14 Jahre Schriftstellerforum!
 
Suchen
Suchabfrage:
erweiterte Suche

Login

Jetzt erhältlich! Eine Anthologie von und mit unseren Usern. Jetzt bestellen! Die erste, offizielle DSFo-Anthologie! Lyrikwerkstatt Das DSFo.de DSFopedia


wie eine Straße hinuntergehen - INMITTEN - ohne Wunsch

 
Gehe zu Seite 1, 2  Weiter
 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Antiquariat -> Lesezeichenpoesie 05/2018
 Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
Aranka
Geschlecht:weiblichBücherwurm


Beiträge: 3383
Wohnort: Umkreis Mönchengladbach
Pokapro und Lezepo 2014



BeitragVerfasst am: 06.05.2018 18:00    Titel: wie eine Straße hinuntergehen - INMITTEN - ohne Wunsch eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

.
.
.

Holunder greift übers Scheunendach, kein Himmel verdarb
den Vers, der zu nichts führen sollte:
.................. auf geteerten Planken Mittagslicht

ein Auto hupt, eine Taube fliegt auf, ein Ball rollt über die Straße

eine Frau bleibt stehen,
hebt die Hand, lässt sie fallen, hebt sie erneut

eine Hand, die in der Luft stehen bleibt

ein Mädchen in roten Stiefeln lacht, hüpft, geht
geht mit großen Schritten

es ist schwül, ich rieche den Regen

orangefarbene Plastikstühle, Müll in blauen Säcken
ein runder Tisch, am Ende der Straße ein Baggersee

sie steht breitbeinig, siebt das Wasser

er trägt seine Hände zum Tisch, streichelt die Zeitung
im Becher ohne Henkel Holunderbeerwein

ein Lichtfleck wandert, fällt mir aus der Hand

Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Literättin
Geschlecht:weiblichExposéadler

Alter: 54
Beiträge: 2085
Wohnort: im Diesseits
Das silberne Stundenglas Der goldene Roboter
Lezepo 2015 Lezepo 2016


BeitragVerfasst am: 14.05.2018 09:05    Titel: Antworten mit Zitat

Zentrale Rolle des Themas Un-Gewissheit - Hier entdecke ich sie. Fast schon filmisch plakativ. Aber sie ist deutlich da die Un-Gewissheit.


Einarbeitung des Zitats - Find ich rätselhaft aber schön: Kein Himmel, der den Vers verdarb. Da taucht ein Bild in mir auf von einem klarblauen, irgendwuie "regungslosen", fast schon herunter starrenden Himmel und dieses Bild trägt sich fort in mir, durch die folgende Szenerie.


Lyrischer Gesamteindruck - Sehr schön! Eine kaleidoskopartig eingefangene Straßenszene, geheimnisvoll und wie in Zeitlupe. minimal stören mich die kleinen Klischees vom rollenden Ball und dem stiefelnden Kind. Das ist fast Tatort, aber nur für einen kritischen Moment. Hier ist nichts aufgesetzt, das Ganze wirkt in sich schlüssig, sowohl formal in den Zeilenbrüchen, den Strophen- und Bildfragmenten und ich liebe einfach das Streicheln der Zeitung und vor allem anderen: den Lichtfleck der wandernd aus der Hand fällt. Der ist mir nach dem ersten, flüchtigen Lesedurchgang bereits als Bild in Erinnerung geblieben. Sparsam und großartig. Ein szenischer Stillstand, der gekonnt nach dem verlangt, was wohl als nächstes hier passieren wird. Und natürlich bleibt das un-gewiss: Ist das ein sommerliches Idyll oder ein Trugbild. Sehr schön. Muss ich nicht sagen, oder, dass das mein Favorit ist?


_________________
when I cannot sing my heart
I can only speak my mind
- John Lennon -

Christ wird nicht derjenige, der meint, dass "es Gott gibt", sondern derjenige, der begonnen hat zu glauben, dass Gott die Liebe ist.
- Tomás Halík -

Im günstigsten Fall führt literarisches Schreiben und lesen zu Erkenntnis.
- Marlene Streeruwitz - (Danke Rübenach für diesen Tipp.)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
lebefroh
Geschlecht:weiblichEselsohr

Alter: 39
Beiträge: 379
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 14.05.2018 11:56    Titel: Antworten mit Zitat

Hhm. Das ist aber nicht der Vers, der eingefügt werden sollte. Also führt er wohl zu nichts.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
firstoffertio
Geschlecht:weiblichShow-don't-Tellefant


Beiträge: 6138
Wohnort: Irland
Das bronzene Stundenglas Der goldene Spiegel - Lyrik (1)
Podcast-Sonderpreis Silberner Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 14.05.2018 22:07    Titel: Antworten mit Zitat

Holunder greift übers Scheunendach:

Was für ein toller Anfang.

Und ein wunderbares Ende:

ein Lichtfleck wandert, fällt mir aus der Hand.

Dazwischen fast eine Familienidylle. Fast?

Darüber bin ich mir ungewiss.

Ebenso über das durchgezogene Bild der Hände. Ist mir das nicht doch zu viel?
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
Constantine
Geschlecht:männlichExposéadler


Beiträge: 2921

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 15.05.2018 10:19    Titel: Antworten mit Zitat

just points smile

Meine Nr.2
Gefällt mir sehr gut.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Heidi
Geschlecht:weiblichReißwolf

Alter: 39
Beiträge: 1307
Wohnort: Hamburg


BeitragVerfasst am: 16.05.2018 20:27    Titel: Re: wie eine Straße hinuntergehen - INMITTEN - ohne Wunsch Antworten mit Zitat

Der Text ist sehr bildhaft oder noch mehr: er liest sich wie ein Drehbuch. Ich blicke durch die Kamera neutral auf das Geschehen. Und was ich sehe gefällt mir; Bilder die teils surreal wirken, aber eben nur leicht. Sie könnten für meinen Geschmack ruhig "heftiger" ausfallen.
Hände spielen eine große Rolle. Hände tun, sind unser Werkzeug für unser Tun. Hier werden sie gehoben, fallen gelassen, es wird damit gestreichelt und am Ende ist es der Lichtfleck, der aus der Hand fällt. Wie kommt er dorthin? Ich mag es, mir diese Frage zu stellen.

