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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Tragikomischer autobiografischer Roman


 

 
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schmurr
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Beiträge: 11
Wohnort: Udine


BeitragVerfasst am: 01.12.2016 21:01    Titel: Tragikomischer autobiografischer Roman eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Die beiden Titel bleiben geheim; hier die beiden Untertitel:

Ein Wikinger zieht nach Italien oder: Wie Eulenspiegel zwölf Minister zum Weinen brachte

Es muss auch solche Käuze geben. (Goethe)

Alle hier erzählten Begebenheiten sind wahr. Von den Zitaten sind einige wenige überspitzt wiedergegeben; welche, werden Sie schon merken. Von den Personennamen sind vor allem diejenigen wahr, deren Besitzer inzwischen im Paradiese oder auch in der Hölle weilen dürften. Falls Sie feststellen sollten, dass Sie in diesem Buch mit Ihrem wahren Vor- und Nachnamen erwähnt sind, sich aber derzeit weder im Himmel noch in der Hölle aufhalten, bitte ich Sie vielmals um Entschuldigung und werde den Namen in der nächsten Auflage ändern. Da ich vor ewig langen Zeiten nach Italien auswanderte, kann es vorkommen, dass mir manchmal vorsintflutliches Deutsch durchrutscht; auch hierfür bitte ich um Verzeihung.


1. Am Arsch der Welt

Fährt man durch Deutschland Richtung Norden, kommt man irgendwann an einen Punkt, wo die Berge aufhören und das Auge selbst nach Hügeln vergeblich sucht: nichts als Leere bis zum Horizont.

Wer sich jedoch davon nicht abschrecken lässt und trotzdem immer weiter nach Norden fährt, bis ganz nach Hamburg und sogar noch darüber hinaus, der gelangt nach Schleswig-Holstein.

Dieses Land ist bei Touristen beliebt, wegen seiner Strände und seiner lieblichen Landschaft. Letztere beschränkt sich allerdings auf das östliche Drittel, das sogenannte östliche Hügelland. Autobahn und Eisenbahn dagegen verlaufen im mittleren Drittel, der sogenannten Geest, der man eine gewisse Ödnis leider nicht absprechen kann. Diese wird nur von der des westlichen Drittels übertroffen, der sogenannten Marsch, deren höchste Erhebung die Kuh ist, wie man scherzhafterweise sagt.

Es fehlt nicht nur die dritte Dimension in Form von Bergen, im Grunde ist das Land eine Linie, denn wenn man nach Westen fährt, hört es bald auf, weil das Meer kommt; fährt man nach Osten, ist es ebenso: es gibt nur die Richtungen Norden = Dänemark und Süden = Rest der Welt.

In diese dreigeteilte eindimensionale Landschaft hinein wurde ich geboren, und das ausgerechnet am 11. April: elf ist bekanntlich die närrische Zahl; so beginnt ja die Karnevalssaison am 11. 11. um 11 Uhr 11, und April ist in vielen Ländern Europas der verrückte Monat, der macht, was er will. Natürlich sind nicht alle Leute verrückt, die am 11. 4. geboren sind; ich aber schon. Ich entschlüpfte dem Mutterleib in Schleswig, im Jahr 1958 nach Christus, auf den wir später zurückkommen werden.



Viele Süddeutsche (d. h. Leute, die südlich von Hamburg leben) wissen nicht einmal, dass es eine Stadt namens Schleswig gibt. Die Touristen, die wir als Kinder zu Gesicht bekamen, waren entweder Berliner oder kamen aus dem Ruhrgebiet. Die Süddeutschen fuhren lieber ans Mittelmeer, weil es wärmer und für viele von ihnen auch näher war.

Dabei ist Schleswig immerhin eine Wikingerstadt, mit, als Wahrzeichen, einem Wikinger mit ausgebreiteten Armen als Symbol der Gastfreundschaft. Wenig südlich lag nämlich Haithabu, ein bedeutender Handelsplatz der Wikinger; es wurden dort sogar arabische Münzen gefunden.

Um einige der Funde unterzubringen, hat man die liebliche Landschaft dort (Wasser, Wälle) durch ein modernes Wikingermuseum verschandelt, gegen dessen Bau mein Vater mit einer konservativen und meine Schwester mit einer grün-linken Bürgerinitiative kämpften. Dabei sind die wichtigsten Ausstellungsstücke gar nicht dort zu sehen, sondern im Schloss Gottorf im Westen der Stadt, z. B. ein Wikingerschiff, bei dessen Betrachten man sich ein Gebet auf Gotisch anhören kann.

Schleswig ist nämlich durch die Schlei mit der Ostsee verbunden. Viele Süddeutsche glauben, dass dieser merkwürdig geformte Wurmfortsatz ein Fluss sei. Er ist aber eine Förde, ein Meeresarm, wie die Fjorde in Norwegen, nur flach statt tief.

Im Luisenbad kann man im nicht besonders klaren Wasser der Schlei baden. Das viel schönere Marienbad aber, mit herrlichem Blick auf die Stadt samt Dom, ist zugewachsen, und niemand wagt es, dem Schilf etwas zuleide zu tun, um diese Attraktion wiederherzustellen.

Zwischen den beiden erhebt sich der skandalumwitterte Wikingturm, dessen Bau umstritten war, weil er das Stadtbild ruiniert, d. h. die Eindimensionalität. Von innen wirkt die Architektur der 70er Jahre schäbig, aber vom Aussichtsrestaurant hat man einen eindrucksvollen Blick über die Schlei, die Stadt und (vom Klo) das Schloss.

Was bedeutet es nun, in Schleswig geboren zu sein? Da ist zum einen das Klima. Im Winter gibt es nicht so oft Frost, wie man so hoch im Norden erwarten könnte. Leider, denn das Weiß des Schnees ist doch eine nettere Farbe als das in Schleswig allzu häufige Grau. Als weiser Ausgleich für die milden Winter ist es manchmal auch im Sommer kalt, was in den letzten Jahren viele Urlauber aus dem Süden erleben mussten.

Der Herbst kommt plötzlich und mit Macht: während ich in Heidelberg im September oft noch im Freibad baden konnte, wird es in Schleswig dann schon empfindlich kühl. Aber das Schlimmste ist der Frühling, der in Schleswig Spätling heißen müsste: wenn die „Tagesschau“ die ersten Bilder von der blühenden Bergstraße zeigt, müssen die Schleswiger noch 23 Tage warten .

Einmal aß mein Vater in Bad Rappenau auf der Terrasse zu Abend; wenig später sah er im Fernsehen den Bericht über einen Schneesturm in Schleswig-Holstein. Ein anderes Mal konnten „Omanopa“ aus Flensburg zu Ostern nicht kommen, weil zu hoher Schnee lag. Und einmal fuhren wir am 1. Mai zu ihnen, 35 km übers Land, ohne ein einziges grünes Blatt zu sehen.

Fast jeden Tag herrscht starker Wind. Das bedeutet, dass der Regen diagonal fällt und Regenschirme nichts nützen. Als ein Mitschüler berichtete, wie er in Würzburg aus dem Zug stieg, und es war kein Wind, hörte ich gebannt zu: die Idee, dass einmal nicht sämtliche Blätter und Zweige und Äste in Aufruhr sein könnten, faszinierte mich.

Nach alldem wird nicht überraschen, dass wir Kinder eher Stubenhocker waren. Sobald ich aber in Heidelberg wohnte, verbrachte ich fast jeden freien Moment an der frischen Luft.

Trotzdem kann ich mich Theodor Storm anschließen, der in seinem berühmten Gedicht „Die Stadt“ seinen Heimatort Husum (30 km von Schleswig entfernt) zwar zunächst als „graue Stadt am Meer“ nach Strich und Faden verunglimpft, schließlich aber doch „der Jugend Zauber“ an ihm rühmt. Zauberhaft war bei uns vor allem die Vorweihnachtszeit, aber auch die trotz Milde fast jeden Winter vorkommenden Zeiträume, in denen die Schlei zufror, so dass man zu Fuß auf die Möweninsel gehen konnte.
 


Ansonsten war diese Insel tabu, als Möwenschutzgebiet; nur der „Möwenkönig“ durfte einmal im Jahr die Eier einsammeln und verkaufen. Sie schmeckten lecker, etwas nach Fisch, dürfen aber schon lange nicht mehr angeboten werden, wegen Schadstoffen.

In Schleswig geboren zu sein, bedeutete damals auch, von der Welt abgeschnitten zu sein. Mit 18 Jahren hörte ich (im Zug nach Hamburg) zum ersten Mal südwestdeutsche Mädchen reden und war entgeistert. Dabei hatten wir einmal einen Lehrer aus Marburg, der es aber nicht lange mit unserer Klasse aushielt, oder umgekehrt. Er war dafür berühmt, dass er, als Schüler eine Biene vertreiben oder erlegen wollten, gesagt hatte: „Lasst doch das arme Tier in Ruhe!“

Bayerisch konnten wir fast täglich im Fernsehen hören. Besonders häufig sah man Luis Trenker (der allerdings Südtiroler war, aber den Unterschied könnte ich wohl selbst heute nicht heraushören). Ich nannte ihn als Kind den „Mödöbödö-Mann“.

Die norddeutsche Aussprache erschien mir die einzig richtige....bis ich Norddeutschland verließ. Als ich dann nach meinen ersten drei Monaten in Heidelberg nach Hause kam, war ich entsetzt, wie komisch alle Leute sprachen, selbst meine Eltern und Geschwister!

Als Kinder spielten wir einmal ein Spiel, bei dem man für jede Silbe eines Wortes einen Schritt vor ging. Meine jüngste Schwester hatte „Maulwurf“ und ging vier Schritte vor: Mau – el – wo – ääf.

Unser Deutschlehrer erntete mit seiner Mitteilung, es bestehe ein Unterschied in der Aussprache von „Ehre“ und „Ähre“, nur Kopfschütteln. Dabei sahen wir jeden Abend die „Tagesschau“, die zwar aus Hamburg kommt, doch auf korrektes Deutsch großen Wert legt - aber über die vielen „ä“s hörten wir einfach hinweg. Inzwischen habe ich mir das „ä“ angewöhnt; nur das norddeutsch kurze „e“ in „Erde“, „werden“, „der“ bewahre ich mir.

