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Nach einer wahren Begegnung


 

 
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Yaouoay
Geschlecht:männlichEselsohr

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BeitragVerfasst am: 16.10.2017 18:48    Titel: Nach einer wahren Begegnung eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Nach einer wahren Begegnung

Meine steifen Finger fuhren über vergilbte Einbände alter Bücher. Braune Blätter knirschten unter meinen Schuhen, als ich nähertrat an die Kiste. Die Bücher sahen auf gewisse Weise alle gleich aus. Das literarische Vermächtnis des vergangenen Jahrtausends. Darüber verhieß ein handgeschriebenes Plakat: „Jedes Buch 1€“, wie man es kannte von ebenso vergilbten Pappkartons vor kleinen Antiquariaten.
Ich durchsuchte vorsichtig die Auslage. Meine Fingerspitzen waren rot und kaum zu spüren. Trotzdem fühlte ich die altehrwürdigen Einbände aus Papier. Arglos wanderte mein Blick über Titel und Autorennamen. Ein unscheinbares Büchlein fiel mir auf, es war von Franz Kafka. Meine Mutter hatte mir diesen Autor empfohlen, also blätterte ich etwas darin. Es war eine Anthologie – nicht schlecht, dachte ich mir und betrat den schmalen Laden. Ein Mann in schwarzem Anzug blickte mit trüben Augen zu mir auf, als hätte ich mich in der Tür geirrt. Mit seinem schütteren weißen Haar und der dünnen Haut sah er so zerbrechlich aus wie das welke Herbstlaub draußen.

„Guten Tag“, sagte ich freundlich, „ich möchte gerne dieses Buch kaufen.“ Ich legte es behutsam auf die schwarze Tischplatte, die dort stand, wo normalerweise die Schaufensterauslage war, und holte meine Geldbörse hervor. Ohne zu blinzeln oder zu lächeln wanderte sein Blick auf das brüchige Buch, das neben ihm auf dem Tisch lag. Das Zimmer war eng; vollgestellt mit staubigen Regalen voller Nippes und kleiner antiquarischer Schätzer. Eine tönerne, farblose Elefantenfigur stand auf dem Tisch. Der Herr im Anzug schaute wieder zu mir auf.
„Sie lesen?“, fragte er. Ich stutzte. Vorsichtig antwortete ich: „Jaah, ich lese.“
„Nein“, sagte der Mann ruhig, „man liest heute nicht umher.“ Verulkte er mich?
„Ich lese – und ich schreibe auch“, sagte ich erklärend und deutete auf das Buch: „Das hat mir meine Mutter empfohlen.“
„Sie schreiben und Sie lesen, das interessiert mich jetzt. Ich dachte, heute lesen Kinder nur noch in der Schule …“ Er wirkte aufrichtig überrascht, und hob sogar die Brauen.
Ich runzelte die Stirn, behielt aber das Lächeln bei. Ich fand den Mann sympathisch.
„Ich kenne viele in meinem Alter, die lesen. Freiwillig.“ Ein zweiter Mann kam hinter mir herein durch die Ladentür. Energisch pfefferte er Unterlagen auf den Ladentisch und grüßte den Herrn im Anzug. Ich machte Platz und wich in den Laden aus. Der Mann, sein breiter Oberkörper war in einen roten Pullover gezwängt, stand nun im Eingang, wo ich vorher war.
„Hör mal, der junge Mann hier liest Bücher“, sagte der ruhige alte Mann. Jetzt erst wurde der andere auf mich aufmerksam. „Ach was?“ Ich lächelte so höflich und bescheiden wie nur irgend möglich, meine Hände fummelten mein Halstuch auf. Mein Gesicht war heiß.
„Kafka“, sagte der Alte, „ganz gefährlich.“ Der Mann mit dem roten Pullover hob die Brauen. Geschäftig trat er von einem Bein aufs andere. „Kafka? Ganz gefährlich, mein Freund, ganz gefährlich.“ Ich öffnete den Mund, der ruhige Manns sagte: „Ja, das sollten Sie nicht an einem frostigen Novemberabend lesen.“ – „Nein, sollten Sie nicht“, bestätigte der Dicke.
„Woher kommst du?“ Ich machte wieder den Mund auf, der ruhige Mann sagte: „Ja, an welche Schule gehst du?“
„Ich komme aus Berlin“, erklärte ich, „und ich kenne viele in meinem Alter, die Bücher lesen.“
„Aus Berlin.“ Der Alte tippte sich auf die Nase. „Und warum sind Sie in Naumburg?“ – „In Naumburg lesen die Kinder nicht“, sagte der Dicke.
„Wir machen eine Klassenfahrt.“ Wo würde das Gespräch hinführen? Der Alte heilt das Buch umklammert wie einen Schatz, den er nicht hergeben wollte. Ich hielt immer noch mein Portemonnaie in Händen.
„Warum machen Sie eine Klassenfahrt nach Naumburg?“, fragte der Alte. Der Dicke verschwand geschäftig nach draußen, ordnete dort irgendwelche Auslagen und kam wieder herein.
„Wir haben nicht viel Geld“, sagte ich. Der Dicke mit dem roten Pullover nickte bedeutungsschwer. „Ein guter Grund“, sagte er, „ein guter Grund.“
„Ich würde Ihnen das Buch gerne signieren“, sagte der Alte nachdenklich, „ich bin ja selbst der Urenkel von Franz Kafka.“ – „Wirklich?“, fragte ich beeindruckt. Der Dicke schüttelte den Kopf: „Quatsch nicht, er ist nur sehr … verbunden mit Kafka. Sehr gefährliche Lektüre ist das. Solltest du nicht im November lesen.“
Der Alte fragte mich, mit seinen trüben Augen durchbohrte er mich mild: „Wissen Sie, wo Kafka geboren wurde?“ Ich wusste es nicht; ich öffnete den Mund, der Alte sagte ruhig: „In Prag.“ Oh nein, in Geographie lag meine größte Schwäche: „Das ist in Polen, oder?“ Die beiden Herren lachten. Der Dicke wuselte geschäftig umher.
„Nein, mein Freund, in Tschechien, in der Tschechischen Republik“, erklärte der Alte ruhig.
„Jetzt lass doch den armen Jungen In Frieden“, sagte der Dicke, „er will seinen Kafka kaufen.“
„Wissen Sie was“, sagte der Alte, „ich will Ihnen das Buch gern schenken.“ Ich wusste nicht, was ich von dem Gespräch halten sollte. Ich fühlte mich nicht unwohl, aber die beiden Männer waren mir so fremde und sonderbar. Es war fast komisch.
„Sie sind sehr freundlich“, sagte der Alte, „ich will Ihnen das Buch schenken.“ Unsicher steckte ich mein Portemonnaie in meine Gesäßtasche. „Danke sehr“, sagte ich. Der Alte schüttelte langsam den Kopf: „Es freut mich, dass Sie lesen. Aber seien Sie vorsichtig mit Kafka. Es gibt sehr intensive Werke von ihm.“ – „Sollte man nicht im November lesen“, sagte der Dicke wieder, „jetzt gib ihm das Buch, der Junge will gehen.“ Ich wusste nicht, dass ich gehen wollte, aber vielleicht wurde es Zeit, bevor es noch unwirklicher wurde.
„Vielen Dank“, sagte ich, „vielen Dank für das interessante Gespräch. Vielleicht komme ich morgen wieder.“ Der Dicke ging hinaus und machte den Eingang frei. Der Alte sagte: „Morgen sind wir nicht das. Wir sind nur die Vertretung.“

