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host
Geschlecht:männlichSchreiberassi


Beiträge: 51
Wohnort: nicht zuhause


BeitragVerfasst am: 22.07.2017 22:06    Titel: Alles gut! eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Es hatte lange gedauert, bis ich unser Spiel verstand. Mein Überleben war eine Frage des Timings: Ich musste selbst das Tempo vorgeben und im richtigen Moment aufhören, mich zu bewegen und dagegen anzukämpfen. Wie lang auch immer unser Tanz anhalten mochte, immer hatte am Ende das Ersticken zu stehen. Und auf keinen Fall durfte ich vorher auf den ausgiebigen Krampfanfall verzichten, den er so liebte.

Die unerträglichen, mit Panik gefüllten langen Monate hatten seit ein paar Tagen ein Ende, wusste ich doch nun, wie ich mir helfen konnte. Beinahe lächelnd suchte ich jetzt abends das Bett auf, nur noch kleine Reste an Verzweiflung verklebten meine Rippen und ließen mich weiterhin leise und vorsichtig atmen. Ich zog die Decke bis über den Kopf, um dann in der Höhle unter dem Betttuch wach zu bleiben und zu lauschen, bis er kam, mein großer Bruder.

Es gab auch glückliche Tage, an denen er mich in Ruhe ließ, für die Schule üben musste und danach zu müde war, um mich wahrzunehmen. Wenn sein Atem dann Töne bekam und regelmäßig wurde, begann ich zu glauben, dass ich in dieser Nacht unbehelligt davon kommen könnte. Aber irgendwann hatte er bemerkt, dass ich auf sein Schnarchen hoffte und angefangen, es vorzutäuschen. Und dann kam er doch: „Das Dunkel kommt!“ sagte er flüsternd und mit hohler Stimme.

Auch gestern war so ein Tag. Ich wollte schon aufatmen, da riß er mir die Bettdecke vom Kopf und lächelte mich fast freundlich schon an, „du kannst dich nicht verstecken. Sei nicht albern.“ Ich wusste, es machte keinen Sinn, mich zu wehren, um mich zu schlagen. Er war doppelt so alt und doppelt so groß. Und je kräftiger ich kämpfte, um so mehr Spaß hatte er und um so stärker wurde sein Schweißgeruch, und je länger dauerte unser Spiel. Das war die erste Lektion, ich habe sie schnell gelernt: es bereitete ihm viel Spass, wenn ich mich wehrte. Wenn ich mich aber tot stellte, gefiel ihm das überhaupt nicht. Das war die zweite Lektion! Verweigerte ich den Kampf, würde seine Wut die Phantasie beflügeln. Er würde mich dann anspucken, oder meine Brustwarzen kneifen, oder mir seine Nasenpopel in die Ohren drücken. Und dann, wenn er mich denn genügend durchgerüttelt hatte, würde er trotzdem das Kissen unter mir wegreißen. Besser also mitspielen. Deswegen hieß es, entsetzt schauen und erbärmlich: “Nein, nein, nein!“ wimmern. Und die Hände zum Widerstand heben. So begann unser gemeinsamer Tanz. “Halt ja die Klappe“, zischte er. Er drückte meine Arme wie beiläufig fest zusammen, stieg aufs Bett hoch. Erst setzte er das rechte Knie auf die Bettkante, dann drückte er das linke Knie auf meine Rippen, schliesslich richtete er sich mit seinem Hinterteil auf meinem Bauch ein. Und dann zog er das Kissen unter meinem Kopf hervor, mit einem Ruck.

Einmal, da hatte ich mich erfolgreich an das Kissen geklammert, es triumphierend behauptet, um dann anstelle dessen seine alte Unterhose in das Gesicht gedrückt zu bekommen. Dann lieber das Kissen, an dem nur mein Speichel zu schmecken war. Also zunächst festklammern und später ihn im richtigen Moment gewinnen lassen.

