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Ruhmeshalle der Unzulänglichkeit


 

 
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Willi Wamser
Schreiberassi


Beiträge: 48



BeitragVerfasst am: 05.03.2018 20:41    Titel: Ruhmeshalle der Unzulänglichkeit eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ruhmeshalle der Unzulänglichkeit



Grauzonen


Der alte Mann saß in der Früh leicht verkatert am Schreibtisch. Ach ja, die halbe Flasche Wein von gestern Abend. Oder doch eine ganze?  Er war halt nicht mehr der Jüngste.  Gedächtnis, Kondition. All das.  Er  öffnete, um sich vom Kopfweh abzulenken, den  Laptop, griff dann zu Kaffeetasse daneben. Auf dem Bildschirm erschien  die Internetausgabe der Neuen Züricher Zeitung. Politik, Feuilleton,  Sportteil. Seriös, staubtrocken, schweizerisch-penibel, nüchtern. Sowas brauchte er jetzt.  Vorsichtig schlürfte er den  heißen Kaffee und setzte aufmerksam geworden die Tasse ab, als er auf folgende Passage stieß:

An manchen Tagen entzieht sich der Fußball gängigen Erklärungsmustern. Er verabschiedet sich für einen Augenblick aus dem Reich der Logik und wandert in jene Grauzone, in der vermeintliche Gewissheiten mit einer Wucht erschüttert werden, dass man noch Jahre später darüber reden wird.

Es ging – der Folgetext verriet es bei kursorischer Lektüre - um  den FC Barcelona.

Ein solcher Abend war der Mittwoch im Stadion Camp Nou von Barcelona. Barça gewann gegen Paris St.-Germain 6:1, nach einem 0:4 im Hinspiel. Es ist das, was manche als Sensation und andere als Wunder bezeichnen werden; ein Ereignis, das den Fußballplatz wie ein magisches Kraftfeld erscheinen lässt, dessen Zauber aber nur die Reserven eines Team speist, das andere dagegen lähmt. Ein Match gegen alle Wahrscheinlichkeiten.

 Match gegen alle Wahrscheinlichkeiten, Wunder, magisches Kraftfeld. Johannes Wenzel  schloss  die Augen, es tauchte - zuerst in Umrissen, dann immer klarer –   ein Schulhof auf, angefüllt mit Jungen und Mädchen. Gleich würde sie ablaufen, die kurze   Szene. Am Anfang die Demütigung, dann der rauschhafte Wurf und  schließlich  jubelnder Triumph. Musik, Tanz, das große Drama, das Übermächtige, das schauervolle Tremendum, das Erhabene,  das Unheimliche. All dies hatte man im Studium beredet und beackert und seziert,  in dieser Szene aber war es greifbar und lebendig. Davon musste man erzählen, unbedingt. Ein Mandat.

Damals im Januar 1959, als sich die Tage noch nicht dahinschleppten, hatte sich der Auftritt zugetragen vor dem Gymnasium  in Miltenberg, einer unterfränkischen Kleinstadt. Von Stadtbaumeister Ludwig Frosch war das Gymnasium zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts errichtet worden, drei Flügel, drei Geschosse, mit Walmdächern, ein Dachreiterhäuschen. Im dampfigen Untergeschoss ein Schwimmbecken mit warmem Wasser und einem Löwen als Wasserspeier. Unten am Main der Sportplatz mit der Aschenbahn. Eine kleine Welt für sich.

In der großen Pause  standen Schüler   beieinander, lachten und redeten, kauten an ihren  Butterbroten oder kauften  Wurstsemmeln beim  Hausmeister. Schüler gesetzteren Alters waren in Diskussionen vertieft und wanderten  auf und ab. Der Schüler  Erwin Eicker aus dem Kilianeum, einem kirchlich-katholischen Internat mit Askese fordernden Präfekten („Wer hier eintritt, legt sich die Priesterbinde um die Stirn“),  biss in eine Semmel mit Käsebelag und schimpfte über die freundlichen  bis verzagten Küchen-Schwestern ("Immer der Käs von dene, ewig der Käs, Scheißkäs. Scheißkilianeum") – sie verdienten  solchen Tadel nicht.   Alfred Mechler, ebenfalls Kilianist,  wirkte glücklicher, er hatte ein Wurstbrot dabei und einen großen Winterapfel, seine Eltern aus dem Odenwalddorf Preunschen nahe bei Parzivals Burg Wildenberg hatten ihm eine Salami mitgebracht, der Apfel kam  von den Küchenschwestern, den Käse im Brot hatte er durch die Wurst ersetzt.

Würfe

Der junge Wenzel, ein Stadtschüler von fünfzehn Jahren -  nahe bei der Kilianei  bewohnten  seine Eltern den  ersten Stock einer roten Sandsteinvilla -  stand neben Erwin und Alfred, blinzelte über den Brillenrand  in die funkelnde, blendende Wintersonne,  hörte die Durchsage des Lautsprechers („Schneeballwerfen ist zu unterlassen …“) und  dachte voll Wehmut an den Sommer und das Sportfest im Juli. Die Viermal-400-Meter-Staffel.  So wie sie lief, an ihm vorbeilief,  petrarkisch um die Wette funkelnd mit Sternen am Himmel,  war  sie von unvergleichlicher Schönheit, sie hatte am Ziel tief geatmet, wurde von allen heftig beklatscht. Ute Zehelein.  Zwei Jahre älter als er. Aach, es blieb ihm nur Verzückung, Bewunderung,   Sehnsucht. Träumerische Verschlossenheit. Wumm.  Wie aus dem Nichts – explodierte plötzlich  etwas Kaltes. Über Kopf, Hals   und Brille verteilte sich eine Schneewolke.   Schnee glitt  vom Kragen den  Hals und  die Schulterblätter hinab, Schnee so kalt und feucht, dass  er  laut und wütend aufschrie.  Im näheren Umfeld  erhob sich  gackerndes Lachen, murmelnder Spott und glucksendes Mitleid.

