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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Die Schriften der Gelehrten - 3 Kapitel, Fantasy, Abenteuer


 

 
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ThomasStark
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber


Beiträge: 15



BeitragVerfasst am: 23.08.2016 20:20    Titel: Die Schriften der Gelehrten - 3 Kapitel, Fantasy, Abenteuer eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo! smile

Ich möchte hier die ersten 3 Kapitel meines Fantasy-Manuskripts vorstellen. (Ich hatte bereits vor einiger Zeit das erste Kapitel vorgestellt, seitdem hat sich jedoch viel getan!)

Kurzbeschreibung:

Der junge Schüler Rupin begleitet den Großgelehrten Finnses auf eine geheime, königliche Mission. Königin Izilia wird von einer unbekannten Krankheit heimgesucht und Abrel Lerau, König über Vilentar bittet die Gelehrten um Hilfe, um das Geheimnis eines alten Reiches zu ergründen und ein Heilmittel für seine Gemahlin zu finden. Den Gelehrten steht eine Reise ins Ungewisse bevor. Währenddessen kämpft Prinzessin Salyn mit ungeahnten Vorkommnissen. Ihre Familie, und das Reich droht zu zerbrechen und sie tut alles, um dies zu verhindern.


Mir würden Anmerkungen zu diesen Kapitel enorm helfen! Besonders beschäftigt mich die Frage: Würdet ihr weiterlesen?

Weiterhin würde ich mich über gnadenlose Kritik in Sachen: Schreibstil, Charaktere, Worldbuilding, Beschreibungen, Informationsinput, ob Sachen völlig überflüssig sind, etc. sehr freuen.

Die 3 Kapitel (Kapitel 2 und 3 folgen die nächsten Tage!) umfassen ca 9500 und ich kann kaum erwarten, dass sich jemand für so viel fremdes Geschreibsel Zeit nimmt. Aber selbst mit Kommentaren wie: Nach Zeile.... habe ich aufgehört zu lesen... wäre mir geholfen. smile

Ich würde mich im Gegenzug natürlich auch dazu bereit erklären, eigene Werke testzulesen, dazu nur eine PN an mich!