„Auf Wiedersehen“, sagte ich, der Alte reichte mir das Buch. „Wenn Sie das im Zug auspacken, dann werden die Professoren stauen.“ Ich folgte dem Dicken hinaus, der Alte blieb auf seinem kleinen Stuhl sitzen. Der Dicke kramte in der Bücherkiste.
„Ah … das will ich eigentlich nicht weggeben“, sagte er und nahm ein kleines Buch heraus. „Warum tut er meine Bücher hier rein? Das ist auch meins.“ Er schaute auf. „Sei vorsichtig mit Kafka.“
„Auf Wiedersehen“, sagte ich und ging weiter die Kopfsteinpflasterstraße entlang. Ich spürte den vergilbten Papiereinband des Büchleins zwischen meinen klammen Fingern.



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In Liebe – das Leben
(Erzählung)
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bordo
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Beiträge: 84



BeitragVerfasst am: 16.10.2017 22:10    Titel: Antworten mit Zitat

Im ersten Satz könntest du die alten Bücher weglassen, das wird dann eh später nochmal erwähnt.

Bei der Beschreibung des Ladenbesitzers frage ich mich, ob eine Haut dünn sein kann? Da könntest du vielleicht noch nach einem anderen Ausdruck suchen.

Den Mann mit dem breiten Oberkörper nennst du auf einmal den Dicken, ich hatte eher einen muskulösen Mann vor Augen bei dem Ausdruck breit, vielleicht wäre füllig oder korpulent besser.

Der alte Mann wird plötzlich als ruhig beschrieben, obwohl er auf mich eher einen gesprächigen Eindruck macht, vielleicht müsstest du deine vorangegangenen Beschreibungen ein wenig korrigieren, damit diese Charakterisierung mehr Sinn macht. Vielleicht meinst du auch eher leise.

Den Dicken nennst du drei Mal geschäftig, vielleicht ein wenig übertrieben.

Warum nennst du das Buch am Ende Büchlein?Wenn es eine Anthologie ist, war es wohl nicht sooo dünn, oder?