Der Werfer, etwa zwei Jahre älter als Wenzel und entsprechend stärker,  war kein Raufbold, aber er  hatte Wenzels Vater vor einem Jahr als Lehrer gehabt, fühlte sich immer noch  ungerecht benotet  und behandelte den Lehrersohn, wie  es dem gehörte. Auf seinem Laufweg an Johannes vorbei und dann von ihm weg  blieb er in einiger Entfernung stehen und genoss nun feixend das Bild, das Wenzel bot.  Es war ja wohl keine Reaktion mehr zu erwarten. Und wenn  doch ... was hatte er zu fürchten von diesem nassen  Neuntklässler? Zufrieden drehte er sich um und schritt betont langsam zum Portal des Gymnasiums. Vor ihm die Menge teilte sich bereitwillig, einzelne Schüler wiesen die Unwissenden auf das schneebestäubte Opfer weiter hinten  hin, das so erbärmlich  geschrien hatte,  sich gerade heftig  schüttelte und dann an den Kopf tappte,  wahrscheinlich die Brille vermissend. Sie war nicht mehr da.

Doch statt sich zu bücken und  mit der Hand die Brille im Schnee zu suchen,  stieß  Wenzel den Arm nach vorn,   entriss dem Kilianisten Alfred Mechler  den großen, weichen Winterapfel, den jener gerade angebissen hatte,  schrie „Du Arsch“ und holte weit zum Wurf aus.  Hand, Arm, Apfel, alles wurde eins,  die Frucht  katapultierte   nach oben und zog – zang zang zang -   über die Köpfe der Zuschauer weg durch die  gleisende  Helle des Hofes.

Mehr

Die Umstehenden, die Pausenbrote auf Brusthöhe,  verstummten. Der Täter merkte wohl irgendetwas,  wandte sich um, sah etwas heranfliegen, duckte sich blitzschnell. Genau in diesem Moment prallte auf seinen Schädel  der weiche, angebissene Winterapfel, barst  in faserig-glitschige Teile, sie spritzten links und rechts vom Kopfe weg,  fielen wie in Zeitlupe zu Boden. Johannes überlief ein Freudenschauer.

Gelächter, Rufe des Staunens,  beifälliges Klatschen für den spektakulären Wurf hallten über den Schulhof und von den Sandsteinmauern zurück. Der Gründerzeitbau des Gymnasiums verlor für zwei, drei Momente seine rote Schwere, der weiß verputzte Neubau daneben mit seiner Sonnenuhr und dem Fresco  „Hora-ruit“ samt drei fliegenden Schwänen   strahlte auf. Sehnsüchtig sucht man  wider alle Vernunft bis zur Erschöpfung  nach dem Übernatürlichen. Plötzlich und für ein paar kurze Momente erscheint es,   das magische Mehr.

Als nun   der Getroffene, vom Publikum gebannt beobachtet, zornrot  zurückeilte,  Wenzel  anbrüllte und ihm einen heftigen Boxhieb vor die Brust versetzte, da empfand Johannes keinen Schmerz, obwohl er einknickte und nach  Luft rang. Es gab ja gegen alle Wahrscheinlichkeiten diesen perfekten Apfelwurf, seinen Apfelwurf. Und irgendeine Gottheit  hatte doch wohl den Wurfarm geführt und die Flugkurve vorgezeichnet, die der rasende Apfel nutzte  bis hin  zu seinem Ziel?  Ein mächtiger Gott und Artifex hatte die Frucht  am Ende  der Flugbahn auratisch platzen und den Gründerzeitbau levitieren lassen. Und schrieb dieses göttliche, numinose Etwas nicht in dem Skript dieses Tages für alle Zeiten ein,  dass  der Schlagende  geschlagen war trotz seines Boxhiebes und des Schneewurfes?

Disput

Am Abend saß Johannes Wenzel im Wohnzimmer. Die gewohnte Flasche Wein fast leer. Im Lichtkreis der Stehlampe hörte er zwei  Lieder von Udo Lindenberg („Plötzlich bin ich wieder der kleine Junge, ganz spitz auf Lakritz“, „Und ich schreib diesen Brief, an den Jungen, der ich vor dreißig Jahren war“).  Als auch  „Standing in the Hall of Fame“ zu Ende ging, erhob er sich, nahm mit dem letzten halbgefüllten Glas vor dem Computer Platz. Dort wartete der junge Johannes Wenzel, es war einfach  schön, gemeinsam die Kindheit und Jugendzeit wiederzubeleben.  
„Pass  mal auf“, sagte der junge Wenzel und verzog ein wenig den Mund, „du und ich, wir haben zwar diese Szene erlebt, die Schneekaskade, die Freude beim Apfel-Wurf, das Aufstrahlen der Schulfenster, das Leuchten im Hof ….“ „Ja, eben, wenn  alles passt und klingt  und schwingt und leuchtet, dann erlebst du diese herrlichen Augenblicke, die jeder, der dabei war, nicht vergisst. Das ist Epiphanie, doch, das wag´ ich zu sagen, Epiphanie. Ein emotionales Apriori, oftmals gefeiert in Musik und Tanz und Worten der Kunst. Du willst es später unbedingt  erzählen, einmal und immer wieder." Er holte Luft: "Das Unzugängliche, hier wird´s  …“. Sein Gesprächspartner unterbrach ihn:
„Halt mal die Luft an. Jetzt mal ganz unter uns:  FC Barcelona. Sechs Bälle in´s Tor. Magisches Kraftfeld. Die Schweizer Zeitung flippt aus. J Punkt, W Punkt, W Punkt, T Punkt, Schiller.“
"Hä?" "Also ohne Punkt und Komma. Johannes Wenzel Wilhelm Tell.“ „Schiller. Sehr witzig.“ „Naja. Idyllische, gymnasiale   Pause: plötzliche, ungerechte, aber artgerechte  Aggression auf den Lehrersohn. Formidable Rache des Lehrersohnes:  Der Apfel als Wurfgeschoss über den Schulhof.  Auf dem Forum: emotionale Eruptionen. Und der  alte  Johannes Wenzel flippt noch jetzt aus.“ „Na und?“ „ Numinosum! Apriori! Gott und Artifex!  Fette Wörter machen  doch deine Sätze  nur fett, nicht gut.“ „ Magerkost soll besser sein?“ “Und  dein popkultureller Schauplatz mit den drei Schwänen!“ „Ach Gottchen!“ „Ja. Bemühter, gefährlicher Höhenflug. Es droht Bauchlandung aus  komischer Fallhöhe.“ „Du übertreibst.“ „Bruchlandung sogar. Hör mal zu. Falls etwas Magisches aufscheint, kann man es nicht objektiv erkennen. Und selbst wenn man es erkennen könnte, kann man es kaum jemand anderem überzeugend mitteilen. Und wenn man es doch versucht, dann wird es eben, nun ja,  komisch, vor allem in deiner altväterlichen Ausdrucksweise.“

