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Un Estate Siciliane


 

 
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BerndHH
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BeitragVerfasst am: 18.02.2017 11:13    Titel: Un Estate Siciliane eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Un Estate Siciliane

Palermo, Dienstag der 6. Juli 1982

Zehn Uhr vormittags durch und das Thermometer hatte bereits Werte von +35°C im Schatten erreicht. Mit Sicherheit würde es auch heute wieder über +40°C heiß werden und ganz Palermo würde nach Luft schnappen müssen.
Der etwa dreißig Jahre alte Mann lehnte lässig an einem Mauervorsprung der Piazza Sant‘ Erasmo, einem verfallenen Viertel des alten Hafens der sizilianischen Hauptstadt. Es stank penetrant nach Fisch. Verfaultes Fischeiweiß, dass sich im Laufe der Jahrhunderte in jede nur erdenkliche Fuge der verwitterten Ruinen festgesetzt hatte. Am kleinen Fischereihafen von Sant‘ Erasmo war es nur im Winter einigermaßen erträglich, wenn die Gischt des Tyrrhenischen Meeres wütend gegen die Betonbefestigung schlug.
Von fern her dröhnte der Lärm aus Castellamare, Borgo Vecchio und der Kalsa an die Piazza hinüber. Knatternde Scippos und die marktschreierischen Straßenverkäufer, die inmitten all der Abgase ihre Panelle (frittierte Kichererbsen), Pani ca Meusa (Brot mit Milzbraten), Arancine (Reis-Fleisch-Bällchen) und allerlei andere frittierte Leckerbissen anboten.

Sein Name war Guiseppe „Pino“ Greco, doch alle kannten ihn nur als „Scarpuzzedda“, den kleinen Schuh. Er war der Sohn von Salvatore "Cicchiteddu" Greco, dem großen Schuh. Einem geachteten Mann der Ciaculli-Familie aus einem kleinen Bergdorf inmitten von Zitronenhainen im Südosten von Palermo. Der alte Greco war ein hochangesehenes Mitglied der „uomi di onore“ und es gab niemanden, die jemals an seiner Charakterfestigkeit gezweifelt hätten. Er hatte lange Zeit im Dienst der alten Dynastien gestanden, die gerade im Begriff waren unterzugehen. So arbeitete "Cicchiteddu" für die Bontade, die Di Maggios, Inzerillo und ein ganz besonderes Verhältnis hatte er für den Badalamenti-Clan. Es kam nicht häufig vor aber seine Dienste als „Friedensrichter“ für alle Belange, die nur die Familien etwas angingen, waren hochbegehrt. Salvatore wusste sehr wohl mit der Garotte umzugehen. Er war ein hagerer Mann vom Typ eines Ziegenhirtens aus den Bergen. Es sah so leicht aus, wenn er seine Opfer strangulierte. Sie wurden blau, röchelten wie ein Hammel, der gerade abgestochen wird und am Ende trat ihre Zunge hilflos hervor. Nicht so Salvatore. Er nahm seine Zigarette nicht einmal aus dem Mund und manchmal pfiff er fröhlich, wenn die Tat vollbracht war.

„Scarpuzzedda“, der kleine Schuh, war von einem ganz anderen Schlag als sein alter Herr. Er rauchte jetzt schon seine fünfte Marlboro – er hatte die Angewohnheit, immer den Filter abzubrechen – und starrte immer wieder in Richtung auf das alte Gemäuer, aus dem unterdrücktes Wimmern und Schmerzensschreie kamen. „Pino“ hatte das volle blauschwarze Haar der arabischen Eroberer und immer wenn er breitbeinig und majestätisch auf den Quattro Canti stand und sich mit der Hand beherzt in den Schritt griff, den er mit einer Hasenpfote auspolsterte, dann blickten glutäugige Schönheiten verstohlen zu ihm herüber. Sie wussten alle, dass er ein „uomo di onore“ war, jemand, der „non lascia ballare mosca sul naso“, der also keine Fliege auf seiner Nase tanzen lässt.
Seit letztem Jahr war alles anders geworden. Das Wort der alten Capi galt nicht mehr. Sie kamen aus den Bergen. „La Belva“, die Bestie und „U Tratturi“, der Traktor. Und sie walzten gnadenlos alles nieder, was sich ihnen auch nur im Entferntesten in den Weg stellte. Wer nicht für sie war, war gegen sie und musste sterben. Capi, Sottocapi, der Schwiegersohn, die Gemahlin und sogar kleine Kinder. Alles, was in der männlichen Erbfolge stand und eines Tages eine Pistole in die Hand nehmen könnte, wurde mitleidslos ausgelöscht. Und zwar nicht mehr mit der althergebrachten „Lupara“, der Schrotflinte, sondern auf amerikanische Art und Weise durch Feuerstöße aus Sturmgewehren und Maschinenpistolen.
Lieber einen mehr als zu wenig treffen. Komm Bruder, hab dich nicht so. Setz lieber noch mal nach und halte auf seinen Hinterkopf an. Besser noch ein ganzes Magazin zu investieren und der steht nicht mehr auf, als dass der „figlio de puttana“ noch auf die Idee kommt, von den Toten zurückzukehren und Dir den Marsch bläst.

„Dove diavolo si mette, figlio de puttana?“, rief eine kräftige Stimme aus dem Halbdunkel heraus. Sie gehörte dem vierundvierzigjährigen Filippo Marchese, dem neuen Oberhaupt der Corso-dei-Mille-Famiglia. Filippo hatte mit seinem gepflegten schwarzen Vollbart das Aussehen eines katholischen Priesters. Nur seine braunen Augen passten nicht so recht in das scheinheilige Bild. Es waren kaltherzige Augen, die niemals so etwas wie Güte oder Mitleid zu sehen bekommen hatten.
Mit einer väterlichen Geste bugsierte Marchese „Pino“ in das schummrige Gemäuer zurück, welches von Carabinieri und der Presse wie dem Giornale di Sicilia „Camera della Morte“ genannt wurde. „Die Todeskammer von Sant’Erasmo“ lag ganz am Ende des kleinen Platzes, der im Laufe der letzten Jahre verlassen und völlig verdreckt war, in einer Gasse, deren eine Hälfte von einem verfallenen Verwaltungsgebäude verdeckt war. „Gestione Administrazionale dei pescatori d'alto mare da Palermo“, stand auf einem kleinen Emailleschild. Der kleine Porto di Sant’Erasmo gehörte einst zum Machtgebiet der Inzerillo-Famiglia. Eine der traditionellen und ehrwürdigen Mafiafamilien Palermos, die seit Anfang dieses Jahres aufgehört hatte, zu existieren. Seitdem hatte die Corso-dei-Mille Familie unter Filippo Marchese hier das Sagen und sie nutzte den abgeschiedenen Fischerplatz, um ihre neue Politik in der Stadt und im ganzen Land mit Nachdruck durchzusetzen.

