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Robert Arnold Müller
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Beiträge: 57
Wohnort: Würzburg


BeitragVerfasst am: 18.10.2016 23:17    Titel: Notes of a drunken young man eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Als wir an einem Freitagabend im April 2005 mal wieder genug von der Langeweile in unseren Dörfern hatten, stiegen mein bester Freund Michael, genannt Mick, und ich mit einem Rucksack voll Hochprozentigem ausgerüstet in den letzten Zug, der uns an diesem Tag von dort wegbringen konnte. Es war etwa neun Uhr abends und uns war vollkommen bewusst, dass wir Heidelberg zwar noch erreichen, aber wohl unmöglich verlassen würden. Die Situation an sich wäre vielleicht keine ungewöhnliche gewesen, wenn wir denn ein Ziel in dieser Stadt gehabt hätten, wie eine angesagte Party oder ein Club, in dem wir bis morgens hätten durchfeiern können. Aber das hatten wir nicht. Unser Plan für den Abend bestand lediglich darin, mit der Bahn bis zur Endstation zu fahren und uns dann überraschen zu lassen, was sich fern der Heimat in der unbekannten Stadt noch ergeben könnte. Schon auf dem Weg zum Bahnhof killten wir eine halbe Flasche Whiskey, die ich noch vom gemütlichen Trinken unter der Woche übrig hatte. Sobald wir im Zug saßen, fingen wir dann damit an, uns mit Pflaumenschnaps volllaufen zu lassen, was mir überhaupt nicht gut bekam. Wie für Vertreter seiner Familie üblich, vertrug Mick für seine gerade mal sechzehn Jahre schon ziemlich viel Alkohol, was zwar auch auf mich zutraf, doch gerade die Mischung aus Whiskey und anschließender Unmengen an Pflaumenschnaps machten mir schwer zu schaffen. Nach etwa einer Stunde Zugfahrt fing sich alles um mich herum an, zu drehen. „Kommst du klar?“, fragte mich mein Kumpel fürsorglich. Ihm kam es ziemlich seltsam vor, dass ich schon so früh damit aufhörte, diesen widerlichen Pflaumenschnaps in mich hineinzuschütten. „Ja, natürlich. Ich pack das schon“, antwortete ich. „Gut, ich geh mal kurz pissen.“

Michael war keine zwei Minuten weg, als mir plötzlich von einem auf den anderen Moment klar wurde, dass mein gut ausgebildeter Würgereflex innerhalb der nächsten Augenblicke dafür sorgen würde, meinen gesamten Mageninhalt in Richtung Mundhöhle zu befördern. Ich sprang auf und merkte, dass ich kaum noch laufen konnte. Trotzdem schaffte ich es, instinktiv durch den kompletten Wagon in Richtung Toilette zu rennen, wo ich gegen die Tür hämmerte, bis Mick realisierte, dass ich es war, der hinein wollte und mir aufmachte. Nichtsahnend weshalb ich ihm scheinbar gefolgt war, drehte er sich um und packte seinen Schwanz aus, um zu pissen. In diesem Moment musste der Zug scharf bremsen, die Zentrifugalkräfte schleuderten mich durch den Toilettenraum, ich konnte mich nur noch an der Wand anlehnen und versuchen, mich festzuhalten, um nicht hinzufallen. Mick war immer noch mit dem Entleeren seiner Blase beschäftigt, als ich mit einem riesigen Strahl sichtlich Literweise Pflaumenschnaps in Richtung Kloschüssel beförderte. Erschrocken sprang er mit einem Satz nach hinten von der Toilette weg und machte sich mit einer Kombination aus Lachen und Ekel ein Bild über das soeben Geschehene. In dem Moment kotzte ich meinen gesamten restlichen Mageninhalt in einem weiteren gigantischen, unkontrollierbaren Strahl aus und verteilte so mein Erbrochenes unfreiwillig im ganzen Raum. Mir kam es so vor, als ob ich überhaupt nicht mehr zu Kotzen aufhörte. Es lag auf dem Boden, im Waschbecken, sogar die Wände waren beschmiert mit meinem Erbrochenen. Beinahe der komplette Raum war jetzt bedeckt mit einer widerlich stinkenden Mischung aus Pflaumenschnaps, Whiskey, Cola, Nudelsalat und meiner Magensäure. Benommen, aber extrem erleichtert wusch ich mir die Hände und die restlichen Kotzreste von meinem Gesicht ab und machte mich dann mit Mick zusammen auf den Rückweg zu unseren Sitzplätzen, wo wir unsere gesamten Besitztümer wie unsere Jacken und den Rucksack liegen gelassen hatten. Mir ging es jetzt wieder deutlich besser und ich beschloss, für den Rest der Fahrt erst mal auf alkoholfreie Getränke umzusteigen, als unser Zug kurze Zeit später an einer Haltestelle hielt, an der überraschend viele, ebenfalls gut angetrunkene, junge Leute in ausgelassener Feierlaune zustiegen.