Ich finde, du beschreibst gut eines dieser kleinen Antiquariate, die man kennt. Der Höhepunkt der Erzählung in punkto Unterhaltung ist für mich, als  der Protagonist Prag für die polnische Hauptstadt hält.

Realistisch beschrieben auch die Wandlung der Skepsis des Alten bis er das Buch, das er zuvor noch umklammert hatte, großzügig herschenkt.

Ein paar Tippfehler sind drin, sage ich nur informationshalber, ist nicht der Rede wert.

Für eine wahre Begebenheit interessant zu lesen.
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BlueNote
Geschlecht:männlichStimme der Vernunft


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BeitragVerfasst am: 16.10.2017 23:23    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Yaouoay,

faszinierend, wie du es schaffst, in diesem Text jene merkwürdige, geheimnisvolle Atmosphäre zu erzeugen. Das ist wirklich gekonnt gemacht, das Wechselspiel der beiden Herren in der Buchhandlung. Ihre seltsamen Fragen ... Und insgesamt sehr gut geschrieben (als hättest du schon 15 Jahren Schreiberfahrung).
 
Zitat:

verbunden mit Kafka

Kafka sehr verbunden, würde ich schreiben
Zitat:

Der Dicke wuselte geschäftig umher.

Der Text wirkt übrigens sehr erwachsen (vom Schreibstil), durch Worte wie "wuselte" merkt man aber dann doch wieder den sehr jungen Protagonisten.

BN
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Tjana
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BeitragVerfasst am: 17.10.2017 00:39    Titel: Antworten mit Zitat

So eine Begebenheit hätte ich auch gerne mal selbst erlebt.
Sehr schön transportiert. Die besondere Eigenheit der beiden älteren Männer genauso wie die Verwunderungen des jungen Käufers.
Irgendwie will gar kein Verbesserungsvorschlag aus mir heraus. Hmm. Respekt!
LGT


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azareon35
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BeitragVerfasst am: 17.10.2017 03:03    Titel: Re: Nach einer wahren Begegnung Antworten mit Zitat

Yo,
dann will ich auch mal etwas Kritik dazu abgeben.
Yaouoay hat Folgendes geschrieben:
Nach einer wahren Begegnung

Meine steifen Finger fuhren über vergilbte Einbände alter Bücher. Braune Blätter knirschten unter meinen Schuhen, als ich nähertrat an die Kiste. Die Bücher sahen auf gewisse Weise alle gleich aus. Das literarische Vermächtnis des vergangenen Jahrtausends. Darüber verhieß ein handgeschriebenes Plakat: „Jedes Buch 1€“, wie man es kannte von ebenso vergilbten Pappkartons vor kleinen Antiquariaten. Die Wortreihenfolge stört mich hier.  wie man es von ebenso vergilbten Pappkartons vor kleinen Antiquariaten kannte liest sich besser.
Ich durchsuchte vorsichtig die Auslage. Meine Fingerspitzen waren rot und kaum zu spüren. Trotzdem fühlte ich die altehrwürdigen Einbände aus Papier. Arglos wanderte mein Blick über Titel und Autorennamen. Ein unscheinbares Büchlein fiel mir auf, es war von Franz Kafka. Meine Mutter hatte mir diesen Autor empfohlen, also blätterte ich etwas darin. Es war eine Anthologie – nicht schlecht, Das ist jetzt persönlicher Geschmack, aber mit einem Bindestrich zu Gedanken überzuleiten halte ich für einen Stilbruch. dachte ich mir und betrat den schmalen Laden. Ein Mann in schwarzem Anzug blickte mit trüben Augen zu mir auf, als hätte ich mich in der Tür geirrt. Mit seinem schütteren weißen Haar und der dünnen Haut sah er so zerbrechlich aus wie das welke Herbstlaub draußen.