Er presste dann das Kissen mit langsam stärker werdendem Druck auf mein Gesicht. Früher hatte ich darunter geschrien, „Hilfe“ oder „nein“, „lass das“. Und hatte mich so völlig verausgabt. Aber nun hatte ich meine Lektionen gelernt, und darauf war ich stolz:
Denn jetzt gab ich nur noch gepresste Töne von mir. Meinen Gaumen drückte ich eng zusammen und ließ so wenig Luft wie nur möglich in ihm hochsteigen, modulierte dabei eine Wortmelodie, und so gelang es mir, möglichst viel kostbaren Atem für später zu sparen. Kontrolliert wehren, nicht zu viel, nicht zu wenig. Nicht den Kopf verlieren. Gut war es, wenn ich meine Töne und mein Toben heftig und panisch anschwellend klingen ließ. Er saß das dann mit Genuss und lässig auf mir aus und wartete, bis ich erst zittriger und schwächer, schliesslich still wurde und kurz davor stand zu krampfen. Ich hörte unter dem Kissen seine Atmung, seine Erregung, er keuchte. Heimlich suchte ich noch Restluft zu ziehen. Die Kunst war nun, meine Reaktionen zu zeigen, kurz bevor sie sich von selber einstellen wollten. Also die Verzweiflung ein klein wenig übertreiben und den Kollaps ein paar Sekunden früher simulieren, bevor er mit Macht eintrat. Echt wirkte es, wenn ich wartete, bis der Geschmack der Panik schon auf meiner Zungenspitze zu spüren war. Nur nicht verfrüht die Ohnmacht mimen; er würde es merken und mir ein Bündel an Gemeinheiten schenken wollen.

Früher, vor meinem Training, presste er mich solange nieder, das mir ein faustgrosser Schleimpropfen in die Kehle kroch und mit Überdruck schwarzen Beton ins Gehirn spritzte. Hals, Rachen, Kotzen, Angst, Würgen, Schreien; alles hätte ich für ein bisschen Luft gegeben, selbst brennendes Öl geatmet. Eine unendlich lange Sekunde lang kochte in mir die gepresste Panik auf, ließ meinen Schädel wie ein fettes Geschwulst zerbersten und meine Welt zerriss.

Und dann, dann wachte ich erst ein paar Minuten später auf und der Kopf platzte immer noch. Das Bett nass in Schweiß und Pisse.

Meine Mutter war deswegen schon mit mir beim Psychiater, weil ich einnässen würde, meinte sie. Ich wäre ein Bettnässer. Mein Bruder sagte das auch, "Bettnässer, Bettnässer, Bettnässer!" sang er vor sich hin und grinste mich an. „Er ist ein braver Junge“, beschied der Arzt meiner Mutter, „machen Sie sich keine Sorgen.“ Und zu mir gewandt, er lächelte, „du brauchst dich nicht zu schämen!“ Dieser Armleuchter! Das ist mir danach nur noch ein Mal passiert, dann war damit Schluss. Lieber verrecken als noch mal ins Bett pinkeln.

Ein paar Sekunden habe ich also gelernt rauszuholen, durch gutes Timing und Rhythmusgefühl. So hatte ich unter dem Kissen noch genügend Restluft erzwungen und konnte mich zum Krampfen retten. Darin war ich wirklich gut: ich überstreckte mich so, dass ich nur noch mit Hinterkopf und Fersen das Bett berührte; es war gar nicht so einfach, noch dabei zu zittern und den Speichel im Mund hin- und her zu kneten, damit er wie Schaum aussah. Dann erschlaffte ich plötzlich. Die nächsten Sekunden, die er dann noch wartete, bis er das Kissen endlich wegnahm, waren die Hölle. Aber ohnmächtig wurde ich nicht mehr. Zwei Minuten durfte ich mich nicht rühren, nur noch mit meiner Haut atmen, auch wenn die Knochen und die Lungen schrien vor Schmerz. Zwei Minuten lauschte er mir noch nach.

„Na du Saftsack“, meldete er sich dann, und ich antwortete mit unterdrücktem Weinen, „nicht mehr wehtun“. Mein Ton musste stimmig zwischen weinerlich und verzweifelt liegen, sonst ließ er mich nicht in Ruhe. „Das Dunkel kommt“, sagt er noch, lachend.