Die Gruppe Jugendlicher im Alter von sechzehn bis Anfang zwanzig kam gerade von irgendeiner Dorfdisco, die sie  frühzeitig verlassen hatten, um mit dem letzten Zug noch nach Hause zu kommen. Schnell knüpften sie gut gelaunt Kontakt zu uns und zwei hübsche Mädchen der Gruppe setzten sich zu uns, um sofort ein nettes Gespräch mit uns zu beginnen. Im Viersitzer gegenüber ließen sich zwei etwas ältere Jungs nieder, die uns sogleich aufforderten, mit ihnen anzustoßen und uns einluden, ihre übrigen Bierdosen leerzutrinken. Obwohl mir klar war, dass ich deren billiges Export-Bier der Marke „5,0 Original“ in meinem bereits angeschlagenen Zustand wohl kaum vertragen würde, konnte ich das Angebot nicht abschlagen. Ich versuchte, so gut wie möglich mitzuhalten und trank die erste Dose innerhalb weniger Minuten aus. Nachdem die Mädels ein paar Minuten mit uns geflirtet hatten, machten sie sich gemeinsam auf zur Toilette. Wie nicht anders zu erwarten, kündigten zwei markerschütternde grelle Schreie, die durch den kompletten Wagon hallten, ihre Ankunft im Toilettenraum an. Mick und ich sahen uns mit vielsagenden Blicken an, als wir bei der Vorstellung der sich gerade abgespielten Szene herzhaft lachen mussten. Ziemlich schnell waren die beiden Mädchen – ohne die vollgekotzte Toilette zu benutzen – wieder bei uns, und wir verkniffen uns unser Lachen, als wir total ahnungslos spielend fragten, was denn los gewesen sei. „Jemand hat das komplette Klo vollgekotzt, das ist so ekelhaft!“, keiften die beiden. Sie schienen auf uns fast schon einen traumatisierten Eindruck zu machen, so mitgenommen hatte sie der Anblick und der Geruch des Toilettenraums. In diesem Moment wurde mir wieder schlecht. Ich hatte zwei billige Dosenbiere innerhalb kürzester Zeit leergetrunken und spürte nun erst so richtig, wie mein Magen dazu noch gar nicht bereit gewesen war. Das Einzige, was ich noch tun konnte, bevor ich erneut zu Kotzen anfing, war das Öffnen des kleinen Mülleimers, der zwischen mir und Mick an der Wand unterm Fenster hing. Mit einem widerlichen Würgen stieß ich einen Liter Dosenbier aus und füllte damit fast den kompletten Mülleimer. Die beiden Mädels neben uns fingen erneut an, zu kreischen und flüchteten sofort ins andere Ende des Abteils. Dass ich mit dieser Aktion unsere zwei süßen Bekanntschaften vergraulte, brachte meinen Kumpel und mich erst recht zum Lachen und auch die beiden Typen, die uns gegenüber saßen, amüsierten sich jubelnd darüber.

