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Zerstörung


 
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Christof Lais Sperl
Geschlecht:männlichHobbyautor

Alter: 57
Beiträge: 376
Wohnort: Hangover
Der silberne Roboter


BeitragVerfasst am: 27.12.2016 15:04    Titel: Zerstörung eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Ich schreibe an einer längeren Geschichte, vielleicht wird es ein Buch. Was haltet ihr von diere Geschichte? Packt sie euch? Oder ist sie langweilig?

Rund zehn Kapitel sind noch geplant. Den folgenden Text habe ich in den letzten rauschhaften drei Tagen geschrieben. Alle Personen und namen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten (...) wären rein zufällig. Aber Achtung! Es wird lang...
Zerstörung

1
Eins, zwei, drei, blond, schwarz, rot, die jungen Frauen passten nicht ins Viertel. Kleidungsstil, lautes, von weitem schon deutlich zu vernehmendes und aufgeregtes Gekicher, das Hervorziehen eines Zettels, der wieder und wieder, Hausnummern abgleichend, betrachtet wurde, das grelle Make-up, die hohen Stiefel in der sommerlichen Hitze, die gemeinsame Flasche Asti, die Handtaschen in schrillen Farben und kurzen Wildlederröcke mit den langen Fransen, all das deutete auf Fremdes hin, vielleicht gar auf eine längere Anreise mit der Straßenbahn. Noch ehe der junge, vor dem Gartentor stehende Mann grüßen konnte, hatte ihn die Schwarzhaarige, er würde für sie nun offensichtlich Ey heißen, gefragt, ob „hier der Atze“ wohne. Kannte er den? Einen Andreas, Achim oder Matthias, zu deren Vornamen diese Abwandlung passte, kannte der junge Kerl nicht. Meinte sie etwa den sonderbaren Typen aus der Nebenstraße? Den Axel Irgendwas? Er kannte jeden aus dem Stadtteil, und hoffte, als er sich die drei genauer besehen hatte, selbst das Ziel einer Namensverwechslung zu sein.

„Der Atze hat uns bestellt! Soll hier irgendwo wohnen. Da steht’s doch, ey: Atze. Güntersloh 10“

Die Güntersloh kannte er, und führte die drei durch die restlichen hundert Meter Sommerhitze.
Bickel, den gutmütigen und rundköpfigen Riesen, der Menschen mied, und seinem Vater schon in jungen Jahren wie ein Zwilling glich, hatte er ganz vergessen. Der stand erwartungsvoll auf dem Balkon, rauchte, und betrachtete die  Mädchengruppe, die sich ein paar Schritte von ihrem Führer entfernt hatte. Zahltag. Erster August. Sturmfrei. Die Schwarzhaarige trat durch den offen stehenden Eingang und warf ihm grußlos die Tür vor der Nase zu, was auch zur Enttäuschung des jungen Bickel geschehen war, der im Helfergesicht gern noch den Neid des Zukurzgekommenen abgelesen hätte. Allein, im Anblick der kommenden Vergnügungen sollte dies sehr schnell vergessen sein. Und erzählen könnte er alles auch noch später.

 


















 


2
Das Leben ist überraschend kurz. Mancher verlässt die Bildungsstätten nie. Kaum ist die Grundschule betreten, steckt schon das Abitur in der Tasche. Und wird man nicht eingezogen, beginnt ein Studium. Abendroth hatte gut geplant. Das Lehramt war sicher und vorhersehbar.

Entwicklungsmöglichkeiten bot es keine, das Gehalt war durchschnittlich, doch man konnte als Alleinstehender gut davon leben. Zum Schulleiter hatte er keine Ambitionen, vielleicht könnte er einmal Fachleiter werden oder ein paar Sonderaufgaben bekommen, die auch von zu Hause aus zu erledigen waren. Er hatte Sport und Bio gewählt, bewegte sich, obwohl er ein wenig füllig war, gern, war geschickt, konnte gut auswendig lernen, wollte aber nicht allzu viel Korrekturarbeit haben, um sich seiner umfangreichen Lektüre widmen zu können. Jemandem gutes Deutsch beizubringen, sah er als unmöglich. Er würde also keine Hauptfächer unterrichten, und die undankbare Funktion des Klassenlehrers würde ihm erspart bleiben. Er hatte das Studium schnell mit hervorragendem Abschluss beendet (es hatte ihn kaum gefordert), hatte Praktika absolviert, und sein Referendariat genau an der Schule angetreten, die ihm selbst zuvor zum Abitur verholfen hatte. Ein paar seiner ehemaligen Lehrer waren noch da, es hatte sich kaum etwas verändert. Die Böden rochen immer noch nach Bohnerwachs, die Umkleide nach süßem Schweiß, und im Sekretariat standen nach wie vor die schweren, grauen Wählscheibentelefone, die anderswo schon für einiges Geld im Antiquitätenhandel angeboten wurden. Er suchte sich einen Platz im Lehrerzimmer, von dem aus er links die Schließfächer sehen, und rechts den hellen Blick aus den Fenstern zum Schulhof und den Bäumen genießen konnte. Im Referendariat würden sie ihn ein wenig quälen; oft sind die Ausbilder an den Seminaren ehemalige Lehrkräfte, die im Schulalltag gescheitert waren, zu Alkoholikern, psychisch Kranken, Medikamentenabhängigen, und im allgemeinen Umgang oft unerträglichen und bitteren Charakteren geworden, die man nach langen Jahren als „Wanderpokale“, wie sich der alte Scholz gern ausdrückte, an den Schulen nicht weiter dulden und nicht mehr auf Schüler und Eltern loslassen konnte. Sie kleideten sich wie Zwölfjährige, hatten die Fünfzig aber schon vor langer Zeit überschritten, und sollten Abendroth beibringen, was sie selbst nicht beherrschten, beurteilen, was sie selbst nicht leisten konnten. Von denen gab es viel mehr, als er zu Anbeginn befürchtet, und von den Altsemestern verstohlen gemunkelt wurde. Ausbilder rächten sich gern an denjenigen, die alles besser konnten als sie selbst. Zwar hatte Abendroth alles mitgebracht, was ihn zu einem guten Lehrer machen würde: Er war begeistert von seinen Fächern, liebte die Kinder und nahm sich ihrer Probleme an. Und doch sollten sie ihm das Leben zweier Jahre zur Hölle machen.

















3
Bickel hatte den Ausklang des Wochenendes genossen. Nun war er wieder allein, wie so oft. Als fleischiger, unförmiger Klops hatte er bei Mädchen keinen Schlag. Er begriff nicht, wieso Leute, die er für wesentlich dümmer und talentloser hielt, viel mehr abschleppen konnten als er selbst. Schließlich besaß er einen Job, dann stand unten die Fünfziger. Und in einem Jahr würde er den Hunderter vom Alten geschenkt bekommen, der als Zweitwagen, schon tiefer gelegt, in der Garage breit bereit stand.  Doch ihm, der die Frauen liebte, fielen nie die richtigen Sprüche ein, die sie zum Lachen bringen konnten. Er war Praktiker. Fahrer. Bastler. Einer, dem alles gelang, was mit Geschick zu tun hatte. Er konnte die Fünfziger über den Hügel am Friedhof jagen, auf der Landstraße abheben, in die Wegmannstraße hineinfliegen, und dort sicher landen. Was kaputt war, reparierte er. Reden gehörte nicht zu seinen Talenten, er ging nur unregelmäßig aus, niemand wollte sich mit ihm sehen lassen, und unter der Woche trank er mit seinem Vater abends Bier. Sie sahen fern.

Die Mutter war vor schon langer Zeit gestorben. Bickel wollte für Liebe nicht mehr zahlen. So üppig hatt er es nicht. Freitags und samstags ging er in die Kneipen der Innenstadt Mädchen gucken. Im Vorderen Westen war es voll und gemütlich. Der einzige Stadtteil, der im Krieg nicht zerstört worden war, bot Jugendstilfassaden und zahlreiche Kneipen, in denen man es sich günstig gut gehen lassen konnte. Im Sommer standen die Leute mit ihren Kirsch-Batida- und Altbierbowle-Gläsern bis hinaus auf die Straßen. Bickel blieb meist im Innenbereich, rauchte, holte sich ein paar Broschüren, wie Flyer damals hießen, und las sich die Programme durch. Jeden Monat kam ein neuer, fotokopierter Info-Tipp. Er bot das Kinoprogramm, ein paar Bilder, Artikelchen, Konzerte, Werbung für Hi-Fi-Studios, Buchhandlungen, alternative Frisörsalons, die Hairport, Frisurladen oder sonst wie hießen, Platten- und Jeansgeschäfte. Im letzten Heftteil standen chiffrierte Kontaktanzeigen: Er sucht Sie. Diese Rubrik nahm Bickel durch, um sich über die Eigenschaften und Sprüche der Mitbewerber zu informieren. Danach aber las er mit größter Langsamkeit und auf einige Biergläser den letzten Teil. Bickel kreuzte angestrengt an, die Zunge im Mundwinkel.

























4
Der Frauenbuchladen in der Reginastraße ist für Männer verboten. Es gibt Tee und Kaffee. Bücher von Frauen für Frauen, Kuchen mit Namen Herrmann, die ewiggleichen Postillen in Kleinschreibung und dem Charme nachlässig hektographierter Arbeitsblätter. Dagmar und Corinna sitzen oft im Laden. Er ist ein Refugium, das sie vor der bösen Welt draußen schützt. Sie fühlen sich wohl. Treffen auf Gleichgesinnte. Sie trinken eine Tasse Tee, holen sich eine Zeitschrift, auch die dümmliche Lokalzeitung und der Info-Tip liegen aus. Die jungen Frauen gehen im Sommer in der Goetheanlage spazieren, im Winter in ihre Wohnung. Das Leben läuft so vor sich hin und geht seinen gemächlichen Achtzigergang, ein paar Jahre bevor die große Gejagtheit einsetzt, in der unablässige und unmittelbare Kommunikation all die Zeit aus den kurzen Leben stehlen.
Dagmar und Corinna leben zusammen. Nicht, dass sie ein Paar wären, sie harmonieren einfach so. Sind Freundinnen und beziehungslos. Nachts sprühen sie heimlich Parolen an die Wände, in denen Zitate von Deter oder  Schmähungen des Westernhagen vorkommen, ganz wie auf den Stickern, die im Buchladen angeboten werden. Sie besitzen einen Ami 6, der meistens kaputt ist, und sich dann regungslos in seiner französischen Blechigkeit am Bürgersteig kauert. Manchmal kommt Wolle von oben, gibt Tipps und Starthilfe. Wolle meint, man sollte die Karre aus den „Schrott schmeißen“, doch Dagmar und Corinna hängen an ihr. Sie habe eine Seele. Dagmar sieht wie eine jüngere Schwester von Dr. Schneider im Film „Türkisch für Anfänger“, Corinna wie die späte Janis Joplin aus - aber schlechter. Dagmar und Corinna sitzen auf einer Bank in der Goetheanlage. Gestiftet von… Das Schild ist kaputt. Sie haben ihre Wohnung und den Ami 6 im Blick.  Es müsste mal wieder was passieren, ist der Tenor. Eine richtig gute Aktion. Ein radikaler Knaller. Was ganz Geiles.




























5

Hedwig hatte es bis zur Stufenleiterin und einem eigenen Büro mit Türschild gebracht. Ihr Rufname Hedi hatte zwei Bedeutungsebenen: eine war freundschaftlich entgegenkommend, die andere frech, gemein und spöttisch. Ein paar Leute hatten sich ihr in den Weg gestellt, aber mithilfe von Frauenbeauftragten, juristischem Beistand der Gewerkschaften,  den vielen Sozialdemokraten und der Kirche war sie recht zügig weitergekommen, hatte ihre Bezüge um ein paar Hunderter aufbessern können, war Mitglied der Schulleitung, würde eine bessere Pension erhalten, unterrichtete nur noch wenige Wochenstunden. Es ging ihr gut,  Stufenleiterin und Fachleitung Deutsch, das war gar nicht schlecht für eine, die bisweilen Themen wie „Die Jagt“ und „Japanische Haiku’s“ in die Rubrik für Stundeninhalte im Klassenbuch eingetragen, und auch die Tafeln der Unterrichtsräume mit schlimmen Deutschfehlern versehen hatte. Zur Weihnachtszeit konnte dort auch schon einmal „Advend“ stehen. Man hatte darüber hinweggesehen, um nicht noch mehr Staub aufzuwirbeln, schließlich gab es schon so genug Ärger mit Kindern, Eltern und Kollegen.

In Hedis Wohnung standen nur wenige Bücher, was selbst für eine Deutschlehrerin ungewöhnlich war.  Sie mochte längere Texte nicht und bemerkte gern, dass ihr das Lehrbuch stets vorausginge. Sollte heißen, anderes, als das darin Befindliche wollte sie gar nicht durchnehmen, auch wenn das Soll vor den Sommerferien erfüllt war. Dann unterrichtete sie ein wenig langsamer, oder zeigte Filme. Die Bücher, in denen sie bisweilen blätterte, waren von Byrne, Bredford, Weidner oder Hasselmann, trugen Titel wie „Die Stimme der Herzensseelen“, „Dein Körper sagt, liebe Dich“,  „Handauflegen“, oder „Dein Spiegelpartner“, was weder mit dem alten Rudolf noch mit Jakob zu tun hatte. Sie hatte sich teuer bezahlte Pyramiden gegen kosmische Strahlung in die Wohnung gestellt, schätzte Katzen und Heilsteine, lauschte Schamanenklängen, schwor, außer bei Zahnschmerzen, auf Heilpraktiker, Kügelchen und Bioresonanz. Kurz, Hedi hätte sich allein mit ihrer Inneneinrichtung den Goldenen Aluhut mehr als redlich verdient.

In Hedis Leben hatte es auch Beziehungen gegeben, doch diese Verbindungen waren stets nur von kurzer Dauer gewesen, und auf unerklärliche Weise ins Undefinierbare und Trennende zerflossen. Wie das geschah, war immer wieder neu, und entzog sich jeder Erklärung. Jetzt bereute Hedi dass sie sich in ihren jungen Jahren nicht mehr Mühe gegeben hatte. Nun, da sich die Spuren der Jahre auch in der Seele zeigten, stimmte sie die Einsamkeit oft traurig. Sie verbrachte die meiste Zeit mit ihrer besten Freundin, einer Kollegin, die an einer anderen Bildungsstätte wirkte und mit der sie sich gern im Partnerlook zeigte, wobei sie wie ein paar absurder Zwillinge wirkten, die in ihren Brillenrändern Glotzaugen machten, und  
Sich sonst nur  in der Kleidung glichen.

Hedi hatte sich beim Studium viel Mühe geben müssen, das Lehramtsexamen, auf das sie länger als üblich hingearbeitet, hatte sie zwar nicht alle Kraft gekostet, doch das meiste an den Wissenschaften hatte sie überhaupt nicht interessiert. Sie lernte, was sie lernen musste, und kannte nichts von dem vielen, was darunterlag. Auch in der Schule kratzte man bloß ein wenig an der Oberfläche. Einigen Kollegen reichte das nicht, sie bildeten sich fort, lasen und hatten Stammtische, an denen heiß diskutiert wurde. Hedi aber war nun ganz vom Stolz der Stufenleiterin erfüllt, ein Umstand, der für Außenstehende kaum nachvollziehbar, für  manchen Staatsdiener allerdings von höchster Wichtigkeit war.  

   


6
Blickt man von der Anhöhe vor der Stadthalle die Huttenstraße hinunter, eröffnet sich ein ausgedehntes Panorama. Der Blick streift von ganz allein den weit oben im Park liegenden, mächtigen, das Stadtbild bestimmenden und prägenden Herkules, dann den Goetheanlage genannten, kleinen Park, und die dahinter liegende Häuserzeile, die zwischen Wilhelmshöher Allee und Herkulesstraße hineingedrängt liegt. In deren Mitte liegt die Wohnung von Dagmar und Corinna, die Wolles darüber. Links schließt das Diakonissenhaus die freie Fläche ab. Ein Parkplatz. Kranken- und Leichenwagen. Das Viertel wird überwiegend von Studenten bewohnt. Noch ist der Wohnraum billig. In vielen der Rundbogenfenster stehen Hanfpflanzen. Auf den Scheiben kleben die rotgelbzackigen Nein-Danke-Aufkleber, auch die frechen, mit der kleinen gereckten Faust. Anwaltskanzleien und Praxen mit im Viertel verwurzelten Ärzten reihen sich an  kleine Restaurants und Kneipen, die Blätterteigpizzen, Käse- und Wurstplatten anbieten. Dépêche Mode und all die andern weichen, kehlig klingenden Wavebands haben die Shouter der Altrockgruppen abgelöst, und im ABC-Buchladen liegt allerlei linke Literatur aus, die auch von Männern erworben werden darf. Wer sich in der Kneipe sein Alt holt, kann es im Sommer gleich in die Goetheanlage mitnehmen, in seinen Latzhosen dort herumstehen, und später in der Kneipe Nachschub holen. Man fragt sich, wie diese Szene, der schon längst das Kolorit der Zeit anhaftet, wie all die biertrinkenden, zigarettendrehenden Langhaarigen ganz ohne Handy Abende organisieren können. Vielleicht trifft man nur die, die man eben trifft. Wer nicht dabei ist, wird seine Gründe haben.































7
Abendroth bereitete seinen Unterricht gründlich vor und war jeden Morgen als erster in der Schule. Er konnte nicht zum Vorgong den Haupteingang, zum Stundensignal die Klasse betreten und unmittelbar seine Biologie präsentieren. Er benötigte Vorlaufzeit, ließ sich die zu haltenden Stunden in der Straßenbahn noch einmal durch den Kopf gehen, wägte Schwierigkeiten ab und dachte sich neue Erklärungen aus. Er war verlässlich, blieb auch in angespannten Situationen stets ruhig, konnte sich jederzeit in die Sporthalle oder den Vorbereitungsraum der Biologielehrer zurückziehen, sich neben das menschliche Skelett setzen und dort ungestört letzte Planungen machen. Beim Anblick des Schädels musste Abendroth immer an das selbstvergessene, zahnige Grinsen denken, das die vielen alten Leute in der Straßenbahn zeigten, wenn er nachmittags nach Hause fuhr. Zwar hatte Abendroth nach dem zweiten Staatsexamen seinen Platz im Lehrerzimmer behalten, doch hielt er sich dort nur auf, wenn es unbedingt nötig war. Die Gesellschaft des Skeletts war ihm oft lieber als all das aufgeregte, lärmige Getue und die Fragerei im Lehrerzimmer. Er besaß einen Schulschlüssel, der Zugang zu vielen Räumen bot. Auch alle Physik-, Geographie-, Chemie-, Sport- und Kunstlehrer hatten Rückzugsmöglichkeiten, die allen anderen versagt waren. Nur die Mitglieder der Schulleitung waren mit Schlüsseln ausgestattet, mit denen sich die Türen aller Fachräume öffnen ließen.

Abendroth war scheu und mied den Kontakt zu Gleichaltrigen. Auch vielen Kollegen ging er aus dem Weg und beschränkte den Kontakt auf das wenige, was im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit stand. Doch hatte er im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen die Fähigkeit, mit großer Unbefangenheit auf Kinder und Jugendliche zuzugehen. Sie spürten, dass er sie mochte und vertrauten sich ihm an. Je älter die Mädchen waren, desto mehr kokettierten sie mit ihrer Schönheit, fragten nach seinem Alter, er ließ sie raten, sie nannten ein Alter, das weit unter dem lag, was sich an seine Zügen ablesen ließ. Sie fragten im Unterricht ganz unvermittelt, ob er sie mochte, warum er keine Kinder habe, ob er schon diesen und jenen Film gesehen habe. Und fragte er zurück, ob sie, die Schüler, denn ihn ebenfalls mochten, nickten sie, indem sie die Köpfe sehr langsam, hoben und senkten, was der Bewegung etwas Nachdenkliches verlieh. Zu den Pausenaufsichten, von denen er zwei in der Woche zu führen hatte, begleitete ihn ein Pulk von Kindern.

