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Die denkwürdigen Abenteuer des Fiete Harms


 
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BerndHH
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BeitragVerfasst am: 24.10.2017 16:12    Titel: Die denkwürdigen Abenteuer des Fiete Harms eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier die Weiterführung aus Lebendiger schreiben: Wechsel von Handlung und Dialogen

Die denkwürdigen Abenteuer des Fiete Harms

ZWEITES KAPITEL

Dienstag, der 24. Dezember 1985 – Heiligabend.
Leutnant des Bundesgrenzschutz, Malte Harms und Familie haben geladen: geselliges Familienbeisammensein und gemeinsame Bescherung im Kreis von Malte Harms, Wiebke Harms, geborene Dohrschmidt, Rüdiger Harms (6 Jahre alt, gerade eingeschult) und der („buckligen“) männlichen Verwandtschaft aus Kiel: Hein, Karl-Heinz und Fiete Harms.  

Und genauso war es auch. Der Herr Leutnant, seine Durchlaucht, gab sich die Ehre. Fiete hätte beinahe den Gyrosspieß ausgespuckt, den sich die drei Männer vor ihrer Abfahrt vom Hauptbahnhof Kiel noch einverleibt hatten. „Dor givt datt ja eh nix Aanstänniges!“, maulte Opa und biss auf seinem Stumpen herum. „Dunnerslüüt, do hev wi ja in Stolingrad beter eeten! Peerfleisch, schietegol!“ Man musste immer genau hinhören, am besten die Ohrmuschel gegen Opas, nach Fäulnis und Karies stinkender, Kauleiste halten, bis man auch nur ein einziges Wort von dem Genuschel verstehen konnte. Also verzichteten sie schweren Herzens auf das obligatorische Herrengedeck und aßen beim Griechen das ermäßigte Tagesmenu. Gyrosspieße nach Schäferart, anstatt immer nur Jägerschnitzel und Pommes Rot-Weiß bei Johnny Kramer. Der Grieche war großartig. „Costas, nu‘ aber mal nicht so geizig. Hau mal ordentlich Knobi drauf! Ja komm hier, keine Müdigkeit vortäuschen! Hol her das Zeugs. Zack, zack!“ Hier konnten sie zumindest noch ungeniert aufstoßen, schmatzen, rülpsen oder wüste Flatulenzen mit grünen Methangaswolken von sich geben – später bei Malte dem Spießer würde das schwere außenpolitische Schwierigkeiten nach sich ziehen.

Trautes Heim, Glück allein. Familienzusammenführung. Am Arsch! Fiete hatte Malte noch nie ausstehen können. Alles, was er machen wollte – Malte hatte es schon getan, überall, wo er hinwollte – Malte war schon da, die Dose Ravioli aus dem Küchenschrank – Malte hatte sie schon gegessen, Wiebke, als sie noch hübsch und fesch war – Malte hatte sie schon geschwängert. Aber so richtig. Angeblich auf der Motorhaube von Hennings Opel Manta, nachdem sie in der Großraumdisco Mic-Mac Moisburg gefeiert hatten. Doch das war ein Gerücht. Alles was er tat – Malte war ihm immer ein, zwei, drei Schritte voraus. Und das war definitiv kein Gerücht.

Rund eine Stunde waren sie unterwegs von Kiel Hauptbahnhof bis Bad Schwartau. 15.000 Einwohner, nördlich von Lübeck gelegen. Jodsole- und Moorheilbad. Bad Schwartau, wunderschön gelegen. Und in das Flüsschen Schwartau stiegen im Frühjahr sogar Lachse und Meerforellen auf. Kraftvolle Silberbarren aus der Ostsee, sowohl sportlich als auch geräuchert ein Hochgenuss. Ansonsten war die Ortschaft eine gut gepflegte Kleinstadt. Nicht zu groß und auch nicht zu klein. Aber dafür schön dick. Genau richtig. Also genau das, was Svenja damals, als die beiden noch heftig ineinander verknallt waren, schwärmerisch über Fietes Schwanz gesagt hatte.

Willkommen in Bad Schwartau. Bekannt durch den gleichnamigen Marmeladen- und Konfitürenhersteller. Dr. Oetker Tochter und Fabrikant der allseits beliebten Movenpick-Fruchtaufstriche für die kleinen Leckermäuler. Ein idealer Ort also, um seine pathologische Spießigkeit auszuleben. Dort wurden sie gnädigerweise von Malte und Rüdi mit dem Dienstwagen – ein schwarzer, extrem gepflegter Daimler mit dunkelblauen Lederpolstern und dem Nummernschild BP 66, extra für diese Gelegenheit vom Chef entliehen – abgeholt und pünktlich in das schicke Reihenhaus im Haydnring gefahren. Hein staunte nicht schlecht, als er das festlich geschmückte Haus seines Ältesten sah. Verbittert zündete er sich eine Prince an, die er seinem jüngeren Sohn Fiete gestohlen hatte. Für so was haben anscheinend die Geld wie Heu. Aber die Familie in Kiel, Arschlecken, was? Ja, ja, Beamte hätte man werden sollen! Unkündbar und dann nur noch blau und nach Altvätersitte die Pension im Puff verhuren. Jawoll, das hätte mir wohl geschmeckt, dachte er mit einem kleinen Stich im Herzen.

Die Hausherrin Wiebke machte alle weiteren Überlegungen zunichte. „Ach sieh einmal an, Maltes Familie.“ Die Worte purzelten wie scharf gemachte Antipersonenminen der Zonengrenze aus ihrem spitzen Mundwerk heraus. Doch anstatt sie herein zu bitten, musterte sie die Kieler eine geschlagene Viertelstunde lang, bis das Schweigen und Warten sogar Malte peinlich wurde.
„Aber Püppi, willst Du Opa, Vater und Fiete nicht unser Haus zeigen?“
„Ich wüsste wirklich nicht, wozu das gut sein sollte?“, zischte sie wie eine Puffotter oder ein Gelber Mittelmeerskorpion (Leiurus quinquestriatus), der gerade feindselig und mit drohend erhobenem Stachel aus einer Erdspalte auftaucht. Erst nach einigen beschwichtigenden Gesten ihres Ehemanns gab sie die Türschwelle frei.

Hein war der Erste, der direkt ins Wohnzimmer spazierte und sich besitzergreifend auf das Ikea-Sofa lümmelte. Seine Prince drückte er gedankenverloren in der noch halbvollen Keksdose aus, was bei Wiebke beinahe einen spitzen Schrei verursacht hätte. Doch sie schluckte zunächst noch ihren Zorn hinunter. Wütend knallte sie ihm einen Nippes-Aschenbecher vor seine zittrige Raucherhand, kurz bevor sich noch mehr Asche von der Kippe löste.
„Ja wir sind hier doch nicht bei Schwubels hinterm Sofa, oder was? Ihr Ferkel, könnt ihr euch denn nicht einmal anständig benehmen? Was ist das denn für eine Art hier? Das ist doch keine Baustelle, Werft oder so was.“, schrie sie Hein in seine von Talg verklebten Ohren hinein, so dass bei ihm alle Glocken schellten. Auch hier musste Malte wieder intervenieren. „Wiebke, Schatz, das ist mein Vater! Ich lass nicht zu, dass du so von meinem Vater redest …“ Doch ein bitterböser Blick ihrerseits, ließen ihn sofort verstummen.

Opa tat so, als hätte er von allem überhaupt nichts mitbekommen und zündete sich ebenfalls eine Zigarette – er bevorzugte HB – an. Den Umgang mit dem Aschenbecher hatte er selbst nie gelernt.
„Pass ma opp, datt ich mir nech inne Büx schieten tau!“, gab er lauter als gewollt von sich. „Datt kümmt achtern rrruut!“ Alle drehten sich erschrocken nach ihm um. Sogar der kleine Rüdi. Für einen kurzen Moment war er wieder da, der schneidige U-Bootkämpfer, der damals mit dem Oberleutnant zur See, Cassius Freiherr von Montigny, und U-38 auf Jagd ausgelaufen war. Wer jemals mit des Teufels Offizier und späteren SS-Oberführer seine Bekanntschaft gemacht hatte, der wusste natürlich ganz genau, was altpreußischer Befehl und Gehorsam bedeutete. Der schneidende Befehlston, diese unerträgliche Arroganz, das Fordernde und das Unerbittliche, was die Ausführung seiner Anordnungen anging.

Aber nur wenig später wurde er sofort wieder zu Opa Karl-Heinz. Dem uralten Mann mit den trüben Augen, dem Gebiss, an dem die Essensreste hängenblieben, der gebrochene und nuschelnde Greis, der tragischerweise die Kontrolle über Blase und Schließmuskel weitgehend verloren hatte. Rüdiger, bevor er selbst aufs Klo gehen konnte, fand das jedes Mal hochinteressant, wie sein Onkel und sein Opa – Karl-Heinz war ja sein Uropa – dem zusammengesunkenen Haufen Mensch unter Flüchen, Verwünschungen und Brechreiz die ordentlich vollgekotete Windel wechseln mussten. „Schöne Bescherung. Der hat mit seiner Rekordverdauung ja die komplette Wiehnachtsgans im Blitzkrieg wieder ausgeschissen. Himmel und Hölle! Scheiße, was ist der Kerl am Stinken! Und mir kommt’s gleich vorne raus!“
„Es ist angerichtet“, unterbrach Wiebke das unappetitliche Drama mit Opa Karl-Heinz. Der hatte die Windel gewechselt und saß mit entsetzlichen Stuhlgeräuschen auf dem Klo. Rüdi lachte, dass seine roten Backen strahlten. „Und jetzt das Dessert.“ Sie rümpfte die Nase und kämpfte um Würde und Fassung.

Hein und Fiete waren die Ersten, die sich wieder an den Tisch setzten. Sie hatten nach der Hauptmahlzeit erst einmal eine am Wohnzimmertisch geraucht. Es war ihnen durchaus bewusst, dass sie sich hier nicht in der Kieler Kaiserstraße befanden, sondern zuhause, zu Gast bei Deutschlands spießigster Familie überhaupt. Rauchen am Essenstisch verboten – haste da Töne? Da hat Oppa ja noch den Knigge besser verstanden als diese Spießer-Hexe Wiebke, die ganz offensichtlich einen fatalen Einfluss auf Malte ausübte.
„Marleen, eine von uns beiden muss nun gehn‘“
„Denn man tau!“, schmatzte Fiete kauend und stopfte sich das letzte Stück Weihnachtsstollen in den Gierschlund. „Lass Opa ma‘ ruhig kacken, dann bleibt mehr für uns!“ Dann schaute er triumphierend in Richtung Malte und genoss die Genugtuung, ihm endlich auch mal etwas weggenommen zu haben.
Doch dieser ließ sich davon gar nicht irritieren, sondern schaute ihn mit strengem Blick an.
„Sach mal, was machst Du eigentlich?“
Fiete wäre fast an dem Riesenbrocken Stollen erstickt und spülte ihn mühsam mit einer ganzen Flasche Fanta hinunter. Dann sah er aus, als würde er heute noch ans Kreuz genagelt.
„Häh, was meinst du? Ich fresse deinen Stollen. Und dann saufe ich deinen Cognac weg. Dein Bier sowieso. Und dann weiß ich auch noch nicht, was ich mit deiner Frau so alles anstellen kann …“ Wiebke war aufgesprungen und hätte ihm fast eine geknallt. „Du gottverdammtes Arschloch. Was bildest du dir eigentlich ein?“, zischte sie mit erstickter Stimme.
„So is‘ recht, min Jung. Zeig dem stolzen Fräulein mal wo der norddeutsche Hammer hängt. Wenn Malte, der Schlappschwanz, das nicht packt …“ Jetzt war Malte auch aufgesprungen. Eine Flasche Bier fiel um und zerbarst schäumend auf dem Boden.
„Raus hier! Alle Mann! Nichts wie raus ihr oder ich kann für nichts mehr garantieren …“
„Hassu noch Schiethuuspapier?“, brüllte Opa aus dem Badezimmer. „Ick muss mir den Mors schoon moken.“ Ein widerlich würziger Geruch füllte den Korridor und drang bis ins Esszimmer vor. Der Einzige, der herzlich lachte, war Rüdi. „Hihihi, Opa am Kacken, so komisch …, hihihi, Papa is‘‘ne Knackwurst, Knackwurst – Kackwurst, hihihi …“

Die Erste, die die Fassung wieder gewann, war Wiebke selbst. „So und jetzt atmen wir alle tief durch und beruhigen uns wieder. Sie holte Gläser aus dem Schrank und goß jedem ein volles Glas Eierlikör ein. Wie auf ein unsichtbares Kommando tranken alle das Getränk zur Nervenberuhigung. Es dauerte aber eine geschlagene halbe Stunde und Batterien von Bier, bis die Konversation wieder fortgesetzt werden konnte.

„Wie, was mache ich? Ich arbeite jetzt bei Twesten. Fleischzerlegebetrieb. Schweinehälften, Wurstmaschine und so‘n Zeugs. Warum willst‘n das überhaupt wissen?“
„HALLO, ich bin vielleicht dein Bruder?“
„Das hat dich doch noch nie interessiert. Was soll also der Scheiß jetzt? Meinst du, nur weil Wiehnachten is‘, musst du auf einmal den Verständnisvollen raushängen lassen? Vor Rüdi vielleicht? Jetzt tu bloß nicht so scheinheilig! Du kotzt mich an, Malte, weißt du das eigentlich?“
„Komm is gut jetzt. Malte macht sein Ding und du irgendwann einmal - hoffentlich - dein Ding. Geht euch einfach aus dem Weg. Schlimm genug, dass wir alle Wiehnachten wieder diesen Scheiß von wegen heile Familie mitmachen müssen. Und du Malte, wenn du kein Bock auf deine Kieler Familie hast, dann sag es doch einfach frei heraus und du siehst uns nie wieder.“, sprach Hein als ultimatives Machtwort. Es zeigte auch sogleich Wirkung. Familienvater Hein hatte seine Autorität spielen lassen und die Fronten klar gestellt. Doch es war noch immer ein Funken Hoffnung auf Versöhnung da. Der eifrige Genuss von Kaltgetränken zeigte endlich seine Wirkung. Auch Malte hatte inzwischen etliche Pils und Spirituosen intus, um die Geschichte nicht weiter eskalieren zu lassen. Anders als bei anderen Typen, beruhigte Alkohol seine Nerven.


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Anmerkung: Wiehnachten, na klar Niederdeutsch für Weihnachten 
Ja, ich weiß, dieser Part ist saublöd, gefällt mir auch nicht.

12345Wie es weitergeht »




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BerndHH
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BeitragVerfasst am: 24.10.2017 16:56    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

DRITTES KAPITEL

Montag, 14. April 1986. Abschrankung Lübeck-Eichholz. BGS Grenzschutzkommando Nord.
Nieselregen. Schlechte Sicht und für die Jahreszeit noch ungewöhnlich kalt. Nachtfrost. Keine besonderen Vorkommnisse während der Streifenablösung um 0500.

„Und?“, fragte Oberleutnant Malte Harms die eintreffende Streife, „irgendwelche Dinge, die ich wissen müsste?“ Vorletzte Nacht hatte es allein drei Grenzverletzungen gegeben. Unbekannte Personen waren in das Territorium der Bundesrepublik Deutschland eingedrungen und bisher nicht wieder aufgetaucht. Die Alarmierungsbereitschaft war daher uneingeschränkt hoch. „Negativ Herr Oberleutnant. Die Ereignisse vom Wochenende haben sich gottseiddank nicht mehr wiederholt. Wir sind alle, und ich betone wirklich alle, Ablaufstellen mehrfach abgegangen und haben dabei nichts Verdächtiges bemerken können. Alles wie gehabt.“ Der Streifenbeamte schnäuzte seine rotgefrorene Nase und rieb sich die Hände am rußigen Muffelofen warm. „Das sind doch gute Nachrichten. Na dann kommt erst mal rein, trinkt einen  Tee oder raucht eine Zigarette.“ Der andere Streifenposten, streifte seine Handschuhe aus, griff nach der Thermoskanne und wunderte sich, dass nichts herauskam. „Ach warte mal, ich hab doch schon die dritte Kanne Kaffee aufgebrüht“. Harms schlurfte nach hinten und kam mit herrlich duftendem Kaffee zurück. „Wenigstens etwas, oder?“ „Allerdings Herr Oberleutnant. Es ist schweinekalt da draußen. Normalerweise sehen wir immer jede Menge Wildschweinrudel und Rehe, vor allem unten an der Wakenitzniederung aber diesmal gar nichts.“ „Die werden sich bei diesem Schietwetter wohl auch in ein warmes Eckchen zurückgezogen haben“, scherzte Harms.