Un-gewissheit. Keine Ahnung. Irgendwie erlebe ich nichts Un-gewisses und ich bin weniger intellektuell lesend, zähle eher zu "Empfindungslesern". Die Bilder werden sichtbar, erlebbar; es kommt eine sommerliche Stimmung auf, die Luft riecht schwer, wegen der Schwüle, wegen des Hollunders, klar auch wegen des Reges, den das LI selbst riecht. Ich sehe den Ball hüpfen, höre das hupende Auto, diese Taube und das fröhliche Mädchen. Dann der Fokus auf den Müll, den Tisch, den Baggersee. Sie, die stehen bleibt - das wird wohl die Frau sein, die zu Anfang innehält und die Hand fallen lässt. Jetzt siebt sie Wasser. Wasser ist für mich der Inbegriff von Leben und gleichzeitig auch von Verderben. Es ist in seiner Konsistenz absolut variabel; kann von flüssig bis gefroren, von verschmutzt bis rein, eben alles sein. Und Wasser hat für mich auch etwas Gefühlsmäßiges, anders als etwa Luft, die für mich eher das Denkerische repräsentiert.
Dann kommt eine neue Figur. Ein Mann oder Junge, ich schätze eher, dass es sich um einen Mann handelt, da Jungs eher weniger Zeitung lesen. Na ja, der streichelt sie, könnte also auch ein Junge sein. Warum streichelt man eine Zeitung? Warum siebt man Wasser? Die Zeitung wird glatt gemacht - der Inhalt ist wichtig für ihn. Er liebt die Zeitung, die als Sinnbild für Information stehen könnte. Eventuell. Er liebt also diese Information. Die Frau siebt Wasser. Ich erlebe das als liebevolle Geste. Sie kümmert sich darum. Vielleicht ein Reinigungsprozess? Sie möchte das Wasser vor Verschmutzung bewahren, siebt es. Oder geht es ihr um das, was im Wasser steckt? Siebt sie nach Gold? Nein, dazu steht das Wasser zu sehr im Vordergrund. Und dann ist der zu Anfang um sich greifende (nee, stimmt nicht, er greift übers Scheunendach) Hollunder plötzlich zu Wein geworden. Vergoren, ein Entwicklungsprozess. Von der Beere (bzw. vom Saft) zu Alkohol. Und die Mittagshitze komprimiert sich zu diesem einen Lichtfleck - der geht unter. Fühlt sich am Ende niederschmetternd an. Auch weil er letztendlich verschwindert, fallen gelassen wird bzw. aus der Hand fällt. Wie ein Versehen. Das letzte Fitzelchen Licht ist dann auch noch dahin.

Es war spannend, diese Zeilen in mir zu bewegen, sie tiefer zu ergründen. Dennoch gelingt es mir nicht, das Thema zu greifen. Der Titel könnte die Lösung beherbergen. Der Inmitten-ohneWunsch könnte es sein, der die Un-gewissheit transportiert. Möglicherweise. Wobei ich den Titel eher vom LI ausgehend lese. Es steht inmitten dieser Szene. Es nennt sich selbst nur einmal beim Namen als beobachtendes Wesen, das Geruch empfindet. Und zwar in der Textmitte und dann von mir aus ohne Wunsch. Wäre diese eine Ich-Stelle nicht, dann könnte es sich auch um einen neutralen Erzähler handeln.
Insgesamt ist das Gedicht für mich schwer zu greifen. Aber es fasziniert mich.

Es gibt aber eine Sache, zusätzlich zu dem schweren Erkennen des Un-Gewissheits-Themas, die es mir nicht leicht macht, eine Entscheidung zu treffen, was Punkte betrifft und zwar diese hier:

Postkartenprosa hat Folgendes geschrieben:
verdarb
den Vers, der zu nichts führen sollte:


Klar, Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden, aber der Satz fühlt sich unangenehm an, wenn ich bedenke, wie andere den "richtigen" problemlos in ihren Text miteingebunden haben. Wäre das kein Wettbewerbstext, dann würde ich wohl anders denken, allein schon, weil ich das mag, wenn jemand so trotzig ist, und sich weigert, sich an Regeln zu halten. Hier stehen aber noch andere sechzehn Texte im Board, deren Verfasser versucht haben, das Beste aus dem Gegebenen zu machen, quasi, sich den vorgegebenen Satz anzueignen und durch ihren individuellen Ausdruck darzustellen, ihn neu zu erschaffen.
Das passiert hier leider nicht.
Was tun mit den Punkten? Ich weiß es nicht.

Mein Bauch hat entschieden: Nein, keine Punkte.


_________________
Scheiße darf keine Flügel haben
der Phallus braucht Flügel
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
d.frank
Geschlecht:weiblichReißwolf

Alter: 41
Beiträge: 1021
Wohnort: berlin


BeitragVerfasst am: 16.05.2018 23:43    Titel: Antworten mit Zitat

Versuch Nummer zwei, weil alles, was schon stand, grad eben gefressen wurde. Twisted Evil

Was habe ich jetzt noch mal geschrieben?
Also das mit der Lyrik fällt mir wirklich schwer. Crying or Very sad
Auf jeden Fall hatte ich geschrieben, dass mir das gefällt. Dass es für mich die Momentaufnahme eines oberflächlichen Idylls ist, dem der Sprecher ambivalent gegenübersteht. Jetzt, nachdem ich die Wäsche aufgehangen und darüber nachgesonnen habe, kommt es mir vor, als würde sein Bild korrumpiert. Das Bild eines lauen Sommertages, der ihn dazu veranlasst, eine Straße hinunterzugehen, die Gedanken leicht zu lassen. Aber dann schieben sich Dinge davor, Menschen, die sich in ihn eindrängen, ihm die Zwanglosigkeit nehmen.