Von der Welt abgeschnitten waren wir auch in punkto Verkehr: Bis 1975 musste man, um von Schleswig nach Niedersachsen zu fahren, die gesamte Hamburger Innenstadt durchqueren. Die vielen Lastwagen nahmen oft die Sicht auf die Wegweiser, so dass mein Vater sich nicht mehr rechtzeitig auf die richtige der zahlreichen Spuren einordnen konnte und in die falsche Richtung geriet und nur mit Mühe den rechten Weg wiederfand. Damals war Hamburg für mich die Stadt der Lastwagen; erst als Lehrer in Udine erlebte ich beim Austausch mit einem Gymnasium in Poppenbüttel Hamburg als Wald- und Gartenstadt (mein Facebook-Video „Hamburg ist ein Wald“ habe ich vom Planetarium aus gedreht).

Und als der Autobahn-Elbtunnel fertig war, gab es praktisch täglich Staus dort. Erst seitdem die dritte Tunnelröhre fertig ist (die man von Anfang an hätte mitbauen können und sollen), geht es etwas besser.

Die Bahn war und ist keine Alternative. Sie wurde später elektrifiziert als die in Sizilien, und auch danach, als keine Loks mehr gewechselt werden mussten, gab es kaum durchgehende Züge; immer muss man in Hamburg umsteigen. Noch heute fährt die Bahn in Schleswig-Holstein so langsam wie 1937.



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Deutscher in Italien, Autor von lustigen oder tragikomischen Werken. AB mit Caesar-Stil. Ich mag Wandern, wilde Orchideen, Lesen, Katzen und klassische Musik.
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Diamond
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BeitragVerfasst am: 01.12.2016 21:40    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Schmurr,

vielen Dank für Deinen Einstand. Ich habe den Einstieg deines autobiografischen Romans begonnen zu lesen, weil mich die Untertitel angesprochen und neugierig gemacht haben.
Ich hatte auf eine Textprobe im Sinne von "Maria, ihm schmeckt's nicht" gehofft, aber die Zeilen blieben hinter meiner Erwartung zurück, weil sich die ersten Absätze hauptsächlich mit der Umgebung befassen. Deshalb habe ich auch schnell das Lesen eingestellt, weil jeder Reiseführer informativer ist, und ich auch sonst kein Konsument dieser Literatur bin. Da diese Umgebung aber zu deinem Leben dazugehört, gehört sie natürlich auch in das Buch. Ich frage mich nur, ob man das nicht vielleicht geschickter lösen könnte, um der Langatmigkeit zu entfliehen. Und hinzu kommt, dass es Deine Sicht auf die Umgebung ist, die der Text transportiert, nur bei mir kommt die Komik irgendwie nicht an. Aber das ist nur meine persönliche Meinung, ein anderer Leser ist vielleicht begeistert, weil ihm diese Literatur eher zusagt als mir. Deshalb bin ich ein schlechter Ratgeber und lasse Dir nur diesen ersten Eindruck hier.

VG Diamond
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schmurr
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BeitragVerfasst am: 01.12.2016 21:44    Titel: Danke! pdf-Datei Antworten mit Zitat

ich werde es kürzen; das 2. Kapitel handelt von meiner Familie!

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schmurr
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BeitragVerfasst am: 01.12.2016 21:56    Titel: gekürzt! pdf-Datei Antworten mit Zitat

Fährt man durch Deutschland Richtung Norden, kommt man irgendwann an einen Punkt, wo die Berge aufhören und das Auge selbst nach Hügeln vergeblich sucht: nichts als Leere bis zum Horizont.

Wer sich jedoch davon nicht abschrecken lässt und trotzdem immer weiter nach Norden fährt, bis ganz nach Hamburg und sogar noch darüber hinaus, der gelangt nach Schleswig-Holstein.

Dieses Land ist bei Touristen beliebt, wegen seiner Strände und seiner lieblichen Landschaft. Letztere beschränkt sich allerdings auf das östliche Drittel; dem übrigen Land kann man eine gewisse Ödnis leider nicht absprechen. Die höchste Erhebung des westlichen Drittels ist die Kuh, wie man scherzhafterweise sagt.

Es fehlt nicht nur die dritte Dimension in Form von Bergen, im Grunde ist das Land eine Linie, denn wenn man nach Westen fährt, hört es bald auf, weil das Meer kommt; fährt man nach Osten, ist es ebenso: es gibt nur die Richtungen Norden = Dänemark und Süden = Rest der Welt.

In diese dreigeteilte eindimensionale Landschaft hinein wurde ich geboren, und das ausgerechnet am 11. April: elf ist bekanntlich die närrische Zahl; so beginnt ja die Karnevalssaison am 11. 11. um 11 Uhr 11, und April ist in vielen Ländern Europas der verrückte Monat, der macht, was er will. Natürlich sind nicht alle Leute verrückt, die am 11. 4. geboren sind; ich aber schon. Ich entschlüpfte dem Mutterleib in Schleswig, im Jahr 1958 nach Christus, auf den wir später zurückkommen werden.

Viele Süddeutsche (d. h. Leute, die südlich von Hamburg leben) wissen nicht einmal, dass es eine Stadt namens Schleswig gibt. Dabei ist Schleswig immerhin eine Wikingerstadt: wenig südlich lag nämlich Haithabu, ein bedeutender Handelsplatz der Wikinger; es wurden dort sogar arabische Münzen gefunden.

Schleswig ist durch die Schlei mit der Ostsee verbunden. Viele Süddeutsche glauben, dass dieser merkwürdig geformte Wurmfortsatz ein Fluss sei. Er ist aber eine Förde, ein Meeresarm, wie die Fjorde in Norwegen, nur flach statt tief.

Der Bau des Wikingturms war umstritten, weil er das Stadtbild ruiniert, d. h. die Eindimensionalität. Vom Aussichtsrestaurant hat man einen eindrucksvollen Blick über die Schlei, die Stadt und (vom Klo) das Schloss.

Das Klima ist nicht ideal. Der Frühling z. B. müsste in Schleswig Spätling heißen: wenn die „Tagesschau“ die ersten Bilder von der blühenden Bergstraße zeigt, müssen die Schleswiger noch 23 Tage warten .

Einmal aß mein Vater in Bad Rappenau auf der Terrasse zu Abend; wenig später sah er im Fernsehen den Bericht über einen Schneesturm in Schleswig-Holstein. Ein anderes Mal konnten „Omanopa“ aus Flensburg zu Ostern nicht kommen, weil zu hoher Schnee lag. Und einmal fuhren wir am 1. Mai zu ihnen, 35 km übers Land, ohne ein einziges grünes Blatt zu sehen.

Trotzdem kann ich mich Theodor Storm anschließen, der in seinem berühmten Gedicht „Die Stadt“ seinen Heimatort Husum (30 km von Schleswig entfernt) zwar zunächst als „graue Stadt am Meer“ nach Strich und Faden verunglimpft, schließlich aber doch „der Jugend Zauber“ an ihm rühmt. Zauberhaft war bei uns vor allem die Vorweihnachtszeit, aber auch die Zeiten, in denen die Schlei zugefroren war, so dass man zu Fuß auf die Möweninsel gehen konnte.

Ansonsten war diese Insel tabu, als Möwenschutzgebiet; nur der „Möwenkönig“ durfte einmal im Jahr die Eier einsammeln und verkaufen. Sie schmeckten lecker, etwas nach Fisch, dürfen aber schon lange nicht mehr angeboten werden, wegen Schadstoffen.

In Schleswig geboren zu sein, bedeutete damals auch, von der Welt abgeschnitten zu sein. Mit 18 Jahren hörte ich (im Zug nach Hamburg) zum ersten Mal südwestdeutsche Mädchen reden und war entgeistert.

Bayerisch konnten wir fast täglich im Fernsehen hören. Besonders häufig sah man Luis Trenker (der allerdings Südtiroler war, aber den Unterschied könnte ich wohl selbst heute nicht heraushören). Ich nannte ihn als Kind den „Mödöbödö-Mann“.

Die norddeutsche Aussprache erschien mir die einzig richtige....bis ich Norddeutschland verließ. Als ich dann nach meinen ersten drei Monaten in Heidelberg nach Hause kam, war ich entsetzt, wie komisch alle Leute sprachen, selbst meine Eltern und Geschwister!

Als Kinder spielten wir einmal ein Spiel, bei dem man für jede Silbe eines Wortes einen Schritt vor ging. Meine jüngste Schwester hatte „Maulwurf“ und ging vier Schritte vor: Mau – el – wo – ääf.

Unser Deutschlehrer erntete mit seiner Mitteilung, es bestehe ein Unterschied in der Aussprache von „Ehre“ und „Ähre“, nur Kopfschütteln.

Von der Welt abgeschnitten waren wir auch in punkto Verkehr: Bis 1975 musste man, um von Schleswig nach Niedersachsen zu fahren, die gesamte Hamburger Innenstadt durchqueren. Die vielen Lastwagen nahmen oft die Sicht auf die Wegweiser, so dass mein Vater sich nicht mehr rechtzeitig auf die richtige der zahlreichen Spuren einordnen konnte und in die falsche Richtung geriet und nur mit Mühe den rechten Weg wiederfand.

Die Bahn war und ist keine Alternative. Sie wurde später elektrifiziert als die in Sizilien, und auch danach, als keine Loks mehr gewechselt werden mussten, gab es kaum durchgehende Züge; immer muss man in Hamburg umsteigen. Noch heute fährt die Bahn in Schleswig-Holstein so langsam wie 1937.


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Abifiz
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BeitragVerfasst am: 02.12.2016 01:17    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Schmurr.


Hatte anderes erwartet...

Ich hoffe, ich kann mich ehrlich äußern, aber konstruktiv. Will mir Mühe geben.

Wie Du ahnst, bin ich nicht begeistert. Der Duktus ist durchgehend "betulich".

Du wurdest geboren; flache Witze geben sich redliche Mühe; Dein Vater schaute Fernsehen; im Norden geht 's nicht süddeutsch zu, schon gar nicht südwestdeutsch; die Kuh, der Fisch, die Möwe, die lieblichen Linien und die Wikinger sind brav und man kann ihnen eine gewisse Ödnis nicht absprechen, und wo keine Berge auch keine Südtiroler, wo keine Möweneier dort ein 11. April... Und so weiter, und so fort, ganz bieder treu.

Spannend! Echt spannend!

Bitte, versuch mich zu verstehen: Ich will Dich nicht veräppeln. Ich finde bloß hier keinen Zusammenhang mit Deiner sonstigen spritzig-gewitzten Schreibe (siehe Vita z.B.), keine Nuance eines lebendigen Humors, geschweige denn von Komik, außer der halb-unfreiwilligen ("ich entschlüpfte dem Mutterleib..."). Es herrscht dumpfe Bemühtheit im Quadrat.

