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Ein wenig zu viel (phantastische Kurzgeschichte)

 

 
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Jeremia
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber

Alter: 41
Beiträge: 13
Wohnort: Bielefeld


BeitragVerfasst am: 13.12.2007 22:22    Titel: Ein wenig zu viel (phantastische Kurzgeschichte) eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ein wenig zu viel

„Sie belieben zu scherzen, mein Lieber. Sie sind ein wahrer Fabulist! Ich gebe zu, eine amüsante Geschichte aber mehr doch wohl auch nicht!“

„Keine Geschichte, ich versichere, dass ich keinen Scherz mit ihnen treibe. Sie können mir glauben“, antwortete der Andere und nahm einen Schluck Rotwein zu sich.

„Ich bitte sie, so viel Wein können sie doch noch gar nicht getrunken haben, oder hatten sie schon eine Flasche bevor ich kam? Also wissen sie!“

Der übergewichtige und kurzatmige Besucher griff ebenfalls erneut zum Weinglas und nahm einen beherzten Schluck von dem kostbaren Getränk. Er wollte der folgenden Stille ein wenig die Beklommenheit nehmen und vorspielen er wäre gerade sehr beschäftigt.

Sein Gastgeber, Professor Simon, nutzte die Pause des Gespräches, ging durch den Raum und öffnete die beiden Flügeltüren. Sofort wurde der Blick vom Wohnzimmer auf die Diele und das dort befindliche Treppenhaus frei.

„Was soll denn das? Professor, kommen sie schon, setzen sie sich wieder her zu mir. Im Übrigen zieht es kalt herein.“

„Ich möchte das sie ihn sehen“, antwortete dieser, „ ich möchte, Dr. Weber, dass sie ihn sehen!“

Weber prustete ironisch und leerte sein Weinglas. Anschließend griff er nach dem Dekanter und befüllte es erneut mit der tiefroten, im dämmerigen Licht fast schwarz anmutenden Flüssigkeit. Der Professor nahm unterdessen wieder in seinem Sessel Platz, nachdem er ihn in Richtung der geöffneten Türen gedreht hatte. Beide genossen nun einen uneingeschränkten Blick auf den Treppenaufgang, der in einer Biegung nach links oben in der Dunkelheit des ersten Stockwerkes verschwand.

Eine ganze Weile herrschte Stille zwischen den beiden Männern. Während der Professor gespannt die Treppe beobachtete, rauchte Weber seine Zigarre weiter und blies dicke Wolken in den Raum hinein.

„Warten wir bis Mitternacht?“, fragte der Doktor, während sich sein rotes, speckiges Gesicht zu einem schiefen Grinsen verzog.

Simon, der den inronischen Unterton gar nicht wahrnahm, blickte weiter wie gebannt in Richtung der geöffneten Türen.

„Herr Professor, ich bin dazu geneigt, diesen Abend als eine kleine Spinnerei ihrerseits abzutun und schnell wieder zu vergessen. Sie müssen sich also keine Gedanken darüber machen!“

Webers Versuche, die Situation zu retten, wirkten hilflos. Es ging ihm durch den Kopf, dass der alte seltsame Mann von der Universität, und damit sein Kollege, wohl einer Sinnestäuschung unterlegen sein musste. Er schätze die sonstige Scharfsinnigkeit des Professors sehr und wunderte sich umso mehr über die derzeitigen Umstände.

„Meinen sie nicht, dass es sich hier um einen Irrtum handelt, um ....“

„Überreizte Sinne?“, fragte Simon zurück.

„Ich habe sie heute hierher eingeladen, weil ich ihre Hilfe benötige. Ich kann mir keine wissenschaftliche Erklärung darauf geben. Jegliche Logik, jeglicher Verstand kommt an seine Grenzen, verstehen sie? Alles was ich von ihnen verlange, ist mir zu helfen das Phänomen zu erklären, empirisch zu belegen. Im Übrigen warten wir nicht bis Mitternacht. Ich weise sie noch einmal darauf hin, dass wir uns nicht in einer jener Hoffmann`schen Schauergeschichten befinden und der Leser uns gleich zugeklappt beiseite legt. Ebensowenig haben wir es mit einer der grauenvollen Figuren zu tun, die der übersteigerten Phantasie Lovecrafts entstammen. Sie und ich, befinden uns in der Realität.“

„Also gut, Professor, nehmen wir an, ich lasse mich auf dieses ungewöhnliche Spielchen ein. Was gedenken sie zu tun? Ihn fangen, aushorchen, vielleicht noch einen Priester anheuern um auf der sicheren Seite zu sein? Ich verstehe nicht ganz, warum sie mich in diese Geschichte eingeweiht haben?“, antwortete Weber.