„Meine Schüler“, der alte Wenzel straffte sich, „meine Jungen und Mädchen haben vor einem Jahrzehnt in der Abiturfeier  am Ende einen Song platziert. Standing in the Hall of Fame. Eine Hymne, von einer Gruppe, nannte sich The Script You can throw your hands up, you can beat the clock, you can move a mountain. You can  break the rocks. You can be a master.  Hier, schau es dir auf dem Bildschirm an, fette, pralle,  rührende Lyrik.  Kein alter Wein in neuen Schläuchen. Heroischer Pop in jungen Lungen.“ „Sag ich später was zu. Sieh mal auf die Credits:  Ist ein William dabei, William Adams. Nennt sich will.i.am.“ „Komisch, gestelzt,  pathetisch?  Was da gesungen wird, wie da gesungen wird, glaub´ mir, das gehört zu den  anthropologischen  Konstanten, das findest du   in allen Lebensphasen, zu allen Zeiten. Man darf das. Ich darf das. Wir dürfen das.“
Sepiabraunes Bild
Der junge Wenzel schwieg. Der alte Wenzel saß vor dem Bildschirm aus Flüssigkristall  und hörte sich atmen. Er glitt weg,  in tätige  Trance und Entrückung:
Im Computerarchiv  fand sich ein Bild des Brückentors am Main. Der Löwenkopf dort! Als kleiner Junge  hatte er die Brücke hinter dem Tor zerstört gesehen. Zusammen mit seinem Vater, der ihn an der Hand hielt, war er damals zum Fluss gegangen. Ein grauer, regennasser Tag, Pontons, die im Wasser schwammen. Sein Vater trug den breitkrempigen schwarzen Hut wie ihn Priester trugen. Wenn Mutter gute Laune hatte, sprach sie ihn mit Hochwürden an. Ein Bagger an der Arbeit, Vorarbeiten für den Wiederaufbau der alten, zerstörten Brücke. An einem Seilzug Wannen, mit denen man den feuchten, schweren Aushub wegtransportierte. Bevor sie heimgingen, verneigten sich Vater und Sohn vor dem Löwenkopf über dem Becken.
Ein zweites Bild hochladen: Johannes mit fünfzehn Jahren, die Haare im Mecki-Bürstenschnitt, ein „Stiftenkopf“. Die Brille, dünne Gläser, dicke Fassung, einmal geklebt beim Optiker Lachnit, 0,5 Dioptrien. Ein Schlupfhemd mit weitem Kragen vom Kaufhaus für Herren- und Knabenbekleidung Oehmann. Unsicherheit, Verlegenheit, Trotz, Fragilität und Zartheit:  Da war sie, die berührend komische Erhabenheit  der jungen Jahre.
Dann das dritte Bild, komplexer im Motiv:  Sandsteinrotes Mauerwerk unter dem breitbeinigen Brückenturm am Main, im Mauerwerk eine  Nische, fast der Ansatz zu einer Halle. In ihr – kaum zu erkennen -  ein Wasserbecken und dann: der Löwe. König der Tiere, Beherrscher  des Rudels,  im Maul ein Rohr, spie Wasser.  Auch im  kleinen Hallenbad unter dem Gymnasium fand er sich. Der Löwenkopf ragte  dort aus der blauen Kachelwand, spuckte  Wasser hinab auf die Schüler im blau-grünen Wasser, in der sechsten Stunde am Freitag auf die Jungen. Und auf die Mädchen in der vierten Stunde am Samstag.

Standing in the hall of fame
And the world's gonna know your name
'Cause you burn with the brightest flame

And the world's gonna know your name
And you'll be on the walls of the hall of fame.


Auf dem blau glimmenden Monitor färbte Johannes die  Bilder braun ein, dann schob er sie hin und her, neben- und ineinander, bis sie eins wurden.  Eine dreigliedrige  Collage, eine sepiafarbene Hommage an die Vergangenheit: Umgeben von zwei Bildern - sehr groß das Becken mit dem  Löwenkopf.  Links das Bild mit dem breitbeinigen Brückenturm und – ganz klein - das Löwenbecken. Auf der rechten Seite  ein Bild von Johannes, fünfzehnjährig,  Stiftenkopf, Brille. Famous Master of a famous  apple throw.
Er  lächelte, hob  feierlich grüßend das Weinglas zum Bildschirm.  Drama, Erzählung, Lied, Collage, ironisch gefärbtes Helldunkel,  Raum und Zeit, der Spagat von  Erhabenheit und  Komik. Was gab es  Schöneres als sich so in aller Unzulänglichkeit gespiegelt zu sehen?





