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Fado


 

 
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Tula
Geschlecht:männlichKlammeraffe


Beiträge: 749
Wohnort: die alte Stadt


BeitragVerfasst am: 16.07.2018 23:09    Titel: Fado eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Neue Version »

Fado


schäbig wirkt das hemd dort auf dem stuhl -
doch sieh' die finger(!) zupfen
staunen in den saal

irgendjemand räuspert sich umsonst
die stille siegt

nun spannt sich alles auf
in ihrer brust
es zittern
lid und lippen im akkord
verharrt der puls
ein letztes mal

aus ihrem innern steigt bestimmend eine erste
woge moll - darauf die zweite … dritte (wuchtig jetzt)
dann reißt ein strom
aus abschied und erinnerung
das publikum ins meer
der weichen trauer

kalt und fremd jeder Ort,
       Charme und Zauber sind fort,
nur der Fluss ist noch
        wie er einst war


später singt sie über
kommt sie wieder sehnen nach
dem duft von salz und kardamom
an seinem hals

wischt sich dort wirklich jemand eine träne?

die letzte woge bricht

Applaus!!



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niko
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 62
Beiträge: 213
Wohnort: Göttingen


BeitragVerfasst am: 17.07.2018 11:08    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Tula!

Fado........ich liebe Fado.......Dulce Pontes, Mariza........es ist eine sehr faszinierende Musik!!!

Dein Gedicht ist sehr dicht, es beschreibt die Stimmung von Sänger(in) und Publikum in wechselwirkung quasi... besonders spannend und gut finde ich deine sehr "trickreich" gesetzten zeilenbrüche! das mag ich sehr! warum hast du "Charme" und "Zauber" groß geschrieben? Wolltest du damit die größe, die übermacht des charmes und zaubers verdeutlichen? (ja...das trau ich dir zu Wink )
mit deiner erlaubnis hab ich ein paar winzigkeiten verändert. Vielleicht sagt es dir zu, vielleicht nicht,was ja völlig ok ist........... Mir wäre so die Atmosphäre noch etwas dichter.



Fado


fast schäbig wirkt das hemd dort auf dem stuhl -
die finger(!) zupfen
staunen in den saal

irgendjemand räuspert sich umsonst
die stille siegt

da spannt sich alles auf
in ihrer brust
es zittern
lid und lippen im akkord
verharrt der puls
ein letztes mal

aus ihrem innern steigt bestimmend eine erste
woge moll - darauf die zweite … dritte (wuchtig jetzt)
dann reißt ein strom
aus abschied und erinnerung
das publikum ins meer
der weichen trauer

kalt und fremd jeder Ort,
Charme und Zauber sind fort,
nur der Fluss ist noch
wie er einst war

später singt sie über
kommt sie wieder sehnen nach
dem duft von salz und kardamom
an seinem hals

die letzte woge bricht


herzliche grüße - Niko


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Ein Gedicht auf dem Hintergrund der Biographie des Autors zu interpretieren ist so, als würde man einem schwimmenden Schiff das Wasser nehmen. (NJK)
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Stimmgabel
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Bronzener Sturmschaden Der goldene Spiegel - Lyrik (2)



BeitragVerfasst am: 17.07.2018 13:57    Titel: Antworten mit Zitat

-

Hallo Tula,

so recht weiß ich nicht, was tatsächlich der Text beschreiben will [ vielleicht will es dem Text auch um eine Parodie'eske gehen? obwohl, nee ] … mMn doch sehr weit entfernt von dem Fado seinerselbst Wert [ maskulin, der Fado ];

ist dieser Gesang ein koloraturer timbre-Gesang, der mit Stimmvibrationen arbeitet [ sicherlich zittert da nix Wink ;

ist sein Thema die Sehnsucht über einen Schmerz [ verschiedener Couleur ] hinaus, ein melancholischer Gesang, der umso mehr die Sehnsucht immerdar als fließend begreift, und nicht, dass da mal ein versiegter Fluss einst war,

ebenso ist da niemand im Zuhörerraum, der gegen die Stille anhüsteln will / (unertragend) muss … ganz im Gegenteil ist im Sänger wie Zuhörer jene Sehnsucht gerade nach dieser Stille, in die dann jener Fado-Gesang erzählend hineinfließt; alles andere hätte mit Fado nichts zu tun.