Warum?! Warum denn in drei Teufelsnamen?! Irgend etwas hapert da. Hast Du noch nicht Deine spezifische Erzähl-Atmosphäre gefunden? Was läßt Dich so bemüht sein?

Von einer Setzung in Richtung Tragikomik spüre ich im Moment leider keinerlei Präsenz und Wirkung.
Ich bin jedoch tatsächlich -- gerne! -- bereit, mit Dir zusammen nach einem neuen Muster in Deinem Sinne (Tragikomik) zu suchen. Ich möchte wirklich nicht lediglich unergiebig granteln.


Einige Einzelheiten:

"Eindimensionale" Landschaft. Natürlich nicht. Du beschreibst sie ja als sozusagen "zweidimensional".
11.11. Warum etwas Bekanntes umständlich erklären?
"Der Bau des Wikingerturms..." Was für ein Turm? Er wird völlig unvermittelt eingeführt. Der Satzrest ist etwas geschraubt.
"Zauberhaft war die Zeit, die Zeiten..." Richtig="waren"
"Wegen Schadstoffen"
Ausdruck.
"In Schleswig geboren zu sein, bedeutete damals auch, von der Welt abgeschnitten zu sein." Ausdruck zu schwer, zu bedeutsam. Fehlt ein "fast"!
"in punkto" "in puncto"

Verzeih mir bitte die Offenheit. É tra fratelli, glaub mir.


Herzlich
Abifiz


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Meine sehr kluge Signatur befindet sich noch in der Herstellungsphase. Falls keine gravierenden Inkompatibilitätsprobleme auftauchen werden, rechne ich mit ihrer Lieferung für das 1. Quartal 2034. Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen.
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gold
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BeitragVerfasst am: 02.12.2016 08:28    Titel: Antworten mit Zitat

Guten Morgen, schmurr,

Zitat:
Fährt man durch Deutschland Richtung Norden, kommt man irgendwann an einen Punkt, wo die Berge aufhören und das Auge selbst nach Hügeln vergeblich sucht: nichts als Leere bis zum Horizont.


Jaaaa...!!!und Puh, der Anblick ist kein Blick auf etwas, sondern auf nichts, denn da ist nichts, außer Felder und Himmel....

Dein Prota gähnt und stöhnt, wenn er aus dem Autofenster blickt. Aber irgendwann gibt er es auf und widmet sich etwas anderem (handy und sudoku gab es da ja noch nicht. Rolling Eyes ..) zählt die Telefonmasten, spielt mit den Eltern "ich sehe was, was du nicht siehst", denkt an seine erste Liebe, oder so...
Was ich damit meine, ist, du könntest die Betroffenheit des Prota zeigen, das Angeödetsein von der Ödnis, etc.

Du könntest bei ihm bleiben und zeigen, wie es ihm geht. Seine Gedanken, Gefühlszustände. Lass ihn sich mit jemanden darüber austauschen, z.B. mit einem Gleichgesinnten oder mit jemanden, der in dieser Landschaft z.B. etwas Spirituelles sieht und dem das total gefällt.

(
Zitat:
Die höchste Erhebung des westlichen Drittels ist die Kuh, wie man scherzhafterweise sagt.


Übrigens ist "ku" persisch und heißt übersetzt "Berg"- finde ich interessant...)

meine five cents.

Liebe Grüße
gold

Edit: Ich hab´das jetzt ein bisschen überspitzt, natürlich hast du deinen eigenen Stil, aber, wenn du das ein oder andere aus meinen Vorschlägen übenimmst, könnte dein Projekt vielleicht etwas spannender werden. Und wieviel Auto... darin sein muss, ist m.E. unerheblich, ein bisschen Fiktion macht das Ganze nicht unauthentischer, denke ich.


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Saraa
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BeitragVerfasst am: 02.12.2016 16:00    Titel: Antworten mit Zitat

Hi,

ich will nicht wiederholen was die anderen gesagt haben, ich sehe es nämlich genauso. Durch die vielen Themensprünge, verliert der Text leider sehr an Spannung. Es ist nicht strukturiert, man hat das Gefühl du willst so viele Erinnerungen so schnell wie möglich teilen.
Mein Vorschlag wäre sich auf 2/3 Ansätze zu konzentrieren und diese detailreicher zu schildern. Also statt 10 Absätze mit 2 Sätzen nur 3 Absätze, die mehr Inhalt haben.

Außerdem kann man nicht sagen "es fehlt die dritte Dimension", ich vermute du möchtest dadurch überspitzt ironisch klingen, aber ich runzle nur die Stirn und denke: Da kennt sich jemand nicht so gut mit unseren Dimensionen aus.
Man kann die 3. Dimension nicht alleinstehend als Höhe betrachten, sie erzeugt mit den anderen zusammen den Raum, also in 3D. Und so sieht schließlich alles aus, egal wie flach oder hügelig eine Umgebung ist.

Liebe Grüße,

Saraa


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schmurr
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BeitragVerfasst am: 02.12.2016 19:25    Titel: bereu bereu pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo, vielen Dank an alle! Bevor ich die neue Version vorstelle, hier drei Erklärungen:

1) zu: "Eindimensionale" Landschaft. Natürlich nicht. Du beschreibst
        sie ja als sozusagen "zweidimensional".
        / Außerdem kann man nicht sagen "es fehlt die dritte Dimension"

In S.-H. ist es wirklich meistens völlig platt, da ist einfach keine dritte Dimension. Es sei denn, es gibt einen schönen Himmel, aber der ist meistens grau... Zweidimensional heißt, dass man in alle Richtungen fahren kann, aber wie gesagt, in S.-H. gibt es praktisch nur zwei Richtungen = Linie = eindimensional = Meter statt Quadratmeter.

2) zu: "Der Bau des Wikingerturms..." Was für ein Turm? Er wird völlig
        unvermittelt eingeführt.

Wurde in der 1. Version durch die Bäder eingeführt, die ich dann weggelassen habe; ich kann auch den Turm weglassen.

3) zu: statt 10 Absätze mit 2 Sätzen nur 3 Absätze, die mehr Inhalt
        haben / du könntest die Betroffenheit des Prota zeigen, das
        Angeödetsein von der Ödnis

Ich bin überrascht: im Fernsehen und im Kino gilt es heute als normal, dass alle zwei Sekunden das Bild wechselt, aber in einem Buch soll jeder Gedanke auf mehrere Seiten ausgewälzt sein, überspitzt gesagt. Vielleicht bin ich einfach 50 Jahre zu früh...Platte Landschaft ödet mich an und geht mir auf den Geist; ich täte mich schwer daran, das ausführlicher zu sagen. Später beschreibe ich Bergtouren und füge ein Foto von zwei Steinböcken aus nächster Nähe ein: das ist die Antwort.


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schmurr
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BeitragVerfasst am: 02.12.2016 19:38    Titel: 3. Version pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier die 3. Version des 1. Kapitels und der Anfang des 2.:

1. Am Arsch der Welt

Fährt man durch Deutschland Richtung Norden, kommt man irgendwann an einen Punkt, wo die Berge aufhören: nichts als Leere bis zum Horizont.

Wer sich jedoch davon nicht abschrecken lässt und trotzdem immer weiter nach Norden fährt, bis ganz nach Hamburg und sogar noch darüber hinaus, der gelangt nach Schleswig-Holstein.

Dieses Land ist bei Touristen beliebt, wegen seiner Strände und seiner lieblichen Landschaft. Letztere beschränkt sich allerdings auf das östliche Drittel; dem übrigen Land kann man eine gewisse Ödnis leider nicht absprechen. Die höchste Erhebung des westlichen Drittels ist die Kuh, wie man scherzhafterweise sagt.

Es fehlt nicht nur die dritte Dimension in Form von Bergen, auch mit der zweiten ist es nicht weit her, denn wenn man nach Westen fährt, hört das Land bald auf, weil das Meer kommt; fährt man nach Osten, ist es ebenso: es gibt nur die Richtungen Norden = Dänemark und Süden = Rest der Welt.

In diese dreigeteilte eindimensionale Landschaft hinein wurde ich geboren, und das ausgerechnet am 11. April: elf, die närrische Zahl, und April, der verrückte Monat, der macht, was er will. Natürlich sind nicht alle Leute verrückt, die am 11. 4. geboren sind; ich aber schon. Ich entschlüpfte dem Mutterleib in Schleswig, im Jahr 1958 nach Christus, auf den wir später zurückkommen werden.

Viele Süddeutsche (d. h. Leute, die südlich von Hamburg leben) wissen nicht einmal, dass es eine Stadt namens Schleswig gibt. Dabei ist Schleswig immerhin eine Wikingerstadt: wenig südlich lag nämlich Haithabu, ein bedeutender Handelsplatz der Wikinger; es wurden dort sogar arabische Münzen gefunden.

Schleswig ist durch die Schlei mit der Ostsee verbunden. Viele Süddeutsche glauben, dass dieser merkwürdig geformte Wurmfortsatz ein Fluss sei. Er ist aber eine Förde, ein Meeresarm, wie die Fjorde in Norwegen, nur flach statt tief.

Das Klima ist nicht ideal. Der Frühling z. B. müsste in Schleswig Spätling heißen: wenn die „Tagesschau“ die ersten Bilder von der blühenden Bergstraße zeigt, müssen die Schleswiger noch 23 Tage warten .

Einmal aß mein Vater in Bad Rappenau im Freien zu Abend; wenig später sah er im Fernsehen den Bericht über einen Schneesturm in Schleswig-Holstein. Ein anderes Mal konnten „Omanopa“ aus Flensburg zu Ostern nicht kommen, weil zu hoher Schnee lag. Und einmal fuhren wir am 1. Mai zu ihnen, 35 km übers Land, ohne ein einziges grünes Blatt zu sehen.

Trotzdem kann ich mich Theodor Storm anschließen, der in seinem berühmten Gedicht „Die Stadt“ seinen Heimatort Husum (30 km von Schleswig entfernt) zwar zunächst als „graue Stadt am Meer“ nach Strich und Faden verunglimpft, schließlich aber doch „der Jugend Zauber“ an ihm rühmt. Zauberhaft waren bei uns vor allem die Vorweihnachtszeit und die Zeiten, in denen die Schlei zugefroren war, so dass man zu Fuß auf die Möweninsel gehen konnte.

In Schleswig geboren zu sein, bedeutete damals auch, so ziemlich von der Welt abgeschnitten zu sein. Mit 18 Jahren hörte ich (im Zug nach Hamburg) zum ersten Mal südwestdeutsche Mädchen reden und war entgeistert.Bayerisch konnten wir dagegen fast täglich im Fernsehen hören. Besonders häufig sah man Luis Trenker. Ich nannte ihn als Kind den „Mödöbödö-Mann“.

