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Textausschnitt autobiografischer Roman


 

 
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Austrobass
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Beiträge: 105
Wohnort: Weinviertel/Austria


BeitragVerfasst am: 23.10.2017 10:01    Titel: Textausschnitt autobiografischer Roman eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Hier ein Textausschnitt aus meiner Timetravel/Autobiografie/Roman-Geschichte. Ich hab versucht mir die Tipps aus dem Einstand zu Herzen zu nehmen. Kurze Zusammenfassung für das Verständis des folgenden Textes: Mann(50) wacht 30 Jahre früher wieder auf (1986). seine Freundin (Isa) ist darüber informiert.
#########################################

An einem grauen Sonntagnachmittag Ende November 1988 lag Isa in ihrer Lieblingsposition auf der Couch, die Beine über den Rand hängend und den Kopf in meinen Schoß gelegt. Sie las in einem Buch und aß eine Karotte, während ich die Kopfhörer aufhatte und Zappa’s Overnite Sensation hörte. Als sie fertig gegessen hatte legte sie das Buch zur Seite und zog kurz an dem Kopfhörerkabel. Ich nahm die Hörer ab.
„Ja?“
„Warum sind wir eigentlich in deiner Zeit auseinandergegangen?“
Diese Frage hatte ich schon längere Zeit befürchtet und versuchte es halbherzig mit einer Lüge.
„Naja, das übliche eben.“
Sie setzte sich auf und sah mich an.
„Auseinandergelebt?“, versuchte ich.
Isa hielt den Kopf schief und blickte mich schweigend an.
„Ist das so wichtig für dich?“, fragte ich.
„Ja.“
„Ich will mich nicht daran erinnern müssen“, bat ich.
„Aber es betrifft mich auch. Und vielleicht können wir etwas daraus lernen.“
„Nein“, sagte ich, „lernen können wir nichts daraus. Jedenfalls nichts Brauchbares.“
„Bitte“, sagte Isa.
„Du wirst das nicht hören wollen.“
„Lass dass mich entscheiden.“
Ich seufzte und gab auf.
„Zuerst einmal: Wir haben uns nicht getrennt.“
Sie sah mich verständnislos an. „Aber …“.
„Wir wurden getrennt“, sagte ich sanft.
Isa zog die Augenbrauen zusammen und schüttelte irritiert den Kopf.
„Am fünfzehnten Oktober 1988, einem Samstag, war ich bei meinen Eltern und habe meinem Vater beim Holzschneiden geholfen während du in Wien geblieben bist. Du wolltest noch etwas einkaufen und deine Eltern besuchen. Dort haben du, dein Bruder und seine Freundin am Nachmittag beschlossen mich zu überraschen und zu einem Kinobesuch abzuholen.“
Mir begannen Tränen über die Wangen zu laufen, aber ich sprach mit ruhiger Stimme weiter.
„Auf der Landstraße nach Höbersdorf ist euch ein Sattelschlepper entgegengekommen. Der Lenker des Lkws war übermüdet, wie sich später herausstellte, und kam auf eure Fahrbahnseite.“
Isa war leichenblass geworden.
„Der Lastwagen hat das Auto deines Bruders frontal erwischt. Dein Bruder und Sabine wurden schwer verletzt. Du warst auf der Stelle tot.“
Sie schlug die Hände vors Gesicht und gab einen klagenden Laut von sich.
Ich wischte mir die Tränen ab und nahm Isa vorsichtig in den Arm. Sie hatte sich verkrampft und begann zu weinen.
„Ich bin tot“, sagte sie mit dünner Stimme.
„Nein. Es ist hier nie passiert“, sagte ich und strich ihr durchs Haar.
Isa nahm die Hände vom Gesicht, umarmte mich, und drückte sich fest an mich.
„Ich hab Angst“, flüsterte sie.
„Ja. Aber ich pass auf dich auf.“
Wir saßen eine Weile auf der Couch bis ich merkte dass sich Isa etwas entspannte. Sie hatte zu weinen aufgehört, ließ mich los und sah mich unsicher an.
 „Das wollte ich wirklich nicht wissen.“
„Wie fühlst du dich?“
„Als ob ich von geborgter Zeit leben würde. Mir ist schon klar dass deine Zeit nichts mit dieser zu tun hat und dass ich mir kein Sorgen zu machen brauche. Aber wenn einem jemand sagt das du seit einem Monat tot bist …“  Sie begann wieder zu weinen. „Halt mich fest.“
Ich nahm sie wieder in die Arme, wiegte sie  langsam und streichelte ihren Kopf. Als es draußen dunkel wurde standen wir auf und gingen ins Schlafzimmer.

In dieser Nacht liebten wir uns sehr lange und sehr vorsichtig bis wir eng umschlungen einschliefen.
Im Morgengrauen wachte ich auf und merkte dass Isa leise im Schlaf weinte. Ich flüsterte beruhigend in ihr Ohr bis sie wieder ruhig weiterschlief.

Am Morgen rief ich meinen Chef an und nahm mir eine Woche Urlaub. Da Weihnachten vor der Tür stand und es in der Firma ein bisschen ruhiger zuging hatte er kein Problem damit.
Isa hatte sich verändert. Sie wirkte in sich gekehrt, unsicher und ängstlich. Sie wollte nicht alleine sein, also blieb ich bei ihr und wir besuchten Museen und Konzerte, kochten gemeinsam und versuchten uns abzulenken. Am Freitag rief meine Mutter an und lud uns zum Mittagessen am Samstag ein. Isa stimmte ohne großen Enthusiasmus zu, und am Samstagvormittag fuhren wir in Richtung Weinviertel los.
Auf der Autobahn fragte ich sie ob ich eine andere Route als die normale Strecke nehmen solle. Isa, die bislang starr aus dem Fenster gesehen hatte, überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf.
Auf der Landstraße nach Höbersdorf fragte sie mich: „Wo ist es passiert?“
„Da vorne.“ sagte ich und zeigte auf die Straße ein paar hundert Meter voraus.
„Bleib dort bitte stehen.“
Wir fuhren noch ein Stück weiter, dann ich ließ den Wagen am Straßenrand ausrollen und hielt an.
Isa blickte eine Weile die Straße entlang und stieg dann ohne ein Wort zu sagen aus.
Ich folgte ihr, lehnte mich an die Fahrertür und beobachtete sie. Inzwischen herrschte typisches Novemberwetter, es war kalt, und bald würde aus dem beständigen Nieseln leichter Schneefall werden.
Isa stand mitten auf der Landstraße, hatte einen verärgerten Gesichtsausdruck und zog durch die Nase auf.
Dann spuckte sie auf die Straße. Ich stellte mich neben sie und tat es ihr gleich. Isa sah mich von der Seite an, lächelte grimmig und ballte die Fäuste.
„FICK DICH, TOD!“ brüllte sie mit Leibeskräften und stampfte heftig mit dem Fuß auf.
Aus dem Abzugsgraben neben der Straße stieg zeternd ein Fasan auf.
„UND DAS VERFICKTE PFERD AUF DEM DU HERGERITTEN BIST!“ rief ich und lachte.
Isa prustete laut los, beugte sich vor und stütze die Hände auf die Knie. Dann sprang sie hoch, reckte eine Faust in die Luft und schrie „ICH LEBE!“
Ich fing sie auf, hob sie hoch, und drückte sie an mich. Isa sah auf mich herab und lächelte mich strahlend an.
„Du bist wieder da.“ sagte ich. Statt einer Antwort bekam ich einen Kuss.
Nachdem ich Isa wieder auf den Boden gelassen hatte hielt ich sie mit einer Hand um die Hüfte und streichelte ihr Haar. Sie lehnte den Kopf an meine Schulter und atmete tief ein.
„Gibt’s noch so ein paar Überraschungen?“ fragte sie.
„Nein.“
„Gut.“
Wir umarmten uns bis unsere Pullover durchnässt waren und Isas Frisur aus lauter nassen Strähnen bestand.
Sie ließ mich los und blies sich einen Wassertropfen von der Nase.
„Ich will einen Tee. Mit Rum“, sagte sie.
„Bekommst Du.“
„Ein heißes Bad.“
„Ok.“
„Ganz lange mit Deiner Schwester plaudern.“
„So lange Du willst.“
Wir stiegen wieder in den Wagen, ich startete den Motor und wir fuhren weiter. Isa zündete sich eine Zigarette an, öffnete das Seitenfenster einen spaltweit und stellte das Autoradio leiser.
„Der Samstag voriges Monat, als Du vorgeschlagen hast einfach den ganzen Tag im Bett zu bleiben. Das war doch der fünfzehnte, oder?“ fragte sie.
„Ja.“
Wir fuhren ein paar Minuten schweigend weiter bis Isa ihre zuendegerauchte Zigarette aus dem Fenster warf.
„Eigentlich war das ein sehr schöner Tag. Wir sollten das jedes Jahr einmal machen. Und zwar immer am fünfzehnten Oktober“, sagte sie, nahm sich ein Taschentuch aus dem Handschuhfach und putzte sich die Nase.