https://www.youtube.com/watch?v=NH7I79fLiSw Hall of Fame, Songtext
https://www.youtube.com/watch?v=zNU-k0QoyQs Hall of Fame, Song-Tanz

willi wamser

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Mardii
Stiefmütterle

Alter: 60
Beiträge: 1838



BeitragVerfasst am: 10.04.2018 17:08    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Willi,

der Text gliedert sich optisch und inhaltlich -bis auf zwei Ausnahmen- gut. Die Ausnahmen stören allerdings das Verständnis. Ich meine damit den auf einen Abschnitt komprimierten Dialog zwischen dem alten und jungen Wenzel. Sicher bezeichnet es den inneren Monolog Wenzels und erstreckt sich deshalb nicht -wie beim Dialog üblich- über mehrere Zeilen. Das andere ist die fett gedruckte eingestreute Zeile

Willi Wamser hat Folgendes geschrieben:
Sepiabraunes Bild


Nachdem ich fertig gelesen hatte, wusste ich, das es sich um eine einfach fett gedruckte Zeile handelte. Aber -jetzt komme ich zur zweiten Ausnahme- zusammen genommen mit den stetig wieder kehrenden doppelten Leerzeichen, die den Lesefluss erheblich stören, machte das auf mich den Eindruck eines Fehlers im Aufbau des Textes.

Davon abgesehen liest sich der Text sehr spannend und vergnüglich. Ich kann mir die Szenen in Wenzels Arbeitszimmer, auf dem Schulhof und wieder in Wenzels Zimmer sehr gut vorstellen. Hier sind die Dispute zwischen den beiden Schülern und zwischen dem alten und jungen Wenzel gekonnt in Szene gesetzt. Vielleicht erscheint es mir wegen Letzterem gerade angemessen den Dialog auseinander zu ziehen. Aber das ist Geschmackssache, würde aber den Lesefluss erleichtern.

Was die von dir eingesetzten Fremdwörter anbelangt: Ich gebe zu bei Erscheinen muss ich inne halten und überlegen. Vielleicht könntest du das ein oder andere reduzieren. Gerade an dieser Stelle sind sie besonders geballt:

Willi Wamser hat Folgendes geschrieben:
Ein mächtiger Gott und Artifex hatte die Frucht am Ende der Flugbahn auratisch platzen und den Gründerzeitbau levitieren lassen.


Ansonsten hat mir der Text gut gefallen und ich freue mich darauf wieder von dir zu lesen.

Grüße von Mardii


_________________
`bin ein herzen´s gutes stück blech was halt gerne ein edelmetall wäre´
Ridickully
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Willi Wamser
Schreiberassi


Beiträge: 48



BeitragVerfasst am: 11.04.2018 16:41    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Salute, gratias für die ergiebige Rückmeldung, Mardii.

Die altdeutsche, hochgestochene Sprache ist ein wenig dem Protagonisten geschuldet, der hier ja offensichtlich bis in den Disput hinein und dann bei der Bildercollage der eigentliche Schreiber ist. Und übertreibt.

Das sepiabraune Bild scheint mir als Zwischenüberschrift in Ordnung. Der Abschnitt liefert ein überschauendes Fazit. Und  bringt den Rückblick auf/in ein dichtes Bild.
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Willi Wamser
Schreiberassi


Beiträge: 48



BeitragVerfasst am: 11.04.2018 17:06    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat



Ruhmeshalle der Unzulänglichkeit

Grauzonen

Der alte Mann saß in der Früh leicht verkatert am Schreibtisch. Ach ja, die halbe Flasche Wein von gestern Abend. Oder doch eine ganze?  Er war halt nicht mehr der Jüngste.  Gedächtnis, Kondition. All das.  Er  öffnete, um sich vom Kopfweh abzulenken, den  Laptop, griff dann zu Kaffeetasse daneben. Auf dem Bildschirm erschien  die Internetausgabe der Neuen Züricher Zeitung. Politik, Feuilleton,  Sportteil. Seriös, staubtrocken, schweizerisch-penibel, nüchtern. Sowas brauchte er jetzt.  Vorsichtig schlürfte er den  heißen Kaffee und setzte - auf folgende Passage aufmerksam geworden - die Tasse ab. An manchen Tagen entzieht sich der Fußball gängigen Erklärungsmustern. Er verabschiedet sich für einen Augenblick aus dem Reich der Logik und wandert in jene Grauzone, in der vermeintliche Gewissheiten mit einer Wucht erschüttert werden, dass man noch Jahre später darüber reden wird. Es ging – der Folgetext verriet es bei kursorischer Lektüre - um  den FC Barcelona. Ein solcher Abend war der Mittwoch im Stadion Camp Nou von Barcelona. Barça gewann gegen Paris St.-Germain 6:1, nach einem 0:4 im Hinspiel. Es ist das, was manche als Sensation und andere als Wunder bezeichnen werden; ein Ereignis, das den Fußballplatz wie ein magisches Kraftfeld erscheinen lässt, dessen Zauber aber nur die Reserven eines Team speist, das andere dagegen lähmt. Ein Match gegen alle Wahrscheinlichkeiten.  Match gegen alle Wahrscheinlichkeiten, Wunder, magisches Kraftfeld. Johannes Wenzel  schloss  die Augen, sah  - zuerst in Umrissen, dann immer klarer –   den Schulhof, Jungen und Mädchen. Gleich würde sie ablaufen, die kurze   Szene. Am Anfang die Demütigung, dann im Rausch der Wurf und  schließlich  Jubel, Triumph, Musik, Tanz, das große Drama, das Übermächtige, das Zittern machende Tremendum, das Erhabene,  das Unheimliche. All dies hatte man im Studium beredet und beackert und seziert,  in dieser Szene war es greifbar und lebendig. Davon musste man erzählen, unbedingt. Ein Mandat.