Die Kammer war vor etlichen Jahren ein Ort gewesen, an dem Schwert- und Thunfisch aus dem Mittelmeer verarbeitet wurde, kurz nachdem er von den Fischerbooten angelandet wurde und unter der sengenden Sonne Siziliens schnell verarbeitet werden musste. An den Wänden waren mehrere Fleischerhaken eingelassen, an denen die meterlangen Thunfische ausgeweidet wurden, mehrere Tische zur Fischverarbeitung und drei kleine Betonbecken, die zum Ausbluten genutzt wurden. Doch jetzt waren sie mit einer scharf riechenden Flüssigkeit gefüllt.
„Pino“ erinnerte sich an die Schlachterei seines Onkels Gaetano Gambino in Ciaculli, in der immer gehäutete Hammel kopfüber nach unten hingen und am Boden blutige Schlieren bildeten. Genauso war es an der Piazza Sant‘ Erasmo. Drei nackte Männer hingen von der Decke herunter. Es waren große Kerle, deren Hände beinahe den Boden berührten. Die Kacheln unter ihnen waren glitschig von Blut und flüssigem Kot. Filippo war bereits fertig mit ihnen, denn sie konnten sich weder rühren, gegen das Unvermeidliche gegenanstrampeln noch röcheln. Es hatte lange, sehr lange gedauert, doch dann mussten sie ihren Widerstand aufgeben. Mit Ekel stellte „Pino“ fest, dass Filippo ein halb aufgegessenes Pane con Pesce Spada auf dem Tisch liegen hatte. Der Teufel hatte sich während der Folterungen immer wieder mit dieser Fischleckerei gestärkt.
„Pino“ tötete gut und er verstand sein Handwerk aber diese kindliche Freude, die ein Filippo Marchese empfand, wenn einer seiner Feinde unter seinen Händen sein Leben aushauchte, war ihm völlig fremd. Er brachte Menschen mit der gleichen Distanz um, mit der sein Zio Gaetano den Hammeln die Haut abzog und sie mit dem Fleischerbeil bearbeitete.
In dieser Nacht hatten sie viel geschafft. Sehr viel sogar. Ganze fünfzehn Personen waren dahingeschieden. Das war ein absoluter Rekord. Der Sommer hatte seinen Höhepunkt erreicht und es war zur schweißtreibenden Angelegenheit geworden, Menschen wie Vieh mit dem Fleischermesser zu bearbeiten und ihnen am Ende den Lebensfaden abzuschneiden.

Wie gerne hätte „Pino“ mit seiner neuen fidanzata Malena diesen hellen Sommertag am Strandbad von Cefalú verbracht. Am Lungomare Giuseppe Guadina, nur Sonne, Meer und feiner Sandstrand. Fern von der Schlachterei in Palermo, die allmählich auf die Nerven ging. Malena war süße siebzehn Jahre alt und hatte wohl den hübschesten Busen von ganz Sizilien. Immer wenn er ihre feste Brust berührte, dann konnte er seinen Alltag vergessen. Wenn die Lust erwachte, dann würden sie sich in dieses kleine Hotel zurückziehen und das Bett zum Quietschen bringen.
„Cosa ne pensi, figlio di puttana? Vuoi dire che il lavoro si fa da sé?“, mit diesen schroffen Worten holte ihn Filippo aus seinen Tagträumen zurück. Er hatte eine Flasche Cerasuolo di Vittoria Rotwein entkorkt – eine willkommene Abwechslung zu dem schweren Bauernwein, den die Corleonesi immer mitbrachten – und fünf Gläser eingeschenkt. Neben Filippo und „Pino“ waren da noch drei andere Männer, die ebenfalls die ganze Nacht lang geprügelt, gefoltert und gemordet hatten.
Filippo Marchese war ein Mann, der Leistung durchaus anerkannte. Und wer gemeinsam mit ihm tötete, war für gewisse Zeit sein Bruder. Vielleicht nicht für immer aber doch solange dieses Zugehörigkeitsgefühl anhielt. Filippo war mit der „Mattanza“ groß geworden. Auch er hatte wie „Pino“ einen Onkel, der sein weiteres Leben stark beeinflusst hatte. In Sizilien war es üblich, dass sich nicht nur der Vater und der Padrino um die Erziehung eines jungen Mannes zu kümmern hatten. Nein, ein jeder Onkel hatte zur Mannbarkeit des männlichen Sprößlings beizutragen. Sobald ein Junge laufen kann, wird er dem weibischen Einfluss von Mutter, Schwestern und Tanten entzogen und geht an der Hand des Vaters über die Piazza und lernt das komplizierte Sozialgeflecht der sizilianischen Männergesellschaft kennen. Da wo die Männer mit den eleganten Hüten im Schatten stehen und sich leise unterhalten. Er muss lernen, wer ein „Pezzinovanta“ ist, wer ist der Padrino von wem, wer sind die afilliati, wer zahlt „pizzo“ an wen und wer hat wen wie oft und in welcher demütigen Weise die Wange zu küssen? Wer ist ein „Babbo“, ein „Bastardo“ mit dem man sich besser nicht einlässt, wer ist ein gerissener „Fulano“ und wer hat das Zeug zu einem „Magnata“? Wer beherrscht alle tausend Gesichter der sizilianischen Lüge? Wer hat die Eier in der Hose – und das ist überlebenswichtig auf der Insel – und wer ist der Capo von welcher Cosce? All das muss ein junger Mann in Windeseile lernen, damit er seinen Platz in der Gesellschaft kennt und – so Gott will – ein möglichst langes Leben unter sizilianischer Sonne genießen darf.
Doch letztendlich, und das wussten „Pino“ genauso gut wie Filippo, ging alles nur nach dem alten römischen Gesetz: „Wer bumst wen?“ Die Araber ficken die Römer, bis diese von den Normannen gefickt werden. Diese wiederum von den Staufern. Und so ging es immer weiter. Die Großgrundbesitzer ficken die armen Bauern, die reichen Handwerker ficken die Halsabschneider auf den Straßenmärkten und seit 1981 werden alle kollektiv von den Männern aus Corleone gefickt. Jene gesichtslose Geisteramee aus der Provinz, welche ihnen das unbarmherzige Gesetz des Blutes brachte.
Ist sie Deine standesmäßige fidanzata, Deine Braut Deinesgleichen, die in der Kirche vorne sitzen darf oder ist sie nur eine cumare, eine Schlampe von Geliebten, der ein jeder Pfarrer als „puttana maldita“ die Absolution verweigern würde?
Dergleichen Dinge waren in Sizilien vielleicht wichtiger als anderswo.

