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Zweiter Einstand


 
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Zwergenmama
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BeitragVerfasst am: 05.10.2016 00:02    Titel: Zweiter Einstand eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Hallo!

Ich leide momentan leider unter chronischem Zeitmangel, darum erst jetzt hier mein zweiter Einstand. Der erste war ja ein Gedicht (die Kaffeetasse), nun kommt ein kleines Stück aus einem bereits fertig geschriebenen Buch.

Es geht um eine schwerstmehrfachbehinderte junge Frau und ihr Leben. Ich habe lange in der Pflege gearbeitet und da kam mir damals die Idee. Mittlerweile ist es ein fertiges Buch. Ich hoffe es gefällt euch und ich freue mich über jede Art konstruktiver Kritik.

(An der Stelle wo ich hier einsetze, lernt Sona, die junge Frau, gerade ihre neue Pflegerin kennen...)

--------------------------------------------------------------------------------------

Zwei Wochen später, ich war gerade in meinem Zimmer und hörte eine CD und meine Mutter war irgendwo im Haus verschwunden, klingelte es an der Tür.

Ich konnte hören, wie meine Mutter öffnete und eine weibliche Stimme sagte: „Hallo, ich bin Frau Groß, wir hatten telefoniert wegen der Stellenanzeige.“

Kurz darauf kam meine Mutter in mein Zimmer, gefolgt von einer großen, dunkelhaarigen, nett aussehenden Frau. Sie hatte irgendwie seltsame Augen, so nah beieinander stehend und außergewöhnlich strahlend. Knallblau. Sie war vielleicht so alt wie meine Mutter. Lächelnd kam sie auf mich zu.

„Du bist also die Sonja. Freut mich sehr. Ich heiße Anne.“ sagte sie freundlich, nahm meine Hand, als wäre es eine ganz normale Hand, die nicht zu einer Faust zusammen gekrampft wäre, und schüttelte sie.

Alleine durch diese Begrüßung war sie mir sofort sympathisch. Noch nie hatte mir jemand einfach so, ganz unkompliziert, die Hand geschüttelt! Eigentlich schüttelte mir grundsätzlich sowieso nie jemand die Hand.

Ich stieß einen Begeisterungsschrei aus und sie lachte und sagte: „Schön, dass du dich auch freust, mich kennen zu lernen!“

Anscheinend hatte sie mich verstanden. Und sie kannte mich erst seit einer Minute.

Sie wandte sich zu meiner Mutter um und sagte: „Sie haben aber eine fröhliche Tochter!“ Meiner Mutter schien das Ganze etwas unangenehm zu sein. Wahrscheinlich hätte sie selber den Begeisterungsschrei anders gedeutet und wieder an mir herum geruckelt. „„Ja“ sagte sie nur, anscheinend fiel ihr nichts besseres ein.

Wir unterhielten uns dann noch eine Weile, wobei Anne mich immer wieder  ansprach und ins Gespräch mit einbezog, was ich gar nicht gewöhnt war. „Wir zwei machen das schon, oder, Sonja?“ fragte sie mich, nachdem meine Mutter sie als meine neue Pflegerin akzeptiert hatte.
 
Ich hatte das Gefühl, die nächste Zeit würde etwas abwechslungsreicher werden. Ich hatte plötzlich ein ganz warmes, glückliches Gefühl im Bauch.
 
Mit der Vorahnung, oder besser Hoffnung, dass es nun etwas abwechlungsreicher werden würde, sollte ich recht behalten, soviel stellte sich in der nächsten Zeit heraus.

Anne war einfach toll. Sie unternahm Sachen mit mir, die bisher noch nie jemand mit mir gemacht hatte, sie redete mit mir und schien fast immer meine Antworten richtig deuten zu können und wenn dem einmal nicht so war, fragte sie nach.

Sie fragte mich, was ich gerne essen wollte und machte ein Zeichen mit mir aus: Für „ja, das klingt lecker“ ließ ich meine Faust auf meinen am Rollstuhl angebrachten Tisch fallen und für „nein bloß nicht“ verdrehte ich die Augen.
Sie ging mit mir spazieren und machte sich über die Leute lustig, die komisch oder mitleidig guckten oder sogar auf die andere Straßenseite gingen. Über die lästerte sie richtig mit mir und ich bekam mich manchmal gar nicht wieder ein vor lauter Lachen.
Wir gingen sogar ein paar Male ins Kino.

Sie brachte auch einmal ihren Hund mit und ich durfte mit ihm spielen und ihn streicheln, was mir einen riesigen Spaß machte.

Wenn ich meine Mittagspause machte, legte sie jeden Tag eine andere CD ein und fragte immer, ob ich das auch gerade hören wollte, wobei wir mit dem selben System kommunizierten wie beim Essen. Sie brachte mir auch neue mit, die ich noch nicht kannte.Endlich keine CD mehr, die ich nach zehn Tagen dauer hören auswendig konnte. Alle, die ich besaß, kannte ich ohnehin längst auswendig.

Sie gab mir niemals das Gefühl, eine Last für sie zu sein.

Ich wurde so akzeptiert wie ich bin.

Kurz gesagt: Anne gab mir als erster Mensch in meinem Leben das Gefühl, eine vollwertige Persönlichkeit zu sein.

Im Kindergarten waren die Menschen zwar auch nett zu mir gewesen, aber es war eine andere Basis: Die Erzieherinnen waren eben für alle Kinder da. Nicht nur für mich.

Anne war nur für mich da.

Oft erzählte sie mir etwas und ich lernte eine Menge Dinge dabei, die meine Mutter anscheinend auch noch nicht wusste oder nicht wissen wollte. Zum Beispiel erzählte sie mir, dass es in einem Buch Gesetze gab, die den Menschen verboten, mich aufgrund meiner Behinderung anders zu behandeln als andere Menschen.
Auch mit Geld und Arbeitsmöglichkeiten war da wohl vieles geregelt.

Oft sprach sie auch davon, dass Deutschland kein Land sei, in dem Menschen mit „Handicaps“ (so nannte sie meine Behinderung und es klang viel schöner so) einen besonders leichten Stand hätten.
Sie sagte, oft liege das einfach daran, dass hier einfach zu wenig „Aufklärungsarbeit“ stattfinden würde (sie erklärte mir, Aufklärungsarbeit hieße, sich mehr mit den Menschen mit Handicaps in der Öffentlichkeit aufzuhalten und den Menschen zu zeigen, dass sie keine Angst haben oder sich sogar ekeln müssen vor uns). Anne sagte, da könnte man viel mehr machen, wenn die Menschen sich mehr gegenseitig unterstützen würden. Es sei eine Schande, dass im 20. Jahrhundert Menschen mit Handicaps immer noch oft in riesigen Wohnheimen wohnen würden, die dann auch noch weit weg von den Städten lägen und somit eine Eingliederung schon aufgrund der Umgebung fast unmöglich sei. Das sei in anderen Ländern wie zum Beispiel Schweden oder den Niederlanden schon viel besser als hier.

Über so etwas konnte sie sich sehr aufregen und ich fand es gut, dass sie mit mir über solche Sachen sprach.
 
Anne versuchte auch, mit meiner Mutter zu sprechen.
Das war aber schwieriger, denn meine Mutter war nicht so begeistert davon.
Sie fühlte sich wahrscheinlich von Anne persönlich angegriffen. Kritik konnte sie sowieso nicht gut vertragen.

Bei mir sprach Anne aber niemals schlecht über meine Mutter.

Nur an ihren Blicken merkte ich oft, dass sie mit dem Verhalten mir gegenüber nicht einverstanden war. Sie versuchte das dann ganz freundlich zur Sprache zu bringen, aber jedes Mal reagierte meine Mutter darauf gereizter.

Einmal zum Beispiel kam meine Mutter von der Arbeit früher nach Hause. Ich saß gerade beim Essen und Anne hatte ein Telefonat bekommen, so dass sie kurz aus dem Raum gegangen war.

Wie immer sagte meine Mutter nur „Hallo“ zu mir und nahm mich nicht in der Arm oder gab mir einen Kuss, das war ich ja gewöhnt. Dann guckte sie verblüfft auf das Essen (an dem Tag gab es Kartoffeln mit Würstchen und dazu Orangensaft in einem ganz normalen Plastikbecher ohne Schnabelaufsatz, denn das hatte Sonja schon vor einiger Zeit für nicht nötig erachtet).

Als Anne wieder kam, sagte meine Mutter mit verhaltener Kritik in der Stimme zu ihr:
„Das ist ja interessant. Ich wusste gar nicht, dass meine Tochter seit Neuestem nicht mehr aus der Schnabeltasse trinkt.“
Sonja antwortete freundlich:“Sonja und ich haben ausgemacht, dass es für uns beide angenehmer ist, wenn sie aus einem ganz normalen Becher trinkt. Meinen sie nicht, dass es bestimmt ein komisches Gefühl ist, wenn man dieses Ding im Mund hat? Und es dann vielleicht aus Versehen noch zu weit hinein geschoben wird und einen Brechreiz auslöst?“

Ich erwartete, dass meine Mutter nun vielleicht nachdenklich gucken würde. Statt dessen konnte ich deutlich sehen, dass sie zunehmend gereizter wurde.
„Ich glaube nicht, dass Sonja jemals Probleme mit der Schnabeltasse hatte, weil ich sie ihr zu tief in den Mund geschoben habe, Frau Groß. Ich weiß schon, wie ich das richtig mache! Und außerdem: Wie können Sie sagen, sie hätten das mit Sonja ausgemacht? Wie kann man mit ihr denn etwas ausmachen? Verfügen sie über telephatische Kräfte oder wie machen Sie das?“
Meine Mutter lachte kurz auf über ihren eigenen Witz.

Anne blieb ganz gelassen. Wahrscheinlich erlebte sie eine solche Situation nicht zum ersten Mal, denn sie hatte mir einmal erzählt, wie schwierig es manchmal sei, den Eltern von Kindern mit Handicaps Vorschläge zu machen, wie ihnen etwas besser gelingen könnte, weil die Eltern sich dann oft angegriffen fühlen würden und nicht verstanden, dass sie ihnen nur helfen wolle.

Sie sagte zu meiner Mutter: „Frau Engel, ich habe niemals Ihre Fähigkeiten bezweifelt. Aber gucken Sie sich Sonja doch einmal an. Man kann sehr viel an ihrer Mimik, ihrer Gestik und ihren Lauten erkennen und sie kann sich sehr gut ausdrücken. Sehen Sie, wir haben zum Beispiel ein Zeichen für „ja“ oder „nein“ entwickelt!"

Um es meiner Mutter vorzuführen, ließ ich meine Faust kräftig auf das Tischchen donnern.

Anne sagte begeistert und in der Hoffnung, dass meine Mutter es nun verstehen würde: „Sehen sie, das heißt JA. Komm Sonja, zeig deiner Mutter auch noch das NEIN!“

Ich verdrehte extra stark meine Augen.

