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Pollux


 

 
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lengulins
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BeitragVerfasst am: 25.09.2017 17:02    Titel: Pollux eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

„Gerader Stoß, Linie schließen, gerader Stoß.“ Der Alte schlug mit Kraft auf das Schwert seines Schülers ein. Er schwitzte und seine Worte kamen nur japsend über seine Lippen. „Deckung Junge! Achte auf deine Deckung!“
 Der Bursche nahm die Schulter zurück und brach mit der Waffe nach vorn. Das Metall streifte kurzzeitig die gegnerische Klinge und stach ins Leere. Der Ellenbogen des Meisters prallte gegen den Kehlkopf des Knaben und streckte ihn zu Boden.
„Du fällst immer wieder darauf herein.“ Er zerrte an seinem Panzer, der ihm die Luft zu nehmen schien. „Denk an die Deckung, Jesse!“
Der Junge hielt sich den Adamsapfel und rappelte sich auf. Er straffte den Rock und brachte sich in Position. Die Beine breit auseinander gestellt, hielt er die Waffe mit dem Griff in Kopfhöhe und wiegte die lange Schneide nach hinten.
Der Alte verfinsterte die Brauen. „Was soll das?“, schnaubte er.
„Los komm schon! Zeig was du kannst.“ Der Junge winkte mit den Fingern am Heft und zwinkerte ihn herausfordernd an.
Grimmig holte er zum Schlag aus. Jesse parierte und drehte, der Schwertrichtung folgend, seinen Körper um einen Scheitelhieb nachzusetzen. Sein Großvater wich zurück und wehrte in letzter Sekunde den Stoß ab. Hell hörte man das Klingen aufeinandertreffenden Stahls. Die Körper der Männer prallten aufeinander.
„Nicht schlecht“, keuchte er in das Gesicht des Zöglings.
Jesse lächelte. „Du bist Tod, Großvater.“
Ungläubig folgte er dessen Blick zu dem Messer an seiner Hüfte.   
„Ich kann dich mit dem Schwert nicht besiegen“, stellte Jesse fest, „aber dieses Messer…“. Er wendete den Griff zwischen seinen Fingern und steckte es zurück in das Holster. „…dieses Messer, ist Teil meiner Hand geworden.“  
„Alles eine Frage - des Trainings, Junge.“ Der Alte setzte sich erschöpft auf den Holzschemel. Er rieb sich sein Bein und ließ sich an die Wand zurückfallen. Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn.
Der Bursche nahm ihm das Schwert ab. „Alles gut bei dir?“
Am Hals fingerte er unter das Leder und hielt die andere Hand krampfhaft vor den Leib gepresst. „Ich bekomme heute keine Luft“, schnaubte er. „Helfe mir bitte aus dem Harnisch!“ Er beugte sich nach vorn und hob den Arm.
Während Jesse ihm die Riemchen löste, starrte er aus dem Fenster. „Dieser verdammte Mond. Bald ist es soweit und du bist nicht vorbereitet.“
Jesse betrachtete den aufgehenden Pollux am Horizont. „Was meinst du?“
Der Großvater zögerte. „Hör Junge: Wenn die Erde, Pollux und Cassux in einer Linie stehen, dann muss dein Bruder unbedingt zurück in den weiten Auen von Tiefenhall sein.“ Er hob Jesses Kinn an und blickte in seine tiefen Augen. „Du erinnerst dich doch, oder?“
Seufzend löste er den letzten Riemen. „Du meinst das Gebiet hinter der Grenze?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein! Ich habe es versucht, aber da ist nur Nebel. Meine Erinnerungen sind tot.“
Der Großvater steckte die Hand unter den Brustpanzer. Schmerzverzerrt kniff er die Augen zusammen. „Es ist zehn Jahre her“, stammelte er schwer atmend. „Du warst damals noch ein Kind.“ Seine Finger krampften zusammen und zogen sein Leinenhemd in schwere Falten.
„Großvater!“ Jesse fasste nach dem Körper, bevor er vom Bock kippte. Das Jaulen und Kratzen vor dem Eingang vernahm er nicht.
Dann flog die Tür auf. „Seht was ich gefangen habe!“ Ein Zehnjähriger stürmte in den alten Schuppen. Der Schäferhund schlängelte sich an ihm vorbei.
„Ich habe einen ganzen Eimer voll.“ Euphorisch hielt er den Angelfaden in die Höhe. Daran baumelte ein Fischlein, so groß wie seine Hand.
 Der Hund beschnüffelte den Alten und ließ mit eingezogenem Schwanz ein klägliches Winseln von sich lauten.
„Was ist mit Opa?“  Argwöhnisch erfasste der Junge die Lage.
Jesse hatte ihn auf dem Boden gebettet und zog die Rüstung von seiner Schulter. „Los helfe mir!“, befahl er. „Stell die Beine auf!“
„Jesse“, japste der Alte.
„Alles gut. Ich kümmere mich um dich. Ich hol einen Arzt.“ Der Knabe war schon im Aufspringen, als die zitternde Hand nach ihm griff. „Jesse, bring Caleb zurück! Es ist…“
Eine zweite Welle des Schmerzes ereilte den Meister. Ein erstickter Laut drang aus seiner Kehle. Die Finger krallten an seinem Herz, die Gliedmaßen verkrampften unter der enormen Anstrengung. Er bebte für einen kurzen Augenblick. Die weit aufgerissenen Augen glubschten in den Höhlen und stierten schmerzverzerrt an die Decke. Dann schwanden die Sinne und der Körper erschlaffte. Im erlösenden Moment entwich ein letztes Krächzen seinem Rachen.
Caleb wich zurück. Die Tränen rollten über sein angsterfülltes Gesicht. „Was passiert hier?“