Die norddeutsche Aussprache erschien mir die einzig richtige....bis ich Norddeutschland verließ. Als ich dann nach meinen ersten drei Monaten in Heidelberg nach Hause kam, war ich entsetzt, wie komisch alle Leute sprachen, selbst meine Eltern und Geschwister!

Als Kinder spielten wir einmal ein Spiel, bei dem man für jede Silbe eines Wortes einen Schritt vor ging. Meine jüngste Schwester hatte „Maulwurf“ und ging vier Schritte vor: Mau – el – wo – ääf. Unser Deutschlehrer erntete mit seiner Mitteilung, es bestehe ein Unterschied in der Aussprache von „Ehre“ und „Ähre“, nur Kopfschütteln.

Von der Welt abgeschnitten waren wir auch in puncto Verkehr: Bis 1975 musste man, um von Schleswig nach Niedersachsen zu fahren, die gesamte Hamburger Innenstadt durchqueren. Die vielen Lastwagen nahmen oft die Sicht auf die Wegweiser, so dass mein Vater sich nicht mehr rechtzeitig auf die richtige der zahlreichen Spuren einordnen konnte und in die falsche Richtung geriet und nur mit Mühe den rechten Weg wiederfand.

Die Bahn war und ist keine Alternative. Sie wurde später elektrifiziert als die in Sizilien, und auch danach, als keine Loks mehr gewechselt werden mussten, gab es kaum durchgehende Züge; immer muss man in Hamburg umsteigen. Noch heute fährt die Bahn in Schleswig-Holstein so langsam wie 1937.


2. Meine Familie

Mein Vater war als Rechtsanwalt und Notar erfolgreich, wenn auch mit Kaufverträgen über Kühe und ähnlichen ländlichen Lappalien nicht viel Geld zu machen war. Zuhause dagegen erholte er sich, indem er jedes Grübeln über Gerechtigkeit vermied: fingen meine beiden Schwestern plötzlich gleichzeitig zu weinen an, was öfters vorkam, war für ihn automatisch ich der Schuldige, obwohl sie in ihrem Zimmer saßen und ich in meinem, und er stampfte mit wutverzerrtem Gesicht die Treppe herauf, um mich zu schlagen. Ich kroch dann jedesmal unters Bett.

Als ich viele Jahre später am Telefon die Stimme meiner Mutter sagen hörte, dass Papa gestorben war, kam in mir sofort das Bild hoch, wie er mit wutverzerrtem Gesicht die Treppe heraufstampfte. So konnte ich seinen Tod besser verkraften.



In unserer alten Wohnung, also bis ich acht war, griff er zum Teppichklopfer. Der schmerzte wenig. In der Tat litt ich nicht unter den physischen, sondern den psychischen Folgen dieser „Anwaltstätigkeiten“: ich hatte kein Vertrauen zu meinem Vater und fühlte keine Zuneigung zu ihm, außer in späteren Jahren Mitleid, wenn meine Schwestern über ihn meckerten.

Selbst als er am Vorabend meines Starts ins Studentenleben, also der Abfahrt nach Heidelberg, zu mir sagte, es sei nun an der Zeit, mit mir ein Wort von Mann zu Mann zu reden, lehnte ich ab. Das war natürlich unvernünftig. Das einzige Mal, dass einer unserer Eltern einem von uns Kindern einen guten Rat erteilen wollte, hätte ich zugreifen sollen. Ich tröste mich später damit, dass er mir wohl sowieso nur sagen wollte, ich solle bei Frauen aufpassen, keiner ein Kind zu machen. Eine solche Situation war ohnehin für mich völlig utopisch, und mit diesem Argument begründete ich auch meine Ablehnung seines Angebots.

Wenn er mir dagegen hatte sagen wollen, ich solle nicht auf das Mädchen meiner Träume warten, sondern jede Gelegenheit beim Schopf ergreifen, um dann, wenn es soweit war, bereits ein erfahrener Liebhaber zu sein – ja, dann müsste ich meine Ablehnung bitter bereuen. Aber ich glaube nicht, dass er mir das sagen wollte. „Carpe diem“ ist nicht sehr norddeutsch.

Die Bayern, die feiern! Bei Bayerinnen habe ich mich immer wohlgefühlt. (Nach den Regeln der Grammatik darf ab 2 Personen die Mehrzahl verwendet werden.) Auch die anderen Süddeutschen und die Österreicher feiern oft. Eine Sexualforscherin, die ich persönlich kennenlernte, postuliert, dass es in den Alpentälern der Kirche nicht gelungen sei, den natürlichen Sexualdrang auszutreiben, und zitiert dazu (obwohl sie nicht auf deutsch schreibt): „Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd‘“.

In Schleswig dagegen: Karneval gibt’s nicht, Halloween war damals noch nicht „erfunden“; das einzige Volksfest in zwölf Monaten war das dreitägige Schützenfest, dessen Bässe von der Schützenkoppel zu uns hinüberwummerten.

Es mag mit der Religion zusammenhängen: auch die katholischen Rheinländer sind ja für Fröhlichkeit bekannt. Im evangelischen Hamburg dagegen blaffte mich ein Bürger an, als ich bei Rot über die Straße ging.

Papa kam immer mittags zum Essen nach Hause, legte sich dann aufs Sofa und las den SPIEGEL oder ein Buch und fuhr gegen 15 Uhr ins Büro zurück. Es waren zwar nur fünf Minuten zu Fuß, durch die schöne Allee mit Blick auf die Schlei, aber das Gehen vermied er. Er brauchte ja auch den Wagen für seine Fahrten zu den Bauern, und dann war da sein amputierter Fuß... Er ärgerte sich über die Schüler der gegenüberliegenden Realschule, die kurz vor acht immer auf den Stufen zu unserer Garageneinfahrt saßen und durch die er sich einen Weg fräsen musste.

Mein Vater arbeitete viel im Garten, und es missfiel ihm, dass ich ihm nur selten dabei helfen wollte, aber ich hatte meine Gründe, denn ich musste dann immer umgraben, und der Vorbesitzer hatte tonnenweise Lehm aufschütten lassen. Das bedeutete: entweder war der Boden zäh wie Leim und an jedem Schuh klebte kiloweise Lehm, oder, bei Trockenheit, steinhart.

Er werkelte auch oft im selbstgebauten Hobbyraum. Da hätte ich vieles lernen können, was mich für Mädchen zumindest gelegentlich hätte interessant machen können. Aber, wie gesagt, ich war nicht gern mit ihm zusammen, und er hielt mich auch für unfähig. Selbst als ich für den Werkunterricht eine „Spielmaschine“ entwarf, aussägte, zusammenleimte und lackierte, brachte ihn dies nicht von seiner Meinung ab.

Er sagte immer, er sei viersprachig aufgewachsen: hochdeutsch, plattdeutsch, hochdänisch und plattdänisch. Er war Sohn eines Dorfschullehrers, und die Liebe zum Lande liegt auch mir im Blut.

Er aß und trank gern, betrank sich aber nie, auch wenn ich ihn jeden Abend mehrmals die Kellertreppe hinuntersteigen hörte, um sich noch eine Flasche Bier zu holen. Zu seinem Geburtstag am 2. Juli gab es Erbsen und Wurzeln (Karotten) und Schinken und zum Nachtisch die ersten Erdbeeren aus dem Garten mit Milch. Wenn meine Mutter Heringe briet oder Pfannkuchen buk (die wir meist mit Stachelbeerkompott aßen, eine Köstlichkeit, die nie ein Italiener wird genießen können), durften wir so viele essen, wie wir wollten, und mein Vater aß viele.

Im Krieg zeichnete er sich in Frankreich durch die Rettung einiger Kameraden aus. In Russland ging er auf einen Botengang, und als er zurückkam, waren alle seine Kameraden tot. Später musste ihm wegen eines Granatsplitters ein Unterschenkel amputiert werden, und der Krieg war für ihn zu Ende.

Als Kriegsversehrtem stand ihm jedes Jahr ein kostenloser Kuraufenthalt zu. Den Ort konnte er frei wählen, und er wählte fast immer die am weitesten entfernten, wie Bad Wörishofen im Allgäu. Wenn er zurückkam, brachte er uns immer etwas mit: jedem eine Tafel Kinderschokolade, ein Luxus für uns, weil sie 1,30 DM kostete (0,65 Euro; wir hätten sie uns zwar von unserem Taschengeld leisten können, aber ich kaufte lieber 2 Tafeln einer Billigmarke zum Rekordpreis von 49 Pfennig bei einem Bäcker in der Straße namens Lollfuß. Meine Schwestern dagegen bewahrten ihre Marzipanschweinchen von Weihnachten so lange auf, bis sie steinhart waren.) Mir brachte er außerdem Kiloware mit. Das war ein Sack voll Briefmarken, die noch am Papier hafteten; laut Wikipedia gibt es das heute noch. Man sagte, dass auch wertvolle darunter sein konnten, bei mir aber nie.

Auf seinen alten Fotos sieht man einen ausgesprochen gutaussehenden Mann, und so fand er trotz Beinprothese eine intelligente, neun Jahre jüngere Frau.


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BeitragVerfasst am: 02.12.2016 19:53    Titel: Antworten mit Zitat

naja, dann war wohl mein Kommentar für die Katz... Grr Das fast Ignoriertwerden ist nicht gerade förderlich für einen weiteren Austausch.

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BeitragVerfasst am: 02.12.2016 19:57    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

ganz und gar nicht! Du hast mir gezeigt, was die Leute wollen, und ich werde immer versuchen, dem gerecht zu werden, nur bei der Ödnis schaffe ich es nicht...

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BeitragVerfasst am: 02.12.2016 20:01    Titel: Antworten mit Zitat

schmurr hat Folgendes geschrieben:
ganz und gar nicht! Du hast mir gezeigt, was die Leute wollen, und ich werde immer versuchen, dem gerecht zu werden, nur bei der Ödnis schaffe ich es nicht...


Okay, okay, kann ja verstehen, dass dir die Ödnis so zu schaffen macht, ich liebe sie auch nicht; aber warum zeigst du nicht, was sie bei dir auslöst?
Du gähnst sie an, sie gähnt zurück, ach, wenn sie das doch nur täte, aber nicht einmal dazu ist sie fähig...
So, jetzt hör ich aber auf, sonst oute ich mich als Nervensäge... Embarassed

Edit: Ich kenne einen Menschen, der heißt Einöder... Laughing


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BeitragVerfasst am: 02.12.2016 22:04    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Im 1. Kapitel hatte ich keine Gefühle vorgesehen (der Schreck beim Aufhören der Berge ist nicht mein persönlicher, sondern der der Allgemeinheit). Es dient nur der Einordnung und Beschreibung der Ausgangssituation. Im 2. geht es dann los mit den Gefühlen, siehe die gegenüber meinem Vater.