Wenig später mussten wegen einer Baustelle sowieso sämtliche Fahrgäste an einer kleinen Haltestelle aussteigen. Die Gruppe Disco-Gänger, die wir im Zug kennen gelernt hatten, verließ uns dort, um mit dem Bus den restlichen Weg nach Hause zu nehmen, Mick und ich stiegen in eine Ersatzbahn, um Heidelberg noch in dieser Nacht erreichen zu können. Da unser Zug an jeder Dorfhaltestelle angehalten hatte, waren wir zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als drei Stunden unterwegs. Als wir in Heidelberg ankamen, war es schon weit nach Mitternacht. Nun standen wir also da, völlig besoffen und ohne die leiseste Ahnung, was wir in dieser Stadt noch machen könnten. Daher beschlossen wir, im MC Donald´s neben dem Bahnhof mit der Einnahme mehrerer Cheese-Burger zunächst einmal unsere Kräfte aufzuladen. Schon auf dem Weg dorthin wurden wir von zwei Polizeibeamten kontrolliert, die wir aufgrund unseres im Rausches entstandenen, gesteigerten Mitteilungsbedürfnisses direkt mit schwachsinnigen Fragen bombardierten, bis die Bullen genervt damit drohten, uns mitzunehmen und in ihre Ausnüchterungszelle zu stecken, wenn wir damit nicht sofort aufhören würden. Nachdem wir das Schnellrestaurant verlassen hatten, machten wir zufällig die Bekanntschaft mit einem Obdachlosen, der sich  scheinbar riesig darüber freute, uns kennenlernen zu dürfen. Voller Euphorie teilte er seine Flasche Doppelkorn mit uns und erzählte uns stolz alte Geschichten aus seinem Penner-Leben. „Es war ein geiles Leben auf der Straße. Manchmal war´s auch hart, aber auf Crack hat man´s ganz gut ausgehalten“, erklärte er uns beiden Halbwüchsigen. Dann zeigte er uns seine alte Crack-Pfeife und gab uns passend dazu einige väterliche Ratschläge: „War´n auch richtig geile Zeiten mit dem Zeug. Und wenn ich ´ne Alte hatte, die auch auf Crack war, und die mir einen geblasen hat... Waah, das waren die geilsten Momente auf der Straße.“ Sein Angebot, bei ihm und seinen Penner-Kollegen unter der Brücke zu übernachten, schlugen wir allerdings dankend aus und machten uns nach der fast zweistündigen Unterhaltung mit ihm auf den Weg zurück ins Bahnhofsgebäude, wo wir den Rest der Nacht damit verbrachten, auf Bänken unseren Rausch auszuschlafen.

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bamba
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BeitragVerfasst am: 19.10.2016 09:06    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Robert Albert Müller.
Dieser Text steht ja im Feedback, so sehe mich berechtigt was dazu zu schreiben. Für Detailkritik wär ich zu wenig kompetent.
Ich habe es mit einem Schmunzeln gelesen, mag den Stil und auch den  "Sarkasmus", der da mit schwimmt.
Kommen mir Szenen von Knausgard in den Sinn oder das kürzlich gelesene Buch "Spinner" von Benedict Wells.
Ein völlig verschissenes und im wahrsten Sinne verkotztes Weekend zweier Jugendlicher. Irgendwie trivial und doch kristallisiert sich eine gewisse (....desillusionierte ?) Weltsicht aus dem Text. Die Welt wird "von Aussen" betrachtet und ist Kullise für den Protagonisten. Die Beziehung der zwei Freunde beschränkt sich in diesem Ausschnitt auf das gemeinsame Besäufnis, doch teilen sie ja auch ihre Langeweile und nicht-Zugehörigkeit (haben keine Ahnung wo sie hin wollen). Sie lachen als die Mädchen sich von ihnen abwenden, dabei ists ja eher traurig. Ok, besoffen eben.

Warum der Titel in englisch ist? Tönt für mich nicht besser.
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Robert Arnold Müller
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BeitragVerfasst am: 19.10.2016 13:07    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi, danke für dein Feedback. Du hast genau begriffen, um was es mir in dem Text geht (falls es mir um einen tieferen Sinn geht,  denn eigentlich ist es nur eine Anekdote aus meiner Jugend)
Der Titel ist eine Hommage an Bukowskis "notes of a dirty old man" und müsste eigentlich eher "notes of a drunken young man Part 1" heißen. Ich hab den Text jetzt mal nur so genannt, weil ich finde,  dass er nicht unbedingt einen eigenen Titel braucht


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bamba
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BeitragVerfasst am: 19.10.2016 18:19    Titel: Antworten mit Zitat

Robert Arnold Müller hat Folgendes geschrieben:
Hi, danke für dein Feedback. Du hast genau begriffen, um was es mir in dem Text geht (falls es mir um einen tieferen Sinn geht,  denn eigentlich ist es nur eine Anekdote aus meiner Jugend)
Der Titel ist eine Hommage an Bukowskis "notes of a dirty old man" und müsste eigentlich eher "notes of a drunken young man Part 1" heißen. Ich hab den Text jetzt mal nur so genannt, weil ich finde,  dass er nicht unbedingt einen eigenen Titel braucht