Viel Spaß und LG smile


Prolog

1

Der Turm galt als eine Beleidigung an die Götter. Er ragte hoch an der Schulter des Schlosses und war seit Jahrhunderten ein Rückzugsort der Könige. Der Wind peitschte unablässlig gegen die alten Steine, Mondlicht drang durch die verzierten Fenster und verlieh ihren Farben einen seltsamen Glanz.
  Finnses Schritte hallten von den Wänden wider. Es war nicht das erste Mal, dass er das Turmzimmer betrat, doch staunte er stets bei dessen Anblick. Es übertraf Thronsäle, die er auf seinen Reisen als Gelehrter durch den gesamten Kontinent betreten hatte. Die Decke ragte meterweit hinauf und war bei Dunkelheit nicht zu sehen. Als würde man in einem sternenlosen Himmel blicken, dachte Finnses.
  Es schien, als blickten all die uralten Könige des Reiches Vilentars von ihren mannesgroßen Gemälden auf den alten Gelehrten hinab. Noch erschöpft vom Aufstieg der unzähligen Stufen, stützte er sich für einen Moment auf seinen Stab und atmete die kalte Luft ein. Der Geruch von altem Pergament vermischte sich mit duftenden Kerzen.
  Finnses hatte sein ergrautes, dünnes Haar so gut es ging zurückgekämmt und die braune Robe - gezeichnet von unzähligen Reisen - schmiegte sich über seinen langen, dünnen Körper. Ein voller Bart zierte sein Gesicht und dennoch wirkten die Augen, als wären sie nie gealtert. Als Großgelehrter lebte und lernte er noch immer so verbissen, wie in seiner Jugend und verleibte sich das Wissen der bekannten Welt ein. Als Lehrer, Schüler, Forscher, Ratgeber, Chronist und Denker besuchte er alle Länder in Gaios, obwohl seine Knochen längst nicht mehr dafür geeignet waren. Alles, um der Königsfamilie von Vilentar zu dienen, wie hunderte Gelehrte vor seiner Zeit.
  Finnses trat vorran, entschlossen, seinem König und Freund gegenüberzutreten. Warum ruft er mich zu so später Stunde?
  Die Kerzen waren beinahe abgebrannt. Uralte Aufzeichnungen lagen um den Marmortisch des Königs verstreut, als seien sie nichts weiter als abgenagte Knochen.
  Abrel Lerau blickte durch ein Fenster in die Nacht hinaus. Das schwarze Haar fiel offen und zerzaust auf seine Schultern. Falten und Flecken zogen sich über das rote Gewand, das die magere Figur des Königs kaum verbergen konnte.
  Er musste hier Tage verbracht haben, dachte Finnses. All die Sorgen und Gerüchte des königlichen Hofes waren berechtigt. Wie lange er wohl schon so verloren hinaus schaut? Schon einer seiner Vorfahren hatte geglaubt, dieser Turm sei das Tor zu Sal' Tenarims Reich, wo seine Kindesgötter feierten und über die Menschen wachten. Als sich Abrel umwandte, blickte Finnses in glasige Augen.
  "Finnses, mein Freund, ich freue mich, dich zu sehen." Seine Worte waren kraftlos, als sei er in Kürze über Jahre gealtert. Es schmerzte, seinen alten Freund so schwach zu sehen.
  "Es ist mir wie immer eine Ehre, mein König... mein Freund... Abrel, meine ich", stammelte Finnses und der König machte eine harsche Handbewegung.
  "All diese Gepflogenheiten gehören nicht hier her, Finnses, bitte, nicht an diesem Ort."
  Der Gelehrte nahm sich einen Moment und atmete tief durch. Hoffentlich ist sein Geist noch so rein wie eh und je. Bevor seine Gemahlin von dieser schrecklichen Krankheit heimgesucht wurde. "Wie Du wünschst. Nur zu gerne spreche ich offen. Dieser ganze Anstand des Adels und ihren verschnörkelten Wörtern, als würden sie bloß vermeiden wollen, nicht wie normale Bürger zu klingen..."
  "Ich weiß, ich weiß. Gerade du wirst verstehen, warum ich so häufig dem höflichen Alltag entfliehe. Besonders zu diesen Zeiten."
  Deine Abstinenz wird Königin Izilia aber nicht heilen, alter Freund.
  "Sag mir, wie geht es dir?", fragte Abrel.
  "Nun ja, ich werde älter, doch das ist ein Übel, das ich akzeptiere."
  "Und wie macht sich dein junger Schüler?"
  "Mein Schüler?" Er ist so sturköpfig und besserwisserisch wie niemals zuvor. "Rupins Leistungen an der Universität sind beachtlich. Die anderen Großgelehrten sprechen nur in... großen Tönen von ihm und sind sich sicher, dass er die Prüfungen bestehen wird. Die letzte Reise in den Osten zum Reitervolk der Halenteb hat ihn wahrlich geprägt." Und naiver sowie respektloser gegenüber seinen Professoren gemacht.
  "Das freut mich wirklich zu hören", sagte Abrel. Sie schwiegen für einen Moment.
  "Noch keine Verbesserung ihres Zustandes?", fragte Finnses schließlich, obwohl er die Antwort kannte. Sie war offensichtlich. Königin Izilias Zustand machte Abrel schwer zu schaffen. All ihr Leid nagte an seiner Seele. Für niemanden war es leicht, die eigene Gemahlin und besonders die Kinder so leiden zu sehen. Selbst Finnses bereiteten die Untersuchungen und die verzweifelten Versuche der Heiler große Sorgen. Früher war sie so lebhaft, so lebendig. Welcher Gott würde einen so wunderbaren Menschen wie die Königin bestrafen?
  "Weder Verbesserungen, noch konnte Meister Wrexes festellen, dass sich ihr Zustand verschlimmert hat. Er sagt, die Zeit würde ihre Wunden heilen. Nur welche Wunden, frage ich mich?", erwiderte Abrel, und Zorn schwang in seiner Stimme mit.
  Die Krankheit, die Königin Izilia befallen hatte, war seit Monaten ungeklärt. Es zeigten sich keine eindeutigen Symptome, die man hätte zuordnen können. Kein Fieber, Ausschläge, Entzündungen oder Veränderungen ihrer Säfte. Es gab Vermutungen über eine seltene Form des Ktyrt, doch überlebte kein Mensch diese gnadenlose Pest über einen so langen Zeitraum. Das Einzige, was der Meister der Medizin hatte feststellen können, war, dass es der Königin an Kraft fehlte, als hätte ihr Lebensgeist sie kalt und leer zurückgelassen. Doch dazu musste man nicht jahrelang Heilkunst studiert haben. Verrückte Zungen behaupteten sogar - trotz des Verbots, darüber zu sprechen -, dass die Königin verflucht worden sei, doch jedermann wusste, dass die, die zu so etwas Unmenschlichem im Stande waren, vor über tausendenden Jahren vernichtet worden waren.
  Finnses selbst stand es nicht zu, die Königin persönlich zu behandeln - er würde es nicht einmal wagen -, so sehr er sich auch wünschte, ihr zu helfen. Vor nicht allzulanger Zeit verbrachte Finnses viel Zeit mit der Königin, da sie seinen Rat und sein Wissen sehr schätzte. Izilia war sehr in die Herrschaft des Landes involviert, daher scharte sie oft Gelehrte der Universität um sich. Die Zeit, in der Finnses ihr von entfernten Völkern und Orten erzählte, hatte er am meisten genossen.
  "Meister Wrexes erhält Briefe aus dem Süden, wie ich hörte. Die dortige Heilkunst soll... "
  "Ich weiß, dass du den anderen Meistern mit Respekt begegnest, Finnses. Doch hast du mir selbst einst gesagt, dass Wrexes' Wissen an seine Grenzen angelangt ist. Die Zeit läuft gegen meine Gemahlin, nicht für sie. Ich weiß, dass Wrexes sich Hilfe sucht, doch wendet er sich an die falschen Personen", sagte Abrel sorgenerfüllt, aber mit eisiger Feststellung.
  Und an wen wendest Du dich? "Er tut, was er kann. Wir alle konzentrieren unsere Fähigkeiten, so gut es geht. Ich glaube fest daran, dass es Königin Izilia bald besser gehen wird." Mehr wusste Finnses nicht zu erwidern. Leeres Geschwätz, und das aus meinem Munde? Das denkst du doch vermutlich.
  "Ja, in der Tat", flüsterte Abrel ," doch was tun wir, wenn wir an unsere Grenzen angelangt sind? Zu den Göttern beten? Den alten, wie den neuen?" Der Blick des Königs schweifte erneut zu dem großen Fenster, als sei es wirklich eine Tür, eine letzte Möglichkeit.
  "Du weißt, wie ich zu den Göttern stehe, ganz gleich ob es sich um den Menschenretter Sal' Tenarim handelt, oder um die alten Götterwesen. Die Ehrfurcht vor ihnen habe ich schon lange verloren", erwiderte Finnses.
  Abrel schwieg und es kam Finnses vor, als wäre ihr Gespräch für beendet erklärt worden. Finnses betrachtete ein wenig entsetzt den Tisch des Königs, strich über die ledergebundenen Bücher und rieb feinen, alten Staub zwischen den Fingern. Der Geruch der Tinte und des Papiers war unverkennbar und für einen Gelehrten gab es kaum einen schöneren Duft. Jedoch erkannte er einige Titel im schwachen Mondlicht.
  "Abrel, diese Bücher... sie handeln von Dingen, die... " Selbst Meister Wrexes würde diese Bücher nicht lesen. Veraltete, primitive Heilkunst...
  Doch Abrel ging auf seine Worte nicht ein. "Die Grenzen unserer Möglichkeiten... Woher wollen wir wissen, dass wir sie erreicht haben? Wann ist der Zeitpunkt gekommen, aufzugeben?", sagte der König, mehr zu sich selbst, als zu seinem Gast.
  "Ich verstehe nicht... Abrel, warum hast du mich gerufen? Wie kann ich dir helfen?", fragte Finnses, doch erhielt er keine Antwort. Er verliert sich wieder in seinen Gedanken. Nimmt er mich überhaupt noch wahr? Es war nicht das erste Mal, dass er den König so sah. Jedoch hatte er das letzte Mal gehofft, dass er ihn, einen eigentlich so starken, lebhaften König, nie wieder so sehen würde.
  Die Verzweiflung fraß Abrel auf. Er tat alles, um seine Königin zu beschützten, doch dabei vergaß er seine Familie, seine Kinder, und das Reich, das er zu regieren hatte. Die Bürger Veereths und all die Menschen über Vilentars Grenzen hinaus waren noch immer im Unklaren. Zumindest vorerst. Gerüchte verbreiteten sich wie Ratten und die lange Abstinenz des Königs scherte sie nur weiter aus. Einige rechneten damit, dass Abrel seine Krone an seinen Sohn Prinz Feral geben würde, doch der hatte nur Wettkämpfe, Frauen und Wein im Kopf. Andere beschworen das Ende des Hauses Lerau und die jahrhundertlange Herrschaft über Vilentar. Wer sollte sich schon zu diesen Zeiten mit solchen Problemen befassen?, fragte sich Finnses. Izilia, was bei all den Göttern fehlt dir nur?Du und dein Gemahl, ihr seid die Letzten, die solch ein Schicksal verdient haben.
  "Ich muss zugeben, ich klammere mich an die eigenartigsten Dinge." Abrel begab sich zu seinem Tisch und stand Finnses nun gegenüber. "Doch ähneln wir beide uns nicht gerade deswegen? Geschichten, Rätsel, Mythen... Selbst Kindermärchen?"
  Finnses wog seine nächsten Worte behutsam ab. "Was meinst du damit? Ich gebe zu, die Rätsel der Welt sind meine Leidenschaft. Jedes Kind liebt Geschichten und die Fragen, die sie aufwerfen, aber... "
  "Und diese Leidenschaft hat meiner Familie schon oft gedient. Besonders mein eigener Vater wusste dein Wissen zu schätzen. Sal' Tenarim möge ihm ein wahrliches Fest bereitet haben..."
  "Abrel, ich... fühle mich geehrt. Du weißt, dass ich derjenige bin, der deinem Vater alles zu verdanken hat. Sein Name wird immer einen Platz in meinem Herzen haben." Will er mich an meine Schuld erinnern?
  Dank Nevos Lerau wurde Veereths Universität zu dem gemacht, was sie immer sein sollte, und Abrels Vater war es gewesen, der Gelehrte aus allen fernen Ländern um sich scharte, und sie wiederum für sich in die Welt reisen ließ. Unendliches Wissen wurde an Veereths Hof und später an der Universität ausgetauscht. Kenntnisse über Kräuterkunde, Alchemie, Heilkunst und Landwirtschaft. Aber auch militärisches Denken sowie Handeln, Kampf- und Baukünste. Sprachkenntnisse wurden weitergeben und Abschriften wertvoller Bücher wurden in dutzenden fremdartigen Zungen angefertigt und verbreitet. Und die Gelehrten, die es wagten, gingen im Auftrag der Könige Geheimnissen, Mythen und längst vergessenen Ruinen auf den Grund, so wie Finnses es bisher sein Leben lang getan hatte. Sag mir bitte, an welchen 'eigenartigen' Dingen du dich klammerst, Abrel.