Filippo liebte die „Mattanza“. Schon beim ersten Mal, als er mit seinem Onkel Matteo fischen war. Es begann immer im März, wenn die großen Thunfische zum Laichen in die Küstengewässer zogen. Für ganz Trapani ein großes Fest. Die kleinen Boote legten ihre Netze aus und trieben die riesigen Fische in die Enge. Spritzendes Wasser und die Haken der Männer, die sich unbarmherzig in die Leiber der zappelnden Tiere bohrten. Das viele Blut und das herzliche Lachen der Männer. Filippo wusste, dass er von diesem Tage an von ihnen aufgenommen wurde.
Heutzutage hatte er keine Zeit mehr für die „Mattanza“. Er beherrschte die Achse Corso-dei-Mille von der Piazza Scaffa bis zur Acqua dei Corsari im Südosten von Palermo bis nach Guarnaschelli. Hier standen fünf bedeutsame Heroinküchen unter seinem Kommando, die ihm und seiner Familie gar phantastische Gewinne bescherten.
„E bolle - es sprudelt“, hätte sein Onkel Matteo, der einfache Fischer, gesagt. Für Filippo und seine Brüder Angelo, Salvatore und Giacomo waren goldene Zeiten angebrochen, die sie sich als Jugendliche niemals hätten erträumen dürfen.
„Non tanto indugiare. Cerchiamo di essere pronto. Il giorno è ancora giovane!“, rief Filippo seinen Foltergenossen zu. Diese beeilten sich das letzte Fass Salzsäure auf den gemarterten Körper eines übergewichtigen Rechtsanwaltes, der in den Diensten der Sciapuolla- und Spatola-Familie stand, zu gießen. Von den Capi, Sottocapi oder Consigliere der alten Mafiafamilien war kaum noch jemand übrig. Also wüteten die Corleonesi und ihre Verbündeten in der zweiten Reihe. Es zischte auf und der Gestank von gerinnendem Eiweiß erfüllte die modrige Luft.
„Per oggi basta, fratelli!“
Damit schloss Filippo Marchese den blutigen Reigen der letzten Nacht. Die Männer standen noch eine Weile draußen herum, rauchten, lachten und scherzten eine Weile, bis sie ihre Autos bestiegen und anschließend nach Hause zu ihren Familien fuhren.

Luciano Liggio hatte geladen. Dieses Mal wählte er nicht die alte Nagelfabrik, die bei den Einwohnern von Bagheria nur noch das „KZ von Bagheria“ hieß, seitdem die Corleonesi ihren beispiellosen Vernichtungsfeldzug gegen die alten Palermitaner Familien begonnen hatten. Nein, er wählte das beste Lokal von Bagheria, die Trattoria Don Ciccio in der Via del Cavaliere. Bagheria oder Sizilianisch Baarìa war „La Porta do Vento“, das Tor des Windes oder die schlafende Schöne am Fuße des Capo Zafferano, nur etwa zwanzig Kilometer östlich von Palermo entfernt. Sommersitz der Adeligen mit den schönen Villen San Cataldo, San Isodoro oder Romacca und in letzter Zeit eine Hochburg der „ehrenwerten Gesellschaft“.
Sie hatten die Straßen der Umgebung abgesperrt und das gemeine Volk rigoros von der Veranstaltung ausgeschlossen. Bewacht wurde das Treffen nicht mehr von einfachen Schafhirten mit der abgesägten Lupara, sondern von modisch gekleideten Stadtmenschen, die eingeklappte Maschinenpistolen in der Achselbeuge trugen. Doch nicht nur erwachsene Auftragsmörder trugen zum Schutz bei, sondern auch eine kleine Armee von Bettelkindern, gegen Läusebefall kahlgeschoren mit altertümlichen Anzügen ausgestattet. Liggio hatte immer betont, die schlimmste Waffe ihres Landes, das war ein minderjähriger Habenichts, ein Carusu, der außer seinem armseligen Leben nichts mehr zu verlieren hatte.
Aus Corleone waren Bernardo Provenzano, Toto Riina und die beiden Brüder Leoluca und Calogero Bagarella dabei. Von ihren Palermitaner Verbündeten Filippo Marchese, „Scarpuzzedda“ natürlich keine Frage, Rosario Riccobuono und viele andere mehr. Es wurde verhältnismäßig wenig Palirmitanu gesprochen, da der raue Dialekt aus Corleone deutlich überwog. Die Stimme der Vernunft und der Angst hatten gesiegt. Palermo hatte gelernt, dass es keinen Sinn mehr machte, sich noch länger gegen die „Bestien aus den Bergen“ zur Wehr zu setzen, denn das Ergebnis war jedes Mal ein Meer aus Blut und die Trauerschreie der Witwen, welche durch die Gassen des Triangolo della Morte, Bagheria, Altavilla Milicia und Casteldacci, gellten. Es war in jedem Fall besser, sich mit ihnen zu arrangieren.
„Vor allem so lange es sprudelt“, wie der neue Mafiapabst Michele Greco, der heute merkwürdigerweise nicht dabei war. zu sagen pflegte.

Geschlossene Gesellschaft. Ein ganzer Saal war für das große Treffen reserviert worden. Aus einem Nebenzimmer plärrte ein Fernsehgerät mit voller Lautstärke. Englisch mit Subtituli Italiane. Dallas mit der Folge „Der Krieg um Ewing Oil“. J.R. und Bobby waren drauf und dran, sich gegenseitig über den Haufen zu schießen. Malditi Miricanu!, verdammte Americanos! Filippo Marchese fühlte nichts als Verachtung gegenüber dem Land aller italienischen Träume, was die Vereinigten Staaten für viele Hungerleider von der Insel immer noch darstellte.
Alle auf einen Haufen. Hätte die alte Palermitaner Achse Bontade-Inzerillo-Badalamenti noch einen Hauch der alten Stärke besessen, es wäre ihnen ein Leichtes gewesen, ihre Erzfeinde auf einen Schlag wegzublasen. Doch das alte Palermo gab es nicht mehr. Das, was noch davon übrig war, kämpfte um sein Überleben.
Don Ciccio hatte ein traditionelles sizilianisches Festmahl aufgefahren. Allein die Vorbereitungen hatten drei volle Tage in Anspruch genommen. Es war unerträglich heiß und in jeder Ecke des Saales waren Ventilatoren aufgebaut, die unter Höchstleistungen liefen. Fünfzehn Mann waren Gäste. Dazu hatte der alte Ciccio fünf Hammel schlachten lassen, die mit besten schwarzen Oliven, Batterien von Knoblauch und literweise Olivenöl – das Gute aus der Selezione Cutrera – gefüllt waren. Die Tische bogen sich unter der Masse von Hammel- und Rindfleisch und frisch gesalzenem Meeresfisch. Sarde a beccafico, Pasta della Catania mit frittierten Auberginen, Farsu Magru Rollbraten, Involtini alla siciliana nach Hausfrauenart, und vieles mehr. Es roch überall nach Fenchel, Basilikum und Rosmarin. Dazu gab es jede Menge saftige Orangen, Zitronen und fleischige Tomaten, in denen noch das wilde Aroma aus den Bergen steckte, in allen Variationen. Zwischen den Gängen wurde Limoncello und Rotwein aus großen Karaffen ausgeschenkt.