Manchmal hörte ich ihn unter der Bettdecke rubbeln; er hatte in der Matratze Bilder von Frauen mit dicken Brüsten versteckt. Wenn er das tat, war Ruhe. Das waren gute Nächte. Und immer wieder erzählte er dann seine blöden Gespenstergeschichten, in denen Geister in Seidenblusen und Strumpfhosen Leute erschreckten. Ich musste so tun, als ob es mich gruselte. Sich immer wieder gruseln müssen, ist anstrengend und ätzend. Aber es ist immer noch besser, als ihn wie einen Alptraum auf der Brust sitzen zu haben.

Seine Drohung, mich abzuschlachten, wenn ich auch nur einen Mucks vom nächtlichen Geschehen erzählen würde, musste ich ernstnehmen. Im letzten Urlaub hatte er vor meinen Augen den Kopf eines lebenden Huhnes abgebissen. Aber er hatte nicht mit den heftigen Flugbewegungen der kopflosen Henne gerechnet, die noch einige Sekunden zappelte, und er verschluckte sich an der Menge Blut, die aus ihrem Hals spritzte. Seine Kleidung war versaut. Er wurde so sauer, dass seine Stimme sich überschlug und er beim Fluchen stotterte. Ich bin schnell weggerannt, damit er mich nicht lachen hörte. Seine Kleidung hatte er dann auf einer Baustelle vergraben. Die Ohrfeige meiner Mutter hatte mir nichts ausgemacht. Ich hätte ihm seine Klamotten geklaut und im Teich versenkt, hatte er ihr erzählt.

Heute Morgen nun passte er mich auf dem Weg zur Schule ab, er wäre nicht blöd, meinte er, ich würde gar nicht mehr blau im Gesicht. Er müsse wohl länger drücken, oder noch besser, er würde mich anpinkeln, um zu sehen, ob ich wirklich weg wäre. Unsere Eltern wüssten ja, dass ich ein elender Bettnässer wäre, lästerte er. Ich heulte vor Wut, rannte weg, war mir egal, dass er mich auslachte. Habe dann einen kleinen spitzen Schraubenzieher aus dem Werkzeugkasten geklaut – hoffentlich kriegt mein Vater das nicht mit, ich lege ihn morgen wieder zurück, am besten noch vorm Frühstück. Wenn der Schrauber weg ist, dann haut mein Vater mich tot. Noch ist mein Bruder nicht zu Hause, hat heute Messdienerunterricht! Wenn er diese Nacht kommt, dann werde ich zustechen. Mit ein bisschen Glück erwische ich seine Kehle oder sein Auge. Ich leg den Schraubenzieher am besten gar nicht mehr aus der Hand.

Ich ertrinke im Schweiss; aber meine Hände sind trocken, sie glühen.
Die Bettdecke trägt sich wie Blei.

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Abari
Geschlecht:männlichAutor

Alter: 38
Beiträge: 840
Wohnort: ich-jetzt-hier


BeitragVerfasst am: 23.07.2017 10:13    Titel: Antworten mit Zitat

Wow! Ich bin schwer beeindruckt. Die Geschichte hat mich in ihren Bann gezogen und nicht mehr losgelassen.

Ich konnte quasi die Angst und Aversion der Prota fühlen. Ich finde die Geschichte von A bis Z gelungen, noch dazu mit diesem heiklen Thema.

Sehr schöner Einstand! Danke.


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Das zeigt Dir lediglich meine persönliche, höchst subjektive Meinung.
Ich mache (mir) bewusst, damit ich bewusst machen kann.

LG
Abari
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host
Geschlecht:männlichSchreiberassi


Beiträge: 51
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BeitragVerfasst am: 24.07.2017 16:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke dir sehr Abari.

Ich bin ein wenig irritiert, nur diese eine und dann eine so überraschend positive Rückmeldung erhalten zu haben. Ich kann diese Resonanz nicht einordnen. Aber ich bin ja auch ein Frischling hier und lerne noch (so hoffe ich).
Vielleicht sollte ich betonen, dass ich eine Geschichte zu schreiben versucht habe und kein biographisches Erlebnis zum besten geben wollte.