Abendroth kochte wenig und nutzte zu Hause immer dieselbe Tasse. Küchen- und Abwascharbeit waren ihm ein Graus. Gäste gab es selten, wenn, dann an den Feiertagen, wenn Familienangehörige zu Besuch kamen. Seine Frau war vor langer Zeit gestorben, hin und wieder besuchte ihn seine Tochter, die eine Anstellung im Süden gefunden hatte. In den Jahren hatten sich viele Bücher angesammelt. Er kaufte ständig nach, um immer eine Reserve für schlechte Zeiten zu haben. Im Jahr kamen um die achthundert, manchmal tausend Mark zusammen. Bücher verlieh er nie, und betrat niemals eine Bibliothek. Bände verschenken oder wegwerfen konnte er nicht, es war ihm nicht einmal möglich, selbst das wenige an Schund, dass sich im Lauf der Jahre als Geschenke bei ihm angesammelt hatte, zu entsorgen.
Im Gegenteil, ging es ihm einmal schlecht und er konnte sich auf Anspruchsvolles nicht konzentrieren, waren die trivialen Texte für ihn wie eine Erholung, und er musste oft laut über die dummen Aneinanderreihungen von Adjektiven in den Thrillern lachen, die deren Urheber aus Gründen besseren Zeilenhonorars geschaffen hatten. Da holte niemand Streichhölzer aus dem Mantel, die Päckchen Streichhölzer wurden umständlich aus den Manteltaschen genestelt.
Abendroth träumte davon, einmal selbst einen Band zu veröffentlichen. Doch mit jeder Seite, die er bei seinen Helden las, verließ ihn der Mut, denn er beschäftigte sich mit Meistern wie Barnes und Nabokov.
  
   




8
Bickel hatte den letzten Bus genommen. Er wäre niemals betrunken Moped gefahren und wollte im Hinblick auf den großen Hunderter in der Garage seinen Führerschein nicht riskieren. Nun lief er im trüben Laternenlicht  nach Hause, an der Stadtrandkneipe vorbei, die „internationale Küche“ anbot. Im Licht des Schaukastens mit dem Martini-Logo war zu lesen:



Deutschland - Jägerschnitzel
Italien - Schnitzel mit Tomaten und Mozzarella überbacken
Frankreich – Schnitzel mir Camembert überbacken
Ungarn – Schnitzel mit pikanter Zigeunersauce
Zu allen Schnitzeln reichen wir Pommes Frites und Salat


An Sonntagen aß Bickel mit dem Vater manches Mal ein Deutschland-Schnitzel. Unter der Woche machten sie sich Konserven warm. In den Vorgärten des Viertels wuchsen Blumen aus alten Kloschüsseln und Konstruktionen aus halbierten, grell lackierten Autoreifen. Links lagen die Mietshäuser der Arbeiter. Rechts die Siedlung aus Einfamilienhäusern. Stone, den er noch aus der Grundschule kannte, der nur „mit Akademikerkindern spielen“ durfte, und dessen frömmelnde Eltern sich im Kirchenvorstand mit zusammengebissenen Lippen hervortaten, hatte einmal ein Mädchen aus der Mietshaussiedung nicht mit nach Hause bringen dürfen. Sie war nicht standesgemäß gewesen. Wrong side of the tracks, hat mal einer gesungen. Stone hatte sich darüber mit seinen Eltern  entzweit, und das Haus verlassen. Bickel öffnete leise die Tür, an den Fenstern hatte er abgelesen, dass der Vater schon schlief. Er stieg die Treppe hoch, schaltete das Radio an, ließ sich ins  Sofa sinken und nahm sie noch einmal den Info-Tip vor, in dem er zehn Anzeigen angekreuzt hatte, von denen die Hälfte (eines der Ausschlusskriterien war das Alter) in die engere Wahl kam. Am meisten gefiel ihm die einer C.:

Su. Freund für m. jü.  Schwester D. (25): Genußm., attr., kocht gern, hört progr. Musik, liebt alte Autos, für alle sinnl. Abenteuer u. zum Pferdestehlen zu haben. Schüchtern, daher auf d. Wege. Bei gegens. Gefallen auch längerfr. Bez. mögl. Info-Tip Chiffre VR1278.

Als Bickel schließlich eine Antwort verfasst hatte, die ihm angemessen erschien, war es schon hell geworden. Bickel besah sich sein Schreiben mehrmals. Und steckte es in einen Umschlag, den er schon vor längerer Zeit mit einer Marke zu fünfzig Pfennigen versehen hatte. Er las noch ein wenig in den Kleinanzeigen, die für die Rosenkreuzer, Okasa, einen LP-Versand und elektrische Heizungen warben. Darüber schlief er ein.









9
Sommer macht träge. Alle Fenster sind geöffnet, und der Duft des hellen Javaanse Jongens entweicht nach draußen. Auf der Wiese haben sich ein paar Jugendliche versammelt, die Frisbee, Fußball und Gitarre spielen. Eine Ente keucht asthmatisch vorbei, erstickt den Klang der Gitarre, bremst mit lang gezogenem Heulen und biegt nach irgendwohin ab. Eine Geräuschwolke aus Rollschuhlärm und Mädchengequieke wiegt jetzt vorüber. Und nun nähert sich das regelmäßige Aufheulen der schlecht geölten Fahrradkette des Briefträgers, stoppt, der Ständer schnarrt nach unten, ein paar Sendungen werden eingeworfen, das Fahrrad schleppt sich weiter.

Eigentlich ist Corinna zu faul zum Briefkasten zu gehen. Doch in der Küche quillt der Müll über, sie will auch noch nachsehen, wer in der neuen Woche Treppendienst hat, und so läuft sie barfuss die Holztreppe hinab, bringt den Müll in den Hof und leert den Briefkasten.
Sie überfliegt die Anschriften. Die meisten Sendungen sind für Daggi. Sie legt den kleinen Stapel auf den kleinen Küchentisch, den sie aus einer alten Nähmaschine gebastelt haben, kocht Kaffee und wartet auf ihre Mitbewohnerin, der sie noch am Vortrag aufgetragen hat, vom Wienerwald „einen halben Flieger mit Pommes mitzubringen“. Sie liebt es, sich so auszudrücken.  Sie läßt den Kaffee durchlaufen, legte Carole King auf, die sie nur des freakigen Covers und der Katze wegen gekauft hat. I feel fhe Earth move schwappt durch die Wohnung, oben hört man Wolle und seine Freundin herumkruscheln, schon dreht sich das Türschloss, Daggi tritt ein, die Wienerwald-Tüte in die Höhe haltend, sie essen, trinken Kaffee, Daggi schaut die Post durch und ruft: „Da hat wohl einer angebissen. Info-Tipp, Conny!“
 
 


























10
Eine Stufenleiterin muss originell und ideenreich sein. Es gilt, die Schule nach außen hin zu repräsentieren, Informationsabende für Eltern zu organisieren, sich darzustellen, Abläufe und Prozeduren zu strukturieren, ihnen mit den nötigen Dokumenten eine Richtung geben, und sie abzusichern. Für Hedi aber war die Schule eine bürokratische Institution, die von Lehrkräften Kindern bevölkert wurde, die den Ablauf störten. Klassenfahrten, Sportturniere, Praktika, all diese Dinge brachten sie durcheinander und es kostete sie einiges an Mühe, ihre Termine mit den Kollegen abzustimmen. Wer ihr nach dem Mund redete, war willkommen. Wer aber eine eigene Meinung vertrat und den Ablauf mit Forderungen nach Terminen behinderte, wurde abgebürstet. Hedi hatte, bevor sie aufgestiegen war, ihre Stunden gehalten, wie alle anderen.
Nun aber hatte sie sich bei vielen unbeliebt gemacht. Personen, die sich auf eine höhere Ebene begeben, werden zu Fremdkörpern. Waren das Zwischenmenschliche noch vor Kurzen harm- und gefahrlos, galt es nun, an allen Fronten Claims abzustecken. Hedi eckte immer mehr an. Niemand nahm sie mehr ernst. Nichts lief mehr reibungslos ab. War Hedi noch kurz vorher etwas bescheiden Unaufdringliches gewesen, über das man getrost hinwegsehen konnte, war sie jetzt nur noch eine unnütze Quelle immer neuer Scherereien. Auf Konferenzen wurde getuschelt. Ihr Name wurde hinter vorgehaltener Hand sehr lang gedehnt, und im abfallendem Ton einer Terz ausgesprochen.

Hedi saß den Vormittag in ihrem Büro. Auf die Klingelzeichen folgte regelmäßig das Geschrei der in die Klassen oder Pausenhöfe strömenden Schüler, und das Aufplatschen und Quietschen ihrer Turnschuhe. Sie wartete. Außer Warten gelang ihr nichts, obgleich es noch viel zu tun gab. Wo war Abendroth nur wieder abgeblieben? Sie hatte ihn zum Gespräch einbestellt. Es sollte um die Sportveranstaltungen des nächsten Jahres gehen. Und nun saß sie allein und wartete. Mehrfach klingelte das Telefon, doch sie nahm nicht ab. Wahrscheinlich Mütter. Eine Unverschämtheit, mich hier  sitzen zu lassen, dachte sie. Es ist noch so viel zu tun. Sie holte einen Papphefter aus der Schublade, öffnete ihn und vermerkte auf einer Seite, die schon fast voll geschrieben war:  

9.6.: Warte auf A wg. Gespräch Sportturnier. Mehrf. verschoben,
heute erneut Nichterscheinen des A.  HE, 11:15

Hedi legte die Akte wieder zurück, verschloss die Schublade, nahm sich ihre Tasse und machte sie auf die Suche nach Abendroth. Laut Plan müsste er nach der Pause eine Freistunde haben. Sicherlich war er, wie so oft, im Biologieraum.

Nun betrat Hedi das Vorbereitungszimmer. Obwohl sie wusste, dass es darin grinsen würde, erschrak sie doch immer wieder neu über das unnütze Skelett. Daneben saß Abendroth. Er las irgendetwas, und hatte ihr Eintreten kaum bemerkt. Auf dem Gang hörte man die Stimmen von Erwachsenen und Kindern. Hedi erkannte ihre erste Chance unmittelbar. Etwas aus dem Unbewussten war nach oben gekommen. Sie schrie gellend auf, riss sich die Bluse aus dem Rockbund, die Türklunke knalle an den Stopper, federte zurück, traf sie an der Schulter, Abendroth saß mit offenem Mund vor dem Fenster und blickte in den nun offen stehenden Raum, in den ein paar Kinder und Lehrer hineinglotzten. Hedi verschwand am Ende der Korridors.

Nun was sie im  Lehrerzimmer. Schüttelte den Kopf und schluchzte. Sie erblickte Abendroth, der ihr gefolgt, und im Türrahmen stehen geblieben war, schrie auf, raffte ein paar Sachen zusammen, verließ, sich ab Abendroh vorbeidrängend, das Zimmer, und verschwand. Abendroth blickte fragend in die Runde, niemand sagte etwas, es war, als stünde er als einziger Zuschauer vor einer Bühne. Und dort wurde ein Stück aufgeführt, das er nicht begriff. Es klingelte. Noch zwei Stunden. Dann würde er den Heimweg antreten.

In der Straßenbahn suchte er wie immer ganz hinten einen Platz. Er besaß keine Fahrkarte. Hatte seit zwanzig Jahren keine besessen. Der Schaffner fing immer vorne an. Bis er zu Abendroth durchgekommen wäre, war dieser längst ausgestiegen. Heute war alles anders. Es hab keinen Schaffner. Abendroth war noch immer aufgewühlt und blickte nach vorne in Richtung des Fahrers. Die ihm Zugewandten starrten ihn merkwürdig an. Ein Mann, ihm direkt gegenüber, mit steifen Hut, blickte unverwandt zu ihm hin. Selbst der Fahrer, der mit seinen Brems- und Beschleunigungskurbeln beschäftigt war, schien ihn beständig im Rückspiegel zu fixieren. Ebenso glotzten ein paar Jungen, von denen einer ein altmodisches Jackett mit einer Ziernadel an der Außentasche trug. Mit offenen Mündern zu ihm hin. Abendroth war froh, als er aussteigen konnte.
 
































 




11
Conny und Daggi haben schnell geantwortet. Daggi hat zu sich eingeladen. Wolle hat ihnen noch ein wenig mit dem Schlafzimmerschrank geholfen und gar nicht gefragt, wozu sie das brauchen. Egal, umso weniger musste man sich beim Flunkern anstrengen. Die Gedanken fliegen schon weiter. Jetzt klingelt es und Bickel steht draußen. Wer sonst sollte es sein, außer diesem Bickel? Daggi hat geschrieben. Schöne Mädchenhandschrift. Schöner als Connys Gekrakel. Daggi öffnet. Conny ist verschwunden. Daggi hat was gekocht. Reisgericht. Dieser Bickel mit seinem roten Gesicht und den Blumen sieht so harmlos aus. Daggi stellt die Blumen in ein altes Senfglas mit Henkel. Mal sehen, wie lange das so bleibt, das Harmlose. Bickel langt beim Essen kräftig zu und Daggi hat Amselfelder eingeschenkt. Nun sind sie satt, sitzen am Nähmaschinentisch und reden. Das Gespräch kommt nicht so richtig in Fahrt. Offensichtlich interessiert Bickel sich nur für Dinge, von denen Daggi keine Ahnung hat. Und umgekehrt. Egal. Daggi flirtet gut. Berührt seine Hand. Sie scheint Bickel sehr zu gefallen. Daggi hat überall Kerzen angezündet. Gemütlichkeit und Räucherstäbchenromantik. Im Flur an der Wand hängt ein Schild: Männern Zutritt verboten. Nur ein Witz, sagt Daggi, die sich nun, von Bickel gefolgt, ins mit weichgezeichneten Hamilton-Fotos drapierte Schlafzimmer begibt, sich aufs Bett setzt und Bickel, der davor steht, Hüften und Schenkel streichelt. Schon steht Bickel da in seiner männlichen Herrlichkeit aus Bauch, Feinrippunterhemd, die Briten würden es Wife Beater nennen, und einer farblich darauf abgestimmten, lächerlichen Unterhose, ebenfalls Feinripp, in der sich der erwartungsvolle Penis deutlich abzeichnet. Daggi bittet Bickel, sich mal umzudrehen, sich wolle sich mal seinen Hintern betrachten. Er dreht sich, Daggi nun fast nackt, hat sich das dünne Jäckchen heruntergerissen, sitzt auf dem Bett und blickt, wie Bickel zum Schlafzimmerschrank, in dessen Tür ein Loch mit einem Durchmesser von fünf bis sechs Zentimetern ausgesägt ist, und aus dem nun Auslösegeräusche dringen. Es öffnet sich die Tür, Daggi zeigt triumphierend auf Bickel, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Eine Beute ist er. Aus dem Schrank tritt Conny, macht weiter Bilder von Bickel, der breitbeinig in seinen blöden Unterhosen vor der nackten Daggi steht, die immer noch auf ihn zeigt. Nun rafft er seine Sachen zusammen, tritt die Flucht an, rennt mit dem Helm in der Hand und den Klamotten ins Treppenhaus. Conny und Daggi beglückwünschen sich, ganz aufgekratzt, ein guter Abend. Draußen knattert die Fünfziger davon.



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Lais
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Insane
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BeitragVerfasst am: 27.12.2016 20:39    Titel: Antworten mit Zitat

Nach dem zweiten Satz wollte ich aufhoeren, doch der zweite Satz fand kein Ende. Ich fuehle mich als wuerde ich ihn immer noch lesen. Ernstahft, viele deiner Saetze sind brutal lange. Ich habe die ersten drei Kapitel gelesen und habe leider gar keinen Dunst um was es geht (Kann ja auch an mir liegen, nicht an deinem Schreibstil).
Von daher kann ich dir nicht sagen ob es langweilig ist. Ich dachte mir aber ab und an: Ein Absatz wuerde hier helfen, um es dem Leser einfacher zu gestalten.
Packt mich die Geschichte? Ne! Aber ich lese noch Kapitel 4 sowie 5 und werde sogar editieren wenn ich hier einfach zu frueh losgefeuert habe.


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Rodge
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BeitragVerfasst am: 28.12.2016 07:58    Titel: Antworten mit Zitat

Moin, moin,

also ich habe das erste Kapitel (oder wofür immer die 1 steht) geschafft, mochte dann aber nicht weiterlesen. Mir wird nichts über die Personen erzählt, es gibt nur eine Handlung, die ich nicht verstehe:

- Warum sind die Mädels fremd in dem Viertel (man erfährt ein bisschen was über die Mädels, aber nix über das Viertel)
- Was soll das heißen - "vielleicht sogar längere Anreise mit der Straßenbahn"?
- Das mit dem Typ, der "Ey" heißt, soll das ein Witz sein?

Ich vermute, für Dich ist das alles ganz logisch. Ich als Leser verstehe nur Bahnhof und verliere schnell das Interesse.

Grüße
Rodge
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Christof Lais Sperl
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Der silberne Roboter


BeitragVerfasst am: 28.12.2016 08:05    Titel: Danke pdf-Datei Antworten mit Zitat

..für die Kritik!

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Lais
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Rainer Zufall
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Pokapro und Lezepo 2014


BeitragVerfasst am: 28.12.2016 09:35    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo CLS,
nach langer Zeit mal wieder.
Mich kann da etliches freuen. Auf jeden Fall. Und ja, ich würde weiterlesen mögen.
Ich fand das zum Beispiel im ersten Kapitel einen ziemlich gelungenen Dreh, die jungen Frauen ausgerechnet zum von "Ey" als eher brav und nichtssagend eingestuften Bickel kommen zu lassen.  
Aber dann im Verlauf natürlich auch das weitere Geschehen um Bickel und Abendroth und die Stufenleiterin.

Noch kann ich nicht so wahnsinnig viel sagen, außer, dass sowohl das Personal interessant ist, aber auch die zeitgeschichtliche Einordnung mir sehr gefällt. Du spielst sehr mit der Mode oder zeittypischen Klischees, ohne dass das übertrieben wirken würde. Ich war eher überrascht und sagte mir - ach ja, das hats ja auch gegeben. Das ist wie so eine Schneekugel, kennst du die noch von früher? Nur ist die hier riesig groß, alles wirbelt auf und legt sich dann in unerwarteten Mustern wieder ab. Man erhält neue alte Einblicke in ein Stadtviertel und in verschiedene Schicksale. Eine Sache fehlt mir nur, nämlich, dass die verschiedenen Schicksalsschnipsel vielleicht ein wenig schneller miteinander verwoben würden. Aber da bin ich mir selbst unsicher.

So ganz ist mir noch nicht klar, worauf du mit dem Gesamtwurf rauswillst, den Männern wird ja hier ziemlich übel mitgespielt. smile Bei Hedi ist mir das Motiv schon klar, wenn ihre kleingeistige "Rache" an Kollegen, ihrer eigenen Stellung und dem armen vergesslichen Abendroth doch recht unerwartet kommt. Bei den Mädels hab ich glaub was übersehen, warum die dem armen Bickel so übel mitspielen. Ist es wirklich nur der Wunsch, dass man was ganz Geiles wieder passieren sollte?