Vor langer Zeit, damals im Januar 1959, als sich die Tage noch nicht dahinschleppten, hatte sich der Auftritt zugetragen vor dem Gymnasium  in Miltenberg, einer unterfränkischen Kleinstadt. Von Stadtbaumeister Ludwig Frosch war das Gymnasium zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts errichtet worden, drei Flügel, drei Geschosse, mit Walmdächern, ein Dachreiterhäuschen. Im dampfenden Untergeschoss ein Schwimmbecken mit warmem Wasser und einem Löwen als Wasserspeier. Unten am Main der Sportplatz mit der Aschenbahn. Eine kleine Welt für sich. In der großen Pause  standen Schüler   beieinander, lachten und redeten, bissen in  ihre  Butterbrote oder kauften  Wurstsemmeln beim  Hausmeister. Schüler reiferen Alters waren in Diskussionen vertieft und  wanderten  auf und ab oder standen gestikulierend in kleinen Gruppen beisammen. Der Schüler  Erwin Eicker aus dem Kilianeum, einem kirchlich-katholischen Internat mit Askese fordernden Präfekten („Wer hier eintritt, legt sich die Priesterbinde um die Stirn“),  biss in eine Käsesemmel und schimpfte über die freundlichen  bis verzagten Küchen-Schwestern ("Immer der Käs von dene, ewig der Käs, Scheißkäs. Scheißkilianeum") – sie verdienten  solchen Tadel nicht.   Alfred Mechler, ebenfalls Kilianist,  wirkte glücklicher, er hatte ein Wurstbrot dabei und einen großen Winterapfel, seine Eltern aus dem Odenwalddorf Preunschen nahe bei Parzivals Burg Wildenberg hatten ihm eine Salami mitgebracht, das Obst kam  von den Küchenschwestern – wenn die wüssten – Wurst im Brot statt Käse.

Würfe und Mehr

Der junge Wenzel, ein Stadtschüler von fünfzehn Jahren -  nahe bei der Kilianei  bewohnten  seine Eltern den  ersten Stock einer roten Sandsteinvilla -  stand neben Erwin und Alfred, blinzelte über den Brillenrand  in die funkelnde, blendende Wintersonne,  hörte die Durchsage des Lautsprechers („Schneeballwerfen ist zu unterlassen …“) und  dachte voll Wehmut an den Sommer und das Sportfest im Juli. Die Viermal-400-Meter-Staffel.  So wie sie lief, an ihm vorbeilief,  petrarkisch um die Wette funkelnd mit den Sternen am Himmel,  war  sie unvergleichlich schön, sie hatte am Ziel tief geatmet, wurde von allen heftig beklatscht. Ute Zehelein.  Zwei Jahre älter als er. Aach, ach, es blieb ihm nur Verzückung, Bewunderung,   Sehnsucht. Träumerische Verschlossenheit. Wumm.  Wie aus dem Nichts – eiskalte Explosion. Kopf, Hals   und Brille in der detonierenden Wolke glitt  Schnee in den Kragen,  über die Haut den  Hals und  den Rücken hinab, so frostig feucht, dass  er  wütend aufschrie.  Im Umfeld  gackerndes Lachen, murmelnder Spott und glucksendes Mitleid. Der Werfer, etwa zwei Jahre älter als Wenzel und entsprechend stärker,  war kein Raufbold, aber er  hatte Wenzels Vater vor einem Jahr als Lehrer gehabt, fühlte sich immer noch  ungerecht benotet  und behandelte den Lehrersohn, wie  es dem gehörte.  Sein Laufweg führte an Johannes vorbei, dann von ihm weg. Nunmehr – bereits in einiger Entfernung – blieb er stehen und genoss ruhig atmend das Bild, das Wenzel bot.  Es war ja wohl keine Reaktion mehr zu erwarten. Und wenn  doch ... was hatte er zu fürchten von diesem nassen  Neuntklässler? Nun drehte er sich um und schritt betont langsam zum Portal des Gymnasiums. Vor ihm die Menge teilte sich bereitwillig, einzelne Schüler wiesen Unwissende auf das beschneite Opfer weiter hinten  hin, das so erbärmlich  geschrien hatte,  sich gerade heftig  schüttelte und dann an den Kopf tappte,  wahrscheinlich die Brille vermissend. Sie war nicht mehr da. Doch statt sich zu bücken und  mit der Hand die Brille im Schnee zu suchen,  stieß  Wenzel den Arm nach vorn,   entriss dem Kilianisten Alfred Mechler  den großen, weichen Winterapfel, den jener gerade angebissen hatte,  schrie „Du Arsch“ und holte weit zum Wurf aus.  Arm Hand Apfel wurden eins,  dann katapultierte die Frucht  rotierend nach oben und zog – zang zang zang -   über den  Köpfen der Zuschauer in gleißender   Helle durch den Hof.
Die Umstehenden, die Pausenbrote auf Brusthöhe,  verstummten. Der Täter wurde aufmerksam,  wandte sich um, sah etwas heranfliegen, duckte sich blitzschnell. Genau in die Bewegung hinein prallte auf seinen Schädel  der weiche, angebissene Winterapfel, barst  in faserig-glitschige Teile, sie spritzten links und rechts vom Kopfe weg,  fielen wie in Zeitlupe zu Boden. Es überlief Johannes ein Freudenschauer. Gelächter, Rufe des Staunens,  beifälliges Klatschen für den spektakulären Wurf hallten über den Schulhof und von den Sandsteinmauern zurück. Der Gründerzeitbau des Gymnasiums verlor für zwei, drei Momente seine rote Schwere, der weiß verputzte Neubau daneben mit seiner Sonnenuhr und dem Fresco  „Hora-ruit“ samt drei fliegenden Schwänen   strahlte auf. Sehnsüchtig sucht man  wider alle Vernunft bis zur Erschöpfung  nach dem Übernatürlichen. Plötzlich und für ein paar kurze Momente erscheint es,   das magische Mehr. Als nun   der Getroffene, vom Publikum gebannt beobachtet, zornrot  zurückeilte,  Wenzel  anbrüllte und ihm einen heftigen Boxhieb vor die Brust versetzte, da empfand Johannes keinen Schmerz, obwohl er einknickte und nach  Luft rang. Es gab ja gegen alle Wahrscheinlichkeiten diesen perfekten Apfelwurf, seinen Apfelwurf. Und irgendeine Gottheit  hatte doch wohl den Wurfarm geführt und die Flugkurve vorgezeichnet, die der rasende Apfel nutzte  bis hin  zu seinem Ziel?  Ein mächtiger Gott und Artifex hatte die Frucht  am Ende  der Flugbahn auratisch platzen und den Gründerzeitbau levitieren lassen. Und schrieb dieses göttliche, numinose Etwas nicht in dem Skript dieses Tages für alle Zeiten ein,  dass  der Schlagende  geschlagen war trotz seines Boxhiebes und des Schneewurfes?