„Ich schwöre, das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und alle in der Bundesrepublik geltenden Gesetze zu wahren und meine Amtspflichten gewissenhaft zu erfüllen, so wahr mir Gott helfe!“
Malte Harms war seit dem 1. Januar dieses Jahres zum Oberleutnant befördert worden. Soweit so gut. Die schlechte Nachricht war, dass man ihm zum Grenzsicherungsdienst in Lübeck-Schlutup und wie heute in Eichholz versetzt hatte. Er hatte in seiner verschließbaren Schreib-tischschublade mehrere Geheimdokumente liegen, welche die furchteinflössende Aufschrift „GEHEIME KOMMANDOSACHE“ trugen. „Nur für befugtes Personal“. Überarbeitete Dienstanweisungen. „Abschnitt 2/10. Wie bei einem bewaffneten Grenzübertritt und Schuss-wechsel zu verfahren ist.“
Die halbe Nacht hatte er diese Dokumente beim spärlichen Schein einer mickrigen Schreibtischleuchte studiert und dabei nur den Kopf geschüttelt. Zu gerne hätte er sich mit den Bundesgrenzschutzbeamten der Streife ausgetauscht aber dafür waren weder er noch sie befugt. Die ständige Geheimnistuerei, die andauernden Probealarme und die beunruhigenden Telefonate mit seinen Vorgesetzten, hatten dafür gesorgt, dass üble Magenschmerzen jetzt seine ständigen Begleiter wurden.

Die beiden übermüdeten BGS-Männer rauchten noch eine und legten sich dann auf ihre Pritschen schlafen. Die Dienstpistole und die vor kurzem ausgegebene MP2 Uzi Maschinenpistole stets griffbereit. Währenddessen machte sich die ablösende Streife fertig, erhielt von Harms Anweisungen für ihren Streifengang – der ließ sich noch kurz den Ladezustand ihrer Waffen zeigen – und ließ sie dann ins Zwielicht abmarschieren.

Der Oberleutnant zündete sich eine Marlboro an. Pünktlich zum Neujahrstag war er zum Ket-tenraucher geworden. Er hatte damals, als er noch in Kiel wohnte, immer auf seinen Vater Hein und Bruder Fiete geschimpft, die Zigaretten quasi „fraßen“ und jetzt war er aufgrund der starken nervlichen Belastung während seines Dienstes selbst zum starken Raucher geworden.
„Macht bloß keinen Scheiß, ich bitte euch, macht bloß keinen Mist.“, flüsterte er der Streife hinterher, die schon nicht mehr zu sehen war.

Der Tag dämmerte allmählich. Über die Ufer der Wakenitz stieg dichter Nebel auf und bildete eine dichte weiße Wand. Malte Harms blickte aus dem Fenster, konzentrierte sich auf das langsame Erwachen der Natur, als das Diensttelefon schrillte.
„Hier Oberst Zettler, GSK Nord und Küste. Harms sind Sie das?“, bellte eine scharfe Stimme in den Hörer. Verdammt, bitte nicht der Zettler. Der hat schon die ganze Zeit die Pferde wild gemacht! Nicht DER schon wieder!
„Oberleutnant Harms, ich höre, Herr Oberst.“ Er fingerte sich eine neue Zigarette aus der Jackentasche, zündete sie an  - die Alte glimmte noch im Kaffeebecher, bekam einen  Hustenanfall und drückte sie mit der nächsten Bewegung sofort im überfüllten Aschenbecher wieder aus.
„Harms. Die Sache fängt jetzt an Fahrt aufzunehmen. Wieviele Streifen haben Sie momentan draußen?“
„Nur eine Doppelstreife. Ablösung um 0830 – wir haben die Ablösezeiten geändert - außer-dem eine Hundertschaft in Schlutup in Bereitschaft.“
„Eine Hundertschaft, sagen Sie? Das ist gut. Also folgendes: es besteht berechtigter Grund zu der Annahme, dass DDR-Grenzaufklärer in noch unbekannter Stärke in die Wakenitzniederung, etwas weiter südlich von Ihnen bei Groß Grönau eingesickert sind. Derzeit kann ich Ihnen noch nicht sagen, ob es sich um Kompaniestärke oder wohlmöglich mehr handelt. Seien Sie also auf alles vorbereitet.“
Malte Harms schluckte schmerzhaft und schaute betrübt auf den stinkenden Aschenbecher.
„Herr Oberst, ich hoffe, Sie sind sich darüber im Klaren, wovon Sie sprechen. Die Hundertschaft in Schlutup reicht bei weitem nicht aus, um das Gelände der Wakenitzniederung….“
„Das lassen Sie mal schön meine Sorge sein, Herr Oberleutnant. Das ist ein Befehl und ich diskutiere nicht mit Ihnen, haben Sie mich verstanden?“, fiel ihm der BGS-Kommandeur ins Wort.
Dieser verdammte Vollidiot! Der weiß doch überhaupt nicht, was er da sabbelt. Hat doch überhaupt keine Ahnung. War er schon jemals vor Ort? Dieser vollgefressene Sack aus seiner Dienststelle in Hannover. Dann wüsste er aber was das bedeutet. Die Wakenitzniederung überwachen? Dass ich nicht lache? Nicht umsonst nennt man diese Gegend, den »Amazonas Norddeutschlands«. Hier könnte sogar ein ganzes NVA-Regiment bei Nacht und Nebel durchmarschieren und wir würden nichts davon mitbekommen. So ein Schwachkopf, meine Herren!

Lautes Hubschraubergeknatter direkt über dem Grenzhäuschen. Oberst Zettler war auf einmal nicht mehr zu verstehen.


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BeitragVerfasst am: 25.10.2017 06:13    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Moin,

ich weiß natürlich, dass es nicht die beste und originellste Geschichte ist. Nur ein paar Fingerübungen.
Was mich aber sehr interessiert ist, wo eurer Meinung nach die größten Schwachpunkte liegen? Zeitfehler (Erzählung im Imperfekt, also Rückblick im Plusquamperfekt), Wortwahl, Satzbau, Sprache, Stil insgesamt?
Will heißen, ich begehe symptomatisch und instinktiv meist die gleichen Fehler - ist mir wohl bewusst - weiß aber nicht, wo ich ran muss.
Würde gerne mal in Erfahrung bringen, wo ich am ehesten ansetzen sollte.

Besten Dank und Gruss,
Bernd


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BeitragVerfasst am: 28.10.2017 08:26    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Na, schon gespannt, wie es mit Fiete weitergeht?
Okay, here we go:


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BeitragVerfasst am: 28.10.2017 08:34    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

VIERTES KAPITEL

Donnerstag, 16. Mai 1986. Christi Himmelfahrt.
Haddebyer Moor bei Schleswig. Mit Blick auf die ehemalige Wikingersiedlung Haithabu. Henning und seine Kumpels feierten die Sommersonnenwende, die laut Kalender ja erst gegen Ende Juni eintrat, auf ihre ganz eigene Weise. Ihre Chopper, die in der Frühlingssonne glänzten hatten sie ordentlich in Reihe geparkt. Zehn Jungs der Hell’s Angels vom Charter Kiel und Fiete Harms als eine Art Maskottchen. Etwas, was man immer dabei hat, allerdings ohne zu wissen wozu es eigentlich gut war. Der schmächtige Junge wirkte in der Fleischmasse muskulöser Typen mit dick bepackten Oberarmen und –körpern, hässlichen Tätowierungen im Gesicht und auf den stämmigen Schultern, Ray Ban Spiegelreflex-Sonnenbrillen und den obligatorischen Clubkutten mit dem fliegenden Totenkopf, der so wirkte wie ein Fremdkörper. Henning Schepker hatte ihn auf seinem Beiwagen mitgenommen. Sie brauchten einen willenlosen Handlanger, der keinen großen Ärger machte.
Der Blick auf die tiefgrünen Weiden, den glitzernden Wasserflächen der Schlei und das dramatische Wolkenbild, welches sich am Horizont aufbaute, war einfach nur überwältigend. Eine Gruppe schwarzbunter Rinder hatte sich den Rockern kurz genähert, war aber gleich wieder abgezogen.

„Jetzt guck dir mal diesen verfickten, kleinen Prospect an“, Fiete spürte eine heftige Nackenschelle, die seinen Kopf nach vorne warf, „ist doch glatt zu doof zum Scheißen. Henning, was für Lappen schleppst du hier eigentlich immer an?“ Das Tier mit dem bulligen Oberkörper und dem kleinen Torso schrie Fiete ins Gesicht, der vor lauter Schreck in einen, von Schmeißfliegen übersäten Kuhfladen fiel. „Ey, ich rede mit dir, du kleiner Schiss …“ „Is gut jetzt, Mike!“ Henning zog das Tier von Fiete runter und drohte ihm. „Zum allerletzten Mal: Fiete ist mein Kumpel, lass es dir gesagt sein.“ Und zu den anderen. „Wer meinen Kumpel anpackt, bedroht oder sonstiges, bekommt es mit mir zu tun, verstanden?“ „Alles klar, Dicker.“ „Mach mal halblang.“ „Dicker, is ja gut“, murmelten die Angels und machten keine Anstalten mehr, Fiete etwas zu wollen.  
Fiete Harms war es gewohnt, der amtliche Prügelknabe der „Höllenengel“ zu sein. Er war es gewohnt, für alles Mögliche Schellen zu kassieren. So richtig übel wurde es nur, wenn die Jungs breit waren. Dann kannten sie weder Freund noch Feind. Doch solange Henning mit dabei war – allein würde Fiete niemals mit dem MC Kiel auf Tour gehen – war alles gut. Ein Harms war Gewalt von Kindesbeinen an gewohnt. Auch sein Vater konnte einmal feste zuschlagen, so dass sich seine Zähne fast aus der Verankerung lösten … aber das war einmal. Jetzt konnte er nur noch Karlsquell saufen, bis ihm vor dem Fernseher die Augen zufielen oder Oppa vom Klos aus brüllte, er möge ihn den Arsch abwischen.

Das MC Kiel hatte einen schweren Jahresanfang hinter sich. Die Kämpfe mit den Bones und dem dänischen Bullshit Chapter waren mehr als hart gewesen. Und die Verluste dementsprechend hoch. Bonno, der Präsident hatte sich wieder einmal durch seine konsequente Haltung einen Namen gemacht. Drei seiner besten Kumpels saßen im Knast mit „Lebenslänglich“ aber er hatte durchaus Haltung bewiesen. Und das zählte bei den Hell’s Angels mehr als irgendein Wort auf der Erde.

 
Bei die Wikingers in Haithabu, lebte 'ne Frau mit rrrote Haare.
Das gibt es bei die Wikingers ab und zu und die hier hieß Rrrenate.
Volle Granate Rrrenate Rrrenate Rrrenate Rrrenate
Volle Granate Rrrenate Rrrenate Rrre – Na – Tée
Rrrenate sagt: „Im Großen und Ganzen wünsch ich mir Kriegers mit solide Lanzen.“
Wir saufen den Met bis keiner mehr steht, unser Häuptling heißt rrrote Locke
 

Aber dieses alberne Lied von Torfrock spielten sie nicht. Nicht zu diesem Anlass. Die unbeschwerten Zeiten schienen vorbei zu sein. Bonno erhob eine schäumende Dose Carlsberg. „Brüder, wir erheben das Glas. … ach Scheiße, die Büchse. Auf alle, die jetzt nicht bei uns sein können. Angel forever for Angel!“ Alle Engel taten ihm nach und brüllten ihr Glaubens-bekenntnis „A.F.F.A.“ in die warme Mailuft hinaus. „Ich weiß nicht, wie lange wir noch zusammenbleiben können. Ihr alle wisst, dass die Zeiten härter und unsicherer geworden …“ „Mensch, laber doch nich‘ Bonno. Lass knacken, Dicker. Fuck und wo sind eigentlich die Weiber und wo ist die Mucke?“ Es war „Kiste“, ein unangenehmer Typ aus Neumüster, der es schon seit längerem auf den Posten des Clubvorsitzenden abgesehen hatte. Doch niemand achtete auf „Kiste“. Bonno hatte die ungeteilte Aufmerksamkeit.

„Ihr habt sicherlich alle mitbekommen, was passiert ist, seitdem diese Schweinerei in Berlin passierte [das Attentat auf Michail Gorbatschow im Sommer letzten Jahres]. Ich hab’s im Urin. Und der lügt nicht. Es werden Zeiten kommen, wo Deutsche auf Deutsche schießen…“ „Niemals!“ „Hör doch mal auf mit diesem Scheiß, Bonno!“ „Alter, fang nicht an zu singen. Das gibt es nicht!“, rumorte die Menge. „Das gibt es nicht?“, Bonno sah sich schicksalsschwer in der Runde um, „Das wird es aber sehr wohl geben. Was denkt ihr Pennbrüder eigentlich, was sich hier und dort an der Grenze zusammenbraut? Na, was denkt ihr wohl?“ Bonno nahm einen tiefen Schluck aus der Dose. „Ringelpietz mit Anfassen wird es ja ganz bestimmt nicht werden“. „Mein bester Kumpel Dirk ist beim Bund. Heimatschutzkompanie. Wagrien-Kaserne in Putlos. Der hört die Schwalben von den Dächern zwitschern“ „Ich kenn nur Bordsteinschwalben, hehehe!“ „Euch wird das Lachen bald im Halse stecken bleiben. Habt ihr euch den letzten Rest Verstand aus dem Schädel gesoffen. Unser Land steht nur eine Handbreit vom Abgrund entfernt und alles, was ihr könnt, ist flachsen. Alter Schwede!“

Bonno war nicht besonders klug aber er hatte recht. Die Bundesrepublik machte eine ihrer schwersten Stunden seit Endes des Zweiten Weltkriegs durch und es war nicht einmal abzusehen, wie der heutige Tag enden würde. Die Zivilschutzmaßnahmen liefen auf vollen Touren. Aktentaschen auf dem Kopf, Möbel vor der Tür, das würde alles nicht ausreichen. Nicht bei einem Atomschlag. Und danach war nach aktueller Lage ja durchaus auszugehen.
Kiel als bedeutender Marinestützpunkt besaß eine Reihe von Luftschutzbunkern. In erster Linie, um U-Boote und Kriegsschiffe vor Bomben zu schützen. Aber auch für das Heer und die Zivilbevölkerung. Meist Hinterlassenschaften aus dem letzten Weltkrieg. Es gab mehrere Truppenmannschaftsbunker, der große Bahnhofsbunker mit zwei Meter Deckenstärke und Platz für 1.250 Personen, der „Flandern“- und der „Prinz-Heinrich-Bunker“, der „Scharnhorst-Bunker“, der Tiefbunker in der Gablenzstraße, der U-Bootbunker „Kilian“ – gesprengt, daher nicht mehr in Verwendung – der Hochbunker in der Gorch-Fock-Straße und eine Reihe kleinerer 5-Mann-Splitterschutzbauten, die hierzulande „Pilze“ genannt wurden.

"Achtung, Achtung! Dies ist keine Übung. Wiederhole: dies ist keine Übung. Soeben ist ein feindlicher Raketenangriff auf unser Land erfolgt. Es wird damit gerechnet, dass sowjetische Interkontinentalraketen in etwa fünf Minuten ihre Ziele erreichen. Darunter sind Frankfurt, Essen, Hamburg und München. Noch vier Minuten bis zum Aufschlag. Noch drei, … zwo, … eins – DETONATION!" Alles, was sich jetzt noch draußen befand, war dem Tod geweiht.