„Guten Tag“, sagte ich freundlich, „ich möchte gerne dieses Buch kaufen.“ Ich legte es behutsam auf die schwarze Tischplatte, die dort stand, wo normalerweise die Schaufensterauslage war, und holte meine Geldbörse hervor. Ohne zu blinzeln oder zu lächeln wanderte sein Blick auf das brüchige Buch, das neben ihm auf dem Tisch lag. Das Zimmer war eng; vollgestellt mit staubigen Regalen voller Nippes und kleiner antiquarischer Schätzer. Du meinst wohl Schätze. Eine tönerne, farblose Elefantenfigur stand auf dem Tisch. Der Herr im Anzug schaute wieder zu mir auf.
„Sie lesen?“, fragte er. Ich stutzte. Vorsichtig antwortete ich: „Jaah, ich lese.“
„Nein“, sagte der Mann ruhig, „man liest heute nicht umher.“ Verulkte er mich?
„Ich lese – und ich schreibe auch“, sagte ich erklärend und deutete auf das Buch: „Das hat mir meine Mutter empfohlen.“
„Sie schreiben und Sie lesen, das interessiert mich jetzt. Ich dachte, heute lesen Kinder nur noch in der Schule …“ Er wirkte aufrichtig überrascht, und hob sogar die Brauen.
Ich runzelte die Stirn, behielt aber das Lächeln bei. Ich fand den Mann sympathisch.
„Ich kenne viele in meinem Alter, die lesen. Freiwillig.“ Ein zweiter Mann kam hinter mir herein durch die Ladentür. Energisch pfefferte er Unterlagen auf den Ladentisch und grüßte den Herrn im Anzug. Ich machte Platz und wich in den Laden aus. Huh? Wie groß ist der Laden jetzt? Das wird nicht klar. Der Mann, sein breiter Oberkörper war in einen roten Pullover gezwängt, stand nun im Eingang, wo ich vorher war.
„Hör mal, der junge Mann hier liest Bücher“, sagte der ruhige alte Mann. Jetzt erst wurde der andere auf mich aufmerksam. „Ach was?“ Ich lächelte so höflich und bescheiden wie nur irgend möglich, meine Hände fummelten mein Halstuch auf. Mein Gesicht war heiß.
„Kafka“, sagte der Alte, „ganz gefährlich.“ Der Mann mit dem roten Pullover hob die Brauen. Geschäftig trat er von einem Bein aufs andere. „Kafka? Ganz gefährlich, mein Freund, ganz gefährlich.“ Ich öffnete den Mund, der ruhige Manns sagte: „Ja, das sollten Sie nicht an einem frostigen Novemberabend lesen.“ – Uh... „Nein, sollten Sie nicht“, bestätigte der Dicke.
„Woher kommst du?“ Ich machte wieder den Mund auf, der ruhige Mann sagte: „Ja, an welche Schule gehst du?“
„Ich komme aus Berlin“, erklärte ich, „und ich kenne viele in meinem Alter, die Bücher lesen.“
„Aus Berlin.“ Der Alte tippte sich auf die Nase. „Und warum sind Sie in Naumburg?“ – „In Naumburg lesen die Kinder nicht“, sagte der Dicke. Also, die Bindestriche wirken störend. Mach da lieber einen neuen Absatz.
„Wir machen eine Klassenfahrt.“ Wo würde das Gespräch hinführen? Der Alte heilt Ist das Buch verletzt? das Buch umklammert wie einen Schatz, den er nicht hergeben wollte. Ich hielt immer noch mein Portemonnaie in Händen.
„Warum machen Sie eine Klassenfahrt nach Naumburg?“, fragte der Alte. Der Dicke verschwand geschäftig nach draußen, ordnete dort irgendwelche Auslagen und kam wieder herein.
„Wir haben nicht viel Geld“, sagte ich. Der Dicke mit dem roten Pullover nickte bedeutungsschwer. „Ein guter Grund“, sagte er, „ein guter Grund.“
„Ich würde Ihnen das Buch gerne signieren“, sagte der Alte nachdenklich, „ich bin ja selbst der Urenkel von Franz Kafka.“ – „Wirklich?“, fragte ich beeindruckt. Der Dicke schüttelte den Kopf: „Quatsch nicht, er ist nur sehr … verbunden mit Kafka. Sehr gefährliche Lektüre ist das. Solltest du nicht im November lesen.“
Der Alte fragte mich, mit seinen trüben Augen durchbohrte er mich mild: „Wissen Sie, wo Kafka geboren wurde?“ Ich wusste es nicht; ich öffnete den Mund, der Alte sagte ruhig: „In Prag.“ Oh nein, in Geographie lag meine größte Schwäche: „Das ist in Polen, oder?“ Die beiden Herren lachten. Der Dicke wuselte geschäftig umher.
„Nein, mein Freund, in Tschechien, in der Tschechischen Republik“, erklärte der Alte ruhig.
„Jetzt lass doch den armen Jungen In Frieden“, sagte der Dicke, „er will seinen Kafka kaufen.“
„Wissen Sie was“, sagte der Alte, „ich will Ihnen das Buch gern schenken.“ Ich wusste nicht, was ich von dem Gespräch halten sollte. Ich fühlte mich nicht unwohl, aber die beiden Männer waren mir so fremde und sonderbar. Es war fast komisch. Geradezu kafkaesk, hm? Wink
„Sie sind sehr freundlich“, sagte der Alte, „ich will Ihnen das Buch schenken.“ Unsicher steckte ich mein Portemonnaie in meine Gesäßtasche. „Danke sehr“, sagte ich. Der Alte schüttelte langsam den Kopf: „Es freut mich, dass Sie lesen. Aber seien Sie vorsichtig mit Kafka. Es gibt sehr intensive Werke von ihm.“ – „Sollte man nicht im November lesen“, sagte der Dicke wieder, „jetzt gib ihm das Buch, der Junge will gehen.“ Ich wusste nicht, dass ich gehen wollte, aber vielleicht wurde es Zeit, bevor es noch unwirklicher wurde.
„Vielen Dank“, sagte ich, „vielen Dank für das interessante Gespräch. Vielleicht komme ich morgen wieder.“ Der Dicke ging hinaus und machte den Eingang frei. Der Alte sagte: „Morgen sind wir nicht das. Das was? Wir sind nur die Vertretung.“