  "Ich weiß, du hast damals... Dinge studiert", begann der König und musterte den alten Gelehrten scharf. "Hast nach Antworten gesucht, wie ein Besessener. Du kanntest schon damals all die Geschichten, für dessen Aussprache man schon ausgegrenzt wurde. Für die meisten Köpfe waren sie zu verronnen, zu unklar, um geordnet zu werden. Doch du warst auf dem richtigen Weg."
  "Ich verstehe nicht... "
  "Ich möchte dir etwas zeigen." Abrel trat nach hinten und befreite ein Gemälde von einem weißen Laken. Es zweimal so groß wie ein Mann. Der Rahmen war vergoldet und von einer Schrift überzogen, die kein Gelehrter dieser Zeit mehr kannte. "Etwas, das Izilia retten kann."
  Als Finnses das Kunstwerk und vor allem die Initialien des Künstlers erkannte, spürte er wie seine Knie nachgaben. Schwindel überkam ihn und sein Blick verschwamm.
  Izilias Rettung? Das kann er nicht ernst meinen. Doch dann setzten sich die Teile in Finnses Kopf langsam zusammen. Wie kann das nur sein? Wie hat er... es kann unmöglich echt sein. Der König schien Finnses Reaktion zu begrüßen.
  "Ein wahres Meisterwerk, nicht wahr? Und dessen Geschichte, so einzigartig... so legendär, so unfassbar. Der Künstler selbst ein uraltes Rätsel."
  Aphejaes.
  Finnses Mund wurde trocken, doch die Wörter schossen aus seinem Mund heraus. "Eine Fälschung! Abrel, es muss sich um eine Nachahmung handeln!" Finnses stolperte zurück und fand an einer Stuhllehne Halt. Das Hämmern in seiner alten Brust beschleunigte sich. "Nacheiferer, Betrüger oder irgendein Wahnsinniger hat dir dieses Gemälde verkauft. Hat es angefertigt, allein auf der Grundlage dieser Legende... es ist nicht echt... " Und wenn es doch echt ist? Vielleicht hat Abrel Unmögliches vollbracht und es gefunden? Aphejaes... er selbst soll das Gemälde in seinem Wahn gemalt haben.
  Dieses Gemälde... es änderte alles, sollte es wirklich echt sein. Wielange war es her, das Finnses selbst unzählige Stunden damit verbracht hatte, es zu finden oder nur etwas darüber zu lesen? Wie viele Jahrzehnte voller Leichtsinns war er selbst in Aphejaes Bann gefangen?
  Vilentars König lächelte, nickte verständlich und in seinen Augen stand gefährliche Zuversicht.
  "Ich habe noch Hoffnung, Finnses. Ganz egal, was es kostet, ich werde alles tun, um Izilia zu retten. Du weißt, dass dieses Bild nur ein kleiner Teil dieser Legende ist. Es gibt weitere Schlüsselstücke, die nur zusammengefügt werden müssen."
  Bilder seiner naiven Jugend kamen Finnses in den Sinn. Wie er an der Suche verzweifelte, scheiterte, nur um das verlorene Reich selbst zu betreten. Nur um es zu sehen! Rallak, das Reich, das aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von den Göttern verbannt wurde, dessen Spuren, aber noch immer irgendwo dort draußen waren.
  "Ich hatte erhofft, dass du es erkennen wirst. Ehrlich gesagt, habe ich es fast schon gewusst. Wer den rätselhaften Gelehrten Aphejaes genauestens studiert, trifft irgendwann auf diesen Mythos. Und nur wenige waren so verbissen wie du, Finnses."
  "Ja", antwortete er und starrte hinauf auf die Malerei. Was kommt als nächstes? Phiolen mit Drachenblut, das ich für einen Trank verwenden soll? Die Hauer eines Uathox?
  Abrel ließ Finnses in Ruhe das Gemälde betrachten. Ein Schloss, das märchenhafter nicht sein konnte, thronte weit oben auf einen steilen Felskamm, umringt von einer riesigen Schlucht. Dutzende Türme ragten hinauf in den wolkenlosen, sternenübersäten Himmel und die dunklen Ecktürme glichen den Gestalten der vier alten Götterwesen. Die Erbauer selbst mussten unmenschliche Fähigkeiten besessen haben, um so ein Bauwerk zustande zu bringen. Ein einziger schmaler Pfad, bei dem jeder Schritt über Leben und Tod entscheiden konnte, führte über die Leere hinauf zum riesigen Schlosstor. Zwischen dem Betrachter und der Schlucht erstreckte sich ein grünes, abfallendes Tal. Im Hintergrund sah man die Umrisse eines Gebirges, unter einem seltsamen, purpurenen Himmel. So atemberaubend die gemalte Aussicht auch war, wirkte sie leblos und weckte dunkle Gefühle. Aphejaes Abbild von Rallak zeigte ein Reich, das angeblich von Göttern heimgesucht wurde, und dessen Vergangenheit so unergründlich war, wie die eigentliche Existenz.
  Finnses schüttelte den Kopf. Er konnte nicht ausdrücken, was er fühlte. Seine Begeisterung wurde von nackter Angst zugeschnürt und alles was blieb, war Ratlosigkeit.
  "Es ist verboten, diese Dinge zu ergründen", flüsterte Finnses, doch Abrel schenkte ihm in diesem Moment keine Beachtung.
  "Ich habe Aphejaes Aufzeichnungen gefunden, die von seiner Expedition in den tiefen Norden handeln; dort wo sich Rallak befinden soll. Ein Vetrauter von mir geht von deren Echtheit aus."
  Echte Aufzeichnungen des verrückten Gelehrten? So plötzlich aufgetaucht, obwohl schon Hunderte danach gesucht haben? Welchen Leuten hast du dich anvertraut, Abrel?
  "Mir fehlen die Worte."
  "Ich kann verstehen, dass du etwas überrumpelt bist, oder mich gar für verrückt hältst."
  "Ich weiß nicht, was ich denken soll. Diese Legende? Izilias Rettung?"
  "Ich sagte dir bereits, ich tue alles für Izilia", begann der König, kehrte zu seinem Tisch zurück und beugte sich über eine Karte von Gaios, die der berühmte Kartograph Miasetes vor Jahrhunderten erschaffen hatte. "Die Grenzen des Verbotenen habe ich längst überschritten."
 Finnses und traute sich kaum, seine nächsten Worte auszusprechen. "Wer nach Magie trachtet, ist dem Untergang geweit.
  "Du kannst nicht wissen, ob die Ursprünge dieser Legende auf Magie zurückzuführen sind."
  "Alles deutet darauf hin."
  "Alles deutet auf ein Wunder hin! Und das ist das Einzige, was mir bleibt!"  
  Finnses schwieg. Sein Blick war noch immer auf das Gemälde gerichtet, doch waren seine Gedanken ein absolutes Chaos. Wie hat er all das herausgefunden? Beabsichtigt er wirklich, mich auf die Suche nach Aphejaes Spuren zu schicken? Um Rallak zu finden, ein Reich, das verwunschener nicht hätte sein können?
  Finnses merkte, wie trocken sein Rachen geworden war und schluckte beschwerlich. Sein altes Herz hämmerte in der Brust, doch dieses mal nicht aus Angst.
  "Sollte es Rallak wirklich geben", sagte er und wandte sich endlich von der Wand ab, zurück zum Tisch des Königs, "sollte es wirklich irgendwo dort draußen sein, was tun wir, wenn wir es gefunden haben?" Als er dies aussprach, hielt er es tatsächlich für möglich.
  Verfalle nicht dem Leichtsinn, alter Mann. Abrel macht eine schwere Zeit durch, auch wenn er der König ist, sind seine Entscheidungen von Schmerz, Trauer und Liebe getrübt.
  Abrel atmete schwer. "Ich möchte herausfinden, ob es wahr ist. Ob die Legende wahrhaftig ist, Finnses!" Er schlug mit der Handfläche auf den Tisch und starrte in die Augen seines Freundes. "Ob es ein Mann tatsächlich vollbracht hat, die Götter zu betrügen, und den Tod zu bezwingen!" Die Stimme des Königs zitterte, und seine magere Hand bebte auf dem Tisch.
   Also möchtest auch du die Götter betrügen, falls Izilia wirklich sterben sollte?
  Es heißt, Rallak sei von den Göttern verbannt worden. Ein König verlor seine Familie und schwor sich, ihr Leben zurückzufordern. Irgendwie gelang es ihm, die Götter zu täuschen und seine Geliebten erblickten wieder das Licht der Welt. Doch da es wider der Natur und der Gesetze der Götter war, nahmen sie nicht nur das Leben des Königs, sondern verbannten sein Reich auf alle Ewigkeiten. So die Legende. Und jeder der sie kannte, vermutete abscheuliche Magie hinter alledem.
  "Und wenn die Suche scheitert?", fragte Finnses. Wegen der Aufregung wurde er mit jedem Wort schwächer.
  "Werde ich neue Möglichkeiten finden, meine Königin zu retten", erwiderte Abrel.
  "Noch ist sie nicht verloren."
  "Halte mich nicht für einen Narren. Wir beide wissen, wie es um Izilia steht. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, doch werde ich es nicht zulassen, dass sie auf die andere Seite gelangt, oder sie 'Teil der Welt' wird, wie es die alten Priester predigen. Kein Todesgott wird sie mir wegnehmen, nicht bevor ich alles getan habe, was in meiner Macht steht. Und ich besitze viel Macht!"
  Es gab einst eine Zeit, da hast du diese Macht verabscheut, alter Freund.
  Der König atmete tief durch. "Wirst du gehen, Finnses?"
  "Ich habe eine Wahl?", fragte der Gelehrte. Natürlich wusste Finnses, dass Abrel ihn nie in den sicheren Tod schicken würde... aber mittlerweile, unter diesen schrecklichen Bedingungen...
  "Ja. Das ist kein königlicher Befehl. Ich weiß um die Umstände, was diese Reise betrifft. Sie ist gefährlich, riskant und wahnsinnig", sagte Abrel. Seine warme, vertraute Stimme war zurückgekehrt. "Die Lords würden mich für wahnsinnig halten, und an meiner... Gesundheit zweifeln."
  Das tun sie schon längst, dachte Finnses.
  "Ich spüre schon lange, dass meine Kinder Angst haben. Meine Tochter Salyn tut alles, um das Volk zu besänftigen... Sollte diese Mission an die Öffentlichkeit geraten, dann... "
  "Ich verstehe."
  "Daher solltest du nur mit Personen reisen, denen du voll und ganz vertrauen kannst. Wenn du es tust."
  Zuerst wollte Finnses erwidern, dass es kaum jemanden gäbe, der ihn auf solch eine Mission begleiten würde, doch dann lächelte er nur.
  "Selbstverständlich", antwortete er schließlich.
  "Du denkst an deinen Schüler, Rupin?"
  "Unter anderem, ja."
  "Gut, sehr gut." Abrel drehte sich um, und trat zurück an das Fenster, und es sah wieder so aus, als würde ihn die Dunkelheit jeden Moment verschlingen. "Ich möchte, dass Du dich bis zum morgigen Abend entscheidest."
  "Natürlich." Zum Abschied machte er eine kleine Verbeugung.
  "Und Finnses... "
  "Ja, Abrel?"
  "Ich weiß, das alles ist verrückt. Aber ich würde innerlich zermürben, wenn ich es nie versucht hätte. Du weißt doch, bis alle Hoffnungen schwinden." Er legte eine Hand auf das kalte Fensterglas. "Wenn es das Reich wirklich gibt, und es jemanden gab, der den Tod bezwungen hat, ganz gleich ob mithilfe von Magie oder Wundern... Natürlich ist die Vorstellung absurd, vor allem für jemanden wie Dich, aber... Siehe es einfach als eine Expedition, eine Reise, als Chance, etwas zu entdecken, was niemand zuvor entdeckt hat. Die Gelegenheit war noch nie so günstig."
  "Natürlich. Es ist viel mehr, als nur eine Chance, Izilia zu retten."
  "Ja... ja, das ist wahr. Wir könnten die Geschichte, die Gegenwart sowie die Zukunft verändern, oder es bleibt alles beim Alten. Wir werden sehen."
  "Wir werden sehen."
  Finnses ersparte sich weitere Floskeln und wandte sich zur Tür. Seine Schritte hallten dumpf von den Wänden.
  Er zählte jede einzelne Stufe des Turms. Einundfünzig, zweiundfünzig... Er wollte in diesem Moment nicht nachdenken, nicht bevor er Zuhause war. All die Stimmen, all die Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen... er wollte schreien. Schreien vor Angst, Zweifel und einer unerklärlichen Euphorie.
  Das Gemälde, Abrels seltsames Vorhaben, der Zustand der Königin, ihr fahles, blasses, wunderschönes Gesicht, all diese zerstreuten Bücher, Rallak und Aphejaes Aufzeichnungen über seine Suche nach diesem verbannten, von den Göttern bestraften Reich.
  Es war alles zu viel für einen einfachen Verstand, doch eben danach strebte er schon sein ganzes Leben.