"Finger weg. Quetschgefahr" Wenn die Bunker erst einmal dicht waren, gab es kein Zurück mehr. Für niemanden. Und schon gar nicht für die Massen, die sich vor seinen Toren drängelten und bereits allein bei dieser Massenpanik umkamen.
Es gab natürlich nicht für alle genügend Platz. Für die Kieler High Society, die Honorationen der Landeshauptstadt Kiel – „schützenswertes Leben“, so wie sie sich selbst sahen – selbstverständlich ja. Doch für das Proletariat und Prekariat sah es finster aus. Der Stadtteil Gaarden gehörte mit Sicherheit nicht zum „schützenswerten Leben“. Die Asozialen konnten gut und gerne durch den Atomblitz zu Schlacke verbrannt werden. Da würde mit Sicherheit kein Hahn nach krähen. Aber die Schönen, Erfolgreichen und Intelligenten durften sehr gerne weiterleben und sich den Planeten nach dem Atomkrieg zurückerobern. Das war ihr verbrieftes Recht. Nur der Stärkste, beziehungsweise der Reichst und Mächtigste, durfte überleben, sich anschließend mit den entsprechenden Alpha-Weibchen paaren und mit derem Nachwuchs die Erde bevölkern.

Die Hells Angels wussten, dass sie nach Auffassung der Holsteiner Gesellschaft, ebenfalls nicht zum „schützenswerten Leben“ gehörten. Obwohl viele von ihnen recht gut verdienten und auch ein anständiges und gutbürgerliches Leben hätten führen können – es waren ihre Maschinen, ihre Kutten und ihr Gebaren, dass sie zu Outlaws machte. Den Wind im Gesicht – die steife Ostseebrise – Kippe im Maul, Bart, eine unbeschnittene Haarpracht und einfach nur unbändig frei sein. Gesetzloser. Geächteter. Krimineller. Scheißegal, sie waren „Höllenengel“ und hörten nur auf ihre gestählten Fäuste und auf den Schwanz in der Hose. Auf nichts anderes.
So wie es damals in der Magna Carta stand:
„Kein freier Mann soll verhaftet, gefangen gesetzt, seiner Güter beraubt, geächtet, verbannt oder sonst angegriffen werden; noch werden wir ihm etwas zufügen, oder ihn ins Gefängnis werfen lassen, als durch das gesetzliche Urteil von Seinesgleichen, oder durch das Landesgesetz.“
Bonno holte das erste T-Bone Steak vom Grill und sog dessen Duft in seine stark behaarte Nase ein. „Das hier, Männer, das ist der wahre Duft der großen Freiheit. Ein Stück Lebenskrrraft aus Deutschland. Wohl bekomm’s!“. Er hatte die Angewohnheit vieler Holsteiner das R betont zu rollen und außerdem über den „spitzen Stein“ zu stolpern. Eine lächerliche Angewohnheit bei diesem Bullen von einem Mannsbild, der einem ausgewachsenen Stier wohl mit Leichtigkeit den Kopf ausgekugelt hätte. Das dickste und saftigste Steak bekam Henning. Direkt vom Chef serviert.
„Sacht mal Jungs, habt ihr euch eigentlich schon einmal einen Schädel (lacht, ja, ja, Schädel, Alk und aktive Kippen, hehehe) gemacht, was ihr tun wollt, wenn es wirklich knallt?“ „Ach halt doch mal auf zu sabbeln, Dicker. Das knallt doch nicht. Flensburger knallt und Holsten knallt am Dollsten. Ich knalle meine Alte und ihre Schwester, hehehe. Aber ansonsten knallt hier gohr nix.“ „Der Iwan wäre ja auch zu blöde, wenn er die Atomraketens losschießen täte. Dann täte der Ammie nämlich genau dattselbe und wir wären alle im Arsch. »Kiste«, watt meinste? Stimmt’s oder hab ich recht?“ „Digger, du hast sowieso immer recht, Prost Karl Soest!“
Alles Vollidioten! Beulen können sie sich. Anderen auf die Fresse hauen, Nutten vermöbeln, Drogen verticken und den dicken Max spielen – das könnense. Aber wenn es wirklich mal hart auf hart kommt, dann ist bei denen aber Arschlecken hoch Amerika angesagt!, dachte Fiete verbittert. Er hatte keine Lust mehr auf diesen Haithabu-Schwachsinn. Die Sommersonnenwende vorfeiern. Das ist doch nur etwas für gestörte Vollidioten, die in ihrem Scheißleben wirklich überhaupt nichts gebacken kriegen. Er wollte wieder zurück nach Kiel. Zu Vaddern, Oppa … und natürlich zu Svenja.

Er hatte heute hoch und heilig geschworen, netter zu seiner Freundin zu sein. War die denn noch überhaupt seine Freundin oder hatte sich Roger „der Stecher“ schon über sie hergemacht? Roger war ein Skinhead in ihrem Viertel, der dafür bekannt war, dass er gnadenlos alles nagelte, was nicht bei Drei auf den Bäumen war. Aber Svenja? Sie ist doch Punkerin und fängt ja nun ganz bestimmt nichts mit einem Fascho an. Trotzdem war Eile geboten, denn Svenja war unter ihren provozierenden Klamotten ein wunderschönes Mädchen mit einer derart glatten und sanften Haut, so dass ihm bei diesem Gedanken sofort der Schwanz stand. Hör mal auf immer nur ans Ficken zu denken! Weiber haben doch noch sehr viel mehr als nur eine Möse. So, was denn? Ach hör doch auf damit …
Fiete hätte wirklich was darum gegeben, jetzt die Rückreise anzutreten. Doch er war von Henning abhängig. Und der machte überhaupt keine Anstalten, die Party zu verlassen. Der würde sich bestimmt mal wieder ordentlich nach Strich und Faden die Hacke volllaufen lassen. Niemand konnte so viel saufen wie die Hell’s Angels. Es war immer dasselbe. Nach dem Vernichtungsbesäufnis würden sie aggressiv werden oder sich Weiber – Nutten – bestellen. Doch hier in Haithabu mussten sie sich auf das Saufen beschränken. Scheiße, da komm ich doch nie wieder weg. Verdammte Kacke aber auch!

Der nächste Morgen kam schroff. Tau hing in den Blättern. Hinter der Kuhweide hatte sich eine Szene der barbarischen Verheerung aufgetan. Kein Zweifel. Hier hatte das MC Kiel getagt. Herrenausflug von der härteren Gangart. Fettverschmierte Pappteller, Fleischreste, Knochen und ein Meer aus zerquetschten Bierdosen. Dazwischen lagen die erschlagenen Wikinger wie auf einem Schlachtfeld aus der Frühzeit der Menschen. Neandertaler in merkwürdigen Verrenkungen, Essensreste und Stückchen von Erbrochenem hing vielen in den zerzottelten Bärten.
Fiete war der Erste, der erwachte. Seine Kehle fühlte sich entsetzlich an. Als hätte er literweise Schwefelsäure gekippt. In seinem Kopf hämmerte es, als ob die Amerikaner Dresden zum zweiten Male bombardieren würden. Mit den ganz großen Koffern. Bunkerknackern und dieses Zeugs. Er stand auf, sank wieder auf die Knie, da seine Stirn zu zerplatzen drohte.
Kaffee! Aber ganz starken, der Tote aus der Gruft aufgeweckt hätte. So wie in „Die Nacht der reitenden Leichen“ mit Lone Fleming. Eiskalte Cola mit Zitronenscheiben und ganz viel Eis. Oder gleich wieder einen Schinkenhäger? Ach leck mich am Arsch! Und am geschwollenen Sack gleich mit. Der brennende Hals musste gekühlt werden – unbedingt!
Fiete schaute sich um, stolperte in eine Lache mit Erbrochenem hinein – Würfelhusten nach Rockerart – kämpfte selbst tapfer gegen jegliche Art von Würgereizen an und fand schließlich ein paar halbvolle Flaschen Cola, die irgendjemand achtlos in die Gegend geworfen hatte.
Das lauwarme Erfrischungsgetränk mit der braunen Farbe nach Zuckercouleur und dem aromatischen Brausegeschmack weckte auch sofort wieder die Lebensgeister in ihm. Kaum war Fiete wieder von den Toten zurück, da meldete sich auch wieder der alte Trieb.

Die Notgeilheit. Sein Schwanz war unangenehm hart geworden. Er hätte doch glatt das nächste Astloch ficken können. Doch wie meistens nach dieser Art von Privatparties waren keine Weibchen griffbereit, denen man das Glied in irgendeine ihrer Körperöffnungen hätte schieben können. Er hätte eine Kuh ficken können! Scheiße, bin ich geil! Dicker, versuch doch einmal an etwas anderes zu denken, als an eine glänzende Muschi! Verdammte Scheiße nochmal! An diesen Haufen Scheiße, der hier herumliegt. Guck dir doch die ganzen Penner hier mal an. Diese Asozialen, die kreuz und quer verstreut herumliegen und sich den Schädel weggebrannt haben. So wie ich Arschloch auch. Da bin ich hier am Arsch der Welt. Schleswig ist irgendwo da oben.
„Fiete. Ey, Fiete du Arschloch! Los komm und blas mir einen, du geile Sau!“ Es war „Kiste“, der aus seinem Delirium erwacht war. Anscheinend war er genauso notgeil wie der arbeitslose Kieler. „Kiste, na bisse noch am Leben?“ „Dicker, ich fühl mich, als wäre ein Jumbo Jet auf meinem Schädel gelandet. Ich schwör dir, Dicker, Sterben ist nichts dagegen. Der reinste Scheißdreck! Ich fick dich gleich in‘ Arsch do!“, nuschelte er mit belegter Stimme. Dabei dachte „Kiste“ natürlich nicht an Fietes pickliges Hinterteil, sondern eher an die kurvigen Hinterbacken von Traci Lords, Ginger Lynn, Nina Hartley, Christy Canyon, Tori Welles („Aaaaaaaaaaaarghh!“ „Du bist so geil, Baby. Ja, ich mach’s dir jetzt! Oh bitte, bitte ramm ihn tiefer rein!“ „Los lutsch mir meinen geilen Schwanz, du kleine Nutte!“), die vielleicht beste Bläserin der Westküste und natürlich an Raquel Darrian, dem neue Shooting Star der Horizontalbranche, deren Name eigentlich nur absoluten Insidern etwas sagte. „Nothing to Hide“, „The Devil in Miss Jones“, „Debbie goes to Dallas“. Und natürlich die künstlerisch wertvollen nationalen Produktionen wie „Die Fickinger“, „Die schwanzgeilen Weiber von Tittfield“, „Bodo Ballermann –der Rammler von Gütersloh“ und wie sie alle hießen. „Kiste“ kannte sie alle und hortete die kleinen Schätze in seinem privaten Partykeller.
Auf der Weide muhten die Kühe. „Kiste“ hatte die ganze Zeit noch seine lächerliche Sonnenbrille auf. Seine Gesichtsfarbe hatte den Ton von vergammeltem Käse angenommen. Kein Roquefort, sondern den billigen Grabbelkäse von „Feinkost Albrecht“. Etwa gegen Mittag erwachte Henning endlich, rief Fiete, der schon mit den Hufen scharrte zu sich und sie bretterten auf der Harley nach Kiel zurück. All den Unrat, den sie verursacht hatten, ließen sie in Haithabu zurück. Als Opfergabe für die Götter, um Odin oder Wotan eine Wohlgefälligkeit zu erweisen. Verquarzter Penner – eines Tages wirst du in der Klapse landen, dachte Fiete, als die anderen „Höllenengel“ nicht mehr in Sicht waren.

Gegen 16 Uhr stand er wieder im Werftpark. Wie immer um diese Zeit. Svenja erschien. Nach nicht einmal einer Zigarettenlänge! Teufel, was für eine Hammerbraut – auf die ist doch immer Verlass! Wenn auch eines Tages die Trave versiegen sollte, Svenja niemals, sie hatte einen geradezu unheimlichen Drang zur Beständigkeit.
„Du hast mir also was zu sagen?“, murmelte sie mokant.
„Hör mal Svenja, ich war mit den Jungs unterwegs …“ „Ach, und wenn du mit diesen Arschlöchern unterwegs bist, hast du deine besten Geistesblitze oder was?“, unterbrach sie ihn barsch. Jetzt platzte auch Fiete der Kragen. „So redest du nicht über meine Kumpels. Du nicht …“ „Sondern was? Knallst du mir eine, oder was?“ Sie machte dabei aufreizende Bewegungen, wippte mit den Hüften, machte tänzerisch einen Schritt zurück und dann wieder einen nach vorn. Ihre Logik war schlichtweg unschlagbar. „Nein, natürlich nicht. Hör mal Svenja. Mäuschen. Mir ist da so einiges klar geworden …“ „Das wir überhaupt nicht zusammenpassen. Das wusste ich allerdings schon länger.“ „Unterbrich mich bitte nicht. Ich war ein egoistisches Arschloch …“ „Oh ja, das warst du nicht nur. Das bist du immer noch.“ Sie blies ihm mit angespitzten Lippen höhnisch Zigarettenrauch ins Gesicht.
„Nein, ehrlich, Schatz. Ich will und ich werde mich ändern. Ich schwör’s dir doch, verdammt!“ „Bei deinem Halbgott Karlsquelle oder wie? Oder etwa auf die nach Pisse und Kotze riechende Kutte von deinen peinlichen Motorradfreunden? Gott, was für erbärmliche Verlierer! Sind die eigentlich schwul, mmh?“ Fiete wollte gerade zu einem größeren Plädoyer ausholen, als sie sich brüsk umdrehte und ihm ein „Wir sind fertig miteinander, Süßer. Good-bye und Au revoir! Such dir ‘ne Andere, die sich um dich kümmert. Ich bin mir jedenfalls zu schade dafür.“


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BeitragVerfasst am: 28.10.2017 08:40    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Okay, geschenkt.

Fiete Harms ist und bleibt ein Assi. Seine frauenfeindliche Einstellung zu seiner Freundin, seine arbeitsscheue Art, sein Umgang mit den Rockern und natürlich auch die primitive und vulgäre Art, sich auszudrücken.
All das trägt dazu bei, dass er in den Sympathiecharts des Lesers niemals aufsteigen wird.

Es ist aber ein renitenter Kriegsdienstverweigerer aus tiefster Überzeugung (FÜNFTES KAPITEL).


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BeitragVerfasst am: 28.10.2017 09:18    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

FÜNFTES KAPITEL

4. August 1986. Kreiswehrersatzamt Kiel.
Leutnant Hufschmitt beäugte den jungen Mann mit den langen, ungepflegten Haaren, der mit schlichten blau-weißen Turnsachen provokativ lässig vor seinem Schreibtisch stand und angestrengt seinem stechenden Blick auswich. Es war bereits seine dritte Vorladung. Und dreimal in der Anhörung vor dem Prüfungsausschuss des Landes Schleswig-Holstein abgelehnt. „Keine glaubhafte Gewissensentscheidung – negativer Bescheid. Prüfungskammer der Wehrbereichsverwaltung. Dienststempel.“
Draußen brütete die Stadt in der Sommersonne und der würzige Duft des Meeres konnte nicht durch die watteartige Luft vordringen. Vor ihm lagen zahlreiche weißspeckige Schriftstücke zur Verwendung und Wehrtauglichkeit eines gewissen Fiete Harms. Darunter auch mehrere KDV-Anträge, ein polizeiliches Führungszeugnis mit mehreren Einträgen, die ausnahmslos alle im Zusammenhang mit seinen zweifelhaften Aktivitäten im Rockerclub „Hell’s Angels“ MC Kiel standen – Helfershelfer einer kriminellen Vereinigung – ein knapper Lebenslauf, der an Trostlosigkeit nicht zu überbieten war, sowie einer dreiseitigen schriftliche Darlegung der persönlichen Gewissensgründe, warum Fiete Harms sich außerstande sieht, bei der Bundeswehr zu dienen.