Kennst du Karl Ove Knausgard? Ist ein Schriftsteller aus Norwegen. Der hat mehrere ( ca. 6?) dicke Bücher geschrieben, in denen er seine Erinnerungen, von Kind bis heute, abspulte. Da kommen auch ein paar.... und ein paar mehr.... deftige "Saufszenen" vor. Ich habe drei der Bücher gelesen. Da hat ich dann genug davon. Doch ich fand die Bücher gut. Es entfaltet sich ein ganzes Universum darin. (....Wurden auch fast "Mainstream"-Literatur...machen etwas süchtig)
Nun da es deine "ungefiltert" Erinnerungen sind, kommt mir die Frage auf, hättest denn du kein Problem damit, wenn du z.B. ein Buch schreibst und dein gesamtes Umfeld alles mitlesen könnt, was du so erlebt und gemacht und gedacht hast?
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Robert Arnold Müller
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BeitragVerfasst am: 19.10.2016 19:53    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Name sagt mir zwar nichts, aber es scheint sich dabei um genau die Art von Literatur zu sein, die mein Interesse weckt.

Nun zu deiner überaus interessanten, zweiten Frage:
Prinzipiell schreibe ich sehr gerne über meine eigenen Erlebnisse und Ansichten, allein schon deshalb, weil sie mir im Vergleich zu fiktiven Geschichten sehr leicht von der Hand gehen. Ein Problem damit, dass Mitmenschen dadurch unangenehme Details über einen erfahren, sollte man natürlich nicht haben,  wenn man über solche Dinge schreibt.
In meinem Fall ist es so, dass private Angelegenheiten, die private Angelegenheiten bleiben sollen, nicht in einen meiner Texte wandern würden.


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Robert Arnold Müller
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BeitragVerfasst am: 31.10.2016 15:58    Titel: Notes of a drunken young man /part 2 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Rechtzeitig zu seinem vierzehnten Geburtstag wurde Marvin von mir in die Kunst des Kampftrinkens eingeführt. Zu diesem Zweck trafen Ralle, Mick, Nitschke und ich uns mit ihm an einem wunderschönen, warmen Samstagnachmittag im Juli 2007 auf der Liegewiese im Freibad, wo eines unserer ersten gemeinsamen Besäufnisse stattfand. Wir hatten an diesem Tag, neben ein paar Bierflaschen, sage und schreibe vier Flaschen Hochprozentiges plus Cola und Energie-Drinks in unseren Rucksäcken ins Schwimmbad geschmuggelt und davon schon wieder einiges weggesoffen, als unser kleiner Punk zu uns stieß. Marv hatte zu dieser Zeit gerade erst angefangen, sich die Haare zu färben und stellte sie derzeit auch noch nicht zu einem Iro nach oben, er war also noch ganz am Anfang seiner Zeckenlaufbahn. Um unser liebstes Hobby, das Konsumieren von Alkohol, mit dem Auskosten der heißen Sommersonne zu verbinden, war ich mittags auf die geniale Idee gekommen, sich einfach im Freibad die Kante zu geben. Während andere Jungs auf der Badewiese Volleyball spielten oder mit tollkühnen Sprüngen vom Drei-Meter-Brett die anwesenden Mädels zu beeindrucken versuchten, saßen wir also zu viert auf unseren Picknick-Decken unter einem Baum im Schatten und machten nichts weiter, als uns zu besaufen und dabei unseren gewohnten Blödsinn zu reden. Unser lauschiges Plätzchen verließen wir höchstens ab und zu mal, um die Toiletten aufzusuchen oder um uns am Kiosk eine Portion Pommes zu holen – den Kontakt mit dem Wasser in den Schwimmbecken mieden wir gänzlich. Der Anlass unseres Freibadaufenthalts war schließlich nicht, schwimmen zu gehen, sondern um unser gewohntes Wochenendprogramm durchzuziehen.