Auch schwappt da bestimmt nicht eine Moll-Welle nach der anderen in einen quasi Molltaumel, mitnichten … geht's beim Fado um ein lebendiges erzähl_Tragen von schmerzlichen Gefühlen, die ihre Bewegung in zweierlei Hinsicht suchen,

erzählt darüber jener Fado-Gesang, einzig sein da_Grund.

Ebenso brechen da keine letzten Tränenbarrieren und plötzlich wie wild heraus … die Tränen sind im Zuhörer bereit, sich fließen zu lassen, ohne Scham … ist also insbesondere eine durchgängige Übereinkunft von Gesang und Zuhörer derart, sich seine Gefühle mitseitig zu zeigen.


MMn beschreibt dein Text intonal etwas ganz anderes; insbesondere auch mMn deine durchgängig zerbrechenden kurzzeil_Umbrüche, die mMn jegliches Fado_Erzählen massiv in ihrem Fließen konterkarieren, Wink , ist ja nur meine Meinung [ vielleicht ja doch als Parodie'eske gemeint? …  gibt's ja gerade zum Fado heutige auch Meinungen, die ihn heute als zeit-ungemäßes Fühlen bezeichnen ].


Tula, wieder einen lieben Gruß, Stimmgabel …


----------------- ach ja,

und Fado-Gesang gibt es nicht ohne Gitarrenbegleitung  Wink … müsste dies mMn in deinem Text untermalend ebenso mittragen ...

-


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niko
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 62
Beiträge: 213
Wohnort: Göttingen


BeitragVerfasst am: 17.07.2018 19:01    Titel: Antworten mit Zitat

liebe stimmgabel (die, also weiblich?)

meiner meinung nach werden hier keine strukturen und fakten des Fado verdichtet, sondern Gefühle die entstehen,bem singen und beim hören des Fado! die zeilenbrüche machens zudem  (großartig, tula! immer noch!).........



Fado


schäbig wirkt das hemd dort auf dem stuhl -
doch sieh' die finger(!)
zupfen staunen in den saal

irgendjemand räuspert sich
umsonst
die stille siegt

nun spannt sich alles auf
in ihrer brust
es zittern
lid und lippen
im akkord verharrt der puls
ein letztes mal

aus ihrem innern steigt bestimmend eine erste
woge moll - darauf die zweite … dritte (wuchtig jetzt)
dann reißt ein strom aus abschied und erinnerung
das publikum ins meer der weichen trauer

kalt und fremd jeder Ort,
Charme und Zauber sind fort,
nur der Fluss ist noch
wie er einst war

später singt sie
sie überkommt wieder sehnen nach
dem duft von salz
und kardamom an seinem hals

wischt sich dort wirklich jemand eine träne?

die letzte woge bricht

Applaus!!


so könnte man es auch setzen, aberdas gedicht verlöre dadurch!

ich versuche mich beizeiten auch einmal an einem fado - gedicht...finde ich sehr spannend!


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Stimmgabel
Geschlecht:männlichPapiertiger


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Bronzener Sturmschaden Der goldene Spiegel - Lyrik (2)



BeitragVerfasst am: 17.07.2018 19:37    Titel: Antworten mit Zitat

-

niko hat Folgendes geschrieben:

... sondern Gefühle die entstehen, beim singen und beim hören des Fado!


die zeilenbrüche machens zudem  (großartig, tula! immer noch!).........
.


Hallo niko,

ob tatsächlich Tula deinen Zuspruch so vehement braucht ???   Wink … zudem ja nix Neues zu deinem ersten;

und glaube ich auch, sehr nah meine Gedanken am Text entwickelt zu haben  Smile , gerade doch zu Vortrag, Hören, Gefühle und Grund

Gruß Stimmgabel ...