„Auf Wiedersehen“, sagte ich, der Alte reichte mir das Buch. „Wenn Sie das im Zug auspacken, dann werden die Professoren stauen.“ Ich folgte dem Dicken hinaus, der Alte blieb auf seinem kleinen Stuhl sitzen. Der Dicke kramte in der Bücherkiste. Moment, ist das jetzt der Dicke oder der Mann im roten Pullover? Da musst du dich mal entscheiden.
„Ah … das will ich eigentlich nicht weggeben“, sagte er und nahm ein kleines Buch heraus. „Warum tut er meine Bücher hier rein? Das ist auch meins.“ Er schaute auf. „Sei vorsichtig mit Kafka.“
„Auf Wiedersehen“, sagte ich und ging weiter die Kopfsteinpflasterstraße entlang. Ich spürte den vergilbten Papiereinband des Büchleins zwischen meinen klammen Fingern.


Falls dieser Text eine Homage an Kafka sein soll, dann, so finde ich, hast du die Thematik sehr gut getroffen. Gibt natürlich noch einige Schönheitsfehler, die ich im Text angemerkt habe, aber die kann man ausbessern, das ist kein Beinbruch.
Allerdings stört mich die Erzählzeit. Aufgrund deiner Wortwahl würde ich sagen, dass sich diese Story besser im Präsens liest.

Azareon


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Nemo me impune lacessit.

"If you don't read my bleedin' text, you don't get to talk down about my bleedin' text!"
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Yaouoay
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BeitragVerfasst am: 17.10.2017 16:21    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo, die lieben Kollegen!

Vielen Dank für euer Feedback; ich hab das, was mir sinnvoll erscheint, bereits umgesetzt.


Lieber bordo,
dein Hinweis zum Dicken habe ich umgesetzt.
Das dreimalige "geschäftig" stört mich persönlich nicht, zumal ich den Mann erlebt habe. Es gibt kein besseres Wort, was das beschreibt. wink
Ansonsten versuche ich, aus den anderen Anmerkungen etwas mitzunehmen:

bordo hat Folgendes geschrieben:

Im ersten Satz könntest du die alten Bücher weglassen, das wird dann eh später nochmal erwähnt


Wenn ich das "alt" rausnehme, fällt der Genitiv weg und es hieße "über vergilbte Einbände von Büchern." Das geht nicht, dann müsste ich den ganzen Satz umformulieren.

Zitat:
Der alte Mann wird plötzlich als ruhig beschrieben, obwohl er auf mich eher einen gesprächigen Eindruck macht, vielleicht müsstest du deine vorangegangenen Beschreibungen ein wenig korrigieren, damit diese Charakterisierung mehr Sinn macht. Vielleicht meinst du auch eher leise.


Ich meine, dass er ruhig spricht. Ist das nicht auch leise? Und gemächlich? "ruhig" kann vieles bedeuten.

Zitat:
Warum nennst du das Buch am Ende Büchlein?Wenn es eine Anthologie ist, war es wohl nicht sooo dünn, oder?

Es ist ein dünnes Buch. Eine Anthologie muss ja nicht dick sein, oder? Ich kenne auf jeden Fall keine, die das wäre ...

Zitat:
Ein paar Tippfehler sind drin, sage ich nur informationshalber, ist nicht der Rede wert.


Ich war wohl zu eifrig mit dem Posten, sodass ich nicht noch ein zweites Mal rübergelesen habe ...


Hallo, BlueNote!
Ich habe die Begebenheit noch am gleichen Tage niedergeschrieben, da steckte mir das noch in den Knochen. In der Tat sehr kafkaesk.
Ich wart noch ein paar Antworten ab, dann poste ich einen überarbeiteten Text.


Danke, Tjana, für dein Lob!
Es freut mich, dass dir der Text gefällt. Kann ich ihn eigentlich einsprechen und posten? Denn vorgelesen hat er zumindest meiner Familie viel Spaß gemacht ...


Hallo, azareon,
es ist wirklich eine kafkaeske Erfahrung gewesen, und eine Hommage könnte es sein, würde ich Kafka noch besser kennen. Das Lesen des erworbenen Buches fällt mir schwer, da es doch arg surreal ist.
Mit dem Präteritum versuche ich, das Surreale zu vermitteln; ich finde es passend, und bin mir nicht sicher, ob Präsens passen würde.
Aber ich kann ihn mir ja halblaut vorlesen und im Präsens formulieren; vielleicht gefällt mir das ja viel besser? smile
Die Rechtschreibfehler tun mir leid; die merze ich jetzt aus.