Wir hatten schon bald an die drei Stunden auf der Badewiese gechillt und dabei in der prallen Hitze insgesamt zwei Six-Packs Beck´s, sowie eine Flasche Wodka und eine Flasche Whiskey leergetrunken, als Ralle anfing, mich zum Aufbrechen zu drängen. „Wir müssen in einer Stunde daheim sein, Sabrina kommt noch mit zwei Freundinnen vorbei!“ Ja, Ja, Sabrina. Auf die stand mein Bruder damals. Er hätte so viele andere haben können, doch die ließ er alle links liegen, weil er sich nur auf diese Sabrina fixierte. Sie war ja echt süß; blonde Haare, hübsches Gesicht, sehr sportlich. Aber eben mal ganz anders drauf als wir, das würde sich jedoch später am Abend noch zeigen. Da es langsam sowieso schon zu spät wurde, um sich in der Sonne zu bräunen und mir die Vorstellung gefiel, bei uns zu Hause noch drei fünfzehnjährige Chicks abzufüllen, war ich mit Ralles Wunsch sofort einverstanden. Wir tranken noch in Ruhe unsere Becher leer und packten unser Zeug zusammen, dann verließen wir das Schwimmbad und torkelten zum Parkplatz, wo ich meinen roten Polo geparkt hatte. Bevor wir uns auf die knapp zehnminütige Heimfahrt machten, musste natürlich noch ein Abstecher im nächsten Supermarkt drin sein. Immerhin bekamen wir Besuch, da würden uns, so mein Gedanke, die restlichen zwei Flaschen Fusel wohl kaum ausreichen. Zuhause angekommen, luden wir unsere Sachen aus und machten es uns mit unseren Whiskey- und Wodkaflaschen und den restlichen Einkäufen im Garten gemütlich. Nitschke, Mick und ich machten uns direkt über die letzte Flasche Jim Beam her, während Marv erst mal auf Bier umstieg und Ralle für mindestens eine halbe Stunde im Haus verschwand, um sich zu duschen und umzuziehen.  

„Die wollten ´ne Fahrradtour machen und dann mit ihren Fahrrädern zu uns fahren“, antwortete Ralle auf die Frage, wie die Mädchen denn zu uns gelangen würden. „´Ne Fahrradtour? Ist ja süß. Wer macht denn so was?“, grinste ich zurück. „Die wohnen doch voll weit weg von uns, oder?“ „Zwanzig Kilometer vielleicht, über die Radwege bestimmt noch mehr“, versuchte mein Bruder auszurechnen. Ich war fast schon etwas beeindruckt davon, dass diese Weiber so weit mit ihren Fahrrädern durch die Gegend radelten, nur um ein bisschen mit uns zu saufen. So etwas kannte ich nicht; den einzigen Sport, den ich ab und zu praktizierte, war ein wenig Krafttraining mit meinen zwei Kurzhanteln und so ziemlich jeder in meinem Freundeskreis war entweder völlig unsportlich oder einfach nur abgrundtief faul. Entweder dieser Sabrina müsste wirklich was an meinem Bruder liegen oder die Ischen hatten nur zu viel Zeit, dachte ich mir. Heute ist mir übrigens bewusst, dass wir diejenigen waren, die ihre Freizeit merkwürdig gestalteten. Im Sommer bei schönem Wetter eine Fahrradtour zu machen, ist natürlich weitaus gesellschaftskonformer und sinnvoller, als sich stundenlang bei dreißig Grad im Schatten im Schwimmbad zu besaufen.

Als die drei Mädels bei uns ankamen, war es schon fast dunkel geworden und wir hatten es geschafft, uns komplett abzuschießen. Zumindest mir und Mick gelang es irgendwann nicht mehr, gerade zu laufen, und auch unsere Sprachzentren wurden durch den Vollsuff mal wieder erheblich beeinträchtigt. Die Mädchen setzten sich zu uns an den Tisch und bekamen gleich etwas zu trinken, sie verlangten zunächst allerdings nur etwas Alkoholfreies. Da sie eine zwanzig bis dreißig Kilometer lange Fahrradtour in der prall scheinenden Sonne hinter sich hatten, war das aber völlig verständlich. Ralle kümmerte sich natürlich in erster Linie um seine angebetete Sabrina, während Marvin und Nitschke neben der anderen Blondine saßen, mit ihren lustigen Erzählungen aber eher die ganze Runde unterhielten. Mick und ich saßen links und rechts neben der brünetten Freundin von Sabrina, die wir beide am heißesten fanden und dementsprechend intensiv anflirteten.