-


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purpur
Reißwolf


Beiträge: 1023



BeitragVerfasst am: 17.07.2018 21:05    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Tula,

Dein Gedicht gefällt mir, vor allem die letzten drei Zeilen! Ich empfinde sie aus der Sicht der Vortragenden. Atmosphärisch... "Hand am Flügel",  Händeposen an Noten haltend (Klassik) was berührt, bewegt... inszeniert, doch nicht "gespielt?!"...
Auf der anderen Seite,..., ist?, Ufer? ..., ..., ... . (Hab seit meinem sechsten Lebensjahr auf der Bühne vor Publikum gesungen)
Man spürt Deine Position des beobachtenden Zuschauers deutlich.

Zitat
"
Fado


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dem duft von salz und kardamom
an seinem hals

wischt sich dort wirklich jemand eine träne?

die letzte woge bricht

Applaus!!
"

Ich war zwar nie "eine Fado-Sängerin", aber Gesang -Solo/Klassik bewirkt vielleicht mögliche Gemeinsamkeiten, hinsichtlicher Sentiments.?
Nach dem ersten Ton spürt man ein Schwinden ins "Innere" und taucht erst am Ende wieder auf. Applaus!!
Schön und unwirklich zugleich! Und man möchte eigentlich zurück!
 Kommt noch was?
HerzlichePpGrüße
Pia


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Tula
Geschlecht:männlichKlammeraffe


Beiträge: 749
Wohnort: die alte Stadt


BeitragVerfasst am: 17.07.2018 22:52    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lieber niko, Stimmgabel und purpur

dass dieses Gedicht Potential für eine künstlerische Debatte hat, hätte ich gar nicht erwartet. Ich hoffe, dies spricht dennoch für das Gedicht.

Ganz ehrlich saß ich mehrere Tage vor meinem Thema, ohne irgendwie einen gescheiten Vers vorwärts zu kommen. Zunächst die Idee, Fado zu charakterisieren, dann selbst ein Fado über Fado ... es kam nur Kitsch heraus.

Dann die Idee, die Stelle des Betrachters und Zuhörers im Fado-Lokal, die niko und purpur richtig gedeutet haben.

Purpur schrieb: smile
Zitat:
Man spürt Deine Position des beobachtenden Zuschauers deutlich.

 
Das Gedicht ist natürlich ernst gemeint, was mich dennoch nicht davon abhält, hin und wieder ein Auge zwinkern zu lassen.

Das (fast) schäbige Hemd gehört dem (einem der) Gitarrenspieler. Das soll verdeutlichen, dass es sich um ein "völlig normales" Fado-Lokal handelt, die Sängerin, die hier dargestellt wird, ist in der Regel vornehm gekleidet, die Begleitung nicht unbedingt.

niko schrieb:
Zitat:
warum hast du "Charme" und "Zauber" groß geschrieben?


Dieser Teil ist in italic gesetzt und Großschreibung wie auch das Metrum deuten darauf hin, dass es sich hier um einen gesungenen Part handelt, ein kleiner Auszug, ein Lauschen inmitten der Beobachtung.

Stimmgabel schrieb:
Zitat:
ist dieser Gesang ein koloraturer timbre-Gesang, der mit Stimmvibrationen arbeitet [ sicherlich zittert da nix


Bevor der Gesang ansetzt, bereitet sich die Sängerin "seelisch" vor. Diese Art von Verinnerlichung wird nicht selten körperlich sehr deutlich: die innere Spannung, das sich-Füllen der Brust ... bis hin zum Gesichtsausdruck, mit geschlossenen Augen, da können Lid und Lippen durchaus zittern, bevor es überhaupt losgeht.

Zitat:
in melancholischer Gesang, der umso mehr die Sehnsucht immerdar als fließend begreift, und nicht, dass da mal ein versiegter Fluss einst war


Wie bereits gesagt, der Fluss ist hier Teil eines beliebigen Textes, ein wehmütiges Erinnern an eine vergangene Zeit, die Orte werden aufs Neue besucht, alles hat sich verändert, nur der Fluss (der Tejo natürlich, der Fluss der Stadt) scheint noch ganz der alte zu sein.
Was die Melancholie angeht, diese habe ich mit "weiche Trauer" umschrieben.