„So und Sie lehnen also den Dienst mit der Waffe kategorisch ab. Habe ich Sie da richtig verstanden?“
„Jawohl. Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Ich kenne meine Rechte sehr wohl, Herr Hufschmitt.“ Fiete starrte weiter geradeaus, durch das Fenster hinaus. So, als wolle er mit dieser ganzen Prozedur nichts zu tun haben wollen.
„Das ist uns allen bekannt, Herr Harms. Das ist ja auch fest im Grundgesetz verankert. Aber sehen Sie es doch einmal so. Das Vaterland, Ihr Vaterland, die Bundesrepublik Deutschland und alles, was sie an ihr lieben, all das ist in akuter Not. Ein äußerer Feind bedroht unsere Freiheit und unseren demokratischen Grundgedanken und Sie …“
„Ich werde niemals auf Menschen schießen. Egal, was Sie auch noch für Argumente bringen werden. Soldaten sind gemeine Mörder. Das ist staatlich legitimierter Mord und meine Überzeugung hindert mich daran, bei diesem Verbrechen mitzumachen. Unmöglich, ausgeschlossen und meine Antwort ist Nein, Nein und nochmals Nein. Können Sie mir da folgen, Herr Hufschmitt?“ Der Leutnant war von seinem Schreibtisch aufgesprungen, hatte sich hektisch eine Zigarette angezündet und schaute jetzt ebenfalls aus dem kleinen Fensterrahmen, der von Taubenkot zugeschissen war.
„Und Sie scheißen auf die Bundesrepublik. Sie scheißen auf unsere Gesellschaft, unsere gemeinsamen Wert. Sie scheißen auf all das, was uns groß gemacht hat. Auf Adenauer, auf Theodor Heuß … Ist Ihnen das eigentlich klar? Anscheinend ja nicht, Herr Harms.“
Zum ersten Mal trafen ihre Blicke sich und versuchten krampfhaft einander stand zu halten. Ein Duell der Pupillen, beide auf ein Ziel fixiert.
„Ich kann Sie auch von den Feldjägern holen lassen!“
„Nein, das können Sie eben nicht. Glauben Sie denn, ich bin total bescheuert oder was? Sie haben keine Handhabe. Geht das vielleicht in Ihren Schädel hinein? Herr H u f s c h m i t t!“
„HERR LEUTNANT, heißt das, Sie Vogel!“
„Ich bin Zivilist und kann Sie nennen, wie ich will. Ach, wissen Sie was? Lecken Sie mich einfach am Arsch, Herr H u f s c h m i t t!“
Der Offizier war jetzt tiefrot angelaufen und schnappte nach Luft wie ein Reinbeker Karpfen, den man aus dem Teich geholt hatte. So ein Fall von hartnäckiger Renitenz war ihm noch nie vorgekommen. Er war ja auch erst seit ein paar Monaten auf diesem Dienstposten.
„Das Gespräch ist noch lange nicht beendet, mein Lieber. Wollen wir doch mal sehen, wer von uns den längeren Atem hat.“
Hufschmitt hatte sich mittlerweile wieder in den Griff gekriegt und wählte eine interne Nummer. „Herr Hauptmann … so kommen wir ja nicht weiter … die Akte Harms … jawoll … danke, Herr Hauptmann.

Nur fünf Minuten später flog die Tür des Musterungsbüros auf. Ein schneidiger Mann in tadelloser Uniform platzte herein und baute sich ohne ein Wort der Begrüßung vor Fiete auf.
„Harms, das sind Sie?“ Seine untrüglichen Augen wanderten über den schmächtigen Jugendlichen, der eine höchst provokative und unsoldatische Haltung eingenommen hatte.  Fiete hatte das Kinn stolz nach oben gereckt und dachte überhaupt nicht daran, vor diesen beiden Hampelmännern klein beizugeben.
„Kriegsdienstverweigerung ist natürlich Ihr gutes Recht. Totalverweigerung jedoch nicht, haben wir uns da richtig verstanden?“
„Es ist mir – mit Verlaub – scheißegal, was Sie verstehen oder nicht. Wenn Sie alle in den Krieg ziehen und sich dort totschießen lassen wollen. Bitteschön! Aber ganz bestimmt nicht mit mir! Nicht mit Fiete Harms, Sohn des Hein Harms, Großenkel des Karl-Heinz Harms.“
Die Worte schienen allerdings nicht den geringsten Eindruck auf die beiden uniformierten KWEA-Beamten zu machen.
Fiete setzte nach. „Wissen Sie was mein Opa war? U-Bootsoldat unter dem späteren SS-Gruppenführer Cassius Freiherr von Montigny. Haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, was es damals bedeutete KaLeu von Montigny als Kommandanten zu haben. Dieses blaublütige Schwein hatte Eiswasser statt Blut in den Adern. Und wissen Sie, was er mit seiner Besatzung gemacht hat? Wenn sie auf Feindfahrt waren. Irgendwo da draußen auf der Nordsee. Der war aber weitaus schlimmer als jeder Zerstörer der Tommies! Den Arsch aufgerissen hat er den Jungs. Vor allem meinen Opa! Eines Nachts hatte er ihn zum Rapport auf die Brücke bestellt …“
„Jetzt ist aber mal genug hier! Erzählen Sie uns hier doch keine Geschichten, Harms. Was interessiert uns Ihr Herr Großvater? War wohl zu dumm für unsere U-Bootwaffe oder was?“ Sie waren alles andere als beeindruckt von den Kriegsgeschichten der Familie Harms.
„Mein Großvater ist aber der Grund, warum ich niemals einen Waffenrock tragen werde …“
„Das ist noch lange nicht das letzte Wort in dieser Angelegenheit, Harms. Sie werden sich noch gewaltig wundern, das schwör ich Ihnen!“
„Nein, werde ich nicht. Nur über meine Leiche!“
„Jägerbataillon 511. Briesen-Kaserne in Flensburg-Weiche. Dienstantritt nächste Woche. Den Bescheid werden wir Ihnen postalisch zustellen. Bei Zuwiderhandlungen werden Sie von den Feldjägern polizeilich gesucht. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass ein Verstoß gegen diese Anordnung mit einer Haftstrafe von fünf Jahren …“
„Und mein gottverdammter KV-Antrag?“, schrie Fiete, so dass ihm der Speichel aus dem Mund flog.
„Der wird ordnungsgemäß geprüft und bearbeitet. Sie werden dazu selbstverständlich auch angehört werden. Aber erst nach Ende der Kampfhandlungen.“
„Was für verschissene Kampfhandlungen denn eigentlich? Haben Sie eigentlich Euch allen kollektiv ins Hirn geschissen?“ Fiete war außer sich. Seine Augen flackerten.
„Kampfhandlungen, die vermutlich sehr bald anstehen und auf unserem Territorium stattfinden werden, Herr Harms. So wie Sie aussehen, lesen Sie vermutlich keine Zeitungen –  höchstens Fix & Foxy Hefte – und auch kein TV. Aber wenn ich Sie darauf aufmerksam machen darf, wir stehen in einer ernstzunehmenden Spannung mit der UdSSR und den Staaten des Warschauer Paktes. Von Entspannung kann keine Rede sein. Nicht nach der letzten Rede des Präsidenten vor dem US-Repräsentantenhaus. Ein Waffengang steht unmittelbar bevor und dass sollte auch Ihnen nicht entgangen worden sein.“
Ein hämisches Grinsen verzerrte Hufschmitts Gesicht zu einer hässlichen Fratze.
„Solange über Ihren KV-Antrag noch nicht endgültig entschieden worden ist, fallen Sie selbstverständlich unter unsere Verwaltung und … Obhut.“ Die beiden sahen sich triumphierend an. „Warten Sie einfach unser nächstes Schreiben ab, was Ihnen per Einschreiben zugestellt wird. Es gehört zu Ihren staatsbürgerlichen Rechten, dagegen Beschwerde einzulegen.“
„Das werde ich auch, verlassen Sie sich darauf!!“ Fiete stürmte aus der Tür hinaus und knallte sie so laut zu, dass der Putz der Amtstapeten zu bröckeln anfing.

Auf der Straße erhob er die Hände flehend gegen den Himmel. So wie William Dafoe als Sergeant Elias Grodin in Oliver Stone’s preisgekrönten Vietnamdrama „Platoon“, als er von Staff Sergeant Barnes verraten wurde und im Kugelhagel der Vietcong einen äußerst theatralischen Tod starb. Und der Filmheld Chris Taylor musste alles aus dem Hubschrauber mit ansehen.
Ja, gibt es denn gar keine Gerechtigkeit mehr auf dieser Welt? Nicht einen einzigen Funken Anstand im Leib diese Verbrecher. Und ich habe noch an dieses Land und sein System geglaubt. Eine feste Burg ist unser Gott … was ist das eigentlich für eine Hundescheiße? Nach Flensburg? Niemals! Lieber sterben. Ich muss Svenja Bescheid sagen. Wenn ich erst einmal aus Kiel weg bin, dann habe ich sie für immer verloren.

Svenja kam nicht in den Werftpark. Sie kam überhaupt nicht mehr. Erst später sollte Fiete die ganze Wahrheit kennen. Er musste jetzt unbedingt mit jemanden reden. Mit Oppa! Natürlich, der alte Herr hatte ihm eigentlich immer zugehört. Geduldig zuhören konnte er ganz ausgezeichnet, nur mit dem Verstehen seines plattdeutschen Gebrabbels … aber das war immerhin ein ganz anderer Schnack. Natürlich, Opa – dein Lieblingsenkel braucht dich!
Vorsichtig schloss Fiete die Wohnungstür auf. Er steckte seinen Kopf hinein. Immer war die Hoffnung dabei, dass Vater nicht da war. Doch der war eigentlich immer da. Wo hätte er auch sonst hinkönnen?
„Vadder?“
Keine Antwort.
„Oppa?“
Wieder nichts. Erst nach ein paar Minuten.
„Watt wissu? Düwel nochmal. Wenn datt man näch der Iwan is‘, der vor de Door steiht?“
„Nein Oppa, ich bin’s. Fiete!“
„Watt Fiete? Wieso Fiete? Bissu näch auffe Arbeet, min Jung?“
„Och nee, Oppa. Hab doch bei Twesten geschmissen. Hab ich doch schon erzählt. Mensch, Oppa, Du hast aber auch Gedächtnis wie ein betüderter Ackergaul mit Dünnschiss!“
„Nu werd‘ ma‘ näch basch, du lütter Schieterbüdel. So’n Brieten aber ook do!“
Opa saß im Wohnzimmer, hatte eine Heizdecke um die dürren Beine gewickelt und sah „Zum blauen Bock“ mit dem notorisch unlustigen Heinz Schenk, die Wiederholung im Hessischen Rundfunk.  
„Heute Live aus Wiesbaden. Grüß Gott meine lieben Damen und Herren. Hallo Wiesbaden. Wie immer, so habe ich auch heute ein ganz besonderes Schmankerl für Sie. Sie werden mit mir die unvergleichliche Ilse Werner erleben …“
Großvater Karl-Heinz war aufgesprungen und verschüttete dabei den Pfefferminz-Tee, den er immer mit Siebenmärker Kieler Korn – Doppelkorn, der mit dem Segelschiff auf der Banderole – streckte, bis sich in seinem verschrumpelten Magen dieses angenehme Gefühl breit machte.
„Mensch Ilse! Jung, ick sech der, die hätten wir damals awer bannig geern nööken tun wollen.“
Fiete schüttelte den Kopf. Also wirklich. Er schnalzte mit der Zunge. Oppa Karl-Heinz und seine Pin-Ups aus der Nazizeit. Das waren also damals die Wichsvorlagen. Fiete hatte öfter diese alte Schinken mit der Werner gesehen. Damals war sie ja noch einigermaßen rrrassig. Ihr Auftritt von 1942 „Wir machen Musik“. Dieses penetrante Gepfeife und diese feschen Ballerinas. Wie die Funkenmariechen in Köln. Los, hoch die Beinchen! Ja, zeigt Papa mal, was an euch alles so dran ist! Wenn ich damals gelebt hätte – Scheiße, ich hätt‘ die auch alle genöökert!
Du kannst sie alle haben. Sie sind die Motten und du bist das Licht. Marleen, eine von uns beiden muss nun gehen.
 
Für immer und dich.
Ich sing für dich ich schrei' für dich
ich brenne und ich schnei für dich
Vergesse mich erinner' mich
für dich und immer für dich
Für immer und dich (wo immer du bist)
Ich lach für dich, wein für dich
ich regne und ich schein für dich
Versetz die ganze Welt für dich
für dich und immer für dich
Für immer und dich
 
„So, watt wissu mi denn nu säggen, min Jung?“  Der alte Mann hielt Fiete einen Teller mit Mixed-Pickles, hartgekochte Eier und Sülzwurst hin. Der Junge musste sofort an die übelriechenden Ausscheidungen seines Großvaters denken.
„Pfui Deibel, Oppa, so’ne Scheiße fress ich doch nicht! Wollen wir nicht lieber mal zu Wienerwald oder zumindest zu McDonald’s?“
Im „Blauen Bock“ fingen sie jetzt gemütlich an zu schunkeln. Die Bembel kreisten und alles klatschte zu den flachen Witzen von Heinz Schenk. Die Sendung brachte Fiete sofort zum Gähnen. Wenn sie noch den „Blauen Bock“ zeigen, dann kann Deutschland noch nicht am Abgrund stehen, oder ist etwa genau das Gegenteil der Fall?
„Darauf wollen wir hier vergnügt einen trinken …“ Oh Mann!
„Opa, ich war heute beim Kreiswehrersatzamt. Die wollen mich in ein Jägerbataillon oben in Flensburg stecken.“
„Zu de Jaagers? Watt schall datt denn?“
„Das darfst du mich nicht fragen. Behördliche Anordnung oder so ein Scheiß. Mensch, Oppa, was mach ich denn jetzt?“
Zum ersten Male hatte er die ungeteilte Aufmerksamkeit des alten Mannes, der in seinem Leben so viele schlimme Dinge sehen musste.
„Weeßt du, datt wör ne annere Tied damols. Ick hev di doch vom KaLeu von Montigny vertellt. Datt war’n Düwel, datt war den wohrhaften Düwel, ick sech di datt! Een Morslokers wie die dammiche Wilt datt noch nich‘ soon hett. So un‘ nu‘ will ick dir datt nochmal aahlns vertellen …“
Stockend und mit vielen Pausen erzählte der unfreiwillige Veteran von seiner freudlosen Zeit bei der Kaiserlich-Deutschen Marine. Viele dunkle Jahre. Ins Klosett gespült. Fiete konnte gar nicht glauben, wie damals mit Menschen umgegangen wurde. Im Ersten Weltkrieg teilweise noch schlimmer als im Zweiten. Mit glühenden Ohren verfolgte er die Geschichten aus einer rohen und unbekannten Welt. Eine Welt der Stille in einem völlig fremdartigen Element. Fiete war ein Kieler Jung. Durch und durch. Natürlich kannte er die See. Aber nicht, was sich unter ihrer glitzernden Oberfläche verborgen hielt. Er fühlte sich in seiner Entscheidung, niemals zum Bund zu gehen, zutiefst bestätigt. Die Stahlhaie seiner Durchlaucht, des Kaisers. Auf Patrouille. Oder auf Schleichfahrt. In der Kälte der Nacht. Doch die eiserne Disziplin, die unter von Montigny zu keiner Zeit nachließ. Doch sie kamen durch. Irgendwie war es ihnen gelungen, auch diese finsteren Zeiten zu überleben. 5.000 Männer und 190 U-Boote hatten dieses Glück nicht. Sie sanken auf den Grund der Ozeane.


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BeitragVerfasst am: 28.10.2017 09:24    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

So und jetzt steckt die Geschichte dramaturgisch in einem Dilemma!

Verweigert sich Fiete weiterhin? Lässt er sich von den Feldjägern abführen? Nei, Feldjäger = Militärpolizei. Er ist ja noch Zivilist. Wird er von der Polizei in Gewahrsam genommen? Muss er in den Knast, weil er seiner Einberufung zum JgBtl 511 nicht nachkommt?

Oder kriegt er Schiss und meldet sich am 01. September 1986 tatsächlich zum Dienstantritt in der 2./JgBtl 511? Den Fluchtplan ständig in der Tasche.
Er weiß, dass er absolut nichts zu lachen haben wird - JÄGER das heißt reine INFANTERIE, viel Gelände, Märsche und alles, was er hassen wird!

Bin da irgendwie unentschlossen.
Die Kriegserzählungen seines Opas kommen auch noch nicht naturgetreu rüber. Da muss etwas sein, was ihn Panik macht. Weshalb er niemals in eine Uniform gesteckt werden möchte.