Liebe Grüße
host
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Abari
Geschlecht:männlichAutor

Alter: 38
Beiträge: 840
Wohnort: ich-jetzt-hier


BeitragVerfasst am: 24.07.2017 16:26    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo host
host hat Folgendes geschrieben:
Ich bin ein wenig irritiert, nur diese eine und dann eine so überraschend positive Rückmeldung erhalten zu haben. Ich kann diese Resonanz nicht einordnen. [...]
Vielleicht sollte ich betonen, dass ich eine Geschichte zu schreiben versucht habe und kein biographisches Erlebnis zum besten geben wollte.


Einfach hinnehmen und freuen. Ich habe mich im Nachgang gefragt, ob das nicht sogar in den RedlightDistrict gehört. Natürlich beschreibst Du nichts Explizites, aber es ist schon schockierend, was Du da schreibst und wie Du es schreibst. Das soll nicht mein erstes Urteil relativieren, nur find ich die Geschichte nach wie vor krass.

Niemand erwartet, dass ein Autor, der über einen Flözer im Schwarzwald schreibt, selbst Flözer im Schwarzwald war. Das kann man recherchieren und durch Phantasie mit Leben füllen. Ich hatte in der Geschichte weder das Gefühl, dass Du Dich daran ergötzt noch eine eigene Erfahrung verarbeiten musst. Ich fand sie einfach... beeindruckend.


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LG
Abari
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Jenny
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 34
Beiträge: 321
Wohnort: Ein Dorf nahe Mariazell, Niederösterreich


BeitragVerfasst am: 24.07.2017 16:38    Titel: Antworten mit Zitat

Ich fand deine Geschichte eindrucksvoll - aber in erster Linie verstörend. Zu verstörend, ich habe sie nicht fertig gelesen. Und kann mir darüber auch kein anderes Urteil erlauben, außer: Sie geht unter die Haut.
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Canyon
Schreiber-Lehrling

Alter: 39
Beiträge: 129
Wohnort: Nimmerland


BeitragVerfasst am: 24.07.2017 16:51    Titel: Antworten mit Zitat

Jenny hat Folgendes geschrieben:
Ich fand deine Geschichte eindrucksvoll - aber in erster Linie verstörend. Zu verstörend, ich habe sie nicht fertig gelesen. Und kann mir darüber auch kein anderes Urteil erlauben, außer: Sie geht unter die Haut.


Ich muss sagen mir geht es genauso wie Jenny.
Zwar habe ich die Geschichte am Tag der Veröffentlichung gelesen und auch bis zum Ende, aber so richtig etwas dazu schreiben kann ich nach wie vor nicht. Gewalttätige Texte nicht unbedingt die Lektüre erster Wahl für mich, weil sie mich zu tief berühren. Besonders bei diesem Text war das so. Im Grunde kannst du das aber als Kompliment sehen, denn das heißt, dass du sehr realistisch schreibst.
smile


_________________
"Du bist, was du warst; und du wirst sein, was du tust."
(Buddha)
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Jenny
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 34
Beiträge: 321
Wohnort: Ein Dorf nahe Mariazell, Niederösterreich


BeitragVerfasst am: 24.07.2017 16:58    Titel: Antworten mit Zitat

Oh ja, das war auch als Kompliment gemeint!
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schlumpf
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Beiträge: 7
Wohnort: Wien


BeitragVerfasst am: 24.07.2017 22:19    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo host,

ich kann mich Abari nur anschließen. Gleich am Anfang reingeworfen in diese düstere Welt, wird man den ganzen Text lang fort- und mitgerissen und hofft bis zum Ende und darüber hinaus, es möge gut ausgehen.
Ich mag solche Texte, auch wenn sie mich erschüttern. - denn das ist, was ein Text machen muss: ein starkes Gefühl auslösen. Und das hast du definitv drauf.
Ein bisschen erinnerst du mich auch an die Symbolisten - warum, kann ich aber leider nicht genau sagen.