Zitat:
Moment, ist das jetzt der Dicke oder der Mann im roten Pullover? Da musst du dich mal entscheiden.

Was meinst du damit? Der Dicke trägt einen roten Pullover.

Noch ein Tipp: Bindestriche sind nicht das Gleiche wie Gedankenstriche. Die langen sind die Gedankenstriche. wink


Liebe Grüße
Yaouoay


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In Liebe – das Leben
(Erzählung)
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Yaouoay
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BeitragVerfasst am: 31.10.2017 10:55    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Nach einer wahren Begegnung

Meine steifen Finger fahren über vergilbte Einbände alter Bücher. Braune Blätter knirschen unter meinen Schuhen, als ich nähertrete an die Kiste. Die Bücher sehen auf gewisse Weise alle gleich aus. Das literarische Vermächtnis des vergangenen Jahrtausends. Darüber verheißt ein handgeschriebenes Plakat: „Jedes Buch 1€“, wie man es kennt von ebenso vergilbten Pappkartons vor kleinen Antiquariaten.
Ich durchsuche vorsichtig die Auslage. Meine Fingerspitzen sind rot und kaum zu spüren. Trotzdem fühle ich die altehrwürdigen Einbände aus Papier. Arglos wandert mein Blick über Titel und Autorennamen. Ein unscheinbares Büchlein fällt mir auf, es ist von Franz Kafka. Meine Mutter hat mir diesen Autor empfohlen, also blättere ich etwas darin. Es ist eine Anthologie – nicht schlecht, denke ich mir und betrete den schmalen Laden. Ein Mann in schwarzem Anzug blickt mit trüben Augen zu mir auf, als hätte ich mich in der Tür geirrt. Mit seinem schütteren weißen Haar und der dünnen Haut sieht er so zerbrechlich aus wie das welke Herbstlaub draußen.
„Guten Tag“, sage ich freundlich, „ich möchte gerne dieses Buch kaufen.“ Ich lege es behutsam auf die schwarze Tischplatte, die dort steht, wo normalerweise die Schaufensterauslage ist, und hole meine Geldbörse hervor. Ohne zu blinzeln oder zu lächeln wandert sein Blick auf das brüchige Buch, das neben ihm auf dem Tisch liegt. Das Zimmer ist eng; vollgestellt mit staubigen Regalen voller Nippes und kleiner antiquarischer Schätze. Eine tönerne, farblose Elefantenfigur steht auf dem Tisch. Der Herr im Anzug schaut wieder zu mir auf.
„Sie lesen?“, fragt er. Ich stutze. Vorsichtig antworte ich: „Jaah, ich lese.“
„Nein“, sagt der Mann ruhig, „man liest heute nicht mehr.“ Verulkt er mich?
„Ich lese – und ich schreibe auch“, sage ich erklärend und deute auf das Buch: „Das hat mir meine Mutter empfohlen.“
„Sie schreiben und Sie lesen, das interessiert mich jetzt. Ich dachte, heute lesen Kinder nur noch in der Schule …“ Er wirkt aufrichtig überrascht, und hebt sogar die Brauen.
Ich runzele die Stirn, behalte aber das Lächeln bei. Ich finde den Mann sympathisch.
„Ich kenne viele in meinem Alter, die lesen. Freiwillig.“ Ein zweiter Mann kommt hinter mir herein durch die Ladentür. Energisch pfeffert er Unterlagen auf den Ladentisch und grüßt den Herrn im Anzug dröhnend. Ich mache Platz und weiche in den engen Laden aus. Der Mann, sein fülliger Oberkörper ist in einen roten Pullover gezwängt, steht nun im Eingang, wo ich vorher gewesen bin.
„Hör mal, der junge Mann hier liest Bücher“, sagt der ruhige alte Mann. Jetzt erst wird der andere auf mich aufmerksam. „Ach was?“ Ich lächele so höflich und bescheiden wie nur irgend möglich, meine Hände fummeln mein Halstuch auf. Mein Gesicht ist heiß.
„Kafka“, sagt der Alte, „ganz gefährlich.“ Der Mann mit dem roten Pullover hebt die Brauen. Geschäftig tritt er von einem Bein aufs andere. „Kafka? Ganz gefährlich, mein Freund, ganz gefährlich.“ Ich öffne den Mund, der ruhige Mann sagt: „Ja, das sollten Sie nicht an einem frostigen Novemberabend lesen.“ – „Nein, solltest du nicht“, bestätigt der Dicke, „woher kommst du?“ Ich mache wieder den Mund auf, der ruhige Mann sagt: „Ja, an welche Schule gehen Sie?“