Doch anstatt nun überrascht, begeistert oder wenigstens dankbar für die Anregung zu sein, sagte meine Mutter nur mit weiterhin gereizter Stimme:

„Meinen sie ernsthaft, dass es gut ist, wenn Sonja zig Mal am Tag auf diesen Tisch haut?“

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Bunt Speck
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BeitragVerfasst am: 05.10.2016 19:37    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Zwergenmama,

ein schwieriges Thema, obwohl ja der Text zeigt, dass es das eigentlich nicht sein dürfte. Ich meine das aber nicht aufgrund des Inhalts, sondern aufgrund der Perspektive. Du schreibst ja aus Sonjas Sicht, die durchgehend wie ein Bericht wirkt, der verschiedene Tipps aus Ratgebern für den Umgang mit Menschen mit Handicaps zitiert. Es wirkt so etwas hölzern. Ich glaube, dass es der Geschichte etwas mehr Schwung geben würde, wenn die hier rückblickend beschriebenen Szenen passieren ... also, warum nicht direkt rein in die Szene und die Figuren lebendig werden lassen. Das fände ich schöner.

Z.B. das hier:

"Sie fragte mich, was ich gerne essen wollte und machte ein Zeichen mit mir aus: Für „ja, das klingt lecker“ ließ ich meine Faust auf meinen am Rollstuhl angebrachten Tisch fallen und für „nein bloß nicht“ verdrehte ich die Augen."

Du kannst doch auch erzählen, wie diese erste Situation als Szene vor sich geht:

"Sonja, was möchtest du den gerne essen?", fragte Anna freundlich.
Mir wurde ganz anders. Das hatte mich noch keiner gefragt. Immer musste ich essen, was auf meinen Rollstuhltisch kam. Und meine Familie hörte mir schon lange nicht mehr zu. Da war die Chance. Ich zeigte mit meiner Faust auf die Cornflakes und lachte. Anna griff zum Honig und fragte: "Ein Honigbrot?" Ich verdrehte die Augen und schüttelte heftig den Kopf. Anna verstand sofort unnd stellte den Honig zur Seite. Sie zeigte auf die Obstschale. Wieder verdrehte ich die Augen.
"Gut, Augen verdrehen heißt nein. Verstanden", lächelte Anna und zeigte endliich auf die Cornflakes. Vor Freude schlug ich auf den Rollstuhltisch, dass es nur so krachte.
"Dann also Cornflakes", sagte Anna und öffnete die Packung.

Irgendwie so. Dann kann der Leser mit der Beziehung zwischen Sonja und Anna mitwachsen und das Leben von Menschen mit Handicap besser nachvollziehen. Da hast Du als Pflegerin ja die beste Einsicht, um das bildlich umzusetzten.

Ansonsten würde ich mal auf Wiederholungen prüfen.

Spannendes Thema mit bereichernden Einsichten. D.h. Zeitmangel bekämpfen und ran ... Wink

Gruß,
Bunt
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Zwergenmama
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BeitragVerfasst am: 05.10.2016 21:15    Titel: Das klingt gut... pdf-Datei Antworten mit Zitat

... und ohne Witz bin ich da noch nie drauf gekommen,  habe aber sofort verstanden was du meinst und was mich gestört hat... Ich war die ganzen Jahre irgendwie unzufrieden! Es klingt gerade wirklich sehr wie ein Ratgeber und viel zu sachlich, was ich aber keinesfalls möchte. Es soll schon ein Roman werden... Ich bekomme den Zeitmangel langsam in den Griff und gehe da ran,  danke!

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Tape Dispenser
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BeitragVerfasst am: 05.10.2016 22:08    Titel: Antworten mit Zitat

Ein schwieriges Thema, ohne Frage. Was deine Geschichte jedoch angreifbar macht, ist die Wahl der Perspektive, denn du schreibst aus der Sicht einer, wie du sagst, schwerst mehrfach behinderten junen Frau, legst aber Bezeichnungen, Gedanken und Reflexionen in ihr an, dass es so rüberkommt, als wäre sie total normal, könne sich eigentlich gut ausdrücken, und zufällogerweise irgendwie im falschen Körper gefangen. Dank deiner Pflegerin, weiß sie aber plötzlich, dass Behinderten eine Teilnahme am Arbeitsleben ermöglicht werden sollte, und so weiter und so fort und entdeckt erst jetzt, dass sie "Ja" und "Nein" plötzlich ganz einfach mit ihren eigen Mitteln ausdrücken kann. Und zu diesem Zeitpunkt ist sie bereits eine junge Frau. An dieser Stelle steige ich aus so einer Geschichte aus, weil ich sie dir nicht abnehme. Denn es würde bedeuten, dass außer der Mutter sämtliche Instanzen aus dem Vorleben versagt hätten. Kindergarten, Sonderschullehrer, Ärzte, Therapeuten. Und dann liegt für mich der Verdacht Nahe, dass hier lediglich ein Rührstück inszeniert werden soll.
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Zwergenmama
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BeitragVerfasst am: 05.10.2016 22:29    Titel: Kein Rührstück... pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielleicht würde es deine Meinung dazu etwas ändern,  wenn du das vorhergegangene kennen würdest? Ich verstehe was du meinst,  aber ich möchte dazu dann doch noch etwas mitteilen.  

Da wird das langsam aufgebaut,  gerade die Beziehung zwischen Sonja und ihrer Mutter und die Schwierigkeiten im Umgang der beiden. Und es war kein leichter Weg bis hin zu dieser Pflegerin... Es wurden einige Hilfsangebote vorher von Seiten der Mutter,  die schwer ihre Überforderung zugeben kann,  abgelehnt oder auch einfach nicht finanziert  (das ist ein reales Problem,  dass viele Hilfeleistungen erst einmal abgelehnt werden,  was einige Eltern die ich kenne schon verzweifelt zurück ließ...)  es ist einfach für viele Eltern sehr schwierig,  Hilfe anzunehmen und zuzugeben,  dass ihnen die ganze Situation schwer fällt. Der Punkt, an dem diese Pflegerin da eintritt,  soll einfach einen Wendepunkt darstellen,  auch zwischen Sonja und ihrer Mutter.

Zur Perspektive : es soll ja ein Roman werden. Und es ist absolut möglich,  dass auch diese Menschen ganz normal denken,  trotz allen Handicaps. Es ist sicher gewagt und wäre einfacher aus einer anderen Perspektive gewesen... Aber ich habe viele der Situationen aus diesem Buch im Wohnheim für schwersttmehrfach behinderte Menschen genau so oder ähnlich erlebt. Wie sie dort die Kommunikation lernten,  wie sie aufgeblüht sind... Weil sie einfach verstanden wurden.

Aber ich nehme das zum Anlass,  noch daran zu arbeiten,  dass es auf den Leser realistischer wirkt!


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Bunt Speck
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BeitragVerfasst am: 06.10.2016 08:35    Titel: Antworten mit Zitat

ich muss mich tape dispenser in vielen Dingen anschließen.
Ich glaube zwar auch, das Menschen mit Handicaps viel "normaler" Denken als man geläufiger Weise zu glauben wagt - das bringt der offene Umgang mit ihnen als Erkennntis doch mit sich. Aber - und ich glaube hier treffen sich tape dispensers und meine Kritik - so wie es geschrieben ist, wirkt es, als würde Sonja einen Ratgeber mitteilen wollen, und das ist unglaubwürdig.
Daher die Warnung zur Perspektive. Vielleicht wäre es ein Gewinn für den Leser aus Annas Sicht zu lesen, weil hier mehr Identifikationspotenzial für den "normalen" Leser besteht. Auf der anderen Seite ist Sonjas Sicht sehr reizvoll, aber da sollte es eben mehr aus der Handlung heraus grefibar werden und nicht wie eine analytische Betrachtung ihrer eigenen Situation aus ihren Gedanken heraus wirken. Die EMotionen von Sonja müssen sichtbar werden.

Gruß,
Bunt
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Bunt Speck
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BeitragVerfasst am: 06.10.2016 08:36    Titel: Antworten mit Zitat

das noch hinterher: gerade bei einem Protagonisten, dessen Äußerungen die "normale" Welt eher emotional als rational werten würde. Schaffe die Brücke zwischen Mensch mit Handicap und Leser.

Bunt
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Zwergenmama
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BeitragVerfasst am: 06.10.2016 08:57    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Dieser Ratgeber Aspekt gibt mir sehr zu denken und auch die Befremdlichkeit für den Leser durch die Erzählperspektive...

Vielleicht wäre es ja auch eine Idee, verschiedene Perspektiven einzubauen. Wobei ich gerade diese Perspektive interessant fand dabei... Ich schreibe daran jetzt schon ewig rum.


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Zwergenmama
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BeitragVerfasst am: 06.10.2016 09:02    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Diese Brücke ist eine Herausforderung Smile es ist absolut wahr,  dass es unrealistisch wirkt,  wenn sie wie ein Ratgeber klingt. Vielleicht könnte ich diese ganzen Aspekte die informieren sollen als Nachwort oder Anmerkungen des Autors einbauen.

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Seraiya
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BeitragVerfasst am: 06.10.2016 10:29    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Zwergenmama,

Bin etwas drumherum geschlichen, habe gelesen, wieder aufgehört, nochmal gelesen und ausnahmsweise auch mal die Kommentare meiner Vorgänger gelesen, bevor ich jetzt anfange.

Mit der Perspektive an sich habe ich kein Problem, aber, ein dickes aber, dann erwarte ich, dass der Autor es schafft diese Person zu sein und mir das Ganze glaubhaft zu vermitteln. Das gelingt hier, wie Tape schon angemerkt hat, auch in meinen Augen leider nicht.
Ich lese das Ganze distanziert, nicht greifbar und unecht. Eben aus der Sicht von jemanden, der über jemanden schreibt.

Die Mutter finde ich hier noch am glaubhaftesten dargestellt, denn auch die Pflegerin bleibt eher blass. Mir fehlt Lebenslust auf ihrer Seite, die auf die Protagonistin überspringt.


Zitat:
    Zwei Wochen später, ich war gerade in meinem Zimmer und hörte eine CD und meine Mutter war irgendwo im Haus verschwunden, <- das ist unwichtig. Die Mutter öffnet gleich die Tür. klingelte es an der Tür.

Ich konnte hören, wie meine Mutter öffnete und <- das ist für mich distanziertes Erzählen und könnte mMn einfach raus eine weibliche Stimme sagte: „Hallo, ich bin Frau Groß, <- das ist gestelzt und unecht. Wer stellt sich denn so vor? Eine Lehrerin vor der Klasse vlt. Höflichkeitshalber würde ich zuerst mal den Vornamen, dann den Nachnamen wählen und dann die Aussage, dass telefoniert wurde, wenn nötig. Beide wissen ja, dass teelfoniert wurde und wieso Anne dort ist. wir hatten telefoniert wegen der Stellenanzeige.“

Kurz darauf kam meine Mutter in mein Zimmer, gefolgt von einer großen, dunkelhaarigen, nett aussehenden Frau. Sie hatte irgendwie <- kann raus seltsame Augen, so nah beieinander stehend und außergewöhnlich strahlend. Knallblau. Sie war vielleicht so alt wie meine Mutter. Lächelnd kam sie auf mich zu.

„Du bist also die Sonja. Freut mich sehr. Ich heiße Anne.Komma, hier kein Punkt in der wörtlichen Rede sagte sie freundlich,, warum sollte sie unfreundlich klingen? "Stellte sie sich vor", tuts auch. Lass mich als Leserin mit im Zimmer stehen oder von oben drauf schauen, aber lies es mir nicht vor.  nahm meine Hand, als wäre es eine ganz normale Hand, <- das könnte auch raus die nicht zu einer Faust zusammen gekrampft wäre, und schüttelte sie.