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Corydoras
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BeitragVerfasst am: 23.08.2016 22:57    Titel: Antworten mit Zitat

Ich hab sehr bald aufgehört, um ehrlich zu sein. Embarassed

Warum? Ich kam gar nicht bis zur Handlung, denn du hast gleich am Anfang einen einzigen, riesigen Infodump, sowas ist fad. Beginn mit Handlung! Aber bitte bitte vor allem nicht mit dem Wetter!
"Show, don't tell", schlag mal nach was das bedeutet.

Die Sprache wäre mir außerdem viel zu geschwurbelt. Und such dir eine einheitliche Perspektive. Du fängst auktorial an, bist dann in Finnses' (Achtung beim Genitiv!) Kopf, beschreibst ihn dann äußerlich, dann wieder seine Gedanken.... Das ist mir zu konfus.

Zur Story oder Welt kann ich leider nix sagen, die sind eventuell eh passabel, aber leider wirfst du mich vorher ab. sad

Wenn dus WIRKLICH hart haben willst (danach fragst du ja): ich wollte schon beim ersten Satz aufhören, weil ich mir dachte "oh nein, schon wieder Polytheismus"

Ich hoffe du nimmst es mir nicht übel, vor allem nicht persönlich und findest in meinem Posting hilfreiche Dinge. smile


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ThomasStark
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BeitragVerfasst am: 24.08.2016 16:21    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Sei lieber ehrlich und hart, als irgendetwas schön zu reden wink. Deine Anmerkungen haben mir geholfen, wirklich. Jetzt weiß ich, dass ich eben auf solche ekeligen Perspektivenfehler achten muss und schneller zur Handlung kommen muss. Dabei frage ich mich aber gleich direkt, wie man denn jemanden am besten einfach und knapp für den Leser äußerlich beschreibt, wenn man ja in seinem "Kopf" ist Surprised.

Die Sache mit dem Polytheismus ist natürlich Geschmacksache ;d Aber wie gesagt, riesen Dank für dein Kommentar smile Ich werde dennoch natürlich noch die folgenden Kapitel hochladen!


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BeitragVerfasst am: 24.08.2016 17:04    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe letztens irgendwo einen Tip gelesen, dass es vorteilhaft ist, gleich im allerersten Satz eine Person (nicht zwingend den Hauptprota) zu erwähnen. Sei es mit einer direkten Rede anzufangen, oder den Namen einer Person gleich im ersten Satz zu verwenden.
Und das halte ich für einen der brauchbareren Tips. Viele Leute fangen ja an mit der Beschreibung des Wetters, der Umgebung, etc... Das ist kein packender Einstieg. Wenn solche Infos wichtig sind, dann kann man die auch gut häppchenweise in die Szene direkt einbauen.

