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Der Ausstieg


 

 
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Renate Neff
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen

Alter: 75
Beiträge: 22
Wohnort: Rheinland


BeitragVerfasst am: 27.12.2016 13:49    Titel: Der Ausstieg eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Ausstieg

Sieben junge Männer grölten durch die Straßen: „Ihr seid so scheiße! Wir sind die Größten“ und rempelten die Leute an. Zwei von ihnen betraten einen Supermarkt. Sie waren stiernackig, glattgesichtig und hatten Übergewicht. Ihre Muskelshirts ließen dicht tätowierte Arme über die Schultern bis hinauf zum kahl rasierten Schädel sehen. Sie traten hart auf in ihren Stiefeln, versorgten sich mit je zwei Bierkästen, schrieen durch den Laden: „Ihr seid so scheiße!“ und erschreckten Verkäufer und Kunden. Vor einer älteren Frau baute sich einer auf und knallte ihr ein: „Buh!“ ins Gesicht, dass sie zu Tode erschrocken erstarrte. Niemand reagierte. Die Verkäuferinnen taten so, als hörten sie nichts und kassierten weiter, ganz auf Deeskalation getrimmt. Die Kunden, verängstigt, schwiegen auch. Brav zahlten die Männer ihre Bierkisten und verschwanden zu den Kumpanen. Ein hörbares Aufatmen ging durch den Laden.

Draußen zogen die beiden feixend je zwei Flaschen Wodka aus den Hosentaschen. Die hatten sie geklaut. „Wollen wir zur alten Brücke gehen?“ fragte einer. Die Brücke, die sich auf zwei Pfeilern über den Fluss spannte, führte eine schmale Straße in eine Wohnsiedlung. An dieser Stelle war das Wasser tief und reißend und die Böschung mit Gestrüpp überwuchert. Bier und Wodka wanderten von Mann zu Mann. Am Ziel rief Oskar, der Anführer „Kommt, wir springen!“ und zog sich seine Stiefel aus.
„Bist du verrückt, das ist viel zu gefährlich!“ warnte einer. „Das Wasser ist nicht tief genug!“
Oskar lachte: „Seid ihr Feiglinge?“ kletterte auf die Brüstung und stürzte sich mit einer Arschbombe ins gurgelnde Wasser. Es spritzte gewaltig bis zu ihnen herauf. Unten tauchte Oskar auf, schüttelte sich prustend und schrie nach oben:
„Das ist geil! Los, wer traut sich?“
Doch sie drucksten alle herum. „Hey, ihr Schlappschwänze! Ihr habt's doch gesehen! Ist völlig ungefährlich. Der erste, der sich traut, kriegt meine Braut!“
Der Jüngste kicherte. Er war ein mageres Bürschchen mit Sommersprossen. Auf dem Schulhof hatten sie ihn angesprochen, hatten ihm eine Musik-CD geschenkt, die hatte ihm gefallen. Er war neugierig geworden und nun war er hier. Auf jeden Fall war es besser als zuhause, wo niemand auf ihn wartete. Die Mutter ging putzen und der Vater war auf Montage, irgendwo.
Der neben ihm haute ihm auf die Schulter.
„Na Kleiner, wär’ das nichts für dich?“
„Das ist nichts für Babys! Der muss erst noch wachsen.“, sagte sein Nebenmann und legte ihm grinsend die Hand auf die Schulter.
„Zieh mal deine Hose runter und zeig, was du hast!“ rief ein Langer und griff nach den Boxershorts des Kleinen. Dem wurde mulmig. Unsicher verzog er sein Gesicht und wusste nicht, was er tun sollte.
Unten rief Oskar: „Was ist denn da oben? Kommt ihr jetzt?“
Da fiel’s ihnen wieder ein. Die Braut des Anführers? Hey, der Preis lohnte sich. Die Mutigsten schwangen sich schon über die Brüstung, standen auf einem umlaufenden, schmalen Sims, hielten sich rückwärts fest und sahen in die Strudel, die in der Tiefe die Pfeiler umspülten.
Ein vorbeifahrender Autofahrer hielt an. „Was macht ihr denn da? Seid ihr lebensmüde?“
„Hat dich einer gefragt?! Hau ab!“ beschieden sie ihm und lachten.
Kopfschüttelnd trat der Fahrer auf das Gaspedal und verschwand.