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Christof Lais Sperl
Geschlecht:männlichHobbyautor

Alter: 57
Beiträge: 377
Wohnort: Hangover
Der silberne Roboter


BeitragVerfasst am: 23.10.2017 12:44    Titel: Tolle Idee Antworten mit Zitat

Gute, Idee, spannend verfaßt, schon für die Erwähnung von "Overnite" kriegst du bei mir Extrapunkte.
Viel wörtliche Rede, auch gut. Vilelleicht kannst die die zwei Protas noch eine wenig plastischer machen, z.B. durch eine Beschreibung. Sol Stein rät: Erst Personen, dann handeln lassen.


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Lais
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Bananenbrot
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber

Alter: 29
Beiträge: 26
Wohnort: Daheim


BeitragVerfasst am: 23.10.2017 18:50    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Austrobass

deine Geschichte hat viel Gutes. Die Dialoge sind gut geschrieben und an dem, was gesagt wird, habe ich auch tendenziell nichts auszusetzen. Allerdings wirkte das ganze Szenario auf mich ein wenig befremdlich. Das liegt zum einen sicherlich an dem Plot: Zeitreise.
Ich glaube aber, dass es mehr damit zu tun hat, dass ich zu wenig Einsicht auf das Innenleben - die Gefühlswelt - deines Protas und dahingehend auch zu wenig Andeutungen auf die der Partnerin bekomme.

Ich fühle mit den Charakteren nicht so recht mit. Vor allem aber kann ich die Reaktionen seiner Freundin nicht nachempfinden. Das gilt zum einen für die Stelle, als der Prota ihr ihren Tod in der anderen Zeitschiene offenbart. Sie weint daraufhin los. Für mich kam das total unvermittelt. Ich habe die Reaktion nicht verstehen können. Wen juckt es, dass sie in der anderen Zeitschiene tot ist? Muss sie deshalb so aufgelöst sein?
Mir ist natürlich klar, dass man bei so einer Nachricht durchaus etwas aufgewühlt sein kann. Aber immerhin sitzt sie gerade mit einem Mann aus einer anderen Zeitschiene kuschelnd auf dem Sofa als wäre das ganz alltäglich.  
Gleiches gilt für die Szene auf der Autobahn, wo sie losschreit und aus Trotz auf dem Boden spuckt.
Ich weiß, dass du aus der Ich-Perspektive schreibst und nicht ihre Gedankenwelt offenbaren kannst. Aber irgendwie musst du mir über den Ich-Prota ein paar mehr Einblicke auf die Gedankenwelt und die Gefühlsregungen der Partnerin geben. Andeutungen, Vermutungen. So wirken die Reaktionen auf mich eben etwas zu abrupt, nicht nachempfindbar.

Ist natürlich alles nur meine persönlich Meinung aber ich hoffe, dass es dir etwas nützt. Unterm Strich gefällt mir der Text wie gesagt gut. Aber mehr Einsicht in Gedanken und Gefühle könnten ihn noch besser machen.

Lieben Gruß
Bananenbrot
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Austrobass
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BeitragVerfasst am: 23.10.2017 21:41    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Christof und Bananenbrot,

Danke fürs Durchlesen und eure Kommentare.

Der vorliegende Textausschnitt stammt aus dem Ende des 4. Kapitels, die beiden Charaktere wurden in den vorangegangenen ca. 50.000 Wörtern schön langsam vorgestellt. Der Text ist somit ein bissl aus dem Zusammenhang gerissen, aber ich wollte nicht alle Kapitel hier hereinstellen weil ich nicht glaube das sich jemand antut das alles zu lesen.
Kurz gefasst wäre aber der Ich-Erzähler ein ziemlicher Stoiker und seine Freundin eine sehr verletzliche aber gleichzeitig ziemlich aufbrausende Person.
Ich habe diese Textpassage gewählt weil mich Meinungen zu genau den Bedenken interessieren die Bananenbrot hat. Für mich ergibt sich die Reaktion der Frau durch die plötzliche, mir voller Wucht daherkommende Erinnerung an die eigene Sterblichkeit. Die Szene auf der Straße wäre die Art und Weise wie sie diese Situation handlet.
Die Idee mit den Andeutungen bzw. Vermutungen über die Gefühlsregungen der Partnerin gefällt mir sehr gut, ich muß nur schauen das ich das möglichst subtil rüberbringe.

Thx & liebe Grüße

Martin


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Austrobass
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 51
Beiträge: 105
Wohnort: Weinviertel/Austria


BeitragVerfasst am: 25.10.2017 17:34    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier mal der geänderte Text. Die geänderten/zusätzlichen Stellen hab ich grün markiert. Außerdem hab ich ein paar Wortwiederholungen usw. gefixt.
###############################################


An einem grauen Sonntagnachmittag Ende November 1988 lag Isa in ihrer Lieblingsposition auf der Couch, die Beine über den Rand hängend und den Kopf in meinen Schoß gelegt. Sie las in einem Buch und aß eine Karotte, während ich die Kopfhörer aufhatte und Zappa’s Overnite Sensation hörte. Als sie fertig gegessen hatte legte sie das Buch zur Seite und zog kurz an dem Kopfhörerkabel. Ich nahm die Hörer ab.
„Ja?“
„Warum sind wir eigentlich in deiner Zeit auseinandergegangen?“
Diese Frage hatte ich schon längere Zeit befürchtet und versuchte es halbherzig mit einer Lüge.
„Naja, das übliche eben.“
Isa setzte sich auf und sah mich an.
„Auseinandergelebt?“, versuchte ich.
Isa hielt den Kopf schief und blickte mich schweigend an.
„Ist das so wichtig für dich?“, fragte ich.
„Ja.“
„Ich will mich nicht daran erinnern müssen“, bat ich.
„Aber es betrifft mich auch. Und vielleicht können wir etwas daraus lernen.“
„Nein“, sagte ich, „lernen können wir nichts daraus. Jedenfalls nichts Brauchbares.“
„Bitte“, sagte Isa.
„Du wirst das nicht hören wollen.“
„Laß dass mich entscheiden.“
Ich seufzte und gab auf.
„Zuerst einmal: Wir haben uns nicht getrennt.“
Sie sah mich verständnislos an. „Aber …“.
„Wir wurden getrennt“, sagte ich sanft.
Isa zog die Augenbrauen zusammen und schüttelte irritiert den Kopf.
„Am fünfzehnten Oktober 1988, einem Samstag, war ich bei meinen Eltern und habe meinem Vater beim Holzschneiden geholfen während du in Wien geblieben bist. Du wolltest noch etwas einkaufen und deine Eltern besuchen. Dort haben du, dein Bruder und seine Freundin am Nachmittag beschlossen mich zu überraschen und zu einem Kinobesuch abzuholen.“
Mir begannen Tränen über die Wangen zu laufen, aber ich sprach mit ruhiger Stimme weiter.
„Auf der Landstraße nach Höbersdorf ist euch ein Sattelschlepper entgegengekommen. Der Lenker des Lkws war übermüdet, wie sich später herausstellte, und kam auf eure Fahrbahnseite.“
Isa war leichenblass geworden.
„Der Lastwagen hat das Auto deines Bruders frontal erwischt. Dein Bruder und Sabine wurden schwer verletzt. Du warst auf der Stelle tot.“
Sie schlug die Hände vors Gesicht und gab einen klagenden Laut von sich.
Ich wischte mir das Gesicht ab und nahm Isa vorsichtig in den Arm. Sie hatte sich verkrampft und begann zu weinen.
„Ich bin tot“, sagte sie mit dünner Stimme.
„Nein. Es ist hier nie passiert“, sagte ich und strich ihr durchs Haar.
Isa nahm die Hände vom Gesicht, umarmte mich, und drückte sich fest an mich.
„Ich hab Angst“, flüsterte sie.
„Ja. Aber ich pass auf dich auf.“
Wir saßen eine Weile auf der Couch bis ich merkte dass sich Isa etwas entspannte. Sie hatte zu weinen aufgehört, ließ mich los und sah mich unsicher an.
 „Das wollte ich wirklich nicht wissen.“
„Wie fühlst du dich?“
„Als ob ich von geborgter Zeit leben würde. Mir ist schon klar dass deine Zeit nichts mit dieser zu tun hat und dass ich mir kein Sorgen zu machen brauche. Aber wenn einem jemand sagt das du seit einem Monat tot bist …“  Ihr liefen wieder die Tränen über das Gesicht. „Halt mich fest.“
Ich nahm sie wieder in die Arme, wiegte sie  langsam und streichelte ihren Kopf. Als es draußen dunkel wurde standen wir auf und gingen ins Schlafzimmer.