„Weil ich sie für einen scharfsinnigen und geistesgegenwärtigen Wissenschaftler halte, Doktor. Ich bin mir sicher, dass sie in einer Stunde schon anders darüber denken werden, wenn wir den Sachverhalt verifiziert haben. Einen Priester brauchen wir nicht. Immerhin hat er mir bisher nichts getan. Er kommt nur herunter, steht in der Tür und beobachtet mich. Ich muss zugeben, dass ich mich anfangs auch daran gewöhnen musste. Meine versuchte Kontaktaufnahme zu Ihm, war bisher allerdings nicht von Erfolg gekönt.“

„Kommen wir zu ihrer Theorie. Wenn sie recht haben sollten, was ist ihre Ausgangslage zu diesem Phänomen?“, fragte Weber.

„Meine Theorie“, begann der Professor, „sieht so aus: Sie, ich und alle anderen Menschen auch, halten uns für reale Geschöpfe. Verstehen sie?“

Weber nickte zögernd.

„Wir können alles nachweisen, was eine reelle Struktur besitzt, zumindest unserer Meinung nach. Wir glauben, was wir sehen und was sich unseren logischen Strukturen unterordnet. Unsere Dimension ist Tiefe, Breite und Höhe, um mich einfach auszudrücken. Wir leben, pragmatisch gesehen, in einem Behälter für Materie. Was geschieht, wenn diesen Faktoren eine weitere Komponente hinzugefügt oder eine bestehende entfernt wird? Die Frage ist, geht das überhaupt? Stellen wir parallele Welten und oder niedere und höhere Dimension in Frage? Entfernen wir einmal, rein theoretisch, einen Faktor unserer Welt, die Tiefe. Wir würden zweidimensional existieren. Lassen wir es einfach mal stehen, ob sich diese Umstände für ein Leben unserer Art eignen würden. Anschließend fügen wir dann wieder eine weitere und neue Dimension hinzu, nämlich die Weite, was passiert dann? Gibt es Weite ohne Tiefe? Tiefe ist ein begrenzter Bestandteil der Weite. Im Grunde dient er einzig dazu, unser schlichtes, auf diese Welt gerichtetes dimensionales Denken zu begrenzen und unserer Welt Form und Bestand zu geben. Stellen sie sich nun aber vor, diese gegebene Begrenzung würde aufgehoben.“

Professor Simon schaute seinen Kollegen auffordernd durch seine kleine Brille hindurch an und zupfte aufgeregt an seinem Schlips.

„Das würde bedeuten“, begann Weber, „dass davon alle molekularen Strukturen betroffen wären und sich nach Belieben dehnen und wieder zusammen ziehen könnten. Andererseits ist es aber auch denkbar, dass jegliche Strukturen in sich zusammenfallen und daraus ein lebensfeindliches Chaos resultierte. Mein lieber Professor, Nietsche sagte einmal, dass Keiner so verrückt ist, dass er nicht einen noch Verrückteren findet, der ihn versteht. Ich meine, dass ich weiß, worauf sei hinauswollen, halte es aber für eine absolute Unmöglichkeit!“

„Vergessen sie Nietsche, vergessen sie alles was sie bisher gelehrt haben und als Logisch betrachteten. Unsere Logik ist wie die Tiefe, ein lediglich abgesteckter Teil einer unendlichen Weite. Verstehen sie, wir sind kurz vor einem Durchbruch in ungeahnte Möglichkeiten. Gelingt es uns Kontakt mit Ihm aufzunehmen, miteinander zu kommunizieren, dann ist das der Durchbruch aller wissenschaftlichen Bemühungen, hinter das Geheimnis unserer Existenz zu blicken. Denken sie nur daran, was das hieße! Der Mensch, oder vielmehr unsere Welt, ist ein kleiner Teil eines kompletten Ganzen. Wir nehmen von dieser Wahrscheinlichkeit nichts wahr, weil unsere Möglichkeiten nicht ausreichen hinter diese Grenze zu schauen. Er aber durchbricht mitten unter uns diese verborgenen Schranken und beobachtet uns, die wir wie Käfer hilflos auf dem Rücken liegen. Wenn es uns gelingt, mit Ihm in einen Wissensaustausch zu treten, dann werden wir zudem erfahren, ob es sich hier nur um einen Einzelgänger oder um ein ganze Spezies handelt.“

Dr. Weber drückte den Stummel seiner Zigarre im Aschenbecher aus und wippte nervös mit den Füßen.

„Herr Professor, ich kann einfach nicht annehmen, dass sie sich derart in Ihre widersinnigen Thesen und Theorien verstrickt haben. Das ist doch alles kompletter Unsinn. Im Übrigen reden sie immer von Ihm und seinem extramundanen, transzendenten Erscheinen. Ich hielt sie bisher für einen bodenständigen Wissenschaftler und hatte große Achtung vor ihren Arbeiten, aber dass hier, ich bitte sie, das ist doch einfach lächerlich!“

Halb aufgerichtet sank er nun wieder kurzatmig in den Sessel zurück und versuchte sich zu beruhigen.