Der Titel ist widersprüchlich. Alles das, diese Abfolge ist für ihn das Abbild der Unternehmung eine Straße hinunterzugehen, inmitten-und das steht groß-aber trotzdem ohne Wunsch. Ist das jetzt der Wunsch? Dass er es könnte, ohne zu wünschen? Das krieg ich jetzt nicht ganz auf die Reihe. Aber so ähnlich möchte ich es interpretieren.

Noch mal genauer und in erster Linie für mich selbst:

Zitat:
Holunder greift übers Scheunendach, kein Himmel verdarb
den Vers, der zu nichts führen sollte: .................. auf geteerten Planken Mittagslicht




Holunder greift - die Natur wird personalisiert. Das setzt sie in Beziehung zum Sprecher und auch in Beziehung zum von Hand errichteten Dach. Der Himmel verdirbt nichts, er ist nicht trübe und verhangen und verdirbt die Gedanken und damit den Vers. Da spürt also jemand eine Sinnlosigkeit seines Unterfangens und ist froh, ihm ein Mal auch entkommen zu sein.
geteerte Planken - das ist wieder so eine Personalisierung. Planken, das assoziiert man mit Schiffen, mit Weite. Aber auch ein Zaun hat Planken und diese hier sind geteert, von Menschen gemacht, geteert ist für mich hier ein Negativwort.

Zitat:
ein Auto hupt, eine Taube fliegt auf, ein Ball rollt über die Straße


Hier brechen dann die Dinge hinein. Sie werden aber nur beobachtet, in relativ schneller Anfolge

Zitat:
eine Frau bleibt stehen,
hebt die Hand, lässt sie fallen, hebt sie erneut

eine Hand, die in der Luft stehen bleibt


Dann regt sich hier schon das erste Nachsinnen am Ende des Verspaares.

Zitat:
ein Mädchen in roten Stiefeln lacht, hüpft, geht
geht mit großen Schritten


hier ebenfalls


Zitat:
es ist schwül, ich rieche den Regen


Der Sprecher wird überdrüssig. Ihm wird schwül, er wünscht sich einen baldigen Regen

Zitat:
orangefarbene Plastikstühle, Müll in blauen Säcken
ein runder Tisch, am Ende der Straße ein Baggersee


Das hier ist dann schon mit Verbitterung betrachtet. Es klingt, als ließen die Leute überall ihren Müll rumstehen und auch der See wurde von ihnen einfach in die Gegend gepflanzt.

Zitat:
sie steht breitbeinig, siebt das Wasser

er trägt seine Hände zum Tisch, streichelt die Zeitung
im Becher ohne Henkel Holunderbeerwein


Siebt das Wasser?
Darüber stolpere ich und sehe augenblicklich ein mittelalterliches Bild, das ich nicht eingefügt bekomme. Warum siebt sie das Wasser?
Will sie es nicht natürlich lassen? Steht breitbeinig da und zerstört die Harmonie? Und er? Er weiß nicht wohin mit seinen Händen, kann sie für nichts anderes mehr nutzen, als mit ihnen die Zeitung zu streicheln. Der Becher ohne Henkel, natürlich der olle Pappbecher, die blauen Mülltüten und dann trinkt er den Holunder, hat ihn sich zu Wein machen lassen.
Insgesamt stehen die Menschen hier als ordinäre Eindringlinge und deshalb fällt dem Erzähler schon in der nächsten Zeile der Lichtfleck, der für mich hier als Lichtblick steht, aus der Hand, die eine schöne Überleitung zum eigenen wirken ist, denn auch der Erzähler tut ja seiner Hände Arbeit, so ist das eben, als Mensch?

So weit so gut, ich habe wie gesagt, nicht alles verstanden und freue mich auf die Kommentare des Verfassers dazu!


_________________
Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
*Arthur Schopenhauer
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
AchWiesoNicht
Gänsefüßchen

Alter: 24
Beiträge: 15
Wohnort: Leipzig


BeitragVerfasst am: 17.05.2018 15:29    Titel: Antworten mit Zitat

Nicht ganz neutraler Kommentar, um bewerten zu können. Die Atmosphäre ist gut gezeichnet, meine persönlichen Highlights sind
Zitat:
auf geteerten Planken Mittagslicht
sowie
Zitat:
er trägt seine Hände zum Tisch
Einen Abzug muss ich der Fairness halber machen, da das vorgegebene Zitat leicht verfremdet wurde.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Aranka
Geschlecht:weiblichBücherwurm


Beiträge: 3383
Wohnort: Umkreis Mönchengladbach
Pokapro und Lezepo 2014



BeitragVerfasst am: 17.05.2018 17:28    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

.
.

verdarb den Vers, der zu nichts führen sollte


Wie habe ich diese Zeile verflucht und wie hat sie mich gereizt und herausgefordert.

Bis Dienstagabend habe ich diese Zeile mit mir rumgeschleppt:
in den Keller zum Bügeln, durch den Garten zum Rosen anbinden,
habe sie durch Aldi geschoben und nur die Hälfte des Einkaufszettels abgearbeitet.

Ich musste durch manche Straße laufen um mich endlich – endlich INMITTEN zu verirren.

Mir begegnete ein LI, dass nichts wollte, nur gehen im Zeitmaß der Straße:
durchlässig sein für die Ereignisse, sie behutsam einsammeln.
Es lud mich ein, ich wurde sein Autor,  
fand den Augenblicken einen Ton,
ließ den Dingen ihren Platz.

NUR AUGE! NUR OHR!

Der Welt keinen Entwurf unterschieben!
Den Versen nicht die Bürde des Wissens aufhalsen!


Verse pflücken. Verse, die zu nichts führen sollten.
Verse, die sind, was sie sind: Möglichkeiten.
Möglichkeiten INMITTEN.

Diese Möglichkeiten ihre einzigen Gewissheiten.

Wer oder was könnte diese Verse verderben?


Jetzt sind sie auf dem Weg zum Leser.