Erst nach dem Secondo Piatto ergriff Liggio feierlich das Wort.
„Genossen, Brüder, ich begrüße Euch alle, meine treuen Freunde zu unserer heutigen
Versammlung.“
Der Capo aus Corleone, der seine müden Augen hinter einer schwarzen Sonnenbrille verbarg und während des Essens immer wieder Zigarre paffen musste, blickte sich stolz um. Er schaute in die Gesichter von ausschließlich Männern. Frauen waren wie immer bei einer Besprechung sizilianischer Männer kategorisch ausgeschlossen. Die ehrbaren Frauen, die Heiligen, hatten mit dem Bild der Madonna an der keuschen Brust, in schwarzen, hochgeschlossenen Kleidern zur Kirche zu gehen und sich ansonsten um ihre Angelegenheiten zu kümmern. Die Huren hingegen hatten im Schummerlicht des Verbotenen ihre Cicciolina, ihr Pfläumchen, mit einem Duftöl einzureiben und es geschmeidig zu halten, solange bis es dem Don beliebt, sie zu besteigen und mit Beischlaf zu beglücken.
Auch das war Sizilien.   
Ruggero, ein grober Bauernsohn aus Corleone, unterhielt die Runde mit Scherzen über die Unzucht der Frauen aus den Nachbardörfern mit Eseln. Liggio schnitt ihm barsch das Wort ab.
„Meine Freunde, wir befinden uns in einer Phase eines neuen Friedens. Ich denke, dass es
geschafft sein wird, noch bevor die Glocken von Chiesa Santa Maria Maddalena zum
Weihnachtsgebet läuten.“
Provenzano und Riina grunzten beipflichtend. Sie allein wussten, was alles notwendig gewesen war, um den Siegeszug der Söhne aus Corleone einzuläuten. Es war ein längerer Weg gewesen. Kein Wunder, Liggio hatte ja auch nicht knietief im Blut der Feinde gestanden. Die beiden machten einen stumpfen Eindruck wie zwei Büffel vor der Tränke und schütteten gedankenlos alles Alkoholische an Wein, Limoncello, Ballantines Scotch Whisky und Averna Kräuterschnaps in sich hinein.
„Ja,“ Liggio schmunzelte ein wenig, „es war letztendlich unsere Überzeugungsarbeit, die
auch die alten Patriarchen von der Einzigartigkeit unseres Geschäftsmodells zur Einsicht
brachte. Letztendlich ist jeder Wandel – und das wissen wir alle – mit Tränen und Schmerz
verbunden. Aber ich denke, ihre Weiber können langsam aufhören zu weinen. Ja, und ich
kann nicht ohne Stolz verkünden, dass für uns alle genug vom Kuchen da ist.“
Wie auf einen Wink hin, reichte man ihnen als Nachtisch Cassata, Cuccìa, Frutti della Martorana und als Erfrischung fruchtiges Granita-Eis.
„Was ist mit der Kalsa?“, rief Rosario Riccobuono dazwischen. Das war respektlos! Er war zwar immerhin einer der ersten Verbündeten der „giovane selvaggio – jungen Wilden“ aus Corleone, der die Zeichen der Zeit sofort verstanden hatte. Aber das war nicht die Art mit Luciano Liggio umzugehen. Liggio war auf dem besten Wege, Michele Greco, den Pabst, an der Spitze der Commissione abzulösen. Mit Feuer oder einem fallenden Messer spielt man nicht. Doch Riccobuono war dumm. Strohdumm. Er verstand dergleichen Feinheiten nicht. Aus einem Habenichts, einem „scopatore di capra –  Ziegenficker“, war durch die neuen Geschäfte in Palermo ein dekadenter Lebemann geworden, der jeden Tag so unverschämt viel am weißen Heroinpulver verdiente, wie er und seine verkommene Sippe sein Lebtag nicht mehr ausgeben konnten. Riccobuono hatte sich auf seinen neuen Landsitz in Castellammare di Golfo zurückgezogen, wo er sich am Swimming Pool von teuren Huren die Falten aus dem Hodensack lutschen ließ und seine letzten Gehirnzellen dem Kokainrausch opferte. Heroin war eine Sache aber die weiße Dame, das Kokain war die Kaiserin der schnellen Träume.
Liggio hasste diese Art von Emporkömmlingen, die zu schnell satt wurden. Satt und träge im Hirn. Kein Saft mehr in den Eiern und kein Mark in den Knochen. Wenn sie damals in Corleone auch so weich gewesen wären, niemals hätten sie so weit bis nach Palermo marschieren können. Gott hilft nur den Tapferen!, das hatten sie in der Kirche auch immer gesagt.
Die Kalsa und ihre weithin sichtbaren Bauwerke wie dem Foro Italico, dem Palazzo Sammartino, und der Basilica San Francesco D’Assisi war ein historisches Altstadtquartier inmitten von Palermo, dass von allen Mafiafamilien das Begehrteste von allen war. Ohne dass es einen materiellen Grund hatte, war sie von unschätzbarem symbolischen Wert. Wer La Kalsa besaß, der galt als ungekrönter König Siziliens. Schon von Meer her, wenn man den Nebel hinter den Bergen aufsteigen sah, konnte man die mystische Bedeutung erahnen. Die kleinen Fulanos, die Marktdiebe, die jugendlichen Zuhälter und die kleinen Hungerleider sie schauten immer ehrfurchtsvoll zur Kalsa auf.
Liggio hatte niemals vor, die Kalsa einem anderen, als seiner eigenen Familie zu geben. Wer etwas anderes dachte, war entweder betrunken oder ein tollwütiger Hund, der bei der nächsten Gelegenheit über den Haufen geknallt wird.
„Cui paga li grana avanti, mancia pisci fitenti – Wer im Voraus bezahlt, isst stinkenden
Fisch.“, sagte man auf Sizilien und für Liggio war dies ein Wahlspruch geworden.  