Alleine durch diese Begrüßung war sie mir sofort sympathisch.
<- das könnte auch raus. Hier höre ich tatsächlich einen kleinen Ratgeber, der mir flüstert, ich soll darauf achten, wie ich Menschen mit Behinderungen begrüße. Da sist zunächst mal nichts Schlimmes, aber ich möchte das nicht bemerken. Noch nie hatte mir jemand einfach so, ganz unkompliziert, <- das könnte auch raus die Hand geschüttelt! Eigentlich schüttelte mir grundsätzlich sowieso nie jemand die Hand.

Ich stieß einen Begeisterungsschrei aus und sie lachte und sagte: „Schön, dass du dich auch freust, mich kennen zu lernen!<- Warum hier das ! ?

Anscheinend hatte sie mich verstanden. Und sie kannte mich erst seit einer Minute.

Sie wandte sich zu meiner Mutter um und sagte: „Sie haben aber eine fröhliche Tochter!“ Meiner Mutter schien <- Vorsicht mit Vermutungen, die Tatsachen abschwächen. Sonja kennt ihre Mutter sicher gut genug, um das beurteilen zu können. Wenn sie nicht sprechen kann, hat sie sicher eine gute Beobachtungsgabe, wenn ja, bau das mit ein. das Ganze etwas unangenehm zu sein. Wahrscheinlich hätte sie selber den Begeisterungsschrei anders gedeutet und wieder an mir herum geruckelt. „Ja“ sagte sie nur, anscheinend fiel ihr nichts besseres ein.<- das könnte auch raus
Wir unterhielten uns dann noch eine Weile, wobei Anne mich immer wieder  ansprach und ins Gespräch mit einbezog, was ich gar nicht gewöhnt war. „Wir zwei machen das schon, oder, Sonja?“ fragte sie mich, nachdem meine Mutter sie als meine neue Pflegerin akzeptiert hatte.
 
Ich hatte das Gefühl, die nächste Zeit würde etwas abwechslungsreicher werden. Ich hatte plötzlich ein ganz warmes, glückliches Gefühl im Bauch. <- nicht greifbar

 



Wie gesagt, ich würde mich an so etwas nur heranwagen, wenn ich als Autorin selbst Sonja sein, mich wirklich einfühlen und das auch rüberbringen kann. So lese ich es aus der Sicht einer Pflegerin, was zuviel Distanz beinhaltet.
Ob da ein Perpektivwechsel viel Sinn macht, weiß ich nicht. Es kommt darauf an, um wen es letztendlich gehen soll. Um Anne oder um Sonja? Um beide? Wo soll die Geschichte hin? Was will sie?
Hier wäre vlt. auch auktorial mit wechselnden Perspektiven angebracht, wenn man das hinbekommt.



LG,
Seraiya


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Zwergenmama
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BeitragVerfasst am: 06.10.2016 11:59    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das hilft weiter und heute abend geh ich dran und werde anfangen das ein einzubinden und abzuändern . Da ist noch einiges zu tun...

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Taranisa
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BeitragVerfasst am: 06.10.2016 18:01    Titel: Re: Zweiter Einstand Antworten mit Zitat

Zwergenmama hat Folgendes geschrieben:

Zwei Wochen später, ich war gerade in meinem Zimmer und hörte eine CD (was für eine? Das würde etwas über die ich-Person zeigen, klingt so eher distanziert) und meine Mutter war irgendwo im Haus verschwunden, klingelte es an der Tür. (2x "und", ggf.: ...ich hörte in meinem Zimmer eine CD und... Vielleicht auch die Mutter weglassen)

Ich konnte hören, wie
meine Mutter öffnete und eine weibliche Stimme sagte: „Hallo, ich bin Frau (besser Vorname) Groß, wir hatten telefoniert wegen der Stellenanzeige.“

Kurz darauf kam meine Mutter in mein Zimmer, gefolgt von einer großen, dunkelhaarigen, nett aussehenden (definiere: nett aussehend) Frau. Sie hatte irgendwie seltsame Augen, so nah beieinander stehend und außergewöhnlich strahlend. Knallblau. Sie war vielleicht so alt wie meine Mutter. Lächelnd kam sie auf mich zu.

„Du bist also die Sonja. Freut mich sehr. Ich heiße Anne.“ sagte sie freundlich, nahm meine Hand, als wäre es eine ganz normale Hand, die nicht zu einer Faust zusammen gekrampft wäre, und schüttelte sie.

Alleine durch diese Begrüßung war sie mir sofort sympathisch. Noch nie hatte mir jemand einfach so, ganz unkompliziert, (einfach impliziert unkompliziert) die Hand geschüttelt! Eigentlich schüttelte mir grundsätzlich sowieso nie jemand die Hand.

Ich stieß einen Begeisterungsschrei aus und (statt 2x "und" Punkt dazwischen) sie lachte und sagte: „Schön, dass du dich auch freust, mich kennen zu lernen!“

Anscheinend hatte sie mich verstanden. Und sie kannte mich erst seit einer Minute. (Ich weiß zwar nicht, welche Arten von Behinderung vorliegen, traue mir jedoch zu, bei jemand mir unbekannten zu erkennen, wenn dieser sich freut.)

Sie wandte sich zu meiner Mutter um und sagte: „Sie haben aber eine fröhliche Tochter!“ Meiner Mutter schien (war ..., weil.. Ich will wissen, warum die Mutter die Tochter scheinbar nicht so gut kennt) das Ganze etwas unangenehm zu sein. Wahrscheinlich hätte sie selber den Begeisterungsschrei anders gedeutet und wieder an mir herum geruckelt. „„Ja“ sagte sie nur, anscheinend fiel ihr nichts besseres ein.

Wir unterhielten uns dann noch eine Weile (ich kenne den Anfang nicht, wie kommuniziert die Protagonistin?) , wobei Anne mich immer wieder  ansprach und ins Gespräch mit einbezog, was ich gar nicht gewöhnt war. „Wir zwei machen das schon, oder, Sonja?“ fragte sie mich, nachdem meine Mutter sie als meine neue Pflegerin akzeptiert hatte.
 
Ich hatte das Gefühl, die nächste Zeit würde etwas abwechslungsreicher werden. Ich hatte plötzlich ein ganz warmes, glückliches Gefühl im Bauch. (ggf.: Wenn es schon so anfing, versprach die nächste Zeit mehr Abwechslung, als jemals zuvor. Die Vorfreude kribbelte in meinem Bauch.)
 
Mit der Vorahnung, oder besser Hoffnung, dass es nun etwas abwechlungsreicher (Wortwiederholung) werden würde, sollte ich recht behalten, soviel stellte sich in der nächsten Zeit heraus.

Anne war einfach toll. Sie unternahm Sachen mit mir, die bisher noch nie jemand mit mir gemacht hatte (was für Sachen?) , sie redete mit mir und schien fast immer meine Antworten richtig deuten zu können und wenn dem einmal nicht so war, fragte sie nach.

Sie fragte mich, was ich gerne essen wollte und machte ein Zeichen mit mir aus: Für „ja, das klingt lecker“ ließ ich meine Faust auf meinen am Rollstuhl angebrachten Tisch fallen und für „nein bloß nicht“ verdrehte ich die Augen.
Sie ging mit mir spazieren und machte sich über die Leute lustig, die komisch oder mitleidig guckten oder sogar auf die andere Straßenseite gingen. Über die lästerte sie richtig mit mir und ich bekam mich manchmal gar nicht wieder ein vor lauter Lachen.
Wir gingen sogar ein paar Male ins Kino.

Sie brachte auch einmal ihren Hund mit und ich durfte mit ihm spielen (wie beweglich ist sie?) und ihn streicheln, was mir einen riesigen Spaß machte.

Wenn ich meine Mittagspause machte, legte sie jeden Tag eine andere CD ein und fragte immer, ob ich das auch gerade hören wollte, wobei wir mit dem selben System kommunizierten wie beim Essen. Sie brachte mir auch neue mit, die ich noch nicht kannte.Endlich keine CD mehr, die ich nach zehn Tagen dauer hören auswendig konnte. Alle, die ich besaß, kannte ich ohnehin längst auswendig. (was für Musik hört sie gerne, welche lernt sie neu kennen und findet sie gut?)
Sie gab mir niemals das Gefühl, eine Last für sie zu sein.
Ich wurde so akzeptiert wie ich bin.


Dein Text wirkt auf mich sehr distanziert. Er würde viel mehr an Tiefe und auch Sympathie für die Protagonistin erhalten, wenn du mehr zeigst, statt zu behaupten. Zeigen kannst du durch spezifische Details, die sie wahrnimmt, durch das Benutzen aller Sinne (was hört, sieht, riecht, fühlt sie). Auch ihre Vorlieben (z.B. Musikgeschmack) und Abneigungen zeigen uns die Person, um die es geht. Zeig uns, wie es sie z.B. anstrengt, wenn sie sich zu dem Hund herunterstreckt...
Auch die fachlichen Informationen können gezeigt werden, z. B. in einem Dialog oder durch Reflexion in der Gedankenwelt der Prota (aber bitte nicht im Stil eines Fachvortrags Smile ).
Schau mal, wie du uns am Innenleben deiner Prota teilhaben lassen kannst, wie du uns Dinge erkennen lässt, die du uns in der Handlung / im Dialog zeigst.
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scura
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BeitragVerfasst am: 06.10.2016 18:06    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde das Thema spannend und auch den Zugang mit der von dir gewählten Perspektive... aber mir geht's auch ein wenig wie den anderen... es wirkt zu distanziert und ich glaube ihr die Gedanken jetzt so nicht...

Weißt du genau welche Art der Behinderung sie hat? Ist sie "nur" körperlich gehandicapt (ähnlich wie Stephen Hawkins) oder hat sie auch geistige Defizite...  wenn zweites auch der Fall ist würde ich ihr eine mehr kindliche Stimme geben.

Und auch auf die Vorschläge von Taranisa eingehen... zum Beispiel die Szene mit dem Hund... die könnte man super sinnlich darstellen. Wie riecht er (klar wie ein Hund... nö ernst jetzt) er könnte nach Wald duften oder Straßenstaub.... oder was weiß ich... oder wie ist das Fell ist es eher weich oder borstig... was tut der Hund... vielleicht bellt er. Vielleicht legt er ihr nur den Kopf auf den Schoß... vielleicht leckt er sie im Gesicht ab. Vielleicht legt er ihr einen Ball vorsichtig in die Hand und sie rollt ihn weg.... er könnte auch einen Namen haben... etc.


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in dem mein ganzes Hoffen in die Zukunft liegt.
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Zwergenmama
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BeitragVerfasst am: 07.10.2016 01:31    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

So ich bin in mich gegangen, habe nochmal alles genau am PC durchgelesen, was ihr geschrieben habt und habe versucht es umzusetzen.


Zwei Wochen später saß ich gerade in meinem Zimmer in meinem großen runden Bodenkissen und hörte Nenas Best of CD, die mir immer noch gefiel, obwohl ich sie, wie alle anderen die ich besaß, auswendig konnte. Nena mochte ich unheimlich gerne. Da kriegte ich immer so gute Laune und wurde ganz fröhlich. Únd diese CD mochte ich von allen acht Nena CD´s, die ich hatte, am meisten, denn da waren alle meine Lieblingslieder von ihr vertreten...99 Luftballons, Wunder gescheh´n, Irgendwie, irgendwo, irgendwann...ich war in einer schläfrigen, angenehmen Stimmung und kuschelte mich richtig tief in mein Kissen.