Zitat:
ebenso ist da niemand im Zuhörerraum, der gegen die Stille anhüsteln will /


nicht "will", nur "unfreiwillig muss"; ein absolutes Grundgebot im Fado-Lokal ist, still zu bleiben; wer sich räuspern muss, fängt sich durchaus einen bösen Blick der singenden Dame ein; die Stelle sollte man also mit einem Augenzwinkern lesen smile

Zitat:
Auch schwappt da bestimmt nicht eine Moll-Welle nach der anderen in einen quasi Molltaumel, mitnichten … geht's beim Fado um ein lebendiges erzähl_Tragen von schmerzlichen Gefühlen, die ihre Bewegung in zweierlei Hinsicht suchen


sicher doch, und es gibt auch recht heiteren Fado; Moll ist hier als Grundstimmung zu verstehen, es geht um grundsätzlich schwermütige Musik

Der Vergleich mit den Wogen scheint mir durchaus angebracht, schon weil es beim Fado viele gedehnte Laute gibt (die Wogen), welche dann im Wechselspiel mit der portugiesischen Gitarre (schriller als die deutsche Wandergitarre) ihre "Brandung" und Abschluss finden

Zitat:
Ebenso brechen da keine letzten Tränenbarrieren und plötzlich wie wild heraus … die Tränen sind im Zuhörer bereit, sich fließen zu lassen, ohne Scham …


ja, Lyri nimmt hier die Haltung des "ungläubigen" Touristen im Fado-Lokal ein, der nicht glauben will, dass da wirklich jemand zu Tränen gerührt ist; wie gesagt, man muss auch mal wink dürfen

niko, das "fast" in der ersten Zeile ist auf alle Fälle wichtig, die anderen kleinen Änderungen werde nochmal überdenken. Der Applaus am Ende ist aber wichtig, normalerweise setzt dieser bereits während der (typischerweise drei) Abschluss-Akkorde der Gitarre ein.

Euch allen mein Dankeschön ! Auch wenn ich kein bedingungsloser Fado-Fan bin, (ich höre ihn hin und wieder gern, muss aber in der melancholischen Laune dazu sein), kann ich jedem Besucher der Stadt einen Fado-Abend empfehlen.

LG
Tula

PS: vielleicht sollte ich es doch "Fado-Abend" betiteln


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Stimmgabel
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BeitragVerfasst am: 18.07.2018 09:19    Titel: Antworten mit Zitat

-

Hallo Tula,

mal ehrlich, deine nachgereichten, mMn höchst speziellen zwischen_Erklärungen beinhalten doch Gedanken, die einzig in deinem backgrounden Kopf verankert sind, aber doch fernab des textalen SchwarzaufWeiß [ bei kühnster Deutungslust ] … und dann dieser wegweisende Titel "Fado";

könnte mMn jeder andere gitarrierte Gesangsabend [ außerhalb von Fado ] sein  Wink,

aber klar, jedem seine Fado'eske …

nehme ich nur mal diese Wegung, die du tatsächlich aus dem Text ableitbar siehst

Tula hat Folgendes geschrieben:
Das (fast) schäbige Hemd gehört dem (einem der) Gitarrenspieler. Das soll verdeutlichen, dass es sich um ein "völlig normales" Fado-Lokal handelt, die Sängerin, die hier dargestellt wird, ist in der Regel vornehm gekleidet, die Begleitung nicht unbedingt.


… ich denke mal, dies ist mehr ein Scherz von dir, hi hi ...


einen lieben Gruß Stimmgabel

-


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Tula
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BeitragVerfasst am: 18.07.2018 22:06    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Stimmgabel

du hast sicher recht; der Versuch, die Dinge nicht allzu offen und eindeutig zu benennen, endet schnell damit, dass die Absicht, Stimmung usw. vom Leser nicht erkannt bzw. aufgenommen werden. In diesem Fall habe ich versucht, die "typische" Stimmung zu erfassen; dass dich das nicht überzeugt, muss ich jetzt hinnehmen. Wobei ich dennoch dagegen halte, dass nicht jeder Gitarrenabend von weicher Trauer bestimmt ist.