Bezüglich Finnses' Aussehen - Ist es denn wichtig für deine Geschichte, wie er aussieht?
Dass er alt ist, kannst du ja auch anders darstellen... weil ihm der Rücken wehtut, er schnell aus der Puste kommt, nicht mehr so gut sieht, etwas in die Richtung. Aber Aussehen? Wenns nicht relevant ist brauchst dus gar nicht zu beschreiben.

Kleines Beispiel aus meinem ersten Buch: Ich habe da sechs Charaktere, aus deren Perspektiven ich schreibe, wobei ich strikt in jedem Kapitel nur in EINEM Kopf bin.
Na jedenfalls hab ich da eine junge Dame, bei der es im Laufe des Buches zum running gag wird, dass sie sich mehr oder weniger in jeden Mann verliebt, der ihr über den Weg läuft und es ist ihre Angewohnheit, bei diesen Männern jedes optische Detail zu bemerken.
Wie sie selber aussieht erfährt man hingegen erst im vorletzten Kapitel, wo sie selber das erste Mal auf eine anderen Perspektivenperson trifft. Das war dann quasi der running gag umgekehrt. Laughing

Also: Wenns nicht wichtig ist weglassen oder warten bis sichs ergibt. Wenns wichtig ist, dann nur aus der Perspektive von jemand anderem.


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BeitragVerfasst am: 24.08.2016 19:28    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier das 2. Kapitel und die Einführung des Protagonisten. Wie gesagt, vielleicht gibt es ja tatsächlich jemanden, der es über das erste Kapitel hinaus schafft ;d

