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kleine Schreibübung: Morgenrettung


 

 
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PikaCat
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen


Beiträge: 45



BeitragVerfasst am: 14.07.2018 10:40    Titel: kleine Schreibübung: Morgenrettung eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Morgenrettung

Ich liebe die frühen Morgenstunden bei Sonnenaufgang. Besonders diese wie heute, nach einer lauen Sommernacht. Wenn sich am Horizont ein strahlendes Tiefblau dem Schwarz der Nacht entgegenstreckt, der Sonne den Weg zum Himmel bereitet und das Sein in die Unschuld des Neuanfangs taucht.
Die Musikanten des Tagesorchesters ruhen noch. Die Morgenstille wird nach und nach durch die vielstimmigen Lieder des Vogelchors bereichert, der ausgelassen den neuen Tag begrüßt. Vereinzelnd nur hier und da durch ein leises Motorensurren in der Ferne begleitet. Durch die geöffnete Balkontüre zieht die laue Morgenluft ins Zimmer und streicht sanft über meine nackten Arme und Beine. Ihr frischer Duft umschmeichelt meine Nase. Eine Fliege kreist lautlos unter der Zimmerlampe und zu meinen Füßen hat sich schnurrend meine Katze Pauli zusammengerollt. Endlich drängen auch die ersten Sonnenstrahlen über  die Baumkronen und tauchen das Zimmer in ein warmes Orange-rot. Meine Seele freut sich auf den neuen Tag.

Plötzlich wird die harmonische Morgenmelodie durch schiefe Misstöne gestört. Etwas piept grell in der Nähe auf und Zweige werden zerbrochen. Dann wieder Morgenharmonie. Kurz darauf aufgeregtes Tapsen auf der Katzentreppe vom Garten zum Balkon hoch. Mich beschleicht ein unschöner Verdacht. Bitte nicht, formen meine Gedanken ihr Flehen gerade noch in Worte, als auch schon meine Katze Mogli zur Balkontüre hereinspaziert mit einem kessen "Ma-ma-ma" kommentiert. Zwischen ihren Zähnen trägt sie stolz ein kleines Federbündel. "Oh Mann Mogli! " fahre ich sie  wütend an. "Auch noch ein Vogel." Bringt sie eine Maus, schmerzt es mich für das Individuum. Aber Mäuse gibt es genug. Unsere Singvögel dagegen werden immer weniger.  Daher trifft mich der sinnlose Tod eines Vogels um so mehr. Mogli trabt ungerührt weiter in den Flur mit ihrer Beute. Pauli hebt nur kurz den Kopf, um die Ursache der Störung ihrer Morgenruhe auszumachen und legt sich genervt wieder hin.

Ich folge Mogli und versuche auszumachen, ob der Vogel noch lebt. Aber es regt sich nichts im Maul. Vor der Haustüre bleibt Mogli stehen, in freudiger Erwartung, mir ihre Beute zu präsentieren. Es ist eine Kohlmeise, kann ich an dem kleinen Kopf erkennen. Sie behält die Meise im Maul und legt sie nicht auf den Boden ab, was hoffen lässt, dass der Vogel noch lebt. Mogli hat mittlerweile gelernt, mir lebende Beute besser direkt in die Hände  zu legen, um meine unbeholfenen Jagdszenen in der Wohnung nicht mitansehen zu müssen. Ich halte meine Hände vor ihr Maul, sie öffnet ihre Fänge und das Federknäuel gleitet in meine Hände. Ich schließe die Hände sogleich vorsichtig zu einer Kugel, damit der Vogel nicht entfliehen kann. Der weiche Körper liegt warm in meinen Händen und bewegt sich nicht.  Ist die Meise doch tot? Dann spüre ich ein leichtes Vibrieren in der Handfläche. Um einen Blick auf die Meise werfen zu können, öffne ich meine Hände ein kleines Stück, gerade weit genug, damit ich mögliche Lebenszeichen ausmachen kann, aber klein genug, um zu verhindern, dass sie mir mit einem plötzlichen Fluchtversuch entwischt. Aus meinen reichhaltigen Erfahrungen mit den Beutetieren meiner Katzen, weiß ich, dass diese Bruchsekunden schnell aus einem Scheintod zur Flucht ansetzen können. Der kleine Leib zittert. Tote zittern nicht, mache ich mir Mut. Da sehe ich ein Augenzwinkern. Die kleine Meise lebt. Aber ist sie auch überlebensfähig? Oder vielleicht zu schwer verletzt?

Der Vogel stellt sich weiterhin tot. Den Blick und Körper starr. Nur ab und zu ein Augenzwinkern. Mogli umstreift unterdessen aufgedreht meine Beine und fordert mit lautem "Mau-mau" dankbare Anerkennung für ihr großzügiges Geschenk. "Nee, lass mich in Ruhe." bekommt sie meinen Unmut über ihre vermeintlich großartige Geste zu spüren. Gehandicapt durch meine besetzten Hände nehme ich umständlich den Haustürschlüssel von der Komode mit zwei Fingern auf, drücke die Haustürklinke nach unten, zwänge mich durch den geöffneten Spalt ins Freie und ziehe die Türe wieder zu, damit uns die Katze nicht folgen kann.  Vor dem Haus suche ich eine dichte, hohe Stelle in der Hecke, um die Meise dort abzusetzen und näher zu begutachten. Ich löse langsam die obere Hand von der Kugel, um einen guten Platz auf der Hecke zu ertasten. Aber dazu komme ich nicht mehr. Die Meise nutzt sofort ihre erste Chance zur Flucht. Ich nehme nur noch verschwommen aus dem Augenwinkel wahr, wie sie eilig davonflattert. Ich schaue mich noch mal suchend um, kann sie in der Nähe aber nicht mehr entdecken.

