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Die längste Reise

 

 
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Geschlecht:männlichReißwolf

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BeitragVerfasst am: 29.12.2007 00:13    Titel: Die längste Reise eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Die längste Reise

Es war an meinem einen freien Tag, einem Donnerstag um genau zu sein. Ich hatte seit sicher zwei oder drei Jahren kein Computerspiel mehr gespielt. Für die meisten Menschen wäre das vielleicht nichts aussergewöhnliches, aber ich hatte eine ganze Zeit meiner Jugend sehr, sehr viel gespielt.
Und dann hatte ich es im Laden gesehen. Die Fortsetzung meines Lieblingsadventures: The Longest Journey. Sie war schon vor einem halben Jahr erschienen, aber da ich die Angewohnheit entsprechende Zeitschriften zu lesen, schon vor einer ganzen Weile ad Acta gelegt hatte, wusste ich nichts davon.
Kurzum, ich hatte meinen Dispo noch um zusätzliche fünfzig Euro bereichert und nun lag es vor mir. Das Digipack war wirklich schön gestaltet, die Front aufklappbar, mit spektakulären Spielszenen intarsiert. Ich wurde richtig aufgeregt und es kam mir so vor, als machte ich eine Reise in meine Kindheit.
Ich studierte sorgfältig alle auf der Packung abgedruckten Texte und dann fand ich sie. Systemanforderungen. Mein PC war doch schon ein wenig in die Jahre gekommen. Bei Hunden und Katzen rechnete man ungefähr mal fünf, um das vergleichbare Menschenalter als Ergebnis zu erhalten. Ich überlegte mit wievielen man wohl das PC Alter multiplizieren musste und kam auf einen Wert von c.a zwanzig Jahren, demnach war mein PC sechzig Jahre alt. Ein Greis!
Prozessor, Megaherz, Arbeitsspeicher, Grafikkarte, alles tatsächlich noch ausreichend, aber dann: Vier Gigabyte freier Festplattenspeicher! Meine Festplatte hatte zwar sechzehn Gigabyte, aber frei war davon nur knapp ein einziger. Gut fünfzehn Gigabyte meines Lebens. Musik, Fotos, das Betriebssystem, meine Texte, Pornographie, Programme.
Daran hatte ich nicht gedacht. Ich sank zurück in meinen Sessel und überlegte. Mein Brenner funktionierte auch schon eine Weile nicht mehr, also konnte ich auch keine Daten auslagern. Mir blieb nichts anderes übrig, ich musste Daten löschen.
Ich rutschte wieder in eine aufrechte Position, nahm die Maus fest in die Hand und begann zu suchen. Zuerst stachen mir die Ordner zweier älterer Spiele ins Auge. Die Hatte ich doch schon Jahre nicht mehr gespielt, die konnten weg. Markieren, Rechtsklick und löschen. Noch ein freier Gigabyte, das ging schnell.
Dann allerlei Kleinkram, Mitschnitte von Internet Radiosendungen, unnötige, kleinere Programme, einige sehr große Bilder und ein Paar schlechte, selbstaufgenommene Gitarrenschrammeleien. Doch das brachte nur knappe zweihundert Megabyte. Ein Tropfen auf den heissen Stein.
Dann ging ich zur Musik über. Ich hatte sowieso viel zu viel Musik, ganze Alben die ich sicher nie wieder hören würde, längst vergessene Musikstile. Reggae, stimmt, ich hatte tatsächlich einmal eine Reggae-Phase gehabt. Weg damit.
Das brachte doch schon erheblich mehr freien Speicher, aber immernoch nicht genug. Meine Bilder, kurz kontrollierte ich wie groß der Ordner mit allen Fotos meiner Digicam war. Fünf Gigabyte! Hier war ich richtig.
Doch schon im ersten Ordner "Köln (Feb 05)" stutzte ich. So viele vergessene Erinnerungen. Tausende Momente auf Bildern festgehalten. Mir kam eine Zeile aus einem meiner Lieblingssongs in den Sinn:
"She said I'll throw myself away, but they're just photos after all."
Das ganze wurde immer mehr zu einer regelrechten Selbsterfahrung. Foto nach Foto, dass mich nicht ganz stark an etwas erinnerte, wanderte mit einem virtuellen Knistern in den Papierkorb.
Ich hatte Lust die Poster von meinen Wänden zu reissen, die Bücher aus dem Fenster zu schmeissen und meine Postkartenschatulle zu verbrennen. Ich brauchte nichts. Ich war frei.
Dann hatte ich alle Ordner unter "Fotos" durchgesehen und klickte auf die Festplatte D. Drei Gigabyte frei und auf C waren es ebenfalls drei. Also hatte ich insgesamt sechs Gigabyte freigeschaufelt. Mehr als ich wollte, aber egal. Ich hatte endlich genug Platz um das Spiel zu installieren.
Nun musste ich nur noch genügend Daten von D nach C verschieben, damit auf D auch ganze 4 Gigabyte frei wären. Das dauerte eine ganze halbe Stunde, weil mein PC so langsam war, aber dann hatte ich geschafft.
Ich legte die DVD ein und schon hatte der Autostart die Installation gestartet. Wunderschöne Szenen aus dem Spiel zogen in einem kleinen Fenster vorbei, dann musste ich irgendeiner Datenschutzbestimmung zustimmen. Ja!
Ja, ja und nochmals ja, nur lasst mich endlich mein Spiel spielen.
Installation unter D:/Dreamfall und noch ein letzter Klick auf Ja.
"Geben sie mehr Speicherplatz auf D frei oder beenden sie die Installation."
Ich war verwirrt. Doch mit der Beharrlichkeit der Erschöpfung machte ich mich daran weiter Daten zu verschieben, doch es half nichts. Es blieb dabei, dem Programm nach hatte ich nicht genügend freien Speicher.
Geräuschvoll seufzte ich, zündete mir eine Zigarette an, rutschte wieder tief in meinen Sessel und starrte an die weisse Wand hinter dem PC. Dann legte ich die CD wieder in die Hülle, schob diese in das Digipack und ging zu meinem Schrank, wo ich das Spiel neben die anderen stellte, auf denen schon eine leichte Staubschicht lag.
Nur eine weitere Erinnerung.