Jesse zuckte befremdlich und tastete nach der Schlagader. „Keine Atmung! Kein Puls! Ruf den Arzt! Beeil dich!“ Er zerriss ihm das Hemd, stemmte die Handballen auf das Brustbein und drückte mit aller Kraft. Es knackte im Leib. Rhythmisch führte er Stöße aus. Dann beugte er sich zu dem Kopf, presste die Lippen auf den Mund des Alten und blies bis sich der Brustkorb weitete. Immer und immer wieder presste und atmete er. Nach Tiefenhall bringen geisterte durch seinen Kopf. Die letzten Worte seines Großvaters. Caleb nach Tiefenhall bringen, bevor Pollux und Cassux in einer Linie stehen. Nein! Er durfte nicht sterben. “Großvater! Lass uns nicht allein!“ Er kämpfte. Auf und ab drückte er die Hände, ließ locker und stieß wieder mit Kraft zu.
Er hörte das rasche Herannahen des Jungen und vernahm das Zittern in seiner Stimme. „Sie schicken einen Wagen.“ In der Hand hielt Caleb den Kommunikator, der in der einsetzenden Dämmerung ein zartes, blaues Licht über Jesses Schulter in das Antlitz des Großvaters warf.
„Einen Wagen?“ rang er nach Atem. „Das dauert zu lang.“
Verzweifelt beugte er sich zu dem fahl schimmernden Gesicht. Die Augen starrten noch immer ausdruckslos nach oben und entlang der Höhlen erstreckten sich lange Schatten. Jesse biss sich auf die Lippen, bevor er mit der nächsten Beatmung begann.
Abermals massierte er das Herz. Bei jedem Pumpen wurden die Arme schwerer. Immer mühsamer fühlte sich jeder Druck an. Die Zeit verrann. Wie lange schon? Zwanzig Minuten? Dreißig? Er durfte nicht aufgeben. Großvater war alles, was sie hatten. Caleb war noch zu klein. Man würde ihn nicht der Obhut eines Siebzehnjährigen überantworten und das System von Erziehungshäusern und Auffangfamilien kamen für ihn auf keinen Fall in Frage. Verdammt, wach auf! Großvater! Tu uns das nicht an!
Er bemerkte die kleine Hand auf seiner Schulter. „Lass gut sein, Jesse!“   
„Nein, er darf nicht sterben.“
„Es hat keinen Zweck“, sagte er nach einer weiteren Ewigkeit.
Jesse fühlte, wie ein Tropfen auf seiner Schulter aufprallte und sein Hemd durchtränkte. Noch einer.
„Nur noch ein Versuch!“ Er drückte mit derber Intensität, als könnte er persönlich das Blut durch die Arterien quetschen. Und noch einmal. Und noch mal. Und dann erschlafften seine Arme und er ließ den Kopf auf den Leib des Großvaters fallen.
„Ich habe es versucht“, schnaufte er. Sein hochroter Kopf suchte den Blick des kleinen Bruders.
„Er ist tot, oder?“
„Ich fürchte sie können ihn nicht mehr retten.“  
Der Junge hockte sich neben ihn, nahm die Hand des Großvaters und legte den Kopf auf Jesses Schulter.
Der Hund kauerte gegenüber. Die Schnauze hatte er auf den Oberarm des Alten gebettet und warf gelegentlich einen prüfenden Blick zu den Beiden.
So saßen sie eine Weile und starrten wortlos durch das Fenster auf die große Scheibe des erwachenden Pollux. Der volle Mond hatte sich zur Hälfte über den Horizont geschoben. Auf seiner hell angestrahlten Oberfläche konnte man deutlich den Rand der riesigen Krateroberfläche erkennen. Dort war er vor Ewigkeiten mit dem unlängst von der Erde beherrschten Mond kollidiert, hatte riesige Gesteinsbrocken in die Atmosphäre des Planeten geschleudert und auf seiner anschließenden Achterbahnfahrt schlussendlich einen dauerhaften Platz in der Umlaufbahn der Erde gefunden. Seitdem umkreisten zwei Monde das Gestirn, der nahe Pollux, der zwar kleiner, aber durch seine geringe Distanz doppelt so groß erschien, wie der der Erde schon ewig anvertraute Trabant, der seither Cassux genannt wurde.
Die ehemals pulsierende Erde erstarb unter der Welle tödlicher Katastrophen, die den Planeten konsequenterweise heimsuchten. Erdbeben, Tsunamis, sintflutartige Niederschläge, Dunkelheit und Stürme überkamen mehrere Jahrzehnte die Oberfläche, vernichteten unzählige Existenzen und hinterließen breite Streifen unbewohnbarer Landstriche.
Aber das war lange vor Jesses Geburt. Das Dahinsiechen der wenigen Überlebenden lag jenseits seiner Vorstellungskraft. Der Aufbau und das Freilegen der Reste der ehemaligen Kultur aus den Tiefen von Sand und Staub hatte er nicht miterlebt. Er kannte nur diese intakte Welt.
Und dann gab es noch die Andere. Eine Welt hinter dem Wall, hinter der Grenze. Die Seite der Erde, die zum Zeitpunkt der Kollision den Splittern des Pollux ihr Gesicht gezeigt hatte.
Er war noch klein, als er von dort mit seinem Großvater und Caleb weggegangen war. Er hatte sie aus seinem Gedächtnis verbannt, hatte nie angenommen jemals wieder einen Schritt über die Grenze setzen zu müssen, hatte ängstlich nachts von ihr geträumt und zitternd nicht wieder einschlafen können. Diese Welt dort draußen schickte ihm eine Gänsehaut über den Schädel, welche seine Haare aufstellte und sich eruptionsartig über sein Genick entlud. Was auch immer dort war, es musste das unbändige Grauen sein, dass er vergessen hatte und dass ihn warnte nie wieder dorthin gehen zu wollen!