Ein Großteil der opulenten Speisen wurde abgeräumt. Dafür neue alkoholische Getränke gebracht. Im Hintergrund hatte sich eine Folkloreguppe niedergelassen, die eine fröhliche Tarantella Siciliana nach der anderen spielte. Alte, längst vergessene Volksweisen, die von den tausenden Arten der Lust sangen, wie man eine Braut im Bett beglückt. Melodien, die vor allem den älteren Gästen Tränen der Rührung hervorlockten.
Nicht so die Jungen, die sich bei der Besprechung ihrer Geschäfte von der übertrieben fröhlichen Musik gestört fühlten. Filippo Marchese fühlte, dass die Zeit gekommen war, um seinen Platz in der Organisation nachhaltig zu festigen. Nachhaltig war ein Begriff, den es im Mafialeben überhaupt nicht gar, zumal das Heroin alles viel schnelllebiger gemacht hatte und sie alle ständig am Rande der Gruft tanzten. Er zündete sich eine Zigarette an und stand auf.
„Don Luciano. Bei allem Respekt, ich möchte Sie bitten, ein Anliegen vorzutragen.“
Seine Stimme war kräftig und fest. Er hatte nicht vor, den dreisten Bagarella-Brüdern das Feld zu überlassen. Ganz bestimmt nicht. Marchese war sich ganz sicher, wo sich sein Platz in der Geschichte seines geliebten Landes befand.
„Nun denn wohlan, junger Freund. Sprich zu uns. Sag uns, was Du zu sagen hast.“ Liggio liebte sich in der Rolle des gönnerhaften Feudalherrschers. Und er war stets bedacht darauf, mehr Großmut und landestypischen Manierismus als andere zu zeigen. Immerhin war er der neue Capo di tutti Capi in spe, wenn seine Exzellenz, Dottore Michele „IL Papa“ Greco eines Tages – Gott sei ihm gnädig – nicht mehr sein sollte. Und dieser Tag sollte gut vorbereitet sein wie eine arrangierte sizilianische Hochzeit.
Filippo Marchese war mit seinen vierundvierzig Jahren alles andere als jung. Nur in der Denkweise der Cosa Nostra war das noch kein standesgemäßes Alter, um eine Cosce oder gar eine Familie zu führen.    
Filippo war sich nicht sicher, doch er meinte, einen der Bagarella-Brüder das Vaterunser auf Sizilianisch herunterbeten zu hören…
   Patri nostru, chi siti 'n celu, sia santificatu lu vostru nomu,
   Vinissi prestu lu vostru regnu, sempri sia fatta la vostra divina vuluntati
   Comu 'n celu accussì 'n terra...
Das war infam. Ein Abgesang auf seine Person, noch bevor er überhaupt angefangen hatte.
„Werte Gäste, liebe Freunde. Wir sind einen harten Weg zusammen gegangen und fangen
jetzt so langsam an, die Früchte unserer mühsamen Arbeit zu ernten.“ Das war purer Hohn. Die Arbeit eines mit Corleone assoziierten Mafiosi beschränkte sich lediglich daran, mit aller Macht die eigenen Geschäfte auszubauen und dabei alle Konkurrenten mit Stumpf und Stiel auzurotten. Doch die illustren Herren in der Trattoria Don Ciccio sah das ganz offensichtlich anders.
„Wir ihr alle wisst, haben wir von der ehrwürdigen Corso-dei-Mille die Hauptlast der
Kämpfe getragen. Wir haben Blut vergossen und auch das eigene floß in Strömen.“ – das
war eine infame Lüge, die Palermitani hatten nicht einmal die Chance gehabt, sich gegen die erbarmungslosen Schläge der Eroberer zu wehren – „der Krieg war lang und er ist noch
nicht zu Ende. Doch ich denke, wir sollten darüber sprechen, was meiner Familie zusteht.
Alles was recht ist, Don Luciano, es ist mehr als gerecht, uns den Platz zuzuweisen, den
wir uns verdient haben. Wir streben nicht nach der Kalsa – nichts für ungut Don Roosario
– nein, doch wir wollen, dass uns die Amici dei Amici einen Teil des „Pizzo“ zahlen,
dafür, dass wir weiter unseren Kopf hinhalten.“
Allgemeines Geraune. Marcheses Worte waren nicht weniger respektlos als die von Riccobuono. Für einen kurzen Moment glaubte Filippo, dass ihn die grausamen Blicke des „Traktors“ und der „Bestie“ durchbohren würde. Wenn sie Dolche gewesen wären, sie hätten seinen Herzbeutel durchschnitten. Er musste keine Angst vor Gott und dem Teufel haben, wohl aber vor den beiden Vollstreckern aus Corleone.
Auf einmal standen seine Brüder Angelo, Salvatore und Giacomo auf. Ihre Augen waren glasig, die brütende Hitze und der viele unkontrollierte Alkohol hatten das Ihre dazu beitgetan, dass die drei noch Jungs im Alter von 16, 17 und 18 vollkommen betrunken waren.
„Ho vinto! Viva Don Luciano! Don Luciano un salute cordiale alla nostra ricompensa eterna!“, riefen sie.
Die drei taugten nichts, das wusste Filippo schon lange. Sie hatten weder das Zeug für einen echten sizilianischen Fulano, der die Huren der Altstadt um ihren Lohn betrügt, nicht einmal eine Katze oder einen Hund konnten sie totschlagen. Es war ihm vollkommen bewusst, dass sie niemals für sich allein werden sorgen können. Für die Familie Marchese eine einzige Belastung. Und es würde für ihn nicht das Geringste bedeuten, alle drei ans Messer zu liefern. Ja, wenn es denn sein musste, dann würde er ihnen die Absolution abnehmen und eigenhändig ihre Kehlen langsam und unaufhaltsam mit der Garotte zuschnüren…

12Wie es weitergeht »




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BeitragVerfasst am: 18.02.2017 11:14    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat



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BeitragVerfasst am: 18.02.2017 11:18    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Eine Geschichte aus dem Zweiten Großen Mafiakrieg (1981-82). Der Siegeszug der Corleonesi ist unaufhaltsam. Die alte Cosa Nostra und ihre traditiionellen Gesetze gehen unter, die "Jungen Wilden", die mit dem Heroin eine schnelle Lira machen wollen und dabei buchstäblich über Leichen gehen.

Gar nicht mal so leicht. Ohne jemals selbst in Palermo/Sicilia gewesen zu sein und dabei weder Italienisch noch einen sizilianischen Dialekt zu beherrschen. Es ist eine ganz spezielle Welt inmitten einer archaischen Welt des sizilianischen Ständesystems. Vielleicht zu viele Klischées dabei, was denkt Ihr?


