13 Jahre Schriftstellerforum!
 
Suchen
Suchabfrage:
erweiterte Suche

Login

Jetzt erhältlich! Eine Anthologie von und mit unseren Usern. Jetzt bestellen! Die erste, offizielle DSFo-Anthologie! Lyrikwerkstatt Das DSFo.de DSFopedia


Verfallsdatum

 
Gehe zu Seite 1, 2, 3  Weiter
 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Antiquariat -> 12. FFF
 Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
V.K.B.
Geschlecht:männlichNebelpreisträger

Alter: 46
Beiträge: 2060
Wohnort: Diaspora
Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 14.10.2018 18:00    Titel: Verfallsdatum eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Verfallsdatum

Manche Menschen glauben, es sei schwierig, sich in einem Wald zurechtzufinden und dort auf längere Zeit zu überleben, wenn man keinen anderen Ort hat, an den man gehen könnte. In einem Wald ist man schutzlos, den Gesetzen der Natur ausgeliefert, und nur die Starken überleben. Sicherlich ließen sich einige Szenarien konstruieren, mehr oder minder glaubwürdig, wie jemand den Schutz der Zivilisation verlor und sich in der Wildnis behaupten musste. Unsere Literatur ist ja voll davon. Das Unterhaltungsfernsehen auch.

Dämliche Gameshows haben mich nie interessiert, von Wäldern habe ich mich immer ferngehalten und für Literatur hatte ich keine Zeit. Und kein Interesse, denn was sollten mich Fiktionen interessieren, wenn ich genug mit meinem eigenen Lebensplan zu tun hatte. Ich musste arbeiten und hatte gar keine Zeit zum Lesen. Ein Lebensstandard muss ja aufrecht erhalten werden, eine Familie mit drei Kindern ernährt und die Ehefrau mit Luxus versorgt, wenn man selbst schon nie Zeit hat. Das Alter kommt unaufhaltsam, irgendwann die Rente, und bis dahin muss das Bündel geschnürt sein. Und ich war gut dabei, konnte mich nicht beklagen. Mein Job war sicher, ich jonglierte mit Summen, die ich niemals auch nur annähernd besitzen würde, doch der Provisionsteil reichte eigentlich völlig aus. Ich war ein Kind der Zivilisation und musste mir keine Sorgen mehr machen.

Das dachte ich zumindest, bis zu einem Mittwoch im September, ungefähr 16 Uhr 30, als Marciss mich bat, noch kurz in seinem Büro vorbeizuschauen. Genauso drückte er es aus. Als wolle er mir lediglich ein schönes Wochenende wünschen. Aber es war Mittwoch, hätte ich misstrauisch werden sollen? Nein, ich hatte ja keinen Grund dazu.

Umso überraschter blickte ich meinem Vorgesetzten in die Augen. Wie, Veruntreuung und Korruption?
„Unter diesen Umständen bis du für uns nicht mehr haltbar, das musst du verstehen.“
Nein, ich verstand es nicht.  Natürlich blieb mir die pragmatische Logik dahinter nicht verborgen. Ich hatte nichts getan, was die anderen in meiner Branche nicht auch taten. Was ich nicht verstand, war viel persönlicher. Wie konnte es mich getroffen haben?
„Marciss, du weißt, dass wir als europäisches Unternehmen auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig sind, wenn wir …“
Er vermied jeglichen Blickkontakt, als er mich unterbrach. „Natürlich weiß ich das, Jens. Aber wir müssen uns an Regeln halten. Zumindest muss es nach außen hin so erscheinen. Und wenn da jemand erwischt wird …“

Minister Chou Hong musste sich irgendwas geleistet haben, was der Partei missfiel. Sie hatten ihm auf die Finger geschaut und genauer nachgesehen, dabei waren sie auf meine kleine Motivationshilfe zur guten Zusammenarbeit aufmerksam geworden. Dass solche Hilfen meist die einzige Möglichkeit waren, Aufträge dieser Größenordnung an Land zu ziehen, wusste jeder in der Branche. Aber was half mir das? Er war mein Name, der den internationalen Ermittlungsbehörden mitgeteilt worden war. Ich räumte meinen Schreibtisch noch am gleichen Abend.