Der Hund sprang auf und wetterte zur Tür.
„Sei leise, Don!“
Die Jungen griffen nach seinem Halsband. Der Hund verstummte und blickte wedelnd zu ihnen hinauf, während sie behutsam durch die vergilbten Scheiben der Schuppentür spähten.
Ein Wagen bremste vor dem Haus. Die Scheinwerfer blendeten in ihre Richtung.
„Wer ist das?“
Jesse machte eine betäubende Geste vor dem Jungen und zog ihn auf die Knie. „Der Arzt.“
Ein weiterer Wagen hielt.
„Und vielleicht die Fürsorge. Wir müssen hier weg.“
„Ja, aber … Großvater.“
Jesse kletterte auf allen Vieren über den Boden und prüfte den Puls des Alten. Lautlos schüttelte er den Kopf.
„Hör zu!“ Er griff nach den beiden Schwertern, die neben dem umgekippten Holzschemel lagen. „Sobald ich es dir sage, nimmst du Don und ihr rennt so leise wie möglich hinunter zum Wasser. Mach das Boot flott und warte auf mich!“ Er drückte ihm die beiden Halfter in den Arm. „Ich schleiche mich ins Haus. Wir brauchen die Kiste!“
Caleb sah nachdenklich zum Leichnam, dann zu den Männern an den Fahrzeugen, die eben ausstiegen und zum Gebäude hinüberliefen. „Ist gut“, flüsterte er.