Plötzlich ertönten Schritte von oben die Treppe herab. Simon lächelte Weber zu, stand auf und ging einige Schritte in Richtung der geöffneten Flügeltüren.

„Sehen sie, da kommt er.“

Der Doktor saß noch immer erregt im Sessel und spähte ebenfalls in die Dunkelheit der Diele. Langsam und gemächlich kamen die Schritte Stufe für Stufe hinab. Der Professor rieb sich die Hände vor Freude und wirkte wie ein Kind, das es nicht erwarten konnte, seine Eltern von der Richtigkeit seiner Neuigkeiten zu überzeugen.

„Was spielen sie hier eigentlich für ein Spiel Professor Simon?“, schrie Weber entrüstet. Er sprang auf, in einem für seine Leibesfülle beachtlichen Tempo, schimpfte vor sich hin und lockerte ein wenig seinen Krawattenknoten, um besser Luft zu bekommen. Seine Kurzatmigkeit besserte sich indes nicht. Der Professor ließ sich von der Aufregung nicht ansteckend, stand in nähe der Tür und wartete noch immer mit aufmerksamen Blicken.

Die Schritte auf der Treppe verebbten und in der Tür erschien langsam ein weißes nebelhaftes Ding, der Form nach menschlicher Gestalt, wenn auch verzerrt und mit unscharfen Konturen.

Im Türrahmen blieb es stehen und bewegte sich nicht mehr. Professor Simon gluckste munter und betrachtete es wie immer neugierig.  Das schemenhaft milchige Wesen rührte sich nicht und machte den Eindruck eines aufmerksamen Beobachters.

„Ich habe heute Besuch, mein Freund, das ist Doktor Weber“, bemerkte der Professor, der wie gebannt auf den Besucher fixiert war.

„Nun, was sagen sie Kollege?“

Er drehte sich um und sah Weber schlaff und regungslos im Sessel liegen. Wie eine vergessene Marionette hing er da, mit aufgerissenen Augen und einem blau angelaufenen Gesicht. Der übergewichtige Körper glich einem großen wabbeligen Fleischberg, der Opfer eines Herzinfarktes geworden war. Sein Brustkorb war so still wie ein spiegelglatter See in einer lauen Sommernacht.

„Nun“, sagte Simon, „es sieht so aus, als wäre es ein wenig zu viel für ihn gewesen!“

Das erste Mal, seit Anbeginn der abendlichen Begegnungen, gab der nebelhafte Gast ein Geräusch von sich, das an ein tiefes, bronzenes glockenhaftes Lachen erinnerte.

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Azaziel
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Beiträge: 27
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BeitragVerfasst am: 14.12.2007 18:52    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

der Titel könnte sich auch auf die Menge des angebotenen Textes beziehen.  lol
Ächz, das ist ein ganz schöner Klopper. Zudem du auch nicht wenig Philosophie eingebracht hast (was ihn noch ein Stück weit in die Länge zieht)
Sie ist gut geschrieben und nicht schlecht, aber wirkt doch leicht ermüdend (das, was bei der Stange hält, ist die Frage, über was die beiden eigentlich reden)?
Soll deine Geschichte nur unterhalten oder auch zum Denken anregen?

Was auffällt, ist, dass du die Anrede immer klein schreibst (Sie, Ihnen). Die wird allerdings immer groß geschrieben.

Zitat:
Vergessen sie Nietsche,


Du meinst bestimmt "Nietzsche", oder?  wink

Eines noch:

Zitat:
„Ich möchte das sie ihn sehen“, antwortete


Hinter "möchte" ein Komma und dann "dass".


Grüße


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Jeremia
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Beiträge: 13
Wohnort: Bielefeld


BeitragVerfasst am: 15.12.2007 11:50    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank für die Rückmeldung. Es nicht zu fassen, obwohl Korrektur lesen lassen, finden sich immer wieder Fehler.  Crying or Very sad
Naja....setz mich gleich noch mal ran Buch


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Jeremia
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber

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BeitragVerfasst am: 15.12.2007 11:52    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ach so, zur Frage!  Smile  Sie soll natürlich ein Stück weit unterhalten, aber ich schreibe auch immer mit einem Hintergedanken. Zum Nachdenken soll sie also auch anregen.

LG

Jeremia wink


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Brynhilda
Felix Aestheticus

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Edgar Allan Poe (1809 bis 1849) - Zum 200. Geburtstag
BeitragVerfasst am: 15.12.2007 12:04    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Jeremia!

Das ist eine Geschichte genau nach meinem Geschmack.

Du solltest nur an deiner stilistischen Homogenität etwas verändern. Worte wie "Situation" oder "Herzinfarkt" passen nicht ganz in den Text hinein. Es wäre in dieser Geschichte also besser, Fremdwörter zu vermeiden.

Aber abgesehen davon: Große Klasse!


Viele Grüße,
Brynhilda!
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