Zu dem Stil kann ich nur sagen, dass ich ihn gut finde. Du schreibst sehr anschaulich, obwohl du sehr viel tellst und wenig showst und hast keine Angst vor langen Sätzen, brauchst du auch nicht, denn du beherrschst es, dennoch vorwärtstreibend zu schreiben. Lesen muss man deinen Text allerdings schon. smile
Du hast einen auktorialen Erzähler gewählt, finde ich hier auch schön, dadurch gelingt glaube ich dieser Schneekugeleffekt noch besser. Wie du die Figuren vor den Leseraugen entstehen lässt,  geschieht so natürlich stärker aufgrund von (in diesem Falle) gut gesetzten Autoren"behauptungen" über die Figuren. Leser, die eher amerikanische shortstories gewöhnt sind und auf die Kamera und das Szenische warten, werden von deinem Stil nicht so bedient. Auch Leser nicht, die eher auf unterhaltende Lektüre aus sind, und auf unmittelbare Identifikation warten.
Ich denke auch, du müsstest Teile noch auf ihren Informationsgehalt und Redundanz prüfen, manchmal übertreibst du es mit den Aufzählungen ein bisschen, da rutscht dann was rein, was zu stark nach Autor riecht und nicht so sehr dazu geeignet ist, jetzt das entsprechende Figurenbild abzurunden.
Oder in dem Kapitel 6(?) ich meine das über das Stadtviertel, da bin ich mir auch unsicher, ob man das in der Länge bräuchte. Aber das sind jetzt auch Kleinigkeiten und von mir nicht wirklich durchdachte Assoziationen.

Ich könnte in deinem Stil nicht schreiben, selbst wenn ich wollte. Ich merke auch, man muss sich seiner selbst ganz schön sicher sein und als Autor, denn der steht ja hier (beim auktorialen Erzähler) ganz schön im Vordergund, nicht nur großes Selbstbewusstsein haben, sondern auch wirklich was zu erzählen, zu sagen haben. Dass du was zu sagen hast, ist klar. Also hier zum Beispiel die Einordnung der Schicksale, wie du das z. B. bei Abendroth oder auch bei der Hedi machst.
Im Moment spüre ich trotzdem eine gewisse Unsicherheit, wie du das weiter hinkriegst mit den gewählten Konfliktbedingungen. Das kann auch in die Hose gehen. Aber spannend ist es auf jeden Fall.

Also insgesamt - mir hat es gefallen, sehr sogar, auch das Nachdenken darüber.
Allerdings hat mich die Formatierung ganz schön genervt. Da ist dir irgendwas beim Einstellen passiert. Ich find das Lesen am Comp. eh nicht so easy, und dann noch schlechte Augen - da hat mir das was ausgemacht.
Überarbeiten müsstest du natürlich noch, klar, da gibts Redundanzen, auch paar Fehlerchen haben sich eingeschlichen - aber das weißt du bestimmt selbst, und dir ging es ja nur um einen Eindruck, wie einem das eben gefällt.
Also - sehr gut bisher.

Viele Grüße von Zufall
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Christof Lais Sperl
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BeitragVerfasst am: 28.12.2016 09:36    Titel: Zerstörung/ Einstieg 2.0 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Gefallt euch der Einstieg nun besser? Ich habe Insanes und Rogdes Kritik beherzigt. Es geht um den totalen Absturz zweiter charakterlich ähnlicher, aber gesellschaftlich völlig verschiedener Männer.

Zerstörung

1
Eins, zwei, drei. Blond, schwarz, rot. Die jungen Frauen passten nicht ins das gesetzte, sommerlich dösende Viertel. Kleidungsstil, lautes, von weitem schon deutlich zu vernehmendes und aufgeregtes Gekicher. Ein Zettel wurde hervorgezogen. Nun glichen sie Hausnummer ab. Das grelle Make-up, die hohen Stiefel in der Hitze, die gemeinsame Flasche Asti, die Handtaschen in schrillen Farben und kurzen Wildlederröcke mit den langen Fransen, all das deutete auf Fremdes hin, vielleicht gar auf eine längere Anreise vom anderen Ende der Stadt.

Noch ehe der junge, vor dem Gartentor stehende Mann grüßen konnte, hatte ihn die Schwarzhaarige ohne Umschweife gefragt, ob „hier der Atze“ wohne. Kannte er den? Einen Andreas, Achim oder Matthias, zu deren Vornamen diese Abwandlung passte, kannte der junge Kerl nicht. Meinte sie etwa den sonderbaren Typen aus der Nebenstraße? Den Axel Irgendwas? Er kannte jeden aus dem Stadtteil unter dreißig, und hoffte, als er sich die drei genauer besehen hatte, selbst das Ziel einer Namensverwechslung zu sein.

„Der Atze hat uns bestellt! Soll hier irgendwo wohnen. Da steht’s doch, ey: Atze! Güntersloh 10!“

Die Güntersloh kannte er. Er führte die drei durch die restlichen hundert Meter Sommerhitze.
Bickel, den gutmütigen und rundköpfigen Riesen, der Menschen mied, und dem eigenen Vater schon in jungen Jahren wie ein Zwilling glich, hatte er ganz vergessen. Der stand schon erwartungsvoll auf dem Balkon, rauchte, und betrachtete die  Mädchengruppe, die sich ein paar Schritte von ihrem Führer entfernt hatte. Zahltag. Erster August. Sturmfreie Bude. Die Schwarzhaarige trat durch den offen stehenden Eingang und warf ihm grußlos die Tür vor der Nase zu, was auch zur Enttäuschung des jungen Bickel geschehen war, der im Helfergesicht gern noch den Neid des Zukurzgekommenen abgelesen hätte.

Allein, im Anblick der kommenden Vergnügungen sollte dies sehr schnell vergessen sein. Und erzählen könnte er alles auch noch später.


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Rodge
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BeitragVerfasst am: 28.12.2016 09:44    Titel: Antworten mit Zitat

Moin,

mir gefällt das viel besser. Zwei Dinge passen für mich nicht:

- Das mit dem "Ey" wirkt immer noch fremd
- Das der Typ die drei zu der Adresse bringt, hmmm, würde sich so ein biederer Typ (ist ne Ableitung, da das Viertel bieder ist und irgendwo müssen die Bewohner ja sein) verhalten, der in seinem Garten lungert und drei schrille Frauen zu einem Typen bringt, den er auch selbst kaum kennt und komisch findet?

Grüße
Rodge
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Christof Lais Sperl
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BeitragVerfasst am: 28.12.2016 09:50    Titel: Ey pdf-Datei Antworten mit Zitat

Interessante Idees. Das Ey sollte zeigen, dass die Mädchen ein wenig leicht und schill sind. ER ist ein netter Typ. Er bringt die halt hin. Und ihm gefallen sie ja auch ein wenig. smile

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Rodge
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BeitragVerfasst am: 28.12.2016 09:54    Titel: Re: Ey Antworten mit Zitat

Christof Lais Sperl hat Folgendes geschrieben:
ER ist ein netter Typ. Er bringt die halt hin. Und ihm gefallen sie ja auch ein wenig. smile


Das kann schon sein, aber das steht da nicht. Du musst es dem Leser zeigen! Außerdem: Wenn einer in so einem Viertel wohnt, macht er sich dann keine Sorgen, dass die Nachbarn ihn sehen und ihn dann selbst für einen schrillen Typ halten?

Grüße
Rodge
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Rainer Zufall
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BeitragVerfasst am: 28.12.2016 10:00    Titel: Antworten mit Zitat

Du bist ja rasch.
Okay, du hast mehr Zug reingebracht. Find ich insgesamt besser.
Schade fand ich allerdings trotzdem, dass der Satz mit dem "Ey" rausgefallen ist. Das hat mir gezeigt, dass die fremden jungen Frauen was höchst Attraktives, Anziehendes ausstrahlen müssen. Der junge Mann wäre gerne mehr als "Ey" für die Ladies gewesen. Für mich hatte das so ein bisschen betont: Was? Ausgerechnet zu dem blassen Bickel kommen diese Paradiesvögel? Der ist mir ja noch nicht mal annähernd eingefallen, der Bleichsepp der. Und am Ende sonnt der Bickel sich ja auch bisschen in dem Neid des Bekannten. Also du charakterisierst hier ja schon den Bickel ziemlich.


Nochmal viele Grüße

Doch @Rodge Das Gefallen wird durchaus gezeigt. Gerade durch den Gedanken des jungen Mannes mit dem "Ey", aber auch schon allein durch die Beschreibung der jungen Frauen usw. die im Kontrast zu dem Stadtviertel stehen.
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Christof Lais Sperl
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BeitragVerfasst am: 28.12.2016 10:04    Titel: @zufall, r. pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo lieber Kollege,
danke für deine Kritik. Ja, diese erste Skizze ruft noch nach Arbeit. Es hat diese Geschichten in meiner Heimat wirklich gegeben. Zeitlich  habe ich sie versetzt und miteinander verwoben. Beide Geschichten passierten im Abstand von mehr als 20 Jahren. Am so genannten Bickel prallte das mehr oder weniger ab. "Abendroth" musste sterben. Klar, es ist hart, hier das Tempo zu halten. Hedis Aktionen dosiere ich homöopathisch. Daggi und Conny wollten so einen einfachen Mann mal richtig reinreißen, noch mit den Vor-Facebook-Werkzeugen. Hedi hat Abendtoth mittelbar getötet. Ich lese die dsfo-Texte immer gern im Print-Modus. Mein Layout am PC war eigentlich ganz OK.
Habe letzte Woche auf 3sat eine Sendung zu Doderer gesehen. Der sagte:
Ich schreibe, ud improviesiere meinen Text dann. So probiere ich es uch.
Danke dir!
LG und guten Rutsch, C


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Insane
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BeitragVerfasst am: 28.12.2016 21:27    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde es auch auf jeden Fall besser und vorallem verstaendlicher. Trotzdem werde ich mit dem "abgebrochenen" Stil nicht warm smile Aber hey ich wuerde auch das ueberarbeitete zweite Kapitel lesen.

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Christof Lais Sperl
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BeitragVerfasst am: 02.01.2017 10:10    Titel: Zustörung, Fortsetzung pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich habe den Text schneller gemacht und überarbeitet. Bevor ich aber die  Gesamtlänge einstelle, kommt nun ersteinmal die Fortsetzung.

(...)
Draußen knattert die Fünfziger davon.

Besser als so hätte es gar nicht laufen können, meint Conny. Sie bringen den 36er-Film zu Top-Speed. Der Mann im Studio sagt, sie könnten die Bilder in einer Stunde abholen.

Nun hocken sie wieder im Frauenbuchladen. „Mit denen von Zorra müsste man zuerst mal reden,“  sagt Daggi. Kein Problem, die Frauenfrau vom Buchladen ist eingeweiht. Hört mit. Schon rappelt am anderen Ende das Telefon: „Zorra. Hier ist die Steffi!“ Sie erklären der Steffi alles. Machen was aus: Sich treffen. Jetzt den Tee austrinken, zum Top-Speed-Studio zurückrammeln. Ein paar Mark teurer als üblich. Egal. Sie nehmen den Umschlag, ohne hereinzuschauen, in die Wohnung mit. Soll ja erstmal niemand mitkriegen den Knaller. Also, außer denen von Zorra und dem Buchladen.

 

12
Hedi saß in ihrer Wohnung herum und hatte gerade den gelben Zettel zur Post gebracht. Arbeitsunfähig. Fünf Tage. Drei wären zu wenig gewesen: eine Erkältungslänge bloß. Bei fünfen werden sie neugierig, dachte sie. Nachdenklich. Was hat die denn nur? Es wusste ja niemand Genaueres. Sie war sonst nie krank gewesen. Die paar Ausfallstunden konnte man leicht vertreten, und da gab es genügend Studenten, die sich ein paar Mark dazuverdienen wollten.

Sie ging nicht ans Telefon, und suhlte sich in der Gewissheit, die Suppe am Köcheln halten zu können. Alles war genau so wie in den schauderhaft süßen Vorstellungen der eigenen Beerdigung, deren warme Gefühlsströme Hedi gern auskostete. Alle blickten von oben in die Grube, schippten ein Schaufelchen lockerer Erde hinunter, ließen Blüten regnen. Und selbst solche, die ihr übel mitgespielt, oder sie bloß ignoriert hatten, waren bestürzt und fassungslos, weinten um die arme Hedi, eine, die sie noch gestern, vor ihrem plötzlichen Tod,  am liebsten zum Teufel gejagt hätten.


Nun, um zwanzig nach neun, wird im Lehrerzimmer selbstverständlich getuschelt. Was denn nun sei mit  dem Herumschreien und dem Abendroth. Hedi freute sich daran, wie andere Unterricht halten, und sich an den Vormittagen mit den frechen Kindern herumärgern mussten. Der eingebildete Abendroth mit seinen albernen Büchern wird sich Fragen stellen. Und überhaupt ihre seelische Gesundheit bezweifeln. Ihr ist es einerlei, sie wird ihnen allen schon zeigen, was an Kraft noch in ihr steckt.



13
Bickel war mit der Fünfziger nach Hause gefahren, und entgegen seiner Gewohnheit grob mit der kleinen Maschine umgegangen. Er hatte den hell klingenden Motor hochdrehen lassen, die Gänge vor- und zurückgetreten, und die Bremsen vor den roten Ampeln im letzten Augenblick scharf angezogen. Das halboffene Hemd hatte vor der Brust und überm Hosenbund geflattert, den Helm hatte er nicht zugeschnallt, dessen Verschluss im Wind schlackerte.
 

Er saß nun stumpf in seinem Zimmer. Der Fernseher lief ohne Ton. Solches hatte noch nie erlebt, dachte er. Ob er Daggi im letzen Moment nicht mehr gefallen hatte? Aber warum stand dann plötzlich eine zweite Frau im Zimmer, war aus dem Schrank getreten, eine Kamera in der Hand? Suchte die andere einen Mann und hatte Daggi als Lockvogel eingesetzt, weil sie so hässlich war? Oder wollte Daggi ihn selbst auf die Probe stellen, die männliche Kampfbereitschaft einer Prüfung unterziehen? Gefiel er ihr nun, oder nicht?

Hoffnung und Verzweiflung waren in einen Kampf verstrickt. Der Kampf lähmte. Die Verzweiflung gewann. Übelkeit kroch in seiner Brust nach oben, ritzte mit scharfen Obertönen in der Speiseröhre herauf. Er fühlte sich schwer und rang nach Luft.

Und jetzt war er vor Erschöpfung eingeschlafen. Wie in  den Fiebernächten der Kindheit träumte er einen erschöpfenden Traum. Sein Atem war von Hustenanfällen unterbrochen. Jede Attacke wurde in grüne Quader verwandelt, die langsam durch den Raum schwebten. Jeder Stoß brachte den Träumenden an die Oberfläche des Bewußten, doch der Schlaf zog ihn wieder hinab. Nun wurde das Husten schwächer. Bickel wurde es schwer in den  Gliedern. Eine Masse schwarzweißer Körner begrub ihn unter sich. Die Körner wirbelten, wie Bildsalat des Fernsehers, als reiskorngroße Schneeflocken um ihn herum, wurden schwerer und mächtiger. Zerdrückten seinen Körper, der, vereinzelt noch, Blöcke grüner Hustenstöße in die Körnermasse schoss.

Nun konnte er keinen Zeh, keinen Finger mehr bewegen. Das Atmen wurde schwerer. Um den Brustkorb zu erleichtern, drückte er beide Arme nach unten, doch sie versanken in der Masse, die begonnen hatte, auch noch seinen Rücken zu zermalmen. Einen letzten, millimeterkleinen Atemzug würde es noch geben. Sollte alles nun zu Ende sein?

Bickel bewegte einen Zeh des linken Fußes, mehr Folge leistete sein Körper ihm nicht. Und nun folgte ein Finger, linke Hand, rechte Hand, ein ganzes Bein, die Gesichtsmuskulatur. Nach und nach eroberte er sich den Körper zurück. Es ging ihm besser. Morgenröte schimmerte ins Fenster. Sie mischte sich mit dem blauen. flackernden Licht der Mattscheibe.


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BeitragVerfasst am: 03.01.2017 09:39    Titel: Zerstörung, Fortsetzung 3 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier ein neues Kapitel aus der langen Geschichte

14
Es wurde schon später Nachmittag. Abendroth hatte seine Lektüre unterbrochen, und aus der Bäckereifiliale im Untergeschoss zwei Brötchen besorgt. Der Briefkasten enthielt ein paar Sendungen, die er bei der Rückkehr in die Wohnung mitnahm. Nun saß er am Küchentisch und sah die Post durch. Die übliche Werbung legte er nach hinten. Ein paar Rechnungen, ein handschriftlich adressierter Brief.

Eine behördlich aussehende Sendung war wohl von der Bezügestelle oder vom Schulamt, obwohl die Zeile Persönlich – nur vom Adressaten zu öffnen fehlte. Er schnitt den Umschlag mit dem Brotmesser auf, und war erstaunt über das ungewöhnliche Vokabular, das nichts mit dem gemein hatte, was er üblicherweise las. Wortfetzen, Buchstaben, Daten, Aktenzeichen und Währungsbezeichnungen wirbelten vor seinen Augen. Abendroth wurde schwindelig, als er versuchte, mit dem Lesen zu beginnen. Ganz entgegen seiner gewöhnlichen Art, sich in jedwelchem Text mit Leichtigkeit zu vergraben, schien sein Verstand nunmehr im hektischen Wirbel der merkwürdigen Wörter zu versinken. Abendroth schmerzte der Kopf. Eine Hitzewelle kroch ihm im Anblick der Satzfetzen ins Gesicht, Bruchstücke, die sein Innenleben erstürmten, ineinander griffen, und es mit kalter Bedrängnis fixierten:

Aufklärung eines Vorfalles. Sachbearbeiterin. Werden Sie deshalb gebeten. Der sich am in der um Uhr ereignet hat. Die sofortige Vollziehung wird hiermit angeordnet. Sollten Sie ohne hinreichenden Grund, der Vorladung, Vorladung, Vorladung aber nicht Folge leisten, so kann gegen Sie ein Zwangsgeld in Höhe von Mark festgesetzt, telefonisch oder schriftlich alsbald, spätestens jedoch bis zum zu benachrichtigen, so kann diese Vorladung zwangsweise durchgesetzt, rechtliche Grundlage § 16 Abs. 4 Satz 1 des Hessischen Gesetzes über  Aufgaben und Befugnisse der, gegen diesen Bescheid kann innerhalb einer nach Bekanntgabe Widerspruch erhoben werden. Er ist schriftlich oder zur Niederschrift bei dem Gericht in einzulegen.


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BeitragVerfasst am: 04.01.2017 11:50    Titel: Zerstörung 4 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier kommt ein weiterer Teil

.../...
Da Wut viel Kraft gibt, überlagerte sie Abendroths Verzweiflung bei weitem. Die Bruchstücke setzten sich zu einem Bild zusammen. Was wollte  sie von ihm? Er, ein Abendroth, ließ sich doch von diesem Kaliber nicht in die Pfanne hauen. Im Vorzimmer des Biologieraumes! Und dann auch noch die vertrocknete Schabracke mit ihrem krummen Gang. Eine mit sperrigem Doppelnamen, dem Kevinismus der Titellosen, und sieben Silben. Da gab es Attraktivere im Kollegium. Welche, die zwanzig Jahre älter und doch verführerisch waren. Deren Alter allein schon Element eines so großen Reizes war, wie Hedi ihn niemals wecken könnte. Abendroth war in seiner männlichen Ehre gekränkt. Nicht nur die Scham der Anschuldigung, nein, die Behauptung, einer wie er könne an einer wie Hedi Gefallen finden, war unverschämt und peinlich genug. Denn es war so: Obgleich er Menschen mied, gab er viel auf die eigene Reputation.

Doch nun näherten sich die Geister: Was, wenn? Sich verteidigen, aber wie? Aussage gegen Aussage. Im Rechtlichen kannte er sich nicht aus. Was passierte mit ihm, käme Hedi mit der Farce durch? Abendroth kam es vor, als stürzte der Grund schneller und schneller hinunter. Die rasende Fahrt ins Bodenlose bereitete ihm Übelkeit. Er hielt sich an Stuhl und Tischplatte fest. Im Flur stand das Telefon. Er hätte mit jemandem reden können. Scham hielt ihn zurück. Das war sein erster Fehler.