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BeitragVerfasst am: 28.10.2017 09:44    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
1.) Wer aus Gewissensgründen unter Berufung auf das Grundrecht der Kriegsdienstverweigerung im Sinne des Artikels 4 Abs. 3 Satz 1 des Grundgesetzes den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert, wird nach den Vorschriften dieses Gesetzes als Kriegsdienstverweigerer anerkannt.
2.) Wehrpflichtige, die als Kriegsdienstverweigerer anerkannt worden sind, haben im Spannungs- oder Verteidigungsfall statt des Wehrdienstes Zivildienst außerhalb der Bundeswehr als Ersatzdienst nach Artikel 12a Absatz 2 des Grundgesetzes zu leisten. Über die Berechtigung, den Kriegsdienst mit der Waffe zu verweigern, entscheidet das Bundesamt für den Zivildienst (Bundesamt) auf Antrag.

sorry, hatte ich vergessen. Embarassed


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BeitragVerfasst am: 31.10.2017 13:14    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Glück gehabt, es geht mit Fiete weiter.

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BeitragVerfasst am: 31.10.2017 13:16    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

SECHSTES KAPITEL

Freitag, 29. August 1986.
Kaiserstraße 69, Kiel-Gaarden.
Es war noch dunkel und das morgendliche Vogelgezwitscher des Sommers hatte noch nicht eingesetzt. Oben rumorte es. Familienvater Hein Harms hatte eine lange, harte Nacht hinter sich gebracht. Mit Unmengen an Karlsquell und zwei Flaschen Kornbrand. Kein Oldesloer, auch kein Mackenstedter oder Fürst Bismarck, nicht einmal der gute Siebenmärker. Es hatte nur noch für Erntebrand von Aldi Nord gereicht. Oder Goldähre, wie der üble Fusel hieß. Hein guckte da nie so genau hin. Wohl aber auf den Preis. Fünf Mark die Pulle – ging gut in den Schädel und hatte dort auch sofort auf den Nerv getroffen und sein Hirn mit scheinbaren Glückshormonen überschwemmt. Erst nach 23:00 Uhr wurde es so richtig schlimm. Bruchlandung. Filmriss. Fiete musste ihn im Wohnzimmer einschließen. Er hätte sich sonst selbst verletzt. Irgendwann nach 01:00 musste er wohl eingeschlafen sein oder wurde ganz einfach ohnmächtig. Aber das spielte keine Rolle. Was den Suff anging, gab es nichts, was Hein umbringen könnte. Der Mann mit der Stahlleber! Sein Entgiftungsorgan hätte sogar Methylalkohol verkraftet. Das war das unmittelbare Ergebnis von jahrelanger Arbeit auf der Werft.
Swenja war gegen 02:00 von ihrer Schicht im Altersheim gekommen. Sie musste unbedingt mit ihm reden. Die beiden hatten sich dann auch relativ zügig auf ihr Zimmer verzogen.

Und Oppa? Der hatte sich munter auf’s Klo zurückgezogen. Die Totalabstürze seines Sohnes waren nichts Neues für ihn. Er war daran gewohnt. Regelmäßige Rituale der Küstenbewohner. So etwas kam in den besten Familien regelmäßig vor. Und hier in Holstein allemal. Wir sind nun mohl Holsteener und trinken keine Fanta. Das müsste der Rest der Welt jetzt langsam auch mal kapiert haben. Das „Schiethuus“, wie er den Abort der Mietskaserne liebevoll nannte, war Opas bevorzugter Rückzugsort. Hier konnte ihn keiner was. Hier konnte er die PRALINE lesen, Hein hatte sich das Erotikmagazin regelmäßig gekauft, als er noch auf der Werk arbeitete und diverse Exemplare hinter einer losen Fliese gehortet. Hier hatte er seinen Küstennebel stehen. Aus dem Hause Waldemar Behn in Eckernförde. Und hier konnte er ganz unverfänglich „mitgenießen“, wenn sein Sohn  oder sein Enkel mal wieder Damenbesuch hatten. Und heute ging es ganz munter drauf los. Karl-Heinz pfiff fröhlich „Lili Marleen“ vor sich hin. Seine ganz eigene Version von Marianne Rosenbergs „Marleen – eine von uns beiden muss nun gehn“.  

Swenja und Fiete hatten ihre Aussprache beendet. Sie ließen nun ihre Körper sprechen.
„Ooooaaaarrgghhh!“
„Scheiße, ist das geil!“
Die beiden bewegten sich rhythmisch. Ein weißes, pickliges Hinterteil bewegte sich hektisch auf und ab. Der junge Mann hämmerte aggressiv auf sie ein und sie nahm ihn bereitwillig auf und zog ihn tiefer und tiefer in sich hinein. Raum und Zeit waren verloren. Für einen Moment hatte Fiete das Gefühl, als ob sich seine Eichel in ihrem Muttermund verkantet hätte. Es fühlte sich so verdammt gut an.
„Aaahh!“ „Aaaaahhh!“ „Aaaaaaaaaahhhh!!!“
Er war kurz davor. Sie würde aber noch lange nicht kommen. Obwohl sie stöhnte wie im Kreissaal. Fiete wusste das von ihren früheren Begegnungen. Aber wenn sie kam, dann würde sie ihn wie eine Springflut hinfortfegen.

„Fieeteeee! Do is eener anner Döör! Lass datt höökern sin und mook de Döör auf!!!“, schrie Opa, der sich im Klo eingeschlossen hatte und keinerlei Anstalten machte, selbst die Tür zu öffnen.
„Oppa, du oller Kloogschieter, das verzeih ich dir nie!“
„Schiet di watt!“, kam es ungerührt zurück.
Und zu der Person an der Tür, „Ja, ja, ich komm‘ ja schon. Ein alter Mann ist doch kein D-Zug. Meine Fresse nochmal.“ Fiete hatte sich hastig Unterhose und Unterhemd übergestreift und polterte die Treppe hinunter.
„Ich warne Sie. Wenn Sie keinen verdammt guten Grund haben, uns so spät in der Nacht aus …“ Weiter kam er nicht. Eine behandschuhte Hand packte ihn an der Gurgel und warf ihn an die Wand. Eine andere drehte seinen Arm in den Polizeigriff, so dass Fiete hilflos nach vorn kippte und auf den Boden sank.
„Sind Sie Fiete Harms?“
„Wer will das wissen …Arschloch!“, jappste er. Da verstärkte sich der Abführgriff und sein rechter Arm zwiebelte so stark, dass ihm schwarz vor Augen wurde.
„Ganz ruhig bleiben, Freundchen. Immer schön sachte, ja?“ Sein Kopf wurde auf den kalten Fußboden gepresst – vor lauter Ärger und Wut troff ihm Speichel und Rotz vom Gesicht – und er war vollkommen fixiert. Hier konnte er nichts mehr ausrichten.
Olivgrüne Uniform, erdbeerrotes Barett mit dem Emblem der deutschen Überpolizei und der Inschrift „Suum cuique“, ein weißer Gürtel und weißes Ärmelabzeichen mit dem deutlichen Namenszug „FELDJÄGER“.
Man hatte ihn schon vorher gewarnt. Dass sie irgendwann kommen würden. Und man hatte ihm auch zu verstehen gegeben, dass sie ihn nicht mit Samthandschuhen anfassen und Höflichkeitsfloskeln anwenden würden. Potthast hatte seinen KV-Antrag fristgerecht abgelehnt, eine weitere Anhörung oder Gewissensprüfung war nicht vorgesehen und jetzt war es an den Feldjägern den Beschluss zu vollstrecken.

„Darf ich mir wenigstens etwas anziehen?“, jammerte Fiete. Sie hatten ihn kalt erwischt. Ihm war derzeit nicht nach Rebellion und Widerstand. Sein linker Hodensack hing ihm aus der Unterhose und mit dem Feinripphemd gab er eine erbärmliche Figur ab. Zumindest hätte er gerne noch zu Ende gefickt und wäre zusammen mit Swenja gekommen, hätte in ihr abgespritzt …
„Gewährt! Packen Sie Ihre Sachen. Der Kamerad wird jedoch mit Ihnen kommen, damit Sie nicht auf dumme Gedanken …“ Fiete schaute ihn wie ein Auto mit weit aufgerissenen Augen an. „Wissen Sie, was Ihnen vorgeworfen wird?“ „Quatschen Sie mich nicht voll, ja? Ich packe jetzt meine Sachen und komme mit Ihnen mit. Aber tun Sie mir den Gefallen, und machen hier nicht so ein Theater. Einen auf dicke Hose machen, das wäre ja noch schöner.“
Swenja war im Nachthemd hinuntergekommen und wollte wissen, was los war.
„Können Sie mir bitte mal erklären, was Sie hier mitten in der Nacht wollen und was Sie von Fiete wollen?“
Der Hauptgefreite sah den Unteroffizier an. „Gegen Herrn Fiete Harms liegt ein disziplinarischer Haftbefehl vor, den wir jetzt vollstrecken müssen. Aber wer sind Sie eigentlich?“
„Ich bin seine Freundin. Hätten Sie nicht wenigstens bis zum nächsten Montag warten können und uns noch dieses eine Wochenende lassen können?“, fragte sie ihn halb flehentlich und halb provokativ.
„Wir sind nicht hier, um diese Dinge zu entscheiden. Und jetzt machen Sie bitte keine Schwierigkeiten und kommen mit uns, Herr Harms.“
Fiete hatte sich mittlerweile Jeans und Jeansjacke angezogen und eine kleine Adidas-Sporttasche – Geschenk von Opa  - gepackt. Er küsste Swenja auf den Mund. „Ich lieb dich, Schatz und bin schneller wieder bei dir, als du denkst. Sag den anderen Bescheid bitte.“ Der Unteroffizier drängte zum baldigen Abmarsch.
Draußen stand ein VW Iltis mit orangem Kommandozeichen. Hinten nahm der Unteroffizier mit ihm Platz und ließ ihn keine Sekunde aus den Augen. Dann brausten sie in der Dämmerung auf und davon.

Café Viereck, so hieß das „Etablissement“. Drei kleine Arrestzellen, direkt an der Hauptwache der Kaserne. Bett, beziehungsweise eine Pritsche, hochklappbar, was zweimal am Tag geschah, ein Schemel, ein Tisch und eine Bibel. Ein wenig Tageslicht durch ein kleines, vergittertes Fenster. Das war alles.
Fiete wusste gar nicht wie lange er hier schon saß. Er versuchte, die Gespräche der Wache im Nebentrakt aufzunehmen. „Kohl Kriegskanzler …, jetzt mit harter Hand durchgreifen …, langhaarige Hippies und Bombenleger …, Notstandsgesetzgebung ….“, und so weiter. Dinge, auf die er sich keinen Reim machen konnte.
Anhand von Husten und Flüchen, wurde ihm gewahr, das auch die beiden Nachbarzellen belegt waren.
„Hasse Kippen?“, rief er aufs Geradewohl hinüber.
„Nur ‘nen halben Beutel Toback, Dicker. Und damit muss ich noch verdammt lange auskommen.“, kam es zerknirscht von der linken Seite.
„Wo kommse her?“. Fiete wollte die Konversation unbedingt aufrecht erhalten.
„Kiel-Mettenhof. Weißer Riese heißt das Gebäude. Die Schweine haben mich gepackt, als ich gerade nach Holland durchbrennen wollte, Dicker.“
„Ich komm auch aus Kiel, Alter. Sach ma‘, wie heißt du eigentlich? Ich bin Fiete.“
„Knut.“
Sein Gegenüber, das er nicht sehen konnte, blies Zigarettenrauch in den Gang, was einen unstillbaren Nikotinschmachter bei Fiete auslöste. Javaanse Jongens Zware – dat gute schwatte Zeugs!, dachte er genüsslich und leckte sich die Lippen.
 „Dicker, meinte du könntest mir nicht doch ‘ne selbstgekurbelte Kippe rüberwachsen lassen? Komm schon Knut. Sei kein Unmensch. Du kriegst sie ja auch wieder zurück, wenn wir beide hier erst einmal raus sind.“
„Sleis mi am Mors, olle Bratze. Ja, is ja gut … ich dreh dir eine, Dicker.“ Fiete konnte sein Glück gar nicht fassen. Knute ließ die dünne Zigarette bis kurz vor Fietes Tür rollen. Der nahm sie begierig auf, störte sich nicht an dem stark angesabberten Zigarettenpapier und schob sie sich genüsslich in den trockenen Mund.
„Feuer?“
„Ach, aber schmöken kannste dann schon selbst, was?“
Ein Bic-Feuerzeug schlug gegen die Tür.
„Knut, du bist einfach der Größte!“ Innerhalb von kurzer Zeit hatten die Zellengenossen ein eigentümliches Vertrauensverhältnis geschaffen.

Die letzten Tage des Augustes 1986 wurden Fietes schlimmstes Wochenende, dass er jemals erlebt hatte. Drei Tage in fast völliger Dunkelheit – irgendein Arschloch hatte das Fenster von außen abgedunkelt – nur mit der Bibel und einem ekelhaftem Frass aus Königsberger Klopsen mit Specknudelsauce, Erbsen und Möhren, den kein Schwein hinunterwürgen konnte und viele Stunden lang einfach nur stumpf Löcher in die trostlose Decke gestarrt.
Am Sonntag war dann die Anhörung mit dem Oberstleutnant – die Bundesrepublik wurde nur noch durch Notstandsgesetzgebung regiert, daher hatte das Wochenende an Bedeutung verloren – mit dem Ergebnis, dass Fiete Harms jetzt bei der Truppe dienen musste.
Andererseits würde man ihn nicht mehr nur als „EA – eigenmächtig abwesend“, sondern als „fahnenflüchtigen Deserteur“ einstufen.

Montag, 1. September 1986.
Briesen-Kaserne. Gartenstadt Flensburg-Weiche.
Hier wo die Einsamkeit einen Namen bekam. Hier wo Hoffnungslosigkeit zu grauem Fleisch wurde. Weites, totes Land. Überwachsene Gleisanlagen und sonst gar nichts. Verlassener als die Filmkulisse der Bahnstation Cattle Corner von „Spiel mir das Lied vom Tod“. Hier würde nicht einmal Klaus Kinski in „E dio disse a Caino – Satan der Rache“ mit klirrenden Sporen oder Django mit seinem Sarg voll Blut vorbeikommen. „Ich brauch ‘n Pferd und ‘ne Bleispritze.“ Die Totenglocken läuteten.
Auf einer alten, knorrigen Erle saß eine Gruppe von Krähen und verursachte ein heiseres Schimpfkonzert voller Dissonanz. Sie schrien verzweifelt gegen den trostlosen Tag an, der sich hinter einem zugezogenen Wolkenhimmel verbarg. Gleich würde es wieder zu nieseln anfangen. Hier an der Küste durchaus nichts Ungewöhnliches.
Nicht weit von hier befand sich der Bahndamm und der Waldweg, auf dem vor sechszehn Jahren ein 20jähriges Mädchen ermordet wurde. Ein abscheuliches Sittlichkeitsverbrechen. Ausgeraubt, missbraucht und hinterher erschlagen. Im Winter war es. Am 7. Januar 1970. Nähe Güterbahnhof. Nur 90 Meter vom eigenen Elternhaus entfernt. Der Mörder wurde nie gefasst, doch man ging stark davon aus, dass er im gleichen Bus mit ihr gesessen haben musste. So ein junges Ding, unschuldig und so herzlos aus dem Leben gerissen.
Erst sehr viel später sollte sich herausstellen, dass ein Bundeswehrsoldat der Täter gewesen war, der seine Triebe nicht im Zaune halten konnte und über das junge Mädchen hergefallen sein musste wie ein wildes Tier.

In Flensburg gab es definitiv nichts, was einen jungen Mann großartig vom Hocker gerissen hätte. Die Flensburger Punktekartei für alle Verkehrsrowdies, die legendäre Flasch Flens, das herbbittere Bier mit dem Beugelverschluss und dem Plopp, wenn man es aufmachte und schäumte und der geheimnisvollen Beate Uhse Versand. Mittlerweile eine Aktiengesellschaft für Ehehygiene. Spanische Fliegen, Intimsalben, rosa Strapse und monströse Dildos mit abartigen Gumminoppen. Fiete hatte noch nie verstanden, was die Leute daran fanden. Was er brauchte, waren willige Frauen. Alles andere, drum herum, war ihm mehr oder weniger egal.
„Da schiet der Hund druff!“, wie Oppa immer so schön sagte.