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BeitragVerfasst am: 03.12.2016 11:58    Titel: Re: 3. Version Antworten mit Zitat

Hallo Schmurr,

ich gebe auch nochmal meinen Senf dazu, da mir irgendwie schwant, dass Du möglicherweise nicht verstehst - korrigiere mich bitte, wenn ich das falsch einschätze - oder vielleicht auch nicht genau weißt, wie Du die Anmerkungen konstruktiv in Deinem Text umsetzen kannst, die hier gegeben wurden.

schmurr hat Folgendes geschrieben:
Hier die 3. Version des 1. Kapitels und der Anfang des 2.:

1. Am Arsch der Welt

Ich beginne direkt mit dem ersten Satz und zerpflücke Deine Wöter.

Fährt man - das ist passiv, dafür sorgt das Wort "man". Passiv ist für einen autobiografischen Roman ein schlechter Einstieg, weil es Distanz erzeugt und damit verliert der Text den Bezug zu Dir. Und Du verwendest "man" direkt zweimal in einem Satz. Anders klingt es schon, wenn Du schreibst:

Fahre ich durch Deutschland in Richtung Norden, komme ich irgendwann an einem Punkt - Punkt ist vielleicht auch der falsche Ausdruck - an, wo die Berge aufhören: ich sehe nichts als Leere, bis zum Horizont.

So oder so ähnlich, könnte der erste Satz lauten.

Wer sich - wieder Passiv und damit derselbe Effekt wie in Satz 1.

jedoch davon nicht abschrecken lässt und trotzdem immer weiter nach Norden fährt, bis ganz nach Hamburg und sogar noch darüber hinaus,
der gelangt - auch passiv - nach Schleswig-Holstein.

Dieses Land - S-H ist bestenfalls ein Bundesland, aber kein Land. Alternativen wären dieser Fleck Erde, die Landschaft oder so ähnlich...

ist bei Touristen beliebt, - hier fehlt der Kontrast zu Dir, weil auch der Bezug zu Dir fehlt.

wegen seiner Strände und seiner lieblichen Landschaft.
Und weiter geht's im Passiv: Letztere beschränkt sich allerdings auf das östliche Drittel; dem übrigen Land kann man eine gewisse Ödnis leider nicht absprechen. Die höchste Erhebung des westlichen Drittels ist die Kuh, wie man scherzhafterweise sagt.

Wieder Passiv: Es fehlt nicht nur die dritte Dimension in Form von Bergen, auch mit der zweiten ist es nicht weit her, denn wenn man nach Westen fährt, hört das Land bald auf,

weil das Meer kommt; - das Meer kommt übrigens nicht, es ist da, schon sehr lange sogar

Weiter im Passiv: fährt man nach Osten, ist es ebenso: es gibt nur die Richtungen Norden = Dänemark und Süden = Rest der Welt.

Hier wird der Text zum ersten Mal subjektiv. Ich halte diese Stelle übrigens für den besseren Anfang, weil Du dich vorstellst.

In diese dreigeteilte eindimensionale Landschaft hinein wurde ich geboren, und das ausgerechnet am 11. April: elf, die närrische Zahl, und April, der verrückte Monat, der macht, was er will

Jetzt geht es weiter mit einer Verallgemeinerung, wieder ohne Bezug zu Dir: Natürlich sind nicht alle Leute verrückt, die am 11. 4. geboren sind; - übrigens kannst Du dem Leser zutrauen, dass er das weiß, auch ohne dass Du es erwähnst.

ich aber schon. Ich entschlüpfte dem Mutterleib in Schleswig, im Jahr 1958 nach Christus, auf den wir später zurückkommen werden.

Wieder eine Verallgemeinerung und zwar den ganzen Absatz durch, damit hängt er wieder in der Luft: Viele Süddeutsche (d. h. Leute, die südlich von Hamburg leben) wissen nicht einmal, dass es eine Stadt namens Schleswig gibt. Dabei ist Schleswig immerhin eine Wikingerstadt: wenig südlich lag nämlich Haithabu, ein bedeutender Handelsplatz der Wikinger; es wurden dort sogar arabische Münzen gefunden.

Das sehe ich auf der Landkarte selbst!: Schleswig ist durch die Schlei mit der Ostsee verbunden.

Viele Süddeutsche glauben, - Woher willst Du das wissen? Das ist nicht nur eine Verallgemeinerung, sondern zugleich eine Behauptung, um deren Beweis Du dich nicht bemühst.

dass dieser merkwürdig geformte Wurmfortsatz ein Fluss sei. Er ist aber eine Förde, ein Meeresarm, wie die Fjorde in Norwegen, nur flach statt tief.

Wieder Verallgemeinerung: Das Klima ist nicht ideal. Der Frühling z. B. müsste in Schleswig Spätling heißen: wenn die „Tagesschau“ die ersten Bilder von der blühenden Bergstraße zeigt, müssen die Schleswiger noch 23 Tage warten .


Auf diese Weise könnte ich jetzt auch die anderen Absätze umkrempeln, das ist aber nicht meine Absicht. Ich wollte Dir nur aufzeigen, woran es in dem Text scheitert. Nimm Dir, was Du brauchst.


VG Diamond


Einmal aß mein Vater in Bad Rappenau im Freien zu Abend; wenig später sah er im Fernsehen den Bericht über einen Schneesturm in Schleswig-Holstein. Ein anderes Mal konnten „Omanopa“ aus Flensburg zu Ostern nicht kommen, weil zu hoher Schnee lag. Und einmal fuhren wir am 1. Mai zu ihnen, 35 km übers Land, ohne ein einziges grünes Blatt zu sehen.

Trotzdem kann ich mich Theodor Storm anschließen, der in seinem berühmten Gedicht „Die Stadt“ seinen Heimatort Husum (30 km von Schleswig entfernt) zwar zunächst als „graue Stadt am Meer“ nach Strich und Faden verunglimpft, schließlich aber doch „der Jugend Zauber“ an ihm rühmt. Zauberhaft waren bei uns vor allem die Vorweihnachtszeit und die Zeiten, in denen die Schlei zugefroren war, so dass man zu Fuß auf die Möweninsel gehen konnte.

In Schleswig geboren zu sein, bedeutete damals auch, so ziemlich von der Welt abgeschnitten zu sein. Mit 18 Jahren hörte ich (im Zug nach Hamburg) zum ersten Mal südwestdeutsche Mädchen reden und war entgeistert.Bayerisch konnten wir dagegen fast täglich im Fernsehen hören. Besonders häufig sah man Luis Trenker. Ich nannte ihn als Kind den „Mödöbödö-Mann“.

Die norddeutsche Aussprache erschien mir die einzig richtige....bis ich Norddeutschland verließ. Als ich dann nach meinen ersten drei Monaten in Heidelberg nach Hause kam, war ich entsetzt, wie komisch alle Leute sprachen, selbst meine Eltern und Geschwister!

Als Kinder spielten wir einmal ein Spiel, bei dem man für jede Silbe eines Wortes einen Schritt vor ging. Meine jüngste Schwester hatte „Maulwurf“ und ging vier Schritte vor: Mau – el – wo – ääf. Unser Deutschlehrer erntete mit seiner Mitteilung, es bestehe ein Unterschied in der Aussprache von „Ehre“ und „Ähre“, nur Kopfschütteln.

Von der Welt abgeschnitten waren wir auch in puncto Verkehr: Bis 1975 musste man, um von Schleswig nach Niedersachsen zu fahren, die gesamte Hamburger Innenstadt durchqueren. Die vielen Lastwagen nahmen oft die Sicht auf die Wegweiser, so dass mein Vater sich nicht mehr rechtzeitig auf die richtige der zahlreichen Spuren einordnen konnte und in die falsche Richtung geriet und nur mit Mühe den rechten Weg wiederfand.

Die Bahn war und ist keine Alternative. Sie wurde später elektrifiziert als die in Sizilien, und auch danach, als keine Loks mehr gewechselt werden mussten, gab es kaum durchgehende Züge; immer muss man in Hamburg umsteigen. Noch heute fährt die Bahn in Schleswig-Holstein so langsam wie 1937.


2. Meine Familie

Mein Vater war als Rechtsanwalt und Notar erfolgreich, wenn auch mit Kaufverträgen über Kühe und ähnlichen ländlichen Lappalien nicht viel Geld zu machen war. Zuhause dagegen erholte er sich, indem er jedes Grübeln über Gerechtigkeit vermied: fingen meine beiden Schwestern plötzlich gleichzeitig zu weinen an, was öfters vorkam, war für ihn automatisch ich der Schuldige, obwohl sie in ihrem Zimmer saßen und ich in meinem, und er stampfte mit wutverzerrtem Gesicht die Treppe herauf, um mich zu schlagen. Ich kroch dann jedesmal unters Bett.

Als ich viele Jahre später am Telefon die Stimme meiner Mutter sagen hörte, dass Papa gestorben war, kam in mir sofort das Bild hoch, wie er mit wutverzerrtem Gesicht die Treppe heraufstampfte. So konnte ich seinen Tod besser verkraften.



In unserer alten Wohnung, also bis ich acht war, griff er zum Teppichklopfer. Der schmerzte wenig. In der Tat litt ich nicht unter den physischen, sondern den psychischen Folgen dieser „Anwaltstätigkeiten“: ich hatte kein Vertrauen zu meinem Vater und fühlte keine Zuneigung zu ihm, außer in späteren Jahren Mitleid, wenn meine Schwestern über ihn meckerten.

Selbst als er am Vorabend meines Starts ins Studentenleben, also der Abfahrt nach Heidelberg, zu mir sagte, es sei nun an der Zeit, mit mir ein Wort von Mann zu Mann zu reden, lehnte ich ab. Das war natürlich unvernünftig. Das einzige Mal, dass einer unserer Eltern einem von uns Kindern einen guten Rat erteilen wollte, hätte ich zugreifen sollen. Ich tröste mich später damit, dass er mir wohl sowieso nur sagen wollte, ich solle bei Frauen aufpassen, keiner ein Kind zu machen. Eine solche Situation war ohnehin für mich völlig utopisch, und mit diesem Argument begründete ich auch meine Ablehnung seines Angebots.