Liebe Grüße,

der Schlumpf
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host
Geschlecht:männlichSchreiberassi


Beiträge: 51
Wohnort: nicht zuhause


BeitragVerfasst am: 26.07.2017 22:39    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Antworter,

Danke für eure ehrlichen Antworten. Sie helfen mir weiter. Ich wollte unmittelbar und nachvollziehbar die innere Welt eines Traumatisierten beschreiben und verstehbar machen. Das scheint mir gelungen. Ich arbeite theraeutisch mit Menschen und habe früher auch mal eine Zeit in der Psychatrie verbracht - auf der richtigen (?) Seite als Hilfspfleger; Traumatas - das ist meine Erfahrung - sind viel häufiger, als ich früher dachte, und oft versteckt.

Inzwischen bin ich hier ein bisschen im DSFo-Land rumgewandert und habe mir auch die theoretischen Foren angeschaut. Unter anderem fand ich den Beitrag: "Kommaregeln/Grammatik in wörtlicher Rede" von einer Jenny. Und prompt habe ich doch ein paar weitere Fehler in meinem Text gefunden. Aber ich habe die Ahnung, dass die Grammatik und ich doch noch zusammen eine Zukunft haben könnten.

Liebe Grüße
host
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Jenny
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 34
Beiträge: 321
Wohnort: Ein Dorf nahe Mariazell, Niederösterreich


BeitragVerfasst am: 26.07.2017 23:01    Titel: Antworten mit Zitat

Hey, schön, dass dir mein Post zu der Grammatik in der wörtlichen Rede helfen konnte smile
Ich drück dir & Grammatik die Daumen, dass ihr noch eine schöne Zeit miteinander habt und euch gut kennenlernt. Wink
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azareon35
Geschlecht:männlichSchreiberling


Beiträge: 206
Wohnort: Hessen


BeitragVerfasst am: 06.08.2017 02:19    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo host,

dann will ich auch mal meinen Senf dazugeben.


Ein jüngerer Bruder wird von seinem älteren Bruder regelmäßg schikaniert und das geht weit über die übliche Kabbelei zwischen Geschwistern hinaus. Ich kann mich irren, aber was der ältere Bruder da macht, das wäre ein Fall für Amnesty International. Shocked

"Alles gut!"
Als Titel reisst mich das nicht gerade vom Hocker. Nach der Lektüre deines Textes würde ich eher "Das Dunkel kommt!" vorschlagen, das macht es etwas mysteriöser.

Zitat:
Meine Mutter war deswegen schon mit mir beim Psychiater, weil ich einnässen würde, meinte sie. Ich wäre ein Bettnässer. Mein Bruder sagte das auch, "Bettnässer, Bettnässer, Bettnässer!" sang er vor sich hin und grinste mich an. „Er ist ein braver Junge“, beschied der Arzt meiner Mutter, „machen Sie sich keine Sorgen.“ Und zu mir gewandt, er lächelte, „du brauchst dich nicht zu schämen!“ Dieser Armleuchter! Das ist mir danach nur noch ein Mal passiert, dann war damit Schluss. Lieber verrecken als noch mal ins Bett pinkeln.

Wenn mehrere Leute in einem Text reden, dann gib den einzelnen Sprechern ihre eigenen Abschnitte. Das liest sich besser.
Meine Mutter war deswegen schon mit mir beim Psychiater, weil ich einnässen würde, meinte sie. Ich wäre ein Bettnässer.
Mein Bruder sagte das auch, "Bettnässer, Bettnässer, Bettnässer!" sang er vor sich hin und grinste mich an.
„Er ist ein braver Junge“, beschied der Arzt meiner Mutter, „machen Sie sich keine Sorgen.“ Und zu mir gewandt, er lächelte: „Du brauchst dich nicht zu schämen!“ Dieser Armleuchter!
Das ist mir danach nur noch ein Mal passiert, dann war damit Schluss. Lieber verrecken als noch mal ins Bett pinkeln.

Siehst du, was ich meine?



Zitat:


Seine Drohung, mich abzuschlachten, wenn ich auch nur einen Mucks vom nächtlichen Geschehen erzählen würde, musste ich ernstnehmen. Im letzten Urlaub hatte er vor meinen Augen den Kopf eines lebenden Huhnes abgebissen. Aber er hatte nicht mit den heftigen Flugbewegungen der kopflosen Henne gerechnet, die noch einige Sekunden zappelte, und er verschluckte sich an der Menge Blut, die aus ihrem Hals spritzte. Seine Kleidung war versaut.