Aber nun habe ich das Gedicht nicht umsonst in die Werkstatt gestellt. Das schäbige Hemd sehe ich jetzt ebenso als sehr unglückliche und zudem negative Verallgemeinerung, die hier nichts zu suchen hat. Geben wir auch der Träne am Nebentisch etwas mehr Respekt und nennen den Fluss beim Namen.

LG
Tula


Fado-Abend


der unscheinbare herr dort auf dem stuhl -
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BeitragVerfasst am: 19.07.2018 08:03    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Tula,

ich habe ein wenig Probleme mit dem mir zu dicken Auftragen der Zeilen

Tula hat Folgendes geschrieben:
es zittern
lid und lippen im akkord


und

Tula hat Folgendes geschrieben:
aus ihrem innern steigt bestimmend eine erste
woge moll - darauf die zweite … dritte (wuchtig jetzt)


Bei diesen hatte ich im ersten Lesen tatsächlich auch ein Fragezeichen im Kopf, ob das ein satirisches Gedicht ist, oder ernst gemeint, oder unfreiwillig komisch.
Mir ist das einfach zu üppig. Wenn ich es  still ohne diese Zeilen lese, tut sich mir eine ganz andere, leisere, verhaltenere Stimmung auf, die mir persönlich eher liegt. Ich kenne aber nun den Fado nicht über eine flüchtige Begegnung hinaus und vielleicht ist der so?


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BeitragVerfasst am: 19.07.2018 08:04    Titel: Antworten mit Zitat

Doppelpost

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niko
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BeitragVerfasst am: 19.07.2018 08:17    Titel: Antworten mit Zitat

https://youtu.be/QoEZB0XvEZQ

hach........... smile

oder dieser hier von mariza...........der anfang ist aus tulas gedicht....https://youtu.be/tC88Oyz8Khs


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purpur
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BeitragVerfasst am: 19.07.2018 10:36    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Tula,

ich habe auch nicht gescherzt. Gesangliche Ton(er(Zeugung hat seinen Ursprung im Kopf, dort muß sie gut Platz nehmen, findet dann, über Appoggiarsi in testa , dieTakelage, in Position gebracht, den gut dosierten Wind aus geblähten Lungenflügeln, der Stimmbändchen samt Gaumensegel in Fahrt und auf richtigen Kurs bringt.
... gleicht einem "OrgastischemMüssen" , ... und die letzte Woge bricht!
Applaus, gut gemacht! Da ist noch mehr!


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BeitragVerfasst am: 19.07.2018 22:59    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Pia

ich sehe, du bist eine erfahrene Sängerin, da freut es mich besonders, dass dir das Gedicht und die Vergleiche des Gesangs gefallen.

und der singende smilie ist absolute Spitze !! Laughing

LG
Tula


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Tula
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BeitragVerfasst am: 19.07.2018 23:41    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo niko

vielen Dank für deine beiden links, sehr schön.

Ich habe jetzt selbst mal im Internet geforscht, ob ich nicht doch ein paar Aufnahmen finde, die der beschriebenen Stimmung irgendwie nahekommen.

zunächst: https://www.youtube.com/watch?v=cnJHehNUq-U

sehr klassisch, zeigt die beschriebene Verinnerlichung der Sängerin.

Dann eine alte bekannte, der clip zeigt, wie es auch "drauf gehen" kann im Fado-Lokal, eigentlich gar nicht im Sinne meines Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=JOZWjINf_Zo

Liebe Literättin

es mag schon sein, dass ein wenig Übertreibung dabei ist, warum aber auch nicht. Hier noch ein Beispiel für Anita Guerreiro, bezeichnend wie ihr Gesicht während des Gesangs die Gefühle (um die es im Lied geht) veräußerlicht

https://www.youtube.com/watch?v=eUju5M3JsTo

Nochmals allen Dank fürs Interesse und die Kommentare

LG
Tula


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