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TZH85
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BeitragVerfasst am: 26.09.2017 12:47    Titel: Antworten mit Zitat

Hi lengulins!

Ich steige gleich mal ohne Vorgeplänkel ein. Positiv will ich vermerken, dass relativ wenige Fehler in deinem Text stecken (das einzige, was mich wirklich etwas genervt hat war "helfe mir" statt "hilf mir").

Insgesamt denke ich aber, dass du einiges an deiner Szene verbessern könntest. Von den Grundzutaten her - Einstieg mit Kampf, Tod und Flucht - gibt es genug Material, um einen spannenden Auftakt zu gestalten. Allerdings nimmst du mit der Umsetzung viel Potential wieder weg.


Da wäre zum einen ein gewisser Hang zu einer sehr kleinteiligen Erzählung - du baust Details ein, die den Lesefluss deines Textes bremsen undbehäbig erscheinen lassen. Selbst in Kampfszenen, die eigentlich dynamisch und zackig sein sollten. Gleichzeitig wirkt der Text dadurch sehr berichthaft, was dir Raum wegnimmt um die Stimme deines Protagonisten darzustellen (im Text sind auch einige Perspektivbrüche, dazu später mehr).
Hier mal ein Beispiel:

Zitat:
Der Junge hielt sich den Adamsapfel und rappelte sich auf. Er straffte den Rock und brachte sich in Position. Die Beine breit auseinander gestellt, hielt er die Waffe mit dem Griff in Kopfhöhe und wiegte die lange Schneide nach hinten.


Im Grund willst du ja nur zeigen, dass er nicht aufgibt, auch wenn er gerade zu Boden gegangen ist. Du nutzt aber mehr Text, um die genaue Position seiner Beine und der Klinge zu beschreiben (Klinge wiegte nach hinten? Klingt schief), als dem Leser zu zeigen, was das über Jesse aussagt. Das raubt dem Protagonisten an dieser Stelle eine Möglichkeit, sich dem Leser zu präsentieren. Es nimmt deiner Erzählstimme ihre eigene Note.
Du könntest z.B. genausogut sagen:


Jesse kämpfte sich röchelnd zurück auf die Beine. Er schmeckte Staub und unter der Rüstung wurde es unerträglich heiß. Die Klinge wog schwer in seiner Hand, aber er hielt sie aufrecht. Ein Wall zwischen sich und seinem Großvater.


Das wäre ungefähr gleich lang, wäre aber viel näher an deinem Protagonisten und würde dem Leser mehr Gelegenheit geben, sich ein Bild von seinem Charakter zu machen.


Ein anderes Beispiel:

Zitat:
Grimmig holte er zum Schlag aus. Jesse parierte und drehte, der Schwertrichtung folgend, seinen Körper um einen Scheitelhieb nachzusetzen. Sein Großvater wich zurück und wehrte in letzter Sekunde den Stoß ab. Hell hörte man das Klingen aufeinandertreffenden Stahls. Die Körper der Männer prallten aufeinander.
„Nicht schlecht“, keuchte er in das Gesicht des Zöglings.