Nun hatte er, ganz entgegen seiner Gewohnheit, da es erst Mittwoch war, eine der Flaschen aus dem Barfach in der Bücherwand geholt. Er goss sich immer wieder nach. Der Alkohol festigte, und schien ihn aufzurichten. Die Sicht zum Fenster wurde klarer. Ideen kamen und gingen in immer rascherer Folge. Szenen wütender Auftritte wechselten sich ab mit solchen überlegener, gut formulierter Replik. Er spitzte genüsslich die Lippen, malte sich Plädoyers, brach in schallendes Gelächter aus. Nun war er dunkel. Die Lichtpunkte der Straßenlaternen waren im Blick nicht mehr zu halten und kreisten wie wildgeworden. Abendroth kroch zum Sofa, und versank in einen abgrundtiefen, schweren Schlaf.

Am Morgen wäre er gern aufgestanden, als die Morgenröte kam. Wie ein Faden zog sich ein sirrendes Gefühl Abendroths Speiseröhre hinauf. Es kam ihm vor, als drängte ihn eine innere Kraft, sich zu erheben. Doch unvermittelt verwandelte sich der Faden in eine Würgeschlange, die in ihm hoch kroch und dabei seinen Magen einzwängte. Die Augen brannten und quollen in ihren Höhlen. Die Glieder waren ihm schwer. Etwas Übelgelauntes und Wütendes gab der Schlange Nahrung, die nun ihren Zugriff verstärkte. Sein Gesicht fühlte sich verschoben an. So konnte er nicht in der Schule erscheinen. Wir sollte er in solchem Zustand vor Klassen bestehen, die all seine Aufmerksamkeit forderten? Er ging ins Badezimmer. Das nahm einige Zeit in Anspruch. Er hatte in der Nacht einige Male Wasser trinken müssen, wie ihm nun einfiel. Er suchte in der Küche nach etwas Süßem, um den üblen Geschmack im Mund zu bekämpfen. Gierig aß er ein Stück Schokolade, griff zum Telefon, und meldete sich krank. Das war sein zweiter Fehler.

Sie wollten gar nicht wissen, was ihm fehlte. Ein Umstand, den er erst einige Zeit später wahrnahm, als die Nebel in seinem Kopf sich lichteten.













15
Die neue Zorra lag seit zwei Wochen in den Kneipen aus. Sie bot die üblichen Geschichtchen, Philosophisches, Reiseberichte. Eine Sache allerdings war ungewöhnlich: Es gab ganzseitige Fotos, schwarzweiß, auf dem ersten konnte man einen Küchentisch mit einer Weinflasche, abgegessenen Tellern und einer Tropfkerze sehen. Darunter der Bildtitel „Die WG-Küche“. Es kamen noch ein paar Bilder, ebenfalls mit Untertitelung, dann ein Text zweier Frauen, eine Regionalreportage zum Thema Männergewalt,  Kleinanzeigen.

Die Reporterinnen hatten es innerhalb weniger Tage zu einiger Szene-Bekanntheit gebracht.  In den Kneipen wussten alle Bescheid, die Lokalpresse war nicht auf den Fall eingegangen, doch jeder hatte den Artikel gelesen. Leute mit wenig Sinn für Lektüre taten so als ob. Ihr Bericht wurde diskutiert und eingeordnet: Ein Schwein, der Kerl. Wie man nur könnte.

An einem der im hinteren Teil der von Kerzen erleuchteten Crêperie de Jacques (das Kneipenschild war falsch geschrieben) saß Bickel beim Bier. Er hatte ungewöhnlich lange auf die Bedienung warten müssen, sich ein wenig umgesehen, Musik gehört, eine Kleinigkeit gegessen, am Tresen eine Mark für den Info-Tip bezahlt, und sich aus dem Ständer noch eine  Zeitschrift mitgenommen. Bickel hatte nicht genau hingesehen, um welche Art von Journal es sich handelte, denn er blätterte gern in Magazinen.

Nun stutze er. Den Küchentisch kannte er doch. Das war doch der, deren Namen er schon fast vergessen hatte, Daggi! Und nun eine ganzseitige Schlagzeile:  Kontaktanzeigen-Affäre. Wir Frauen kämpfen gegen Sexismus! Ein Text begann, in dem die harmlose Idee für eine Anzeige beschrieben wurde. Ja, einer, ein B., habe sich gemeldet, es sollte um Freundschaft gehen, es wurde eingeladen, dann habe sich der Gast als triebgesteuertes Sexmonster entpuppt, das man mit Gewalt habe bändigen und rauswerfen müssen. Bickel blättere weiter, sah sein Abbild, in Unterhosen breitbeinig vor einem Bett stehend, der ausgestreckte Finger  einer Frauenhand zeigte auf ihn, und auf dem nächsten Foto, Halbtotale, war Daggi zu sehen, hielt sich eine Hand vor die entblößte Brust, mit der anderen zeigte sie auf den konsternierten Bickel, der erschreckt ins Objektiv blickte. Sein Mund war blöde geöffnet und die Arme standen vom Körper ab. Das war er, wie bei einer Sicherheitskontrolle auf dem Flughafen, in Unterhosen, mit ungläubigem Blick.

Die Musik hatte aufgehört, er sah auf, die Kneipenmenge starrte ihn an, sie zeigten auf ihn, das ist der B., sagte jemand. Ohne zu zahlen flüchtete Bickel aus dem Etablissement, sprang auf die Fünfziger und fuhr los.


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Lais
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BeitragVerfasst am: 04.01.2017 13:24    Titel: Antworten mit Zitat

Auch, wenn ich den Satz anders gebaut hätte, gefällt mir doch der erste Satz des ersten Kapitels in der ersten Version am besten. Ich würde weiterlesen, wenn der Rest ebenfalls mit dem Satzbau experimentieren würde.
Durch den gezähmten Satzbau wird der Inhalt dann erst einmal ein wenig profan (wahrscheinlich später nicht mehr, aber soweit habe ich nicht gelesen).
Ich finde es gut, wie du Tempo und einen fast gleichgültig wirkenden Singsang in meinem Kopf erzeugst durch die endlose Aneinanderreihung von ganzen und halben Sätzen smile
Das gefällt mir sehr gut. Schade, dass du das jetzt rauskorrigierst, statt noch eine Schippe drauf zu setzen.

 
Zitat:
1
 Eins, zwei, drei, blond, schwarz, rot, die jungen Frauen passten nicht ins Viertel. Kleidungsstil, lautes, von weitem schon deutlich zu vernehmendes und aufgeregtes Gekicher, das Hervorziehen eines Zettels, der wieder und wieder, Hausnummern abgleichend, betrachtet wurde, das grelle Make-up, die hohen Stiefel in der sommerlichen Hitze, die gemeinsame Flasche Asti, die Handtaschen in schrillen Farben und kurzen Wildlederröcke mit den langen Fransen, all das deutete auf Fremdes hin, vielleicht gar auf eine längere Anreise mit der Straßenbahn.  



"Ey!", denn so hieß er jetzt anscheinend für sie, die Schwarzhaarige, "Wohnt hier ein Atze? Kennste den, den Andreas etc...." fragte sie ihn, den jungen, vor dem Gartentor stehenden Mann, der ihn nicht kannte, obwohl er jeden kannte, jeden aus seinem Stadtteil.


Ein unreflektierter, erster Versuch, in deinem Stil weiter zu schreiben. Ist nicht wirklich gelungen, nicht böse sein, sollte nur verdeutlichen, was ich meine.
Das ist nur meine unmaßgebliche Meinung, tu, womit auch immer du dich wohlfühlst Embarassed
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BeitragVerfasst am: 05.01.2017 10:19    Titel: Fortsetzung Zerstörung pdf-Datei Antworten mit Zitat

16
Tagelange Passivität und die Unfähigkeit, sich mit irgendetwas zu beschäftigen, hatten Abendroth zermürbt. Er war wieder in der Schule erschienen, doch man sah erstaunt zu ihm hin, wie überrascht, ihn doch noch einmal in der Lehranstalt erblickt zu haben. Im Lehrerzimmer waren alle in Gespräche vertieft, und es konnte Abendroth nicht gelingen, sich einer der Gruppen anzuschließen. Ihm war, als drehten sich Elektronen um Atomkerne und bildeten dabei eine undurchdringliche Schale aus schwirrenden Wörtern. Hedi war wohl nicht anwesend, das Büro verschlossen. Gern hätte er um eine Aussprache gebeten, doch jemand hatte ihm zugeflüstert, es bestünde ihrerseits offensichtlich kein Redebedarf.

Auch in den Klassen war die Arbeit schwer, es wollte keine Ruhe einkehren, und Mittel, die er früher immer angewandt hatte, um für Stille zu sorgen, wirkten nicht. Es hatte doch immer gereicht, sich stumm vor der Tafel aufzubauen, die Arme verschränkt. So trat meist das Schweigen ein. Heute aber war alles anders. Jeder wollten Fragen stellen, die mit dem Unterrichtsthema nichts zu tun hatten. Diese Fragen waren zudringlich und penetrant. Was denn mit Frau KN sei, ob es Streit gegeben habe? Abendroth antwortete ausweichend, Er habe keinerlei persönlichen Bezug zu KN, könne daher nichts sagen. Das Thema einer vielleicht vermasselten Klassenfahrt wurde vorgebracht, KN habe angedeutet, diese würde wohl ausfallen. Abendroth konnte den Unterricht nicht beginnen, denn die ungenügende Aufklärung hatte für noch mehr Unruhe gesorgt. Man verband ihn, Abendroth,  persönlich mit KN, Gründe dafür fielen ihm nicht ein. Eine Schülerin, die schon immer vorlaut gewesen war, brachte das Wort einer Kollegin vor, die angegeben habe, nur er, Abendroth, wäre in der Lage, Erklärungen zu liefern. Als die fünfundvierzig Minuten vorübergegangen waren, war Abendroth froh. Den Rest des Tages hatte er nur noch jüngere Schüler zu betreuen, die stellten solche Fragen nicht, doch auch bei denen kehrte kaum Ruhe ein.

Nach dem Ende der sechsten Stunde, als alle Kollegen das Schulgebäude bereits verlassen hatten, wartete Abendroth auf die Rückkehr Hedis. Niemand kam. Schließlich bedeutete der Hausmeister ihm barsch, das Schulhaus endlich zu verlassen.


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BeitragVerfasst am: 06.01.2017 11:57    Titel: Fortsetzung und Anfang Kap. 18 pdf-Datei Antworten mit Zitat

18
Gute Zeiten vergehen schnell und schlechte dauern lange. Entgegen dieser Regel war Abendroths Zeit zur Vorladung sehr rasch gekommen. Er hatte sich Beistand engagiert, mit kaum wahrnehmbarer Stimme ein paar Aussagen gemacht, ein Termin wurde anberaumt, und nun saß er auf der Anklagebank. Schon bei den ersten Anhörungen war ihm wegen der grotesken Vorwürfe der K.-N. die Luft weggeblieben, und geeignete Repliken waren ihm, entsetzt wie er war, nicht einmal in der Anwaltskanzlei über die Lippen gekommen. Die Verteidigung musste sich auf die dürre Aktenlage stützen, und ihre Argumente auf das verhuschte Erscheinungsbild und die Widersprüche der Klägerin stützen.

Das wenige, was Hedi konnte, hatte sich beim Prozess in ihr konzentriert und zusammengezogen. Nun entfaltete es all seine Macht, die sich nur hier und an dieser Stelle zeigen konnte. Abendrot hörte kaum zu, erinnerte sich aber an seine Studentenzeit mit ihren Kneipen. Dort standen Alkoholiker mit dicken Stirnwülsten an den Theken, die Gefühle wie mit einem Schalter an- und abstellen konnten, um mit den falschen Tränen ein weiteres Glas Wein zu erbetteln. Genau so tat es nun Hedi, die auf Anhieb Grotesken erfinden, Aufschreien, ohnmächtig werden, Tränen vergießen und aus dem Saal flüchten konnte, wie es ihr gerade in den Sinn kam.

Abendroth aber saß wie versteinert als Kulisse auf der Anklagebank. Ob des grossen Theaters und seinem besonderen, routinierten Wortschatz, war er wie gelähmt, und konnte kein Wort hervorbringen. Hedi schilderte unter theatralischem Schluchzen, wie Abendroth sie in den Vorraum gelockt, die Tür von innen versperrt, sie, Hedi, gewürgt, geohrfeigt und vergewaltigt habe, all dies im Anblick des die Zähne fletschenden Skeletts, schließlich sei ihr die Flucht gelungen, Abendroths Schlüsselbund habe noch von innen im Türschloss gesteckt, sie habe es gedreht und sei in den Gang entwichen.

Hedi nannte Zeugen, die gar nicht anwesend gewesen waren, brachte die Frauenbeauftragte ins Spiel, die ihrerseits vom sexistischen Klima an der Schule und der Vergewaltigung als einer logischen Folge sprach. Abendroth konnte niemanden benennen, denn er war ja im Vorbereitungsraum allein gewesen, sieht man einmal vom Skelett ab.

Richter und Staatsanwalt waren noch jung. Sie brauchten einen harten Spruch, der ihre Karrieren fördern konnte. Abendroth wurde wegen Vergewaltigung der Hedwig K.-N., genannt Hedi,  zu sechs Jahren verurteilt, vom Dienst suspendiert, und musste die Haft sofort antreten. Er verlor Anstellung und Pensionsansprüche.

Abendroth, dem die Anwälte noch einiges zugeraunt hatten, hatte die Tragweite dieses zerstörerischen Verdikts erst realisiert, als die schwere Zellentür hinter ihm ins Schloss gefallen, und sich der Wärterschlüssel unter lautem Rasseln mehrfach gedreht hatte. Obgleich Abendroth gern allein war, und auch einige seiner Bücher hatte mitnehmen können, quälte ihn der Gedanke an die Unmöglichkeit, den Raum zu verlassen, aufs äußerste. Er war wütend über sein Versagen, im richtigen Moment das Wort nicht ergriffen zu haben, legte sich Repliken zurecht, die er am Tag und in schlaflosen Knastnächten immer wieder innerlich durchspielte, und formte aus Vorwürfen und Erwiderungen Vorträge, die er sich in Stichworten notierte. Bald beherrschten die Gespräche sein Denken und wurden Wahn, da er laut mitsprach, was sein befallener Kopf ihm vorspielte. Gedanken an Wochentage, an denen er telefonieren, arbeiten oder duschen konnte, wurden überhäuft vom lautem Hirngebrüll, das er nur hören konnte, mit dem er fortan leben musste, dessen (er hatte Langeweile) bisweilen gereimte Schlagzeilen er wiedergab, indem er, der Einzelhäftling, im Kreis umherschritt:

„Nur geil, dabei frustriert, dass keiner mehr auf den Arsch guckt, Wimper zuckt, kein Wunder, dass sie dich verlassen haben bei dem Irrsinnslabern, nur den blöden Nachnamen über die eine Ehe nett mit hinausgerettet, machst Termintheater, dich selbst zu legitimierten, hat schon mein Vater mich gewarnt, auf der Pfanne hast du ja eh nichts, wenn, dann nur fettarm, wer bis dreizehn Uhr nichts gebacken kricht, muss sehen, wie er Leuten das Rückgrat bricht, direkt mitten ins Gesicht, wer sich organisieren kann, legt seine Termine allein an, in der freien Wirtschaft hätten sie sie an die Luft gesetzt, Freundinnen draufgehetzt, unverschämte Behauptungen aufzustellen, Lügengebäude und Tabellen, die Leute in die Zelle bringen, haben deine Esopyramiden mit ihrer Strahlung das Gehirn zerrieben, zerstört, ich,
kaputtes Leben, geisteskrank, Klapsmühle? Da geht’s lang! Wo der Pfeffer wächst, zwanzig Jahre ohne Sex, habe ich kein Problem mit, genau, nach Mackedonien, einen durch den Juror der Juroren hier kaputt machen, mit dem begriffsstutzigen, von blöden Gedanken befallenen Kopf, mal im Keller anketten, DBDDHKP nach Idiotenhausen gehen, so was muss ich durchstehen!“

So vergingen Abendroths Tage, die von Hofgang und dem Klopfen der Essensausgabe unterbrochen wurden.


 

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Christof Lais Sperl
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Der silberne Roboter


BeitragVerfasst am: 10.01.2017 17:47    Titel: Neu, überarbeitete, gestraffte Version, vor dem Finale pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich weiß, es ist lang, doch es soll ein Buch werden...


Zerstörung

1
Eins, zwei, drei. Blond, schwarz, rot. Die jungen Frauen passten nicht ins das gesetzte, sommerlich dösende Viertel: Kleidungsstil, lautes, von weitem schon deutlich zu vernehmendes und aufgeregtes Gekicher. Ein Zettel wurde hervorgezogen. Nun glichen sie Hausnummern ab. Das grelle Make-up, die hohen Stiefel in der Hitze, die gemeinsame Flasche Asti, die Handtaschen in schrillen Farben und kurzen Wildlederröcke mit den langen Fransen, all das deutete auf Fremdes hin, vielleicht gar auf eine längere Anreise vom anderen Ende der Stadt.

Noch ehe der junge, vor dem Gartentor stehende Mann grüßen konnte, hatte ihn die Schwarzhaarige, offensichtlich sollte er nun „Ey“ heißen, gefragt, ob „hier der Atze“ wohne. Kannte er den? Einen Andreas, Achim oder Matthias, zu deren Vornamen diese Abwandlung passte, kannte der junge Kerl nicht. Meinte sie etwa den sonderbaren Typen aus der Nebenstraße? Den Axel Irgendwas? Er kannte jeden aus dem Stadtteil unter dreißig, und hoffte, als er sich die drei genauer besehen hatte, selbst das Ziel einer Namensverwechslung zu sein.

„Der Atze hat uns bestellt! Soll hier irgendwo wohnen. Da steht’s doch, ey: Atze! Güntersloh 10!“

Die Güntersloh und das Haus kannte er. Er führte die drei durch die restlichen hundert Meter Sommerhitze. Bickel stand erwartungsvoll auf dem Balkon, rauchte, und betrachtete die  Mädchengruppe, die sich ein paar Schritte von ihrem Führer entfernt hatte. Zahltag. Erster August. Sturmfreie Bude. Die Schwarzhaarige trat durch den offen stehenden Eingang und warf ihm grußlos die Tür vor der Nase zu, was auch zur Enttäuschung des jungen Bickel geschehen war, der im Helfergesicht gern noch den Neid des Zukurzgekommenen abgelesen hätte.

Allein, im Anblick der kommenden Vergnügungen sollte dies sehr schnell vergessen sein. Und erzählen könnte er alles auch noch später.

 
2
Das Leben ist überraschend kurz. Mancher verlässt die Bildungsstätten nie. Kaum ist die Grundschule zu Ende, steckt das Abitur in der Tasche. Und wird man nicht eingezogen, kann ein Studium beginnen. Das galt auch für Abendroth, der sorgfältig geplant hatte. Das Lehramt wäre sicher und vorhersehbar. Entwicklungsmöglichkeiten bot es zwar keine, dafür aber Ferien. Das Gehalt war durchschnittlich, doch als Alleinstehender konnte man gut davon leben.

Zum Schulleiter hatte er keine Ambitionen, vielleicht könnte er einmal Fachleiter werden oder ein paar Sonderaufgaben bekommen, die man auch am heimischen Schreibtisch erledigen könnte. Abendroth hatte Sport und Biologie gewählt, bewegte sich, obwohl er ein wenig füllig war, recht gern, war geschickt, konnte gut auswendig lernen, wollte aber nicht allzu viel Korrekturarbeit haben, um sich seiner umfangreichen Lektüre widmen zu können. Er gab bei Nachfragen vor, das Leben in Gemeinschaft nicht zu mögen, und wegen seiner Bücher ohnehin nur wenig Zeit zu haben. In Wirklichkeit aber war er kein Frauentyp und hatte nur sporadische und oberflächliche Jugendliebschaften gekannt. Die wenigen Mädchen, die sich für ihn interessiert hatten, hatte er nicht gemocht. Bei den Schönheiten hatte er die Mühe schnell aufgegeben.