Die Schreibzeit war spannend und intensiv
und ich war mit meinem LI in einer freudigen Weise unterwegs.

Nun freue ich mich auf Rückmeldungen, hoffentlich kritisch und ungeschönt.
Möchte erfahren, was die Leser mitnehmen können, was sie irritiert.

Unebenheiten sind drin. Habe selbst schon Fragezeichen gesetzt.
Die Zeit mit meinem LI war zu kurz, aber sie war ein guter Anfang
und vielleicht ein neuer Einstieg.

Den Moderatoren meinen Fluch und Dank für dieses sperrige Zitat,
das zum Motor meiner Schreibtage wurde.

wie eine Straße hinuntergehen -INMITTEN- ohne Wollen

Ich wünsche jedem Leser, dass er sich gründlich verirrt und vielleicht,
ganz weit in der Ferne, das Zeitmaß seiner Straße finden wird. Aranka


_________________
"Wie dahingelangen, Alltägliches zu schreiben, so unauffällig, dass es gereiht aussieht und doch als Ganzes leuchtet?" (Peter Handke)

„Erst als ihm die Welt geheimnisvoll wurde, öffnete sie sich und konnte zurückerobert werden.“ (Peter Handke)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
menetekel
Geschlecht:weiblichExposéadler

Alter: 100
Beiträge: 2099
Wohnort: Planet der Frühvergreisten


BeitragVerfasst am: 17.05.2018 17:55    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Anonyma,

aus meiner Sicht weicht

Holunder greift übers Scheunendach, kein Himmel verdarb
den Vers, der zu nichts führen sollte:
.................. auf geteerten Planken Mittagslicht

doch ziemlich von unserer Vorgabe ab ... und ich kann mir zudem keinen rechten Vers darauf machen, welche Bedeutung deinem Vers in den Versen überhaupt zukommt.

Der ganze Rest gefällt mir super, weil ich diese minimalistische Art mag.
Eine sehr schöne Momentaufnahme in Zeitlupe.

m.


_________________
Alles Amok! (Anita Augustin)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Stimmgabel
Geschlecht:männlichPapiertiger


Beiträge: 4398
Wohnort: vor allem da
Bronzener Sturmschaden Der goldene Spiegel - Lyrik (2)



BeitragVerfasst am: 18.05.2018 12:29    Titel: Re: wie eine Straße hinuntergehen - INMITTEN - ohne Wunsch Antworten mit Zitat

-

wie eine Straße hinuntergehen - INMITTEN - ohne Wunsch


Holunder greift übers Scheunendach, kein Himmel verdarb
den Vers, der zu nichts führen sollte:
.................. auf geteerten Planken Mittagslicht

ein Auto hupt, eine Taube fliegt auf, ein Ball rollt über die Straße

eine Frau bleibt stehen,
hebt die Hand, lässt sie fallen, hebt sie erneut

eine Hand, die in der Luft stehen bleibt

ein Mädchen in roten Stiefeln lacht, hüpft, geht
geht mit großen Schritten

es ist schwül, ich rieche den Regen

orangefarbene Plastikstühle, Müll in blauen Säcken
ein runder Tisch, am Ende der Straße ein Baggersee

sie steht breitbeinig, siebt das Wasser

er trägt seine Hände zum Tisch, streichelt die Zeitung
im Becher ohne Henkel Holunderbeerwein

ein Lichtfleck wandert, fällt mir aus der Hand


-----------------------------------------------------------


Hallo Inko [ wink ],

eine Lyrikerin zeigt sich mit diesem Text; wir kennen sie, und wieder ein Text, eine Sprachführung in einer, ihrer unverkennbaren Unaufgeregtheit  / passiert die Bewegung tatsächich immanent, ohne auch nur einen angelegten Bild-Ton außer Acht zu lassen  / mir eine lyrische Erlebnisfreude    Smile

Und. Ich darf über das text_Innere nachdenken; wollte er uns regen, und er tut es gewiss  / ein weiterer Grund. Inko, sind deine Texte immer ein Grund, nachzudenken; ein lapidares Drüberlesen ist nicht dein Ding; mir zum Glück. Und genau so beginnt auch diese Lyrik. Eröffnet sie das Bild mit der Lebhaftigkeit dieses Holunders, krabbelt er an der “geteerten, geplankten Scheunenwand“ hoch [ reicharm ], in die Höh ... darf er’s, weiß es  / lässt ihn die Himmelsweite diese Freiheit,

setzt hier das Zitat ein:    (kein Himmel) verdarb den Vers, der zu nichts führen sollte ...     , mMn höchst geschickt integriert [ trotz der komplizierten Imperfekt und Konjunktiv-Struktur, trotz des irr_Reals, dass das Zitat selbst einzig fragment-fetzig aus seinem Kontext herausgerissen ist  Wink ].

___________________________________________  will der Text diesen Einstieg:

Holunder greift übers Scheunendach, kein Himmel verdarb
den Vers, der zu nichts führen sollte:                  auf geteerten Planken Mittagslicht


Braucht’s nun ein genaues Lesen, was hier tatsächlich intoniert ist, sein will, zumal mit dem Doppelpunkt direkt hinter dem Zitat vor der Bezugs-Sequenz:  auf geteerten Planken Mittagslicht   / wird hier die Freiheit des Holunders ein gleichbedeutender Wert dieses “Himmels“ , liegt die Freiheit im Ding selbst,  ist das Ding, wie es ist ...

sucht der Text den Blick im ersten Schritt. Das Ding erfassen, was es freigibt. Lass dich auf das Unbekannte, Fremde ein [ auf das IST ], kann die denk_Axt immer noch, danach, dazwischen hacken ... "verderben"   / mMn genau die Intention des gesamten Textes.  LI's Reise durch diese Straße in ihrerselbst_Gesicht  / im Gleichsinn der Zitat-Sequenz:  ... der zu nichts führen sollte , quasi die Freiheit des ersten Hinschauens. Wird nun dieses zitate "sollte" zu einem Wollen, was LI im Text einzig will, eben sich einlassen auf diese Straße ihrerselbst.