Disput

Am Abend saß Johannes Wenzel im Wohnzimmer. Die gewohnte Flasche Wein fast leer. Im Lichtkreis der Stehlampe hörte er zwei  Lieder von Udo Lindenberg („Plötzlich bin ich wieder der kleine Junge, ganz spitz auf Lakritz“, „Und ich schreib diesen Brief, an den Jungen, der ich vor dreißig Jahren war“).  Als auch  „Standing in the Hall of Fame“ zu Ende ging, erhob er sich, nahm mit dem letzten, halbgefüllten Glas vor dem Computer Platz.
Dort wartete der junge Johannes Wenzel, es war einfach  schön, gemeinsam die Kindheit und Jugendzeit wiederzubeleben.  „Pass  mal auf“, sagte der junge Wenzel und verzog ein wenig den Mund, „du und ich, wir haben zwar diese Szene erlebt, die Schneekaskade, die Freude beim Apfel-Wurf, das Aufstrahlen der Schulfenster, das Leuchten im Hof ….“
 „Ja, eben, wenn  alles passt und klingt  und schwingt und leuchtet, dann erlebst du diese herrlichen Augenblicke, die jeder, der dabei war, nicht vergisst. Das ist Epiphanie, doch, das wag´ ich zu sagen, Epiphanie. Ein emotionales Apriori, oftmals gefeiert in Musik und Tanz und Worten der Kunst. Du willst es später unbedingt  erzählen, einmal und immer wieder." Er holte Luft: "Das Unzugängliche, hier wird´s  …“.
Sein Gesprächspartner unterbrach ihn: „Halt mal die Luft an. Jetzt mal ganz unter uns:  FC Barcelona. Sechs Bälle in´s Tor. Magisches Kraftfeld. Die solide Schweizer Zeitung wird flippig. J Punkt, W Punkt, W Punkt, T Punkt, Schiller.“
"Hä?"
"Also ohne Punkt und Komma. Johannes Wenzel Wilhelm Tell.“
„Schiller. Sehr witzig.“
„Witzig? Naja. Gymnasiale   Pause, eine Idylle: plötzlich  ein  Angriff auf den Lehrersohn, un-, aber artgerecht.  Blitzschnell gerächt und vergolten:  der Apfel rotiert über den Schulhof und trifft den Täter, perfekte Revanche.  Auf dem Forum: emotionale Eruptionen ubique, alles flippt aus. Und der  alte  Johannes Wenzel flippt noch jetzt aus.“
„Na und?“
 „Numinosum! Apriori! Gott und Artifex!  Fette, alte Wörter machen  doch deine Sätze  nur fett und alt, nicht gut.“
„Magerkost soll besser sein?“
“Und  dein popkultureller Schauplatz mit den drei Schwänen!“
„Ach Gottchen!“
„Ja. Bemühter, gefährlicher Höhenflug. Es droht Bauchlandung aus  komischer Fallhöhe.“
„Du übertreibst.“
„Ich korrigiere: Bruchlandung sogar. Hör mal zu. Falls etwas Magisches aufscheint, kann man es nicht objektiv erkennen. Und selbst wenn man es erkennen könnte, kann man es kaum jemand anderem überzeugend mitteilen. Und wenn man es doch versucht, dann wird es eben, nun ja,  komisch, vor allem in deiner altväterlichen Ausdrucksweise.“
„Meine Schüler“, der alte Wenzel straffte sich, „meine Jungen und Mädchen haben vor einem Jahrzehnt in der Abiturfeier  am Ende einen Song platziert. Standing in the Hall of Fame. Eine Hymne, von einer Gruppe, nannte sich The Script.]You can throw your hands up, you can beat the clock, you can move a mountain. You can  break the rocks. You can be a master.
Hier, schau es dir auf dem Bildschirm an, fette, pralle,  rührende Lyrik.  Kein alter Wein in neuen Schläuchen. Heroischer Pop in jungen Lungen.“
„Sag ich später was zu. Sieh mal auf die Credits:  Ist ein William dabei, William Adams. Nennt sich will.i.am.“
 „Komisch, gestelzt,  pathetisch?  Was da gesungen wird, wie da gesungen wird, glaub´ mir, das gehört zu den  anthropologischen  Konstanten, das findest du   in allen Lebensphasen, zu allen Zeiten. Man darf das. Ich darf das. Wir dürfen das.“

