 21.11.2018 17:32    Titel: Zukunft 3 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich erinnere mich - indem ich den Schleier der Zeit weghauche - daran, dass ich einst vor Äonen in den Wald ging und Bäume und Sträucher einlud, meine Freundschaft zu akzeptieren. Schon nach wenigen Stunden hatte ich unzählige neue Freunde gefunden. Auch winzige Waldmäuse waren dabei. Eine davon fragte mich wo denn meine große Liebe sei, die sie in ihren winzigen Herzen und den fein-pelzigen Körperchen spürten?`Ich wusste keine Antwort. Und sie sandten ihr Grüße an die Vergangenheit.

Ich nahm ein Marienkäferchen von einem Halm und gleich streckte es seine winzigen Flügel unter dem Panzer hervor und mit einem zarten Sausen startete es in den warmen Wind des angebrochenen Nachmittags.

Eine Maus mit wunderschönen hellgraublauen Augen flüsterte so leise, dass ich mit meinem Ohr ganz nahe an ihren winzigen Mund kommen musste, um sie zu verstehen: "Wir Tiere können zwar selbst nicht lieben, aber wir spüren wenn ein Menschenwesen eine große Liebe im Herzen trägt. Und selten noch, du Wanderer habe ich jemals eine derart große in einem Menschen gespürt als bei dir..." Damit verschwand sie raschelnd in den Grashalmen und kleinen Sträuchern am Wegesrande.

Und ich ging nachdenklich weiter und träumte von dem Menschen, den ich über alles was es gibt liebe und fragte mich: „Wie kann eine derart unermessliche liebe entstehen? Und keine Maus war mehr zu sehen, um mir eine Antwort zu flüstern. So ging ich dahin unter dem grünen Dach, das nur ab und zu von der Sonne durchblinzelt war. Mit der wichtigsten Frage meines Lebens als unerratbares Rätsel in meinen Gedanken.

Als ich dort auf einem Baumstrunk saß - wo ich üblicher Weise im Wald umkehrte, stand plötzlich ein Füchslein und blickte mir ohne Scheu entgegen: "Du bist doch ein mit allen Wassern gewaschener Mann - schlau wie wir Füchse - wie ist das, wenn ein Mensch wie du liebt und doch immer wieder herausfindet, dass die Geliebte ihn ohne zu Zögern hintergeht und betrügt? "Ich weiß es nicht, Füchslein.", antwortet ich. "Es tut nur deshalb weh, weil die Frau die ich liebe, meine größte Kostbarkeit ist, sonst wäre es mir gleichgültig."

"Dann musst du dich irgendwann entscheiden, das Kostbarste aufzugeben.", meinte das Füchslein. "Noch kann ich nicht, lieber Fuchs, aber der Zeitpunkt rückt näher....und er ist gestern um 23:45 wieder ein wenig näher gerückt...!" "Gut." sprach der Fuchs. „Sind deine Gedanken, weiser Wanderer. Aber bedenke: eine große Liebe macht unweise...!" Und mit diesen Worten verschwand er im Wald.

Als ich schon fast am Ende des Weges angekommen war, sah ich eine Krähe auf einem abgestorbenen Baum sitzen. Wie wir wissen gehören Rabenvögel zu den klügsten Geschöpfen der Tierwelt.

Sie hielt ihr Köpfchen schräg und blickte mich mit einem schwarz-glänzenden Auge an: „Ah - Wanderer nun erkläre: Wirst du dich an dein Gelübde halten und die Frau die du über alles liebst, nie im Stich lassen?“ „Gewiss werde ich das.“, sagte ich. „Selbst wenn der Glanz ihrer körperlichen Kostbarkeit trüber und zuletzt glanzlos und tot geworden ist, wie der Baum auf dem ich sitze?“, fragte die Krähe weiter. „Ja,“ sagte ich, „denn ein Gelübde ist etwas Endgültiges, es gilt bis zur letzten Sekunde des Lebens.“ „Dann sieh es so:“, meinte die Krähe: „Am deinem Ende wirst du erkennen, dass die Summe deiner erfahrenen Weisheiten so schwarz ist wie mein Gefieder.“

Nach diesen Worten schlug sie mit ihren Flügeln mehrmals mit leisem Zischen auf-ab und flog gegen die untergehende Sonne in derem rötlichem Licht sie wie eine Scherenschnitt immer kleiner wurde und verschwand.


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Ralfchen
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BeitragVerfasst am: 23.11.2018 16:54    Titel: Zukunft 4 (Die Alle) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zukunft 4 (Die Allee)


Wie jedes Jahr am 1. April, stehe ich am Ende der Allee und blicke hinab zu ihrem Anfang. Es ist als würde ich in eine Narrenschatulle starren. Links und rechts ragen graue blattlose Bäume hoch in den undurchsichtigen Morgenhimmel. Ich denke nicht darüber nach, ob er heute ein sonniger oder wolkiger Himmel werden soll. Das wäre unverfroren und realitätsentträumt.