Ist da der Doppelpunkt. Wird nun der Vers:  "auf geteerten Planken Mittagslicht“  in den IST-Mittelpunkt seinerselbst gerückt.  Ist:  Mittagslicht, Holzplanken, geteert ... LI’s Ausgangspunkt, seine/ihre Empathie-Reise zu beginnen. Die Straße hin, entlang  / auf ihr, mit ihrerselbst_Gesicht begehen, lässt sich LI ein.

Für mich ein Hineinschauen in ein Stillleben, darf ich als Leser mitgehen, LI's Straßensplitter durch LI's Augen mit auflesen  / Dinge, Menschen, sich agierende Menschen und Dinge im Gesicht dieser Straße ; wird der Text zu einer IST-Collage, die ihre Bildteile selbst anordnet. Da ist kein Hinzu, kein Wegnehmen, kein Kaschieren

... der dahinrollende Ball hat natürlich eine Ursache
... die Frau weiß natürlich, warum sie ihre Hand hebt und wieder sinken lässt, wieder hebt
... warum das rot-gestiefelte Kind mit großen Schritten geht, ist ihm bewusst

... zeigt sich die Straße ihrerselbst in ihrem un_Geschmink, IST_farbig [ Plastikstühle, Müll, ein runder Tisch ], sieht LI einen belassenen Grund ohne Scham,

... eine ’SIE’ steht breitbeinig da, siebt Wasser [ was für ein Vorgang, Wasser sieben ... vielleicht dem Innen des Dings auf diese Weise näher kommen ]

... ein ’ER’ streichelt seine Zeitung ... neben, ein Becher voll Holunderbeerwein [ schließt sich vielleicht mit diesem Bild, das freie Streben des hochkrabbelnden Holunders übers Dach und doch sensibel, ungierig, als würde auch der Holunder das Holz, das Dach streicheln ]

                                           ---------------------------------

... lässt sich LI auf diese Sehweise ein, kein Hinzu, kein Wegnehmen, kein Kaschieren ... passiert Leben in seinerselbst Laute, still im außen_Auge  / für mich genau dieses Dual Stillleben ... zweimal gibt dann doch Li Empfindungen, Reflektionen wider: greift für einen Moment ich-personal ins Geschehen ein.

Einmal in der text_Mitte: es ist schwül, ich rieche den Regen

... eine Deutung fällt mir hier schwer  / eine Unterbrechung LI’s Reise auf dieser Straße. Vielleicht ja ein solcher quer_Moment in LI, sich dem inneren quäl_Geist zur Wehr zu sezen, ihn bändigen; sich selbst von ihm abzulenken ... greift zudem der Text diese Bilder “Schwüle“ und “Regen“ nicht mehr auf, stehen sie einerseits ohne konkreten Halt im Text da, vielleicht eine zwischen-wehende Mahnung?

Dann ein zweites ich_Einlassen am text_Ende :  ein Lichtfleck wandert, fällt mir aus der Hand    ...

auch hier personalisiert LI einen Moment auf der Straße, spricht von  ’einem’ Lichtfleck. Greift dieser Lichtfleck in LI's Bewusstsein  / frage ich mich natürlich warum gerade dieser unbestimmte “ein Lichtfleck“ ... und nicht “der Lichtfleck“ ... würde ich kongruent hier jenes Mittagslicht vom text_Beginn wieder aufgreifen. Hat sich mittlerweile weiterbewegt [ gleichwie LI selbst ].

Haben sich im Zeitverstrich die Dinge konsequent verändert [ wie auch LI selbst ], erkennt LI, dass mit diesem Gedankeneinschub die stilllebende Reise damit beendet ist ... unterbräche sich die Situation selbst, die Begegnung mit LI  / mMn LI's vorab_Wissen. eine Reise, die sich selbst bestimmt, also auch ihr Ende.

Greife ich dbzgl nochmal die bei_Erwähnung auf, führt die Straße zum Baggersee, dort weit hinten, zu diesem geformten Formlos [ am Ende der Straße ein Baggersee ] und das Einstiegsbild der “geteerten Planken“. Sehe ich nun als zwei_Bild dafür, lägen von der Scheune aus geteerte Weg-Planken in ein Irgendwohin [ ohne näheres Ziel ] ausgelegt,

der Beginn LI’s kleiner Reise ... hinüber die Straße und doch ohne Ziel [ ein Ziellos, kein Wahllos ], LI’s Einlassen auf das Drin –und Drumherum dieser Straße, mMn schon im Titel bedeutet:

wie eine Straße hinuntergehen - INMITTEN - ohne Wunsch

Will LI inmitten der Straße sein  / ’sie’ in ihrersebst erleben, das Eigenleben ’Straße’ begehen ... da sein und sehen, spüren. Intoniert mir das Anhängsel “ohne Wunsch“ diesen Fakt außerdem, wobei für mich persönlich ein Unnötig, kündigt ja schon das “wie“  [ quasi, als ob ] jenen anders_Weg von LI an, mMn.

                                                                                                                                     -----------------

zur sprachlichen Umsetzung  _________________________ :

bleibt der erzähl_Duktus konsequent in der Ebene des Sehens, Wahrnehmens und Beschreibens ohne auch nur einen Moment die innere Lebendigkeit der einzelnen Sequenzen auszusparen  / ganz im Gegenteil, toniert mMn gerade dieser unaufgeregte Stil die still-lebende Lebendigkeit jener Straße so nah wider. Werden die einzelnen Szenen sich selbst überlassen [ genau ihr Grund, eben so zu sein ].

Das Warum? ist nicht das Thema dieses lyrischen Textes. Wird quasi die Straße selbst zum Autoren dieses Textes;  zeichnet ihr Gesicht, lässt LI einen Blick darauf  / erzählt uns LI davon ... darf der Leser mitgehen.