Da hörte ich es an der Haustür klingeln. Das war ungewöhnlich, ich habe euch ja erzählt, dass meine Mutter nur noch selten Besuch bekam. (Anmerkung: Die Mutter wurde im Laufe der Geschichte vom Vater Sonjas verlassen, was sie nur durch einen Zufall erfuhr...der Vater hatte immer eine sehr distanzierte Beziehung zu Sonja und hat es ihrer Mutter auch schwer gemacht, er hätte Sonja lieber gleich in einem Wohnheim gesehen, die Mutter aber war dagegen. Dieser Konflikt führte am Ende zu Distanzierung und am Ende Trennung. Das war zu diesem Zeitpunkt, als die Pflegerin ins Gespräch kam, noch nicht lange her und die Mutter hat sich sehr eingeigelt und ist verzweifelt, so sehr, dass sie sich endlich eingesteht, dass sie Hilfe annehmen muss, weil sie es nicht mehr alleine schafft. Sonja weiß um die Gedanken ihrer Mutter, weil sie ein Gespräch zwischen Mutter und Oma mitbekommen hat. Da wurde oft geredet, als sei sie gar nicht anwesend, weil unterschätzt wurde, wie viel sie mitbekam...)


Ich hörte eine weibliche Stimme sagen: „Hallo, ich bin Anne Groß, es tut mir leid, dass ich zu spät bin, ich habe einfach keinen Parkplatz gefunden."

Anne Groß? Das sagte mir nichts. Kannte meine Mutter sie? Es klang, als seien sie verabredet gewesen.

Kurz darauf kam meine Mutter in mein Zimmer, gefolgt von einer großen, dunkelhaarigen, nett aussehenden Frau. Sie hatte seltsame Augen, so nah beieinander stehend und außergewöhnlich strahlend. Knallblau. Sie war vielleicht so alt wie meine Mutter. Lächelnd kam sie auf mich zu.

„Du bist also die Sonja. Freut mich sehr, ich heiße Anne. Ich hoffe es ist okay wenn ich Du sage.“ sagte sie, nahm meine Hand und schüttelte sie. "Du hörst ja schöne Musik! Magst du Nena? Soll ich dir was verraten? Ich bin ein riesiger Fan! Ich war sogar schon auf einem Konzert!" Sie lächelte mir verschwörerisch zu.

Ich mochte die Frau mit den blauen Augen. Noch nie hatte mir jemand einfach so die Hand geschüttelt! Eigentlich schüttelte mir grundsätzlich sowieso nie jemand die Hand. Und ein Nena Fan war sie auch. Aber was machte sie hier?

Ich lachte Anne an und sie lachte zurück. Meine Mutter hatte bisher nichts gesagt, nun räusperte sie sich und sagte zu mir: "Sonja, Anne ist hier, um dich kennen zu lernen. Sie könnte öfter kommen und mit dir Zeit verbringen. Wie fändest du das?"
Wie ich das fände fragte sie? Ich fand das war eine tolle Idee! Meine Mutter redete ja meistens nicht viel mit mir und ich versauerte schon vor Langeweile, seit ich nicht mehr in die Schule ging.

 (Anmerkung: Sonja ist auf einer Sonderschule gewesen, ihrer Mutter wurde angeraten, Sonja weiterhin betreuen zu lassen oder sie in eine Werkstatt gehen zu lassen, aber die Mutter hatte ein schlechtes Bild von Behindertenwerkstätten und wollte dies nicht, ebenso kam für sie ein Wohnheim nicht in Frage. Sie entschied deswegen, dass Sonja bei ihr zu Hause bleibe und sie beide das schon schaffen würden. Diese rund um die Uhr Betreuung wuchs ihr aber sehr schnell über den Kopf. Vorher war Sonja ja viele Jahre lang tagsüber fort gewesen. Alleine das Pflegerische war sehr anstrengend für eine einzelne Person. Die Beziehung der Beiden wird vorher viel erklärt, Sonjas Mutter liebt sie über alles, die beiden finden aber einfach keinen guten Kommunikationskanal. Sonja fühlt sich meist missverstanden, die Mutter ihrerseits ist sich aber sicher, ihre Tochter doch am besten zu kennen...Sonja redet aber nie schlecht und nimmt ihre Mutter jederzeit in Schutz, fühlt sich teilweise auch schuldig, wenn es ihrer Mutter schlecht geht. Auch an der Trennung. Die Beziehug zu diesem Zeitpunkt der Geschichte ist schwierig und etws eingefahren.)

Darum stieß ich einen lauten Zustimmungslaut aus. Den würden sie verstehen. Anne wandte sich zu meiner Mutter um und sagte: „Sie haben aber eine fröhliche Tochter! Ich würde mich wirklich freuen, wenn wir beide zusammen arbeiten könnten.“

Meine Mutter war verunsichert und schaute zwischen Anne und mir hin und her. Hilfe anzunehmen, fiel ihr wirklich sehr schwer. Dabei fand ich das völlig in Ordnung, was sie da tat! Sie war oft so müde, so erschöpft. Ich wusste ganz sicher, dass Hilfe uns beiden gut tun würde. Und Anne würde neuen Schwung bei uns hinein bringen. Auf jeden Fall versprach die nächste Zeit abwechslungsreich und spannend zu werden. Die Vorfreude kribbelte in meinem Bauch wie ein Schwarm kleiner bunter Schmetterlinge, die da drin wild herum flogen.

Wir unterhielten uns dann noch eine Weile, besser gesagt Anne und meine Mutter unterhielten sich und meine Mutter nahm sie, wie sie es mit jedem tat, dem sie näheren Zugang zu mir einräumte, ganz schön ins Kreuzfeuer. Sie stellte Anne alle möglichen Fragen über die Arbeitszeiten, wie sie vorhabe, ihren Tag mit mir zu strukturieren, auch um Geld ging es mal wieder. Anne sprach aber auch mich immer wieder an und bezog mich in das Gespräch mit ein, was ich gar nicht gewöhnt war. Sie hatte schnell den Bogen raus, wie sie mit mir kommunizieren konnte und was meine Grimassen bedeuteten. Anscheinend lag sie damit sogar weitaus richtiger als meine Mutter, die da ja sehr starrköpfig war, wenn es darum ging, dass sie mit einer Beurteilung von mir, ihrer eigenen Tochter, falsch liegen könnte. So guckte sie während dem Gespräch öfters etwas überrascht, denn ich reagierte ganz anders, weil ich mich wirklich gut verstanden fühlte von Anne. (Anmerkung: Vorher in der Geschichte ist es oft Thema, dass Sonjas Gesten und Grimassen, ihre einzige Kommunikationsmöglichkeit, von den Menschen nicht richtig aufgefasst werden. Gerade Sonjas Mutter tut sich schwer, da einen eventuellen Fehler einzugestehen. Schließlich kennt jede Mutter ihr Kind am besten und da ist Kritik häufig nahezu unmöglich. Das führt im Vorfeld zu Missverständnissen und gehört zur eingefahrenen Situation dazu)

 „Wir zwei machen das schon, oder, Sonja?“ fragte meine neue Pflegerin  mich, nachdem meine Mutter sie endlich offiziell genug bechnuppert und am Ende akzeptiert hatte.
  
Mit der Vorahnung, oder besser Hoffnung, dass es nun etwas abwechlungsreicher werden würde, sollte ich recht behalten, soviel stellte sich in der nächsten Zeit schnell heraus.

Anne war einfach toll. Sie unternahm Sachen mit mir, die bisher noch nie jemand mit mir gemacht hatte. Sie las mir Geschichten vor. Sie knetete mit mir, denn das konnte ich super mit meinen Faust- Händen. Sie gab mir einen Massageball. Sie ging mit mir spazieren. Wir spielten. Würfeln konnte ich super. Sie redete mit mir und schien fast immer meine Antworten richtig deuten zu können und wenn dem einmal nicht so war, fragte sie nach. So wurde unsere Kommunikation mit der Zeit immer einfacher und selbstverständlicher.

Auch das Problem mit dem Essen löste sie schon in der ersten Woche mit der ihr eigenen Offenheit und ganz unkompliziert.
"Sonja, was möchtest du den gerne essen?", fragte sie nämlich eines morgens, als wir das erste Mal alleine frühstückten. Zuvor hatte sie nur zugeschaut, wie meine Mutter und ich das handhabten.

Mir wurde ganz anders. Das hatte mich noch keiner gefragt. Bisher musste ich ja immer essen, was auf meinen Rollstuhltisch kam. Und meine Mutter hörte mir gerade bei diesem Punkt schon lange nicht mehr zu. Es war wirklich sehr schwierig für mich und ich konnte es oft kaum noch ertragen.

(Anmerkung:Bisher wurde alles essen zusammen geschüttet und püriert, die Masse wurde am Ende immer braun, Sonja hätte sich einfach was ganz simples wie Bananenmus gewünscht, aber ihrer Mutter war es ein Anspruch, ihr immer "etwas vernünftiges" zu kochen. Sonja hatte öfters versucht zu protestieren, aber es wurde von ihrer Mutter so verstanden, dass sie sie ärgern wollte...)

Das war die Chance. Ich zeigte mit meiner Faust auf die Cornflakes und lachte. Anne griff zum Honig und fragte: "Ein Honigbrot?" Ich verdrehte die Augen und schüttelte heftig den Kopf. Anne verstand sofort und stellte den Honig zur Seite. Sie zeigte auf die Obstschale. Wieder verdrehte ich die Augen.
"Gut, Augen verdrehen heißt nein. Verstanden", lächelte Anne und zeigte endlich auf die Cornflakes. Vor Freude schlug ich auf den Rollstuhltisch, dass es nur so krachte.
"Dann also Cornflakes", sagte Anna und öffnete die Packung.

Damit war mein ganzes Essensdesaster gelöst.
 
Auch vor Begegnungen mit anderen Menschen scheute Anne sich nicht.Sie ging mit mir spazieren und machte sich über die Leute lustig, die komisch oder mitleidig guckten oder sogar auf die andere Straßenseite gingen. Über die lästerte sie richtig mit mir und ich bekam mich manchmal gar nicht wieder ein vor lauter Lachen. Wir gingen sogar einmal ins Kino. Da bat sie einfach jemanden, ihr zu helfen, meinen Rollstuhl die vier Stufen hoch zu tragen. Ich fand die große Leinwand klasse, da konnte ich viel besser sehen als an unserem kleinen Fernseher. Ich hatte ja nicht die besten Augen.

Anne brachte auch einmal ihren Hund mit, ein kleines, wuscheliges, braun weißes Fellbündel. Er sprang an meinem Rollstuhl hoch und leckte mir den Arm ab. Er roch nach Straßenstaub. Anne sagte ihm, dass er nicht so stürmisch sein sollte. Da legte er seinen Kopf auf meinen Schoß und schaute mich ganz lieb an. Ich kam gerade weit genug mit meinen Händen herunter, dass ich ihn streicheln konnte. Ich war ganz verliebt in Bosse, so hieß er sagte Anne. Sie gab mir ein Leckerchen, was ich dem Hund geben konnte. Bosse kam dann öfters mit.

Wenn ich meine Mittagspause machte, legte sie jeden Tag eine andere CD ein und fragte immer, ob ich das auch gerade hören wollte, wobei wir mit dem selben System kommunizierten wie beim Essen. Sie brachte mir auch neue mit, die ich noch nicht kannte.Endlich keine CD mehr, die ich nach zehn Tagen dauer hören auswendig konnte. Alle, die ich besaß, kannte ich ohnehin längst auswendig. Trotzdem, Nena hörten wir natürlich auch weiterhin. Wir tanzten dazu richtig ab.