Jemandem gutes Deutsch beizubringen, sah er als unmöglich. Entweder man konnte es, oder eben nicht. Fremdsprachen und Kunst lagen ihm nicht. Er würde mit Sport und Biologie keine Hauptfächer unterrichten, und sich die unangenehmen Aufgaben der Klassenlehrer ersparen. Abendroth hatte sein Studium sehr schnell mit hervorragendem Abschluss beendet (es hatte ihn kaum gefordert), Praktika absolviert, und sein Referendariat genau an der Schule angetreten, die ihm selbst zum Abitur verholfen hatte. Ein paar seiner ehemaligen Lehrer waren noch da, und im Gebäude hatte sich kaum etwas verändert. Die Böden rochen immer noch nach Bohnerwachs, die Umkleide nach süßem Schweiß, und im Sekretariat standen immer noch die schweren Wählscheibentelefone, die für gutes Geld schon im Antiquitätenhandel angeboten wurden.

Im Referendariat würden sie ihn ein wenig quälen; oft sind die Ausbilder an den Seminaren ehemalige Lehrkräfte, die im Schulalltag gescheitert, zu Alkoholikern, psychisch Kranken, Medikamentenabhängigen, bitteren Charakteren geworden waren, die man nach langen Jahren als „Wanderpokale“, wie sich der alte Direktor gern ausdrückte, an den Schulen nicht weiter dulden, und nicht mehr auf Schüler und Eltern loslassen konnte: Sie kleideten sich bisweilen wie Zwölfjährige, hatten die Fünfzig aber schon vor langer Zeit überschritten, und sollten Abendroth nun beibringen, was sie selbst nicht beherrschten, sollten beurteilen, was sie selbst nicht leisten konnten. Von solchen Gestalten gab es viele mehr, als Abendroth zu Anbeginn befürchtet hatte. Von den Altsemestern war an der Uni viel gemunkelt worden: Dass Ausbilder sich beispielsweise gern an denen rächten, die vieles besser konnten als sie selbst. Abendroth hatte zwar alles mitgebracht, was ihn zu einem guten Lehrer machen würde, er war begeistert von seinen Fächern, liebte die Kinder und nahm sich ihrer Sorgen an. Und doch sollten die Ausbilder ihm die ersten zwei Jahre seiner Tätigkeit zur Hölle machen.

Er suchte sich einen Platz im Lehrerzimmer, von dem aus er links die Schließfächer sehen, und rechts den hellen Blick aus den Fenstern zum Schulhof und den Bäumen genießen konnte.



3
Bickel hatte den Ausklang des Wochenendes genossen. Nun war er wieder allein, wie so oft. Als unförmiger Klops hatte er bei Mädchen keinen Schlag. Er begriff nicht, wieso Leute, die er für dümmer und talentloser hielt, mehr abschleppen konnten als er selbst. Schließlich stand unten die Fünfziger. Er besaß einen Job. Und in einem Jahr würde er den Hunderter Audi vom Alten geschenkt bekommen, der als Zweitwagen, schon tiefer gelegt und breit, in der Garage stand.  Doch ihm, der die Frauen liebte, fielen nie die Sprüche ein, die sie zum Lachen bringen konnten. Er war Praktiker. Fahrer. Bastler. Einer, dem alles gelang, was mit Geschick zu tun hatte. Er konnte die Fünfziger über den Hügel am Friedhof jagen, auf der Landstraße abheben, in die Hauptstraße hineinfliegen, und dort sicher wieder landen. Was kaputt war, reparierte er. Reden gehörte nicht zu seinen Talenten. Er ging nur unregelmäßig aus, niemand wollte sich mit ihm sehen lassen, und unter der Woche trank er mit seinem Vater abends Bier. Sie sahen fern. Die Mutter war vor langer Zeit gestorben.

Bickel wollte von nun an für Liebe nicht mehr zahlen. So üppig hatte er es nicht! Freitags und samstags ging er in die Kneipen der Innenstadt. Mädchen gucken. Irgendwann müsste es doch mal klappen. Im Vorderen Westen war es voll und gemütlich. Der einzige Stadtteil, der im Krieg nicht zerstört worden war, bot Jugendstilfassaden und zahlreiche Kneipen, in denen man es sich gut gehen lassen konnte. Im Sommer standen die Leute mit ihren Kirsch-Batida- und Altbierbowle-Gläsern bis hinaus auf die Straßen. Bickel blieb meist im Innenbereich, rauchte, schwieg, holte sich ein paar Broschüren, wie Flyer damals hießen, und las sich die Programme durch. Jeden Monat kam ein neuer, fotokopierter Info-Tipp. Die Postille bot das Kinoprogramm, ein paar Bilder, Artikelchen, Konzerte, Werbung für Hi-Fi-Studios, Buchhandlungen, alternative Frisörsalons, die Hairport, Frisurladen oder sonst wie hießen, Platten- und Jeansgeschäfte. Im letzten Heftteil standen chiffrierte Kontaktanzeigen: Er sucht Sie. Diese Rubrik nahm Bickel durch, um sich über die Eigenschaften und Sprüche der Mitbewerber zu informieren. Danach aber las er mit größter Langsamkeit und auf einige Biergläser den letzten Teil. Bickel kreuzte angestrengt an, die Zunge im Mundwinkel.



4
Der Frauenbuchladen in der Reginastraße ist für Männer verboten. Es gibt Tee und Kaffee. Bücher von Frauen für Frauen, Kuchen mit Namen wie Herrmann, die ewiggleichen Postillen in Kleinschreibung, und dem Charme nachlässig hektographierter Arbeitsblätter. Dagmar und Corinna sitzen oft im Laden. Er ist ein Refugium, das sie vor der bösen Welt draußen schützt. Sie fühlen sich wohl. Treffen auf Gleichgesinnte. Sie trinken eine Tasse Tee, holen sich eine Zeitschrift, auch die dümmliche Lokalzeitung und der Info-Tip liegen aus. Die jungen Frauen gehen im Sommer in der Goetheanlage spazieren, im Winter sitzen sie in ihrer Wohnung. Das Leben läuft vor sich hin und geht seinen gemächlichen Achtzigergang, ein paar Jahre bevor die große Gejagtheit einsetzt, in der unablässige und unmittelbare Kommunikation die wenige Zeit aus den kurzen Leben stehlen.

Dagmar und Corinna leben zusammen. Nicht, dass sie ein Paar wären, sie harmonieren einfach so. Sind Freundinnen und beziehungslos. Nachts sprühen sie heimlich Parolen an die Wände, in denen Zitate von Deter oder  Schmähungen des Westernhagen vorkommen, ganz wie auf den Stickern, die im Buchladen angeboten werden. Sie besitzen Kaffeekannen der Dreißiger, einen Ami 6, der meistens kaputt ist, und sich dann regungslos in seiner französischen Blechigkeit am Bürgersteig kauert. Manchmal kommt Wolle von oben, gibt Tipps und Starthilfe.

Wolle meint, man sollte die Karre aus den „Schrott schmeißen“, doch Dagmar und Corinna hängen an ihr: Sie habe eine Seele. Dagmar sieht wie eine jüngere Schwester von Dr. Schneider im Film „Türkisch für Anfänger“, Corinna wie die späte Janis Joplin aus - aber schlechter. Dagmar und Corinna sitzen auf einer Bank in der Goetheanlage. Gestiftet vom S… Das Schild ist kaputt. Es müsste mal wieder was passieren, ist der Tenor. Eine richtig gute Aktion. Ein radikaler Knaller. Was ganz Geiles.



5
Hedwig hatte es bis zur Stufenleiterin und einem Büro mit Türschild gebracht. Im Alltag nannte man sie beim Rufnamen Hedi, der zwei Bedeutungsrichtungen hatte: eine war freundschaftlich entgegenkommend, die andere aber gemein und spöttisch. Ein paar Leute hatten sich ihr in den Weg gestellt, doch Hedi war reich an Mitgliedschaften. Mithilfe von allerlei Frauenbeauftragten, juristischem Beistand der Gewerkschaften,  einigen Sozialdemokraten und der Kirche war sie recht zügig weitergekommen, hatte ihre Bezüge um ein paar Hunderter aufbessern können, gehörte zur Schulleitung, würde eine bessere Pension erhalten. und unterrichtete nur noch wenige Wochenstunden. Es ging ihr gut. Stufenleiterin und Fachleitung Deutsch, das war gar nicht schlecht für eine, die bisweilen Themen wie „Die Jagt“ und „Japanische Haiku’s“ in die Rubrik für Stundeninhalte im Klassenbuch eingetragen, und auch die Tafeln der Unterrichtsräume mit schlimmen Deutschfehlern versehen hatte. Zur Weihnachtszeit konnte dort auch schon einmal „Advend“ stehen, worüber man hinweggesehen hatte, um nicht noch mehr Staub aufzuwirbeln. Schließlich gab es schon so genug Ärger zwischen Hedi, Kindern, Eltern und Kollegen.

In ihrer Wohnung standen nur wenige Bücher, was für eine Deutschlehrerin ungewöhnlich war.  Sie mochte längere Texte nicht, und bemerkte gern, dass ihr das Lehrbuch stets vorausginge. Sollte heißen, anderes, als das darin Befindliche wollte sie gar nicht durchnehmen, auch wenn das Soll vor den großen Ferien erfüllt war. Dann unterrichtete sie ein wenig langsamer oder zeigte Filme. Die Bücher, in denen sie bisweilen blätterte, waren von Byrne, Bredford, Weidner oder Hasselmann, trugen Titel wie „Die Stimme der Herzensseelen“, „Dein Körper sagt, liebe Dich“,  „Handauflegen“, oder „Dein Spiegelpartner“, was weder mit dem alten Rudolf noch mit dem kleinen Jakob zu tun hatte. Sie hatte sich teuer bezahlte Pyramiden gegen kosmische Strahlung in die Wohnung gestellt, schätzte Katzen und Heilsteine, lauschte Platten mit Schamanenklängen, schwor, außer bei Zahnschmerzen, auf Heilpraktiker, Globuli und Bioresonanz. Hedi hätte sich allein mit ihrer Inneneinrichtung den Goldenen Aluhut mehr als redlich verdient. An Musik kannte sie nur, was im Radio lief, und hatte sich schon einmal bei ihrem Lieblingssender beschwert, weil ein Lied gespielt hatte, das sie gar nicht kannte.

In Hedis Leben hatte es auch Beziehungen gegeben, aus einer Liaison hatte sie sogar ihren langen Nachnamen in die Gegenwart gerettet, doch diese Verbindungen waren stets nur von kurzer Dauer gewesen, und auf unerklärliche Weise ins Undefinierbare  zerflossen. Wie das geschah, war immer wieder neu, und entzog sich jeder Erklärung. Jetzt bereute Hedi, dass sie sich in ihren jungen Jahren nicht mehr Mühe gegeben hatte. Nun, da sich die Spuren der Zeit auch in der Seele zeigten, stimmte sie die Einsamkeit oft traurig. Sie verbrachte die meiste Zeit mit ihrer besten Freundin, einer Kollegin, die an einer anderen Bildungsstätte unterrichtete und mit der sie sich gern im Partnerlook zeigte. Sie wirkten wie ein Paar Zwillinge, das in Brillenrändern Glotzaugen machte und sich in der Kleidung glich.

Hedi hatte sich beim Studium viel Mühe geben müssen, das Lehramtsexamen, auf das sie länger als üblich hingearbeitet, hatte sie zwar nicht alle Kraft gekostet, doch das meiste an den Wissenschaften hatte sie überhaupt nicht interessiert. Sie lernte, was sie lernen musste, und kannte nichts von dem vielen, was darunterlag. Auch in der Schule kratzte man bloß ein wenig an der Oberfläche. Einigen Kollegen reichte das nicht, sie bildeten sich fort, lasen, und hatten Stammtische, an denen aufgeregt diskutiert wurde. Hedi aber war nun ganz vom Stolz der Stufenleiterin erfüllt. Ein Umstand, der für Außenstehende kaum nachvollziehbar, für  manchen Beamten allerdings von höchster Wichtigkeit war.  

   

6
Abendroth bereitete seinen Unterricht gründlich vor und war jeden Morgen als erster in der Schule. Er konnte nicht zum Vorgong den Haupteingang, zum Stundensignal die Klasse betreten und unmittelbar seine Biologie präsentieren. Er benötigte Vorlaufzeit, ließ sich die zu haltenden Stunden in der Straßenbahn noch einmal durch den Kopf gehen, wägte Schwierigkeiten ab, und dachte sich neue Erklärungen aus. Er war verlässlich, blieb auch in angespannten Situationen stets ruhig, konnte sich jederzeit in die Sporthalle oder den Vorbereitungsraum der Biologielehrer zurückziehen, sich neben das menschliche Skelett setzen und dort ungestört letzte Planungen machen. Beim Anblick des Schädels musste Abendroth immer an das selbstvergessene Grinsen denken, das die vielen alten Leute in der Straßenbahn zeigten, die er gern beobachtete, wenn er nachmittags nach Hause fuhr. Zwar hatte Abendroth nach dem zweiten Staatsexamen seinen Platz im Lehrerzimmer behalten, doch hielt er sich dort nur auf, wenn es unbedingt nötig war. Die Gesellschaft des Skeletts war ihm oft lieber als all das aufgeregte, lärmige Getue und die Fragerei im Lehrerzimmer.

Er besaß einen Schulschlüssel, der Zugang zu seinen Fachräumen gab. Physik-, Biologie-, Geographie-, Chemie-, Sport- und Kunstlehrer hatten Rückzugsmöglichkeiten, die allen anderen versagt waren. Nur Mitglieder der Schulleitung waren mit Schlüsseln ausgestattet, mit denen sich die Türen sämtlicher Fachräume öffnen ließen.

Abendroth war scheu und mied den Kontakt zu Gleichaltrigen. Vielen Kollegen ging er aus dem Weg, und beschränkte den Kontakt auf das wenige, was mit seiner Tätigkeit zusammenhing. Doch hatte er im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen die Fähigkeit, mit großer Unbefangenheit auf Kinder und Jugendliche zuzugehen. Sie spürten, dass er sie mochte und vertrauten sich ihm bisweilen an.

Je älter die Mädchen waren, desto mehr kokettierten sie mit ihrer Schönheit, fragten nach seinem Alter, er ließ sie raten, sie nannten eines, das weit unter dem lag, was sich an seine Zügen ablesen ließ, und baten dann um bessere Noten. Sie fragten im Unterricht ganz unvermittelt, ob er sie mochte, warum er keine Kinder habe, ob er schon diesen und jenen Film gesehen habe. Und fragte er zurück, ob sie, die Schüler, ihn denn ebenfalls mochten, nickten sie, indem sie die Köpfe sehr langsam hoben und senkten, was der Bewegung etwas Nachdenkliches verlieh. Zu den Pausenaufsichten, von denen er zwei in der Woche zu führen hatte, begleitete ihn ein Pulk von Kindern.

In den großen Ferien verdiente er sich zusätzliches Geld, indem er Jugendfreizeiten auf Nordseeinseln begleitete. Manche Jungen waren erst zehn oder elf Jahre alt, und das erste Mal ohne die Eltern unterwegs.

Gepinkelt wurde immer, doch durch Ekel vor den ungewohnten Sanitäranlagen vermieden viele der Kinder größere Toilettengänge und zögerten sie bis zum letzten Moment hinaus. Wenn es dann gar nicht mehr ging, mancher konnte den Stuhl für zwei Wochen verhalten, musste man dann doch irgendwann auf das eklige Klo um sich zu erleichtern. Die Exkremente waren durch den langen Verbleib im Körper steinhart geworden und für das Abflussrohr zu sperrig. Abendroth und seien Kollegen mussten währen der letzten Tage abends mit am Strand gefundenen Plastikschaufelchen zum, wie sie es nannten, „Scheißehacken“ antreten. Abendroth machte dies nichts aus. Er sah es als seine natürliche Aufgabe.
 

Zu Hause kochte Abendroth wenig, nutzte immer dieselbe Tasse und nur einen Teller. Küchenarbeit war ihm ein Graus. Gäste gab es selten, wenn, dann an den Feiertagen, zu denen Familienangehörige auf Besuch kamen. Seine Frau war vor langer Zeit gestorben, hin und wieder kam seine Tochter, die eine Anstellung im Süden gefunden hatte. In all den Jahren hatten sich viele Bücher angesammelt. Er kaufte ständig nach, um immer eine Reserve für schlechte Zeiten zu haben. Im Jahr kamen um die achthundert, manchmal tausend Mark zusammen. Bücher verlieh er nicht, und betrat auch keine Bibliotheken. Bände verschenken oder wegwerfen konnte er nicht, es war ihm nicht einmal möglich, selbst das wenige an Schund, dass sich im Lauf der Jahre als geschmacklose Geschenkpakete bei ihm angesammelt hatte, zu entsorgen.

Im Gegenteil, ging es ihm einmal schlecht, und er konnte sich auf Anspruchsvolles nicht konzentrieren, waren die trivialen Texte für ihn wie eine Erholung, und er musste oft laut über die Aneinanderreihungen von Adjektiven in den Thrillern lachen, die deren Urheber aus Gründen besseren Zeilenhonorars geschaffen hatten. Da holte niemand Streichhölzer aus dem Mantel. Die Streichholzpäckchen wurden umständlich aus Manteltaschen genestelt und gefischt.
 
Abendroth träumte davon, einmal selbst einen Band zu veröffentlichen. Doch mit jeder Seite, die er bei seinen Helden las, verließ ihn der Mut umso mehr. Er beschäftigte sich mit Meisterinnen wie Barnes und Zauberern wie Nabokov.
  


7
Bickel hatte den letzten Bus genommen. Er wäre niemals betrunken Moped gefahren und wollte im Hinblick auf den großen Hunderter in der Garage seinen Führerschein nicht riskieren. Nun lief er im trüben Laternenlicht  nach Hause, an der Stadtrandkneipe vorbei, die auch ein paar Speisen anbot. Im Licht des Schaukastens mit dem Martini-Logo war zu lesen:


Deutschland - Jägerschnitzel
Italien - Schnitzel mit Tomaten und Mozzarella überbacken
Frankreich – Schnitzel mir Camembert überbacken
Ungarn – Schnitzel mit pikanter Zigeunersauce


Das war die vom Gasthaus angepriesene „internationale Küche“.

An Sonntagen aß Bickel manches Mal ein Deutschland-Schnitzel, zu dem ihn der Vater einlud. Unter der Woche machten sie sich Konserven warm. In den Vorgärten des Viertels wuchsen Blumen aus alten Kloschüsseln, aus Skulpturen grell lackierter Autoreifen. Im Norden lagen die Wohnanlagen der Arbeiter. Am Südhang die Siedlung bürgerlicher Einfamilienhäuser.

Stone, den er noch aus der Grundschule kannte, der „nur mit Akademikerkindern spielen“ durfte, und dessen frömmelnde Eltern sich im Kirchenvorstand mit zusammengebissenen Lippen hervortaten, hatte einmal ein Mädchen aus der Mietshaussiedung nicht mit nach Hause bringen dürfen, denn sie war nicht standesgemäß gewesen. Wrong side of the tracks, hat mal einer gesungen. Stone hatte sich über die Mädchengeschichte mit den Eltern  entzweit, das Haus verlassen, und war in eine andere Stadt gezogen.