Noch erwähnenswert für mich der geschickte benenn_Wechsel der Personen, Dinge  / einesteils unbestimmt in Form: ’ein, eine, einer’ hin zu konkreten Bennungen wie ’der, die, das’ bis hin zu dritte-Person Personalisierungen wie ’er, sie’ . Sicher ein tragendes Duktus-Element dieses Textes, eben die Straße sich in ihrerselbst erzählen zu lassen.

                                               ---------------------------------------------


Inko [ Wink ], wieder eine mitgeh_Freude für mich, dein eigenwill_Text  Smile    ... für mich die Nummer Eins des Wettbewerbs  / ein fröhpfeifendes Tschüss dir,  Stimmgabel ...



-


_________________
Gabel im Mund / nicht so hastig...
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
V.K.B.
Geschlecht:männlich[Error C7: not in list]

Alter: 47
Beiträge: 2940
Wohnort: Nullraum
Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 20.05.2018 22:17    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,
da du keins der beiden Zitate wortgetreu in das Gedicht eingebaut hast, sehe ich die Vorgaben nicht umgesetzt und muss den Text aus meiner Wertung disqualifizieren.


_________________
Warning: Cthulhu may occasionally jumpscare people …
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
gold
Geschlecht:weiblichShow-don't-Tellefant

Alter: 67
Beiträge: 6394
Wohnort: Persepolis
DSFo-Sponsor Ei 10


BeitragVerfasst am: 21.05.2018 12:34    Titel: Antworten mit Zitat

Am Besten gefallen mir die beiden ersten Sätze.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
d.frank
Geschlecht:weiblichReißwolf

Alter: 41
Beiträge: 1021
Wohnort: berlin


BeitragVerfasst am: 21.05.2018 15:11    Titel: Antworten mit Zitat

12 Punkte von mir.
Ich mag, was sich für mich dahinter versteckt, die Gedanken, die es anregt, und das Spiel mit Sprache.


_________________
Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
*Arthur Schopenhauer
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Zinna
Geschlecht:weiblichschweißt zusammen, was


Beiträge: 1710
Wohnort: zwischen Hügeln und Aue...
Das Silberne Pfand Lezepo 2015
Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 21.05.2018 18:54    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,

bei diesem Wettbewerb werde ich meinen Kommentar nach einem Schema erarbeiten.

Titel
Wie ein Armschwung, der den Blick auf alles lenkt.

Thema
Was ist/geschieht echt, kommt Wer oder doch nicht?
Wie, wenn überhaupt, lässt sich etwas festhalten?

Zitat
Inko, du bist am mutigsten von allen Teilnehmern. Du hast den Vers nicht nur eingesetzt sondern mit/an ihm gearbeitet, ihn ins Aktiv gesetzt.

Weiteres
Der Holunder zieht mich in eine Szenerie hinein.
Wasser, Hafen, Menschen.
Das Gedicht hat keinen weichen Rhythmus, seine Verse sind wie Skizzenstriche, das Gedicht eine mit Tusche versehene Skizze, aus Bildern, Bewegungen, Stimmung.
Beim wiederholten Lesen möchte ich zugreifen, doch ist jedes Bild irgendwie anders, wie mit dem Licht gewandert.

Lieblingsstelle
"Holunder greift übers Scheunendach"
"Ein Lichtfleck wandert, fällt mir aus der Hand"

Weit oben in den Punkterängen.

LG
Zinna


_________________
Wenn alle Stricke reißen, bleibt der Galgen eben leer...
(c) Zinna
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Sue Ulmer
Geschlecht:weiblichEselsohr

Alter: 26
Beiträge: 348
Wohnort: Göttingen


BeitragVerfasst am: 22.05.2018 22:30    Titel: Antworten mit Zitat

Ich hatte die Vorgaben tatsächlich so verstanden, dass der vorgegebene Vers nicht verändert werden sollte.
Die Einbettung des Verses ist aus meiner Sicht insgesamt nicht so gelungen, er wirkt ein bisschen wie ein Fremdkörper im Rest des Textes.


_________________
Hier ruht ein gelynchtes Gedicht.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
poetnick
Geschlecht:männlichKlammeraffe

Alter: 58
Beiträge: 684
Wohnort: Europa


BeitragVerfasst am: 23.05.2018 10:36    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Unbekannt,

ein Text der sich, mit wiederholtem Lesen - unaufdringlich, zu meinem Favoriten entwickelt hat.
Diese flirrenden, etwas traumartigen Szenerie hat mich doch gepackt. Für mich
das poetischste Gedicht im ganzen Feld.

Liebe Grüsse - Poetnick


_________________
Wortlos ging er hinein,
schweigend lauschte er der Stille
und kam sprachlos heraus
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Lorraine
Geschlecht:weiblichKlammeraffe


Beiträge: 723
Wohnort: France
Das goldene Stundenglas Ei 10
Pokapro 2016


BeitragVerfasst am: 24.05.2018 08:40    Titel: Antworten mit Zitat

Auffällig in diesem Gedicht waren zunächst (für mich) die besonders schönen Stellen, die hervorblitzen, als würden sie von diesem wandernden Lichtfleck, der dem LI am Ende aus der Hand fällt, gestreift werden.

Das Zitat, das keins mehr ist, da es von dir verändert (dennoch nicht an- oder eingepasst) wurde, bleibt ein Fremdkörper, stellt vielleicht einen Gedanken dar, der den Beschreibungen, Beobachtungen und Sinneseindrücken ein Bedauern über einen nicht zustande gekommenen Text vorausschickt, eine aufgeschobene oder verpasste Begegnung in gewissem Sinn.