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Frederic Schmitz



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Hellseherei existiert nicht. Die Leute glauben mir mein Geschwätz nur, weil ich einen schwarzen Smoking trage.
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Lore
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Frauenschicksale in einer Großstadt
BeitragVerfasst am: 29.12.2007 13:19    Titel: Antworten mit Zitat

Die längste Reise

Zitat:
Es war an meinem einen freien Tag,


Das liest sich, als hättest Du nur donnerstags frei, wird aber nicht so sein.


 
Zitat:
Ich hatte seit sicher zwei oder drei Jahren kein Computerspiel mehr gespielt.


Wenn Du das nicht genau weisst, dann schreibe lieber seit ungefähr...


Zitat:
Für die meisten Menschen wäre das vielleicht nichts aussergewöhnliches, aber ich hatte eine ganze Zeit meiner Jugend sehr, sehr viel gespielt.
Und dann hatte ich es im Laden gesehen.


zweimal hintereinander *hatte* ist zu vermeiden.
Schreibe * aber dann sah ich es im Laden.


Zitat:
Kurzum, ich hatte meinen Dispo noch um zusätzliche fünfzig Euro bereichert und nun lag es vor mir.


Seinen Dispo kann man nicht bereichern, sondern höchstens steigern, erhöhen oder belasten.

Zitat:
Das Digipack war wirklich schön gestaltet, die Front aufklappbar, mit spektakulären Spielszenen intarsiert. Ich wurde richtig aufgeregt und es kam mir so vor, als machte ich eine Reise in meine Kindheit.
Ich studierte sorgfältig alle auf der Packung abgedruckten Texte und dann fand ich sie. Systemanforderungen. Mein PC war doch schon ein wenig in die Jahre gekommen. Bei Hunden und Katzen rechnete man ungefähr mal fünf, um das vergleichbare Menschenalter als Ergebnis zu erhalten. Ich überlegte mit wievielen man wohl das PC Alter multiplizieren musste und kam auf einen Wert von c.a zwanzig Jahren, demnach war mein PC sechzig Jahre alt. Ein Greis!


Nette Matapher, gut gewählter Vergleich:-)

Auch die Löschaktionen sehr gut geschildert, so geht es uns allen irgendwann einmal mit Spielen, die einfach nicht laufen, der Schuldige sitzt meist davor.

Gern gelesen.

Lore


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