Der Morgenfriede ist gerettet. Die Meise wohl einen gehörigen Schrecken reicher, aber lebendig und hoffentlich unverletzt.

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purpur
Klammeraffe


Beiträge: 992



BeitragVerfasst am: 14.07.2018 11:54    Titel: Antworten mit Zitat

Guten Morgen PikaCat,

gelungen, schön finde ich, und habe sie gern gelesen - Deine "Morgenrettung"! Ein ähnliches Erlebnis, aber mit einer Schwalbe hatte ich mal, daher konnte ich mich sehr gut in die Situation hineinversetzen. Dieses" erhabene Gefühl" hab ich sehr intensiv abgespeicher, noch heute kann ich dies winzige Vogelkörperchen in meinen Händen spüren, das ganz aus POCHENDEM HERZEN zu bestehen schien, mit Blick in die schwarzen Augen,
FREUDE! Den Aufstieg in die Lüfte&Freiheit, schön wars.
Diesen Schock mit einsetzender Starre war auch seltsam anzuschauen.
Gern gelesen!
 Kommt noch was?
HerzlichePpGrüße&sonnigschönes Wochenende!
Pia


_________________
.fallen,aufstehen.
TagfürTag
FarbTöneWort
sammeln
nolimetangere
© auf alle Werke
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BlueNote
Geschlecht:männlichStimme der Vernunft


Beiträge: 7402
Wohnort: NBY



BeitragVerfasst am: 14.07.2018 13:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo PikaCat,

dein Text hat mir auch sehr gut gefallen. Er ist zum einen gut beobachtet, wartet mit einer fast schon lyrischen Sprache auf und birgt außergewöhnliche Formulierungen mit einer abwechslungsreichen Sprache. Man muss sich zunächst auf die Sprache einlassen, dann aber kann man sie schnell immer mehr genießen.

BN
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Charlie Rose Kane
Geschlecht:weiblichEselsohr

Alter: 46
Beiträge: 200
Wohnort: Leipzig


BeitragVerfasst am: 14.07.2018 15:18    Titel: Antworten mit Zitat

mich hat diese schilderung tief bewegt, und auch ich mag diesen sprachstil. smile

_________________
~c.r.k. ~
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PikaCat
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen


Beiträge: 45



BeitragVerfasst am: 18.07.2018 14:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi,

vielen Dank für eure netten Feedbacks! Ich freue mich sehr darüber!

Vermutlich kann ich diese Szene recht einfühlsam beschreiben, da mir meine Katzen (Namen geändert Laughing) solch Vergnügen immer wieder morgens bereiten.

Euch eine schöne Zeit und fröhliches Schreiben,
eure PikaCat
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Fjodor
Geschlecht:männlichReißwolf


Beiträge: 1487



BeitragVerfasst am: 30.07.2018 13:45    Titel: Antworten mit Zitat

Der Anfang war mir fast ein bisschen zu poetisch - wo dann die Handlung einsetzt war alles für mich flüssig und angenehm zu lesen und auch inhaltlich spannend.
Im Nachhinein freunde ich mich auch mit dem Einstieg an. Da käme es evtl. auf den Kontext an, wo die Geschichte veröffentlicht würde, ob ich zu etwas Vereinfachung raten würde oder nicht.
Schöner Text.

LG.
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Felice
Gänsefüßchen

Alter: 31
Beiträge: 19



BeitragVerfasst am: 30.07.2018 15:44    Titel: Antworten mit Zitat

Ich persönlich liebe diesen poetischen Anfang. Er ist sehr erfischend. Der Wechsel wirkt sich dann auch noch super auf den Lesefluss aus. Ich habe diese Geschichte sehr genossen.

Großeartiger Schreibstiel. Weiter so.

Alles Liebe,
Felice
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Otto Kringer
Geschlecht:männlichGänsefüßchen


Beiträge: 29



BeitragVerfasst am: 02.08.2018 21:20    Titel: Gefällt ... Antworten mit Zitat

... mir sehr gut und hat mich berührt: Deine fließende Sprache begleitet die Stille des Morgens und das Anfluten des Tages wie der wogende Atem des Erzählers. So wenig passiert und doch geht es um Leben und Tod - und immer ist es von Poesie durchdrungen.
Vielen Dank!


_________________
Unsere Persönlichkeit innerhalb der Gesellschaft ist eine geistige Schöpfung der Anderen. (Marcel Proust)
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PikaCat
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen


Beiträge: 45



BeitragVerfasst am: 03.08.2018 19:23    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Laughing
Als Anfänger-Schreiberling freuen mich eure feedbacks ganz besonders!

Vielen vielen Dank! Ich bleibe dran Rolling Eyes
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