Sepiabraunes Bild

Der junge Wenzel schwieg. Der alte Wenzel saß vor dem Bildschirm aus Flüssigkristall  und hörte sich atmen. Er glitt weg,  in tätige  Trance und Entrückung:Im Computerarchiv  fand sich ein Bild des Brückentors am Main. Der Löwenkopf dort! Als kleiner Junge  hatte er die Brücke hinter dem Tor zerstört gesehen. Zusammen mit seinem Vater, der ihn an der Hand hielt, war er damals zum Fluss gegangen. Ein grauer, regennasser Tag, Pontons, die im Wasser schwammen. Sein Vater trug den breitkrempigen schwarzen Hut wie ihn manchmal Priester trugen. Wenn Mutter gute Laune hatte, sprach sie ihn mit Hochwürden an. Ein Bagger an der Arbeit, Vorarbeiten für den Wiederaufbau der alten, zerstörten Brücke. An einem Seilzug Wannen, mit denen man den feuchten, schweren Aushub wegtransportierte. Bevor sie heimgingen, verneigten sich Vater und Sohn vor dem Löwenkopf über dem Becken.Ein zweites Bild hochladen: Johannes mit fünfzehn Jahren, die Haare im Mecki-Bürstenschnitt, ein „Stiftenkopf“. Die Brille, dünne Gläser, dicke Fassung, einmal geklebt beim Optiker Lachnit, 0,5 Dioptrien. Ein Schlupfhemd mit weitem Kragen vom Kaufhaus für Herren- und Knabenbekleidung Oehmann. Unsicherheit, Verlegenheit, Trotz, Fragilität und Zartheit:  Das war sie,  die komische Erhabenheit  der jungen Jahre.
Dann das dritte Bild, komplexer im Motiv:  Hohes Mauerwerk unter dem breitbeinigen Brückenturm am Main, im Mauerwerk eine  Nische, fast der Ansatz zu einer Halle. In ihr – kaum zu erkennen -  ein Wasserbecken und dann: der Löwe. König der Tiere, Beherrscher  des Rudels,  im Maul ein Rohr spie er das  Wasser.  Auch im  kleinen Hallenbad unter dem Gymnasium fand er sich. Der Löwenkopf ragte  dort aus der blauen Kachelwand, spuckte  Wasser hinab auf die Schüler im blau-grünen Wasser, in der sechsten Stunde am Freitag auf die Jungen. Und auf die Mädchen in der vierten Stunde am Samstag. Standing in the hall of fame/And the world's gonna know your name/'Cause you burn with the brightest flame/And the world's gonna know your name/And you'll be on the walls of the hall of fame.
Blau glimmender Monitor. Johannes färbte die  Bilder braun ein, dann schob er sie hin und her, neben- und ineinander, bis sie eins wurden.  Eine dreigliedrige  Collage, eine sepiafarbene Hommage an die Vergangenheit: Sehr groß das Becken mit dem  Löwenkopf flankiert von zwei Bildern.  Links der breitbeinige Brückenturm und – ganz klein – noch einmal das Löwenbecken. Auf der rechten Seite Johannes, fünfzehn Jahre,  Stiftenkopf, Brille. The Famous Master of a Famous  Apple Throw. Er  lächelte, hob  feierlich grüßend das Weinglas zum Bildschirm.  Drama, Erzählung, Lied, Collage, ironisch gefärbtes Helldunkel,  Raum und Zeit, der Spagat von  Erhabenheit und  Komik. Was gab es  Schöneres als sich so in aller Unzulänglichkeit gespiegelt zu sehen?



https://www.youtube.com/watch?v=NH7I79fLiSw Hall of Fame,Song-Text
https://www.youtube.com/watch?v=zNU-k0QoyQs Hall of Fame, Song-Tanz

willi wamser

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Mardii
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BeitragVerfasst am: 12.04.2018 16:49    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Willi,

nachdem du den Dialog umformatiert hast, sehe ich, dass es sich um zwei Personen handelt. Danke für die Überarbeitung. Bei den Leerzeichen bist du aber nicht aufgesprungen.

LG Mardii


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Willi Wamser
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BeitragVerfasst am: 12.04.2018 17:05    Titel: Nachfrage pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo, Mardii

Du würdest hier Fließtext setzen?


Sein Gesprächspartner unterbrach ihn: „Halt mal die Luft an. Jetzt mal ganz unter uns:  FC Barcelona. Sechs Bälle in´s Tor. Magisches Kraftfeld. Die solide Schweizer Zeitung wird flippig. J Punkt, W Punkt, W Punkt, T Punkt, Schiller.“
"Hä?"
"Also ohne Punkt und Komma. Johannes Wenzel Wilhelm Tell.“
„Schiller. Sehr witzig.“
„Witzig? Naja. Gymnasiale   Pause, eine Idylle: plötzlich  ein  Angriff auf den Lehrersohn, un-, aber artgerecht.  Blitzschnell gerächt und vergolten:  der Apfel rotiert über den Schulhof und trifft den Täter, perfekte Revanche.  Auf dem Forum: emotionale Eruptionen ubique, alles flippt aus. Und der  alte  Johannes Wenzel flippt noch jetzt aus.“
„Na und?“
 „Numinosum! Apriori! Gott und Artifex!  Fette, alte Wörter machen  doch deine Sätze  nur fett und alt, nicht gut.“
„Magerkost soll besser sein?“
“Und  dein popkultureller Schauplatz mit den drei Schwänen!“
„Ach Gottchen!“
„Ja. Bemühter, gefährlicher Höhenflug. Es droht Bauchlandung aus  komischer Fallhöhe.“
„Du übertreibst.“
„Ich korrigiere: Bruchlandung sogar. Hör mal zu. Falls etwas Magisches aufscheint, kann man es nicht objektiv erkennen. Und selbst wenn man es erkennen könnte, kann man es kaum jemand anderem überzeugend mitteilen. Und wenn man es doch versucht, dann wird es eben, nun ja,  komisch, vor allem in deiner altväterlichen Ausdrucksweise.“
„Meine Schüler“, der alte Wenzel straffte sich, „meine Jungen und Mädchen haben vor einem Jahrzehnt in der Abiturfeier  am Ende einen Song platziert. Standing in the Hall of Fame. Eine Hymne, von einer Gruppe, nannte sich The Script.]You can throw your hands up, you can beat the clock, you can move a mountain. You can  break the rocks. You can be a master.
Hier, schau es dir auf dem Bildschirm an, fette, pralle,  rührende Lyrik.  Kein alter Wein in neuen Schläuchen. Heroischer Pop in jungen Lungen.“
„Sag ich später was zu. Sieh mal auf die Credits:  Ist ein William dabei, William Adams. Nennt sich will.i.am.“
 „Komisch, gestelzt,  pathetisch?  Was da gesungen wird, wie da gesungen wird, glaub´ mir, das gehört zu den  anthropologischen  Konstanten, das findest du   in allen Lebensphasen, zu allen Zeiten. Man darf das. Ich darf das. Wir dürfen das.“