Wenn er mir dagegen hatte sagen wollen, ich solle nicht auf das Mädchen meiner Träume warten, sondern jede Gelegenheit beim Schopf ergreifen, um dann, wenn es soweit war, bereits ein erfahrener Liebhaber zu sein – ja, dann müsste ich meine Ablehnung bitter bereuen. Aber ich glaube nicht, dass er mir das sagen wollte. „Carpe diem“ ist nicht sehr norddeutsch.

Die Bayern, die feiern! Bei Bayerinnen habe ich mich immer wohlgefühlt. (Nach den Regeln der Grammatik darf ab 2 Personen die Mehrzahl verwendet werden.) Auch die anderen Süddeutschen und die Österreicher feiern oft. Eine Sexualforscherin, die ich persönlich kennenlernte, postuliert, dass es in den Alpentälern der Kirche nicht gelungen sei, den natürlichen Sexualdrang auszutreiben, und zitiert dazu (obwohl sie nicht auf deutsch schreibt): „Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd‘“.

In Schleswig dagegen: Karneval gibt’s nicht, Halloween war damals noch nicht „erfunden“; das einzige Volksfest in zwölf Monaten war das dreitägige Schützenfest, dessen Bässe von der Schützenkoppel zu uns hinüberwummerten.

Es mag mit der Religion zusammenhängen: auch die katholischen Rheinländer sind ja für Fröhlichkeit bekannt. Im evangelischen Hamburg dagegen blaffte mich ein Bürger an, als ich bei Rot über die Straße ging.

Papa kam immer mittags zum Essen nach Hause, legte sich dann aufs Sofa und las den SPIEGEL oder ein Buch und fuhr gegen 15 Uhr ins Büro zurück. Es waren zwar nur fünf Minuten zu Fuß, durch die schöne Allee mit Blick auf die Schlei, aber das Gehen vermied er. Er brauchte ja auch den Wagen für seine Fahrten zu den Bauern, und dann war da sein amputierter Fuß... Er ärgerte sich über die Schüler der gegenüberliegenden Realschule, die kurz vor acht immer auf den Stufen zu unserer Garageneinfahrt saßen und durch die er sich einen Weg fräsen musste.

Mein Vater arbeitete viel im Garten, und es missfiel ihm, dass ich ihm nur selten dabei helfen wollte, aber ich hatte meine Gründe, denn ich musste dann immer umgraben, und der Vorbesitzer hatte tonnenweise Lehm aufschütten lassen. Das bedeutete: entweder war der Boden zäh wie Leim und an jedem Schuh klebte kiloweise Lehm, oder, bei Trockenheit, steinhart.

Er werkelte auch oft im selbstgebauten Hobbyraum. Da hätte ich vieles lernen können, was mich für Mädchen zumindest gelegentlich hätte interessant machen können. Aber, wie gesagt, ich war nicht gern mit ihm zusammen, und er hielt mich auch für unfähig. Selbst als ich für den Werkunterricht eine „Spielmaschine“ entwarf, aussägte, zusammenleimte und lackierte, brachte ihn dies nicht von seiner Meinung ab.

Er sagte immer, er sei viersprachig aufgewachsen: hochdeutsch, plattdeutsch, hochdänisch und plattdänisch. Er war Sohn eines Dorfschullehrers, und die Liebe zum Lande liegt auch mir im Blut.

Er aß und trank gern, betrank sich aber nie, auch wenn ich ihn jeden Abend mehrmals die Kellertreppe hinuntersteigen hörte, um sich noch eine Flasche Bier zu holen. Zu seinem Geburtstag am 2. Juli gab es Erbsen und Wurzeln (Karotten) und Schinken und zum Nachtisch die ersten Erdbeeren aus dem Garten mit Milch. Wenn meine Mutter Heringe briet oder Pfannkuchen buk (die wir meist mit Stachelbeerkompott aßen, eine Köstlichkeit, die nie ein Italiener wird genießen können), durften wir so viele essen, wie wir wollten, und mein Vater aß viele.

Im Krieg zeichnete er sich in Frankreich durch die Rettung einiger Kameraden aus. In Russland ging er auf einen Botengang, und als er zurückkam, waren alle seine Kameraden tot. Später musste ihm wegen eines Granatsplitters ein Unterschenkel amputiert werden, und der Krieg war für ihn zu Ende.

Als Kriegsversehrtem stand ihm jedes Jahr ein kostenloser Kuraufenthalt zu. Den Ort konnte er frei wählen, und er wählte fast immer die am weitesten entfernten, wie Bad Wörishofen im Allgäu. Wenn er zurückkam, brachte er uns immer etwas mit: jedem eine Tafel Kinderschokolade, ein Luxus für uns, weil sie 1,30 DM kostete (0,65 Euro; wir hätten sie uns zwar von unserem Taschengeld leisten können, aber ich kaufte lieber 2 Tafeln einer Billigmarke zum Rekordpreis von 49 Pfennig bei einem Bäcker in der Straße namens Lollfuß. Meine Schwestern dagegen bewahrten ihre Marzipanschweinchen von Weihnachten so lange auf, bis sie steinhart waren.) Mir brachte er außerdem Kiloware mit. Das war ein Sack voll Briefmarken, die noch am Papier hafteten; laut Wikipedia gibt es das heute noch. Man sagte, dass auch wertvolle darunter sein konnten, bei mir aber nie.

Auf seinen alten Fotos sieht man einen ausgesprochen gutaussehenden Mann, und so fand er trotz Beinprothese eine intelligente, neun Jahre jüngere Frau.
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BeitragVerfasst am: 03.12.2016 12:43    Titel: Danke! pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Diamond,
vielen Dank für deine Hilfe!
Wie gesagt, im 1. Kapitel beschreibe ich weder mich noch mein Leben, sondern den geografischen Rahmen.

Fährt man - das ist passiv, dafür sorgt das Wort "man".

Wenn S.-H. nur mir zu platt vorkäme, könnte man das weglassen. Ich glaube aber, dass viele Menschen denselben Eindruck haben wie ich, wenn sie nach der Fahrt durch die Berge plötzlich die Ebene vor sich sehen. Das “Fährt man durch Deutschland...” soll an Heine erinnern, der ja auch im Ausland gelebt hat, wie ich jetzt.

Dieses Land - S-H ist bestenfalls ein Bundesland

Man spricht doch oft von den Ländern Deutschlands.

weil das Meer kommt; - das Meer kommt übrigens nicht, es ist da, schon sehr lange sogar

“kommt” soll bedrohlich klingen...

Natürlich sind nicht alle Leute verrückt, die am 11. 4. geboren sind; - übrigens kannst Du dem Leser zutrauen, dass er das weiß, auch ohne dass Du es erwähnst. “...ich aber schon.”

Ich könnte schreiben: “Und verrückt bin ich tatsächlich.”, finde meine Lösung aber origineller. Natürlich weiß ich, dass jeder weiß, dass  nicht alle Leute verrückt sind, die am 11. 4. geboren sind. Diese Stelle zeigt wieder meine Ironie und Selbstverarschung.

Schleswig ist durch die Schlei mit der Ostsee verbunden.

Dies soll in Verbindung mit dem folgenden

Viele Süddeutsche glauben,

zeigen, dass ich auch deshalb vielen zu fremd bin, weil sie von meiner Heimat keine Ahnung haben. Ich schreibe nichts unbegründet hin: in zehn Jahren Heidelberg habe ich genug Leute sagen hören, die Schlei sei ein Fluss.

Wieder Verallgemeinerung –ja, nämlich Beschreibung: Das Klima ist nicht ideal. Der Frühling z. B. ...

Damit will ich jetzt nicht sagen, dass ich alle Kritik für unberechtigt halte, im Gegenteil, ich freue mich über jeden Tipp, wie ich mich dem Publikumsgeschmack annähern kann, und werde alle anderen Kapitel dementsprechend überarbeiten. Nur zufällig in den o. a. Fällen halte ich meine Lösung für angemessen...

Außerdem gefällt mir das Wort “Wurmfortsatz”. Dieses Buch ist auch ein Spiel mit der deutschen Sprache, die ja zum Glück sehr reich ist. Der Maulwurf, ein weiteres Wort, das mir sehr gefällt, wird in Kap. 5 ausführlich gewürdigt. Natürlich dürfen auch die feilgehaltenen Maulaffen nicht fehlen...

Das 1. Kapitel ist vordergründig eine Beschreibung, birgt aber Hinweise auf die Diskrepanz zwischen mir und den meisten anderen Leuten, die später eskalieren und offen ausbrechen wird.

Ciao aus dem heute ausnahmsweise grauen Italien
Martin


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BeitragVerfasst am: 07.12.2016 22:12    Titel: :-( pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich bin damit wohl "out". Zum Abschied einen möglichen, wenn auch von mir ungeliebten, Zusatz zum 1. Kapitel nach dem Satz mit der Kuh:

Natürlich steht es jedem frei, die Ebene den Bergen vorzuziehen oder umgekehrt. Aber das Wort „flach“ heißt ja auch, laut Duden: „(abwertend) ohne [gedankliche] Tiefe und daher nichtssagend, unwesentlich; oberflächlich, banal“. Keiner kann leugnen, dass Schleswig-Holstein und Hamburg große Künstler hervorgebracht haben wie Thomas Mann, Emil Nolde und Johannes Brahms. Aber die größten deutschen Schriftsteller, Maler und Komponisten kommen nun mal aus südlicheren Gefilden.

Es fehlt in Schleswig-Holstein nicht nur die dritte Dimension...

Weitere Kapitel oder das Inhaltsverzeichnis sind sicher nicht erwünscht.

Gruß aus Italien

Martin


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BeitragVerfasst am: 11.12.2016 15:02    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Obwohl dies niemand wird lesen wollen, werde ich noch dreimal tätlich: Expose, Rest 2. und 3. Kapitel sowie Inhaltsverzeichnis. Vielleicht stößt ja doch zufällig jemand darauf, bevor ich von Würmern zerfressen sein werde. Adieu!