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BeitragVerfasst am: 18.02.2017 11:38    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Natürlich bestimmte Klischées sind dabei.
Sizilianer als die besten Lügner der Welt, welche die tausend Grimassen der Lügenmimik beherrschen und Sizilien noch in den 1980er Jahren als vollkommen unterentwickeltes Agrarland in den Fängen eines mittelalterlichen Feudalsystems. Bitterste Armut und wer kann wandert in die USA oder nach Westdeutschland aus.
Und die Figur des „Fulano“. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob das der richtige Ausdruck ist.
Der kleine Junge mit den kahlgeschorenen Haaren, der jeden Tag in der Altstadt von Palermo (meinetwegen auch Bagheria) mit allen Mitteln ums Überleben kämpft. Ein Straßenkind, das auch kein Problem damit hat, Erwachsene umzulegen, wenn es denn sein muss

https://www.youtube.com/watch?v=hjbNTBrOFkU


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BeitragVerfasst am: 18.02.2017 11:44    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ja, Filippo Marchese und „Scarpuzzedda“ Giuseppe „Pino“ Greco hatte es tatsächlich gegeben. Der Sommer 1982 muss für die sizilianische Hauptstadt besonders schlimm gewesen sein. Wer des Italienischen mächtig ist:
http://casteldacciapuntodoc.blogspot.de/2014/07/estate-1982-triangolo-della-morte.html
Estate 1982. Triangolo della morte Bagheria - Casteldaccia - Altavilla - Il dossier


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d.frank
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BeitragVerfasst am: 18.02.2017 13:26    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Bernd,

du bist aber ungeduldig! lol2
Eins vorweg: Dass dein Text noch keine Kommentare hat, muss nicht an fehlender Qualität liegen! Hol deinen Kopf also wieder raus aus dem Sand. wink
Ich habe vorerst nur kurz reingelesen (die vielen italienischen Orts- und sonstigen Bezeichnungen gleich zu Anfang bringen einen ganz schön raus, sie wecken keine Atmosphäre und kein Verstehen, sondern verwirren nur. Das Fischaroma habe ich dafür umso stärker riechen können wink ) und habe ein deutliches Talent zum Erzählen gesehen.
Du hast einen sehr langen Text in einer nervigen hellblauen Farbe eingestellt, die irgendwie durchscheinend wirkt auf diesem blassblauen Grund. Dazu dieses aufdringliche, italienische Flair, die vielen Eigennamen, das schreckt ab! Ich lese das bei Lust und Gelegenheit trotzdem zu Ende, denn viele Sätze in diesem Wust aus Castellamare, knatternden Scippos,  Ciaculli-Familien und uomi di onore gefielen mir. smile

Grüße
diana
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BerndHH
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BeitragVerfasst am: 18.02.2017 14:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Diana,

Danke für Deinen Kommentar!
Du weißt, Italien ist die ewige Sehnsucht der Deutschen, welche die Phantasie auf Wanderschaft bringen...
Und Sicilia vielleicht ganz besonders...
Es ist schwer von einer Welt zu schreiben, die man nicht kennt. Ich denke, vermutlich sogar für Italiener aus Roma oder Firenze. Wenn Sizilianer sich mit typischer Gestik in einem ihrer Dialekte unterhalten, dann werden auch sie nur die Hälfte verstehen... Nur so haben sie ja schließlich auch die vielen Jahrhunderte der Fremdherrschaft überdauert, indem sie halt eine ganz eigene Welt mit ihren ganz eigenen Gesetzen schufen, die uns heute so fremdartig erscheinen.


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Matthias Jecker
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BeitragVerfasst am: 18.02.2017 16:00    Titel: Antworten mit Zitat

Als erstes machte mich der Fehler im Titel neugierig. Da stellte sich sofort die Frage: Muss ich meiner Korrekturleidenschaft wirklich nachgeben?

Nun, ich war also neugierig. Aber dann sah ich die vielen Anmerkungen vom Autor höchstpersönlich, und da hat sich meine Leselust gleich sehr vermindert.
Vielleicht streichst du mal den ganzen Rattenschwanz und lässt den Text für sich sprechen?

Schaut man drüber hinweg und beginnt unbefangen zu lesen, ergibt sich gleich wieder ein Problem:
Wo lernt man Sätze schreiben wie den Untenstehenden? (Er klingt wie aus einem schlechten Schreibseminar, er bringt uns in einem Aufwasch ganz verschiedene Informationen, die jede für sich später eine Rolle spielen mögen, aber jetzt nur sagen: Stopp! Hier geht es um nichts als um langweilige Geburtstage und Fremdenführer-Sermone.)

"Der etwa dreißig Jahre alte Mann lehnte lässig an einem Mauervorsprung der Piazza Sant‘ Erasmo, einem verfallenen Viertel des alten Hafens der sizilianischen Hauptstadt." (Nebenbei: Haben Viertel Mauervorsprünge? Kann man an Vierteln lehnen?)

Und dann kam als letzter Hammer auf Lesers Kopf:
Es geht um "die Gischt des Tyrrhenischen Meers"! Wow! Nicht weniger als das?
dann war Ende.

MJ
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BerndHH
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BeitragVerfasst am: 19.02.2017 05:44    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Erratum: es muss natürlich Furbo und nicht Fulano heißen. Der Furbo - das sizilianische Schlitzohr.

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BerndHH
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BeitragVerfasst am: 22.02.2017 05:30    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Parte Secondo II

                                                       Palermo, Dienstag der 13. Juli 1982
                                                        U Fistino, Festino di Santa Rosalia