In dieser Nacht liebten wir uns sehr lange und sehr vorsichtig bis wir eng umschlungen einschliefen.
Im Morgengrauen wachte ich auf und merkte dass Isa leise im Schlaf weinte. Ich flüsterte beruhigend in ihr Ohr bis sie wieder still weiterschlief.

Am Morgen rief ich meinen Chef an und nahm mir eine Woche Urlaub. Da Weihnachten vor der Tür stand und es in der Firma ein bisschen ruhiger zuging hatte er kein Problem damit.
Isa hatte sich verändert. Sie wirkte in sich gekehrt, unsicher und wollte nicht alleine sein, also blieb ich bei ihr und wir besuchten Museen und Konzerte, kochten gemeinsam und versuchten uns abzulenken. Wir vermieden es über die Geschehnisse vom 15.Oktober zu reden, aber ich merkte wie es an ihr nagte so direkt mit ihrem Tod, und war er auch nur in meiner Zeit passiert, konfrontiert zuwerden. Mit dem Wissen, dass es sinnlos war Isa künstlich aufzuheitern, hoffte ich darauf, dass sie so wütend auf ihren Zustand werden würde, dass sie sich selbst aus ihrem Tief holte.  

Am Freitag rief meine Mutter an und lud uns zum Mittagessen am Samstag ein. Isa stimmte ohne großen Enthusiasmus zu, und am Samstagvormittag fuhren wir in Richtung Weinviertel los.
Auf der Autobahn fragte ich sie ob ich eine andere Route als die normale Strecke nehmen solle. Isa, die bislang starr aus dem Fenster gesehen hatte, überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf.
Als wir von der Autobahn abfuhren fiel mir auf, dass sie Begann mit den Fingern auf ihre Knie zu trommeln.
Auf der Landstraße nach Höbersdorf fragte sie mich: „Wo ist es passiert?“
„Da vorne.“ sagte ich und zeigte auf die Straße ein paar hundert Meter voraus.
„Bleib dort bitte stehen.“
Wir fuhren noch ein Stück weiter, dann ich ließ den Wagen am Straßenrand ausrollen und hielt an.
Isa blickte eine Weile die Straße entlang und stieg dann ohne ein Wort zu sagen aus.
Ich folgte ihr, lehnte mich an die Fahrertür und beobachtete sie. Inzwischen herrschte typisches Novemberwetter, es war kalt, und bald würde aus dem beständigen Nieseln leichter Schneefall werden.
Isa stand mitten auf der Landstraße, hatte einen verärgerten Gesichtsausdruck und zog durch die Nase auf.
Dann spuckte sie auf die Straße. Ich stellte mich neben sie und tat es ihr gleich. Isa sah mich von der Seite an, lächelte grimmig und ballte die Fäuste.
„FICK DICH, TOD!“ brüllte sie mit Leibeskräften und stampfte heftig mit dem Fuß auf.
Aus dem Abzugsgraben neben der Straße stieg zeternd ein Fasan auf.
„UND DAS VERFICKTE PFERD AUF DEM DU HERGERITTEN BIST!“ rief ich und lachte.
Isa prustete laut los, beugte sich vor und stütze die Hände auf die Knie. Dann sprang sie hoch, reckte eine Faust in die Luft und schrie: „ICH LEBE!“
Ich fing sie auf, hob sie hoch, und drückte sie an mich. Isa sah auf mich herab und lächelte mich strahlend an.
„Du bist wieder da“, sagte ich. Statt einer Antwort bekam ich einen Kuss.
Nachdem ich Isa wieder auf den Boden gelassen hatte hielt ich sie mit einer Hand um die Hüfte und streichelte ihr Haar. Sie lehnte den Kopf an meine Schulter und atmete tief ein.
„Gibt’s noch so ein paar Überraschungen?“, fragte sie.
„Nein.“
„Gut.“
Wir umarmten uns bis unsere Pullover durchnässt waren und Isas Frisur aus lauter nassen Strähnen bestand.
Sie ließ mich los und blies sich einen Wassertropfen von der Nase.
„Ich will einen Tee. Mit Rum“, sagte sie.
„Bekommst Du.“
„Ein heißes Bad.“
„Ok.“
„Ganz lange mit Deiner Schwester plaudern.“
„So lange Du willst.“
Wir stiegen wieder in den Wagen, ich startete den Motor und wir fuhren los. Isa zündete sich eine Zigarette an, öffnete das Seitenfenster einen spaltweit und stellte das Autoradio leiser.
„Der Samstag voriges Monat, als Du vorgeschlagen hast einfach den ganzen Tag im Bett zu bleiben. Das war doch der fünfzehnte, oder?“, fragte sie.
„Ja.“
Wir fuhren ein paar Minuten schweigend weiter und Isa warf ihre zuendegerauchte Zigarette aus dem Fenster.
„Eigentlich war das ein sehr schöner Tag. Wir sollten das jedes Jahr einmal machen. Und zwar immer am fünfzehnten Oktober“, sagte sie, nahm sich ein Taschentuch aus dem Handschuhfach, und putzte sich die Nase.


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Sonnenstunde
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BeitragVerfasst am: 28.10.2017 20:48    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Austrobass,
spannende Idee, ich finde auch, es ist gut umgesetzt. Du charakterisierst - zumindest im gezeigten Ausschnitt - deine Figuren viel über die viele wörtliche Rede. Das gefällt mir gut, zumal es gelingt, dass der Leser nie verwirrt ist darüber, wer nun gerade spricht.

Ich teile übrigens Bananenbrots Meinung nicht. Ich finde Isas Reaktionen absolut nachvollziehbar. Gerade die erste Reaktion auf dem Sofa finde ich wirklich verständlich, wenn man so unvermittelt mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert wird.

Den eingebauten Satz mit dem Fingertrommeln finde ich dennoch gut, er veranschaulicht ihre Anspannung gut. Den anderen grünen Absatz bräuchte es meiner Meinung nach eigentlich nicht.

LG, Sonnenstunde
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Austrobass
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BeitragVerfasst am: 03.11.2017 12:22    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke für eure Kommentare, sie waren mir eine große Hilfe. Außerdem hab ich noch ein paar Kleinigkeiten gefixt die mir natürlich erst aufgefallen sind nachdem ich den Text reingestellt habe ...

Hier noch ein Textausschnitt aus meinem Romanprojekt bei dem ich mir ein bisschen unsicher bin. Da es das erste Buch ist, das ich schreibe ist das folgende auch die erste Bettszene die ich zu Papier gebracht habe.

Diese Episode findet VOR dem schon weiter oben veröffentlichten Text statt.