Ziellos streifte ich durch die Stadt, traute mich nicht nach Hause. Was sollte ich ihnen sagen? Den Job verloren zu haben war schlimm genug, und ein strafrechtliches Nachspiel würde gewiss folgen. Finanziell waren wir wenigstens abgesichert. Als Risikoverdiener lag es ja immer im Bereich des Möglichen, dass etwas passierte. Somit hatte ich eine Menge Energie darin investiert, dass alles völlig legal meiner Frau gehörte. Das Haus am Elbufer, die vier Ferienhäuser in Skandinavien, die beiden Autos und das Boot. Auf dem Papier war ich ein armer Schlucker, und nach einer pro forma Scheidung würde da nicht viel zu pfänden sein. Mein Problem war also nur in mir. Auch juristisch hatte ich meine Hausaufgaben gemacht und rechnete mir gute Chancen aus, mit Bewährung davonzukommen. Es war also passiert. Aber wir hatten genug. Die Häuser in Dänemark und Schweden generierten genug Einkommen für einen Plan B. Und vielleicht würde ich jetzt sogar mal Zeit zum Lesen haben.

Lore reagierte verständnisvoll. Nahm mich in den Arm, und sagte mir immer wieder, dass sie mich auch ohne sechsstelliges Jahreneinkommen liebte. Sie erhöhte ihre Stundenzahl und ich hatte viel Zeit zum Nachdenken. Ja, ich war auf die Schnauze gefallen, und wieder aufzustehen würde schwierig werden. Mit einer solchen Vorstrafe würde mich kaum ein anderes Unternehmen für tragbar halten. Aber hatte ich nicht genug getan? Ich war Ende dreißig und hatte jetzt schon mehr verdient, als viele andere in ihrem ganzen Leben. Und alles gut angelegt. Warum das Ganze nicht locker sehen, die Füße hochlegen und endlich anfangen, richtig zu leben? Man musste doch nicht bis zur Rente warten. Wenn der juristische Teil erst einmal überstanden war, konnte unser Leben richtig losgehen.

Ich gab mir Mühe, das Haus schön zu machen, meine Frau nach der Arbeit mit einem tollen Essen zu überraschen, hatte das Schlafzimmer mit Kerzen ausgestattet und alles toll hergerichtet. Morgen vielleicht, war ihre Antwort. Zu viel Stress in der Schule, wegen der erhöhten Stundenzahl. Verdammt, musste sie wirklich arbeiten? Es war ihr immer wichtig gewesen, was eigenes zu haben. Und jetzt anscheinend noch viel mehr. Immer wieder Morgen. Vielleicht. Ich müsste Verständnis haben für ihre Situation, sie hätte ja auch Verständnis für meine.  

Die Gerichtsverhandlung war für Mitte Januar angesetzt. Lore blieb distanziert. Weihnachten hörte ich sie reden, mit ihrer Schwester, als wir auf Familienbesuchstour waren. Jens bringt es nicht mehr, er sitzt nur noch rum und macht nichts. Seine Lethargie ist unerträglich. Und er ist immer da.

Lethargie? Verdammt, ich war alles andere als lethargisch. Sie war es, die sich zurückzog. Mich immer wieder abwies, auf ein „Morgen“ vertröstete, von dem ich mittlerweile genau wusste, dass es nie kommen würde.

Was soll ich meinen Freundinnen erzählen, klagte sie weiter. Als er gearbeitet hat, war alle anders. Sie waren alle neidisch und–
Trenn dich doch, lautete die Rat ihrer Schwester. Wozu brauchst du einen Kerl noch, der–

Das war der Moment, als ich mich von der Tür entfernte, ich wollte mir das nicht weiter anhören. Ich schlich aus dem Haus, stieg in mein Auto und für einfach los. Rauchte eine Zigarette nach der anderen, obwohl ich mir das von noch gar nicht allzu langer Zeit mühsam abgewöhnt hatte. Meine Gedanken rasten. Gab es Liebe? Oder war alles nur ein Zauber, eine Illusion. Schöner Glanz und Außendarstellung?  Was machte den Wert eines Menschen aus? Und was passierte, wenn man sein Verfallsdatum überschritten hatte?

Ich dachte an die Kinder. Sicher, sie hatten immer fast alle Zeit mit Lore verbracht, ich hatte ja keine. Das hatte sich geändert, doch noch immer waren sie nur auf ihre Mutter fixiert. Begegneten mir mit distanzierter Freundlichkeit, aber nicht mehr. Auch sie waren eingespannt in ihre Lebenspläne. Klavierunterricht, Reitstunden, Meisterschaftsschwimmen und was noch alles. Keine Zeit, Papa. Was sie meinten, war etwas anderes. Ich passte nicht mehr in ihre Welt. Ich hatte verstanden.