Ein neuer Tag dämmerte hinter den Bergen und ein bleischwerer Himmel versprach einen neuen Hitzerekord. Hin und wieder war Krähen von Hähnen zu vernehmen. Die Stadt erwachte aus einem unruhigen Schlaf. Allmählich belebten sich die Straßen wieder. Ein hagerer Mann mit einer adlerförmigen Nase und schlotteriger, schlecht sitzender Cordhose schloss das Tor seines Schuppens zu und blies Zigarettenrauch in die abgasverhangene Luft hinein. Ein krampfartiger Hustenanfall überfiel ihn und brachte seine teerverkleisterten Lungen zum ächzen. Es war nicht besonders klug, an einer der befahrensten Straßen der Stadt, den ganzen Tag Autoabgase einzuatmen und darüber hinaus auch noch seinen Bronchien permanent durch tief inhalierten Zigarettenrauch den Rest zu geben.
Wissen Sie eigentlich, woran Sie einen „uomo di onore“ mit ziemlicher Sicherheit erkennen? Sie sind allesamt notorische Kettenraucher und wenn sie nicht eines gewalttätigen Todes sterben, dann gehen sie elendig an Lungenkrebs zugrunde.
Dieser hier gehörte keiner der Familien an. Er hatte damit nicht das Geringste zu tun. Sein Name war Antonio Militello und er hob sich von den vielen anderen Habenichtsen ab, die mit unruhigen Augen und schlurfendem Gang durch die müllübersäten Straßen streiften. Quannu lu poviru veni a beni, nun c’è terra chi lu teni – wenn ein armer Mann glücklich wird, dann kann ihn nichts auf der Erde aufhalten. Denn immerhin besaß er eine kleine ölverschmierte Autowerkstatt hier ganz in der Nähe der Piazza Scaffa, einem der ärmsten Gegenden der Stadt. Zwar hatte er nicht viel zum leben, und schon gar nicht um einen auf „dicke Hose“ zu machen, aber immerhin kam er so gerade eben über die Runden und musste daher keine Diebstähle begehen, den Zuhälter für die kleinen und billig angemalten Nutten machen oder gar seinen eigenen knöchernen sizilianischen Arsch verkaufen.
Heute Morgen war er mit seinem kleinen Neffen Tonino an der Brücke Corso-dei-Mille im Flüsschen Oreto angeln gewesen. Der Oreto war in Teilen, insbesondere nördlich der Brücke bis zur Mündung an der Cala di Sant‘Erasmo wohl einer der schmutzigsten Flüsse Europas – es war unglaublich, was die Einwohner Palermos alles hineinwarfen. Es ging das hässliche Gerücht um, die Anwohner schissen nicht nur nach Herzenslust in das häufig reißende und braune Hochwasser hinein, sondern entsorgten dort ganze Chemiefabriken samt der alten klapperigen Nonna, die der Familie zur Last geworden war. All das ging der Stadt natürlich am Arsch vorbei. Sie lebten in ihren vornehmen Palazzos am Meer und das Schicksal des einfachen Volkes war nicht von Interesse.
Die Stelle am Corso-dei-Mille war gut gewählt. Hier mündete ein kleiner klarer Bach, der selbst noch im Hochsommer, wenn die meisten Gewässer der Insel umkippten, noch kühles und sauerstoffreiches Wasser führte. Hier stand viel Gebüsch am Ufer, Maulbeerbäume lieferten Schatten und das viele Treibholz bot den Karpfen einen hervorragenden Unterstand. Der Onkel und sein Neffe fischten nach Palermitaner Art mit Bambusruten und Polentateig am Haken. Fetten, goldgelben Maisteig, direkt aus der Mühle kommend, mit kleinen Sesamsamen garniert, der die Fische verrückt machte. Der kleine Tonino stellte sich gar nicht mal so doof an. Schon nach anderthalb Stunden zappelte der erste Flusskarpfen im Kescher. Ein herrlich gefärbter Bursche mit blutroten Bauchflossen und goldglitzernden Flanken, die in der Sommersonne blinkten. Die beiden schnalzten mit der Zunge. Tante Mafalda würde aus ihm herrliche Fischfilets machen. Es blieb nicht bei dem einen. Drei weitere folgten und dann war auf einmal der Schwarm Meeräschen da. Es waren großköpfige Meeräschen, stromlinienförmige Silberblitze, die in mittelgroßen Schwärmen von etwa fünfzig Fischen den Oreto bis zum ersten Wehr emporschwammen.
„Cefali! Cefali!“, schrie der kleine Tonino aufgeregt. Das Jagdfieber hatte ihn gepackt.
Dann ging es auf einmal Biss auf Biss. Die Meeräschen, die unten im Hafen so übervorsichtig waren und sich meist erst in den Abendstunden an den Köder trauten, schnappten derart heftig nach der Polenta, als ob es kein Morgen gäbe.   
Bevor sie den Angeltag beendeten, die Sonne brannte bereits unbarmherzig hinunter, zündete sich Antonio die letzte Zigarette aus der eingedrückten und ölverschmierten Schachtel an, gähnte und blickte nachdenklich auf die hupenden Autos an der Piazza.
Es war eine Nacht gewesen, die er ganz schnell wieder vergessen wollte. Gestern hatte er den späten Nachmittag im Pferdestall verbracht. Nur fünfzig Meter von der Piazza und der viel befahrenen Via Brancaccio entfernt. Der Pferdestall, das war eine der grob gezimmerten Holzhütten mitten im Cortile Macello, dem illegalen „Schlachthof“ von Brancaccio. Hier kam das unters Beil, was der Veterinär nicht zu sehen bekommen durfte. Er gehörte seinem Onkel Gétulio aus Catania und Antonio hatte die Aufgabe bekommen, dort immer wieder mal nach dem Rechten zu sehen. Vor allem in einer Gegend, von denen irgendjemand mal behauptet hatte, sie gehöre zu den gefährlichsten und unsichersten in der ganzen Welt. Aber das war ja schließlich Ansichtssache. Antonio hatte hier sein ganzes Leben verbracht und es käme ihn niemals in den Sinn, jemals an einem anderen Ort als Corso-dei-Mille zu verbringen. Es spielte dabei überhaupt keine Rolle, was die anderen Leute sagten, für ihn jedenfalls lag hier und nur hier das Salz der Erde. Aber wenn Zio Gétulio der Meinung war, man müsse seinen Besitz vor all den vielen Furbos schützen, die sich hier herumtrieben, dann machte er das und fragte nicht weiter nach.
Die Jungs zogen dort irgendein Ding ab. Schiebereien mit schwarzgeschlachtetem Pferdefleisch oder so etwas. Sogar von geschlachteten Eseln war die Rede. Doch es war ihm vollkommen egal. Denn er war nun mal Sizilianer mit Herz und Verstand und hatte schon früh lernen müssen, dass die Dinge anderer Leute nicht seine Angelegenheiten waren. É basta!
Gegen 19:00 Uhr kam ein gewisser Freddo, ein abgerissener Landarbeiter mit einer derart schwarzgebrannten Haut, so er von allen nur „U Negro“ genannt wurde, und sagte ihm mit einer Art geheimnisvollem Nachdruck, dass heute Nacht bestimmte Dinge passieren würden. Bestimmte Dinge, von denen niemand wissen durfte, dass sie getan werden mussten. Er solle sich also bis zum Morgengrauen vom Pferdestall fernhalten oder es würde seiner Gesundheit abträglich sein. Eine unverhohlene Drohung, die hier in der Gegend jeder auf Anhieb verstand. Freddo verzog dabei sein schiefes Gesicht, als ob er unter einem eitrigen Backenzahn leiden würde. Er spuckte dabei die ganze Zeit auf den Boden, drückte Antonio ein Bündel Lira-Scheine in die Hand und schlich wieder von dannen.
Sie hatten den besten Moment abgepasst. Der Stall war voll mit Leuten aus der Corso-dei-Mille-Familie. Unangenehme Typen, alles kettenrauche Wandalen mit einem Benehmen wie die wilden Tiere. Sie zeigten es zwar nicht offen, doch alle wussten, dass sie unter ihren verschwitzten Muscle-Shirts Pistolenholster trugen.
An die weiteren Ereignisse wollte sich Antonio nicht mehr mit Bestimmtheit erinnern. Es fielen Schüsse. Viele Schüsse. So viele wie damals, als die Amerikaner Sizilien stürmten. Und am Ende lagen acht Männer im Stroh des Pferdestalls. Una strage, ein Massaker, aber mittlerweile schon ein Ereignis, was hier auf Sizilien niemanden mehr kümmerte. Sie waren an diese Scheiße gewöhnt. Die sizilianische Vesper, das Weihnachtsmassaker von Bagheria vom letzten Jahr… es interessierte einfach keine Sau mehr. Solange diese Bastardi sich gegenseitig umlegten, war alles gut. Selbst die Frauen hatten aufgehört, all den Idioten, die im eigenen Blut mit dem Kopf nach unten auf der Straße lagen, noch sinnlos Tränen hinterherzuweinen. Es war etwas, was getan werden musste.
Die Carabinieri wurden erst im Morgengrauen benachrichtigt. Diese machten ihren Bericht über die „otto cadaveri“, schüttelten den Kopf über die Sauerei, die da herumlag und ließen anschließend die Notärzte, beziehungsweise die Bestatter ihre Arbeit machen.
Antonio Millito hatte den Vorfall fast auch schon wieder vergessen, nur die vielen Schüsse spukten noch in seinem Kopf herum.
Es ging ihm mächtig gegen den Strich, dass die Gegend um die berüchtigte Piazza Scaffa von vielen immer abfällig nur als die „Bronx von Palermo“ bezeichnet wurde. Als ob hier jeder Einwohner von Natur aus ein Mörder oder kaltblütiger Totschläger sei und nichts Besseres zu tun hätte, als am laufenden Meter Menschen abzuknallen. Dass die Leute hier jeden Tag mit allen Mitteln um ihr Überleben kämpften, das sahen die hohen Herren da unten in ihren vornehmen Rauchsalons bei einer Zigarre mit einer guten Tasse Expresso  natürlich nicht. Er hatte so viele junge Mädchen gesehen, unschuldige Mädchen, die nicht einmal Schuhe trugen und am Ende alle den gleichen Weg gehen mussten. Hübsche Dinger, die meist kein Geld für die Schule hatten, oft hungrig ins Bett gingen und ihr Lebensunterhalt dadurch verdienten, dass sie stinkenden LKW-Fahrern auf dem Corso für ein paar Lira einen bliesen. Jemand, der hier aufwuchs hatte keine andere Chance, als seinen Körper zu verkaufen oder einen Revolver in die Hand zu nehmen und auf seine Art für Gerechtigkeit zu sorgen.