Die Warnung wirkte wie ein Startsignal. Keiner wollte mehr dem anderen nachstehen, keiner wie ein Feigling aussehen. Sie waren harte Männer, furchtlos und risikobereit. Einer von untersetzter Gestalt, schon jenseits der Brüstung, ließ los und stieß sich ab. Im Sprung ging er in die Hocke, juchzte laut und landete mit einer gewaltigen Fontäne bei Oskar.
„Hey, Alter“, schrie er „Ich krieg deine Braut!“ und lachend begannen sie, sich gegenseitig unter Wasser zu drücken.
Nun wollte sich keiner mehr eine Blöße geben und nacheinander sprangen sie, schwammen ans Ufer, kletterten die Böschung hinauf und sprangen wieder. Dazwischen kreisten die Flaschen und alle grölten: „Wir sind die Größten!“ und „Deutschland den Deutschen!"

Wieder war die Reihe an Oskar. Er balancierte auf der Brüstung, schwankte ein wenig, lachte darüber und stellte sich in Positur. Doch diesmal verlor er die Kontrolle. Er taumelte, stürzte, stieß im Fallen mit dem Kopf an den Pfeiler, das Wasser überschwemmte ihn, er kam nicht mehr hoch, benommen wirbelte er mit dem Strudel hinunter, wurde wieder ausgespuckt und trieb leblos in der Strömung.
Panisch schrieen die Jungen auf:
„Scheiße, scheiße! Der ersäuft! Was machen wir jetzt?“
Einer, der bereits die Brüstung überklettert hatte, kletterte zurück und rief:
„Weg hier, schnell! Ich hab noch Bewährung!“ und dann liefen sie auf und davon.


Ein junger Radfahrer auf dem Uferweg hatte den Unfall beobachtet. Er sprintete zur Brücke, sprang ab, warf sein Rad ins Gras und ohne zu zögern stürzte er sich in den Fluss. Als guter Schwimmer erreichte er quer zur Strömung den Ertrinkenden, packte ihn an den Haaren, hievte ihn so weit aus dem Wasser, dass er ihn, unter die Achseln greifend, schräg mit der Strömung und kräftigen Beinstößen ans Ufer bringen konnte, schleppte ihn ins Gras und merkte nicht, wie er sich mit dessen Blut verschmierte, das aus einer Platzwunde am Kopf rann. Er erinnerte sich seines Erste-Hilfe-Kurses, begann rhythmisch den Brustkorb des Verunglückten niederzupressen und blies ihm abwechselnd seinen Atem in die Nase, bis der sich bewegte und das ganze geschluckte Wasser ausspie. Der Retter lief zum Fahrrad, holte sein Handy aus der Jackentasche, rief die Feuerwehr, wusch sich und fuhr davon. Er hatte die Tätowierungen am Körper des Verunglückten gesehen – damit wollte er lieber nichts zu tun haben. Seine Rettungsaktion fand er nicht der Rede wert. Jeder hätte in seinen Augen so gehandelt. Bloß dass es ein Nazi war, den er gerettet hatte, jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Als Deutschtürke hatte er schon üble Erfahrungen mit solchen Leuten gemacht.