Ich habe die kleine grüngelbe Wetter-Amphibie in meiner Rastkammer zurückgelassen und ich werde zunächst in dieser Ungewissheit verharren. Diese kleine Alkaloid-Spenderin wird mein vorsichtiges Lecken an ihr wohl vermissen. Ich blicke nicht mehr nach oben, zu einem Himmel der nicht mehr gesehen werden muss.

Die Bäume haben im Laufe vieler Dekaden ihre Äste vor dem harschen Wind verbeugt und wie es mir düngt - sanft - da ein wenig mehr und dort etwas weniger, zueinander geneigt. Sie bilden einen leblosen sich öffnenden Dom zum Firmament unseres absterbenden Planeten.

Es sind Bäume, die den Pappeln aus einer anderen Zeit sehr ähnlich sind. Wir nennen sie nunmehr mit keinem Namen.

Ich stehe also hier, betrachte verstorbene Allee - und schaue, noch einmal versonnen in die obersten Wipfel dieser genialen Statiker einer verstorbenen Natur.

Dann fokussiere ich das Ende der Allee und bewundere die Perspektive, welche die Baum-Reihe am unteren Ende zwingend eng aussehen lässt, so als könne man sich dort unten zwischen den Bäumen kaum noch hindurchzwängen.

Stünde ich dort zuunterst, ich nähme - zurückblickend an den nun zum Anfang gewordenen Teil der Allee - den gleichen perspektivischen Effekt wahr. Daraus ergibt sich für mich plötzlich wieder eine vergessene Erkenntnis - kein Naturgesetz, wohlgemerkt:

Diese Allee hat weder ein Ende noch einen Anfang. Jedes ihrer Enden ist auch ihr Anfang, abhängig davon, wo man sich gerade befindet. Diese Erkenntnis – typisch für die Denkweise der Wesen aus einer lange vergangenen Epoche – besagt, dass eine Gerade keinen Anfang und kein Ende hat. Wie ein Kreis oder Lichtstrahl.

So wie man sich in einem Kreisverkehr ewig bewegen kann, ohne jemals an einen Anfang oder ein Ende zu gelangen, geht dies auch auf einer Geraden, wie etwa der Allee, an deren oberen Anfang und Ende ich mich nun befinde.

Ich blicke zurück und werfe einen vorletzten Blick auf das Gebäude mit seiner eigenartigen Architektur. Es würde euch Menschen der Vergangenheit wahrscheinlich befremden. Es ist eine Art Mausoleum für kranke Denker, in unserer heutigen Sprache nennen wir es Insaneum.

Ich selbst wurde gestern als gesund entlassen und musste in symbolischer Art und Weise, die letzte Nacht auf dem harten Boden meines kleinen Gemaches verbringen. Nun stehe ich hier, mit zwei ziemlich prallen Reisetaschen, die all meine Habseligkeiten enthalten. Was bin ich nun endlich, ein Gesunddenker oder Klarer, wie die meisten auf dieser Welt?

Ein Frage bewegt mich nun und ich beginne zu zaudern, weil mich dabei sofort eine grenzenlose Unsicherheit erfasst: Werde ich das Ende dieser Allee - oder schon ein wenig davor - mit meinen Reisetaschen passieren können? Seit siebzehn Jahren stehe ich immer wieder vor demselben Problem: Am Ende jedes dieser Jahre wurde ich als Gesund-Denker – also - als Klarer - entlassen, drehte allerdings jedes Mal auf halbem Weg um und kehrte zurück zum ewigen Ende, oder Anfang - wie man will - zurück. Retour in die Sicherheit meiner schleimigen kleinen Schlaf-Wabe. Nein: dieses Mal werde ich die Unsicherheit nicht auf mich nehmen.

Die rätselvolle Denkerin steht auf der untersten Stufe zum Emporium des Insaneums. Sie trägt ein langes schimmerndes Kleid aus einem feinen glitzernden Material, ähnlich jenen, die Frauen zu Festveranstaltungen in vergangenen Epochen trugen. Die zarte Textur fächelte zitternd in der lauen Morgenströmung. Ihre hellblonden Haarsträhnen flatterten zausig um ihren makellosen Hals - und verdecken Teile ihrer schönen Physiognomie. Ich nehme wahr, dass sie lächelt.

Sie winkt mir einladend zu. Ich lasse meinem Rippengeflecht ein kurzes Seufzen entweichen: Immerdar werde ich ihr Besitztum sein: Ein gefallener Denker - im Besitz aller Unwahrheiten.

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