Zu viele Details, zu wenig Emotion. Vertrau mehr auf die Fantasie des Lesers. Was du komplett streichen könntest:
- Grimmig: Der Leser weiß, dass man nicht freudestrahlend oder selig lächelnd mit dem Schwert aufeinander einhackt.
- der Schwertrichtung folgend: nimmt Tempo aus dem Text und liefert keine essentiellen Informationen für den Leser.
- in letzter Sekunde: klischeehafte Formulierung. Außerdem ist bei einem schnellen Schlagabtausch klar, dass die Gegner nicht gemütlich aus der Bahn wandeln.
- hell hörte man: hell hörte wer? Du schreibst aus der personalen Sicht von Jesse. Was andere eventuell hören, weiß er nicht.
- keuchte er in das Gesicht des Zöglings: Mehrere Einwände. Erstens - die Synonyme, die du ziemlich oft im Text einbaust (der alte Mann, der Großvater, der Zehnjährige, der Knabe etc) klingen forciert. Würde Jessie wirklich so von seinem Opa und Bruder denken? Zweitens: jemandem ins Gesicht keuchen sollte keine Alternative von "sagte" sein. Drittens: Jesse und sein Opa sind allein. Natürlich sagt der Opa es zu Jesse, das muss nicht extra erwähnt werden.
- Logikfehler: Der Opa weicht zurück, aber im nächsten Augenblick sind sie nah genug, um den Atem des anderen im Gesicht zu spüren.

So könntest du die Szene eindampfen/verändern:

Sein Großvater holte zum Schlag aus. Jesse parierte und setzte sofort einen Seitenhieb nach. Doch er traf nur die gegnerische Klinge und die Wucht des Aufpralls hallte bis in seine Schulter nach. Die Schwerter verhakten sich, Stahl auf Stahl. Einen Moment lang war es, als würden Jesse und sein Gegner ihre Kräfte beim Armdrücken messen. "Nicht schlecht", sagte Großvater.


Ich kann immer wieder nur zu Bildern im Text raten. Ich finde, sie sind der einfachste Weg, um die Welt mit den Augen der Figur zu zeigen. Die Assoziationen, die du deine Figuren damit heraufbeschwören lässt, sagen viel über die Figuren - denen du sie ja in dem Mund legst - aus.



Dein Auszug ist ziemlich lang, deshalb hier nur noch ein paar Stichpunkte:

- Welche Art von Welt hast du dir ausgedacht? Ich hatte Schwierigkeiten, es in eine Epoche oder deren Fantasy-Entsprechung einzuordnen. Erst zeigst du Rüstungen und Schwertkämpfe, im nächsten Augenblick Mund-zu-Mund-Beatmung, eine Art Walkie-Talkie und Autos (?).

- Die Reaktion der Jungs auf den Tod des Opas finde ich nicht ganz realistisch/nachvollziehbar. Wahrscheinlich auch, weil die Szene insgesamt etwas holpert: Der ältere Junge versucht, den Opa wiederzubeleben, während der Jüngere einen Krankenwagen ruft. Dann sagt der Ältere, das dauert zu lang - aber im nächsten Moment ertönen auch schon die Sirenen. Und warum sollte gleich deine Version vom Jugendamt mit vor Ort sein? Wie soll das funktionieren? Gibt es Einsatzwagen mit Jugendamt-Mitarbeitern, die zusammen mit der Ambulanz verschickt werden? Das macht in meinen Augen keinen Sinn.
Was die Szene aber noch mehr stört, ist dass du ausgerechnet da einen Info-Dump platzierst. Der Opa ist gerade gestorben und Jesse sinniert plötzlich über die Entstehung der zwei Monde und die Naturkatastrophen, die darauf folgten. Ich glaube nicht, dass er in dem Augenblick wirklich über solche Dinge nachdenken würde.