Etwa in der Mitte des Gedichts taucht dieses beobachtende Ich mit

Zitat:
ich rieche den Regen


auf, einer bloßen Feststellung, die wie eine Justierung funktioniert, eine Feineinstellung. Es ordnet sich in das Beschriebene ein, ist inmitten all dessen, was passiert (vorbei geht, aber gleichzeitig als Zeitpunkte in Beobachtungen festgehalten wird.
Ob der Regen bereits gefallen ist, oder in der Luft liegt, noch kommen wird – es bleibt mir überlassen, wie ich das lesen will. Und das ist ein Merkmal dieses Gedichts: Es deutet an, es skizziert, es will nicht überzeugen. Vieles bleibt (wie die Hand, die in der Luft stehen bleibt), verharrt für den kurzen Moment einer Stimmung – wird die Hand zum Gruß gehoben, ist es eine warnende Geste? Schon kommt die nächste Beobachtung, und wieder ist da (auch) der Eindruck, dass die Verschriftlichung mit Antwortversuchen zu hat, mit der implizit im Titel angedeuteten Frage »Wie (sieht das aus/könnte das sein:) eine Straße hinunter gehen […]


Der Wunsch, ohne Wunsch zu sein? – Es ist nicht klar, ob und wie das Ich in Kontakt mit der Umgebung treten könnte – es scheint isoliert in seiner Haltung des Beobachtenden. Was jede einzelne Szene oder Beobachtung mit allen gemeinsam hat: Je nach Vorzeichen (positiv oder negativ), das man setzen würde, könnte sie in die eine oder andere Deutung kippen. Jedes Detail trägt zu diesem Eindruck der Ungewissheit bei, denn aufgelöst wird nichts. Auch nichts beurteilt, und das gefällt mir.

Zitat:
ein Lichtfleck wandert, fällt mir aus der Hand


Das Ich bleibt bewegungslos, geht nirgendwo hin.

Ich mag einzelne Verse sehr gern und in sich bergen sie eine poetische Kraft, wie dieser hier:

Zitat:
er trägt seine Hände zum Tisch, streichelt die Zeitung


Auch wenn (mir) insgesamt in diesem Text eine rhythmische Gestaltung fehlt, oder ich sie nur angedeutet finde und trotz der Tatsache, dass ich nicht verstehe, wozu das Zitat verändert wurde (wenn es dann genau so herausfällt, wie es das Original getan hätte), bleibt dieses Gedicht für mich dasjenige, in dem ich mich am liebsten aufgehalten habe.

12 Punkte.

Grüße,
Lorraine
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
Rübenach
Geschlecht:männlichExposéadler


Beiträge: 2582



BeitragVerfasst am: 25.05.2018 15:43    Titel: Antworten mit Zitat

Und am Ende geht einem doch die Kommentierzeit aus. Kein Wunder, wenn man sich erst Freitagmorgen dazu entschließt, zu befedern und zu kommentieren.

Auch hier wurde die Zitatvorgabe nicht erfüllt, aus verdarb den vers, aus dem nichts folgen sollte wurde  verdarb/ den Vers, der zu nichts führen sollte. Was also tun beim Bewerten? In Anbetracht der tatsache, dass von den Texten, die dieses Gedicht eventuell von seinem Platz verdrängen könnten, auch keine ein den Anfordrungen entsprechendes Zitat enthält, bleibt es beim zweiten Platz.


_________________
"Nothing bad can happen to a writer. Everything is material." (Philip Roth)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Aranka
Geschlecht:weiblichBücherwurm


Beiträge: 3383
Wohnort: Umkreis Mönchengladbach
Pokapro und Lezepo 2014



BeitragVerfasst am: 25.05.2018 23:14    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Heute euch allen nur ein kurzes Danke fürs Lesen, Kommentieren und Bewerten.

Wunderbare Gedanken finde ich unter meinem Text und bin sprachlos.

Werde mich erst in den nächsten Tagen dazu melden,
im Augenblick erfreue ich mich an all euren Lesergedanken,
die mich meinen Text noch einmal anders anschauen lassen.

Liebe Grüße. Aranka


_________________
"Wie dahingelangen, Alltägliches zu schreiben, so unauffällig, dass es gereiht aussieht und doch als Ganzes leuchtet?" (Peter Handke)

„Erst als ihm die Welt geheimnisvoll wurde, öffnete sie sich und konnte zurückerobert werden.“ (Peter Handke)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Aranka
Geschlecht:weiblichBücherwurm


Beiträge: 3383
Wohnort: Umkreis Mönchengladbach
Pokapro und Lezepo 2014



BeitragVerfasst am: 27.05.2018 07:40    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Werde nun nach und nach auf die Kommentare eingehen, nicht unbedingt in der gegebenen Reihenfolge.

Hallo Literättin!

„Sparsam und großartig“ schreibst du an einer Stelle in deinem Kommentar und wenn du das so empfunden hast, freut mich das sehr.
Ein anzustrebendes Schreib-Ziel in weiter Ferne würde ich mal sagen, aber vielleicht stimmt ja der eingeschlagene Weg: Den Satz von Handke (meine Texte sind weit davon entfernt) seit Jahren fest im Blick:
 
"Wie dahingelangen, Alltägliches zu schreiben, so unauffällig, dass es gereiht aussieht und doch als Ganzes leuchtet?" (Peter Handke)

Du stellst Textstellen herausstellst: das Streicheln der Zeitung und der Lichtfleck der wandert, weil sie dir in Erinnerung geblieben sind.
Auch diese Rückmeldung ist mir wertvoll, sagt sie mir doch, dass diese Verse etwas berühren, das auf irgendeine Weise nach dem Leser greift. Ich denke einmal, sie treffen in einen Erlebnishintergrund des Lesers und lassen ein Bild oder einen Gedanken aufleuchten. Wenn mir das mit ein zwei Versen gelingt, bin ich schon sehr zufrieden. Für mich sind solche Verse, die nach mir greifen, in fremden Texten immer die Türöffner, sie sind die freundliche Einladung: „Hereinspaziert!“

Ich möchte noch einen weiteren Kommentarsatz herausgreifen, weil er mir eine wichtige Auskunft gibt:

Zitat:
Ein szenischer Stillstand, der gekonnt nach dem verlangt, was wohl als nächstes hier passieren wird. Und natürlich bleibt das un-gewiss: Ist das ein sommerliches Idyll oder ein Trugbild.