Ziellos fuhr ich durch die Gegend, bis in die späte Nacht. Kaufte mir eine Flasche Whisky an einer Tankstelle und landete irgendwann bei jenem Spielplatz, wo ich damals Lore kennengelernt hatte. Sie war noch ein Teenager gewesen, wie ich auch, und verdiente ein bisschen Geld mit Babysitten. Wir waren ins Gespräch gekommen, sie hatte die Kinder irgendwann nach Hause gebracht und war zum Spielplatz zurückgekommen, wo ich ich gewartet hatte. Bis spät in die Nacht hatten wir da gesessen, dort oben bei der Rutsche, Arm in Arm und uns den Sternenhimmel angesehen. Eine Erinnerung, die ich nie vergessen würde. Es war der Tag, als für mich der Sommer begann, auch wenn es im Spätherbst war.

Die Rutsche war noch da, und der Himmel auch. Jetzt saß ich alleine dort oben und trank. Immer wieder ließ ich die Erinnerung Revue passieren. Niemals hätten wir damals gedacht, dass es so enden würde. Für immer wollten wir zusammensein, egal was komme. Uns das Leben erhalten und nicht von gesellschaftlichen Erwartungen wegnehmen lassen. Hach, die rebellische Jugend. Wir hatten das alles vergessen, die Zeit uns überholt.

Ein Hase huschte durch die Büsche, sah mich dort oben, schlug einen Haken und floh sofort wieder in den Schutz des angrenzenden Waldes. Pass auf, dass du nicht gefressen wirst, so wie ich, rief ich ihm nach. Der Wald ist gefährlich.

Nein, der Wald ist ehrlich, sonst nichts. Aber er ist überall, auch ohne Bäume. Ich trank den letzten Schluck aus der Flasche, legte den Kopf in den Nacken und sah zum Himmel empor.

Aber die Sterne hatte ihren Glanz schon lange verloren.

Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
V.K.B.
Geschlecht:männlichNebelpreisträger

Alter: 46
Beiträge: 2060
Wohnort: Diaspora
Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 14.10.2018 21:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Holla, da sind ja doch noch einige Fehler drin, besonders das "hatte" statt "hatten" in der letzten Zeile ärgert mich. Aber nichts mehr zu machen, ich hoffe, ihr seid da nachsichtig ob des knappen Zeitlimits.

Zur Geschichte selbst: Da hab ich mich also mal wieder in die E-Lit verirrt, oder das zumindest versucht. Keine Ahnung, wie gut ich das kann, das kann ich nie einschätzen. Wirkt das zynisch (was es soll), traurig (was es auch soll) oder nur aufgesetzt kitschig und pathetisch? Hier schwimme ich.

Nun, ihr werdet mir das Ergebnis mitteilen.

Was mich noch ärgert: Meine Entscheidung, die Dialoge mal ohne Anführungszeichen zu schreiben, kam zu spät und ich hatte keine Zeit mehr, das beim Rauswurf am Anfang zu ändern. Schade, dass es nicht einheitlich ist. Andererseits könnte man so aber auch interpretieren, dass der Stelle damit eine besondere Bedeutung zukommt, weil es die einzige mit echter wörtlicher Rede ist, und sie stellt ja auch den Bruch in Jens' Leben (und das überschrittene Verfallsdatum) dar. Mal sehen, wie ihr das seht.

Ich bin gespannt und gebe meinen Text zum Abschuss frei. Cut me open, watch me bleed…


_________________
Warning: Cthulhu may occasionally scare people …
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
MoL
Geschlecht:weiblichQuelle


Beiträge: 1276
Wohnort: NRW
Das bronzene Stundenglas


BeitragVerfasst am: 15.10.2018 08:39    Titel: Antworten mit Zitat

Ein bisschen viele Klischees, diese jedoch so charmant beschrieben, dass es sich gut liest.
Das Thema sehe ich allerdings nicht so recht umgesetzt.