Punkt 12:00 saßen Antonio und sein Neffe Tonino am Mittagstisch von Dona Mafalda und aßen gebratenen Fisch, bis sie beinahe platzten. Antonio hatte dazu so viel Rotwein getrunken, dass sein Gesicht kirschrot geworden war und die Adern auf der Stirn eine beängstigende Dicke angenommen hatten. Dona Mafalda war eine gebürtige Napolitanerin, Eine unglückliche Heirat hatte sie auf die Insel verschlagen. Ihre kleine Wohnung war zugestellt mit typisch Napolitaner Kitsch wie Nippesvasen und scheußlich angemalten Puppen, auf dem Sofa drappiert. Der Fernseher zeigte in undeutlichen Bildern, wie der Coyote und der Roadrunner sich mit einer ermüdenden Hartnäckigkeit gegenseitig bekriegten. Dona Mafalda, der jeder Anflug von Müßiggang ein Gräuel für jeden zivilisierten Menschen und darüber hinaus noch ein Frevel gegen Gottes Wort waren, klatschte energisch in die Hände. Sie mussten sich beeilen, um sich fein zu machen, denn heute war schließlich U Fistino. Ein Fest zu Ehren der Stadtheiligen von Palermo, Santa Rosalia, welche damals die Pestilenz besiegte. Sie genoss heute ihren Ehrentag, den man gebührend zelebrieren wollte. Die ganze Stadt wird auf den Beinen sein, alle vier Mandamenti, die Reichen, die Schönen und die Armen. Das Gute gegen das Böse und den Tod. Damals siegte das Gute und alle Palermitaner beteten inständig, dass es wieder so kommen möge. All der Zwist, all der Streit, all das sollte für heute vergessen sein. Tutta la Cittá per un Giorno é unitá!, war das Motto der Prozession, an der niemand fehlen durfte.

Es war noch heißer geworden und es fehlte nicht viel und der Asphalt wäre geschmolzen. Die Hände der Corleonesi waren müde und kraftlos geworden vom vielen Töten. Sie hatten so unendlich viel Leid und Schmerz über diese Stadt gebracht, dass die Hölle gar nicht heiß genug war, um dort ihre schwarzen Seelen für alle Ewigkeit zu braten. Antonio wusste, dass auch sie eines Tages dran waren. Der Herrgott würde das niemals vergeben, was sie ihnen allen angetan hatten. Dass sie Blut auf ein Heiligenbildchen oder ein Abbild der Heiligen Mutter Gottes tropfen ließen, um es anschließend zu verbrennen, würde ihnen am Ende auch nichts nützen. Am Ende kommt für uns sowieso alle der Tag des Jüngsten Gerichtes, der Tag der Abrechnung und dann werden wir sehen, wer für was auch immer bezahlen wird.
Heute wird die ganze Nacht kristallklar in Rot und strahlendem Blau erleuchtet sein. Ihr zu Ehren. La Santuzza. Und Palermo wird sein schönstes Gewand tragen. Die Menschen werden lachen und sich lieben. Und vielleicht wird alles, nicht alles, vergessen sein. Antonio und sein Neffe hatten sich für die heutige Prozession sonntagsfein gemacht. Noch ein letzter Kuss von Tante Mafalda. Kaum waren sie auf der Straße angelangt, raste ein Fiat mit quietschenden Reifen auf sie zu. Zwei kräftige Männer packten Antonio, drückten seinen Kopf nach unten und zerrten ihn in den Wagen…

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BerndHH
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BeitragVerfasst am: 22.02.2017 05:31    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat




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BeitragVerfasst am: 22.02.2017 05:33    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Palermo der 1980er Jahre bietet eine ungemein kraftvolle Kulisse für eine hochdramatische Erzählungen aber ich glaube mit den rot markierten Sätzen habe ich mir selbst ins Bein geschossen.

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