@Corydoras Danke für die Tipps, ich werde sie alle beherzigen smile

2
  
  Rupin schlug die Augen auf und starrte schlaftrunken auf ein offenes Buch. Die Wörter schwebten verschwommen auf den Seiten und er brauchte einen Moment, bis er ihren Sinn verstand. Es handelte sich um das Werk, Vilentar im Fluss der Zeit. Zögernd schaute er auf die Titel all der anderen Bücher, die verstreut auf seinem Tisch lagen. Dutzende historische Bände über Gaios Länder, Städte die zu Metropolen heranwuchsen und Könige, die zu ihren Zeiten wie Götter und Tyrannen herrschten. Prüfungen. Ich muss für die Prüfungen lernen, erinnerte sich Rupin. Erst jetzt merkte er, wie trocken sein Mund war und dass sein Kopf sich anfühlte, als hätte man ihn mit schweren Eisen gefüllt.
  Die Kerze zu seiner Rechten war fast abgebrannt. Habe ich sie nicht eben erst angezündet? Er wusste nicht einmal, ob es Tag oder Nacht war, denn seine kleine Kammer besaß keine Fenster. Selbst seine Einrichtung beschränkte sich auf etwas, das aussah wie ein Bett, ein Regal, vollgestopft mit Büchern, Kräutern und Gerätschaften, die er für seine Studien verwendete, und einen kleinen Schreibtisch, dessen viertes Bein größtenteils aus Töpfen bestand. Gähnend strich er sich durchs lockige, braune Haar, kratzte über seine Wangen und stellte sich der Realität.
   Die Prüfungen waren erst in einigen Wochen und obwohl Rupin schon alles gelernt hatte, konnte er nicht aufhören, jede weitere freie Minute zu nutzen. Ihm war es gleich, ob er als paranoid bezeichnet wurde. Immerhin hatte er einiges nachzuholen, denn erst kürzlich war er von einer langen Expedition zurückgekehrt, die er mit seinem Meister Finnses in den weiten Osten unternommen hatte.
  Rupin stand auf, seine Glieder protestierten und Schwindel überkam ihn. Er genehmigte sich einen Schluck Wasser und spritzte sich ein wenig in sein Gesicht. Während er nachdachte, tastete er sanft über seine Kette, die vor seiner Brust baumelte, dessen Steine unterschiedlicher nicht hätten sein können. Sie waren einst Teil einer Ruine, eines Tempels oder einer Mauer gewesen waren. Natürlich hielten der ein oder andere diese Sammelangewohnheit für schwachsinnig, immerhin war ein Stein hässlicher als der andere, doch für Rupin hatten sie einen ganz eigenen Wert.
  Er überlegte, ob er an die frische Luft gehen sollte, um seinen Verstand zu wecken, doch befand sich seine Kammer weit oben in einem der Gelehrtentürme der Universität. Außerdem würde er nur wieder auf Leute treffen, die er nicht, und sie ihn ebenso wenig ausstehen konnten. Also setzte er sich wieder, allein mit seinem Verstand. Ich kann auch nach den Prüfungen spazieren gehen, dachte er, und stellte sich vor, wie er als Gelehrter Veereths durch die Universität streifen, forschen und lehren würde. Er sah sich, wie er weiterhin Finnses, Großgelehrter des Königs von Vilentar, assestierte, um seine Ersparnisse weiter aufzustocken. Seine Eltern könnten auf ihrem Hof unbeschwert leben, während er durch Gaios reiste. Er würde all die Schriften und Texte lesen, nach denen er sich verzehrte, und all ihre Geheimnisse lüften, um in vielen, vielen Jahren selbst von wissensdurstigen Schülern zitiert zu werden. Doch bis dahin war es jedoch noch ein langer Weg.
  Jemand klopfte an die Tür.
  Zunächst kam ihm der Gedanke, dass es sich wieder um andere Studenten handelte, die ihm Streiche spielten und ihn Rattenjunge nannten (Rupin verbrachte zu viel Zeit in den dunklen Ecken der Bibliothek, zog ständig die Schultern hoch und ging gebückt), doch dann hörte er, wie sich jemand unverkennbar räusperte. Was will er zu so später Stunde?
  Sofort öffnete Rupin die Tür. Finnses trat auf seinem Stab gestützt ein und setzte sich auf das Bett, das bei seiner Größe noch winziger wirkte. Sein dünnes, graues Haar ragte zu allen Seiten, sein Gesicht sah eingefallen aus, als hätte er kaum geschlafen. Die Augen strahlten nicht so wie sonst, sondern waren glasig und müde. Er trug seinen grauen Gelehrtenmantel, der mit Flicken übersäht war. Immer wenn er sich bewegte, klimperten die kleinen Fläschchen, die er wie Rupin unter seinem Mantel trug. Auch der Duft der Reagenzbeutel mischte sich sofort unter die stickige Luft.
  "Verschließ die Tür und leg Lumpen vor den Türspalt. Niemand soll uns belauschen."
  Rupin blickte seinem Meister skeptisch an. "Ich... aber ..."
  "Jetzt", setzte Finnses nach. "Bitte."
  "Natürlich", sagte Rupin und tat, was man ihm sagte. "Alles in Ordnung? Welche Tageszeit haben wir?"
  "Nicht mehr lange bis Sonnenaufgang. Wie ich sehe, hast du gelernt?"
  "Ja, den ganzen Tag über. Oder Tage, ich weiß es nicht."
  Finnses nickte und schien einen Moment nachzudenken. Es kam selten vor, dass Rupin seinen Meister so sah. Es machte ihn nervös. Irgendetwas musste passiert sein und ihm dämmerte schon, worum es sich handelte.
  "Die Königin... ist sie -"
  "Nein. Nein, die Königin lebt noch."
  "Gut", murmelte Rupin, denn mehr wusste er nicht zu sagen. Seit Wochen rechneten diejenigen, die von ihrem wahren Zustand wussten, damit, dass Königin Izilia ihrer grausamen Krankheit erliegt.
  "Es geht um etwas anderes. Es betrifft die Königin, ja. Wohlmöglich auch die gesamte Königsfamilie, die Stadt Veereth und das Land Vilentar."
  "Ich... verstehe nicht. Wurde sie geheilt?", fragte Rupin.
  Finnses schüttelte den Kopf. "Nein, Meister Wrexes' Heiler rätseln noch immer. Doch... " Er atmete tief durch und in diesem Moment wirkte er um einige Jahre gealtert. "Es könnte sein, dass... " Wieder suchte er scheinbar die richtigen Worte. "Vermutlich wurde ein Weg gefunden, sie von ihrem Leid zu erlösen, Rupin."
  "Was ist es?", fragte der junge Gelehrte. Er merkte, wie sich sein Puls beschleunigte.
  "Ich kann nicht genau sagen, um was es sich handelt. Ob es eine Pflanze ist, ein Trank oder... Das müssen wir herausfinden."
  "Wir?", fragte Rupin fassungslos. Bevor er etwas weiteres sagen konnte, hob Finnses die Hand.
   Er musterte Rupin scharf. Seine Augen funkelten im schwachen Licht der Kerze, und er fragte ihn etwas, womit er niemals gerechnet hätte.
  "Was weißt du über den alten Gelehrten Aphejaes?"
  Aphejaes...
  Ein Sturm tobte in Rupins Kopf. Er hatte viel von diesem Mann gelesen, jedoch in Werken, die man nur unter bestimmten Umständen erhielt. Unter verbotenen Umständen. Jedoch würde sein Meister ihn bestimmt nicht für seinen Wissensdurst bestrafen.
  "Was kommt dir als Erstes in den Sinn?", setzte Finnses nach.
  Er konzentrierte sich und versuchte die Fragen über Izilia zu verdrängen.
  Rupin kam das Bild eines sehr alten Mannes in den Sinn. Alte, dreckige Kleidung, langes graues Haar auf Kopf und am Kinn. Ein verrücktes, verzerrtes Gesicht, das tausend Sprachen sprach. "Er war Großgelehrter, Künstler und Dichter. Er war angeblich auch Erfinder und beherrschte fremdartige Arten der Heilung", sagte Rupin. Wie ein Blitz kam ihm ein Gedanke. "War Aphejaes in der Lage, eine Krankheit wie die Izilias zu heilen?"
  "Dazu kommen wir später. Was weißt du noch über ihn?"
  "Warum fragst du mich das alles, mitten in der Nacht?"
  "Ich weiß, wie seltsam das alles für dich ist, doch bitte, beantworte meine Fragen."
  Nachdem Rupin tief durchgeatmet hatte, fuhr er fort: "Viele Menschen denken, dass Aphejaes verrückt gewesen war. Mehr als verrückt. Der Name Aphejaes macht den Menschen noch heute Angst und erinnert sie an ihre dunkelsten Alpträume."
  "Und Fantasien", ergänzte Finnses. "Weiter."
  "Wie ich sagte, war Aphejaes Künstler. Auch wenn er in vielen Augen den Titel des Künstlers nicht verdient hätte. Er hat... Bilder gemalt, die aus der dunkelsten Seele des Menschen sprachen." Rupin erinnerte sich an einen Besuch bei einem Kunstsammler, der tatsächlich ein Bild von Aphejaes besaß und es nahezu fanatisch überwachen ließ. Es zeigte einen nackten, abgemagerten Mann mit riesiger, blutiger Zunge und mit kargen, dünnen Fingern, der alles in seiner Reichweite, und sich selbst verschlang. "Aphejaes beschäftigte sich neben der Kunst mit so ziemlich sämtlichen Gebieten der Wissenschaft. Jedoch nicht auf herkömmliche Art und Weise. Mit jedem Schritt, den er auf einem Gebiet der Forschung machte, wurde er immer besessener. Als er über den Mond, die Sonne, über all die Sterne und ihre Rollen in unserer Welt nachdachte, entwarf er die abstraktesten Theorien, verfluchte die der anderen Gelehrten und predigte seine Erkenntnisse. Er beleidigte die Götter." Als Rupin zum ersten Mal von diesen Theorien gehört hatte, empfand der Gelehrte in ihm eine Art Ehrfurcht. Aphejaes wurde höchst wahrscheinlich von vielen Menschen gehasst und verdammt. Trotzdem trieb ihn seine Neugierde weiter."
"Weiter, erzähl mir mehr." Finnses fahler Gesichtsausdruck schwand und es sah aus, als würde er sich über jedes Detail, das Rupin nennt, freuen.  
"Er hat Gedichte und Geschichten verfasst, die so dunkler Natur waren, dass die meisten Werke kaum zugänglich waren", fuhr er fort.
  "Ja. Viele Schriften übergab er angeblich nicht einmal der Öffentlichkeit. Sie wurden wahrscheinlich noch Jahre oder Jahrhunderte nach seinem Ableben in ganz Gaios gefunden", sagte Finnses. "Aber rede weiter. Aphejaes war, wie du sagst, sehr... kreativ in jeder Art und Weise."
  "Dazu sei gesagt, dass manche Forscher, die sich mit Aphejaes befassten, der Meinung seien, er sei ein Mensch mit tausend Gesichtern."
  "Wohl war. Es wird vermutet, dass er schizophren gewesen war. Ein Mann, mit mehreren Persönlichkeiten, nahezu unberechenbar. Vergleicht man einige seiner Werke, kommt man tatsächlich auf den Gedanken, dass es sich nicht um ein und denselben Künstler, Gelehrten oder Dichter handeln kann."
  Rupin horchte auf. "Du hast dich auch mit ihm beschäftigt?", fragte er.
  "Ich habe mich mit vielen Dingen beschäftigt... Doch darum geht es nicht. Was war er noch?"
  Rupin dachte an all die Legenden, die über ihn erzählt und verfasst wurden.