_________________
"Hexenherz - Eisiger Zorn", acabus Verlag, Februar 2017.
"Die große acabus-Jubiläumsanthologie", acabus Verlag, Oktober 2018.
"Hexenherz - Glühender Hass", acabus Verlag, Januar 2019.
NEU - NEU - NEU:
"Die Tote in der Tränenburg", Alea Libris, 31. Oktober 2019.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
Kiara
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 39
Beiträge: 759
Wohnort: bayerisch-Schwaben


BeitragVerfasst am: 15.10.2018 09:53    Titel: Antworten mit Zitat

Hat mich berührt, danke dafür
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
lebefroh
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 39
Beiträge: 358
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 15.10.2018 12:00    Titel: Antworten mit Zitat

Das gefällt:

Zitat:
Und vielleicht würde ich jetzt sogar mal Zeit zum Lesen haben.

Da habe ich gelacht. Obwohl ich mir gar nicht sicher bin, obs witzig gemeint war.

Ansonsten flüssig geschrieben und gut zu lesen.

Auch für den Titel gibt es Pluspunkte, weil das Wort "Wald" (im Gegensatz zu meinem und vielen anderen Titeln) vermieden wurde.

Das gefällt weniger:

Die Geschichte kommt mir reichlich klischeehaft vor. Also, dieser Befreiungsschlag durch das Ende des bösen Jobs. Nur dass die Frau nicht mitzieht. Auch ist mir nicht klar, was der erste Absatz mit dem Rest zu tun hat.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
d.frank
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 40
Beiträge: 913
Wohnort: berlin


BeitragVerfasst am: 15.10.2018 18:44    Titel: Antworten mit Zitat

Es ist ja eigentlich schon schnell so ziemlich klar, worauf das hier hinausläuft. Von daher habe ich überflogen, obwohl der Gedanke ja so schlecht nicht ist.
Wenn erst mal alles kaputt ist, willst du zum Ursprung zurück.
Der Typ aus Martins Suters Roman brauchte dafür zunächst ein paar psychedelische Drogen und der hat sich auch richtig reingestürzt. Wink
Hier nimmt es ja schon auf dem Spielplatz ein Ende und natürlich wird die trocken gewordenen Ehe resümiert. Mit einer Wendung hätte das vielleicht etwas werden können, so endet es mit den glanzlosen Sternen und deren Poesie wirkt hier aufgesetzt.


_________________
Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
*Arthur Schopenhauer
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
rncw
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 93
Wohnort: Wonderland


BeitragVerfasst am: 15.10.2018 21:31    Titel: Antworten mit Zitat

Authentisch. Der Schluss ist schön und der Text zieht mich mehr in den Bann, je länger ich lese. Guter Stil, die Stimmung kommt rüber - aber Spannung fehlt, denn das Ende ist doch irgendwie unvermeidlich und nicht überraschend (eher die Sichtweise nachvollziehbar/überraschend ehrlich).

_________________
Nicht Gelegenheit macht Diebe,
Sie ist selbst der größte Dieb;
Denn sie stahl den Rest der Liebe
Die mir noch im Herzen blieb.

Dir hat sie ihn übergeben
Meines Lebens Vollgewinn,
Daß ich nun, verarmt, mein Leben
Nur von dir gewärtig bin.

Doch ich fühle schon Erbarmen
Im Karfunkel deines Blicks
Und erfreu in deinen Armen
Mich erneuerten Geschicks.

(J. W. Goethe, Hatem)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Catalina
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 46
Beiträge: 339
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 16.10.2018 18:07    Titel: Antworten mit Zitat

Leider hat mich der Text nicht angesprochen. Ich glaube, es hat was damit zu tun, dass mir die beschriebene Zeitspanne für den kurzen Text zu lang war. Und auch damit, dass ich die Verzweiflung nicht spüren konnte.

Auch der Bezug zum Thema erschien mir etwas konstruiert.