###############################################

Wir nahmen ein Taxi und ließen uns zu meiner Wohnung chauffieren. Nachdem ich das Taxi bezahlt hatte wollte ich auf die Hofeinfahrt zugehen, als Isa „Warte!“, rief.
Ich blieb stehen und Isa stellte sich neben mich.
„Wer als erster im Schlafzimmer ist, auf drei!“, sagte sie und begann zu zählen.
„Eins!“
„Zwei!“
Sie rannte los.
Isa war schnell, aber ich hatte die längeren Beine und holte sie, obwohl mich der Bass in seinem sperrigen Koffer aus dem Gleichgewicht brachte, bald nach dem Einfahrtstor ein. Der Weg durch den Innenhof war entlang der Fassade des Hauses angelegt, machte aber zwischendurch ein paar Kurven die wir, eine Abkürzung nehmend, übersprangen. Die Haustüre zu meiner Stiege stand offen und wir polterten die Treppen in den 3.Stock hinauf.
Schließlich standen wir dicht aneinander gedrängt vor meiner Wohnungstür.
„Sperr auf. Sperr auf!“, flüsterte sie und begann mir das T-Shirt aus der Hose zu ziehen.
Als sie meinen Gürtel öffnete fand ich den Schlüssel, schloss die Tür auf und schaltete das Licht ein. Wir schoben uns in das Vorzimmer und Isa stürmte, während sie sich die Schuhe von den Füßen trat, ihren Pullover auszog und auf den Boden warf, in Richtung Wohnzimmer. Während ich den Basskoffer in das Vorzimmer stellte und meine Jacke in ein Eck schmiss  hörte ich ein lautes „SIEGER!“ aus dem Schlafzimmer.
Nachdem ich einer Spur aus Schuhen und Kleidern gefolgt war  fand ich Isa wie sie vor dem Bett auf einem Bein stand und sich aus ihren Jeans schälte. Sie hielt inne und richtete sich auf. Ich trat auf sie zu, schob ihr T-Shirt hoch und streichelte ihre Seiten. Sie seufzte leise und stieg auf eines ihrer Hosenbeine, um sich von ihrer halb ausgezogenen Hose zu befreien. Ihre Finger fuhren durch mein Haar und sie zog meinen Kopf zu sich herunter.
„Ich hab dich so vermisst“, flüsterte ich ihr ins Ohr.
„Schhh“, machte sie, küsste mich und zog mir mein T-Shirt aus.
Meine Hände glitten langsam an ihrem Rücken entlang, ich umfasste ihr Gesäß und hob sie, während sie ihre Beine um mich schlang, hoch. Isa legte ihre Arme um mich, schloss die Augen und lehnte sich zurück. Als ich ihren Hals küsste begann sie schneller zu atmen, drückte meinen Kopf an ihre Brust und stöhnte auf. Ich ließ mich auf das Bett nieder und legte mich langsam auf den Rücken.
 
Später.
 
Wir lagen im Bett und teilten uns eine Zigarette. Der Aschenbecher stand auf meinem Bauch.
„Du kennst mich. Das steht fest“, sagte Isa.
„Ja.“
„Das ist ein bisschen …“ Sie suchte nach einem Wort.
„Unheimlich?“, half ich ihr.
„Nein. Asymetrisch.“ Isa machte eine komplizierte Geste. „Du weißt schon.“
„Nicht ganz.“
Sie gab mir die Zigarette und kuschelte sich in meinen Arm.
„Du bist für mich neu und aufregend. Ich kann dich entdecken und ausprobieren, aber du kennst mich ja schon und holst alles aus deiner Erinnerung.“
Ich dämpfte die Zigarette aus, stellte den Aschenbecher neben das Bett und nahm Isa in die Arme.
„Du weißt nicht wie es sich anfühlt bei Dir zu sein. Es ist so wie wenn ich zu einem Ort zurückkehre den ich verlassen musste und nach dem ich mich immer zurückgesehnt habe.“
„Das klingt schön.“ Sie sah mir tief in die Augen. „Manchmal merkt man dass Du hier drin“, sie tippte gegen meine Schläfe, „schon fünfzig bist. Du lässt Dir viel Zeit. Ich mag das.“
„Ich weiß.“
Isa wand sich aus meiner Umarmung und zeigte mit dem Finger auf mich.
„Ha! Da! Und ich hasse es wenn Du das sagst. Das klingt sehr besserwisserisch, mein Lieber.“
Ich grinste sie an.
„Das werde ich Dir abgewöhnen. Für jedes ‚Ich weiß’ will ich noch eine Runde im Bett. Schauen wir wie lange Du das durchhältst“, sagte sie.
„Ich weiß. Ich weiß. Ich weiß. Ich weiß“, rief ich.
„Ohoho, da übernimmt sich aber jemand.“
„Wer als erster aufgibt hat verloren. Um die Ehre!“ Ich streckte meine rechte Hand aus.
„Um den Abwasch!“ Sie schlug ein. „Du hast keine Chance. Das ist Dir doch klar?“
„Ich bin zwanzig, Baby“, erwiderte ich selbstbewusst.
Isa küsste mich auf die Nasenspitze und setzte sich rittlings auf mich. Sie beugte sich vor bis mein Gesicht von einem Vorhang aus blonden Haaren umgeben war.
„Ich auch, Baby!“

1Wie es weitergeht »



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Sonnenstunde
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BeitragVerfasst am: 04.11.2017 22:07    Titel: Antworten mit Zitat

Ich schreibe dir gerne meine Gedanken zu dem Text auf, die meisten drehen sich in erster Linie um die bessere Lesbarkeit.

Zitat:
Isa war schnell, aber ich hatte die längeren Beine und holte sie, obwohl mich der Bass in seinem sperrigen Koffer aus dem Gleichgewicht brachte, bald nach dem Einfahrtstor ein.

Vorschlag: Isa war schnell, aber ich hatte die längeren Beine und obwohl mich der Bass in seinem sperrigen Koffer aus dem Gelichgewicht brahte, holte ich sie bald nach dem Einfahrtstor ein.

Zitat:
Der Weg durch den Innenhof war entlang der Fassade des Hauses angelegt, machte aber zwischendurch ein paar Kurven die wir, eine Abkürzung nehmend, übersprangen

Beim allerersten Lesen habe ich bei diesem Satz plötzlich abgeschaltet. Ich glaube, das liegt daran, dass er mit einer Beschreibung des Settings beginnt - auch wenn das ja gar nicht die eigentliche Aussage des Satzes ist. Aber hey, wir sind hier mitten in einem Wettlauf, da möchte ich nicht plötzlich lesen, wie der Innenhof aussieht. Wink

Zitat:
ich umfasste ihr Gesäß und hob sie, während sie ihre Beine um mich schlang, hoch

"Gesäß klingt so vorsichtig. Ist das beabsichtigt? Dann ist es gut. Ansonsten - wie wäre es einfach mit "Po"? Auch hier könntest du den Satzbau zugunsten des flüssigen Lesens verändern: ...und hob sie hoch, während sie ihre Beine um mich schlang.

Zitat:
Wir lagen im Bett und teilten uns eine Zigarette.

Das ist natürlich voll das Klischée! Ist es dir bewusst und beabsichtigt? Dann sage ich nichts dagegen, ich wollte dich nur dafür sensibilisieren.

Zitat:
Ich dämpfte die Zigarette aus

Der Ausdruck ist mir nicht geläufig. Ist es vielleicht Dialekt? Ich würde eigentlich sagen "drückte die Zigarette aus"
Da ist mir noch eine Stelle aufgefallen... ja genau
Zitat:
und meine Jacke in ein Eck schmiss

Du lebst in Österreich, richtig? Das kannst nur du entscheiden, ob dein Roman rein hochdeutsch sein muss, oder nicht.
Ach, hinter "schmiss" hast du übrigens ein Komma vergessen. Razz

Zitat:
„Manchmal merkt man dass Du hier drin“, sie tippte gegen meine Schläfe, „schon fünfzig bist. Du lässt Dir viel Zeit.

Wie kommt Isa auf diese Verknüpfung? Hat sie Erfahrungen mit jüngeren und älteren Männern gemacht und von daher einen Vergleich? Oder ist das eher so eine allgemeine Annahme, die sie da macht? Oder ist das gar nicht als Verknüpfung gemeint?

Aber insgesamt finde ich dank der verspielten Isa die Szene charmant.
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Austrobass
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BeitragVerfasst am: 05.11.2017 13:49    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Servus Sonnenstunde,
Danke für das Durchlesen und Deine Anregungen.

Ich will jetzt nicht den ganzen Text nochmal reinstellen, nur soviel zu den Änderungen:

Woher meine Vorliebe für die den Lesefluss störenden Einschübe kommt weiß ich nicht, ich hab Deine Änderungen übernommen, das klingt wesentlich runder. Im Zusammenhang mit dem kurzen Wettrennen liest sich das dann so:
Zitat:
Isa war schnell, aber ich hatte die längeren Beine und obwohl mich der Bass in seinem sperrigen Koffer aus dem Gleichgewicht brachte, holte ich sie bald nach dem Einfahrtstor ein.  Dann jagten wir Kopf an Kopf und lachend durch den dunklen Innenhof auf meine Stiege zu.