  "Er sei nahezu allwissend gewesen. Er kannte sämtliche Pflanzen und Kräuter, Tiere, Kulturen und ihre Herkünfte. Und er war, wie man sagt, in jedem Land der Welt gewandert."
  "Ganz genau", flüsterte Finnses, wobei sich sein Blick für einen Moment im Nirgendwo verlor. "Ist das möglich? Was meinst du? Willst du nicht auch alle Orte der Welt besuchen?".
  Rupin wusste nicht so recht, wie er auf diese Frage antworten sollte. Sein größter Traum war es, all die Orte und Landschaften zu sehen, die die Welt zu bieten hatte. All die Schönheiten und Geschenke der uralten Natur. Das war das Höchstmaß, was einem menschlichen Leben geschenkt werden konnte. "Ich hoffe es", sagte Rupin, worauf Finnses lachte.
  "Ach, wer hofft das nicht? Für viele Menschen ist das der Inbegriff der Freiheit, nicht wahr? Alle Grenzen der Welt zu überschreiten... Doch antworte mir als Gelehrter!"
  "Ich würde behaupten, dass es Orte gibt, die der Mensch nicht betreten kann."
  Finnses nickte energisch. "Berge, die in den Himmel ragen, Wälder so unvorstellbar dicht und gefährlich. Ozeane, so unendlich wie das Wissen. Ganz genau. Doch fällt dir ein Ort ein, an den der Mensch dachte zu gelangen, es aber tatsächlich nie schaffte?"
  "Es gibt natürlich... Legenden, die immer wieder in Geschichten aufgegriffen werden. Du weißt schon... Mon' Ferrams Fußabdruck, der ein goldenes Tal in den Bergen hinterließ. Die unendlichen Weiten des Eal' vur, wo die Menschen vom Wind getragen werden. Oder die Stadt im tiefsten aller Meere, geschaffen von Mar' Angur, dem alten Gott der Ozeane."
  "Man könnte die Liste weiterführen. Aber fällt dir kein anderer Ort ein? Ein Ort, der Aphejaes angeblich den Schlaf geraubt hatte, ihn verrückt und verzweifelt werden ließ?" Die Ungeduld in Finnses' Stimme machte Rupin Sorgen. Er spürte den Schweiß auf seinen Händen, wie immer, wenn er nervöser wurde und keine Antwort wusste. Worum geht es hier bloß? Ist das alles schon Teil der Prüfungen? Er wollte endlich wissen, wie man die Königin retten konnte.
  "Keine Idee?" Finnses beugte sich vor und begann zu flüstern. "Was befindet sich hinter dem Gebirge im Norden?"
 Das, was sich jenseits des Nordgebirges befand, wurde seit je her auf den Karten als öde, karge Landschaft beschrieben. Ohne Zivilisation, ohne Leben. Nicht mal die Natur selbst wollte angeblich dort gedeihen. Einige Reisende der vergangen Jahrhunderte behaupteten durch diese Lande gereist zu sein. Es gab dort nichts, was eine Menschenseele halten könne. Auch die Halenteb des Osten wussten nichts über diesen Teil der Welt. Sie waren genauso  abgeschnitten wie Gaios Norden. Den Femgraen sagte man nach, dass sie glaubten, dass die Welt dort zu ende sei. Nicht mal die Geister der Erde würden dort existieren.
  "Nichts", antwortete Rupin und blickte verloren in die Flamme der Kerze.
  "Die Antwort gefällt dir nicht, ist es nicht so?", fragte Finnses.
  "Ich kann mir nicht vorstellen, dass dort nichts ist. Warum sollte die Welt dort zu Ende sein?"
  "Die Welt ist endlich, Rupin."
  "Für den Menschen, ja! Aber nicht für die Pflanzen, die Flüsse und Täler!", protestierte Rupin.
  "Du kannst dir sicher vorstellen, dass jemand wie Aphejaes sich nicht mit diesen Tatsachen zufrieden geben wollte."
  "Er wollte tatsächlich über das Gebirge?", fragte Rupin.
  "Es gab keine anderen Möglichkeiten. Das Meer war zu gefährlich. Niemand der in Richtung Norden segelte, kam jemals zurück. Bis auf die, die aus Angst und Respekt rechtzeitig den Kurs wechselten."
  "War Aphejaes etwa dort?" Rupin wollte endlich die entscheidende Antwort hören. Was hat der Norden mit der Königin zu tun?
  "Einige Historiker und Chronisten behaupten, er sei dort gewesen. Andere verleugnen dies bis zum Tode. Wir können davon ausgehen, dass er den Norden bereiste und nach einem Weg suchte."
  Einen Weg durch ein Gebirge? "Das ist ..."
  "Unmöglich?", unterbrach Finnses ihn. Er lächelte. Obwohl er wusste, wie seltsam all das für Rupin war, lächelte er ihn breit an.
  Rupin wurde von Sekunde zur Sekunde ungeduldiger. Natürlich war es nicht unmöglich, doch für einen einzelnen Mann?
  "Warum reden wir über all das, Finnses?"
  Finnses schwieg, um seine nächste Antwort abzuwägen. Für Rupin wurde jede Sekunde zur Qual. Erst deutet er an, dass es eine Möglichkeit gäbe, die Königin zu heilen, dann verwickelt er ihn in ein wirres Gespräch über verrückte Legenden.
  "Viele, die durch die Geschichte der Literatur wandern, treffen früher oder später auf Aphejaes. Die meisten von ihnen, wissen, um wen es sich handelt und das viele Mysterien über ihn reinster Humbuk sind. Doch einige verfallen diesen Legenden. Und ein paar unter ihnen, wollen Antworten. So auch, König Abrel."
  Finnses' Lächeln war erloschen und er blickte Rupin ausdruckslos an. Es war ihm schwer gefallen, das zu sagen. Und Rupin fiel es schwer, das Gesagte zu verdauen.
  "Antworten worauf? Was im Norden exisitert?", flüsterte Rupin, noch immer ratlos.
  Finnses holte ein Buch aus seinem Mantel hervor, klopfte sanft darauf, als sei es die Schulter eines Kindes. Es sah sehr alt aus, als würde es jeden Moment zusammenbrechen und zu Staub verfallen. Irgendetwas erwachte in Rupin, denn er wollte es sofort aufschlagen und den Geruch des alten Papiers einatmen, als sei es Meeresluft.
  "Die Antwort darauf, ob die Legende von Rallak wahr ist, Rupin. Ob das vergessene Reich wirklich exisitiert. Ob das, was sich hinter Rallaks Geheimnis verbirgt, Izilia retten kann. "
  "Die Legende von Rallak... ", murmelte Rupin. Sein Kopf war schlagartig völlig leer. Rallak... Hatte er diesen Namen jemals gehört? Ein vergessenes Reich... Izilias Rettung...
  Finnses gewährte ihm einen Moment der Ruhe, bevor er fragte: "Was ist das für ein Buch?"
  "Es handelt sich um König Abrels letzte Hoffnung, Izilia zu retten. Aphejaes Aufzeichnungen über seine Suche nach dem vergessenen Reich."
  Rupins Puls wurde schneller. Er konnte es kaum fassen, dass persönliche Schriften des Verrückten Gelehrten direkt vor seinen Augen lagen. Und das soll des Königs letzte Hoffnung sein?, fragte er sich
  Finnses fuhr fort. "Sollte es Rallak wirklich geben und die Legende wahr sein... Es ist eine wahnsinnige Hoffnung, ich weiß, doch sollten wir in der Lage sein, seine Aufzeichnungen zu deuten..."
  Er möchte, dass ich ihm helfe, das Buch zu studieren... "Abrel klammert sich an eine... Legende? An ein Märchen?" Das kann nicht wahr sein. Was ist in den König gefahren? Worauf hat sich Finnses bloß eingelassen?  Finnses nickte ernst. Für einen Moment hatte Rupin gedacht, das alles sei ein Streich, doch der Blick seines Meisters log nicht. "Abrel setzt alles daran, seine Gemahlin zu retten."
  "Das ist... wahnsinnig."
  "Ja, das ist es", erwiderte Finnses.
  Rupin strich sich durchs Haar, rieb sich die Augen, stand auf, nur um sich wieder zu setzen. Ich sollte in der Universität sein und für meine Prüfungen lernen, anstatt meine Zeit hier zu vergeuden. Doch bevor sich dieser Gedanke festsetzte war sein Entschluss schon längst gefallen. "Du willst, dass ich dir helfe, nicht wahr?"
  "Mir ist klar, wie sehr dich all das überrumpelt, doch blieb mir keine andere Wahl. Die Zeit drängt."
  "Warum ich?", fragte Rupin. Er war stolz darauf, dass Finnses ihm so viel Vertrauen schenkte. Aber er hatte auch Angst. Vor all dem, was ihnen bevorstehen mag, und vor seiner Entscheidung.
  "Rupin, ich kenne dich seit ich dich damals in deinem Heimat dorft - verzeih mir -, entdeckt habe. Ich schätze deinen Scharfsinn, ebenso wie deine dickköpfige Neugier. Für dein Alter ist dein Wissen erstaunlich. Ich weiß um deine Stärken ebenso um deine Schwächen." Finnses seufzte schwer. "Außerdem bin ich alt. Du weißt, wie sehr mir unsere Reisen zusetzen und sosehr ich auch dagegen ansehe, muss ich mir eingestehen, dass ich auf Hilfe angewiesen bin. Du kennst die Medizin, die ich regelmäßig zu mir nehme und könntest sie im Schlaf zubereiten." Er seufzte und sagte: "Ich habe Abrel Lerau ein Versprechen gegeben und den Entschluss gefasst, diese Aufgabe anzunehmen."
  Als nächstes kam Rupin nur ein Gedanke. "Der Norden ist groß, kalt und gefährlich."
  "Ich weiß", entgegnete sein Meister.
  "Und wenn diese Aufzeichnungen völligem Wahnsinn entsprungen sind? Sie könnten uns in die Irre führen."
  "Es wäre nicht das erste Mal, dass das passiert."
  "Und wenn wir scheitern?"
  "Erscheinen neue Hoffnungen am Horizont. Oder die Königin wird sterben."
  Niemand wollte sich ausmalen, was dann passiert. Einige behaupteten, dass der König schon jetzt nicht mehr in der Lage sei, zu regieren. Prinz Feral wollte von der Krone nichts wissen, während sein jüngerer Bruder Arren für das Volk mehr Geist als Thronfolger war. Prinzessin Salyn könnte einen Gemahl nehmen, doch wäre dies das Ende einer Dynastie. Und wenn Abrel seine Krone nicht abgeben sollte? Die Geschichte wusste nur zu gut, wozu Könige, von Trauer und Wut zerfressen, fähig waren.
  Die einzige Kerze in Rupins Kammer war nahezu abgebrannt. Er beobachtete, wie der Wachs langsam zerfloss. Nicht mehr lange, und sie säßen im Dunkeln. Der Großgelehrte saß Rupin schweigend gegenüber. Es war kaum zu fassen, wie viel sie gemeinsam schon durchgestanden hatten. Rupin schuldete Finnses alles. Nur dank ihm saß er jetzt hoch über den Räumen der Universität, hatte so viel gelernt und so viel gesehen...
  Rupins Blick wanderte auf Aphejaes Buch, das auf Finnses Schoß lag. Wie konnte so ein Schatz nur so gewöhnlich aussehen?
  "Wann wirst du mir von dem Reich Rallak erzählen?", fragte Rupin.
  "Sobald wir abgereist sind", antwortete der alte Gelehrte.
  "Wenn ich dich also nicht begleite, werde ich rein gar nichts von dieser Legende erfahren?"
  "Du könntest in sämtliche verbotene Abteilungen der Bibliotheken eindringen, die es in Gaios gibt, und nach Schriften suchen, die eventuell einen Verweis auf Rallak geben. Einige Jahrhunderte später wirst du das wissen, was wohlmöglich in diesem Buch steht."
  Dieser verdammte...
  "Wann reisen wir ab?", fragte Rupin, woraufhin Finnses lächelte.