Anne gab mir niemals das Gefühl, eine Last für sie zu sein. Ich wurde so akzeptiert wie ich bin. Sie gab mir als erster Mensch in meinem Leben das Gefühl, eine vollwertige Persönlichkeit zu sein. Im Kindergarten waren die Menschen zwar auch nett zu mir gewesen, aber es war eine andere Basis: Die Erzieherinnen waren eben für alle Kinder da. Nicht nur für mich.

Anne war nur für mich da.

Anne versuchte auch, mit meiner Mutter ins Gespräch zu kommen. Sie hatte mit Sicherheit im Laufe der Zeit, die sie bei uns verbrachte, mitbekommen, dass es nicht ganz einfach war mit uns beiden. Sie sprach aber nie mit mir über meine Mutter und war zu ihr immer sehr freundlich und verständnisvoll. Und ich hatte auch das Gefühl, dass sie da nichts vorspielte...sie hatte verstanden, dass es für uns beide nicht so einfach war.
Trotzdem war es schwierig, denn meine Mutter war nicht so begeistert davon zu reden. Reden war etwas, das ihr schwer fiel. Und sie verstand jeden gut gemeinten Rat von Anne als Kririk.

Einmal zum Beispiel kam meine Mutter von der Arbeit früher nach Hause. Ich saß gerade beim Essen und Anne hatte ein Telefonat bekommen, so dass sie kurz aus dem Raum gegangen war.

Wie immer sagte meine Mutter nur „Hallo“ zu mir und nahm mich nicht in der Arm oder gab mir einen Kuss, das war ich ja gewöhnt. Dann guckte sie verblüfft auf das Essen (an dem Tag gab es Kartoffeln mit Würstchen und dazu Orangensaft in einem ganz normalen Plastikbecher ohne Schnabelaufsatz, denn das hatte Sonja schon vor einiger Zeit für nicht nötig erachtet).

Als Anne wieder kam, sagte meine Mutter mit verhaltener Kritik in der Stimme zu ihr:
„Das ist ja interessant. Ich wusste gar nicht, dass meine Tochter seit Neuestem nicht mehr aus der Schnabeltasse trinkt.“
Sonja antwortete freundlich:“Sonja und ich haben ausgemacht, dass es für uns beide angenehmer ist, wenn sie aus einem ganz normalen Becher trinkt. Meinen sie nicht, dass es bestimmt ein komisches Gefühl ist, wenn man dieses Ding im Mund hat? Und es dann vielleicht aus Versehen noch zu weit hinein geschoben wird und einen Brechreiz auslöst?“

Ich erwartete, dass meine Mutter nun vielleicht nachdenklich gucken würde. Statt dessen konnte ich deutlich sehen, dass sie zunehmend gereizter wurde.
„Ich glaube nicht, dass Sonja jemals Probleme mit der Schnabeltasse hatte, weil ich sie ihr zu tief in den Mund geschoben habe, Frau Groß. Ich weiß schon, wie ich das richtig mache! Und außerdem: Wie können Sie sagen, sie hätten das mit Sonja ausgemacht? Wie kann man mit ihr denn etwas ausmachen? Verfügen sie über telephatische Kräfte oder wie machen Sie das?“
Meine Mutter lachte kurz auf über ihren eigenen Witz.

Anne blieb ganz gelassen. Wahrscheinlich erlebte sie eine solche Situation nicht zum ersten Mal.

Sie sagte zu meiner Mutter: „Frau Engel, ich habe niemals Ihre Fähigkeiten bezweifelt. Aber gucken Sie sich Sonja doch einmal an. Man kann sehr viel an ihrer Mimik, ihrer Gestik und ihren Lauten erkennen und sie kann sich sehr gut ausdrücken. Sehen Sie, wir haben zum Beispiel ein Zeichen für „ja“ oder „nein“ entwickelt!"

Um es meiner Mutter vorzuführen, ließ ich meine Faust kräftig auf das Tischchen donnern.

Anne sagte begeistert und in der Hoffnung, dass meine Mutter es nun verstehen würde: „Sehen sie, das heißt JA. Komm Sonja, zeig deiner Mutter auch noch das NEIN!“

Ich verdrehte extra stark meine Augen.

Doch anstatt nun überrascht, begeistert oder wenigstens dankbar für die Anregung zu sein, sagte meine Mutter nur mit weiterhin gereizter Stimme:

„Meinen sie ernsthaft, dass es gut ist, wenn Sonja zig Mal am Tag auf diesen Tisch haut?“


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BeitragVerfasst am: 07.10.2016 01:33    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

So ich bin in mich gegangen, habe nochmal alles genau am PC durchgelesen, was ihr geschrieben habt und habe versucht es umzusetzen.


Zwei Wochen später saß ich gerade in meinem Zimmer in meinem großen runden Bodenkissen und hörte Nenas Best of CD, die mir immer noch gefiel, obwohl ich sie, wie alle anderen die ich besaß, auswendig konnte. Nena mochte ich unheimlich gerne. Da kriegte ich immer so gute Laune und wurde ganz fröhlich. Únd diese CD mochte ich von allen acht Nena CD´s, die ich hatte, am meisten, denn da waren alle meine Lieblingslieder von ihr vertreten...99 Luftballons, Wunder gescheh´n, Irgendwie, irgendwo, irgendwann...ich war in einer schläfrigen, angenehmen Stimmung und kuschelte mich richtig tief in mein Kissen.

Da hörte ich es an der Haustür klingeln. Das war ungewöhnlich, ich habe euch ja erzählt, dass meine Mutter nur noch selten Besuch bekam. (Anmerkung: Die Mutter wurde im Laufe der Geschichte vom Vater Sonjas verlassen, was sie nur durch einen Zufall erfuhr...der Vater hatte immer eine sehr distanzierte Beziehung zu Sonja und hat es ihrer Mutter auch schwer gemacht, er hätte Sonja lieber gleich in einem Wohnheim gesehen, die Mutter aber war dagegen. Dieser Konflikt führte am Ende zu Distanzierung und am Ende Trennung. Das war zu diesem Zeitpunkt, als die Pflegerin ins Gespräch kam, noch nicht lange her und die Mutter hat sich sehr eingeigelt und ist verzweifelt, so sehr, dass sie sich endlich eingesteht, dass sie Hilfe annehmen muss, weil sie es nicht mehr alleine schafft. Sonja weiß um die Gedanken ihrer Mutter, weil sie ein Gespräch zwischen Mutter und Oma mitbekommen hat. Da wurde oft geredet, als sei sie gar nicht anwesend, weil unterschätzt wurde, wie viel sie mitbekam...)


Ich hörte eine weibliche Stimme sagen: „Hallo, ich bin Anne Groß, es tut mir leid, dass ich zu spät bin, ich habe einfach keinen Parkplatz gefunden."

Anne Groß? Das sagte mir nichts. Kannte meine Mutter sie? Es klang, als seien sie verabredet gewesen.

Kurz darauf kam meine Mutter in mein Zimmer, gefolgt von einer großen, dunkelhaarigen, nett aussehenden Frau. Sie hatte seltsame Augen, so nah beieinander stehend und außergewöhnlich strahlend. Knallblau. Sie war vielleicht so alt wie meine Mutter. Lächelnd kam sie auf mich zu.

„Du bist also die Sonja. Freut mich sehr, ich heiße Anne. Ich hoffe es ist okay wenn ich Du sage.“ sagte sie, nahm meine Hand und schüttelte sie. "Du hörst ja schöne Musik! Magst du Nena? Soll ich dir was verraten? Ich bin ein riesiger Fan! Ich war sogar schon auf einem Konzert!" Sie lächelte mir verschwörerisch zu.

Ich mochte die Frau mit den blauen Augen. Noch nie hatte mir jemand einfach so die Hand geschüttelt! Eigentlich schüttelte mir grundsätzlich sowieso nie jemand die Hand. Und ein Nena Fan war sie auch. Aber was machte sie hier?

Ich lachte Anne an und sie lachte zurück. Meine Mutter hatte bisher nichts gesagt, nun räusperte sie sich und sagte zu mir: "Sonja, Anne ist hier, um dich kennen zu lernen. Sie könnte öfter kommen und mit dir Zeit verbringen. Wie fändest du das?"
Wie ich das fände fragte sie? Ich fand das war eine tolle Idee! Meine Mutter redete ja meistens nicht viel mit mir und ich versauerte schon vor Langeweile, seit ich nicht mehr in die Schule ging.

 (Anmerkung: Sonja ist auf einer Sonderschule gewesen, ihrer Mutter wurde angeraten, Sonja weiterhin betreuen zu lassen oder sie in eine Werkstatt gehen zu lassen, aber die Mutter hatte ein schlechtes Bild von Behindertenwerkstätten und wollte dies nicht, ebenso kam für sie ein Wohnheim nicht in Frage. Sie entschied deswegen, dass Sonja bei ihr zu Hause bleibe und sie beide das schon schaffen würden. Diese rund um die Uhr Betreuung wuchs ihr aber sehr schnell über den Kopf. Vorher war Sonja ja viele Jahre lang tagsüber fort gewesen. Alleine das Pflegerische war sehr anstrengend für eine einzelne Person. Die Beziehung der Beiden wird vorher viel erklärt, Sonjas Mutter liebt sie über alles, die beiden finden aber einfach keinen guten Kommunikationskanal. Sonja fühlt sich meist missverstanden, die Mutter ihrerseits ist sich aber sicher, ihre Tochter doch am besten zu kennen...Sonja redet aber nie schlecht und nimmt ihre Mutter jederzeit in Schutz, fühlt sich teilweise auch schuldig, wenn es ihrer Mutter schlecht geht. Auch an der Trennung. Die Beziehug zu diesem Zeitpunkt der Geschichte ist schwierig und etws eingefahren.)

Darum stieß ich einen lauten Zustimmungslaut aus. Den würden sie verstehen. Anne wandte sich zu meiner Mutter um und sagte: „Sie haben aber eine fröhliche Tochter! Ich würde mich wirklich freuen, wenn wir beide zusammen arbeiten könnten.“

Meine Mutter war verunsichert und schaute zwischen Anne und mir hin und her. Hilfe anzunehmen, fiel ihr wirklich sehr schwer. Dabei fand ich das völlig in Ordnung, was sie da tat! Sie war oft so müde, so erschöpft. Ich wusste ganz sicher, dass Hilfe uns beiden gut tun würde. Und Anne würde neuen Schwung bei uns hinein bringen. Auf jeden Fall versprach die nächste Zeit abwechslungsreich und spannend zu werden. Die Vorfreude kribbelte in meinem Bauch wie ein Schwarm kleiner bunter Schmetterlinge, die da drin wild herum flogen.