Die Beschreibung des Innenhofs kann man wirklich getrost kübeln, Danke!

Po statt Gesäß. Klar. Da hab ich zuviel um's Eck gedacht.

Die Zigarette danach hab ich absichtlich verwendet und bin mir des Klischees bewusst. Aber in meinem Text wird grundsätzlich viel geraucht und wir haben uns damals immer diese Zigarette gegönnt. Und schon damals über das Klischee gewitzelt.


Die Verknüpfung fünfzig/viel Zeit lassen (wobei auch immer) hab ich jetzt verstärkt.

Zitat:
„Man merkt dass Du hier drin“, sie tippte gegen meine Schläfe, „schon fünfzig bist, weil du dir viel Zeit lässt. Ich mag das.“


Ob Isa vergleichende Erfahrung hat? Das würde ich gern dem Leser überlassen, vor allem weil ich nicht etwas wie "... weil du dir viel Zeit lässt, wie ich vermute das dass fünfzigjährige machen." schreiben möchte.


Es freut mich das der Charakter von Isa als verspielt rüberkommt, genau so war das nämlich gedacht.

liebe Grüße

Martin


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BeitragVerfasst am: 11.11.2017 17:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Und noch ein kurzer Textausschnitt.
Diese Passage spielt VOR den bereits geposteten Texten.

###############################################

Ich öffnete die Türe und ging die paar Stufen in den Gastraum hinunter. Das Babylon war eine stilechte Studentenkneipe der achtziger Jahre, der Boden war gefliest, die Tische und Stühle waren alt und abgenutzt und die Luft war verraucht. Auf jedem Tisch stand eine Flasche mit einer Tropfkerze und ein Aschenbecher. Durch einen großen Durchgang konnte ich das Dartzimmer sehen in denen mit Stahlpfeilen auf die Scheiben geworfen werden konnte. Neben jeder Dartscheibe hing eine kleine Tafel mit einem Stückchen Kreide und einem Schwamm auf einem Bord.
Ich setzte mich an einen Tisch in einer Ecke, zündete die Kerze an und schaute in die Speisekarte.
Die Auswahl war nicht überwältigend, man bot die typischen Studentengerichte an: Chilli, überbackene Brote und Bohnensuppe.
Über die Stereoanlage lief in angenehmer Lautstärke Jethro Tulls Aqualung, das Lokal war halb voll und ein langhaariger Kellner in einem Mötley Crüe T-Shirt kümmerte sich um die Gäste. Als er zu mir kam bestellte ich einen Orangensaft und zündete mir eine Zigarette an.
Pünktlich um acht betrat Isa das Babylon, sah mich, und kam zu meinem Tisch. Sie zog ihre Jacke aus und hängte sie über den Sessel auf der gegenüberliegenden Seite des kleinen Kaffeehaustisches. Isa schien guter Laune zu sein, unser kurzes Begrüßungsküsschen dauerte eine Nuance länger als sonst, sie setzte sich und sah mich mit strahlenden Augen an. Sie hatte eine wichtige Prüfung geschafft und wir plauderten über die Uni bis sich der Kellner zu uns bequemte. Wir entschieden uns für Wein und führten unsere Unterhaltung weiter.
Es versprach ein wunderschöner Abend zu werden. Während unseres Gesprächs legte ich vorsichtig meine Hand auf ihre und wurde mit einem bezaubernden Augenaufschlag belohnt.

Dann hielt ich den Augenblick für gekommen um Isa von meinem seltsamen Zeitreiseerlebnis zu erzählen. Ich war ein paar Sätze weit gekommen als sie mich verwirrt ansah und langsam ihre Hand zurücknahm. Je länger ich sprach desto mehr zogen sich ihre Augenbrauen zusammen bis sie mich unterbrach.
„Was soll das, Martin?“, fragte sie.
„Das versuche ich ja gerade zu erklären.“
„Das ist kompletter Unsinn. Erwartest du von mir das ich so was glaube?“
Auf ihrer Stirn zeigte sich eine mir nur allzu bekannte Zornfalte und ich begann langsam zu Zweifeln, ob die Idee, Isa in mein Geheimnis einzuweihen, wirklich so gut war. Jetzt hatte ich noch die Chance meine Geschichte als Scherz hinzustellen, aber ich fuhr unbeirrt fort.
„Ich kann das Beweisen.“
Sie zündete sich eine Zigarette an und sah mich scharf an.
„Ich höre.“
„Pass auf. Ende dieses Monats, ich weiß leider das genaue Datum nicht mehr, kommt es in einem russischen Atomkraftwerk in Chernobyl zu einem Super-GAU. Woher sollte ich das wissen wenn ich es nicht schon erlebt hätte?“
„Es kommt zu einem Atomunfall und du weißt das Datum nicht mehr. Na klar.“
„Isa, für mich ist dass 30 Jahre her!“
„Und wenn es nicht Ende April passiert, dann vielleicht erst im Mai. Oder August. Stimmt’s?“
„Nein. Hör mal zu …“, versuchte ich.
„Nein. Du hörst mir zu. Wen glaubst du vor dir zu haben? Eine eurer Landpomeranzen die du in der Dorfdisco in eurem Kuhdorf aufgerissen hast und die Du mit Deinen Schauermärchen beeindrucken kannst?“
Oje, dachte ich, das eskaliert ja ziemlich schnell. Ich bemerkte, dass Isas Augen feucht wurden. Sie war jetzt nicht nur auf mich wütend, sondern auch auf sich selbst, weil sie traurig war. Den Abend hatte sie sich, genauso wie ich, ganz anders vorgestellt. Aus meiner Erinnerung an meine Zeit wusste ich, dass es jetzt sinnlos war mit ihr zu diskutieren.
Sie stand auf, knallte einen 20 Schillingschein auf den Tisch und zog sich ihren Mantel an.
„Ok, du bist enttäuscht. Ich bin’s ja auch. Aber merk dir Bitte was ich dir gesagt habe. Ende April. Chernobyl“, sagte ich.
Isa sah mich an, schüttelte den Kopf und rauschte wortlos aus dem Lokal.
Ich sah ihr nach und steckte den Zwanziger in meine Hosentasche.

Kurze Zeit später kam der Kellner und wollte Isas halbvolles Weinglas abservieren, aber ich kam ihm zuvor und goss den Inhalt des Glases in meines.
„Na, Date schief gelaufen?“, fragte er und grinste mich blöd an.
„Wer lässt fragen?“, gab ich mürrisch zurück, zückte meine Geldbörse und bezahlte die Zeche.
Der Kellner verzog sich und überließ mich meinen trüben Gedanken.
Hoffentlich würde sich Isa bei mir melden nachdem der Reaktorunfall passiert war. Vielleicht würden ihre Neugier und ihre Zuneigung zu mir über ihren Stolz siegen.
Bei dem Gedanken sie ein zweites Mal zu verlieren drehte sich mir der Magen um.
Ich trank das Glas Wein mit einem Zug aus, stand auf und zog mir meine Jacke an. Nachdem ich mir eine Zigarette angezündet hatte verließ ich das Babylon und machte mich in gedrückter Stimmung auf den Heimweg.


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Austrobass
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BeitragVerfasst am: 29.11.2017 17:30    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier noch eine Textprobe. Ich habe mich mal an einem längeren Dialog versucht. Diese Szene findet nach dem zuletzt geposteten Text statt, inzwischen ist Chernobyl passiert, was der weiblichen Protagonistin zu denken gab. Man hat ein Abendessen beim Erzähler ausgemacht.