Im Notarztwagen wurde Oskar versorgt und sofort ins nächste Krankenhaus gefahren. Die Blutuntersuchung brachte einen Alkoholspiegel von zwei Promille zu Tage. Die Röntgenaufnahme zeigte, dass er noch einmal Glück gehabt hatte. Der Schädel und andere Knochen waren heil geblieben. Eine Gehirnerschütterung war alles. Später nahm die Polizei seine Personalien auf und überprüfte sie. Dabei kam heraus, dass er schon mehrfach wegen Gewalttaten und Diebstählen aufgefallen war. Ein ordentliches Elternhaus gab es nicht. Er war mit Gewalt aufgewachsen, solange er denken konnte, bis die Mutter den Mut aufgebracht hatte, mit der Tochter den Mann zu verlassen. Den Sohn hatte sie nicht mitgenommen; dessen Wutausbrüchen war sie nicht gewachsen gewesen.
Oskar verachtete die Eltern. Die Mutter hatte ihn im Stich gelassen, den Vater hatte er nur als prügelnden Säufer erlebt. Seit er in die Pubertät gekommen war, durfte der ihn nicht mehr anrühren, er schlug erbarmungslos zurück. Inzwischen fürchtete der Vater ihn. Oskar konnte von ihm verlangen, was er wollte, er bekam es.
Seit längerem hatte er Anschluss an eine rechtsradikale Clique gefunden. Dort konnte er auf den Putz hauen und mit den anderen Randale machen. Er hatte sich Respekt verschafft und war dort unter den kleinen Nummern die größte.


Oskar hatte seine Gehirnerschütterung auskuriert; nun traf man sich wieder in einem Club, da kamen nur seine Kumpels und andere Gleichgesinnte mit ihren Bräuten hinein und es wurde immer sehr lustig. Man stampfte und grölte zu wummernden Bässen mit wüsten Texten. Bier und Schnaps flossen in Strömen.
Von den Freunden johlend begrüßt stürzte sich Oskar in die Party. Der Wett-sieger von neulich war auch da, wollte seine Wette einlösen und versuchte Oskars Freundin zu küssen,  an sich zu pressen und langte ihr unter den Rock, aber sie machte sich energisch los und wies ihn empört zurück.
„Komm, komm, zier dich nicht, du bist meine Wetttrophäe! Hat dir Oskar das nicht gesagt?“
Wütend fauchte sie Oskar an: „Ich bin doch nicht deine Hure und lass mich verwetten!“ Sie griff nach ihrer Tasche: „Mir reicht’s, du Idiot! Komm mir ja nicht nach!“ und verschwand.
Oskar schien cool und sagte nur „Die beruhigt sich schon wieder!“ Aber innerlich kochte er. Am liebsten hätte er alles zu Brei geschlagen.
Vorne, auf der mit einer schwarzrotgoldenen Flagge ausgestatteten Bühne des rauchgeschwängerten Saals stand einer und erzählte was von Türken und Negern, die die arische Rasse versauten und den Bio-Deutschen die Arbeit wegnähmen. „Wir müssen Deutschland beschützen! Nicht die Kanaken! Deutschland den Deutschen!“ Mit erhobenen Fäusten skandierte die Menge: „Ausländer raus! Ausländer raus!“
Irgendwer brüllte in den Saal: „Wollt Ihr Spaß haben? Wir gehen in die Stadt, Ausländer jagen. Wer kommt mit?“ „Ich!“ brüllte Oskar. „Wir machen Hackfleisch aus denen!“
Mit Schlagstöcken, Sprühdosen und Bierflaschen bewaffnet zogen sie in die City. Auf ihrem Weg rissen sie die Arme hoch zum Hitlergruß und schrieen ihr eintöniges: „Deutschland den Deutschen!“, warfen sich an Frauen und Mädchen, die noch unterwegs waren, ran, sprühten Hakenkreuze an Wände, zerkratzten Autos, schlugen mit Fäusten gegen Schaufensterscheiben, dass sie vibrierten.
Ein Trupp junger Türken kreuzte ihren Weg. Sie kamen gut gelaunt aus dem Kino und wollten noch feiern. Einer rief erschrocken: „Hey, passt auf! Da sind Skins! Die haben Schlagstöcke!“ Schon stürzten sich die mit Geheul auf sie und knüppelten nieder, wen sie erwischen konnten. Panisch stoben die jungen Türken auseinander. Einige flüchteten in eine Toreinfahrt und tippten mit bebenden Fingern Hilferufe in ihr Handy. Freunde, Brüder, Schwäger waren schnell zur Stelle. Es entwickelte sich ein erbitterter Kampf mit Verletzten auf beiden Seiten.
Oskar packte einen der Türken am Kragen, der drehte sich um – und starrte entsetzt in zwei mordlustige Augen. Die kannte er. Es war der verunglückte Springer, den er aus dem Fluss gezogen hatte und der durch ihn hatte weiterleben dürfen. Der Sekundenbruchteil des Erkennens dehnte sich zur Ewigkeit und der Retter von neulich schloss mit seinem Leben ab.
Sein Angreifer schwang den Schläger für einen mächtigen Hieb und – hielt mitten im Schlag inne. Dieses Gesicht – auch er kannte den Anderen, wusste zunächst nicht woher. Aus dem Nebel der Wut stieg dunkel Erinnerung auf. Er war von der Brücke gesprungen, war mit dem Kopf an Beton geknallt und benommen vom Strudel nach unten gezogen worden. Dann wusste er nichts mehr, bis er am Ufer erwachte. Jemand drückte immerzu auf seinen Brustkorb, dass es schmerzte. Dieses Gesicht – es hatte sich auf sein Gesicht gelegt und hatte ihm seinen Atem in die Nase geblasen, bis er Rotz und Wasser spie. – Verdammt! Er hatte den Atem eines Türken in den Lungen gehabt und der hatte ihm das Leben gerettet. Oskar öffnete den Griff seiner Faust. So konnte sein Lebensretter fliehen.