Die Mischung ist ein bisschen aus dem Gleichgewicht gekommen. Du lieferst viele unwichtige Details, verschweigst aber essentielle Dinge wie Infos zur Welt oder warum der Großvater die Jungen fortschicken will. Oder warum sie die Ankunft der Fürsorge fürchten. Klar, du willst nicht alles verraten, aber gerade bei so einer Einstiegsszene musst du genug Andeutungen machen, um den Leser dazu zu motivieren, das Rätsel lösen zu wollen. So liest es sich vage, dort wo es konkret sein sollte und konkret dort, wo die Details eher bremsen.

Mein Rat wäre: Entweder du lässt dieses "Um den heißen Brei reden" zwischen dem Opa und Jesse bezüglich Caleb weg und präsentierst den Leser mit dem Rätsel: Warum fliehen die beiden vor der Fürsorge?
Oder du behältst den Teaser-Dialog drin und endest dann nicht sofort im Anschluss mit der Flucht.

Alles in allem ist Potential da, aber du müsstest noch viel Arbeit in die Szene stecken.
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lengulins
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Beiträge: 28



BeitragVerfasst am: 27.09.2017 11:29    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo TZH85,

sehr vielen Danke, für Deine ausführliche Kritik. Natürlich bin ich noch am Üben und jeder kleine Hinweis bringt mich ein kleines Stückchen weiter.
Trotzdem bräuchte ich eine detailliertere Hilfe zu zwei Punkten, die mir etwas wehtun. Wink
1.)Natürlich ist das Empfinden eines Lesers immer ein ganz anderes, als das des Schreibers, gerade in Bezug auf die Zeit.
Zitat:
Du schreibst: Der ältere Junge versucht, den Opa wiederzubeleben, während der Jüngere einen Krankenwagen ruft. Dann sagt der Ältere, das dauert zu lang - aber im nächsten Moment ertönen auch schon die Sirenen.

Nun, der Junge unternimmt Wiederbelebungsversuche, man erfährt, das ihm die Arme langsam wehtun und er sich vorkommt, als geht das schon eine Ewigkeit. Das ist eigentlich kein Thema, was man unendlich als Autor ausschmücken kann. An dieser Stelle habe ich auch den bemängelten „Infodump“ eingesetzt um Zeit zu schinden. Insgesamt stehen 56 Sätze Zwischentext, bis zum Klingen der Sirenen. Welche stilistischen Mittel habe ich noch, um eine Zeit, in der nicht viel passiert, dem Leser lang erscheinen zu lassen?
2.)
Zitat:
Du schreibst: Welche Art von Welt hast du dir ausgedacht? Ich hatte Schwierigkeiten, es in eine Epoche oder deren Fantasy-Entsprechung einzuordnen. Erst zeigst du Rüstungen und Schwertkämpfe, im nächsten Augenblick Mund-zu-Mund-Beatmung, eine Art Walkie-Talkie und Autos (?).
Schade, eigentlich hatte ich versucht es in dem Text einzubauen, aber es scheint mir nicht gelungen zu sein, dem Leser es richtig zu vermitteln. Im „Infodump“ steht, dass die Erde durch die Katastrophe zweigeteilt wurde. Die eine Hälfte hat sich aus dem Dilemma erholt und lebt in einer intakten, modernen Welt mit Telefon und Krankenwagen. Die andere Hälfte wurde durch den Einschlag restlos zerstört.  Dort hat sich etwas Neues entwickelt. Jesse kann/will sich daran nicht erinnern, da es brutal und böse sein muss. Sein Großvater wollte ihn vorbereiten (erinnert ihr Euch: sie kämpften dazu mit Schwertern), um wieder in die Welt zurückzukehren. Was letztendlich dort los ist, wollte ich an dieser Stelle noch nicht detaillierter preisgeben. War das ein Fehler?
Waren meine Informationen zu versteckt, oder an der falschen Stelle? … oder etwa zu wenig?

Viele Grüße
lengulins
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TZH85
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BeitragVerfasst am: 27.09.2017 12:38    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Insgesamt stehen 56 Sätze Zwischentext, bis zum Klingen der Sirenen. Welche stilistischen Mittel habe ich noch, um eine Zeit, in der nicht viel passiert, dem Leser lang erscheinen zu lassen?