##############################################

Kurz nach sieben klopfte es an der Tür. Ich öffnete die Wohnungstür und sah Isa im
Gang stehen. Sie trug einen leichten grünen Mantel, Jeans und Turnschuhe. In der rechten Hand hielt sie einen Stoffbeutel. Sie sah mich skeptisch an.
„Servus.“
"Hallo Isa", sagte ich, "komm rein." Sie kam ins Vorzimmer und ich half ihr aus ihrer Jacke. "Du bist doch kein Verrückter der mich vergewaltigt, umbringt und verhackstückt?", fragte sie als ich ihre Jacke aufhängte.
"Nein. Eigentlich wollte ich dich ausstopfen."
Sie verdrehte die Augen und lachte. Dann schnupperte sie. "Das riecht ja schon sehr gut. Was gibt’s denn zu Essen?"
"Muscheln in Weißweinsauce, Baguettes und Wein."
"Oh, das ist eine meiner Lieblingsspeisen."
"Ich weiß. Komm ins Wohnzimmer, sieh dich ein bisschen um und leg eine Platte auf. In der Zwischenzeit mach ich das Essen fertig."
Isa folgte mir und musterte den Raum.
"Hübsch hast du's hier."
"Naja, Studentenbude halt.", antwortete ich.
Sie sah den Tisch und nickte anerkennend. "Mit Kerze."
"Ehrensache."
Isa fand meine Plattensammlung und begann durch die LP's zu blättern während ich in die Küche ging und die Weißweinsauce kostete. Ich gab etwas Salz dazu, holte zwei Teller aus der Geschirrlade und trug sie zum Esstisch im Wohnzimmer. Isa durchstöberte immer noch meine Schallplatten.
Nachdem ich die Teller auf den Tisch gestellt hatte kontrollierte ich noch einmal das Gedeck.
"Dauert noch ein paar Minuten", sagte ich.
"Ist gut", antwortete Isa "ich habe eine Flasche Weißen mit. Steht in dem Stoffsackerl bei den Schuhen."
Ich holte den Wein aus dem Vorzimmer, ging wieder in die Küche und stellte die Flasche in den Kühlschrank.
Als ich noch ein bisschen in der Muschelsauce rührte und kostete kam Isa in die Küche. Sie lehnte sich an den Türrahmen, hielt Tom Pettys  Hard promises in der Hand und sah mich fragend an.
"Ok für dich?"
 "Ja. Petty ist großartig. Leg sie ruhig auf."
Während sie die Platte auflegte nahm ich die Pfanne vom Herd, brachte sie zum Esstisch und zündete die Kerze an. Isa setzte sich mir gegenüber an den Tisch und bei den ersten Takten von the Waiting begannen wir zu essen.
 
Sie hatte sich zuerst nur paar Löffelvoll auf den Teller gelegt und kaute mit schräg gehaltenem Kopf an einer Muschel.
Dann begann sie zu grinsen.
„Das ist gut. Das ist sogar sehr gut!"
Isa nahm sich den Schöpfer und beförderte eine große Portion Muscheln auf ihren Teller. Ich schenkte uns Wein ein und brach ihr ein Stück Baguette ab.
"Hier."
"Danke."
Die nächsten paar Minuten hörte ich außer ein paar mal "Mmmh!" und "Isst du das nicht? Kann ich das haben?" nichts von ihr.
"Laß uns anstoßen", sagte  Isa, nahm ihr Weinglas, prostete mir zu, und widmete sich wieder ihren Muscheln.

Als wir fertig gegessen hatten trank sie noch einen Schluck Wein und rülpste leise in ihre hohle Hand.
"Tschuldigung. Aber das waren die besten Muscheln die ich seit langem gegessen habe."
"Danke. Pass auf, ich räum hier schnell ab, mach’s dir auf der Couch bequem, und dann können wir ernsthaft plaudern."
Isa sah sich um. "Hast du einen Aschenbecher?"
"Steht im Bücherregal. Stell ihn einfach auf einen Sessel neben die Couch."
Ich sammelte die Teller, Besteck und die Pfanne ein und trug alles in die Küche. Auf dem Weg zurück nahm ich noch eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank mit.

Als ich wieder ins Wohnzimmer kam lag Isa auf der Couch, ließ ihre Füße über die Seitenlehne baumeln und rauchte eine Zigarette.
Die Platte war inzwischen zu Ende, ich drehte sie um, und setzte mich neben Isa auf das Sofa. "Brauchst du einen Polster oder willst du dich hier drauflegen?", fragte ich und klopfte auf meine Oberschenkel.
 Sie lächelte mich an und legte ihren Kopf in meinen Schoß.
"Passt schon. Bleib."
Ich langte nach einer Zigarette und zündete sie an. Wir rauchten schweigend und hörten der Musik zu. Isa dämpfte als erste aus und sah mich an.
"So. Und jetzt besprechen wir alles. Bitte."
"Na gut. Probieren wir das Ganze als rational denkende Menschen zu betrachten", sagte ich.
 Isa nickte ernst.
"Guter Vorschlag. Weißt du, ich war nach unserem letzten Treffen sehr enttäuscht und verärgert. Warum, fragte ich mich, erzählst du solchen Unsinn? Willst du dich interessant machen und hältst mich für so dämlich dir zu glauben? So in der Art 'Oh, ich bin ein einsamer Zeitreisender und nur du kannst mir helfen indem du dich von mir schnellstens flachlegen lässt'. Am liebsten hätte ich Dich auf den Mond geschossen, verstehst Du?"
"Ja. Du liegst übrigens gerade flach."
„Was du nicht sagst.“ Sie zwinkerte mir zu und fuhr fort: “ Ich war stinksauer auf Dich und wollte nie mehr etwas von dir hören. Und dann bin ich am Dienstag in meinem Zimmer und meine Mutter kommt aufgeregt herein und sagt ich soll zum Fernseher kommen. Da lief gerade die Zeit im Bild, und dann hab ich Dich angerufen.“
„Und was denkst Du jetzt?“
„Ich bin verwirrt. Bist du gar ein, was weiß ich, amerikanischer Geheimagent der ein AKW in Russland in die Luft gejagt hat? Aber warum erzählst du mir dann vorher davon? Es ergibt alles keinen Sinn.“
"Wenn's dich tröstet: Ich habe auch keine Ahnung."
Isa runzelte die Stirn. "Aber du musst dir doch auch Gedanken gemacht haben. Man geht doch nicht schlafen und wacht 30 Jahre früher auf ohne sich zu fragen ‚Was ist da passiert?’“
„Natürlich hab ich in den letzten Wochen darüber nachgegrübelt. Am Anfang dachte ich, ich wäre verrückt geworden. Aber die Erinnerungen waren so echt. Als wir im Kino waren wusste ich nach kurzer Zeit wie der Film ausgeht. Oder wenn ich mich an irgendwelche Details erinnere wenn ich die Zeitung lese. Und so furchtbar es klingt: Zum Glück ist Chernobyl passiert. Weil’s mir selber beweist das ich noch normal bin. Weil sich das auch nicht mit einem Deja-Vu erklären lässt. Ich wusste genau was geschehen würde.“
 Isa schüttelte den Kopf. „Aber warum ist dir das passiert? Angenommen du hast recht, und ich glaub dir inzwischen sogar das du selbst davon überzeugt bist. Du musst doch nach einer Erklärung gesucht haben.“
„Die ersten Tage schon, aber das ganze ist so bizarr, dass es sich einer Antwort entzieht. Ich hab’s ganz einfach akzeptiert.“
 „Hast du das sonst noch jemand erzählt?“
„Nein.“
„Warum mir?“
„Weil ich dir vertrauen kann.“
„Aber du kennst mich doch erst … Oh.“
„Mhm.“
„Wir waren ein Paar?“, fragte Isa leise.
„Ja. Aber waren ist nicht die richtige Zeit.“
„Egal. Waren wir glücklich?“
„Ja. Sehr.“
„Wie lange … Nein, laß. Sag’s nicht. Ich will das genießen.“
„Ich auch“, sagte ich, hob ihren Kopf an, und küsste sie sehr vorsichtig.
Dann ließ ich sie wieder in meinen Schoß sinken und legte eine Hand auf ihren Bauch.
Ich spürte wie sie entspannt atmete und streichelte sanft ihre Seite.
Wir blieben eine Weile still bis Isa ein Auge zu kniff und fragte: „Was weißt du sonst noch von mir?“
„Du isst gerne Muscheln.“
„Vor allem wenn sie so gut sind wie heute.“
„Danke. Du magst keine Pyjamas.“
„Ich hasse Pyjamas.“
„ George Benson ist dein Lieblingsmusiker.“
„Ja.“
„Du liebst es im Regen spazieren zu gehen. Aber du lässt dauernd deinen Schirm irgendwo liegen.“
Isa lachte laut auf.
„Ja!“, rief sie.
„Du hast ein altes Stofftier, eine Eule. Sie heißt Emma. Du führst ein Tagebuch und schreibst Gedichte, die du aber nur ganz selten jemandem vorliest. Du malst Aquarelle denen du sehr seltsame Namen gibst. Manchmal summst du im Schlaf ganz leise Melodien.“
Sie sah mich entgeistert an und nickte schwach.
Ich fuhr fort: “Und aus irgendeinem seltsamen Grund bist du ein großer Sport-Club-Fan.“
Isa fing sich wieder.
„Mein lieber Martin. Ich könnte dir vom Fleck weg hundert Gründe nennen warum der Wiener Sport-Club das beste Team Österreichs ist. Aber ich bezweifle das ein Rapidler wie du das auch nur im Ansatz kapieren würde.“
„Wenigstens gibt’s Rapid 2016 noch.“
„Bitte sag nicht, dass wir wieder in der 2. Division spielen.“
„Naja, eigentlich gibt’s den Sport-Club gar nicht mehr.“
Sie atmete tief durch. „Na toll. Wunderbar. Danke. Wie ist das eigentlich, wenn man alles schon im Vorhinein weiß?“
„Ich weiß nicht alles im Voraus. Erinnern kann ich mich nur an Dinge die in meiner Zeit abgelaufen sind. Das heißt aber noch lange nicht, dass es in dieser Zeit genauso passieren muss. In meiner Zeit haben wir beide zum Beispiel schon längst ... “ Ich biss mir auf die Unterlippe.
Isa setzte sich auf. „Was? Was haben wir schon längst?“ Sie lachte und boxte mir in die Rippen. „Komm, sag schon.“
„Du weißt schon“, antwortete ich und merkte wie sich mein Gesicht rötete.
Isa sah mich unschuldig an. „Nein, ich weiß nichts. Du weißt alles. Also?“
„Du und ich …“, versuchte ich und räusperte mich.
„Ja?“ Sie schenkte mir ihr strahlendstes Lächeln.
„… haben’s in den letzten Wochen wie die Karnickel getrieben.“
Isa machte große Augen und begann schallend zu lachen. Sie legt sich wieder hin und hielt sich den Bauch. Ihr Gelächter war ansteckend und so lachten wir bis uns die Tränen kamen.
Als wir uns beruhigt hatten seufzte Isa:„Aaaaahaha. Das ist es. Ich verliebe mich gerade in einen Mann, der mir, übrigens sehr taktvoll“, sie kicherte, „ beibringt, das unser erstes Mal seit Wochen überfällig ist. Wo ist der Wein? Darauf müssen wir trinken.“