Wir unterhielten uns dann noch eine Weile, besser gesagt Anne und meine Mutter unterhielten sich und meine Mutter nahm sie, wie sie es mit jedem tat, dem sie näheren Zugang zu mir einräumte, ganz schön ins Kreuzfeuer. Sie stellte Anne alle möglichen Fragen über die Arbeitszeiten, wie sie vorhabe, ihren Tag mit mir zu strukturieren, auch um Geld ging es mal wieder. Anne sprach aber auch mich immer wieder an und bezog mich in das Gespräch mit ein, was ich gar nicht gewöhnt war. Sie hatte schnell den Bogen raus, wie sie mit mir kommunizieren konnte und was meine Grimassen bedeuteten. Anscheinend lag sie damit sogar weitaus richtiger als meine Mutter, die da ja sehr starrköpfig war, wenn es darum ging, dass sie mit einer Beurteilung von mir, ihrer eigenen Tochter, falsch liegen könnte. So guckte sie während dem Gespräch öfters etwas überrascht, denn ich reagierte ganz anders, weil ich mich wirklich gut verstanden fühlte von Anne. (Anmerkung: Vorher in der Geschichte ist es oft Thema, dass Sonjas Gesten und Grimassen, ihre einzige Kommunikationsmöglichkeit, von den Menschen nicht richtig aufgefasst werden. Gerade Sonjas Mutter tut sich schwer, da einen eventuellen Fehler einzugestehen. Schließlich kennt jede Mutter ihr Kind am besten und da ist Kritik häufig nahezu unmöglich. Das führt im Vorfeld zu Missverständnissen und gehört zur eingefahrenen Situation dazu)

 „Wir zwei machen das schon, oder, Sonja?“ fragte meine neue Pflegerin  mich, nachdem meine Mutter sie endlich offiziell genug bechnuppert und am Ende akzeptiert hatte.
  
Mit der Vorahnung, oder besser Hoffnung, dass es nun etwas abwechlungsreicher werden würde, sollte ich recht behalten, soviel stellte sich in der nächsten Zeit schnell heraus.

Anne war einfach toll. Sie unternahm Sachen mit mir, die bisher noch nie jemand mit mir gemacht hatte. Sie las mir Geschichten vor. Sie knetete mit mir, denn das konnte ich super mit meinen Faust- Händen. Sie gab mir einen Massageball. Sie ging mit mir spazieren. Wir spielten. Würfeln konnte ich super. Sie redete mit mir und schien fast immer meine Antworten richtig deuten zu können und wenn dem einmal nicht so war, fragte sie nach. So wurde unsere Kommunikation mit der Zeit immer einfacher und selbstverständlicher.

Auch das Problem mit dem Essen löste sie schon in der ersten Woche mit der ihr eigenen Offenheit und ganz unkompliziert.
"Sonja, was möchtest du den gerne essen?", fragte sie nämlich eines morgens, als wir das erste Mal alleine frühstückten. Zuvor hatte sie nur zugeschaut, wie meine Mutter und ich das handhabten.

Mir wurde ganz anders. Das hatte mich noch keiner gefragt. Bisher musste ich ja immer essen, was auf meinen Rollstuhltisch kam. Und meine Mutter hörte mir gerade bei diesem Punkt schon lange nicht mehr zu. Es war wirklich sehr schwierig für mich und ich konnte es oft kaum noch ertragen.

(Anmerkung:Bisher wurde alles essen zusammen geschüttet und püriert, die Masse wurde am Ende immer braun, Sonja hätte sich einfach was ganz simples wie Bananenmus gewünscht, aber ihrer Mutter war es ein Anspruch, ihr immer "etwas vernünftiges" zu kochen. Sonja hatte öfters versucht zu protestieren, aber es wurde von ihrer Mutter so verstanden, dass sie sie ärgern wollte...)

Das war die Chance. Ich zeigte mit meiner Faust auf die Cornflakes und lachte. Anne griff zum Honig und fragte: "Ein Honigbrot?" Ich verdrehte die Augen und schüttelte heftig den Kopf. Anne verstand sofort und stellte den Honig zur Seite. Sie zeigte auf die Obstschale. Wieder verdrehte ich die Augen.
"Gut, Augen verdrehen heißt nein. Verstanden", lächelte Anne und zeigte endlich auf die Cornflakes. Vor Freude schlug ich auf den Rollstuhltisch, dass es nur so krachte.
"Dann also Cornflakes", sagte Anna und öffnete die Packung.

Damit war mein ganzes Essensdesaster gelöst.
 
Auch vor Begegnungen mit anderen Menschen scheute Anne sich nicht.Sie ging mit mir spazieren und machte sich über die Leute lustig, die komisch oder mitleidig guckten oder sogar auf die andere Straßenseite gingen. Über die lästerte sie richtig mit mir und ich bekam mich manchmal gar nicht wieder ein vor lauter Lachen. Wir gingen sogar einmal ins Kino. Da bat sie einfach jemanden, ihr zu helfen, meinen Rollstuhl die vier Stufen hoch zu tragen. Ich fand die große Leinwand klasse, da konnte ich viel besser sehen als an unserem kleinen Fernseher. Ich hatte ja nicht die besten Augen.

Anne brachte auch einmal ihren Hund mit, ein kleines, wuscheliges, braun weißes Fellbündel. Er sprang an meinem Rollstuhl hoch und leckte mir den Arm ab. Er roch nach Straßenstaub. Anne sagte ihm, dass er nicht so stürmisch sein sollte. Da legte er seinen Kopf auf meinen Schoß und schaute mich ganz lieb an. Ich kam gerade weit genug mit meinen Händen herunter, dass ich ihn streicheln konnte. Ich war ganz verliebt in Bosse, so hieß er sagte Anne. Sie gab mir ein Leckerchen, was ich dem Hund geben konnte. Bosse kam dann öfters mit.

Wenn ich meine Mittagspause machte, legte sie jeden Tag eine andere CD ein und fragte immer, ob ich das auch gerade hören wollte, wobei wir mit dem selben System kommunizierten wie beim Essen. Sie brachte mir auch neue mit, die ich noch nicht kannte.Endlich keine CD mehr, die ich nach zehn Tagen dauer hören auswendig konnte. Alle, die ich besaß, kannte ich ohnehin längst auswendig. Trotzdem, Nena hörten wir natürlich auch weiterhin. Wir tanzten dazu richtig ab.

Anne gab mir niemals das Gefühl, eine Last für sie zu sein. Ich wurde so akzeptiert wie ich bin. Sie gab mir als erster Mensch in meinem Leben das Gefühl, eine vollwertige Persönlichkeit zu sein. Im Kindergarten waren die Menschen zwar auch nett zu mir gewesen, aber es war eine andere Basis: Die Erzieherinnen waren eben für alle Kinder da. Nicht nur für mich.

Anne war nur für mich da.

Anne versuchte auch, mit meiner Mutter ins Gespräch zu kommen. Sie hatte mit Sicherheit im Laufe der Zeit, die sie bei uns verbrachte, mitbekommen, dass es nicht ganz einfach war mit uns beiden. Sie sprach aber nie mit mir über meine Mutter und war zu ihr immer sehr freundlich und verständnisvoll. Und ich hatte auch das Gefühl, dass sie da nichts vorspielte...sie hatte verstanden, dass es für uns beide nicht so einfach war.
Trotzdem war es schwierig, denn meine Mutter war nicht so begeistert davon zu reden. Reden war etwas, das ihr schwer fiel. Und sie verstand jeden gut gemeinten Rat von Anne als Kririk.

Einmal zum Beispiel kam meine Mutter von der Arbeit früher nach Hause. Ich saß gerade beim Essen und Anne hatte ein Telefonat bekommen, so dass sie kurz aus dem Raum gegangen war.

Wie immer sagte meine Mutter nur „Hallo“ zu mir und nahm mich nicht in der Arm oder gab mir einen Kuss, das war ich ja gewöhnt. Dann guckte sie verblüfft auf das Essen (an dem Tag gab es Kartoffeln mit Würstchen und dazu Orangensaft in einem ganz normalen Plastikbecher ohne Schnabelaufsatz, denn das hatte Sonja schon vor einiger Zeit für nicht nötig erachtet).

Als Anne wieder kam, sagte meine Mutter mit verhaltener Kritik in der Stimme zu ihr:
„Das ist ja interessant. Ich wusste gar nicht, dass meine Tochter seit Neuestem nicht mehr aus der Schnabeltasse trinkt.“
Sonja antwortete freundlich:“Sonja und ich haben ausgemacht, dass es für uns beide angenehmer ist, wenn sie aus einem ganz normalen Becher trinkt. Meinen sie nicht, dass es bestimmt ein komisches Gefühl ist, wenn man dieses Ding im Mund hat? Und es dann vielleicht aus Versehen noch zu weit hinein geschoben wird und einen Brechreiz auslöst?“

Ich erwartete, dass meine Mutter nun vielleicht nachdenklich gucken würde. Statt dessen konnte ich deutlich sehen, dass sie zunehmend gereizter wurde.
„Ich glaube nicht, dass Sonja jemals Probleme mit der Schnabeltasse hatte, weil ich sie ihr zu tief in den Mund geschoben habe, Frau Groß. Ich weiß schon, wie ich das richtig mache! Und außerdem: Wie können Sie sagen, sie hätten das mit Sonja ausgemacht? Wie kann man mit ihr denn etwas ausmachen? Verfügen sie über telephatische Kräfte oder wie machen Sie das?“
Meine Mutter lachte kurz auf über ihren eigenen Witz.

Anne blieb ganz gelassen. Wahrscheinlich erlebte sie eine solche Situation nicht zum ersten Mal.

Sie sagte zu meiner Mutter: „Frau Engel, ich habe niemals Ihre Fähigkeiten bezweifelt. Aber gucken Sie sich Sonja doch einmal an. Man kann sehr viel an ihrer Mimik, ihrer Gestik und ihren Lauten erkennen und sie kann sich sehr gut ausdrücken. Sehen Sie, wir haben zum Beispiel ein Zeichen für „ja“ oder „nein“ entwickelt!"

Um es meiner Mutter vorzuführen, ließ ich meine Faust kräftig auf das Tischchen donnern.

Anne sagte begeistert und in der Hoffnung, dass meine Mutter es nun verstehen würde: „Sehen sie, das heißt JA. Komm Sonja, zeig deiner Mutter auch noch das NEIN!“

Ich verdrehte extra stark meine Augen.

Doch anstatt nun überrascht, begeistert oder wenigstens dankbar für die Anregung zu sein, sagte meine Mutter nur mit weiterhin gereizter Stimme:

„Meinen sie ernsthaft, dass es gut ist, wenn Sonja zig Mal am Tag auf diesen Tisch haut?“


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Bunt Speck
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BeitragVerfasst am: 10.10.2016 13:06    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Zwergenmama,

sorry, aber ich finde, dass sich nicht wirklich etwas geändert hat. Mit Ausnahme weniger Passagen ist es ja nahezu der gleiche Text. Ich meinte, und ich habe die anderen ähnlich verstanden: Du musst den kompletten Text überarbeiten. Mehr Action sozusagen ... oder besser komplett Action ... nicht so viel  ... oder besser gar kein Bericht.

Die rosa Anmerkungen sind nett, aber besser wäre, wenn wir das als Leser gar nicht bräuchten, sondern es durch die Geschichte klar wird.

Vielleicht solltest Du einfach einen Part rauspicken und den mal schön romanhaft erzählen ... oder, wenn das hier nur ein überblickender Part sein soll, nach dem die Geschichte erst losgeht, dann präsentiere doch lieber mal ein Stück der Geschichte.

Gruß,
Bunt
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Seraiya
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BeitragVerfasst am: 10.10.2016 13:38    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo zwergenmama,

Dito Richtung BuntSpeck.

Es wirkt immer noch distanziert und lieblos, einfach zu kühl.