Erzählte Zeit lässt sich nicht in Sätze umwandeln. Du hast tatsächlich ein paar Marker, die zeigen, das Zeit vergeht. Vielleicht kam es mir so abrupt vor, weil mich der Infodump mittendrin aus der Erzählung gerissen hat.
Infodumps sollen generell nicht vorkommen, wenn Wichtiges vermittelt werden muss, dann durch Handlung. Zum "Zeit schinden" eignen sie sich erst Recht nicht, denn in einer guten Erzählung sollte schließlich jedes Wort Gewicht haben und nicht nur die Schlucht zwischen zwei Augenblicken füllen.

Daher würde ich auch auf deine zweite Frage antworten: Kick es raus. Du ballerst zu viele Informationen über deine Welt in den Text, die an der Stelle noch nicht notwendig sind. Beispielsweise eben die Hintergrundgeschichte der Monde etc.
Das Problem, das ich bei deinem Dialog zwischen Jesse und dem Großvater sehe ist, dass du vage Andeutungen machst, die den Leser neugierig machen sollen. Aber der Leser hat am Anfang der Geschichte noch keine Assoziationen zu den Dingen, auf die sich der Großvater bezieht. Also geht das Essentielle des Dialogs unter in Details, die den Leser an dieser Stelle noch nicht interessieren.

Etwa:

Zitat:
Während Jesse ihm die Riemchen löste, starrte er aus dem Fenster. „Dieser verdammte Mond. Bald ist es soweit und du bist nicht vorbereitet.“
Jesse betrachtete den aufgehenden Pollux am Horizont. „Was meinst du?“
Der Großvater zögerte. „Hör Junge: Wenn die Erde, Pollux und Cassux in einer Linie stehen, dann muss dein Bruder unbedingt zurück in den weiten Auen von Tiefenhall sein.“ Er hob Jesses Kinn an und blickte in seine tiefen Augen. „Du erinnerst dich doch, oder?“
Seufzend löste er den letzten Riemen. „Du meinst das Gebiet hinter der Grenze?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein! Ich habe es versucht, aber da ist nur Nebel. Meine Erinnerungen sind tot.“
Der Großvater steckte die Hand unter den Brustpanzer. Schmerzverzerrt kniff er die Augen zusammen. „Es ist zehn Jahre her“, stammelte er schwer atmend. „Du warst damals noch ein Kind.“



Die Szene schreit: Exposition in Dialogform.
Überlege dir, was die minimalen Informationen sind, die der Leser braucht, um der Handlung der Szene folgen zu können. Dann addiere ein paar winzige Details, die dir als foreshadowing dienen. In diesem Fall muss der Leser nur wissen: Der Opa bereitet den Enkel auf eine Reise vor, es bleibt nicht mehr viel Zeit. Und als Rätsel-Element könntest du einfügen, dass es etwas mit dem Mond zu tun hat und gefährlich wird.

z.B.:

"Es bleibt nicht mehr viel Zeit", sagte Großvater. Sternenlicht fiel auf sein Gesicht, er starrte zum Himmel, wo Cassux und Pollux fast eine Linie bildeten. Er sprach mehr zu sich selbst als zu Jessie. "Ich habe mein bestes getan. Jetzt kann ich nur hoffen, dass es genug war."


Ich glaube, die Welt, in der deine Geschichte spielt, wirft momentan so viele Fragen bei mir auf, gerade weil du versucht hast, sie in der ersten Szene detailliert zu beschreiben. Die Gegensätze, die du in deiner Erklärung schilderst, müssen nicht auf der ersten Seite klar werden. Es reicht, wenn du den Ort, an dem diese eine Szene spielt, lebendig beschreibst. Dass es noch mehr gibt, und was die Besonderheiten sind, kannst du später auch noch zeigen. Dann hast du sogar noch das Element der Überraschung auf deiner Seite: Der Leser glaubt, in einer technologisch zurückgebliebenen Welt zu sein und plötzlich erfährt er, dass das nur zur Hälfte stimmt. Oder umgekehrt.
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