Dies ist die Geschichte eines AB = Absolute Beginner = Menschen, der „unfreiwillig ohne oder nur mit geringer Beziehungserfahrung“  ist. Der lakonische Stil, der mich als Caesar-Fan ausweist, macht sowohl die tragischen als auch die vielen humorvollen Stellen wirkungsvoller und passt auch in diese Zeit, wo im Fernsehen und im Kino alle zwei Sekunden das Bild wechselt. Er drückt das Staunen über die Vielfältigkeit der Welt aus. (Zum Staunen vgl. mein Zitat von Montagu in Kap. 110.) Gelegentlich wird es aber auch elegisch.
Der Ich-Erzähler, eine Mischung aus Simplizissimus und Till Eulenspiegel, tapert durch eine Welt, die ihn nicht versteht und die nichts mit ihm zu tun haben will.
Nicht nur der Genitiv wird ausgiebig verwendet, auch das Dativ-e erscheint als Symbol von Misserfolgen: „So hatte ich es jenem unbekannten Manne zu verdanken, dass diese einmalige Gelegenheit verloren war”.  Und sogar das Dativ-n zeigt humoristische Wirkung: „So kann man ... missliebigen Eulenspiegeln Aufgabenbereiche zuweisen, in denen sie weniger Schäden anrichten können.” Ausgefallene Konjunktive kennzeichnen Trauriges: „Bräche ich im Lehrerzimmer tot zusammen, würde keiner sich etwas anmerken lassen; taktvoll würden sie über den herumliegenden Eulenspiegel hinwegsteigen. Sie finden das übertrieben? Ich kenne viele Friauler, die es nie wagen würden, ihre nächsten Verwandten zu fragen, wie es ihnen geht.” Auf Sätze wie „Ich freute mich sehr darauf.“ folgen regelmäßig Reinfälle.
Die Szene, in der unsere Freundin vor unserem Tor warten soll, bis ich den bissigen Hund angeleint habe, es aber nicht tut, benutzt identische Sätze wie die Szene, in der ein attraktives Mädchen in meinem Wohnheimzimmer warten soll, bis ich in der kakerlakenverseuchten (was sie nicht wusste) Küche unser Abendmahl zubereitet habe, es aber nicht tut.
Der Wortschatz ist umfangreich:
Spielmaschine   Sexualforscherin   Affenliebe   Petroleumlampe   Räucheranlage   Geheimbriefe   Kampfhandlungen  Schauergeschichte  Blutlache  Gangsterbosse  Physikmännchen  Gelbspötter  Kaikäpaupütoitöpaupü  Schließmuskel  Dreiviertelgeige  persönlichkeitsfördernd,  
um nur einige Ausdrücke aus den ersten acht der 111 Kapitel zu nennen. Auch viele farbige Redewendungen werden benutzt, wie z. B. „Maulaffen feilhalten“. Es ist das Denkmal einer untergehenden Kultur, aber auch für junge Leute interessant, indem es ihnen neue Horizonte öffnet und sie lehrt, was man vermeiden sollte, um ein nicht allzu einsames Leben zu führen.
Das Buch bietet neue Erkenntnisse aus Linguistik, Literatur, Pädagogik, Religion, Sport (Schwimm-Selbstlernmethode), Musik (Operngesang-Selbstlernmethode u.v.a.m.), Informatik (Entwicklung eines Übersetzungsprogramms), Übernatürlichem, Geschichte (Marco D’Aviano), Flora und Fauna Italiens. Vor allem zeigt es, wie ein junger Mann trotz zahlloser Rückschläge zu einem Erwachsenen wird (oder nicht??), der zwar nicht von vielen, aber zumindest von seiner Frau geliebt wird.  
Es gliedert sich in folgende Phasen:
Kindheit = Lesezeit
Schulzeit: voll ungewöhnlicher Ideen
Universität: unzählige oft nur durch einen Zufall gescheiterte Versuche, Kontakt zum anderen Geschlecht aufzunehmen
Auslandsaufenthalte: je 8 Monate in Bastia/Korsika, Armentières/Frankreich und Udine/Italien, mit ungewöhnlichen Freundschaften
Referendarzeit: dramatisch und im wesentlichen einsam, die meisten Unterrichtstipps kommen von meinen 11jährigen Schülern
seit 1989 Udine/Italien: Aufbau von zwei recht großen Freundeskreisen, die sich aber jeweils plötzlich in Luft auflösen
2006 Kennenlernen meiner Frau, genannt Eulenspiegel, der beliebtesten der ganzen Station
2007 Heirat, Leben als Lehrer an einem Europagymnasium und Übersetzer, Redakteur einer Website mit Spielen und Übungen in mehr als 8 Sprachen, Orchideen- und Bergtouren, Verfassen von Büchern

Umfang: 171 Seiten, die vielen (eigenen, meist amüsanten) Fotos nicht mitgezählt



Weitere fertiggestellte Werke:
Friaul – Italien einmal anders (Erfahrungen aus 25 Jahre Leben in Udine) 136 Seiten einschließlich eigener, meist amüsanter Fotos

Sprachen, die Sie sprachlos machen – Kurioses aus 99 Sprachen der Welt  186 Seiten

Jesus kam nur bis Japan – Kuriositäten aus aller Welt    Die längsten Personennamen, die niedrigsten und höchsten Höchstgeschwindigkeiten u. v. a. m.  136 Seiten

Adonis auf dem Drahtesel – 99 stilistische, literarische und geografische Variationen über das Thema “Rentner rammt Radler”   35 Seiten (eventuell nach jeder Variation ein Foto einer (meist friaulischen) Straße von mir einfügen, siehe Google+ “Straßen”)




Meine Mutter hatte eine Schwester, die älter als sie war und auch stärker und dies ausnutzte. Mutti lernte ein bisschen Klavier spielen, doch das Instrument verfiel zusehends und landete wohl im Müll. Später reichte es nur zu einer Mini-Heimorgel, auf der sie verständlicherweise kaum spielte, fast nur zu Weihnachten. Auch ihre Sprachbegabung – sie hatte ein gutes Abitur gemacht – und sonstigen Interessen blieben ungenutzt; nach getaner Hausarbeit sah sie fern, während mein Vater immerhin auch Bücher über Geschichte las.

Das Schlimmste für sie war, dass mein Vater, der kurz nach der Heirat eine Praxis eröffnen sollte, die Gelegenheit erhielt, die eines gerade verstorbenen Kollegen zu übernehmen, samt dessen Mandanten... aber dafür mussten sie von Flensburg nach Schleswig ziehen.

Meine Mutter hatte immer in Flensburg gewohnt, und all ihre Freunde und Bekannten und Verwandten wohnten dort. An einen Zweitwagen war nicht zu denken; außerdem hatte sie bei der ersten Fahrt nach dem Führerschein eine Mauer gerammt und seitdem kein Steuer mehr angerührt. Die Verkehrsverbindungen sind schlecht: beide Bahnhöfe liegen kurioserweise weitab vom Zentrum, und der Bus braucht für die 35 km über eine Stunde.

So vergingen für sie einsame Jahre; erst als wir Kinder aus dem Haus waren, trat sie in einen Chor ein und fand dort Freundinnen. Sie machte dann auch beim Sorgentelefon mit (keine leichte Aufgabe) und half einem Waisenjungen bei den Hausaufgaben; er aß bei uns zu Weihnachten und bei anderen Gelegenheiten.

Schon bevor mein Vater starb, stand es für sie fest, dass sie das Haus verkaufen und sich in Flensburg eine Wohnung nehmen würde, in ihrem vertrauten Stadtteil.

Mit meinen beiden Schwestern verstand und verstehe ich mich gut (auch als Kind, trotz der erwähnten Wein-Dramen), besonders mit der jüngeren: wir verbringen jedes Jahr mehrere Wochen zusammen. Sie ist vier Jahre jünger als ich und arbeitet als Berufsberaterin; die andere ist zwei Jahre älter als sie und verdient ihr Brot bei der Post; ihr Mann ist Informatiker; bei ihnen, in Hamburg, bleibe ich jeweils übers Wochenende. Wenn ich in diesem Buch „meine Schwester“ schreibe, ist immer die jüngere gemeint.

Meine Schwester überraschte mich neulich, als sie angesichts junger Kaninchen ausrief: „Die süßen Ninges!“ Ich wusste gar nicht mehr, dass wir die als Kleinkinder so nannten. Gewärtig ist mir noch „Mule“ für Katze (mit norddeutsch kurzangebundenem „u“, eine Erfindung meines Vaters) und meine eigene Kreation „Tis“ für Tischset (weil auf meinem „Teddys“ zu sehen waren, ich das Wort aber noch nicht aussprechen konnte), die wir bis heute verwenden. Meine Mutter spricht eine Art Fundamentalisten-Norddeutsch: z. B. sagt sie für „werktags“ „teechlichentachs“.

Als wir noch klein waren, ließ Papa uns jeden Sonntagmorgen zu den Klängen des „Fredericus Rex“-Marsches um den Couchtisch herum marschieren. Ich versuchte öfters, meine Schwestern dafür zu gewinnen, mich mit einem „Papierschnippel zu gillen“, d. h. zu kitzeln oder vielmehr zu streicheln. Die nächste Gelegenheit zu etwas Derartigem sollte ich erst viele Jahre später haben... Sah meine Mutter Zärtlichkeit, sprach sie von „Affenliebe“ . Dieser Ausdruck war im 19. Jahrhundert verbreitet... Meine Schwestern konnten sich bei Papa Streicheleinheiten holen, ich als Junge nicht. Als Ersatz dafür kochte mir Mutti immer Sachen, die ich gerne mochte, um mir zu zeigen, dass sie mich doch irgendwie lieb hatte.



Die Schwester meiner Mutter heiratete einen Möbelhändler. Mit ihrem Sohn spielte ich jedesmal Gesellschaftsspiele, z. B. „Öl für uns alle“. Sie wohnten lange Zeit in einem Altbau mit Gemeinschaftsklo auf halber Treppe, weil es von dort nicht weit zum Geschäft war; schließlich bezogen sie doch ein Reihenhaus im Grünen. Meine Eltern sahen auf sie herab, weil in deren elegantem Wohnzimmer Bücher von Konsalik & Co. überwogen, während bei uns Goethe, Storm, Dostojewski usw. prangten. Dafür hatten sie viel früher als wir einen Farbfernseher. Ich litt sehr darunter, dass wir viele Jahre lang keinen hatten, besonders wenn man bei einem Fußballspiel die Mannschaften kaum auseinanderhalten konnte. (Die Veranstalter bemühten sich darum, dass jeweils eine deutlich dunklere Trikots trug als die andere, aber das gelang nicht immer.)

Einmal ging mein Onkel mit seinem Sohn und mir und Papa in den Heizungskeller und erklärte seinem Sprössling, wie alles funktionierte. „Das ist ein Vater!“ dachte ich mir. Aber ich will ihn nicht idealisieren: in einem eleganten Restaurant griff er, kaum dass sein Teller vor ihm stand, ohne probiert zu haben, zum Salzfass und salzte ausgiebig.