Wie eine Straße hinuntergehen? INMITTEN – ohne Wunsch:
Ich wollte den Leser mitnehmen in dieses „Un-Gewiss“ des Unterwegs-Seins, das immer auch Möglichkeit und Freiheit ist. ***

Jede Begegnung, jede Beobachtung: ein Anfang von etwas. Ein Geschenk!
Das ist häufig meine Grundstimmung, wenn ich „unterwegs“ bin.
Wie es weitergeht und ob es weitergeht?  – Un-gewiss!
Ich könnte es frei-phantasieren, immer neu, immer anders – bleibe ich unterwegs. Inmitten …

Diese Un-Gewissheit, diese Möglichkeit, diese Freiheit wollte ich dem Leser schenken: Jeder Vers ein Anfang von etwas!
Wohin sie den Leser führen, ob sie ineinandergreifen oder ob jeder Vers für sich alleine bleibt? Der Leser wird diese Straße auf seine Weise hinuntergehen.

Du glaubst nicht, wie es mich freut, wenn das nicht Ausgesprochene im Text zum Leser gelangt. Und das erfahre ich nur in solchen Kommentaren.

Wichtig sind mir auch die Störungen und Irritationen, die beim Leser entstehen. So benennst du den rollenden Ball und das stiefelnde Kind (fast Tatort). Für dich Klischees.
Ich muss drüber nachdenken. Liegt es an der sprachlichen Setzung? Liegt es an der Stellung im Text? Liegt es daran, dass sich bei dir ein Zusammenhang zwischen diesen Zeile in den Vordergrund drängt? Ich markiere die Zeilen, behalte sie im Auge, gehe mit mehr zeitlichem Abstand eh noch mal an den Text heran.

Für den aufschlussreichen Kommentar ein Danke. Liebe Grüße Aranka

*** Übrigens: Die Un-Gewissheit des "Unterwegs-Seins" und die innewohnende Möglichkeit und Freiheit, dieses "frei-phantasieren", dieses ich könnte, ich könnte es lassen, das alles habe ich auch in deinem RB90 gefunden. Von daher fühlte ich mich fast zuhause in deinen Zeilen.


_________________
"Wie dahingelangen, Alltägliches zu schreiben, so unauffällig, dass es gereiht aussieht und doch als Ganzes leuchtet?" (Peter Handke)

„Erst als ihm die Welt geheimnisvoll wurde, öffnete sie sich und konnte zurückerobert werden.“ (Peter Handke)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Aranka
Geschlecht:weiblichBücherwurm


Beiträge: 3383
Wohnort: Umkreis Mönchengladbach
Pokapro und Lezepo 2014



BeitragVerfasst am: 27.05.2018 16:00    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Firstoffertio,

schön, dass du bei mir reingeschaut hast und mir ein paar deiner Leseeindrücke, deine Unsicherheiten und deine Fragen dagelassen hast.

Interessant ist mir deine Bemerkung zu den Händen und die Überlegung eines „Zuviel“:

Zitat:
: Ebenso über das durchgezogene Bild der Hände. Ist mir das nicht doch zu viel?


Die Straße, die Dinge, die Menschen bei sich belassen, sie wahrnehmen, ohne die Nähe, die von Schlussfolgerungen, Sehgewohnheiten und Deutungen überrumpelt wird.  
Diese Wahrnehmung braucht eine Distanz, die ein direktes Kommunizieren, das immer schon die deutende Einbeziehung der Gesichtsmimik impliziert, aus.
Die Straße, die Dinge, die Menschen allein mit sich, allein in ihrem Tun.

In dieser Wahrnehmung spielen die Hände eine wichtige Rolle. Mit ihren Händen treten die Menschen in Kommunikation zu den Dingen.

Dennoch habe ich die Hände weder als Idee noch als Motiv in den Text legen wollen. In den ausgewählten (inneren) Bildern sind sie ganz einfach an ihrem Platz.

Ob es ein „Zuviel“ geworden ist – die Frage muss ich mir stellen und auch stellen lassen, denn die Verantwortung über Auswahl der Bilder ist meine.

Der Abstand zum Text wird es mir zeigen. Daher danke für den Fingerzeig.

Liebe Grüße Aranka


_________________
"Wie dahingelangen, Alltägliches zu schreiben, so unauffällig, dass es gereiht aussieht und doch als Ganzes leuchtet?" (Peter Handke)

„Erst als ihm die Welt geheimnisvoll wurde, öffnete sie sich und konnte zurückerobert werden.“ (Peter Handke)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Antiquariat -> Lesezeichenpoesie 05/2018 Alle Zeiten sind GMT - 11 Stunden
Gehe zu Seite 1, 2  Weiter
Seite 1 von 2



 
 Foren-Übersicht Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht teilnehmen.
In diesem Forum darfst Du Ereignisse posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht herunterladen

Thema Autor Forum Antworten Verfasst am
Keine neuen Beiträge Wie weit darf Satire gehen? BerndHH Rechtliches / Urheberrecht / Copyright 7 26.10.2020 13:11 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Handwerk - eine Zusammenfassung? Frau Bratbecker Kurse, Weiterbildung / Literatur, Links 3 25.10.2020 10:32 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Eine Nacht des Nachtwolfes Elessaer Einstand 0 23.10.2020 11:36 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Das Phänomen oder wie Hermine Blume i... Señora Incógnita Phantastisch! XD 18.10.2020 18:00 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Dialekt - wie schriftlich darstellen? Koubert Genre, Stil, Technik, Sprache ... 15 05.10.2020 14:34 Letzten Beitrag anzeigen

EmpfehlungBuchEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungBuchEmpfehlungBuchEmpfehlungBuch

von nebenfluss

von SonjaB

von Jocelyn

von MosesBob

von Micki

von Ralphie

von Cheetah Baby

von Pütchen

von Beka

von Nayeli Irkalla

Impressum Datenschutz Marketing AGBs Links
Du hast noch keinen Account? Klicke hier um Dich jetzt kostenlos zu registrieren!