Den Schreibstil finde ich ok, aber ausbaufähig.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Heidi
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 38
Beiträge: 1242
Wohnort: Hamburg


BeitragVerfasst am: 16.10.2018 18:31    Titel: Antworten mit Zitat

Das ist schon interessant, wie du es schaffst, den Menschen, für den ich erst mal nur Antipathie empfinde, im Verlauf so zu entwickeln, dass ich nur noch tief mitfühlen kann.
Es entstehen viele Fragen, die ich auch gerne in mir bewege. Erst mal, was den Materialismus betrifft. Hat die Ich-Figur für sich gearbeitet, für seine Frau, für die Gesellschaft? Sie ist sich selbst nicht treu geblieben, hat sich quasi verbogen, weil es eben so gehört: viel verdienen, leisten für die Gesellschaft, nur dann kann man stolz auf sich sein, doch irgendwann hat die Gesellschaft diese Figur nicht mehr gewollt, sie einfach abgesägt; klar, weil sie genau das getan hat, was von ihr verlangt wurde. Ein elender Teufelskreis. Und was, wenn die Ich-Figur von Anfang an sich selbst treu geblieben wäre? Wäre es ihr dann besser ergangen? Schwer zu sagen.
Und gut für dich und deinen Text, weil sich etwas in mir bewegt und das ist dann schon ein gutes Zeichen und beeinflusst mich, wenns um die Punkte geht.

Das Thema kommt allerdings etwas hinten rangesetzt, fast wie ein Fremdkörper. Das ist schade. Auch ist deine Ich-Figur sehr reflektiert. Es ist die Frage, ob das in dieser Form möglich ist, all diese Erkenntnisse. Auf der anderen Seite, sind es Rückblicke, ein Mensch blickt auf sein Leben und erlebt diese bittere Erkenntnis, insofern sehe ich es hier nicht als Mangel an, dass über Unwissenheit/Unbewusstheit reflektiert wird, weil der Ist-Zustand dieses Menschen wohl ein anderer ist, als der vergangene.
Tja, es wird Punkte geben, nicht zu wenige, auch wenn das Thema sich nicht durch den gesamten Text zieht, wie ich finde.

Wie versprochen gibt es eine Belohnung für deinen Text und zwar: 6 Punkte von mir.


_________________
hast du den luftblick
hast du den erdenblick oder
den fuchsblick_
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Lapidar
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger

Alter: 57
Beiträge: 3022
Wohnort: in der Diaspora


BeitragVerfasst am: 16.10.2018 21:39    Titel: Antworten mit Zitat

Den Wald als Dschungel und dann das Leben als Dschungel. Ich bin schon wirklich erstaunt, wie viele unterschiedliche Interpretationen hier in der Thematik allgemein möglich sind.
Gern gelesen.


_________________
"Dem Bruder des Schwagers seine Schwester und von der der Onkel dessen Nichte Bogenschützin Lapidar" Kiara
If you can't say something nice... don't say anything at all. Anonym.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
Poolshark
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 37
Beiträge: 906
NaNoWriMo: 8384
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 17.10.2018 10:42    Titel: Antworten mit Zitat

Ein trauriges, profanes Thema, gut umgesetzt. Und die Idee vom Wald, der überall ist, dem Dschungel der modernen Zivilisation (oder vielmehr: Was macht der Jäger ohne Wald?) sehe ich hier auch gut abgebildet.

Das wird vermutlich mein Platz 3.


_________________
"But in the end, stories are about one person saying to another: This is the way it feels to me. Can you understand what I'm saying? Does it also feel this way to you?"
-Sir Kazuo Ishiguro
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
Michel
Geschlecht:männlichNebelpreisträger

Alter: 47
Beiträge: 2077
Wohnort: Südwest
Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 19.10.2018 22:18    Titel: Antworten mit Zitat

Pech gehabt. Korruption aufgeflogen. Ein ziemlich aktuelles Thema hast Du Dir da gegriffen. (Nur: hätte es nicht auch ein Schneehase sein können? Laughing )

Lakonisch erzählt, als ob uns der Typ oben an der Rutsche aus seinem Leben erzählt, etwas vernuschelt schon von der Flasche. Was mich zum Teil stört, sind die langen, ausführlichen Rückblenden. Ohne dass ich eine Idee hätte, wie man die eleganter verpacken könnte. So wirkt das Ganze noch etwas konstruiert, etwas zusammengeschoben. Der Rest, samt Hase, gefällt mir gut. Ach Lore.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
shatgloom
Geschlecht:weiblichHobbyautor


Beiträge: 344
NaNoWriMo: 27985
Wohnort: ja, gelegentlich


BeitragVerfasst am: 20.10.2018 15:35    Titel: Antworten mit Zitat

Ein Mann verliert seinen gut bezahlten Beruf und somit seine Lebensgrundlage. In die erfolgsgewöhnte Familie passt er bald nicht mehr hinein.
Der Mann hatte im Beruf nichts anderes getan, als auch alle anderen, um erfolgreich zu sein. Aber er wurde erwischt. Somit von der Wildnis "gefressen".
Hier haben wir den Wald sinnbildlich, gefällt mir gut.