„Ich komme aus Berlin“, erkläre ich, „und ich kenne viele in meinem Alter, die Bücher lesen.“
„Aus Berlin.“ Der Alte tippt sich auf die Nase. „Und warum sind Sie in Naumburg?“
„In Naumburg lesen die Kinder nicht“, sagt der Dicke.
„Wir machen eine Klassenfahrt.“ Wo würde das Gespräch hinführen? Der Alte hält das Buch umklammert wie einen Schatz, den er nicht hergeben will. Ich halte immer noch mein Portemonnaie in Händen.
„Warum machen Sie eine Klassenfahrt nach Naumburg?“, fragt der Alte. Der Dicke verschwindet nach draußen, ordnet dort irgendwelche Auslagen und kommt wieder herein.
„Wir haben nicht viel Geld“, sage ich. Der Dicke mit dem roten Pullover nickt bedeutungsschwer. „Ein guter Grund“, sagt er, „ein guter Grund.“
„Ich würde Ihnen das Buch gerne signieren“, sagt der Alte nachdenklich, „ich bin ja selbst der Urenkel von Franz Kafka.“
„Wirklich?“, frage ich beeindruckt. Der Dicke schüttelt den Kopf: „Quatsch nicht, er ist nur … Kafka sehr verbunden. Sehr gefährliche Lektüre ist das. Solltest du nicht im November lesen.“
Der Alte fragt mich, mit seinen trüben Augen durchbohrt er mich mild: „Wissen Sie, wo Kafka geboren wurde?“ Ich weiß es nicht; ich öffne den Mund, der Alte sagt ruhig: „In Prag.“ Oh nein, in Geographie liegt meine größte Schwäche: „Das ist in Polen, oder?“ Die beiden Herren lachen. Der Dicke wuselt geschäftig umher.
„Nein, mein Freund, in Tschechien, in der Tschechischen Republik“, erklärt der Alte ruhig.
„Jetzt lass doch den armen Jungen in Frieden“, sagt der Dicke, „er will seinen Kafka kaufen.“
„Wissen Sie was“, sagt der Alte, „ich will Ihnen das Buch gern schenken.“ Ich weiß nicht, was ich von dem Gespräch halten soll. Ich fühle mich nicht unwohl, aber die beiden Männer sind mir so fremd und sonderbar. Es ist fast komisch.
„Sie sind sehr freundlich“, sagt der Alte, „ich will Ihnen das Buch schenken.“ Unsicher stecke ich mein Portemonnaie in meine Gesäßtasche. „Danke sehr“, sage ich. Der Alte schüttelt langsam den Kopf: „Es freut mich, dass Sie lesen. Aber seien Sie vorsichtig mit Kafka. Es gibt sehr intensive Werke von ihm.“ – „Sollte man nicht im November lesen“, sagt der Dicke wieder, „jetzt gib ihm das Buch, der Junge will gehen.“ Ich wusste nicht, dass ich gehen will, aber vielleicht wird es Zeit, bevor es noch unwirklicher wird.
„Vielen Dank“, sage ich, „vielen Dank für das interessante Gespräch. Vielleicht komme ich morgen wieder.“ Der Dicke geht hinaus und macht den Eingang frei. Der Alte sagt: „Morgen sind wir nicht da. Wir sind nur die Vertretung.“
„Auf Wiedersehen“, sage ich, der Alte reicht mir das Buch. „Wenn Sie das im Zug auspacken, dann werden die Professoren stauen.“ Ich folge dem Dicken hinaus, der Alte bleibt auf seinem kleinen Stuhl sitzen. Der Dicke kramt in der Bücherkiste.
„Ah … das will ich eigentlich nicht weggeben“, sagt er und nimmt ein kleines Buch heraus. „Warum tut er meine Bücher hier rein? Das ist auch meines.“ Er schaut auf. „Sei vorsichtig mit Kafka.“
„Auf Wiedersehen“, sage ich und gehe weiter die Kopfsteinpflasterstraße entlang. Ich spüre den vergilbten Papiereinband des Büchleins zwischen meinen klammen Fingern.

______

Hallo,
ich habe möglichst alle Flüchtigkeitsfehler ausgemerzt und die Geschichte probehalber ins Präsens gesetzt.
Wirkt sie so  anders? Wie findet ihr sie?

LG~Y


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Kaffeetante0606
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BeitragVerfasst am: 11.12.2017 17:47    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Yaouoay,

ich persönlich fand die Geschichte im Präteritum besser, da es sich ja um eine vergangene Begebenheit aus deinem Leben handelt...

Ansonsten finde ich die Tips der Vorredner gelungen umgesetzt. Ich habe die Geschichte gerne gelesen und sie hat mich auch neugierig gemacht, was die beiden Herren aus dem Antiquariat eigentlich sagen wollten...