„Was ist los? Hast du ein Gespenst gesehen?“, fragte einer aus seiner Bande. Oskar wusste nicht, wie er antworten sollte, knurrte nur: „Mir ist schlecht.“ So viel war klar: Wenn der Türke nicht gewesen wäre, wäre er als Wasserleiche ans Ufer geschwemmt worden. Laut rief er „Scheiße!“, warf den Schlagstock weg und ging.

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d.frank
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BeitragVerfasst am: 28.12.2016 19:13    Titel: Hallo Frau Neff... Antworten mit Zitat

einfach, weil bisher noch niemand etwas zu Ihrem Text gesagt hat:

Ohne Ihr Schreiben einstampfen zu wollen, aber bei diesem Abschnitt könnte die fehlende Resonanz am Thema und der Aufbereitung liegen.
Sie schreiben über rechtsradikale Halbstarke, Dörfler, wie mir scheint, die in Ihrem Text überzogen und stereotyp auftreten. Deshalb bin ich schon nach den ersten Sätzen ausgestiegen und habe nur noch quergelesen.
Vielleicht, wenn Sie die Geschichte von hinten aufsatteln, mit dem Handgemenge beginnen, das den Feind als ehemaligen Retter entlarvt, die Hauptfigur es aufgrund des Erkennens beenden lassen und dann erst den Bogen zum Unfall schlagen, könnte die Story Interesse wecken.

Grüße
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Rodge
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BeitragVerfasst am: 29.12.2016 08:10    Titel: Antworten mit Zitat

Moin, moin,

deine Antihelden verhalten sich so vorhersagbar, dass ich schon nach wenigen Absätzen keine Lust mehr hatte weiter zu lesen. Kann sein, dass es Typen gibt, die so sind. Aber wer will das lesen?

Grüße
Rodge
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Renate Neff
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen

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BeitragVerfasst am: 29.12.2016 17:34    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich weiß, das ist kein erbaulicher Text, den man gern liest. Aber auch eine unangenehme Wirklichkeit muss schriftstellerisch bearbeitet werden. Ich selbst habe die Arbeit an diesem Text als Schwerstarbeit empfunden. Es geht auch gar nicht so sehr um die Eskapaden dieser Truppe, die haben nur charakterisierenden Wert, sondern darum,  dass auch ein so hartgesottener Bursche wie Oskar ein Schlüsselerlebnis haben kann, das ihn so irritieren kann, dass er von seinem Vorhaben ablässt. Er hat eine existenzielle Erfahrung gemacht, die ihn den ersten Schritt zum Ausstieg machen lässt. Letzten Endes ist es ein Text mit optimistischem Ausgang, der zeigt, dass auch solche Typen, richtig angefasst, als Menschen erreichbar sind. Nur mit dieser optimistischen Haltung ist zum Beispiel die Arbeit von "Exit" möglich, einem Verein, der Rechtsradikalen, wie Oskar, beim Ausstieg behilflich ist.
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d.frank
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Beiträge: 1047
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BeitragVerfasst am: 29.12.2016 18:23    Titel: Antworten mit Zitat