_________________
Gruß von Karolin
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Tjana
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 59
Beiträge: 1924
Wohnort: Inne Peerle


BeitragVerfasst am: 20.10.2018 17:51    Titel: Antworten mit Zitat

Zivilisation und ihre Zwänge als Wald, dem der Mensch schutzlos ausgeliefert ist.
Das ist ja mal eine ganz andere Perspektive.
In sehr ausführlicher Erzählung erfahre ich alles über den Auf- und Abstieg des Protagonisten. Die Geschichte würde auch für andere Themen taugen können. Die ersten Zeilen verknüpfen sie mit dieser Vorgabe.
Was, wenn das Leben an sich gemeint wäre, und die Bäume den Inhalt darstellen sollten, den jeder Mensch "hinein pflanzt"? Ober besser hinein pflanzen sollte, denn der Erzähler hat es ja offenbar versäumt. Nun steht er vor einem leeren Wald.
Hmmm eine Geschichte, über die man nachdenken kann


_________________
Wir sehnen uns nicht nach bestimmten Plätzen zurück, sondern nach Gefühlen, die sie ins uns auslösen
In der Mitte von Schwierigkeiten liegen die Möglichkeiten (Albert Einstein)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
jaeani
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 117



BeitragVerfasst am: 22.10.2018 08:05    Titel: Antworten mit Zitat

Neutraler Kommentar, um bewerten zu können.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Nihil
{ }

Moderator
Alter: 29
Beiträge: 7469



BeitragVerfasst am: 22.10.2018 14:38    Titel: Antworten mit Zitat

Nicht schlecht, nicht übel, nicht fehlerhaft, nicht miserabel, nicht furchtbar, nicht bemitleidenswert unstilistisch, nicht richtig kacke, nicht unglaublich hundsgrottenscheiße, nicht einfach nur blöd, nicht besorgniserregend unbehirnt, nicht schlampig dahingeschludert, nicht einhämmernd dumpfbackig, nicht schmerzhaft dumm, nicht intelligenzabsaugend witzelnd, nicht schmockig, nicht spackig, nicht radikal geschmacksvernichtend, nicht lächerlich minderbemittelt, nicht penetrant quäkig, nicht grützbumsedaneben, nicht abgrundtief unoriginell, nicht meilenweit dranvorbeigeschrieben, nicht RTL2-sendungsartig absetzenswert, nicht fremdschamevozierend, nicht mageninhaltperturbierend, nicht negativadjektivattrahierend, eigentlich gar nicht schlecht, eigentlich gar nicht mal übel, eigentlich alles andere als schlecht, eigentlich sogar alles andere als übel.

Aber.
Wo sind meine Punkte hin.
Da muss ich ja alles nochmal neu verteilen.

Ein Ärgernis.

Urteil ohne Punkte.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
menetekel
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 99
Beiträge: 1907
Wohnort: Planet der Frühvergreisten


BeitragVerfasst am: 23.10.2018 17:17    Titel: Antworten mit Zitat

Den Titel finde ich gut,

aber die "Umkehrung" der Geschlechterrollen kommt hier eher ein wenig altbacken rüber.
Was bei den "Töchter(n) Egalias" noch feministisch-revolutionär auf die Leserinnen wirkte, scheint mir in deinem Text altbacken zu sein.
Familienmodelle, die der Frau den (ökonomisch) versorgenden Part geben, sind nicht mehr ganz so selten.
Investmentbanker, (global player) indes, würden sich wohl eher selten in diese Rolle fügen. Die werden lieber Berater.

Für mich streckenweise ein ziemlich unglaubwürdiger Text. Gut finde ich wiederum, dass  sich dein Banker von seiner Entlassung vollkommen überrascht zeigt; tatsächlich gab es ja vor ein paar Jahren in den Großbanken eine bombastische Entlassungswelle. Investmentbanker über 40 fielen der zu Hauf zum Opfer. Oft aber in ein Daunenbett ...

Kurzum: Ich bin her- und hingerissen und spende dir deshalb ein Viererle. -
Keine hohe Abfindung, aber immerhin. wink

Liebe Grüße
m.