Stacheldrahtverhau. Militärischer Sicherheitsbereich. „Achtung. Schusswaffengebrauch!“
Oberstleutnant Klaus Wilhelm Albrecht, Kommandeur des Jägerbataillons 511 hielt eine Ansprache an die neue Ausbildungskompanie 2./JgBtl 511. Drei im Glied und viele, viele nebeneinander.
„Kompanie stillstann’!“
„Rrrrrrricht Euch!“
Der Nieselregen verstärkte sich allmählich. Es waren jetzt dicke Tropfen, die unaufhörlich auf die Schiffchen der Rekruten trommelten.
„Herr Oberstleutnant, melde Zwote Kompanie in Stärke 1 / 25 / 123 angetreten!“
„Danke Herr Hauptmann. Zurück ins Glied.“
Gruss, Meldung, Gruss. Hauptmann Sellbrink reihte sich gemessenen Schrittes rechts neben seine Kompanie ein. Links von ihm der Spieß, Hauptfeldwebel Färber und die drei Zugführer.
Albrecht baute sich vor der Ausbildungskompanie auf.
„GUTEN TAG SOLDATEN!!!“
„GUTEN TAG HERR OBERSTLEUTNANT!!!!“
„Soldaten der zwoten Kompanie des Jägerbataillons 511! Ein weiser Mann der Antike soll einmal gesagt haben: Si vis pacem para bellum. Für die weniger Gebildeten unter Ihnen, heißt das so viel wie »wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor«. 43 vor Christi hat Cicero dies schon einmal dem römischen Senat unterbreitet, als er ihn eindringlich und mit aller Schärfe mahnte, unverzüglich gegen das Heer von Marcus Antonius vorzugehen, bevor es zu spät sei. Und dieser Satz gilt auch heute noch.“
Oberstleutnant Albrecht war noch vor der alten Garde. Vom alten Schrot und Korn. Groß, hager und knochig. Seine Haltung, die spitze Adlernase und die eingefallenen Gesichtszüge ließen auf einen asketischen Lebenswandel schließen.
„Wie Sie alle sicherlich mitbekommen haben, leben wir in ausgesprochen schicksalsschweren Zeiten. Doch wir alle hier sind die Zukunft Deutschlands und wir werden vermutlich sehr bald auf dem Schlachtfeld zeigen müssen, wie teuer uns Freiheit und Demokratie sind.“

Der Krähenschwarm war in die Luft gestiegen und flog in Richtung Süden. Es war noch viel zu früh für die Jahreszeit, jetzt schon nach Afrika aufzubrechen. Ungewöhnlich, normalerweise verbrachten die Krähen den Winter hier in Deutschland.

Albrechts Stimme hatte einen wesentlich schärferen Ton angenommen. Auch der Tenor hatte sich komplett verändert. Fast beschwörerisch sprach er in Front zur Kompanie. Mit hervor gerecktem Kinn.
„Wir sind Jäger. Dass heißt, dass wir ganz weit vorne sein werden. Sehr weit vorn. Da wo es dermaßen nach Scheiße, Tod und Verwesung riecht, dass Sie sich vor lauter Gestank die Nase zuhalten müssen. Ich hoffe, es ist Ihnen allen klar, wohin die Reise geht. Kompaniechef und Teileinheitsführer haben von mir den Befehl bekommen, dass die Durchhaltefähigkeit der Jägertruppe an oberster Stelle steht und dass dazu eine Reihe von Maßnahmen notwendig ist. Soweit noch nicht geschehen, werden wir Sie in die Lage versetzen, möglichst lange auf dem Gefechtsfeld zu überleben. Es wird schwer werden, wenn Sie allein da draußen auf Alarmposten liegen. In der Nacht. Und wir Ihnen nicht beistehen werden können. Egal, was auch immer da auf Sie zukommen wird.“

Was auf uns zukommen wird? Wie bitte? Das fragst du auch noch? Am Arsch, du komischer Vogel! Im Eroscenter wollte ich heute kommen, einen wegstecken wollte ich, Matratzen-Mambo, aber sonst gar nix! Damen aus aller Welt erwarten Sie! Kiel, Wall 50. Kennst du natürlich nicht du Hinterlader. Und ihr Schweine habt mir die Party kaputt gemacht!

„Wegtreten!“
Heute Nacht wird wieder NATO-Alarm sein. Arschtritt mit Ankündigung. Und es wird wieder in die Jägerlust gehen. Auf den einsamen Standortübungsplatz der Wagrien-Kaserne. Noch einsamer und verlassener als die komplette Gartenstadt Flensburg-Weiche zusammen. 415 Hektar reines Elend bis hoch nach Ellund und Harrieslee. Als hätte der Teufel es ausgeschissen. Nord- und Südteil, durch Ochsenweg und Flensburger Flughafen miteinander verbunden. Der nördliche Zipfel für die Kettenfahrzeuge des Panzerbataillons 513 und der südliche für sie ….


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BeitragVerfasst am: 31.10.2017 13:17    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Okay, dolle ist es immer noch nicht. Vielleicht zu viele Widersprüche an sich. Was meint ihr?

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BeitragVerfasst am: 31.10.2017 18:14    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Nicht alle Kriegsdienstverweigerer waren auch fromme Lämmer Gottes und hatten sich der Friedenstaube verschrieben. Knut zum Beispiel war ein großer Fan von „The Raging Bull“ aus der New Yorker Bronx. Der, der sie wirklich alle vermöbelt hatte. Einige mit seinen über-harten Schlägen sogar in den Rollstuhl befördert hatte. Wer gegen den Champ Jake La Motta antrat, der musste damit rechnen, für die nächsten Jahre nur noch aus der Schnabeltasse trin-ken zu müssen.
Für ihn der größte Boxer aller Zeiten. Der „Bulle“ hatte allen die Fresse zu Brei geschlagen, inklusive seinem Bruder Joey und seiner Frau Vikki. Wegen Nichtigkeiten, Eifersüchteleien, meist irgendein belangloser Scheiß, der sein Testosteron in den Adern zum Kochen brachte. Oder weil er der Meinung war, Vikki hätte mit seinem Bruder gefickt. Absurd, natürlich, doch der Italoamerikaner hatte einen Schädel aus Granit. Und wenn sich dort erst einmal etwas festgesetzt hatte … Jake La Motta ließ sich durch nichts und wieder nichts aufhalten. Er war so etwas wie eine Naturgewalt. Unbändig und gnadenlos wie ein Tornado, der über das Meer kam. Muskeln ohne Verstand. Und im Ring prügelte er sie alle zu Boden: Billy Fox, Lorenzo Strickland, Fritzie Zivic, Tommy Bell, Marcel Cerdan und wie sie alle sonst noch hießen. Alle bis auf „Sugar Ray“ Robinson. Und der gab ihm Saures. Fünf bis zehn Uppercuts und Punches, immer auf die Zwölf. Bis das Blut spritzte und die Zähne flogen. seitlich am Kinn erwischt, wie eine Explosion, die bis tief im Hinterkopf nachdröhnt. „Bloody Valentine“ nannten sie diese Boxschlacht von 1951 später. Es war ihr sechstes Aufeinandertreffen und es wurde ein brutales Massaker. Ein unvergesslicher Fight für das nächste Jahrtausend. Eine Parabel von dem, was ein Mensch alles aushalten konnte. Wozu ein einzelner Mensch im-stande war.

Knut ging sofort tänzelnd in Position.
„Linker Haken, rechter Haken. Komm her hier. Na los! Dääng und noch einen drauf: zack!“
Mit seinen Fäusten ahmte er das hässliche Geräusch klatschenden Fleisches nach.
„Jake hat Sugar Ray, der nur noch an der Bande hängt. Dääng, dääng, dääng. Immer schön in die Niere. Da, wo es ordentlich zwiebelt. Los Jake, komm schon. Gleich liegt er am Boden. Mach ihn fertig. Schlag ihn tot! Dääng, dääng, …“
„Rohbecker, hören Sie sofort mit den Faxen auf oder ich dreh‘ Ihnen persönlich den Arsch auf links, haben wir uns da recht verstanden?“, rief die heisere aber dennoch äußerst kraftvolle Stimme seines Zugführers, Oberfeldwebel Wagner.

Sie standen vor der Waldbürste. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt und die Augen auf nichts gerichtet. Seit einer geschlagenen halben Stunde.
Da schrie Wagner, so dass die Adern seines Halsansatzes zu platzen drohten. „Vor und links von Ihnen spritzt die Erde in rascher Folge auf! Jetzt wieder! In den Holunderbusch dort drü-ben schlägt eine Geschoßgarbe ein.“
Der III. Zug starrte stupide wie eine Herde Rinder auf die Waldbürste, die aus einer Reihe einzeln stehender Kiefern bestand. Wagner erzählte ihnen von Dingen, die sie gerademal aus Filmen wie dem kürzlich angelaufenen „Platoon“ von Oliver Stone her kannten.
Das jedoch brachte ihren Zugführer noch mehr in Rage. Er hatte den Auftrag, ihnen die Waf-fenwirkung des Gegners plastisch näher zu bringen. Damit sie eine Ahnung bekamen, was demnächst auf sie zukommen wird.
„An der rechten Waldecke Mündungsblitz. Ein scharfer Abschussknall, unmittelbar danach links neben dem MTW Einschlag. Splitter knallen gegen die Bordwand!“ Und da sich immer noch nicht die gewünschte Reaktion einstellte.
„Sie hören ein Jaulen. Jenseits der Kreuzung steigen krachend zwei, drei, vier Erdfontänen hoch. Auch dieserseits der Kreuzung erkennen sie Granattrichter. Was also, um Gottes Willen, machen Sie?“

Die Rekruten der 2./JgBtl 511 wussten natürlich nicht, dass Wagner diese drastischen Schil-derungen wortwörtlich aus dem Heftchen „Kriegsnah Ausbilden“, welches letztes Jahr vom Heeresamt an die Kampftruppen ausgegeben wurde, übernommen hatte.
Der grinste mit einem Anflug von Traurigkeit und gleichzeitiger Bösartigkeit.
Ihr dummen kleinen Schweinchen. Wenn erst die Stunde aller Stunden geschlagen hat, dann würdet ihr euch allesamt wünschen, ihr hättet damals auf dem Standortübungsplatz besser aufgepasst. Noch ist es alles eine Übung. Noch wird nicht zurückgeschossen und gar nichts.

Wagner besprach sich kurz mit seinen beiden Gruppenführern, die Feldwebel Osterweg und Klein. Dann wurden sie über die Melderbahn gejagt.

Die Melderbahn „Død Mand - Toter Mann“ befand sich hinter dem Flugplatz, am nörd-lichsten Winkel des Standortübungsplatzes Jägerlust. Also mit einem Bein fast schon in Dä-nemark. Das Danske Jægerkorpset kam häufig rüber, um hier zu rödeln, bis die Knochen aus den Gelenken sprangen. Ein trostloser Ort, an dem die Flensburger Umgebung so reich war. Die offenen Flächen des Geländes wichen einem düsteren Birken- und Erlenbruchwald, der von schwarzen, nach Schwefelwasserstoff stinkenden Wasserflächen umflossen war.
„So meine Herren. Waffe immer schön in Vorhalte. Dort drüben irgendwo ist der Feind. Doch jetzt: abhocken und konsequent beobachten! Kommen wir zum vorläufigen Höhepunkt der Jägerausbildung. Willkommen auf der Melderbahn. Gruppenführer übernehmen.“

Oberfeld Wagner nahm sich zurück, steckte sich eine Prince Denmark an und wollte von sei-nem Zug jetzt mal sehen, wie sie sich in einem unbekannten Gelände verhalten. Genüsslich pustete er den Rauch aus den Nasenlöchern aus und beobachtete die Szenerie minuziös aus dem kleinen, olivgrünen Doppelfernrohr (DF), Feldstecher aus dem Hause Hensoldt mit Strichbild für die Zielansprache und achtfacher Vergrößerung, den allen Unteroffizieren und Portepees der Jägertruppe über der Brust hing.

Feldwebel Osterweg übernahm. „So, alle mal herhören. Krieg bedeutet in erster Linie seelische und körperliche Dauerbelastung. Vor allem natürlich für die Infanterie. Für die Königin aller Waffen. Und ich spreche von Dingen, die auf Sie zukommen. Heute sind wir hier, damit Sie einen Vorgeschmack auf Letzteres bekommen. Sie müssen in der Lage sein, einen 36 Stunden Kampftag problemlos überstehen zu können und egal, was die Situation mit sich bringt, jederzeit einsatzbereit zu sein.“
„Darf geraucht werden?“, fragte jemand aus der Masse, dessen Gesicht bei einsetzender Dämmerung nicht ausgemacht werden konnte. Die Schatten waren länger geworden und tauchten die Männer in unheimliches Zwielicht.
„NATÜRLICH NICHT, SIE STÜCK SCHEISSE?“ Klein war sofort zur Stelle und fing wie ein Bluthund an, die Witterung aufzunehmen. „Wer hat das gesagt?“, „Na los, vortreten. Wird’s bald!“ Doch der Zug gab keinen Mucks von sich. Sie wollten diese Scheiße hier nur ganz schnell hinter sich bringen. Augen zu und durch.

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BeitragVerfasst am: 31.10.2017 18:16    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Automatische Silbentrennung, sorry.

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BeitragVerfasst am: 01.11.2017 06:08    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Tscha und hier haben wir erneut einen dramaturgischen Knaxus.

Er hat zwar Sex mit seiner Freundin Svenja aber wie soll man ihm abkaufen, dass er ihr sehr bald durch die Kriegswirren des ausbrechenden Konfliktes die 890 Kilometer von Flensburg nach Rosenheim folgt?

Er ist immer noch das gleiche asoziale Arschloch. Bisher konnte er beim Leser noch keinerlei Sympathiepunkte gewinnen, oder sehe ich das falsch?

Jetzt baut sich ein ganzer Fragenkatalog auf:
 - die Bundesrepublik zwingt niemanden gegen seinen Willen zum Dienst an der Waffe. Jetzt hat sich die Lage natürlich deutlich verschärft, Hunderttausende machen von ihrem Kriegsverweigerungsrecht Gebrauch. Notstandsgesetzgebung durch "Kriegskanzler" Dr. Helmut Kohl. Doch noch durch Zwang zum Wehrdienst gezwungen werden, da sonst das Territorialheer nicht aufgestellt werden kann.

Ist das plausibel?


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BeitragVerfasst am: 01.11.2017 06:17    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Eigentlich ist es ja ein ganzer Fragenkatalog.

Fiete und Knut, die beiden Kriegsdienstverweigerer, die deswegen im Knast saßen und zur Jägerausbildung gezwungen werden, wollen bei der nächsten Gelegenheit die Flucht ergreifen. Sie wollen beim Geländeausdauertraining, also beim morgendlichen Waldlauf der Kompanie türmen.
Erstmal nach Kiel. Da erfährt Fiete, dass seine Familie (Vater u. Großvater) fort sind und auch Svenja ist verschwunden. Sie soll irgendwo unten in Bayern, in Rosenheim sein.

- Warum sind Fietes Gefühle auf einmal so groß, dass er unbedingt die gefahrvolle Reise nach Rosenheim antritt?
- Was zur Hölle macht Svenja in Rosenheim? Es herrscht immerhin Krieg oder droht unmittelbar auszubrechen und da nimmt sie eine Anstellung in einem Altersheim im fast 1.000 km entfernten Rosenheim an?
- Wo sind Hein und Karl-Heinz Harms hin?
- Wie schaffen es zwei Typen im blauen Bundeswehr-Sportanzug unbehelligt durch die Landschaft zu eiern?

Vielleicht hat jemand von Euch gute Ideen? Wäre klasse!