Bickel öffnete leise die Tür, an den Fenstern hatte er abgelesen, dass der Vater schon schlief. Er stieg die Treppe hoch, schaltete den Receiver an, ließ sich ins  Sofa sinken und nahm sie noch einmal den Info-Tip vor, in dem er zehn Anzeigen angekreuzt hatte, von denen die Hälfte (eines der Ausschlusskriterien war das Alter) in die engere Wahl kam. Am meisten gefiel ihm die einer „C.“:

Su. Freund für m. jü.  Schwester D. (25): Genußm., attr., kocht gern, hört progr. Musik, liebt alte Autos, für alle sinnl. Abenteuer u. zum Pferdestehlen zu haben. Schüchtern, daher auf d. Wege. Bei gegens. Gefallen auch längerfr. Bez. mögl. Info-Tip Chiffre VR1278.

Als Bickel schließlich eine Antwort verfasst hatte, die ihm angemessen erschien, war es schon hell geworden. Bickel besah sich sein Schreiben mehrmals. Und steckte es in einen Umschlag, den er schon vor längerer Zeit mit einer Marke zu fünfzig Pfennigen versehen hatte. Er las noch ein wenig in den Kleinanzeigen, die für die Rosenkreuzer, Okasa, einen LP-Versand und elektrische Heizungen warben. Darüber schlief er ein.


8
Blickt man von der Anhöhe vor der Stadthalle die Huttenstraße hinunter, eröffnet sich ein ausgedehntes Panorama. Der Blick streift von ganz allein den weit oben im Park liegenden, mächtigen, die Wesenheit der Stadt bestimmenden Herkules, dann den Goetheanlage genannten, kleinen Park, und die dahinter liegende Häuserzeile, die zwischen Wilhelmshöher Allee und Herkulesstraße hineingedrängt liegt. In deren Mitte liegt die Wohnung von Dagmar und Corinna, die Wolles darüber. Links schließt das Diakonissenhaus die freie Fläche ab. Ein Parkplatz. Kranken- und Leichenwagen. Das ruhige Viertel wird überwiegend von Studenten bewohnt. Noch ist der Wohnraum billig. In vielen der Rundbogenfenster stehen Hanfpflanzen. Auf den Scheiben kleben die rotgelbzackigen Nein-Danke-Aufkleber, auch die frechen, mit der kleinen gereckten Faust. Anwaltskanzleien und mit im Viertel verwurzelten Praxen reihen sich an  kleine Restaurants und Kneipen, die Blätterteigpizzen, Käse- und Wurstplatten anbieten. Dépêche Mode und all die andern kehlig klingenden Wavebands haben die Shouter der Altrockgruppen abgelöst, und im ABC-Buchladen liegt allerlei linke Literatur aus, die auch von Männern erworben werden darf. Wer sich in der Kneipe sein Alt holt, kann es im Sommer gleich in die Goetheanlage mitnehmen, in seinen Latzhosen dort herumstehen, und später in der Kneipe Nachschub holen. Man fragt sich, wie diese Szene, der schon längst das Kolorit der Zeit anhaftet, wie all die biertrinkenden, zigarettendrehenden Langhaarigen ganz ohne Handy Abende organisieren können. Vielleicht trifft man nur die, die man eben trifft. Wer nicht dabei ist, wird seine Gründe haben.


Sommer macht träge. Alle Fenster sind geöffnet, und der Duft des hellen Javaanse Jongens entweicht nach draußen. Auf der Wiese haben sich ein paar Jugendliche versammelt, die Frisbee, Fußball und Gitarre spielen. Eine Ente keucht asthmatisch vorbei, erstickt den Klang der Gitarre, bremst mit lang gezogenem Heulen und biegt nach irgendwohin ab. Eine Geräuschwolke aus Rollschuhlärm und Mädchengequieke wiegt jetzt vorüber. Und nun nähert sich das regelmäßige Aufheulen der schlecht geölten Fahrradkette des Briefträgers, stoppt, der Ständer schnarrt nach unten, ein paar Sendungen werden eingeworfen, das Fahrrad schleppt sich weiter.

Eigentlich ist Corinna zu faul zum Briefkasten zu gehen. Doch in der Küche quillt der Müll über, sie will auch noch nachsehen, wer in der neuen Woche Treppendienst hat, und so läuft sie barfuss die Holztreppe hinab, bringt den Müll in den Hof und leert den Briefkasten.
Sie überfliegt die Anschriften. Die meisten Sendungen sind für Daggi. Sie legt den kleinen Stapel auf den kleinen Küchentisch, den sie aus einer alten Nähmaschine gebastelt haben, kocht Kaffee und wartet auf ihre Mitbewohnerin, der sie noch am Vortrag aufgetragen hat, vom Wienerwald „einen halben Flieger mit Pommes mitzubringen“. Sie liebt es, sich so flapsig auszudrücken.  Sie lässt den Kaffee durchlaufen, legte Carole King auf, die sie nur des freakigen Covers und der Katze wegen gekauft hat. I feel fhe Earth move schwappt durch die Wohnung, oben hört man Wolle und seine Freundin herumkruscheln, schon dreht sich das Türschloss, Daggi tritt ein, die Wienerwald-Tüte in die Höhe haltend, sie essen, trinken Kaffee, Daggi schaut die Post durch und ruft: „Da hat wohl einer angebissen. Info-Tipp, Conny!“
 


9
Eine Stufenleiterin muss originell und ideenreich sein. Es gilt, die Schule nach außen hin zu repräsentieren, Informationsabende für Eltern zu organisieren, sich darzustellen, Abläufe und Prozeduren zu strukturieren, ihnen mit den nötigen Dokumenten eine Richtung geben, und sie rechtlich abzusichern. Für Hedi aber war die Schule nicht mehr als eine bürokratische Institution, die von Lehrkräften und Kindern bevölkert wurde, die bloß den Ablauf störten. Klassenfahrten, Sportturniere, Praktika, all diese Dinge brachten sie durcheinander, und es kostete sie einiges an Mühe, Uhrzeiten und Termine mit den Kollegen abzustimmen. Wer ihr nach dem Mund redete, war willkommen. Wer aber eine eigene Meinung vertrat, und den Ablauf mit Forderungen behinderte, wurde abgebürstet.

Personen, die sich auf eine höhere Ebene begeben, werden oft zu Zielscheiben. Waren das Zwischenmenschliche noch vor kurzem harmlose Normalität, galt es nun, Claims abzustecken. Hedi hatte, bevor sie aufgestiegen war, Stunden gehalten, wie alle anderen auch. Nun aber hatte auch sie sich unbeliebt gemacht und eckte immer mehr an. Niemand nahm sie noch ernst, nichts lief mehr reibungslos und von allein ab. War Hedi noch kurz vorher etwas unaufdringliche Funktionierendes gewesen, über das man getrost hinwegsehen konnte, war sie jetzt nur noch unnütze Quelle immer neuer Scherereien. Auf Konferenzen wurde getuschelt. Ihr Name wurde hinter vorgehaltener Hand, sehr lang gedehnt, und im abfallendem Ton einer Terz ausgesprochen. Er war zum Synonym des Versagens schlechthin geworden.

Hedi saß den Vormittag in ihrem Büro. Auf die Klingelzeichen folgte regelmäßig das Geschrei der in die Klassen oder Pausenhöfe strömenden Schüler und das Aufplatschen und Quietschen ihrer Turnschuhe. Sie wartete. Außer Warten gelang ihr nichts, obgleich es noch viel zu tun gab. Wo war Abendroth wieder abgeblieben? Sie hatte ihn mehrfach zum Gespräch einbestellt. Es sollte um Sportveranstaltungen des nächsten Jahres gehen. Und nun saß sie allein und wartete. Mehrfach klingelte das Telefon, doch sie nahm nicht ab. Wahrscheinlich Mütter. Eine Unverschämtheit, mich hier versauern zu lassen, dachte sie. Es ist noch so viel zu tun. Sie holte einen Papphefter aus der Schublade, öffnete ihn, und vermerkte auf einer Seite, die schon fast voll geschrieben war:  

9.6.: Ern. Nichterscheinen des A.  H.K.-N., 11:15

Hedi legte die Akte wieder zurück, verschloss die Schublade, nahm sich ihre Tasse und machte sie auf die Suche nach Abendroth. Laut Plan müsste er nach der Pause eine Freistunde haben. Sicherlich war er, wie so oft, im Biologieraum und beschäftigte sich mit seinen Büchern. Hedi lief durch die alten Gänge.

Jetzt betrat Hedi das Vorbereitungszimmer. Obwohl sie wusste, dass es wieder grinsen würde, erschrak sie doch immer wieder neu über das idiotische Skelett. Daneben Abendroth. Er las irgendetwas, und hatte ihr Eintreten kaum bemerkt. Auf dem Gang hörte man die Stimmen von Erwachsenen und Kindern. Hedi erkannte ihre Chance unmittelbar. Etwas aus dem Unbewussten war nach oben gekommen. Sie schrie gellend auf, riss sich die Bluse aus dem Rockbund, die Türklinke knallte an den Stopper, federte zurück, traf sie an der Schulter, Abendroth saß mit offenem Mund vor dem Fenster und blickte in den nun offen stehenden Raum, in den ein paar Kinder und Lehrer hineinglotzten. Hedi lief weg und verschwand am Ende des Korridors.

Nun war sie im  Lehrerzimmer. Schüttelte den Kopf und schluchzte, Handflächen auf dem Gesicht, die ganz große Nummer. Sie erblickte durch die gespreizten Finger Abendroth, der ihr gefolgt, und im Türrahmen stehen geblieben war. Sie schrie auf, raffte ein paar Sachen zusammen, verließ, sich an Abendroh vorbeidrängend, das Zimmer - und verschwand. Abendroth blickte fragend in die Runde, niemand sagte etwas, es war, als stünde er als einziger Zuschauer vor einer absurden Bühne. Und dort wurde ein Stück aufgeführt, das er nicht begriff. Es klingelte. Noch zwei Stunden. Dann würde er den Heimweg antreten.

In der Straßenbahn suchte er, wie immer, ganz hinten einen Platz. Er besaß keine Fahrkarte und hatte seit zwanzig Jahren keine gekauft. Denn der Schaffner fing immer vorne an. Bis er zu Abendroth durchgekommen, wäre dieser längst ausgestiegen. Heute aber war alles anders. Es gab keinen Schaffner. Abendroth war noch immer aufgewühlt und blickte nach vorne in Richtung des Fahrers. Die ihm Zugewandten starrten ihn merkwürdig an. Ein Mann, ihm direkt gegenüber, mit steifen Hut, blickte unverwandt zu ihm hin, und kaute dabei Schokolade. Selbst der Fahrer, der mit seinen Brems- und Beschleunigungskurbeln beschäftigt war, schien ihn beständig im Rückspiegel zu fixieren. Ebenso glotzten ein paar Jungen, von denen einer ein altmodisches Jackett mit einer Ziernadel an der Außentasche trug, mit offenen Mündern zu ihm hin. Abendroth war froh, als er aussteigen konnte.
 


10
Conny und Daggi haben schnell geantwortet. Daggi hat zu sich eingeladen. Wolle hat ihnen noch ein wenig mit dem Schlafzimmerschrank geholfen und gar nicht gefragt, wozu sie den Ausschnitt brauchten. Egal, umso weniger musste man sich beim Flunkern anstrengen. Die Gedanken fliegen schon weiter in den Abend.

Jetzt klingelt es, und Bickel steht draußen. Wer sonst sollte es sein, außer diesem Bickel? Daggi hat ja geschrieben. Schöne Mädchenhandschrift. Schöner als Connys Gekrakel. Daggi öffnet. Conny ist vorher verschwunden. Daggi hat was gekocht. Reisgericht. Dieser Bickel mit seinem roten Gesicht und den Blumen sieht so harmlos aus. Daggi stellt die Blumen in ein altes Senfglas mit Henkel. Mal sehen, wie lange das so bleibt, das Harmlose. Die können einem doch nichts vormachen. Bickel langt beim Essen kräftig zu und Daggi hat Amselfelder eingeschenkt. Nun sind sie satt, sitzen am Nähmaschinentisch und reden. Das Gespräch kommt nicht so richtig in Fahrt. Offensichtlich interessiert Bickel sich nur für Dinge, von denen Daggi keine Ahnung hat. Und umgekehrt. Egal. Daggi flirtet gut. Berührt seine Hand. Sie scheint Bickel sehr zu gefallen. Er leuchtet. Und Daggi hat überall schöne Kerzen angezündet. Gemütlichkeit und Räucherstäbchenromantik. Weihnachten zur Sommerzeit. Im Flur an der Wand hängt ein Schild: Männern Zutritt verboten. Nur ein Witz, sagt Daggi, die sich nun, von Bickel gefolgt, ins mit weichgezeichneten Hamilton-Fotos drapierte Schlafzimmer begibt, sich aufs Bett setzt und Bickel, der davor steht, lächelnd Hüften und Schenkel massiert. Schon steht Bickel da in seiner männlichen Herrlichkeit aus Bauch, Feinrippunterhemd, die Briten würden es Wife Beater nennen, und einer farblich darauf abgestimmten, lächerlichen Unterhose, ebenfalls Feinripp, in der sich der erwartungsvolle Penis immer deutlicher abzeichnet. Daggi bittet Bickel, sich umzudrehen, sich wolle sich mal seinen Hintern betrachten. Er dreht sich, Daggi nun fast nackt, hat sich das dünne Jäckchen heruntergezogen, sitzt auf dem Bett und blickt, wie Bickel, zum Schlafzimmerschrank, in dessen Tür ein Loch mit von fünf bis sechs Zentimeter Durchmesser ausgesägt ist, und aus dem nun Auslösegeräusche dringen. Es öffnet sich die Schranktür, Daggi zeigt triumphierend auf Bickel, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Eine Beute ist er. Aus dem Schrank tritt Conny, macht weiter Bilder von Bickel, der breitbeinig in seinen blöden Unterhosen vor der halbnackten Daggi steht, die immer noch auf ihn zeigt. Nun rafft er seine Sachen zusammen, tritt die Flucht an, rennt mit dem Helm in der Hand und den ganzen Klamotten ins Treppenhaus. Conny und Daggi beglückwünschen sich, give me five, ganz aufgekratzt, ein guter Abend. Draußen knattert die Fünfziger davon.

Besser als so hätte es gar nicht laufen können, meint Conny. Sie bringen den 36er-Film zu Top-Speed. Der Mann im Studio sagt, sie könnten die Bilder in einer Stunde abholen.

Nun hocken sie wieder im Frauenbuchladen. „Mit denen von Zorra müsste man zuerst mal reden,“  sagt Daggi. Kein Problem, die Frauenfrau vom Buchladen ist eingeweiht. Hört mit. Schon rappelt am anderen Ende das Telefon: „Zorra. Hier ist die Steffi!“ Sie erklären der Steffi alles. Machen was aus: Sich treffen. Jetzt den Tee austrinken, zum Top-Speed-Studio zurückrammeln. Ein paar Mark teurer als üblich. Egal. Sie nehmen den Umschlag, ohne hereinzuschauen, in die Wohnung mit. Soll ja erstmal niemand mitkriegen den Knaller. Also, außer denen von Zorra und dem Buchladen.

  

11
Hedi saß in ihrer Wohnung herum und hatte gerade den gelben Zettel zur Post gebracht. Arbeitsunfähig. Fünf Tage. Drei wären zu wenig gewesen: eine Erkältungslänge bloß. Bei fünfen werden sie neugierig, dachte sie. Nachdenklich. Was hat die denn nur? Es wusste ja niemand Genaueres. Sie war sonst nie krank gewesen. Die paar Ausfallstunden waren leicht zu vertreten. Da gab es genügend Studenten, die sich ein paar Mark dazuverdienen wollten.

Sie ging nicht ans Telefon, und suhlte sich in der Gewissheit, die Suppe am Köcheln halten zu können. Alles war genau so wie in den schauderhaft süßen Vorstellungen der eigenen Beerdigung, deren warme Gefühlsströme Hedi gern auskostete. Alle blickten von oben in die Grube, schippten ein Schaufelchen lockerer Erde hinunter, ließen Blüten regnen. Und selbst solche, die ihr übel mitgespielt, oder sie bloß ignoriert hatten, waren bestürzt und fassungslos, weinten um die arme Hedi, eine, die sie noch gestern, vor ihrem plötzlichen Tod,  am liebsten zum Teufel gejagt hätten.


Nun, um zwanzig nach neun, wird im Lehrerzimmer sicherlich getuschelt. Was denn nun sei mit  dem Herumschreien und dem Abendroth. Hedi freute sich daran, wie andere Unterricht halten, und sich an den Vormittagen mit den frechen Kindern plagen mussten. Der eingebildete Abendroth mit seinen albernen Büchern wird sich Fragen stellen. Und überhaupt ihre seelische Gesundheit bezweifeln. Ihr ist es einerlei, sie wird ihnen allen schon zeigen, was an Kraft noch in ihr steckt.


12
Bickel war mit der Fünfziger nach Hause gefahren, und entgegen seiner Gewohnheit grob mit der kleinen Maschine umgegangen. Er hatte den hell klingenden Motor hochdrehen lassen, die Gänge vor- und zurückgetreten, und die Bremsen vor den roten Ampeln im letzten Augenblick scharf angezogen. Das halboffene Hemd hatte vor der Brust und überm Hosenbund geflattert, den Helm hatte er nicht zugeschnallt. Sein Verschluss schlackerte im Wind.
  

Bickel saß nun stumpf in seinem Zimmer. Der Fernseher ohne Ton. Solches hatte noch nie erlebt. Ob er Daggi im letzen Moment nicht mehr gefallen hatte? Aber warum stand dann plötzlich eine zweite Frau im Zimmer, war aus dem Schrank getreten, eine Kamera in der Hand? Suchte die andere einen Mann und hatte Daggi als Lockvogel eingesetzt, weil sie so hässlich war? Oder wollte Daggi ihn selbst auf die Probe stellen, die männliche Kampfbereitschaft einer Prüfung unterziehen? Gefiel er ihr nun, oder nicht?

Hoffnung und Verzweiflung waren in einen Kampf verstrickt. Der Kampf lähmte. Die Verzweiflung gewann. Übelkeit kroch in seiner Brust nach oben, ritzte mit scharfen Obertönen in der Speiseröhre herauf. Er fühlte sich schwer und rang nach Luft.

Und jetzt war er vor Erschöpfung eingeschlafen. Wie in  den Fiebernächten der Kindheit träumte er einen zermürbenden Traum. Sein Atem war von Hustenanfällen unterbrochen. Jede Attacke wurde in grüne Quader verwandelt, die langsam durch den Raum schwebten. Alle Stöße brachte den Träumenden an die Oberfläche des Bewussten, doch der Schlaf zog ihn wieder hinab. Nun war das Husten schwächer. Bickel wurde es schwer in den  Gliedern. Eine Masse schwarzweißer Körner begrub ihn unter sich. Die Körner wirbelten, wie Bildsalat des Fernsehers, als Meer reiskorngroßer Schneeflocken um ihn herum, wurden schwerer und mächtiger und zerdrückten seinen Körper, der, vereinzelt noch, Blöcke grüner Hustenstöße in die Körnermasse schoss.

Nun konnte er keinen Zeh, keinen Finger mehr bewegen. Das Atmen wurde mühsam. Um den Brustkorb zu erleichtern, drückte er beide Arme nach unten, doch sie versanken in der Masse, die begonnen hatte, von unten seinen Rücken zu zermalmen. Einen letzten, millimeterkleinen Atemzug würde es noch geben. Dann käme das Ende.

Doch nun wurde ein Millimeter Regung möglich. Bickel bewegte einen Zeh des linken Fußes, mehr Folge leistete sein Körper ihm noch nicht. Und nun folgte ein Finger, die linke Hand, rechte Hand, ein ganzes Bein, die Gesichtsmuskulatur. Nach und nach eroberte er sich den Leib zurück. Es ging ihm besser. Morgenröte schimmerte ins Fenster. Sie mischte sich mit kühler Luft und dem blauen, flackernden Licht der Mattscheibe.