Sie setzte sich auf und ich schenkte uns Wein nach. Wir stießen an und nahmen einen  Schluck.
 „Das bedeutet also“, schloss Isa,  „dass du mich schon nackt gesehen hast.“
„Naja …, zwangsläufig“, antwortete ich.
 „Zwangsläufig? Passt. Das ist das absurdeste das ich jemals erlebt habe. Danke.“
Isa gab mir einen Kuss, stellte das Glas auf den Sessel und legte ihren Kopf wieder in meinen Schoß.


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BeitragVerfasst am: 09.12.2017 21:10    Titel: Sehr lesbar... Antworten mit Zitat

Hallo Austrobass,

ich finde deinen Text sehr ansprechend. Obwohl ich mit Zeitreisen nicht viel anfangen kann, finde ich die Idee, "Was wäre wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten und ändern könnten?" super.
Jeder Mensch kann sich in so was hineinversetzen und jeder kennt solche Sequenzen in seinem Leben, die er nochmals erleben, oder ändern möchte.

Da ich auch ein Fan von wörtlicher Rede bin, finde ich natürlich auch die toll umgesetzt.

Der Text lässt sich flüssig lesen und mir gefällt, dass du deine Herkunft aus Österreich automatisch durch bestimmte Ausdrücke einfließen lässt.

Das einzige was ich als negatives einfließen lassen könnte, sind ein paar Kommafehler, die mir aufgefallen sind.

LG,
Kaffeetante0606
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BeitragVerfasst am: 10.12.2017 10:25    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Kaffeetante!

Danke für Deine Textkritik.
Freut mich, dass Dir der Text gefällt. Das Zeitreise-Thema hat sich ergeben, weil ich ein paar autobiografischen Episoden einen Rahmen geben wollte, der auch Leser interessieren könnte die mich nicht kennen. Außerdem ergeben sich dadurch natürlich Situationen bei denen ich meiner Phantasie freien Lauf lassen kann.

Ich schreibe sehr gerne Dialoge, wenn die dann auch noch gut ankommen freut mich das um so mehr.
Bei den österreichischen Ausdrücken hab ich mich soweit wie möglich zurückgenommen, aber ein paar gehören schon hinein, denke ich. Anfangs wollte ich die Dialoge im Dialekt schreiben, hab das aber sehr schnell wieder aufgegeben, weil die Lesbarkeit (auch wenn man den Dialekt spricht) zu sehr darunter leidet. Außerdem klingt es dann mMn erst Recht künstlich. Es gibt ein paar Schreiber die das können, ich gehöre nicht dazu.

Zu den Beistrichen: Da hab ich mich inzwischen schon gebessert. Ich hab  eine Software entdeckt die mich auf die gröbsten Schnitzer hinweist, so langsam bekomme ich dadurch auch ein Gefühl dafür.

liebe Grüße

Martin


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BeitragVerfasst am: 03.01.2018 22:39    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier noch ein Textausschnitt der ein Set einer Session schildert. Ich bin mir nicht ganz sicher wie detailliert ich so etwas beschreiben soll, ich hab mal den Mittelweg gewählt.
+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

In der Pause nach dem ersten Teil ging ich zum Leadgitarristen und fragte nach dem Ablauf des zweiten Sets.
„Wie es uns einfällt. Wenn du ein Leadsheet brauchst, sag’s mir, ich hab alles in der braunen Ledertasche auf der Bühne.“
Nachdem ich mich bedankt hatte kehrte ich zu Isa zurück.
„Ich werd jetzt stimmen und bin dann für eine halbe Stunde auf der Bühne.“
„Ich bin schon neugierig. Viel Spaß!“
Kurze Zeit später wurde das zweite Set angekündigt. Ich ging zur Bühne, stimmte, und wurde vom Bandleader nach meinem Namen gefragt.
"Martin."
„Du bist aber nicht aus Wien, oder?“
„Nein, aus dem Weinviertel.“
Während ich die Bühne enterte wurde ich, mit dem Hinweis dass ich aus der Provinz käme, vorgestellt.
Ich schüttelte dem Schlagzeuger die Hand, und nachdem ich mich auf einen Barhocker gesetzt und den Bass angeschlossen hatte ging es auch schon los.
„She caught the caty, in A“, raunte der Leadgitarrist.
Wir legten eine gemütliche Version des Bluesklassikers hin, und das Publikum applaudierte anerkennend. In der Zwischenzeit hatte ich herausgefunden wie der Zeugler gerne seine Fills lieferte, und konnte mich beim zweiten Titel, Route 66, noch mehr in die Band einbringen.
Als nächstes kamen drei JazzBlues-Stücke, bei denen ich einmal auf ein Leadsheet zurückgreifen musste.
Kurz vor Ende des zweiten Sets wandte ich mich während einer Unterbrechung an den Bandleader.
„Könnten wir eine Benson Nummer probieren? Meine Freundin ist ein großer Fan von ihm.“
„Ja, sicher. Etwas Besonderes?“
„On Broadway, aber auf Swing“
Ich spielte ein paar Takte an.
Der Gitarrist nickte und ging zum Mikrophon.
„Ein spezielles Lied für die bezaubernde junge Dame in der dritten Reihe!“
Das Publikum applaudierte dezent, und ich sah wie Isa große Augen machte.
Er gab mir ein Zeichen und ich begann gemeinsam mit dem Schlagzeuger mit dem Intro zu On Broadway. Wir spielten, abweichend vom Original, eine Swingversion des Benson-Hits was dem Zeugler anscheinend großen Spaß bereitete.
Nach der ersten Strophe geschah etwas, das ich viel zu selten erlebte. Das Bassspielen lief auf einmal wie von selbst, ich fand mit dem Schlagzeug eine Verbindung die uns wie ein einziges  Instrument klingen ließ. Wir warfen uns Fills und Unisono-Teile zu, ohne den Groove aufzuweichen oder die Mitmusiker zu übertönen. Ich schloss die Augen, genoss jeden Takt und fühlte wie der Drummer und ich die Band mit unserem Rhythmus trugen. Als ich die Augen wieder öffnete bekam ich gerade noch mit wie der Gitarrist uns mit einem Handzeichen ein paar Solostrophen überließ. Wir teilten uns das Solo auf; nach uns übernahm noch der Keyboarder zwei Strophen. Dann beendeten wir den Song und damit das zweite Set.
Lauter Applaus brandete auf und ich bedankte mich bei meinen Mitmusikern nach alter Session-Sitte mit einem Handschlag.