_________________
Alles Amok! (Anita Augustin)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Eliane
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 697



BeitragVerfasst am: 23.10.2018 21:46    Titel: Antworten mit Zitat

Gut geschrieben, locker zu lesen, roter Faden läuft flüssig durch. Ich musste ein Weilchen überlegen, um drauf zu kommen, was mich stört: Der Wald. Der ist so außenrum gesetzt um diese Geschichte, dass die Anknüpfung etwas willkürlich wirkt. Auch wenn die Geschichte selbst den Wald abbilden soll, schafft der Text es leider nicht, das zu mir zu transportieren.

4 Punkte.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Anoa
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling

Alter: 62
Beiträge: 139
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 24.10.2018 08:30    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber GI,

bis auf ein paar kleine Flüchtigkeitsfehler ein guter Text. Passt zum Titel.

Aber die Geschichte ist so brutal, dass ich mich frage, ob das nicht mehr herausgearbeitet werden sollte? Na ja, sachlich wie Du ist auch gut.

Grüße,

Anoa


_________________
Mona Ullrich, Berlin
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Constantine
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 2765

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 25.10.2018 18:37    Titel: Antworten mit Zitat

Bonjour!

Ein Workaholic fällt durch eigenes Verschulden in Ungnade, verliert den Job, erfährt eine Entwicklung vom Saulus zum Paulus, seine Augen werden geöffnet und er sieht, dass die Welt, die er sich erschaffen hat, sein Leben, seine Frau, seine Kinder, keinen Platz mehr für ihn haben.
Coole Geschichte.
Vorgaben sehe ich kreativ und im Verständnis des "Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen" umgesetzt, anstelle der Vorgabe "Wald, ohne Bäume". Egal, Schwamm drüber.

Punkte? Wir werden sehen.

Merci beaucoup
Constantine
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Malaga
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 770



BeitragVerfasst am: 26.10.2018 09:47    Titel: Antworten mit Zitat

Enorm, welche Textmenge in zwei Stunden zustande kommen kann.
Die Idee, den Wald als Metapher am Anfang und Ende zu bringen, finde ich eigentlich ganz gut, aber in der Geschichte ist alles für meinen Geschmack zu vordergründig, zu  direkt ausgesprochen. Den letzten Satz hätte ich weg gelassen, überhaupt den Text mit dem "letzten Schluck aus der Flasche" enden lassen. Aber okay - Zeitdruck.
Obwohl der Prota ein Jammerprota ist und keine Sympathien sammeln kann, ist hier doch deutlich mehr Erzählpotential als bei anderen Geschichten.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
nebenfluss
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 3819
Wohnort: mittendrin, ganz weit draußen
Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 26.10.2018 12:38    Titel: Antworten mit Zitat

Dieser Text liegt bei mir im oberen Mittelfeld, weil er recht souverän eine Geschichte erzählt, was für zwei Stunden schon viel ist. Den Bezug zum Thema finde ich etwas erzwungen. Nach den Überlegungen am Anfang erwartete ich, der Prota würde schließlich als Eremit in den Wald gehen, tatsächlich belässt er es aber bei nur oberflächlichen Gedanken über das Wesen des Waldes und der Zivilisation, von deren korrupten Auswüchsen er lange Zeit profitiert hat, deren Opfer er aber nun geworden ist.
So richtig mitleiden konnte ich mit dem Ich-Erzähler nicht - für die Identifikation hätte es wohl tatsächlich eine (wie gesagt: erwartete) Entschlusskraft gebraucht, der sogenannten Zivilisation den Rücken zu kehren.
Der Titel passt.


_________________
fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Antiquariat -> 12. FFF Alle Zeiten sind GMT - 11 Stunden
Gehe zu Seite 1, 2, 3  Weiter
Seite 1 von 3



 
 Foren-Übersicht Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht teilnehmen.
In diesem Forum darfst Du Ereignisse posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht herunterladen


EmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungBuchEmpfehlungEmpfehlung

von Cheetah Baby

von Akiragirl

von Rosanna

von Gießkanne

von Versuchskaninchen

von Cheetah Baby

von Mercedes de Bonaventura

von spinat.ist.was.anderes

von MT

von JGuy

Impressum Datenschutz Marketing AGBs Links
Du hast noch keinen Account? Klicke hier um Dich jetzt kostenlos zu registrieren!