Ihre Intention ist gut und richtig.
Um sie aber beim Leser ankommen zu lassen, braucht es Spannung, Fluss und Aktualität. Dass der Text nicht gelesen wird, liegt meiner Meinung nach nicht an der Schwere des Themas, sondern daran, dass es in der Form, wie Sie es bearbeitet haben, überholt wirkt.
Um den Fokus auf das Schlüsselerlebnis zu setzen, würde ich die Geschichte, wie schon geschrieben, mit der Auseinandersetzung beginnen lassen, statt mit den Eskapaden der Truppe, um die es, laut Ihnen, ja auch gar nicht geht.
Fühlen Sie sich bitte nicht von mir angegriffen!
Ich weiß, wie sich das anfühlt, mit einer "Schwerstarbeit" baden zu gehen. wink
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Selanna
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Wohnort: Süddeutschland


BeitragVerfasst am: 29.12.2016 21:43    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo smile

ich fand die Kurzgeschichte schön geschrieben, man merkt auch, dass Du auf sprachlichen Anspruch Wert legst.

Inhaltlich muss ich rodge und d.frank zustimmen. Man hat eine Nazi-Größe, die erkennt, dass es in der eigenen Gruppe keinen Zusammenhalt gibt, und durch den Kontakt mit "der anderen Seite" geläutert wird. Ich denke, man könnte den Text gut für eine hohe Mittelstufenklasse oder eine niedrige Oberstufenklasse nutzen ... aber jemand, der schon viele Kurzgeschichten gelesen hat, der weiß ab dem Sprung ins Wasser, dass einer aus der Gruppe verletzt werden wird, und es ist hochgradig unwahrscheinlich, dass sich nun ein Nazi-Gruppenmitglied mit seinen Erste-Hilfe-Kenntnissen hervortun wird. Man vermutet, dass dem großen Nazi sein Antagonist begegnet und tatsächlich tritt ein Ausländer auf. Etc. Kennst Du "American History X"? Ganz stark heruntergebrochen (und soweit ich mich erinnere): Hier wird ein Neonazianführer im Knast vergewaltigt, ein Schwarzer sorgt dafür, dass er keine weiteren Angriffe mehr erdulden muss, und schließlich überdenkt der Neonazi seine Ansichten (alle weiteren Erzählstränge der Einfachheit hier weggelassen). Oder einen deutschen Film, der, glaube ich, "Kriegerin" heißt: eine Neonazi-Anhängerin glaubt sich schuld an einer Verletzung/dem Tod eines Ausländers, nimmt deswegen unwillig Kontakt zu dessen Kumpel auf, lernt ihn näher kennen und überdenkt die eigenen Ansichten (wieder ganz knapp heruntergebrochen). Der Vorgang, dass ein Nazi mit seinem "Feind" in Kontakt kommt und dadurch dann eine Läuterung einsetzt, wurde einfach schon sehr oft thematisiert.

Interessanter wäre gewesen, wenn Oskar keinen ausländischen Lebensretter gebraucht hätte, sondern allein durch die Tatsache, dass seine Kumpels ihm nicht halfen, die "Kameradschaft" in Frage stellen würde; das wäre noch optimistischer, denn dann läge der Wandel zur Vernunft oder "zum Guten" in Oskar selbst. Oder wenn man einfach eine Gruppe Neonazis schildert, die pöbelnd durch den Tag und ihre Umwelt gehen, sich dabei hervorragend fühlen, eben als "die Größten", und so gar nicht reflektieren, was sie tatsächlich für Menschen sind; das wäre, mMn, wesentlich provokanter. Oder, um ehrlich zu sein, der Text hätte mich mehr erschüttert, wenn Oskar den Deutschtürken als seinen Lebensretter erkannt und ihn trotzdem geschlagen hätte.