Also, den Abschnitt finde ich etwas übertrieben. Einem Huhn den Kopf abzubeißen, das klingt eher nach Ozzy Osborne Smile Es würde mehr Sinn machen, wenn der ältere Bruder im Urlaub bei einer Schlachtung das Huhn festhalten darf und es dann aus Versehen loslässt.


Vom Ende deiner Story... bin ich nicht begeistert.
Falls der Text noch weitergeht,  falls das hier nur das erste Kapitel war, okay, dann ist es vollkommen legitim. Aber so wie es jetzt hier für mich zu lesen ist...
Tja. Es liest sich, als würdest du mitten im Satz aufhören. Kein Spannungsaufbau, kein Höhepunkt. Es ist auch nicht mal ein offenes, mehrdeutiges Ende, bei dem die Fantasie des Lesers angeregt wird und er sich das eigentliche Ende selbst ausmalen muss. Im Moment ist es einfach nur ein direkter Abbruch.
Aus meiner Sicht kannst du entweder viszeral beschreiben, wie der jüngere Bruder den Älteren tötet/verstümmelt/zernichtet, oder du beschreibst bis zu dem Punkt, an dem der Ältere dem Jüngeren die Decke wegzieht. In dem Moment sticht der Jüngere zu. Der letzte Satz: "Das Dunkel kommt."


An sich eine fesselnde Geschichte mit kleineren Schreibfehlern und einem noch verbesserungswürdigen Ende. Ich hoffe, ich konnte dir weiterhelfen.

MfG
Azareon


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host
Geschlecht:männlichSchreiberassi


Beiträge: 51
Wohnort: nicht zuhause


BeitragVerfasst am: 06.08.2017 18:52    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo azareon,

Ja, du hast mir weitergeholfen! Schon Jenny hatte mir ja mit  "Kommaregeln/Grammatik in wörtlicher Rede" ihren Finger in die Wunde meiner grammatischen Kompetenz gelegt.
Du hast nun eine wunderschön freundliche Formulierung gefunden, um zu begründen, warum zusätzliche Absätze bei direkter Rede Sinn machen.
"Wenn mehrere Leute in einem Text reden, dann gib den einzelnen Sprechern ihre eigenen Abschnitte. Das liest sich besser."

Weiterhin habe ich die Hühnerszene in ein realistischeres Szenario geändert:
es heißt jetzt: "Im letzten Urlaub hatte er vor meinen Augen mit einem Biss in die Kehle ein lebendes Huhnes getötet." Es gibt Bilder und Berichte über amerikanische Marines, die genau das (und noch viel mehr) in ihrer Dschungelausbildung in Thailand lernten.

Ich versuche gerade, mich mit deinem Titelvorschlag "Das Dunkel kommt" anzufreunden. Es gelingt mir nicht. Mein Gefühl ist, dass dann der Titel in eine andere Schiene geht. Vielleicht wähle ich: "Das Dunkel".

Bei meinem Ende bin ich dagegen mit meiner Meinung recht sicher.
Du schreibst: "Im Moment ist es [das Ende] einfach nur ein direkter Abbruch."
Genau! Kein Höhepunkt, kein (künstlicher) Spannungsaufbau. Keine Wendung oder gar eine Pointe. Der Protagonist bleibt mit seinem Entsetzen in einer nicht enden wollenden Gegenwart.
Gesetzt ich schriebe, "Als er die Decke wegzog, stach ich zu. Er stöhnte nur leise auf und wurde schwer. Sein Blut wärmte meinen Hals! Es war vorbei" - dann wäre es eben vorbei. Aber mit der Geschichte will ich sagen, es wird nie vorbei sein. Das Entsetzliche in diesem Trauma ist nicht, dass er seinen Bruder töten könnte oder der ihn oder wie auch immer. Es hat auch kein Ende durch irgendeine Art von Rettung. Das Traumatische ist, dass der Schrecken nie enden wird.