Beste Grüße

ww
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Mardii
Stiefmütterle

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BeitragVerfasst am: 12.04.2018 17:13    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Willi,

wenn es sich um einen inneren Monolog des Erzählers handelt, eher schon. Da bin ich wohl reingefallen. Surprised

LG Mardii


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Willi Wamser
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BeitragVerfasst am: 12.04.2018 17:49    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo, Mardii

Der Erzähler führt eine Figur ein, den alten Mann.  Wir haben also einen Er-Erzähler.

Der alte Mann erinnert sich an sein junges Ich und dabei wird  - in einer Art Mischung von Erzähler- und Akteur-Perspektive - die Geschichte des Wurfes erzählt. Eine "Dual-Voice"-Sache. Es fließt sehr viel vom bildungsseligen Akteur (dem alten Wenzel) in die Präsentation der Geschichte ein.

Dann gibt es diesen Disput in einer Art Trance-Stimmung: Der junge Wenzel kritisiert sich, den alten Wenzel, ob des Erzählungspathos. Der Dialog der beiden ist sicher vor allem als mentales Ereignis zu verstehen, aber eben nicht als der Prototyp eines inneren Monologes.

Am Schluss dann das sepiabraune Bild als eine Hommage an den jungen und alten Wenzel.

LG

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firstoffertio
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BeitragVerfasst am: 12.04.2018 23:00    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde diesen Text gut, und gut geschrieben.

Die Kommunikation zwischen JungW und AltW ist ja sicher absichtlich so gemacht, dass sie wie eine Internetkommunikation daherkommt. Wie man das am besten gestaltet, weiß ich nicht. In der ursprünglichen Fassung kommt das Schnelle, Moderne, besser rüber, in der anderen wirkt das wie ein üblicher Dialog in einem Text. Vielleicht nicht mit Anführungszeichen, wenn auseinandergezogen?

Das Zusammenspiel von Text und Bildern gefällt mir auch gut.
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Mardii
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BeitragVerfasst am: 13.04.2018 16:10    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Willi,

du könntest, wenn du mit Fließtext arbeitest den Disput von Erzähler, Vater, Sohn mit Gedankenstrichen arbeiten und die Anführungszeichen weglassen, da sie speziell für Dialoge gedacht sind. So könntest du das Problem umgehen, das sich aus dem als solchen -von mir- verstandenen Dialog ergibt. Als ich den zweiten Entwurf las, dachte ich tatsächlich ich hätte mich geirrt und es wären zwei Personen anwesend.

LG Mardii


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Willi Wamser
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BeitragVerfasst am: 14.04.2018 10:00    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Mardii

Zitat:
Am Abend saß Johannes Wenzel im Wohnzimmer. Die gewohnte Flasche Wein fast leer. Im Lichtkreis der Stehlampe hörte er zwei  Lieder von Udo Lindenberg („Plötzlich bin ich wieder der kleine Junge, ganz spitz auf Lakritz“, „Und ich schreib diesen Brief, an den Jungen, der ich vor dreißig Jahren war“).  

Als auch  „Standing in the Hall of Fame“ zu Ende ging, erhob er sich, nahm mit dem letzten, halbgefüllten Glas vor dem Computer Platz.
Dort wartete der junge Johannes Wenzel, es war einfach  schön, gemeinsam die Kindheit und Jugendzeit wiederzubeleben.  „Pass  mal auf“, sagte der junge Wenzel und verzog ein wenig den Mund, „du und ich, wir haben zwar diese Szene erlebt, die Schneekaskade, die Freude beim Apfel-Wurf, das Aufstrahlen der Schulfenster, das Leuchten im Hof ….“

 „Ja, eben, wenn  alles passt und klingt  und schwingt und leuchtet, dann erlebst du diese herrlichen Augenblicke, die jeder, der dabei war, nicht vergisst. Das ist Epiphanie, doch, das wag´ ich zu sagen, Epiphanie. Ein emotionales Apriori, oftmals gefeiert in Musik und Tanz und Worten der Kunst. Du willst es später unbedingt  erzählen, einmal und immer wieder." Er holte Luft: "Das Unzugängliche, hier wird´s  …“.


ein sprechender Sohn?

greetse

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Mardii
Stiefmütterle

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BeitragVerfasst am: 15.04.2018 16:00    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Willi,

ja, warum nicht sprechend, da er nun mal anwesend zu sein scheint. Smile
Um auf den von dir verwendeten Ausdruck Epiphanie zu sprechen zu kommen: Gottes Sohn hat vielleicht auch tatsächlich gelebt und gewirkt, wenn auch nicht mit Apfelwürfen.

LG Mardii


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Willi Wamser
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BeitragVerfasst am: 15.04.2018 18:03    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hm....

Als auch  „Standing in the Hall of Fame“ zu Ende ging, erhob er sich, nahm mit dem letzten, halbgefüllten Glas vor dem Computer Platz.
Dort wartete der junge Johannes Wenzel, es war einfach  schön, gemeinsam die Kindheit und Jugendzeit wiederzubeleben.  „Pass  mal auf“, sagte der junge Wenzel und verzog ein wenig den Mund,
 „du und ich, wir haben zwar diese Szene erlebt, die Schneekaskade, die Freude beim Apfel-Wurf, das Aufstrahlen der Schulfenster, das Leuchten im Hof ….“

LG

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