Vom Schreibstil her, finde ich sie gut lesbar.

Lieben Dank und viel Spaß noch,
Kaffeetante0606
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Yaouoay
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BeitragVerfasst am: 16.12.2017 22:54    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Kaffeetante0606 hat Folgendes geschrieben:
ich persönlich fand die Geschichte im Präteritum besser, da es sich ja um eine vergangene Begebenheit aus deinem Leben handelt...


Ich war letztens bei einer befreundeten Lektorin und habe ihr die Kurzgeschichte gezeigt.
Sie sagte, ein auktorialer Erzähler im Präsens würde die literarische Qualität des Textes erhöhen.
Das würde auch insofern passen, als Kafka (fast?) ausschließlich so geschrieben hat.
Was meint ihr?

LG~Y


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BeitragVerfasst am: 17.12.2017 12:07    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Yaouoay!

Yaouoay hat Folgendes geschrieben:

Ich war letztens bei einer befreundeten Lektorin und habe ihr die Kurzgeschichte gezeigt.
Sie sagte, ein auktorialer Erzähler im Präsens würde die literarische Qualität des Textes erhöhen.


Das zu lesen, hat mich ehrlich gesagt etwas geschockt. Die literarische Qualität eines Textes kann noch nicht allein durch die Wahl einer bestimmten Erzählperspektive oder eines bestimmten Tempus erhöht werden.

Yaouoay hat Folgendes geschrieben:
Das würde auch insofern passen, als Kafka (fast?) ausschließlich so geschrieben hat.


Das stimmt nicht, er hat auch so geschrieben, aber lange nicht ausschließlich.

Ich persönlich finde, deinem Text steht das Präteritum besser zu Gesicht.
Aber eigentlich schreibe ich meinen Kommentar, weil ich dich zu diesem Text beglückwünschen will, der dir meiner Ansicht nach sehr gut gelungen ist.
Natürlich könnte man Kleinigkeiten bemängeln, aber vor allem im ersten Absatz holpert es, darum gehe ich darauf näher ein:

Zitat:
Meine steifen Finger fuhren über vergilbte Einbände alter Bücher. Braune Blätter knirschten (empfinde ich bei Blättern nicht als passend) unter meinen Schuhen, als ich nähertrat an die Kiste trat (wenn du "nähertrat" schreiben willst, dann ohne "an die Kiste") (Seltsam wirkt hier auch die Reihenfolge der ersten beiden Sätze. Die Finger fahren schon über die Bücher, als du noch gar nicht an die Kiste getreten bist. Natürlich verweist das "näher" darauf, dass du schon vorher bei der Kiste stehst, dennoch macht es ein seltsames Bild. Durch ein eingefügtes "noch" ließe sich das weiter korrigieren, aber du könntest die Reihenfolge auch ändern). Die Bücher sahen auf gewisse Weise (Das ist schwammig und liest sich im Kontext nicht gut; du könntest es weglassen oder eine bessere Formulierung suchen. Vielleicht ist auch der ganze Satz entbehrlich) alle gleich aus. Das literarische Vermächtnis des vergangenen Jahrtausends. Darüber verhieß ein handgeschriebenes Plakat: „Jedes Buch 1€“, wie man es kannte von ebenso vergilbten Pappkartons vor kleinen Antiquariaten (Das ist überflüssig, als Leser hat man hier ein Antiquariat bereits vor Augen. Wenn dir "vergilbt" wichtig ist, kannst du es vorher unterbringen.)


Der Text mit exemplarischen Änderungen:

Meine steifen Finger fuhren über vergilbte Einbände. Blätter raschelten unter meinen Schuhen, als ich noch näher an die Kiste trat. Die Bücher sahen im Grunde alle gleich aus. Das literarische Vermächtnis des vergangenen Jahrtausends. Darüber verhieß ein handgeschriebenes Plakat: „Jedes Buch 1€“.

(Das "noch näher" gefällt mir im Fluss des Satzes irgendwie nicht. Umstellen wäre aber auch nicht so toll, da du dann deinen starken ersten Satz als Einstieg verlieren würdest. "Im Grunde" ist immer noch schwammig, liest sich aber besser, denke ich.)

Insgesamt ist es ein toller Text, der eine leicht kafkaeske Begebenheit ganz alltäglich, unaufgeregt und ohne erzwungene Pointe erzählt (und der meines Erachtens nach noch besser wäre, wenn du das Kafkaeske nicht an manchen Stellen thematisieren würdest, z. B. hier: "Ich wusste nicht, dass ich gehen wollte, aber vielleicht wurde es Zeit, bevor es noch unwirklicher wurde.").

Liebe Grüße
Bananenfischin


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Schriftstellerin, Lektorin, Hundebespaßerin – gern auch in umgekehrter Reihenfolge

I assure you, all my novels were first rate before they were written. (Virginia Woolf)
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