14
Es wurde schon später Nachmittag. Abendroth hatte seine Lektüre unterbrochen, und aus der Bäckereifiliale im Untergeschoss zwei Brötchen besorgt. Der Briefkasten enthielt ein paar Sendungen, die er bei der Rückkehr in die Wohnung mitnahm. Nun saß er am Küchentisch, und sah die Post durch. Die übliche Werbung legte er nach hinten. Ein paar Rechnungen, ein handschriftlich adressierter Brief.

Eine behördlich aussehende Sendung war wohl von der Bezügestelle oder vom Schulamt, obwohl die Zeile Persönlich – nur vom Adressaten zu öffnen fehlte. Er schnitt den Umschlag mit dem Brotmesser auf, und war erstaunt über das ungewöhnliche Vokabular, das nichts mit dem gemein hatte, was er üblicherweise las. Wortfetzen, Buchstaben, Daten, Aktenzeichen und Währungsbezeichnungen wirbelten vor seinen Augen. Abendroth wurde schwindelig, als er versuchte, mit dem Lesen zu beginnen. Ganz entgegen seiner gewöhnlichen Art, sich in jedwelchem Text mit Leichtigkeit zu vergraben, schien sein Verstand nunmehr im hektischen Wirbel der merkwürdigen Wörter zu versinken. Abendroth schmerzte der Kopf. Eine Hitzewelle kroch ihm im Anblick der Satzfetzen ins Gesicht, Bruchstücke, die sein Innenleben erstürmten, ineinander griffen, und es mit kalter Bedrängnis fixierten:

Aufklärung eines Vorfalles. Sachbearbeiterin. Werden Sie deshalb gebeten. Der sich am in der um Uhr ereignet hat. Die sofortige Vollziehung wird hiermit angeordnet. Wird Ihnen zur Last gelegt, sollten Sie ohne hinreichenden Grund, der

Vorladung,
Vorladung,
Vorladung

aber nicht Folge leisten, so kann gegen Sie ein Zwangsgeld in Höhe von Mark festgesetzt, telefonisch oder schriftlich alsbald, spätestens jedoch bis zum zu benachrichtigen, so kann diese Vorladung zwangsweise durchgesetzt, rechtliche Grundlage § 16 Abs. 4 Satz 1 des Hessischen Gesetzes über  Aufgaben und Befugnisse der, gegen diesen Bescheid zum Ermittlungsverfahren kann innerhalb einer nach Bekanntgabe Widerspruch erhoben werden. Er ist schriftlich oder zur Niederschrift bei dem Gericht in einzulegen.

Da Wut viel Kraft geben kann, überlagerte sie Abendroths Verzweiflung bei weitem. Die Bruchstücke setzten sich zu einem Bild zusammen. Was wollte die von ihm? Er, ein Abendroth, ließ sich doch von diesem Kaliber nicht in die Pfanne hauen. Im Vorzimmer des Biologieraumes! Und dann auch noch die vertrocknete Schabracke mit dem krummen Gang. Eine mit sperrigem Doppelnamen, dem Kevinismus der Titellosen, mit sieben Silben. Da gab es Attraktivere im Kollegium. Welche, die zwanzig Jahre älter und doch verführerisch waren, deren Alter allein schon Element eines so großen Reizes war, wie Hedi ihn niemals wecken könnte. Abendroth war in seiner männlichen Ehre gekränkt. Nicht nur die Scham der Anschuldigung, nein, die Behauptung, einer wie er könne an derartigem wie Hedi Gefallen finden, war unverschämt und peinlich genug. Denn es war so: Obgleich er Menschen mied, gab er viel auf Reputation.

Doch nun näherten sich die Geister: Was, wenn? Sich verteidigen, aber wie? Aussage gegen Aussage. Im Rechtlichen kannte er sich nicht aus. Was passierte mit ihm, käme Hedi mit der Farce durch? Abendroth kam es vor, als stürzte der Grund schneller und schneller hinunter. Die rasende Fahrt ins Bodenlose bereitete ihm Übelkeit. Er hielt sich an Stuhl und Tischplatte fest. Im Flur stand das Telefon. Er hätte mit jemandem reden können. Scham hielt ihn zurück. Das war sein erster Fehler.

Nun hatte er, ganz entgegen seiner Gewohnheit, da es erst Mittwoch war, eine der Flaschen aus dem Barfach in der Bücherwand geholt. Er goss sich immer wieder nach. Der Alkohol festigte, und schien ihn aufzurichten. Die Sicht zum Fenster wurde klarer. Ideen kamen und gingen in immer rascherer Folge. Szenen wütender Auftritte wechselten sich ab mit solchen überlegener, gut formulierter Replik. Er spitzte genüsslich die Lippen, malte sich Plädoyers, brach in schallendes Gelächter aus. Nun war er dunkel. Die Lichtpunkte der Straßenlaternen waren im Blick nicht mehr zu halten und kreisten wie wild geworden. Abendroth kroch zum Sofa, und versank in einen abgrundtiefen, von schweren Atemzügen durchzogenen Schlaf.

Am Morgen wäre er gern aufgestanden, als das Licht kam. Wie ein Faden zog sich ein sirrendes Gefühl Abendroths Speiseröhre hinauf. Es kam ihm vor, als drängte ihn eine innere Kraft, sich zu erheben. Doch unvermittelt verwandelte sich der Faden in eine Würgeschlange, die in ihm hoch kroch, und dabei den Magen einzwängte. Die Augen brannten und quollen in ihren Höhlen. Die Glieder waren ihm schwer. Etwas Übelgelauntes und Wütendes gab der Schlange Nahrung, die nun ihren Zugriff verstärkte. Sein Gesicht fühlte sich wüst und verschoben an. So konnte er nicht in der Schule erscheinen. Wie sollte er in solchem Zustand vor Klassen bestehen, die all seine Aufmerksamkeit forderten? Er ging ins Badezimmer. Das nahm einige Zeit in Anspruch, denn er hatte in der Nacht einige Male Wasser trinken müssen, wie ihm nun einfiel. Er suchte in der Küche nach etwas Süßem, um den üblen Geschmack im Mund zu bekämpfen. Gierig aß er ein Stück Schokolade, griff zum Telefon, und meldete sich krank. Das war sein zweiter Fehler.

Das Sekretariat wollte gar nicht wissen, was ihm fehlte. Ein Umstand, den er erst später wahrnahm, als die Nebel in seinem Kopf sich lichteten.



14
Die neue Zorra lag seit zwei Wochen in den Kneipen aus. Sie bot die üblichen Geschichtchen, Philosophisches, Reiseberichte. Eine Sache allerdings war ungewöhnlich: Es gab ganzseitige Fotos, schwarzweiß, auf dem ersten konnte man einen Küchentisch mit einer Weinflasche, abgegessenen Tellern und einer Tropfkerze sehen. Darunter der Bildtitel „Die WG-Küche“. Es kamen noch ein paar Bilder, mit „Tatort“-Untertitelung, dann ein Text zweier Frauen, es war eine Regionalreportage zum Thema Männergewalt,  ein paar Kleinanzeigen. Die Reporterinnen hatten es innerhalb weniger Tage zu einiger Szene-Bekanntheit gebracht. In den Kneipen wusste man Bescheid, die Lokalpresse war nicht auf den Fall eingegangen, doch jeder in den Kneipen hatte den Artikel gelesen, Leute ohne Sinn für Lektüre taten, als ob, und redeten dafür umso mehr. Der Bericht wurde diskutiert und eingeordnet: Ein Schwein, der Kerl. Wie man nur so könnte.

An einem der im hinteren Teil der von Kerzen erleuchteten Crêperie de Jacques (das Kneipenschild war falsch geschrieben) saß Bickel beim Bier. Er hatte ungewöhnlich lange auf die Bedienung warten müssen, sich ein wenig umgesehen, Musik gehört, eine Kleinigkeit gegessen, am Tresen eine Mark für den Info-Tip bezahlt, und sich aus dem Ständer noch eine  Zeitschrift mitgenommen. Bickel hatte nicht genau hingesehen, um welche Art von Journal es sich handelte, denn er blätterte gern in allerlei Magazinen.

Nun stutze er. Den Küchentisch kannte er doch. Es war der Tisch einer Frau, deren Namen er schon fast vergessen hatte. Daggi! Und nun eine ganzseitige Schlagzeile:  Kontaktanzeigen-Affäre. Zwei Frauen kämpfen gegen Sexismus! Ein Text begann, in dem die harmlose Idee für eine Anzeige beschrieben wurde. Ein gewisser Bickel habe sich gemeldet, der Name war ausgeschrieben. Bisschen Freundschaft. Es wurde eingeladen, dann habe sich der Gast als vom wilden Trieben gesteuertes Sexmonster entpuppt, das man mit Gewalt habe bändigen und herauswerfen müssen. Bickel blättere weiter, sah sein Abbild, das in  Unterhosen und breitbeinig vor einem Bett stand, der ausgestreckte Finger  einer Frauenhand zeigte auf ihn, auf dem nächsten Foto, Halbtotale, war Daggi zu sehen, hielt sich eine Hand vor die entblößte Brust, mit der anderen zeigte sie auf den konsternierten Bickel, der erschreckt ins Objektiv blickte. Sein Mund war blöde geöffnet, und die Arme standen vom Körper ab. Das war er selbst, wie bei einer Sicherheitskontrolle auf dem Flughafen, in Liebestötern und mit ungläubigem Blick.

Die Musik hatte aufgehört, Bickel sah auf, die Kneipenmenge starrte ihn an, sie zeigten auf ihn. „Das ist dieser Pickel“, sagte jemand. Ohne zu zahlen flüchtete Bickel aus dem Etablissement, sprang auf die Fünfziger, und fuhr weg.

16
Tagelange Passivität und die Unfähigkeit, sich mit irgendetwas zu beschäftigen, hatten Abendroth zermürbt. Er war wieder in der Schule erschienen, doch man sah erstaunt zu ihm hin, wie überrascht, ihn doch noch einmal in der Lehranstalt erblickt zu haben. Im Lehrerzimmer waren alle in Gespräche vertieft, und es konnte Abendroth nicht gelingen, sich einer der Gruppen anzuschließen. Ihm war, als drehten sich Elektronen um Atomkerne und bildeten dabei eine undurchdringliche Schale schwirrender Wörter. Hedi war wohl nicht anwesend, das Büro verschlossen. Gern hätte er um eine Aussprache gebeten, doch jemand hatte ihm zugeflüstert, es bestünde ihrerseits offensichtlich kein Redebedarf.

Auch in den Klassen war die Arbeit schwer, es wollte keine Ruhe einkehren, und Mittel, die er früher immer angewandt hatte, um für Stille zu sorgen, wirkten nicht. Es hatte doch immer gereicht, sich stumm vor der Tafel aufzubauen, die Arme verschränkt. So trat meist das Schweigen ein. Heute aber war alles anders. Jeder wollten Fragen stellen, die mit dem Unterrichtsthema nichts zu tun hatten. Diese Fragen waren zudringlich und penetrant. Was denn mit Frau K.-N. sei, ob es Streit gegeben habe? Abendroth antwortete ausweichend, Er habe keinerlei persönlichen Bezug zu K.-N., könne daher nichts sagen. Das Thema einer vielleicht vermasselten Klassenfahrt wurde vorgebracht, K.-N. habe angedeutet, diese würde wohl ausfallen. Abendroth konnte den Unterricht nicht beginnen, denn die ungenügende Aufklärung hatte für noch mehr Unruhe gesorgt. Man verband ihn, Abendroth,  persönlich mit KN, Gründe dafür fielen ihm nicht ein. Eine Schülerin, die schon immer vorlaut gewesen war, brachte das Wort einer Kollegin vor, die angegeben habe, nur er, Abendroth, wäre in der Lage, Erklärungen zu liefern. Als die fünfundvierzig Minuten vorübergegangen waren, war Abendroth froh. Den Rest des Tages hatte er nur noch jüngere Schüler zu betreuen, die stellten solche Fragen nicht, doch auch bei denen kehrte kaum Ruhe ein.

Nach dem Ende der sechsten Stunde, als alle Kollegen das Schulgebäude bereits verlassen hatten, wartete Abendroth auf die Rückkehr Hedis. Niemand kam. Schließlich bedeutete der Hausmeister ihm barsch, das Schulhaus endlich zu verlassen.



17
Gute Zeiten vergehen schnell und schlechte dauern lange. Entgegen dieser Regel war Abendroths Zeit zur Vorladung sehr rasch gekommen. Er hatte sich Beistand engagiert, mit kaum wahrnehmbarer Stimme ein paar Aussagen gemacht, ein Termin wurde anberaumt, und nun saß er auf der Anklagebank. Schon bei den ersten Anhörungen war ihm wegen der grotesken Vorwürfe der K.-N. die Luft weggeblieben, und geeignete Repliken waren ihm, entsetzt wie er war, nicht einmal in der Anwaltskanzlei über die Lippen gekommen. Die halbherzige Verteidigung musste sich auf die dürre Aktenlage stützen, und ihre Argumente auf das verhuschte Erscheinungsbild und die Widersprüche der Klägerin stützen.

Das wenige, was Hedi konnte, hatte sich beim Prozess wie eine geballte Faust in ihr konzentriert und zusammengezogen. Nun entfaltete es all seine Macht, die sich nur hier und an dieser Stelle zeigen konnte. Abendrot hörte kaum zu, erinnerte sich aber an seine Studentenzeit mit ihren Kneipen. Dort standen Alkoholiker mit dicken Stirnwülsten an den Theken, die Gefühle wie mit einem Schalter an- und abstellen konnten, um mit den falschen Tränen noch ein Glas Wein zu erbetteln. Genau so tat es nun Hedi, die auf Anhieb Grotesken erfinden, Aufschreien, ohnmächtig werden, Tränen vergießen und aus dem Saal flüchten konnte, wie es ihr gerade in den Sinn kam.

Abendroth aber saß als versteinerte Kulisse auf der Anklagebank. Ob des großen Theaters und seinem besonderen, routinierten Wortschatz, war er wie gelähmt, und konnte kein Wort hervorbringen. Hedi schilderte unter theatralischem Schluchzen, wie Abendroth sie in den Vorraum gelockt, die Tür von innen versperrt, sie, Hedi, gewürgt, geohrfeigt und vergewaltigt habe, all dies im Anblick des die Zähne fletschenden Skeletts, schließlich sei ihr die Flucht gelungen, Abendroths Schlüsselbund habe noch von innen im Türschloss gesteckt, sie habe es gedreht und sei in den Gang entwichen.

Hedi nannte Zeugen, die gar nicht anwesend gewesen waren, brachte die Frauenbeauftragte ins Spiel, die ihrerseits vom sexistischen Klima an der Schule und der Vergewaltigung als einer logischen Folge sprach. Abendroth konnte niemanden benennen, denn er war ja im Vorbereitungsraum allein gewesen, sieht man einmal vom Skelett ab.

Richter und Staatsanwalt waren noch jung. Sie brauchten einen harten Spruch, der ihre Karrieren fördern konnte. Abendroth wurde wegen Vergewaltigung der Hedwig K.-N., genannt Hedi,  zu sechs Jahren verurteilt, vom Dienst suspendiert, und musste die Haft unmittelbar antreten. Er verlor Anstellung und Pensionsansprüche.

Abendroth, dem die Anwälte noch einiges zugeraunt hatten, hatte die Tragweite dieses zerstörerischen Verdikts erst realisiert, als die schwere Zellentür hinter ihm ins Schloss gefallen, und sich der Wärterschlüssel unter lautem Rasseln mehrfach gedreht hatte. Obgleich Abendroth gern allein war, und auch einige seiner Bücher hatte mitnehmen können, quälte ihn der Gedanke an die Unmöglichkeit, den Raum zu verlassen, aufs äußerste. Er war wütend über sein Versagen, im richtigen Moment das Wort nicht ergriffen zu haben, legte sich Repliken zurecht, die er am Tag und in schlaflosen Knastnächten immer wieder innerlich durchspielte, und formte aus Vorwürfen und Erwiderungen Vorträge, die er sich in Stichworten notierte. Bald beherrschten die Gespräche sein Denken und wurden Wahn, da er laut mitsprach, was sein befallener Kopf ihm vorspielte. Gedanken an Wochentage, an denen er telefonieren, arbeiten oder duschen konnte, wurden überhäuft vom lautem Hirngebrüll, das er nur hören konnte, mit dem er fortan leben musste, dessen aus Langeweile gereimte Schlagzeilen er wiedergab, indem er, der Einzelhäftling, im Kreis umherschritt:

„Gaeil, aber frustriert, dass keiner mehr auf den Arsch guckt, Wimper zuckt, kein Wunder, dass sie dich verlassen haben bei dem Irrsinnslabern, nur den blöden Nachnamen über die eine Ehe nett mit hinausgerettet, machst Termintheater, dich selbst zu legitimierten, hat schon mein Vater mich gewarnt, auf der Pfanne hast du ja eh nichts, wenn, dann nur fettarm, wer bis dreizehn Uhr nichts gebacken kricht, muss sehen, wie er Leuten das Rückgrat bricht, direkt mitten ins Gesicht, wer sich organisieren kann, legt seine Termine allein an, in der freien Wirtschaft hätten sie sie an die Luft gesetzt, Freundinnen draufgehetzt, unverschämte Behauptungen aufzustellen, Lügengebäude und Tabellen, die Leute in die Zelle bringen, haben deine blöden Pyramiden mit ihrer Strahlung das Gehirn zerrieben, zerstört, ich,
kaputtes Leben, geisteskrank, Klapsmühle? Da geht’s lang! Wo der Pfeffer wächst, zwanzig Jahre ohne Sex, habe ich kein Problem mit, genau, nach Mackedonien, einen durch den Juror hier kaputt machen, mit dem begriffsstutzigen, von blöden Gedanken befallenen Kopf, mal im Keller anketten, DBDDHKP nach Idiotenhausen gehen, so was muss ich durchstehen!“

So vergingen Abendroths Tage, die von Hofgang und dem Klopfen der Essensausgabe unterbrochen wurden.

Kam Besuch, wurde sich Abendroth seines Verhaltens bewusst, und das Wirren seiner Seele kam zur Ruhe. Ablenkung holte ihn aus dem Teufelskreis der Gedanken heraus. Er konnte sich in die Rolle der Besucher versetzen und wollte ihnen nicht die Szenerie eines im Wahnsinn brabbelnden Mannes zur Vorstellung geben. War er allein und in sich selbst, was sein Schimpfen nur zu logisch. Dem Besuch aber müsste er als Mensch erscheinen, der, im Kreis laufend, Unverständliches von sich gab. Diese Klarheit der Beobachtung entfernte ihn von sich selbst und löste den Kern seines Wesens nach und nach auf.


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Lais
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Rodge
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BeitragVerfasst am: 11.01.2017 12:12    Titel: Antworten mit Zitat

Uff...du erschlägst uns hier mit Text. Für mich ist das Schreiben ein Hobby. Die Textarbeit an anderen Texten dient mir dazu, eigene Schwächen zu erkennen (tatsächlich finde ich vermutlich nur Dinge, die mir selbst nicht oder  nur schwer gelingen). Daher ist für mich die Textarbeit an anderen Texten die Nebentätigkeit zur Nebentätigkeit.

Ich fände es besser, du prüfst die Ratschläge die schon da sind darauf, ob sie für Dich was taugen und überarbeitest dann damit deinen Text. Dann macht es auch wieder Sinn eine Passage einzustellen (und nicht ganze Kapitel des Romans).

Grüße
Rodge
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lupus
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BeitragVerfasst am: 11.01.2017 18:49    Titel: Antworten mit Zitat

Servus CLS, grüß Sie, Herr S.

Also, gleich einmal so allgemein:
das is schon eine ziemliche Lawine, aber es soll ja ein Buch werden Smile
Lawine auch sprachlich.