Wir waren beide wohl schon etwas geil auf diese hübsche Brünette, leider nur viel zu besoffen, um uns vernünftig unterhalten zu können. Die Arme wurde von uns zwei Suffköppen von beiden Seiten relativ schlecht angebaggert, wobei ich ihr von Anfang an zu verstehen gab, dass ich mich nicht wirklich an sie ran machen konnte, da ich eigentlich vergeben war. „Ich find dich echt voll geil, du bist wirklich hübsch. Aber ich sollte nix mit dir anfangen, weil ich ´ne Freundin hab. Ich glaub, ich liebe sie echt und will sie nicht verletzten. Deshalb sollte ich sie auch nicht betrügen, weißt du“, erklärte ich ihr, so als ob sie auf mich stehen würde und nicht andersrum. „Ja, ist besser so. Sehr vernünftig.“ In Wirklichkeit war sie selbst die Vernünftige. Ganz im Gegensatz zu meinem Freund Mick, der sie kurz darauf in ein Gespräch über Hitler und den zweiten Weltkrieg verwickelte... Nun ja, er verwickelte sie nicht direkt in ein Gespräch, eher fing er wie aus dem Nichts heraus damit an, sie über Hitler, das dritte Reich, die Judenverfolgung, den Holocaust und schließlich den zweiten Weltkrieg vollzulabern. Und zwar ohne Punkt und Komma, aber was sollte sie darauf auch antworten. Das Zeug lernte sie ja schon in der Schule. Also warum sollte sich eine fünfzehnjährige, rattenscharfe, aber irgendwie total anständige Braut in ihrer Freizeit noch über das dritte Reich unterhalten wollen? An sowas dachte Mick nicht. Er ließ nicht locker, der erzählte einfach fröhlich weiter. Er nahm ihr Schweigen tatsächlich als Zeichen ihres Interesses auf und erläuterte ihr detailliert wie schlimm das damals für die Juden war, aber erwähnte auch die Vorteile, die Hitlers Machtergreifung für Deutschland hatte. Dann berichtete er allen Ernstes noch über die Schrecken des Krieges und erzählte irgendwelche alten Geschichten, die er allem Anschein nach von seinem Opa gehört hatte.
 
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich aber schon längst den anderen beiden Mädchen zugewandt, die ich zusammen mit Nitschke und Marvin abzufüllen versuchte. Was wir aber leider nicht schafften. Mehr als drei kleine Gläser Wodka-Energy trank keine von den Mädels und noch vor Mitternacht verließen sie uns mit ihren Fahrrädern bereits wieder, um an diesem Tag noch nach Hause zu kommen. „Jetzt wollt ihr nachts noch heimfahren oder was? Im Dunkeln?“, fragte ich vorsichtshalber noch leicht besorgt nach. „Na klar, das geht schon! Wir haben doch Lichter an unseren Fahrrädern.“ Die Mädels waren sich ihrer Sache wohl sehr bewusst. „Wir fahren öfters bei Nacht mit dem Rad“, antwortete eine Andere. „Alles klar. Schön, dass ihr da wart.“ Sie verabschiedeten sich und stiegen auf ihre Fahrräder, um in der Dunkelheit noch knapp zwei Stunden nach Hause zu fahren. Ich fand die ganze Situation ziemlich witzig. Da waren drei, meiner Einschätzung nach, sehr brave, kleine fünfzehnjährige Mädchen mit ihren Fahrrädern von weither extra zu uns gefahren, nur um uns beim Saufen zuzuschauen und sich von uns total besoffenen Assis mit Geschichten vom zweiten Weltkrieg volllabern zu lassen. Und jetzt fuhren sie mitten in der Nacht die gleiche Strecke wieder nach Hause, obwohl sie auch bei uns hätten übernachten können. Das machte keinen Sinn für mich, aber ich fand´s cool. „Die mit den dunklen Haaren fand ich am schärfsten“, resümierte Mick den Abend lallend, nachdem uns die Mädels wieder verlassen hatten. „Die waren alle drei voll geil“, war das Fazit des Punkers. „Nur schade, dass die schon so früh heim wollten.“ Dieser erste Besuch der drei Gören bei uns war übrigens auch ihr letzter und das mit Ralle und Sabrina wurde auch nichts. Er hatte sich ja schon ein bisschen in die Kleine verknallt, aber das passte nun wirklich nicht. Andererseits hatte er es sich vielleicht auch einfach nur mit ihr verkackt, weil seine Freunde zu asozial waren. Egal, immerhin hatten wir ´nen geilen Tag.

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