Danke nochmal für deinen Senf
host
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azareon35
Geschlecht:männlichSchreiberling


Beiträge: 206
Wohnort: Hessen


BeitragVerfasst am: 06.08.2017 19:33    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Weiterhin habe ich die Hühnerszene in ein realistischeres Szenario geändert:
es heißt jetzt: "Im letzten Urlaub hatte er vor meinen Augen mit einem Biss in die Kehle ein lebendes Huhnes getötet." Es gibt Bilder und Berichte über amerikanische Marines, die genau das (und noch viel mehr) in ihrer Dschungelausbildung in Thailand lernten.

Interessante Änderung, falls der Prota Urlaub in Thailand gemacht hat und der ältere Bruder einen Marine kennenlernte, der ihn das probieren ließ. Das ist mir bis jetzt immer noch nicht ganz klar: Ist der ältere Bruder so psychotisch oder einfach nur ein Arschloch?



Zitat:
Bei meinem Ende bin ich dagegen mit meiner Meinung recht sicher.
Du schreibst: "Im Moment ist es [das Ende] einfach nur ein direkter Abbruch."
Genau! Kein Höhepunkt, kein (künstlicher) Spannungsaufbau. Keine Wendung oder gar eine Pointe. Der Protagonist bleibt mit seinem Entsetzen in einer nicht enden wollenden Gegenwart.
Gesetzt ich schriebe, "Als er die Decke wegzog, stach ich zu. Er stöhnte nur leise auf und wurde schwer. Sein Blut wärmte meinen Hals! Es war vorbei" - dann wäre es eben vorbei. Aber mit der Geschichte will ich sagen, es wird nie vorbei sein. Das Entsetzliche in diesem Trauma ist nicht, dass er seinen Bruder töten könnte oder der ihn oder wie auch immer. Es hat auch kein Ende durch irgendeine Art von Rettung. Das Traumatische ist, dass der Schrecken nie enden wird.

Was meinst du mit künstlicher Spannungsaufbau? Da ist nichts gekünstelt, die Spannung baut sich so oder so auf. Irgendwann ist der jüngere Bruder so getriezt, dass er auskeilen wird, egal, wen es trifft. Außer der Ältere tötet ihn vorher. Oder der Jüngere begeht Selbstmord.
Ebenso hatte ich nicht gemeint, dass du schreiben sollst: "Als er die Decke wegzog, stach ich zu. Er stöhnte nur leise auf und wurde schwer. Sein Blut wärmte meinen Hals! Es war vorbei" Sofern der jüngere Bruder nicht einen absoluten Glückstreffer landet, wird er seinen Bruder mit dem Schraubenzieher mehrmals stechen müssen und das wird eine verdammt blutige Sauerei. Und damit endet das Trauma ja auch nicht, oder? Solche Wunden bleiben einem sehr lange erhalten.
Deswegen hatte ich von einer viszeralen Beschreibung gesprochen. Wo soll da eine Rettung sein? Selbst wenn die Eltern akzeptieren, was der Ältere für ein Psychopath gewesen sein soll, die stecken den Jüngeren eh erstmal in die Psychiatrie. Oder liege ich da falsch?
Oder du schreibst einfach: "Als er die Decke wegzog, stach ich zu." Ende. Schluss. Aus. Da bleibt das Ende auch offen. Es gibt keine Rettung, oder eine Pointe. Da ist es auch nie wirklich vorbei. Es ist dem Leser selbst überlassen, wie die Geschichte im Kopf weitergeht.


MfG
Azareon


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misterdoogalooga
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Wohnort: Wien


BeitragVerfasst am: 10.08.2017 19:04    Titel: Antworten mit Zitat

diese Story fesselt vom ersten Moment. Wirklich gut. Man möchte sofort weiterlesen. Habe versucht, etwas zu finden, das zu kritisieren wäre – aber da ist nichts! Das wäre alles nur i-Tüpflerei, wie etwa, dass manche Sätze etwas lang sind und vielleicht kürzer noch knackiger sein könnten… aber wie gesagt: top

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