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BeitragVerfasst am: 02.11.2017 10:45    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

SIEBTES KAPITEL

Für Fiete Harms stand schon nach kurzer Zeit fest: er musste hier weg! Und das so schnell wie möglich. Knut Rohbecker war der Erste und der Einzige, den er offiziell in seine Fluchtpläne einweihte.
Beim Waffenreinigen auf Stube 17 nahm er ihn vertraulich beiseite.
„Dicker, ey zsssss.“ Der Angesprochene tat so, als würde ihm eine Fliege ums Ohr fliegen.
„Lass und abhauen, bevor es zu spät ist!“
„Was meinst du, Alter?“ Knut war nicht gerade die hellste Kerze auf der Torte.
Fiete legte den polierten Verschluss des G3 zur Seite. „Na, ab durch die Mitte natürlich. Morgen beim Geländelauf. Wir fallen langsam zurück und wenn’s keiner merkt – zack, sind wir weg. Einfach so.“ Fiete schnäuzte sich geräuschvoll.
„Dicker, die packen uns so oder so. Ich mach da nicht mit. Kommt gar nicht in die Tüte. Du hast wohl ein Ei am wandern oder was?“ Knut sah ihn eindringlich in die Augen. „Möchte nicht nochmal von den Greifern ins Hallo-Achtung genommen werden und weitere Nächte im Café Viereck verbringen. Lass dir das gesagt sein. So und jetzt Ende der Diskussion! Mach jetzt deine Scheiß Knispe sauber, damit wir endlich Dienstschluss kriegen!“ Zur Bekräftigung seines Entschlusses stieß er mit dem Bodenstück laut auf den frisch gebohnerten Flur auf.
„Alter, jetzt sei kein Lappen. Kiel wartet auf uns. Karlsquell ohne Ende. Fluppen. Die Spiel-o-Thek, der Flipperautomat, daddeln, solange pennen, wie du willst – einfach alles, was das Leben lebenswert macht.“ Fiete blies Knut langsam Rauch ins Gesicht, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.
„Dicker, jetzt hör auf zu singen.“ Er ließ einen weiteren Docht an der Kette durch den Lauf gleiten und zog dreimal kräftig durch. Die Dochte waren noch immer kohlenschwarz. „Na, da tanzen ja nackte Elefanten durch’s Rohr! Können Sie mich noch sehen?“ Er machte Oberfeld Wagner nach.
„Knut, jetzt aber mal ohne Scheiß. Willst du hier wirklich in diesem Saftladen verrecken? Die machen uns fit für die Front, nichts anderes! WIR sind das Kanonenfutter für die Russen und nicht umgekehrt. Mein Opa hat immer gesagt …“
„Das interessiert mich einen verdammten Scheißdreck, was dein Opa sagt. So und jetzt zum Mitschreiben: ich wollte nie Soldat sein. Bin es jetzt aber doch und muss die Scheiße halt auslöffeln. Und wenn ich dir einen guten Rat geben darf, dann hörst du endlich auf …“
Jetzt regte sich auch Fiete auf. „Ey, bist du eigentlich so blöd oder tust du nur so? Die wollen uns verheizen, wir kommen nicht mal bis an die Front. Die schlachten uns vorher ab.“
Er sagte das so eindringlich, dass es Knut fröstelte. Fiete fuhr fort, „Wegen der Feldjäger brauchst du dir ganz bestimmt keinen Kopf zu machen. Weißt du eigentlich, wie viele Fahnenflüchtige und Verweigerer jetzt in dieser Minute gerade unterwegs sind, um den Bund zu entkommen? Wer schlau ist, der macht rüber nach Holland. Die sollen nicht ausliefern, habe ich gehört.“
So langsam arbeitete es in Knuts dumpfen Hirn und er fing an, sich mit dieser Idee ernsthaft auseinanderzusetzen.
„Angenommen, wir packen es und können uns morgen beim angekündigten GAT absetzen. Was meinst du wohl, wie die Leute auf zwei Irre in Bundeswehr-Sportzeug reagieren?“
„Dicker, das lass mal meine Sorge sein. Im Moment läuft alles drunter und drüber. Die haben uns nicht auf dem Zeiger. Ich schwör’s dir!“

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BeitragVerfasst am: 02.11.2017 12:03    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

ACHTES KAPITEL

Dienstag, 2. September 1986.
Irgendwo auf dem Truppenübungsplatz Jägerslust. Sechs Uhr morgens. Temperaturen um die 15°C. Äußerst angenehm für körperliche Betätigungen. Genau die richtigen Bedingungen für einen knackigen Marathon. GAT – Geländeausdauertraining, um die Durchhaltefähigkeit und die Fitness der Jägertruppe auf das gewünschte Niveau zu heben. Alles, was die Infanterie hatte, das steckte in ihren strammen Waden. Und Pferdelungen.
Die Läufer der 2./JgBtl 511 hatten mit angezogenem Tempo den Wachbereich der Wagrien-Kaserne verlassen und eilten der Jägerslust entgegen, die von zahlreichen malerischen Feld- und Waldwegen durchzogen war. Zwischendurch immer wieder Gräben und Bäche und Wild, was gleich aufgescheucht davonstob. Einmal kräftig durchpusten und klare Morgenluft in die verräucherten Lungen pumpen. Dauerlauf, ohne irgendwelche Schweinereien, Dummfick-Einlagen wie ABC-Alarm und dergleichen.

Oberfeld Wagner lief allen voran. Wie ein kenianischer Savannenläufer zog er seine Spur. Seine Atmung ging gleichmäßig. Nicht die kleinste Schweißperle war auf seiner Stirn zu sehen. Er hatte sich zusätzlich noch Steine in seinen Rucksack gepackt, um der Kompanie zu zeigen, was für verdammt harte Eier er doch hatte. Nach der ersten halben Stunde des munteren Trabens, bildeten sich die ersten Grüppchen. Die Leistungsträger vorneweg, dann der große Mittelpulk der Standardsportler und mit gehörig Abstand die Nachhut. Diese bestand aus dem „unsportlichen Geschmeiß“, so wie Wagner es auszudrücken pflegte, Kettenraucher, starke Trinker mit Bierplauze und Kerlen, die es überhaupt nicht einsahen, sich noch vor dem Frühstück für Vater Staat den Arsch aufzureißen.

Wie abgesprochen, fielen Fiete und Knut immer weiter zurück, bis sie schließlich die Letzten der gesamten Kompanie waren.
„Halt!“, rief Fiete und verlangsamte seine Schritte, bis er vor einer kleinen Brücke stehenblieb. Mit hochrotem Gesicht ging Knut in die Knie und hielt sich vor Seitenstechen die Hüften. „Wa …, was’n?“, japste er. „Hier isses!“ Fiete deutete mit zitternder Hand in die südwestliche Richtung, „da unten ist Jarplund-Dorf, der Wedinger See und unter der Autobahn müssen wir durch. Dann sind wir in Freiheit.“
Fiete hatte sich einen Plan gemacht, Knut jedoch nichts davon verraten. Der Junge war alles andere als standhaft und je weniger der Dummkopf wusste, umso besser war es für die beiden. Bei dieser Gelegenheit stellte sich Fiete die ernsthafte Frage, warum er Knut überhaupt dabei haben wollte. Er wäre ihm ja doch nur im Wege gewesen, aber allein wollte Fiete auch nicht die Reise nach Kiel antreten. Es ging ihn hauptsächlich darum, einen Leidensgenossen dabei zu haben – mehr nicht!

Die nächste Ortschaft war Sieverstedt, etwa 15 Kilometer vom Ausgangsort entfernt. Doch die beiden waren immer noch frisch und der Marsch durch die spätsommerliche Landschaft machte ihnen scheinbar überhaupt nichts aus. Sie waren immerhin jung und hätten in diesem Tempo locker bis zum Einbruch der Dunkelheit marschieren können.
Unermüdlich folgten sie den kleinen Feldwegen, die vollkommen verlassen zu sein schienen. Austorben. Keine Menschenseele. Normalerweise sah man immer wieder einmal eine Reiterin oder einen Jäger auf dem Hochsitz, doch diesmal komplette Fehlanzeige. Das etwas in der Bundesrepublik nicht mehr stimmte, war mit jedem Luftzug zu spüren.

„So Bruder, wird Zeit, dass wir die Sportklamotten loswerden und uns unter’s Volk mischen, was meinst du?“ „Klar Fiete, wir sehen ja aus wie die entlaufenen Irren.“
Das war natürlich bei weitem übertrieben. Der Bundeswehrsportanzug in seinen blauen Farben und dem Bundesadler auf der Brust war für viele, die damit auch in ihrer Freizeit herumliefen, durchaus kleidsam. Nur Knut, dem alles, was mit Militär zusammenhing, schon von vornherein zutiefst verhasst war, sah das natürlich vollkommen anders. Er tat so, als wäre das, was sie gerade veranstalteten, so etwas wie Republikflucht. Ungesetzlicher Grenzübertritt. Das unerlaubte Verlassen des „freiheitlichen“ Sektors durch den antifaschistischen Schutzwall.
„Grenzdurchbrüche dürfen keinesfalls zugelassen werden. Sperrbrecher sind gleichbedeutend mit Vaterlandsverrätern. Verräter sind zu stellen und zu liquidieren. Daher sind Grenzverletzer vorläufig festzunehmen, unschädlich zu machen oder zu vernichten.“ Mit gezieltem Kopfschuss. Dafür gab es dann einen Trabant und ein bezahltes Familienwochenende auf Rügen. Aber sie waren nur auf dem Weg zurück in ihr geliebtes Zivilleben. Die Feldjäger würden nicht auf sie schießen. Aber mit Sicherheit wieder in den Knast stecken. Beide hatten sich geschworen, dass dies niemals wieder passieren sollte.

Ein kleines Gehöft bei Sieverstedt wurde zu ihrem Glücksfall. Es gehörte ganz offensichtlich einem Kälbermäster, der gerade mit seiner Familie Anstalten machte, das Weite zu suchen. Weg, weg, nach Westen. Nach Enschede, oder weiß der Deibel! Nur weg von der Reichweite sowjetischer Artillerie. Es war hinreichend bekannt, dass Schiffsgeschütze der Volksmarine durchaus das Holsteinische Hinterland erreichen konnten. Der Bauer war ein stämmiger, rotgesichtiger Mann mit Prinz-Heinrich-Mütze – normalerweise trug die Landbevölkerung hier traditionsmäßig eine grüne Kopfbedeckung, die stark an die Feldmütze der ehemaligen Wehrmacht erinnerte – und hatte alle Hände damit zu tun, seine vierköpfige Familie in den giftgrünen Ford Granada zu schaufeln. Die Bälger zeterten und machten einen Mordsaufstand, während die Frau, eine korpulente Mittvierzigerin mit Lockenwicklern im Haar, verzweifelt versuchte, den kompletten Hausstand in dem völlig überladenen Fahrzeug unterzubringen.
Fiete musste bösartig grinsen. Er hatte auch einen Onkel bei Neumünster, der genauso ein Trampel war wie dieses Exemplar hier.
„Wir warten, bis diese Penner sich verzogen haben und dann gehen wir rüber und sehen nach, ob wir beiden nicht ein paar Klamotten für uns finden, was?“
Nachdem der Granada die schmutzige Auffahrt mit quietschenden Reifen passiert hatte, schlichen sich Fiete und Knut an das Wohnhaus. Es war seltsam still. Die Kälberställe schienen leer zu sein. Der Landwirt hatte sein Vieh verkauft oder sonst etwas damit gemacht.

Es dauerte eine Weile, bis sie fündig wurden. Die Bauernfamilie hatte gehaust wie die Vandalen. Wohnzimmerschränke aufgerissen, Kleiderschränke genauso und die ganze Habe in irgendwelche Koffer gepackt und dann einfach nur abgehauen. Als hätten sie ihr eigenes Heim überfallen. Doch im Schlafzimmer gab es noch eine Stallgarnitur und ein paar Kleidungsstücke, die für das Zivilleben mit Abstrichen tauglich waren.
„Scheiße, siehst du behindert aus!“, quiekte Knut und feixte sich einen.
„Halt die Fresse du Arschloch!“, herrschte Fiete ihn an, musste dann aber selbst lachen, als er sich in einem wenigstens drei Nummern zu großem Aufzug im Spiegel betrachtete. Cordhose und eine derbe Weste. Alles abgewetzt, milliardenfach gewaschen und innen drin klebte noch Kälberscheiße.
„Tach auch, bin de Buer!“ begrüßte ihn Fiete. Knut sah aber auch nicht besser aus. Etwas fülliger, passte ihm die Kleidung der Landbevölkerung.
Danach setzten sich sie vor den Kühlschrank und aßen, das was die Familie übrig gelassen hatte. Milch, Speck und Eier. Für das erste Frühstück des Tages jedoch hervorragend.
Fiete überlegte. Von Sieverstedt bis Schleswig 16 Kilometer und von dort aus noch einmal 50 bis in die Landeshauptstadt Kiel. Das war nicht zu schaffen. Nicht mehr heute. Zwischenstopp in Eckernförde. Er hatte einen Kumpel dort. „Locke“, ein Hell’s Angel. Aus Hennings Clique. Der wohnte in einer einfachen Bude am Windebyer Moor. Bis dorthin sollten sie es heute auf jeden Fall schaffen. Zumindest, das wusste Fiete aus der Vergangenheit, hatte „Locke“ den Kühlschrank immer bis zum Arsch voll mit Flens. Allein das motivierte die beiden noch zu Höchstleistungen.

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BeitragVerfasst am: 02.11.2017 16:56    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Dienstag, 2. September 1986.
Eckernförde. Noorstraße Nummer Drei.
Es wurde allmählich dunkel, als die beiden Fahnenflüchtigen vor „Lockes“ Tür klingelten. Knut sah sehnsuchtsvoll über die Schulter nach Süden. Man konnte von hier aus Kiel und die Kisten mit den frischen Kieler Sprotten schon fast riechen. Bis hierhin war alles gut gegangen. Fast schon viel zu glatt.
Hundegebell. Knarrend öffnete sich die Tür. „Herein, wenn’s man kein Bullenschwein ist!“, knarrzte die Stimme eines Kettenrauchers. Es war „Locke“. In Unterhose und Unterhemd. Ohne Kutte hätte ihn Fiete beinahe nicht wiedererkannt. Dafür aber unrasiert und ungepflegt wie immer. „Locke“ lebte in einem Haushalt, zusammen mit vier Hunden - Straßenpromenaden – und einer nicht zu beziffernden Anzahl von Katzen. Es stank wie auf einer Müllkippe. Ein ekelhafter süßlicher Gestank, der einem den Atem nahm. Fiete musste sich sofort eine Zigarette anzünden, um seine Nasennerven zu betäuben. Tapfer kämpfte er gegen dieses Gefühl an. „Locke“ würde ihr sicherer Hafen werden – einstweilen.
„Dicker, watt wissu denn hier? Ich denk‘ du bist beim Bund, Alter?“
Fiete und Knute drängten hinein, ohne dass sie „Locke“ dazu eingeladen hatte.
„Nicht so laut, nicht so laut.“, sagte Fiete gepresst, „Erzähl ich dir alles später. Hasse Bier für uns?“
„Ob ich watt …? Diiiicker, willste mir flachsen?“ Ein breites Lächeln mit den ungepflegtesten und verrottetsten Zähnen , die Fiete jemals in seinem noch jungen Leben zu Gesicht bekommen hatte, strahlte ihn an. Das war absolut umwerfend! Sein fauliger Mundgeruch ebenso. Im Gegensatz zu den anderen Hell’s Angels vom MC Kiel, lebte „Locke“ verhältnismäßig ärmlich. Er hatte keine Nutten am Laufen – nicht einmal das! – und in der Drogenszene war er bis dato auch noch nicht auffällig geworden.
Wortlos reichte er ihnen zwei lauwarme Flaschen Flensburger Pils hin.
„Das ist mein Alterchen! Dicker, Karl Soest – Prost!“, frohlockte Fiete, als drei Bügelverschlüsse aufploppten – die beiden verstanden sich wortlos. „Pass mal auf. Das ist mein Kollege Knut. Der kommt auch aus Kiel.“ Knut und „Locke“ begrüßten sich mit einem gewissen Abstand, wie man es in Schleswig-Holstein zu tun pflegte, wenn man sich noch nicht näher kannte. Fietes Kompagnon exte die eine Flasche und griff sofort in den Kasten, der direkt an der Tür stand und leerte auch diese in einem Zug. Erst bei der Dritten ging es etwas langsamer von sich. Er hatte einen Mörderdurst und versuchte die Lage einzuschätzen, ob ein Kasten für drei Mann denn wohl genug sein.
„Was machen eigentlich die Brüder jetzt?“, wollte Fiete wissen. Irgendwie verspürte er immer noch Verbundenheit zum Motorradclub.
„Also, äh…, Bonno tschä…, den hamse auch gepackt und zu die Jägers …“ „Scheiße, bei dem Drecksverein war ich auch, zumindest bis heute Morgen“, warf Fiete ein und fletschte die Zähne. „Locke“ fuhr unbeirrt fort, „also Bonno bei die Jagers [„Locke“ war so dermaßen minderbemittelt und lebte in seiner ganz eigenen primitiven Welt, dass er noch nicht einmal das einfache Substantiv „J ä g e r“ korrekt aussprechen konnte] und die annern, weiß nicht, die meisten sind beim Bund, Spatenpaulis oder so. Kein Plan, Alter, lass uns über was anderes reden!“
Es war „Locke“ anzusehen, dass ihm dieses Thema durchaus peinlich war. Auf dem Küchentisch lag eine druckfrische BILD-Zeitung, deren Schlagzeilen Fiete geradezu verschlang.