Von den Geschwistern meines Vaters war einer Gärtner, der meinem Vater immer gute Tipps gab, und einer Hausmeister in einer Schule; mit seinen Kindern spielten wir Monopoly. Papas Schwesterchen heiratete einen Mann, der für eine Elektronikfirma um die Welt reiste. So konnte er mir, als ich nach Singapur sollte, sagen, dass ich dort unbedenklich Leitungswasser trinken konnte. Als nach einer Nachtfahrt im Bus in Südfrankreich mir der Rasierapparat zu Boden fiel und der Mann im Schleswiger Kaufhaus sagte, da sei nichts mehr zu machen, reparierte mein Onkel ihn im Handumdrehen.

Oma Schmurr starb, als wir noch klein waren, wir mussten unseren Urlaub in Dänemark deswegen abbrechen. Opa Schmurr sagte immer: „Der Martinus, der Martinus, der ist ein kleiner Pfiffikus!“ Ansonsten sagte er wenig. Er fuhr einen winzigen Goggo und rauchte Overstolz ohne Filter. Er schenkte mir immer Zartbitterschokolade, die ich nicht mag.


3. Die Hütte am See

Omanopa Lüthje (gesprochen Lüütsche) gehörten zum engsten Familienkreis: wir besuchten sie oft in Flensburg, und wenn sie uns besuchten, stürmten wir alle drei immer zur Garageneinfahrt, um sie zu begrüßen. Manchmal schlief einer von uns dreien eine Woche auf ihrem Sofa; sie hüteten unser Haus, wenn wir im Urlaub waren, und erstatteten uns während dieser drei Wochen regelmäßig per Brief Bericht über den Gesundheitszustand unserer Meerschweinchen.



Aber das Tollste an Omanopa war Opas Angelhütte am Sankelmarker See. Heute führt ein Wanderweg rundherum, mit Parkplätzen, aber damals war alles Wildnis. Beireis‘ Hütte am gegenüberliegenden Ufer erreichte man am besten auf dem Wasserweg...

Wir parkten an einem Bauernhof und wanderten eine Viertelstunde auf schmalem Sandweg an den See heran und dann an ihm entlang. Manchmal war Hochwasser und der See reichte, statt in sicherer Entfernung vor sich her zu dümpeln, fast bis an den Weg heran. Das schockierte mich, und noch als Student hatte ich oft Träume von Überschwemmungen, zumal auch der Schulhof meines Gymnasiums manchmal von der Schlei überflutet war.

Wenn wir dann glücklich an Kasper vorbeigekommen waren, einem Hund, der mich mindestens einmal ansprang – guten Willens, und es war nur ein Dackel, aber ich war klein und fühlte mich in Gefahr – , dann standen wir vor der Hütte. Es gab eine Petroleumlampe, und Wasser musste man von der Pumpe holen; abseits stand ein Plumpsklo, das unerquicklich roch und in dem mehrere Spinnen hausten; besonders nachts war es für uns Kinder eine Mutprobe, dorthin zu gehen. (Wir waren so gut erzogen, dass ich gar nicht auf die Idee kam, einfach hinter die Hütte zu pissen.)

Aber das wurde aufgewogen von der Gemütlichkeit der Hütte und der Liebe zu unseren Großeltern. Opa Lüthje repräsentierte den Humor in unserer Familie; der meines Vaters beschränkte sich auf Schüttelreime („Gibt es Schauerböen, findet das der Bauer schön“), für die meine Schwester in der Schule verhöhnt wurde, sowie saloppe Skatfloskeln („Du kommst schon noch in meinen Jardin“/“Kurz vorm Lokus in die Hose“).

Opa dagegen war immer lustig. Er erzählte zwar immer dieselben Witze, und wir merkten das wohl, aber wir amüsierten uns trotzdem. Wenn Oma dann mal sagte: „Heini, du bis‘ man ‘n Dösbaddel!“, antwortete er: „Wenn du man nich‘ selbs‘ ‘n Dösbaddel bis‘!“ Wollte Oma etwas machen, wogegen er nichts einzuwenden hatte, sagte er: „Tu, was du nicht lassen kannst!“ Wenn sie nach Hause aufbrachen, fuhr er die hundert Meter bis zur Kreuzung im ersten Gang, so dass sein Fiat 600 aufheulte. Einmal hörten wir Hammerschläge aus der Küche: Opa versuchte, den letzten Rest Zahnpasta aus der Tube herauszupressen.

Zurück zur Hütte: Opa hatte auch ein Boot! Abends ruderte er mit mir mitten auf den See hinaus und versenkte dort Schnüre mit Haken und Ködern daran in Gestalt von Regenwürmern (was illegal sein soll), und am Morgen ruderte er mit mir wieder dorthin (eine Boje zeigte, wo sie waren) und zog sie heraus. Oft hingen Aale daran, die er in seiner Räucheranlage räucherte. Kein Italiener wird je erfahren, was für eine Köstlichkeit geräucherter Aal ist! (Preis 2015 in Hamburg: 100 g 7 Euro.)

Meine Mutter und ihre Schwester schwammen als Kinder auch gern im See, aber wir drei hatten das leider noch nicht gelernt...

In der Hütte habe ich auch zum ersten Mal eine nackte Frau gesehen: meine Oma. Sie zog sich vor dem Sofa aus, auf dem ich zu schlafen schien, weil es neben ihrem Etagenbett so eng war.



Im Speiseschrank stand eine Blechdose mit Süßigkeiten für uns. Und es gab ein Bücherregal, in dem ich einige „Geheimbriefe“ versteckte. Das ist alles beim Brand der Hütte vernichtet worden. Geheimbriefe schrieb ich in verschiedenen Geheimschriften; die beste, d. h. am schwersten entzifferbare, war die letzte.

Opa baute eine neue, sehr simple. Dann rief er eines Abends bei uns an: er brauchte anwaltlichen Rat, denn amtliche Stellen hatten ihm gesagt, alle Hütten am See seien illegal und müssten abgerissen werden. Mein Vater riet ihm, abzuwarten, und tatsächlich ist Opa zu seinen Lebzeiten deswegen nicht mehr belangt worden.

Noch heute denke ich, wenn ich hohe Bäume im Wind rauschen höre, an den See und die Stille dort zurück.


4. Frühe Kindheit

5. Volksschule: Kurz und schmerzlos

Gymnasialzeit

6. Die glücklichen 70er Jahre

7. Die Domschule: ein Dutzend Streiche

8. Freizeit: normale Hobbys

9. Meerschweinchen

10. DXen

11. Weitere Hobbys: Musik hören, Spiele erfinden

12. Lektüre: Schockierendes und Mysteriöses

13. Schreiben: Erfindung einer neuen Romangattung

14. Ferienreisen und: Ich bringe mir das Schwimmen bei

15. Mein bester Freund: in Schleswig und in Schleswig/Iowa, und eine polemische Facharbeit



Heidelberg

16. Der Umzug

17. Studium universale und Orchester

18. Erste romantische Erfahrungen...

19. Das Klozimmer

20. Erfahrungen anderer Art

21. Studentenjobs

22. Reisen (mit heiklen Episoden)

23. Die Wende

24. Weitere (im doppelten Sinne des Wortes) Reisen

25. Tschüß Deutschland!


26. Korsika

27. Ziemlich alte Freunde

28. Les assistants

29. Weitere korsische Abenteuer

30. Inselhüpfen

31. Spätere korsische Abenteuer



32. Von Korsika nach England

33. Torquay: Das Geheimnis der Aussprache des Englischen

34. Korsika im Winter


35. Traum oder Geld

36. Armentières

37. Und auch hier: Ungewöhnliche Freundschaften

38. Die Dreifach-Absicherung



Udine I


39. Udine: das Assistentenjahr

40. Kommunismus

41. Udine: Hobbys und Reisen


Referendarzeit

42. Mehrfache Beziehungen

43. Vor verschlossenen Türen I.

Die erste Schule: In der Höhle der Löwin (nicht überspringen, es wird noch hochdramatisch!)

44. Aller Anfang ist schwer

45. Die Niere

46. Der unselbständige Unterricht

47. Unterrichtsbesuche (soweit möglich)

48. Die Wende (II.)

49. Die Schlacht wogt hin und her...

50. Karten auf den Tisch!

51. Soziales



52. Katzenfurt

53. Ein Wunder

54. Nebel

55. Kunst

56. Karten auf den Tisch! (II.)

57. Noch ein Wunder

58. Die Höllengründler

59. Schwere Zeiten



60. Lebewohl Deutschland!

61. Ende eines Vaters



Udine

62. La Polifonica
 
63. Siebzehnmal Verdis Requiem

64. Ende einer Untermiete

65. Das größte aller Wunder

66. Von freimütigen Pfropfen und Ähnlichem

67. Die ekligsten Übersetzungen der Welt

68. Gutes tun

69. Gaudeamus

70. Der Führerschein – eines der leidvollen Kapitel

71. Leiden eines Untervermieters

72. Das Häuschen, das keiner findet

73. Geschäfts- und andere Reisen: Von Salzburg bis Singapur

74. Wie ich zwölf Minister zum Weinen brachte

75. Hundert Entdeckungen der Heimat

76. Meine Katze

77. Prozessionen und Prozesse

78. Proz.com und: Eulenspiegel beim Erzbischof

79. Reiki

80. Tapani, mein Retter

81. Schulen: Privatschulen: oje, oje...

82. Staatsschulen: Handelsschule und Kloschule

83. Das Europagymnasium

84. Geselligkeit: ein wundes Thema

85. Lustige Schulerlebnisse und Klassenfahrten

86. Prinzen und Prinzessinnen

87. Cinzia

88. Mein Leben beginnt! Vor verschlossenen Türen II.

89. Eulenspiegel

90. Die Hochzeit

91. Auch an die anderen denken...

92. Hochzeitsreise mit Hindernissen

93. Eheleben: Renovierungen u. a.

94. Sie konnten zusammen nicht kommen...

95. Reisen mit Eulenspiegel

96. Orchideologen

97. Eulenspiegel Waisenkind

98. Eulenspiegel-Lektüre

99. Weihnachten

100. Neue Sportarten...

101. Marco D’Aviano

102. Steuern, und wie man der Polizei (nicht) entkommt

103. Facebook

104. Bergwanderungen

105. Deutschlandfahrten, Zug- und Autopannen

106. Flora und Fauna (mit Katzen)

107. Verbeamtet!

108. Büro: die Höchststrafe

109. Hanyü

110. Diskussion themenverwandter Werke

111. Teilzeit: wie man viel Freizeit nutzt


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Deutscher in Italien, Autor von lustigen oder tragikomischen Werken. AB mit Caesar-Stil. Ich mag Wandern, wilde Orchideen, Lesen, Katzen und klassische Musik.
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