Zitat:
  Da hörte ich es an der Haustür klingeln. Das war ungewöhnlich, ich habe euch ja erzählt, dass meine Mutter nur noch selten Besuch bekam.  

Ok, es ist also sowas wie ein langer Tagebuchbericht von Sonja. Aber wenn du aus Sonjas Perspektive schreibst, hast du so viele Möglichkeiten. Du bist sie, erlebst ihre Gefühle, Stimmung, ihre Welt.

Vielleicht versuchst du mal aus dem Augenblick heraus zu schreiben. Ich weiß nicht, welche Behinderung Sonja hat, aber stell dir vor, wie sie dort sitzt, die Hände zu Fäusten, nicht fähig sich mit dem Zeigefinger z.B. Speichel aus dem Mundwinkel zu wischen, bevor Anne den Raum betritt, genau das aber gerne tun würde. Wie sie auf ihre Hand oder Hände blickt, sich ärgert oder traurig ist oder sich abgefunden hat. Aber mit Gefühl, nicht nur: sie ärgerte sich.
Wie sie sich zur Musik bewegt oder es versucht. Wie sie umplumpst oder ähnliches. Nicht um Mitleid zu erzeugen, sondern um etwas zu zeigen.

Anne ist ihr Sonnenschein, also sollte sie die Wolken wegpusten. Hier sind aber keine Wolken, kein Himmel, nichts. Nur eine Sonja im Rollstuhl mit verkrampfter Hand. Ich merke nicht, wie wundervoll und abwechslungsreich Annes Anwesenheit und der Umgang, den sie mit Sonja pflegt sind, es wird mir nur erzählt, dabei möchte ich das glauben. Um es zu glauben, muss ich die Welt von Sonja kennen.


Soweit mein Senf.


LG,
Seraiya


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BeitragVerfasst am: 10.10.2016 18:45    Titel: Antworten mit Zitat

Ich denke das Ziel einer Geschichte sollte sein, dass du die rosa Anmerkungen eben nicht machen musst.  Quasi die Sätze so formulieren, dass sie das ungesagte auch schon beinhaltet...

Vielleicht könntest du dir wirklich erst einmal eine kleine Szene heraussuchen. Zum Beispiel das Vorstellungsgespräch mit Ann. Wie wäre es wenn du die Mutter mit Anne wirklich einen Dialog führen lassen könntet. Und Sonja hört zu, macht sich ihre Gedanken, reagiert irgendwie...  und ihre Mutter ignoriert jeden ihrer Kommunikationsversuche (wie üblich). Dann könntest du schön schildern wie Anne auf Sonja eingeht.
Eine Aussage die man beim schreiben öfters trifft ist: Show! Don´t tell.
Damit ist gemeint zeige deinem Leser was passiert und erzähle es ihm nicht einfach.


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BeitragVerfasst am: 16.10.2016 07:29    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Okay, ich glaube, da ist jetzt mit dieser Textstelle allgemein der Wurm drin Embarassed

Die rosanen Anmerkungen waren eigentlich nur gedacht, um auf eine Antwort zu reagieren...Es ist etwas schwierig, ohne Anmerkungen auszukommen, denn vor dieser Textstelle ist ja schon einiges passiert, was alleine aus dem Lesen dieses kleinen Auszugs nicht hervorgeht.

Vielleicht war die Textstelle nicht gut ausgewählt, ich begrabe das jetzt hiermit einfach mal und stelle als letzten Versuch eine andere herein...ich habe eure Tipps beim Weiterschreiben beherzigt, vielen Dank dafür!

Ich muss allerdings auch sagen, dass ich dieses Buch seit sechs Jahren mit mir herum schleppe und es immer wieder weg lege und wieder heraus hole. Es kommt irgendwie zu keinem Ende, aber ich möchte es einfach gerne beenden. Gar nicht mal, um es unbedingt zu veröffentlichen, einfach weil mir die Geschichte wichtig ist...

Liebe Grüße!


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BeitragVerfasst am: 16.10.2016 07:59    Titel: Andere Textstelle. Im Kindergarten. pdf-Datei Antworten mit Zitat

Meine Mutter hätte glaube ich am liebsten darauf verzichtet, mich in einen Kindergarten zu stecken. Ich weiß nicht warum, doch ich vermute, dass sie einfach Angst hatte, ich könnte ausgelacht und gehänselt werden.

Was ich sicher wusste, war, dass es ihr sehr schwer fiel, sich von mir zu trennen und mich jemand anderem anzuvertrauen. Das hatte sie zu Oma gesagt. „Dann ist Sonja jeden Tag so lange weg! Ich hoffe, dass sie da gut mit ihr umgehen können und sie etwas Vernünftiges zu essen bekommt!“ Meine Oma antwortete gelassen: „Ach, mach dir doch keine Sorgen, Kind! Die haben das gelernt, das sind ausgebildete Fachkräfte. Die werden das schon schaffen mit Sonja!“

Entschieden hatte meine Mama sich für einen integrativen Waldorfkindergarten, das sagte mir nichts, aber sie sagte das sei toll, denn dort seien noch mehr Kinder "wie ich" und ich würde mich nicht so alleine fühlen.
Ich freute mich auf die anderen Kinder und den Kindergarten. Endlich würde ich jemandem zum Spielen haben. Klar war es toll, mit meiner Mama Zeit zu verbringen, aber sie war erwachsen und ich wollte nun endlich mit anderen Kindern spielen! Das wünschte ich mir schon so lange.

Am Telefon hörte ich meine Mutter zu einer Freundin sagen "vielleicht hat das Ganze ja doch etwas Gutes, denn so habe ich mal wieder ein bisschen Zeit für mich". Ja, sie hatte wenig Zeit. Sie war ja immer mit mir beschäftigt. Das würde ihr sicher gut tun.

Der erste Tag im Kindergarten war toll. Schon als meine Mama mich aus dem Auto hob und ich das Haus sehen konnte, war ich begeistert. Es war bunt angemalt und über dem Eingang war ein großes Bild von Pipi Langstrumpf gemalt, wo sie auf ihrem Pferd, kleiner Onkel, ritt und lachte. Ich kannte sie gut. Meine Mama hatte mir ganz oft Geschichten von ihr erzählt. Sie war stark, mutig und interessierte sich nicht dafür, was andere von ihr hielten.

Ich stieß einen Freudenschrei aus. Meine Mutter lächelte und sagte: „Das habe ich mir gedacht, dass dir das gefällt!“ Sie setzte mich in meinen Rollstuhl. Extra für diesen Tag hatte sie für die Räder bunte Perlen gekauft, die man auf die Speichen fädeln konnte. Das sah toll aus und klackerte so lustig.

„Dann wollen wir uns mal den Kindergarten anschauen!“ sagte meine Mama und rollte mich den langen Weg mit den großen Bäumen am Rand entlang zum Eingang. Eine Frau uns entgegen. „Hallo, sie müssen Familie Engel sein. Und du bist dann sicher die Sonja!“ Sie lächelte mir zu. „Ich bin Nicole, ich werde mich hier um dich kümmern.“ Sie war sehr nett. Und riesig! Bestimmt einen Kopf größer als meine Mama. Und die war schon groß! Sie hatte die Haare so schön geflochten, das gefiel mir! Und eine schöne bunte Spange hatte sie auch. Ihre Augen funkelten lustig.

"Darf ich?" fragte sie meine Mutter, nahm ihr den Rollstuhl ab und schob mich hinein in das große, schöne Haus. Ich fühlte mich gut. So als sei ich hier genau am richtigen Ort.

Die ersten Tage würde meine Mutter noch mitkommen, hatte sie gesagt. Darüber war ich auch froh, es war alles so neu und aufregend hier. Aber alle waren nett zu mir und wollten gleich wissen wie ich heiße. Es waren auch  noch ein paar andere neue Kinder da und die meisten davon wirkten wie ich noch etwas schüchtern.

Es gab auch ganz "normale" Kinder. Sie sahen zumindest ganz normal aus. Und die schienen sich nicht daran zu stören, dass einige von uns anders waren. Auch die Eltern von den anderen neuen Kindern waren ganz lieb. Die fanden anscheinend nicht, dass ich ein schlechter Einfluss war für ihre Kinder. Das tat mir gut. Es gab noch ein anderes Mädchen, sie hieß Emma, die auch im Rollstuhl saß. Zwei Mädchen kamen zu uns hin und wollten meine Rollstuhl- Klackerperlen begutachten.
 
Die Erzieherinnen, so hießen die, die sich um uns kümmern würden, das hatte meine Mama mir erzählt, waren auch ganz nett und hilfsbereit zu uns. Nach und nach kamen alle zu mir hin und erzählten, wie sie hießen und was sie im Kindergarten machten. Eine war die Köchin, eine putzte dort immer und viele waren immer bei uns Kindern und spielten mit uns.

Nicole blieb immer an meiner Seite und redete viel mit mir. Einmal bemerkte sie, dass bei mir das Sabbern wieder angefangen hatte, und ganz selbstverständlich nahm sie ein Taschentuch und wischte es weg. Das fand ich prima, dass sie das gemerkt hatte. Ich war schon ganz verzweifelt gewesen, als ich gemerkt hatte, dass es wieder anfing, denn ich wollte nicht, dass das alle sahen.

 „Möchtest du gerne bei den Mädchen mitspielen, Sonja?“ fragte sie mich, denn sie hatte bemerkt, dass ich eine Gruppe beobachtet hatte, die gerade mit schönen Stoffpuppen spielte. „Da möchte Sonja bestimmt gerne mitmachen!“ sagte meine Mama erfreut. Auch ihr schien es hier gut zu gefallen. Nicole schob mich zu den Mädchen hin. Es waren auch die beiden dabei, die sich so für meine Perlen interessiert hatten. Sofort kam eine zu mir und drückte mir eine besonders schöne Puppe in die Hand. „Die heißt Erika“ sagte sie. Sie hatte mir einfach so die Puppe in die Hand gedrückt! Und auch mit meiner Fausthand konnte ich sie super festhalten.

Ich fühlte mich sehr glücklich. Es war schön, mit Kindern zu spielen. Und sie mochten mich gerne, das merkte ich. Es machte ihnen auch gar nichts aus, dass ich nicht reden konnte. Wir spielten dann, dass wir den Puppen etwas kochten und sie fütterten. Als meine Mama sagte, dass wir nun gehen müssten, war ich ganz enttäuscht. Ich hatte hinterher gar nicht gemerkt, dass sie noch da war. „Morgen kommst du wieder, Sonja“, verabschiedete sich Nicole. Ich konnte es jetzt schon kaum erwarten.
 
Meine Mama war immer an meiner Seite geblieben. Ich glaube sie hatte sich auch für mich gefreut, dass ich so schön spielen konnte. Bei den Leuten im Kindergarten hatte ich auch nicht das Gefühl, dass ich eine Belastung sein könnte.

Die Zeit in der Villa Kunterbunt wurde eine der schönsten meines Lebens.
Wir spielten ganz viele tolle Spiele, gingen viel nach draußen in den Garten oder einmal in der Woche auch in den Wald. Den genoss ich sehr, denn zu Hause gingen wir ja nur noch selten spazieren.