ES GIBT KRIEG!!! Das größte sowjetische Panzermanöver aller Zeiten! Über 1,5 Millionen Soldaten des Warschauer Paktes bereiten sich auf dem Territorium der Deutschen Demokratischen Republik offensichtlich auf einen scharfen Waffengang gegen die NATO vor. Diverse Grenzplänkeleien in Osthessen und am Harz. Auf westlicher Seite wurde die Alarmbereitschaft hochgesetzt. Der Konflikt zwischen Ost und West scheint jetzt unausweichlich zu sein. Es gibt starke Anzeichen darauf, dass sich der Dritte Weltkrieg anbahnt. Lesen Sie hierzu das große Interview mit Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (59). „… Anlass zu allergrößter Besorgnis … es derzeit keine weiteren Gespräche mit Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker noch mit Außenminister Oskar Fischer gegeben hat … nicht wir, sondern die andere Seite den Dialog einseitig abgebrochen hat … auch die Sprache der Diplomatie ihre Grenzen hat … wir hoffen jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt, dass es nicht zum Äußersten kommt …“

Nicht zum Äußersten kommt. Nicht zum Äußersten kommt. Was soll das denn heißen?

„Ach schnack doch nich‘! Der Russe kommt nicht. Der hat sich hinter den nächsten Knick geschmissen und säuft seine Pulle Wodka. Ich kenn doch diese Brüder. Machen einen auf dicke Hose und wenn es ernst wird, dann wird gekniffen, dass sich die Balken biegen …“, brabbelte „Locke“ vor sich hin und schnippte eine ausgedrückte Zigarettenkippe gegen ein Filmposter. Frankenstein Junior mit Marty Feldmann, gleich neben der Visage von Alfred E. Neumann, die allseits bekannte Fratze der Satirezeitschrift MAD, auf die „Locke“ stand wie ein kleines Kind.
„Wir beide kommen gerade vom Bund. Was meinst Du wohl, warum wir abgehauen sind, hä? Weil der Russe uns zum Tee einladen will? Aber ganz bestimmt nicht. Mensch »Locke«, hast du dir den Schädel schon so breit gesoffen oder willst du einfach nicht verstehen? Die werden bald auf uns schießen. Das kann ja wohl nicht so schwer sein, meine Fresse nochmal!“.
Fiete blies bedeutungsvoll Zigarettenrauch aus dem linken Nasenloch – das Rechte war wie immer verstopft – aus. „Die Scheiße geht bald los, sehr bald sogar. Wenn du schlau bist, dann machst du ‘nen Abgang, so wie wir alle auch.“
„Locke“ hatte sein fünftes Bier am Hals. „Meinetwegen verpisst euch doch alle! Haut doch ab! Haut doch einfach ab, ihr Schisser! Umso besser, dann bleibt mehr für mich!“, lallte er mit verdrehten Augen. Fiete war sich ganz sicher, dass „Locke“ mehr als nur Flensburger in sich hineingepumpt hatte. In der Küche stand eine ganze Batterie von leeren Kornflaschen.
„Dicker, bleib locker“, versuchte er seinen Clubkameraden zu beschwichtigen, „wäre geil, wenn du uns beide heute Nacht hier pennen lässt. Morgen, wenn du aus deinem Suff erwachst, sind wir schon längst über alle Berge und du hast einen Bruder aus der Scheiße gerettet.
„Locke“ war immerhin noch nicht so betrunken, um die Feinheiten zu ignorieren. „Du bist ja gar keiner von uns …“, das Reden fiel ihm sichtlich schwer, „Du bist ja noch nicht einmal ein Prospect, Aller! Also laber mir nicht von unserem Club. Wenn Henning nicht wäre … Aber scheißegal, klar könnt ihr hier pennen. Wenn ihr meinen Katzen und Hunden im Stall hier keine Unordnung macht …“ Der Rest ging in albernem Kichern unter. „Locke“ fiel zur Seite wie ein nasser Sack Reis in China und schlief den Schlaf der Gerechten. Der Besoffenen!

Fiete und Knut hatten eine kurze Nacht. Nachdem sich „Locke“ vollends abgeschossen hatte und bewusstlos auf dem Boden lag, ergriffen sie die Gelegenheit und nahmen mit, was sie gebrauchen konnten. Einen Rucksack, ein völlig versiffter Mumienschlafsack – besser als nichts – und ein paar Lebensmittelkonserven. Ravioli und Pichelsteiner Bohneneintopf. Unverschlossene Nahrungsmittel hätten sie bei all dem Dreck in „Lockes“ Wohnung einfach nicht heruntergekriegt.
Die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages tanzten bereits auf die Schwelle, als sich die beiden auf die nächste Etappe nach Kiel machten.

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BeitragVerfasst am: 02.11.2017 18:13    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

ZEHNTES KAPITEL
Mittwoch, 3. September 1986.
Kiel.

Ein warmer und freundlicher Tag hatte sich breit über das platte Land gelegt. Vögel zwit-scherten in den Bäumen und durch den gestrigen Zwischenstopp fühlten sie sich frisch ge-stärkt und aufgeladen. Die vielen Biere bei „Locke“ und in der Mitte der Route, ungefähr auf der Höhe von Gettorf, ein feldmäßiges Frühstück mit Ravioli und Pichelsteiner hatte ihnen mehr als gut getan. Die Lebensgeister waren jedenfalls wieder zurück. Fiete hätte sich selbst ohrfeigen können, dass er zumindest nicht den verfluchten BW-Esbitkocher eingesteckt hatte. Doch die frugale Kaltmahlzeit hatte jedenfalls ihren Zweck erfüllt. Die Bäuche waren eini-germaßen voll und sie konnten wieder Strecke machen. Sie hatten die 30 Kilometer von Eckernförde nach Kiel in einer guten Zeit geschafft.

Etwa auf der Höhe von Kronshagen trennten sich ihre Wege. Ein paar warme Worte und Glückwünsche für die unsichere Zukunft – aber das war es dann auch schon. Während Knut nach rechts in Richtung Mettenhof und der Hochhaussiedlung „Weißer Riese“ abbog, schickte Fiete sich an, die Kieler Förde zu umrunden, um in seine geliebte Kaiserstraße Nummer 69 in Kiel-Gaarden zu gelangen. Er war für den Moment froh, Knut endlich losgeworden zu sein. So ein Weichei konnte er für seine weiteren Taten einfach nicht gebrauchen. Ein Griff in beide Hosentaschen brachte die Erkenntnis, dass es für eine Straßenbahnfahrt einfach nicht reichte.

Ich bin so ein gottverdammter Vollidiot! Meine Fresse! Mit Sportklamotten türmen und nicht mal genug Kohle für die verschissene Straßenbahn! Eigentlich streng genommen, überhaupt keine Kohle dabei. Halbleere Schachtel Camel Ohne, das ist aber auch alles. Wie kann man nur so scheißendoof sein? Leck mich doch am Arsch, Fiete Harms!

Doch das war noch nicht alles. Der Schmerz kam von unten. Mittlerweile taten die Füße der-art weh, als wäre er barfuß durch ein Kakteenfeld gelaufen. Wie Cholla-Kakteen in Mexiko. Jumping Chollas Diese Teufelsdinger, die ihre gemeinen Stacheln auf halbnackte Apachenindianer abschießen und ihre Haut in Fetzen reißen, wenn sie da durch laufen. Oder waren es die Yaquis? Das hatte er einmal in einem billigen Groschenroman gelesen. Zane Grey. Die Cholla-Folter. Er sah an sich herunter. Die Adidas-Turnschuhe waren komplett durchgelaufen und auf den Fußinnenseiten hatten sich spiegeleigroße Blasen breit gemacht. Nur noch wenige Meter bis zur Kaiserstraße und der Durst wurde auf einmal schier unerträg-lich.

Aber nun stand er da vor dem Ziel seiner Wünsche: Kaiserstraße 69.
Sein Elternhaus. Doch auch nach dreimaligen energischen Klingeln machte niemand auf.
„Oppa, Vaddern! Mach mal auf!!!“, brüllte er nach oben.
Doch nichts geschah.
Die werden doch nicht etwa …!
Fiete beschloss die nahegelegene Ratsherrenstube aufzusuchen. Vater saß dort oft stunden-lang, um seinen Frust über ein verpfuschtes Leben in Bier und Korn zu ertränken.
Die Dielen der Kaschemme knarrschten unter seinen Schritten. Die Theke – gähnende Leere. Die schäbigen Gardinen waren nikotinvergilbt. Beißender Tabakrauch mehrerer Generationen hatte sich in der Inneneinrichtung buchstäblich festgefressen.
„Hallo, jemand zuhause?“
Keine Antwort. Fiete wiederholte seine Frage. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis endlich ein kleines, verhutzeltes Männchen mit AOK-Kassenbrille erschien.
„Sie wünschen, junger Mann?“, säuselte er mit einem schmierigen Breiton in der Stimme.
Fiete schrak zusammen. „Ich äh …Haben Sie vielleicht meinen Vater gesehen?“
„Wie meinen?“, kam es mit einer affigen Künstlichkeit zurück.
„Hein Harms, das ist mein Vater. Oder Karl-Heinz Harms, mein Großvater. Also zumindest Hein war öfter bei Ihnen. Hatte öfter mal einen über den Durst getrunken.“, antwortete Fiete leicht süffisant.
Die „Erscheinung“ musterte ihn von oben bis unten. „Ach, und Sie sind also der Junior, was?“
„Ja, sieht man das nicht?“ Fiete beeilte sich zu sagen, „Haben Sie meinen alten Herren nicht gesehen. Ich flehe Sie an! Ich bin extra von oben, von Flensburg gekommen, um wieder bei meiner Familie zu sein.“
Der Kneipier grinste wie ein schiefmäuliger Affe. „Hein Harms, jaaaa, natürlich. Der ist bei uns Stammgast. Seit über fünf Jahren, wenn mich nicht alles täuscht. Karl-Heinz? Der ab und an auch. Aber warum fragen Sie mein Herr?“
„Mensch, weil ich nicht in unsere Wohnung reinkomme, frag doch nicht so blöd, Kerl!“ – Fiete stand kurz davor, die Geduld zu verlieren und auszuflippen. Er konnte sich nur mit Mü-he beherrschen. Das machte offenbar Eindruck.
„Ja, ja, immer Ruhe mit den jungen Gäulen. Hier gehen alle Menschen weg. Auch Ihr Herr Vater. Es hatte ja wohl mehr als genug Warnaufrufe, sowohl von der Landes- als auch von der Bundesregierung gegeben. Leben Sie eigentlich komplett hinter dem Mond oder was? Ich bin nur hier – ach, das interessiert Sie ja doch nicht. Haben Sie denn keine Nachrichten gehört?“

Fiete wurde auf einmal übel flau im Magen. Eine wüste Basstrommel schlug mit aller Kraft auf seine Magenwand ein und würgte ihm das Gedärm ab. Eindringlich und unaufhörlich. Er wusste gar nicht, was schlimmer war, die Magenschmerzen oder das plötzlich auftretende Schwindelgefühl … die völlige Orientierungslosigkeit.

Das kann ja wohl nicht wahr sein. Das kann ja wohl nicht wahr sein!
Nicht zum Äußersten kommt. Nicht zum Äußersten kommt. Nicht zum Äußersten kommt…


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BeitragVerfasst am: 02.11.2017 18:47    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Okay, zugegeben, das ist jetzt die grottenschlechteste Szene des noch frischen und unausgegorenen Manuskriptes.
Liegt einerseits – geschenkt -  an den fehlenden stilistischen Mitteln, an mangelnder Hand-lungslogik und an der Unfähigkeit, sich Deutschland in der Spannungsperiode von 1986 rich-tig bildlich vorzustellen!
Aber mal ehrlich! Keiner von uns kann sich plastisch vorzustellen, wie die BRD am Vorabend des WK III wohl ausgesehen hätte. Ich habe es zumindest versucht.
Nicht in den Alarmkalendern, NATO-Aufmarschplänen, sondern in den Köpfen der einfachen Menschen. Was hätten sie gedacht, was hätten sie gefühlt und vor allem wie hätten sie rea-giert? Blinde Flucht nach hinten oder alles überhaupt nicht wahrhaben wollen?

So wie ich vermute ich mal. Das Unaussprechliche möglichst weit von sich geschoben und das gewohnte Leben bis zum Schluss weitergeführt. Die künstlich aufrecht erhaltene bürgerliche Leben bis tatsächlich die Kanonenläufe sowjetischer Panzer buchstäblich vor der Haustür stehen.

Zurück zur eigentlichen Szene. Fiete Harms ist mit seinem Kumpel Knut vom Bund getürmt. Hatte kalte Füße und „Schiet inne Büx“ bekommen. KRIEGSNAHE AUSBILDUNG. Notstandsgesetze. Kriegskanzler Kohl. Für seinen Geschmack viel zu realistisch. Zu nah dran.
JÄGERBATAILLON – pure Infanterie, mit dem MTW (https://de.wikipedia.org/wiki/M113) unterwegs, bereit auf dem Gefechtsfeld in Stücke geschossen zu werden.
War von Flensburg bis Kiel zu Fuß unterwegs, hat aber keinen Plan von nix.
Vater und Großvater sind weg. Ulrike von Moellendorf hat in der Tagesschau so merkwürdige Andeutungen gemacht.
Der Reiz liegt ja genau darin, dass der Protagonist ja überhaupt nicht weiß, wie ernst es tat-sächlich ist.

In all meinen Texten geht es nur um das Eine: die Urängste des Menschen und wie er damit umgeht. Beim Zivilisten gleich wie beim einfachen Mannschaftsdienstgrad beim Heer der Bundeswehr.
Der Soldat wird zumindest beim Antreten noch „halbwegs“ über die Lage aufgeklärt, „Feindliche Kräfte haben in den frühen Morgenstunden … auf Höhe XY … unser Auftrag … ZZZ“
Der Zivilist aber weniger. Er sieht Ulrike von Moellendorf in der Tagesschau …


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BeitragVerfasst am: 02.11.2017 19:01    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Mit die „Die denkwürdigen Abenteuer des Fiete Harms“ habe ich einfach mal mein übliches und alt gewohntes Rollenbild total umgekehrt. Keine Bundeswehr-Heißdüsen mehr, für die es nichts Größeres gibt, als im STURM & EINBRUCH ein Stellungssystem des Warschauer Paktes mit Sturmgewehr G3 und vollgepackt mit Handgranaten im verrückten Feuerhagel zu stürmen – sondern absolut genau das Gegenteil!

Fiete Harms ist das absolute Spiegelbild der Bundesrepublik Deutschland der 1980er Jahre. Zumindest in Norddeutschland! Jung, müde von der ewigen Kanzlerschaft von Dr. Helmut Kohl „Birne“, arbeitslos, wenig bis überhaupt nicht motiviert, sich beim Bund den Arsch aufzureißen!
Fiete kommt aus Kiel-Gaarden, nach der verheerenden Werftenkrise, ein sich ganz langsam entwickelnder sozialer Brennpunkt!
Er hat sich mit seinem sozialen Millieu eingerichtet.
Doch dann kommt der Urknall!!!


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