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BeitragVerfasst am: 05.03.2018 21:42    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der folgende Dialog wird von zwei sehr angeheiterten Protagonisten geführt. Ich bin mir nicht sicher ob ich den Dialog in "normal" oder  "betrunken" klingen lassen soll (Vokale auslassen oder umtauschen usw.).
+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
„Bei mir dreht sich alles, Martin.“
„Vielleicht sollten wir uns schön langsam auf den Heimweg machen?“, sagte ich.
„Nehmen wir ein Taxi?“, wollte Isa wissen.
„Aber wo. So weit ist es ja nicht. Außerdem wird uns die frische Luft gut tun.“

Das war natürlich ein Trugschluss. Nachdem wir uns von den restlichen, noch wachen Partygästen verabschiedet hatten und vor Christophs Haus standen, spürten wir die Wirkung des Alkohols noch mehr. Isa hatte schon beim Anziehen der Schuhe Gleichgewichtsprobleme gehabt, und jetzt stützte sie sich an der Hausmauer ab, um nicht hinzufallen.
Ich nahm sie an der Hand und wir gingen, nicht immer den geradesten Weg nehmend, nach Hause. Die Nacht war mild, und bis auf einen älteren Herrn, der mit seinem Hund Gassi ging, trafen wir niemand.
Bei einer Kreuzung ließ sie mich los, ich ging ein paar Schritte weiter, und drehte mich nach ihr um.
„Du.“ Isa hatte sich an eine Straßenlaterne gelehnt, und versuchte auf mich zu zeigen, schaffte es aber nicht, zum einen weil ich schwankte wie Schilf im Wind, und weil ihr ihre Hand nicht mehr ganz gehorchen wollte.
„Ja, o Göttin der körperlichen Liebe?“, sagte ich und lachte.
„Du. Hast!“
„Ich hab dich lieb, ja.“
„Neinneinneinnein. Also ja, schon. Ich ja auch. Aber!“
Mir wurde etwas schwindlig, also lehnte ich mich auch an die Laterne.
„Aber?“
„Du hast mal was gesagt.“
„Du auch!“, verteidigte ich mich automatisch.
„Aber du willst was retten. Die Welt. Du willst die Welt retten. Hast du gesagt!“
Ich riss mich zusammen. „Ja. Ich hab dir doch von den Dingern erzählt, oder?“
„Klar.“ Sie nickte und versuchte sich mit dem Zeigefinger an die Nase zu klopfen.
„Und die müssen verhindert werden.“
Wir schwiegen, weil unser Gespräch eine Richtung genommen hatte der wir beide nicht mehr folgen konnten.
„Ich mein die Dinger die in die Wolkenkratzer geflogen sind. Die Flugzeuge.“, stellte ich klar.
Isa hielt sich eine Hand vor den Mund und machte große Augen.
„Oh mein Gott, ja!“, hauchte sie.
Ich nahm sie mitsamt dem Laternenmast in die Arme, dadurch war gesichert das wir nicht umfallen konnten.
„Willst du mir helfen?“
„Ich bin dabei!“ Sie nickte heftig.
„Wir zwei.“
„Du und ich.“
„Martin und Isa retten die Welt!“
„Der Esel nennt sich immer zuerst“, tadelte sie mich.
„Nicht, wenn du das sagst.“
Sie legte die Stirn in Falten. „Bitte verwirr mich nicht.“
„Es wird aber eh niemand erfahren, dass wir die Welt gerettet haben“, sagte ich.
„Keine Statue?“
„Nein.“
„Kein Isa-Tag?“
Ich schüttelte den Kopf.
Sie seufzte. „Unbesungene Helden.“
Wir lösten uns von der Laterne, ich nahm ihre Hand, und wir setzten unseren Weg fort.
„Wie willst du das eigentlich machen?“, fragte sie.
„Keine Ahnung.“


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BeitragVerfasst am: 22.05.2018 17:12    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier eine kurze Szene, bei der ich mir nicht sicher bin, ob ich die Reaktion der Isa richtig hinbekommen. Ich hab mir gedacht, dass es anstrengend sein muss, mit jemand zusammen zu sein, der einen viel länger kennt als umgekehrt. Für Verbesserungsvorschläge bin ich wie immer sehr dankbar. Das Setting: Die zwei Protagonisten ziehen zusammen und packen gerade aus.
++++++++++++++++++++++

Ansonsten vollzog sich das Verlassen des Elternhauses für Isa unspektakulär; da meine Wohnung ausreichend möbliert war, mussten wir hauptsächlich ihr Gewand, Bücher sowie ein paar persönliche Gegenstände durch Wien transportieren.

Und ihre Bilder.

Wir waren gerade dabei auszupacken und saßen am Boden neben einem offenen Umzugskarton, als ich eines ihrer Aquarelle aus der Schachtel zog.
„Das kenn ich“, sagte ich und hielt das Bild, das eine Mohnblume neben einem Ziegelstein zeigte, hoch. Isa hatte Talent, das konnte sogar ich, der ich grafisch völlig unbegabt war, erkennen. Was mich an ihren Bildern aber am meisten faszinierte, waren die Namen die sie ihren Werken gab.
„Weißt du noch wie es heißt?“, fragte sie mich erwartungsvoll.
„Warte mal … ja. Das ist Jetzt sieh nur was du angerichtet hast.“
„Richtig. Und das hier?“ Sie nahm das nächste Bild aus dem Karton.
Das Aquarell einer Flusslandschaft kannte ich auch aus meiner Erinnerung.
„Irgendwas mit einem Igel?“
Der blaue Igel“, sie deutete auf einen winzigen, blauen Punkt am Rand des Bildes, „Und da sitzt er.“
Isa durchsuchte den Karton und zeigte mir noch ein Bild.
„Kennst du das auch?“
Sie hielt mir ein Portrait entgegen auf dem ich mich sofort wiedererkannte. Auf dem Gemälde sah ich amüsiert drein, hatte die Haare offen und eine Zigarette im Mundwinkel.
„Nein. Das ist toll! Wann hast du das gemalt?“
„Vor zwei Wochen. Du warst Proben und ich hab dich aus dem Gedächtnis gezeichnet. Bist du überrascht?“
„Und wie! Mich hat noch nie jemand gemalt.“
„Ich hab dich in deiner Zeit nicht gemalt?“, fragte sie und lächelte matt.
„Nein. Aber du hast mir ein Bild von dir geschenkt.“
„Das hier?“ Sie holte noch ein Aquarell aus dem Karton und reichte es mir. Es war ein Akt den sie von sich selbst gemacht hatte.
„Ja.“
„Wie heißt es?“
Ich.“
Sie nickte und sah mich nachdenklich an. „Wenn du das Portrait auch gekannt hättest, wäre ich gegangen.“
Ich blickte lange Zeit auf den Akt und sah dann auf.
„Weil du glaubst, ich weiß schon alles von dir.“
„Ist es nicht so? Du wusstest meine Lieblingsspeisen, meinen Musikgeschmack und“, sie lachte leise, “meine Vorlieben im Bett. Wahrscheinlich kennst du Dinge von mir, die ich noch nicht mal gemacht habe. Aber das Portrait gibt mir Hoffnung.“
„Es ist jetzt schon sehr vieles anders als in meiner Zeit. Du tust andere Sachen. Ich hatte  einen Informationsvorsprung, der aber immer geringer wird. Du hast viel über mich erfahren.“
„Kann man auf sich selbst eifersüchtig sein?“
„In unserem Fall, vielleicht, ja. Aber du hast keinen Grund dazu.“
„Du liebst mich und nicht die Isa in deiner Zeit?“
„Ja.“
Sie legte sich auf den Boden, bettete ihren Kopf in meinen Schoß und legte sich meine linke Hand auf ihren Bauch. „Es ist gut“, sagte sie.      
„Und wie hast du das Portrait betitelt?“, fragte ich nach einer Weile.
Nicht mal umsonst.“
„Du bist auf eine sehr schöne Art verrückt.“
„Ja. Es hilft.“


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