Ich wurde im Kindergarten auch "gefördert." Da kam eine Frau, die stellte mich in ein Gerät hinein. Das erste Mal konnte ich aufrecht stehen. Sie schob mich darin herum. Am Anfang hielt ich das nicht lange durch, es war sehr anstrengend für mich, die Balance zu halten. Aber mit der Zeit wurde es besser und ich konnte manchmal durch den ganzen Kindergarten laufen! Eine andere Frau übte mit mir die "Lautbildung", wie sie erklärt hatte, da sollte ich lernen, mich mit anderen zu verständigen.
Das Essen im Kindergarten mochte ich auch, die Köchin zauberte immer leckere Sachen für uns Kinder. Natürlich musste es für mich püriert werden. Aber daran war ich mittlerweile gewöhnt.  

Ich war jeden Morgen schon ganz früh wach, weil ich mich so auf den Kindergarten freute.

Keiner behandelte mich anders als die anderen und keiner machte sich über mich lustig. Sogar Freunde habe ich gefunden. Ein Mädchen, Mona, war fast genauso alt wie ich. Sie saß auch im Rollstuhl und konnte nicht sprechen und essen. Ich war oft bei denen zu Besuch oder sie bei uns. Meine Mama wirkte viel entspannter und kam mit Monas Mama oder manchmal auch den anderen Müttern immer öfter ins Gespräch. Das tat ihr gut, dieser Austausch. Meine Mama ist ein zurückhaltender Mensch und sie tut sich schwer, Freunde zu finden. Aber hier gehörte auch sie dazu.

Einmal sagte eine der Erzieherinnen ziemlich am Schluss der Kindergartenzeit zu mir: "Lass dir niemals erzählen, du seist nichts wert und du seist ja eh nur eine dumme Behinderte. Du bist ebenso viel wert wie jeder andere Mensch auch. Und du bist ein toller Mensch." Das war das Schönste, was je jemand zu mir gesagt hatte. Es würde mich ein Leben lang begleiten.

Ich war richtig traurig, als die Zeit im Kindergarten nach drei Jahren zu Ende war.


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Seraiya
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BeitragVerfasst am: 16.10.2016 14:34    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Zwergenmama,

Zwergenmama hat Folgendes geschrieben:

Es ist etwas schwierig, ohne Anmerkungen auszukommen, denn vor dieser Textstelle ist ja schon einiges passiert, was alleine aus dem Lesen dieses kleinen Auszugs nicht hervorgeht.

Ich persönlich fand die Anmkerungen überflüssig. Du hattest dir ein aussagekräftiges Textstück rausgesucht, aus dem man viel machen kann. Was vorher gewesen ist, spielte mMn keine Rolle, weil einiges aus dem Text hervorging.

Zwergenmama hat Folgendes geschrieben:

Ich muss allerdings auch sagen, dass ich dieses Buch seit sechs Jahren mit mir herum schleppe und es immer wieder weg lege und wieder heraus hole. Es kommt irgendwie zu keinem Ende, aber ich möchte es einfach gerne beenden. Gar nicht mal, um es unbedingt zu veröffentlichen, einfach weil mir die Geschichte wichtig ist...

Und das heißt ...? Dass du nur schnell vorwärts kommen möchtest? In diesem Fall macht richtige Textarbeit für mich wenig Sinn und dafür ist meine Zeit zu schade, die ich in diesem Fall lieber in jemanden investiere, der das Beste aus seiner Arbeit herausholen möchte, auch wenn der Text im Endeffekt in der Schublade liegen bleibt.


Ich mache eigentlich ständig Detailarbeit, bei deinen hier eingestellten Texten wird das jedoch nur wenig bringen, weil für mich die Art und Weise wie erzählt wird dem Inhalt des Textes nicht gerecht wird. Ich müsste alles mit deinen Worten umschreiben, damit wäre niemandem geholfen, weil du die Kritik größtenteils allein umsetzen und daraus lernen und dich weiterentwickeln solltest, sofern du sie nachvollziehen kannst und umsetzen möchtest.
Auch bei dem neuen Stück stören mich dieselben Dinge wie zuvor. Dazu kommen Wortwiederholungen, die das Ganze noch weniger ansprechend gestalten und die auszumerzen kein großer Akt wäre.

Ich mache das nicht, um dich zu ärgern.
Der Schreibstil ist monoton und dadurch langweilig, man bekommt keinen Raum für eigene Interpretation von Gesten oder Worten und keine Bilder von Ortschaften. Es wirkt Knall auf Fall runtergerattert und es bleibt nichts hängen. Ich sehe Potenzial in der Geschichte, so viel, und das wird hier in meinen Augen verschwendet.
MMn müsste da noch einiges getan werden, um mehr aus der Geschichte rauszuholen und damit meine ich nicht den Inhalt.

Im Endeffekt bleibt für mich noch immer die Frage offen, wohin du möchtest. Was die Geschichte bewirken soll, wie sie berühren, was sie zeigen soll. Auch wenn es am Ende eine eher trockene Biografie von jemandem wird, brauche ich als Leserin Berührungspunkte.


Zitat:
  Meine Mutter hätte glaube ich am liebsten darauf verzichtet, mich in einen Kindergarten zu stecken <- ist kein Knast Ich weiß nicht warum, doch ich vermute, dass sie einfach Angst hatte, ich könnte ausgelacht und gehänselt werden.

<- hier haben wir eines meiner Probleme. Es wird etwas vermutet, beinahe behauptet, und berührt mich dadurch nicht. Ansprechender wäre es solche Infos in eine aktive Szene zu packen. Wie die Mutter ein sorgenvolles Telefonat mit dem Leiter der Einrichtung führt oder wie sie nervös Auto fährt und Sonja dabei aufgeregt auf dem Rücksitz hockt.
Wenn der Erzähler an seinem Konzept beibehält, bleibt es ein Bericht und der Charme, den das Ganze als Geschichte hätte, bleibt vom Winde verweht.
Und so zieht sich das weiter.


Was ich sicher wusste, war, dass es ihr sehr schwer fiel, sich von mir zu trennen und mich jemand anderem anzuvertrauen. Das hatte sie zu Oma gesagt. „Dann ist Sonja jeden Tag so lange weg! Ich hoffe, dass sie da gut mit ihr umgehen können und sie etwas Vernünftiges zu essen bekommt!“ Meine Oma antwortete gelassen: „Ach, mach dir doch keine Sorgen, Kind! Die haben das gelernt, das sind ausgebildete Fachkräfte. Die werden das schon schaffen mit Sonja!“

Entschieden hatte meine Mama sich für einen integrativen Waldorfkindergarten, das sagte mir nichts, aber sie sagte das sei toll, denn dort seien noch mehr Kinder "wie ich" und ich würde mich nicht so alleine fühlen.
Ich freute mich auf die anderen Kinder und den Kindergarten. Endlich würde ich jemandem zum Spielen haben. Klar war es toll, mit meiner Mama Zeit zu verbringen, aber sie war erwachsen und ich wollte nun endlich mit anderen Kindern spielen! Das wünschte ich mir schon so lange.

Am Telefon hörte ich meine Mutter zu einer Freundin sagen "vielleicht hat das Ganze ja doch etwas Gutes, denn so habe ich mal wieder ein bisschen Zeit für mich". Ja, sie hatte wenig Zeit. Sie war ja immer mit mir beschäftigt. Das würde ihr sicher gut tun.

Der erste Tag im Kindergarten war toll. Schon als meine Mama mich aus dem Auto hob und ich das Haus sehen konnte, war ich begeistert. Es war bunt angemalt und über dem Eingang war ein großes Bild von Pipi Langstrumpf gemalt, wo sie auf ihrem Pferd, kleiner Onkel, ritt und lachte. Ich kannte sie gut. Meine Mama hatte mir ganz oft Geschichten von ihr erzählt. Sie war stark, mutig und interessierte sich nicht dafür, was andere von ihr hielten.

Ich stieß einen Freudenschrei aus. Meine Mutter lächelte und sagte: „Das habe ich mir gedacht, dass dir das gefällt!“ Sie setzte mich in meinen Rollstuhl. Extra für diesen Tag hatte sie für die Räder bunte Perlen gekauft, die man auf die Speichen fädeln konnte. Das sah toll aus und klackerte so lustig.

„Dann wollen wir uns mal den Kindergarten anschauen!“ sagte meine Mama und rollte mich den langen Weg mit den großen Bäumen am Rand entlang zum Eingang. Eine Frau ? uns entgegen. „Hallo, sie müssen Familie Engel sein. Und du bist dann sicher die Sonja!“ Sie lächelte mir zu. „Ich bin Nicole, ich werde mich hier um dich kümmern.“ Sie war sehr nett. Und riesig! Bestimmt einen Kopf größer als meine Mama. Und die war schon groß! Sie hatte die Haare so schön geflochten, das gefiel mir! Und eine schöne bunte Spange hatte sie auch. Ihre Augen funkelten lustig.

"Darf ich?" fragte sie meine Mutter, nahm ihr den Rollstuhl ab und schob mich hinein in das große, schöne Haus. Ich fühlte mich gut. So als sei ich hier genau am richtigen Ort.

Die ersten Tage würde meine Mutter noch mitkommen, hatte sie gesagt. Darüber war ich auch froh, es war alles so neu und aufregend hier. Aber alle waren nett zu mir und wollten gleich wissen wie ich heiße. Es waren auch  noch ein paar andere neue Kinder da und die meisten davon wirkten wie ich noch etwas schüchtern.

  



Nur mein subjektiver Senf, wie immer.


LG,
Seraiya


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Jenni
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Beiträge: 3852

Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 16.10.2016 22:22    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Zwergenmama,

dein Vorhaben finde ich ja wirklich interessant - aber auch unheimlich schwierig umzusetzen. Um eine passende Erzählstimme zu finden, aus der Ich-Perspektive dieses Mädchens, musst du dir vorweg sehr klar darüber sein, welche Vorstellung du von ihrer Wahrnehmung und vor allem von ihrer Fähigkeit zur Reflektion hast. Im Moment beschreibst du ihre Erlebnisse extrem reflektiert. Indem du erstens Kindheitserinnerungen aus der Erwachsenenperspektive schilderst, außerdem aber auch aufgrund deiner Erzählweise: du steigst sehr wenig konkret in die Situation ein, abstrahierst diese vielmehr. Ein Mensch, der sich nicht verbal äußern kann, aber derart abstrakt und reflektiert denkt, der würde auch eine Möglichkeit finden, sich komplex zu äußern - hast du das vorgesehen? (In diesem Abschnitt ist sie ja noch ein Kind, aber später?)
Ich persönlich würde es glaubwürdiger finden, du beschriebest viel konkreter ihre unmittelbare Wahrnehmung und sie würde weniger Schlüsse daraus ziehen. Versuch mal im Präsens zu schreiben, als würde alles gerade im Moment passieren und nicht eine langzeitige Erinnerung darstellen. Und versuch dir vorzustellen, wie sie als Kind tatsächlich Situationen erlebt und vielleicht nicht unbedingt alles durchschaut. Im Optimalfall so, dass der Leser seine Schlüsse trotzdem und selbst ziehen kann.
Oder du versuchst eine ganz andere Perspektive, die der Pflegerin, wie schon jemand vorgeschlagen hat, weil du wirklich deine persönlichen Erfahrungen und Empfindungen mit einbringen könntest, was natürlich extrem wertvoll ist.
Oder vielleicht auch: Die Sicht des behinderten Mädchens in der dritten Person und eventuell interpretiert durch die Pflegerin.

Auf jeden Fall dranbleiben. Lesen und auf die Erzählperspektive und Distanz zum Geschehen achten.

VG Jenni
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