Natürlich nur meine Meinung Wink

Liebe Grüße
Selanna


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Nur ein mittelmäßiger Mensch ist immer in Hochform. - William Somerset Maugham
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Corydoras
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Wohnort: Niederösterreich


BeitragVerfasst am: 29.12.2016 22:35    Titel: Antworten mit Zitat

Servus,

ich weiß nicht, ob das ein absichtliches Stilmittel ist, aber diese distanzierte Erzählweise, die sich mehr wie ein Tatsachenbericht liest, löst bei mir Null aus. Wenn ich emotional näher an den Figuren dran gewesen wäre, hätte mich eventuell auch ihre Geschichte berührt.
Du neigst jedenfalls einerseits zu überflüssigen Erzählpassagen, andererseits zum schnellen Abklappern der wichtigsten Punkte einer Szene.
Auch lese ich den allwissenden Erzähler überhaupt nicht gerne, aber das ist reine persönliche Vorliebe.

Zwei kleine grammatikalische Hinweise: Die Zeichensetzung bei der direkten Rede ist teilweise nicht korrekt. Und der Imperfekt von "schreien" ist "schrien".


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I'm not a king. I am just a bard.
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Rodge
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Beiträge: 626
Wohnort: Hamburg


BeitragVerfasst am: 30.12.2016 06:50    Titel: Antworten mit Zitat

Renate Neff hat Folgendes geschrieben:
...Aber auch eine unangenehme Wirklichkeit muss schriftstellerisch bearbeitet werden.


Nö. Muß nicht. Macht nur einen selber mürbe, gerade dann, wenn das keiner lesen will. Außerdem ist so die Gefahr, dass du zu wenig weißt von deinen Anti-Helden. Ich glaube kaum, dass die nur Prolls sind! Was sind die positiven Seiten? Das wäre doch die Herausforderung, mit einer Szene zu beginnen, in der du zeigst, dass das auch Menschen sind, die liebenswert sein können.

Schwarz weiß hilft gar nichts. Die, die du bekehren willst, lesen das ohnehin nicht.

Grüße
Rodge
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menetekel
Geschlecht:weiblichExposéadler

Alter: 100
Beiträge: 2123
Wohnort: Planet der Frühvergreisten


BeitragVerfasst am: 30.12.2016 07:57    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Renate,

auch ich finde diesen Text wenig gelungen. Ein Stereotyp jagt das andere, ein hundertfach wiedergekäutes Erklärungsmuster das nächste.
Neonazis halten sich durchaus nicht mit Vorliebe unter Brücken auf, sind bis zum Anschlag tätowiert und entstammen (klar doch!) lieblosen, zerrütteten Elternhäusern.
Vielmehr finden sie sich gerade im Mittelständischen und verhalten sich weitgehend unauffällig. Das ist auch "praktischer", gell? Und macht sie gefährlicher.
Die Auftritte von Bomberjacken, Springerstiefeln und Glatzköpfen sind noch nicht ganz vorbei, finden sich gern einmal bei Demonstrationen im Osten der Republik, bloß dienen ihre rülpsender Träger vornehmlich als eine Art Staffage - das tägliche Outfit und Verhalten sieht dann doch ein wenig anders aus.
Die neue Rechte gibt sich populistisch, völkisch und verständnisvoll. Und ist "ordentlich" angezogen.

Der "gute" Lebensretter mit Migrationshintergrund, der den Ausstieg eines Skinheads bewirkt, entspricht ebenfalls einem Klischee. Im richtigen Leben bedarf es jahrelanger Überzeugungsarbeit, um derlei zu bewirken, wenn es überhaupt gelingen kann.  

Ich fürchte, dass die Welt nicht ganz so einfach ist, wie du sie dir vorstellst. - Dein Text ist mit Sicherheit gut gemeint, läuft aber erheblich an der Realität vorbei - leider ohne die geschilderten Gegebenheiten kunstvoll ins Absurde zu überhöhen. - Gelänge dir Letzteres, ließe sich durchaus etwas aus dem Text machen ...

Freundliche Grüße
m.