Dein Stil ist - weißt du ja - genau auf meiner Wellenlänge. Da gibt es von meiner Seite nix auszusetzen. Im Gegenteil. ME passt da fast jedes Wort, jeder Satz sitzt, zieht weiter rein. Das ist vlt gerade auch ein Problem: ein bisserl fehlen die Verschnaufpausen. Du hilfst dem Leser kein Bisschen. Der ist völlig auf sich gestellt: entweder er bleibt immer und ständig voll konzentriert, rechnet in jedem Satz mit neuer Info, neuem Input, der Fragen auslöst, etc oder eben nicht. Friss Vogel oder stirb. Ich mag's. Aber es ist ein bisserl anstrengend. Da werden Namen hin geworfen und es scheint dir egal zu sein, ob das jemand kapiert. Da wird mit lokalem Wissen gearbeitet und wer nicht aus der Gegend ist (v.a. schon ewig war) ... scheiß drauf. Ich mag's. Aber es ist anstrengend. Das ist sprachlich sehr komprimiert. Da steht jetzt wirklich nix Unnötiges, nix, was einem die Gelegenheit gibt, nachzudenken. (Üblicherweise macht man es doch so, dass der Leser während des Lesens des nächsten Satzes die Möglichkeit hat, über den vorigen Satz nach zu denken, bei dem Text aber ist meistens im nächsten Satz wieder was, sei es inhaltlich oder sprachlich, und nach ein paar Sätzen weiß man nicht mehr worüber man nachdenkt ... das ist jetzt übertrieben, soll aber nur als Anregung dienen, wobei ich ja glaub du willst das so. Ich mag's, aber es ist anstrengend.

Was mir besonders positiv auffällt - wieder einmal: Die Satzstrukturen variieren permanent. Da ist kein Muster fest zu stellen und selbst die langen Sätze kommen so natürlich, als hättest du den Arzt mit einem Traktat davon abgehalten, die einen ersten Klaps zu versetzen.

Ich geh jetzt durch (kann etwas unübersichtlich werden, bei der Menge):

1)
Die jungen Frauen passten nicht ins das gesetzte

Zitat:
Eins, zwei, drei. Blond, schwarz, rot. Die jungen Frauen passten nicht ins das gesetzte, sommerlich dösende Viertel: Kleidungsstil, lautes, von weitem schon deutlich zu vernehmendes und aufgeregtes Gekicher. Ein Zettel wurde hervorgezogen. Nun glichen sie Hausnummern ab. Das grelle Make-up, die hohen Stiefel in der Hitze, die gemeinsame Flasche Asti, die Handtaschen in schrillen Farben und kurzen Wildlederröcke mit den langen Fransen, all das deutete auf Fremdes hin, vielleicht gar auf eine längere Anreise vom anderen Ende der Stadt.


Das ist ein derart genialer Einstieg, dass einem die Spucke wegbleibt.
blau: 'vom anderen Ende der Stadt' und dann ist der Nagel im Holz
das ist die letzte ausfürhliche Liebesbezeugung an den Text, sonst werd ich nie fertig, ab jetzt einfach blau

Die Schwarzhaarige trat durch den offen stehenden Eingang und warf ihm Bezuggrußlos die Tür vor der Nase zu

Noch ehe der junge, vor dem Gartentor stehende Mann grüßen konnte, hatte ihn die Schwarzhaarige, offensichtlich sollte er nun „Ey“ heißen, gefragt, ob „hier der Atze“ wohne. Kannte er den? Einen Andreas, Achim oder Matthias, zu deren Vornamen diese Abwandlung passte, kannte der junge Kerl nicht. Meinte sie etwa den sonderbaren Typen aus der Nebenstraße? Den Axel Irgendwas? Er kannte jeden aus dem Stadtteil unter dreißig, und hoffte, als er sich die drei genauer besehen hatte, selbst das Ziel einer Namensverwechslung zu sein.

Zitat:
2
Das Leben ist überraschend kurz. Mancher verlässt die Bildungsstätten nie. Kaum ist die Grundschule zu Ende, steckt das Abitur in der Tasche. Und wird man nicht eingezogen, kann ein Studium beginnen. Das galt auch für Abendroth, ich frag mich, ob es nicht ein bisserl zu lange dauert, bis der Leser erkennt, dass hier ein neuer Prota eingeführt wird - ich musste/wollte jedenfalls das Kapitel neu anfangender sorgfältig geplant hatte. Das Lehramt wäre sicher und vorhersehbar. Entwicklungsmöglichkeiten bot es zwar keine, dafür aber Ferien. Das Gehalt war durchschnittlich, doch als Alleinstehender konnte man gut davon leben.

Humor, unterschwellige Kritik, perfekte Charakterisierung, auch in derFolge


Jemandem gutes Deutsch beizubringen, sah er als unmöglich. gefühlsmäßig fehlt mir ein 'an' oder stattdessen erachten oder Ähnliches?

 Abendroth hatte sein Studium sehr schnell mit hervorragendem Abschluss beendet (es hatte ihn kaum gefordert), Praktika absolviert, und sein Referendariat genau an der Schule angetreten, die ihm selbst zum Abitur verholfen hatte. Ein paar seiner ehemaligen Lehrer waren noch da, und im Gebäude hatte sich kaum etwas verändert. Die Böden rochen immer noch nach Bohnerwachs, die Umkleide nach süßem Schweiß, und im Sekretariat standen immer noch die schweren Wählscheibentelefone, die für gutes Geld schon im Antiquitätenhandel angeboten wurden.

Im Referendariat würden sie ihn ein wenig quälen; oft sind die Ausbilder an den Seminaren ehemalige Lehrkräfte, die im Schulalltag gescheitert, zu Alkoholikern, psychisch Kranken, Medikamentenabhängigen, bitteren Charakteren geworden waren, die man nach langen Jahren als „Wanderpokale“, wie sich der alte Direktor gern ausdrückte, an den Schulen nicht weiter dulden, und nicht mehr auf Schüler und Eltern loslassen konnte: Sie kleideten sich bisweilen wie Zwölfjährige, hatten die Fünfzig aber schon vor langer Zeit überschritten, und sollten Abendroth nun beibringen, was sie selbst nicht beherrschten, sollten beurteilen, was sie selbst nicht leisten konnten. Von solchen Gestalten gab es viele mehr, als Abendroth zu Anbeginn befürchtet hatte. Von den Altsemestern war an der Uni viel gemunkelt worden: Dass Ausbilder sich beispielsweise gern an denen rächten, die vieles besser konnten als sie selbst. Abendroth hatte zwar alles mitgebracht, was ihn zu einem guten Lehrer machen würde, er war begeistert von seinen Fächern, liebte die Kinder und nahm sich ihrer Sorgen an. Und doch sollten die Ausbilder ihm die ersten zwei Jahre seiner Tätigkeit zur Hölle machen.

Er suchte sich einen Platz im Lehrerzimmer, von dem aus er links die Schließfächer sehen, und rechts den hellen Blick aus den Fenstern zum Schulhof und den Bäumen genießen konnte.


Da schwirrt mit der Kopf ob der Zeiten'vielfalt'. Es passt ja möglicherweise irgendwie, aber hier fehlt mir der Geist, wirklich hinter das zeitliche hin und her zu steigen. Ansonsten ist das schon gewaltig. Ganz seltsam: an sich würd ich hier von Infodump reden. Zeigt sich hier, dass keine Regel in Stein gemeißelt ist. Hier passt das einfach, nicht zuletzt der Sprache wegen

Zitat:
3
Bickel hatte den Ausklang des Wochenendes genossen. Nun war er wieder allein, wie so oft. Als unförmiger Klops hatte er bei Mädchen keinen Schlag. Er begriff nicht, wieso Leute, die er für dümmer und talentloser hielt, mehr abschleppen konnten als er selbst. Schließlich stand unten die Fünfziger?? Moped??. Er besaß einen Job. Job besitzen? Und in einem Jahr würde er den Hunderter Audi vom Alten geschenkt bekommen, der als Zweitwagen, schon tiefer gelegt und breit, in der Garage stand.  Doch ihm, der die Frauen liebte, fielen nie die Sprüche ein, die sie zum Lachen bringen konnten. Er war Praktiker. Fahrer. Bastler. Einer, dem alles gelang, was mit Geschick zu tun hatte. Er konnte die Fünfziger über den Hügel am Friedhof jagen, auf der Landstraße abheben, in die Hauptstraße hineinfliegen, und dort sicher wieder landen. Was kaputt war, reparierte er. Reden gehörte nicht zu seinen Talenten. Er ging nur unregelmäßig aus, niemand wollte sich mit ihm sehen lassen, und unter der Woche trank er mit seinem Vater abends Bier. Sie sahen fern. Die Mutter war vor langer Zeit gestorben.

Bickel wollte von nun an für Liebe nicht mehr zahlen. So üppig hatte er es nicht! Freitags und samstags ging er in die Kneipen der Innenstadt. Mädchen gucken. Irgendwann müsste es doch mal klappen. Im Vorderen Westen war es voll und gemütlich. Der einzige Stadtteil, der im Krieg nicht zerstört worden war, bot Jugendstilfassaden und zahlreiche Kneipen, in denen man es sich gut gehen lassen konnte. Im Sommer standen die Leute mit ihren Kirsch-Batida- und Altbierbowle-Gläsern bis hinaus auf die Straßen. Bickel blieb meist im Innenbereich, rauchte, schwieg, holte sich ein paar Broschüren, wie Flyer damals hießen, und las sich die Programme durch. cih weiß nicht genau warum, aber irgendwas stört mich da. Vlt ist es die Nähe, die du zum Bickel aufbaust, wie du personal erzählst und dann -für mich zumindest - dem Bickel 'Gedanken' - für mich liest es sich eben wie Gedanken des Bickel - nahe legst, die ich ihm, gemein wie ich bin nicht zutraue Jeden Monat kam ein neuer, fotokopierter Info-Tipp. Die Postille bot das Kinoprogramm, ein paar Bilder, Artikelchen, Konzerte, Werbung für Hi-Fi-Studios, Buchhandlungen, alternative Frisörsalons, die Hairport, Frisurladen oder sonst wie hießen, Platten- und Jeansgeschäfte. Im letzten Heftteil standen chiffrierte Kontaktanzeigen: Er sucht Sie. Diese Rubrik nahm Bickel durch, um sich über die Eigenschaften und Sprüche der Mitbewerber zu informieren. Danach aber las er mit größter Langsamkeit und auf einige Biergläser den letzten Teil. Bickel kreuzte angestrengt an, die Zunge im Mundwinkel.


jedes Kapitel endet mit so einem kleinen Zusatz, der so exakt passt, dass es schon fast unheimlich wird. Aber: ich würd aufpassen, dass das nicht zur 'Regel' wird, sonst wird's durchaschaubar

Zitat:
4
Der Frauenbuchladen in der Reginastraße [color=red]ist für Männer verboten[/color]. ist dir der Zeitensprung passiert, oder muss ich mir jetzt denken, dass all das Vorige tatsächlich davor passiert ist??Es gibt Tee und Kaffee. Bücher von Frauen für Frauen, Kuchen mit Namen wie Herrmann, die ewiggleichen Postillen in Kleinschreibung, und dem Charme nachlässig hektographierter Arbeitsblätter. Dagmar und Corinna sitzen oft im Laden. Er ist ein Refugium, das sie vor der bösen Welt draußen schützt. Sie fühlen sich wohl. Treffen auf Gleichgesinnte. Sie trinken eine Tasse Tee, holen sich eine Zeitschrift, auch die dümmliche Lokalzeitung und der Info-Tip liegen aus. Die jungen Frauen gehen im Sommer in der Goetheanlage spazieren, im Winter sitzen sie in ihrer Wohnung. Das Leben läuft vor sich hin und geht seinen gemächlichen Achtzigergang, ein paar Jahre bevor die große Gejagtheit einsetzt, in der unablässige und unmittelbare Kommunikation die wenige Zeit aus den kurzen Leben stehlen.

Dagmar und Corinna leben zusammen. Nicht, dass sie ein Paar wären, sie harmonieren einfach so. Sind Freundinnen und beziehungslos. Nachts sprühen sie heimlich Parolen an die Wände, in denen Zitate von Deter oder  Schmähungen des Westernhagen vorkommen, ganz wie auf den Stickern, die im Buchladen angeboten werden. Sie besitzen Kaffeekannen der Dreißiger, einen Ami 6, der meistens kaputt ist, und sich dann regungslos in seiner französischen Blechigkeit am Bürgersteig kauert. sich kauern??Manchmal kommt Wolle von oben, gibt Tipps und Starthilfe.

Wolle meint, man sollte die Karre aus den „Schrott schmeißen“, doch Dagmar und Corinna hängen an ihr: Sie habe eine Seele. Dagmar sieht wie eine jüngere Schwester von Dr. Schneider im Film „Türkisch für Anfänger“, Corinna wie die späte Janis Joplin aus - aber schlechter. Dagmar und Corinna sitzen auf einer Bank in der Goetheanlage. Gestiftet vom S… Das Schild ist kaputt. Es müsste mal wieder was passieren, ist der Tenor. Eine richtig gute Aktion. Ein radikaler Knaller. Was ganz Geiles. Ankündigung?? wenn ja: zu früh??


Zitat:
5
Hedwig hatte es bis zur Stufenleiterin muss ich als Wiener wissen, was das ist? eine gegenderte Stufenleiter?und einem Büro mit Türschild gebracht. Im Alltag nannte man sie beim Rufnamen Hedi, der zwei Bedeutungsrichtungen hatte: eine war freundschaftlich entgegenkommend, die andere aber gemein und spöttisch. Ein paar Leute hatten sich ihr in den Weg gestellt, doch Hedi war reich an Mitgliedschaften. Mithilfe von allerlei Frauenbeauftragten, juristischem Beistand der Gewerkschaften,  einigen Sozialdemokraten und der Kirche war sie recht zügig weitergekommen, hatte ihre Bezüge um ein paar Hunderter aufbessern können, gehörte zur Schulleitung, würde eine bessere Pension erhalten. und unterrichtete nur noch wenige Wochenstunden. Es ging ihr gut. Stufenleiterin und Fachleitung Deutsch, das war gar nicht schlecht für eine, die bisweilen Themen wie „Die Jagt“ und „Japanische Haiku’s“ in die Rubrik für Stundeninhalte im Klassenbuch eingetragen, und auch die Tafeln der Unterrichtsräume mit schlimmen Deutschfehlern versehen hatte. das versteh ich jetzt nicht. Wann soll das gewesen sein? Als Schülerin noch? oder schon als Lehrerin? Ich denke das PQP ist dafür zu wenig Zur Weihnachtszeit konnte dort auch schon einmal „Advend“ stehen, worüber man hinweggesehen hatte, um nicht noch mehr Staub aufzuwirbeln. Schließlich gab es schon so genug Ärger zwischen Hedi, Kindern, Eltern und Kollegen.

In ihrer Wohnung standen nur wenige Bücher, was für eine Deutschlehrerin ungewöhnlich war.  Sie mochte längere Texte nicht, und bemerkte gern, dass ihr das Lehrbuch stets vorausginge. Sollte heißen, anderes, als das darin Befindliche wollte sie gar nicht durchnehmen, auch wenn das Soll vor den großen Ferien erfüllt war. Dann unterrichtete sie ein wenig langsamer oder zeigte Filme. Die Bücher, in denen sie bisweilen blätterte, waren von Byrne, Bredford, Weidner oder Hasselmann, trugen Titel wie „Die Stimme der Herzensseelen“, „Dein Körper sagt, liebe Dich“,  „Handauflegen“, oder „Dein Spiegelpartner“, was weder mit dem alten Rudolf noch mit dem kleinen Jakob zu tun hatte. Sie hatte sich teuer bezahlte Pyramiden gegen kosmische Strahlung in die Wohnung gestellt, schätzte Katzen und Heilsteine, lauschte Platten mit Schamanenklängen, schwor, außer bei Zahnschmerzen, auf Heilpraktiker, Globuli und Bioresonanz. da wühlst du aber ganz schön in der KLischeekiste - fast ein bisserl dick aufgetragenHedi hätte sich allein mit ihrer Inneneinrichtung den Goldenen Aluhut mehr als redlich verdient. An Musik kannte sie nur, was im Radio lief, und hatte sich schon einmal bei ihrem Lieblingssender beschwert, weil ein Lied gespielt hatte, das sie gar nicht kannte.

weil ein Lied gespielt hatteda fehlt was

In Hedis Leben hatte es auch Beziehungen gegeben, aus einer Liaison hatte sie sogar ihren langen Nachnamen in die Gegenwart gerettet, doch diese Verbindungen waren stets nur von kurzer Dauer gewesen, und auf unerklärliche Weise ins Undefinierbare  zerflossen. Wie das geschah, war immer wieder neu, und entzog sich jeder Erklärung. Jetzt bereute Hedi, dass sie sich in ihren jungen Jahren nicht mehr Mühe gegeben hatte. Nun, da sich die Spuren der Zeit auch in der Seele zeigten, stimmte sie die Einsamkeit oft traurig. Sie verbrachte die meiste Zeit mit ihrer besten Freundin, einer Kollegin, die an einer anderen Bildungsstätte unterrichtete und mit der sie sich gern im Partnerlook zeigte. Sie wirkten wie ein Paar Zwillinge, das in Brillenrändern Glotzaugen machte und sich in der Kleidung glich.

Hedi hatte sich beim Studium viel Mühe geben müssen, das Lehramtsexamen, auf das sie länger als üblich hingearbeitet nach dem Komma kommt zwar wieder ein hatte, es hier aber einfach unter den Tisch fallen zu lassen ist keine Lösung Wink , hatte sie zwar nicht alle Kraft gekostet, doch das meiste an den Wissenschaften hatte sie überhaupt nicht interessiert. Sie lernte, was sie lernen musste, und kannte nichts von dem vielen, was darunterlag. Auch in der Schule kratzte man bloß ein wenig an der Oberfläche. Einigen Kollegen reichte das nicht, sie bildeten sich fort, lasen, und hatten Stammtische, an denen aufgeregt diskutiert wurde. Hedi aber war nun ganz vom Stolz der Stufenleiterin erfüllt. Ein Umstand, der für Außenstehende kaum nachvollziehbar, für  manchen Beamten allerdings von höchster Wichtigkeit war.   


so, das war's erst mal. Später vlt mehr.
lgl


_________________
lg Wolfgang

gott ist nicht tot noch nicht aber auf seinem rückzug vom schlachtfeld des krieges den er begonnen hat spielt er verbrannte erde mit meinem leben

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"Ich bin leicht zu verführen. Da muss nur ein fremder Mann herkommen, mir eine Eiskugel kaufen und schon liebe ich ihn, da bin ich recht naiv. " (c) by Hubi
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albaa
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Beiträge: 143



BeitragVerfasst am: 11.01.2017 19:43    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Christof,

Was ist das für ein Ungetüm? Sprachlawine trifft es gut! Da kriegt man jedenfalls kaum Luft beim Lesen; und gefühlt gibt es in jeder zweiten Zeile eine Sprach-Schmankerl, ich habe jetzt eine Lieblingsstelle nicht angefunden, wo Bickel in Farben denkt und fühlt - weißt Du, was ich meine?

Ja, und ich hab was gelernt: Ich kannte keinen Wife Beater. Und all diese verlorenen, einsamen Seelen. Verbindet sie das?

... dann die Speisekarte, die Anzeige, die Buchhandlung, das Magazin, das Skelett, die Aktenvermerke, die Wohnung, Inhalte von Ladungen, die Gerichtsverhandlungen .... Ich kann es nicht glauben, was sich da alles auf "engstem Raum" abspielt. Wieso hast du diese beiden Geschichten verbunden? Weil die Männer so unterschiedlich sind - die Frauen ja weniger.

Bin ja gespannt, ob bzw. wie die Fäden noch zusammengeführt werden - ich wüsste jedefalls nicht wie.

Die Einleitung hängt irgendwie in der Luft. Wozu braucht es das?

Entschuldige meinen chaotischen Kommentar!

Liebe Grüße! Ich bleib dran!

albaa
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