_________________
Alles Amok! (Anita Augustin)
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Seraiya
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Beiträge: 885



BeitragVerfasst am: 30.12.2016 12:42    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Renate,

Renate Neff hat Folgendes geschrieben:
Ich weiß, das ist kein erbaulicher Text, den man gern liest. Aber auch eine unangenehme Wirklichkeit muss schriftstellerisch bearbeitet werden.

Da stimme ich dir zu.

Leider ist dir das hier (in meinen Augen) nicht gut gelungen. Die Wende ist für mich vorhersehbar, wenn ich als Leserin überhaupt so lange durchhalte. Die mMn recht eigenwillige Darstellung dieser Typen sorgt dafür, dass ich rasch das Interesse verliere. Der Haufen erinnert mich mehr an Gorillas, die so unsympathisch wie möglich dargestellt werden sollen.
"Ihr seid so scheiße! Wir sind die Größten!", brüllen wohl auch die Hartgesottenen nicht unbedingt durch die Straßen. Und wer ist mit ihr gemeint? Einfach der Rest der Welt? Von diesem peinlichen Verhalten über den Alkohol - sie bezahlen Bierkisten, aber klauen zwei Flaschen Wodka? - bis dahin, dass die eigene Freundin quasi verkauft wird und am Ende keine wirkliche Freundschaft vorhanden ist. Die Personen in diesem Text sind einfach nicht lesenswert. Es schokiert nicht, was sie tun oder nicht tun.
Mir fehlen hier authentische Personen und authentische Handlung. Ich würde etwas tiefer graben, damit dieser Text besser einwirken kann. Es wirkt außerdem alles runtergerattert wie eine Einkaufsliste und nicht flüssig erzählt.

Den Effekt, den du erzielen möchtest, kannst du mMn leicht erreichen, wenn du dich mehr in die Personen hineinversetzt und auch dem Leser mehr gibst als aneinandergereihte Fakten. Hier steht nichts zwischen den Zeilen, sind keine Überzeugungen, keine Erfahrungen, keine negativen oder positiven Emotionen. Ein Rassist ist nicht einfach nur ein Rassist und der türkischstämmige Samariter, der im Nachhinein abhaut und den Typen dort liegen lässt, kommt mir auch etwas seltsam vor. Wieso genau fährt er weg? Weil vor ihm ein halb bewusstloser Nazi liegt, dem er das Leben gerettet hat? Hat er Angst vor diesem Mann? Angst vor sich selbst? Wünscht er sich, er hätte ihm lieber nicht geholfen?

Ich persönlich denke ja, dass die schlimmsten mitunter jene Rassisten sind, denen man es nicht ansieht. Solch einen Protagonisten würde ich z.B. wählen, wenn ich eine Bekehrung beschreiben und damit Leser erreichen möchte. Ein hart gesottener Nazi - wie auch immer dieser aussieht - hat nicht nur eine Einstellung, sondern eine Lebensweise, denke ich. Muss dabei an Romper Stomper denken.  Ob die Einstellung sich so "einfach" ändern lässt, ist fragwürdig. Hier gibt es keinen richtigen Zwiespalt im Text.
Ich würde wohl den Nazi als Samariter auswählen, nicht als Mitläufer, der sich plötzlich im Angesicht des Todes eines anderen bekehren lässt. Bedenke bitte, dass dieses Trüppchen hier loszieht, um auf die Jagd nach Ausländern zu gehen. Da besteht keine Hemmschwelle. Mir ist das insgesamt noch zu wirr und einfach unecht. (Nicht, dass es sowas nicht gibt, sowas gibt es, aber hier wirkt es nicht)

Ich sehe den Text als Grundgerüst, mit dem man arbeiten kann. Leichte Kost sollte der Text nicht sein, im Gegenteil. Ich wünsche ich mir aber mehr Leben und mehr Alltag darin, damit er wirken kann.
Grundsätzlich gibt es nicht nur schwarz und weiß, wenn du das jedoch hauptsächlich so darstellen möchtest, würde ich eine andere Form wählen. Knapper, prägnanter und dann wirklich nur auf Fakten bezogen, die aber ebenfalls wirken sollten. Das Ungesagte müsste dann greifbar zwischen den Zeilen stehen.


LG,
Seraiya
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