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Esperança
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BeitragVerfasst am: 24.08.2016 23:01    Titel: Antworten mit Zitat

Huhu. smile

Das erste Kapitel deiner Geschichte habe ich gelesen, das zweite vorerst nur überflogen.

Meine subjektive Meinung:

Obwohl ich deinen Schreibstil mag, liest sich der Prolog etwas langatmig. Erst die vielen Beschreibungen, dann folgt ein ausführlicher Dialog. Dazwischen sind wieder viele erzählte Informationen.
Du schreibst Fantasy. In diesem Genre kommt ein spannender Einstieg mit aktiver Handlung besser an. Beispielsweise ist die Königin schwer krank, aber der Leser kann sich nicht viel darunter vorstellen.

Zitat:
Die Krankheit, die Königin Izilia befallen hatte, war seit Monaten ungeklärt. Es zeigten sich keine eindeutigen Symptome, die man hätte zuordnen können. Kein Fieber, Ausschläge, Entzündungen oder Veränderungen ihrer Säfte. Es gab Vermutungen über eine seltene Form des Ktyrt, doch überlebte kein Mensch diese gnadenlose Pest über einen so langen Zeitraum. Das Einzige, was der Meister der Medizin hatte feststellen können, war, dass es der Königin an Kraft fehlte, als hätte ihr Lebensgeist sie kalt und leer zurückgelassen. Doch dazu musste man nicht jahrelang Heilkunst studiert haben. Verrückte Zungen behaupteten sogar - trotz des Verbots, darüber zu sprechen -, dass die Königin verflucht worden sei, doch jedermann wusste, dass die, die zu so etwas Unmenschlichem im Stande waren, vor über tausendenden Jahren vernichtet worden waren.


Eine Idee wäre z.B., die Szene bei ihr zu starten und ihre aktuelle Situation zu beschreiben (währenddessen schon ein Gespräch?). Auch wenn es keine eindeutigen Symptome gibt, ihre Kälte oder Leere lassen sich am besten erleben, wenn der Leser sie direkt vor Augen hat.
Der König könnte daraufhin mit seinem Freund zu dem Ort gehen (eilen?), wo das Gemälde versteckt ist... oder etwas anderes passiert.
Außerdem sind sehr viele wörtliche Gedanken von Finnses zu lesen. Mir persönlich gefällt das nicht so gut, aber ich kann es nicht begründen. Embarassed

Muss dein erstes Kapitel Prolog heißen? Das nächste Kapitel setzt sofort danach an, also wieso nicht einfach nicht "erstes Kapitel"? Nicht jeder Fantasyroman muss einen Prolog haben, manchmal ist es ohne sogar besser.

Zum zweiten Teil, den ich nur überflogen habe:
Rupin duzt Finnses, obwohl er sein Meister ist. Hier wäre die Höflichkeitsform (Ihr) angebrachter, es sei denn, die beiden haben ein sehr enges und freundschaftliches Verhältnis.

Zitat:
Es wird vermutet, dass er schizophren gewesen war. Ein Mann, mit mehreren Persönlichkeiten, nahezu unberechenbar.


Schizophrenie bedeutet nicht, dass eine Person mehrere Persönlichkeiten hat. Das verwechselst du einer dissoziativen Störung. Bei der extremsten Form (DIS) entstehen getrennte Bewusstseinszustände und Persönlichkeiten. Dies geht meistens auf traumatische Erfahrungen in der Kindheit zurück. Ob das in deiner Geschichte wirklich auf die genannte Person zutreffen soll, weiß ich nicht. Wenn es dich interessiert, kannst du im Internet nach den Unterschieden zwischen DIS und Schizophrenie suchen (da ich nichts verlinken kann). Ich bin alles andere als ein Experte in diesem Thema, mir ist es nur aufgefallen, weil ich schon mit betroffenen Personen zu tun hatte.

An sich gefallen mir die Idee und dein Schreibstil gut, daher weitermachen! smile
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Municat
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BeitragVerfasst am: 25.08.2016 09:48    Titel: Antworten mit Zitat

also, ich habe bisher nur das erste Kapitel gelesen ... und ich mag es.

Ich weiß, viele Leser erwarten einen direkten Einstieg in die Handlung und lehnen beschreibende Informationen zu Beginn einer Geschichte ab. Ich mag als Leser beide Wege. Auch Tolkien springt in sein größtes Werk nicht direkt mit spannenden Sequenzen .

Gerade der Einstieg über den Turm erzeugt eine düstere, geheimnisvolle Athmosphäre, die einen stimmigen Hintergrund zu dem alternden, aber immer noch latent wissbegierigigen Gelehrten und dem verzweifelten, zu allem bereiten König abliefert. Die beiden Protagonisten erzeugen Sympathie, gerade auch weil sie eben nicht perfekt sind. Der Wechsel zwischen Dialog und Gedankenrede ist gut gelungen.

Auch die Beschreibung der Krankheit finde ich gut gelungen. Da zeigst Du eben, dass es um keins der Leiden geht, das die üblichen Heiler zu behandeln wissen. Der Lebenswille ist etwas, dessen Wesen leicht zu verstehen und schwer zu greifen ist. Nebenbei deutest Du dabei auch dieDiagnose- und Heilmöglichkeiten der Zeit, in der Du Dich bewegst, an.

Ein kleiner Holperer, der mir aufgefallen ist: Ein Gewand schmiegt sich an den Körper, nicht über den Körper smile

Ich werde definitiv weiter lesen.
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ThomasStark
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BeitragVerfasst am: 25.08.2016 17:43    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@Esperança

Zitat:
Eine Idee wäre z.B., die Szene bei ihr zu starten und ihre aktuelle Situation zu beschreiben (währenddessen schon ein Gespräch?). Auch wenn es keine eindeutigen Symptome gibt, ihre Kälte oder Leere lassen sich am besten erleben, wenn der Leser sie direkt vor Augen hat.


Da stimme ich dir zu! Tatsächlich geschieht das noch aus der Sicht eines anderen POV Charakters (wird im 3. Kapitel vorgestellt) jedoch erst im ca 5. oder 6. Kapitel!

Zitat:
Außerdem sind sehr viele wörtliche Gedanken von Finnses zu lesen. Mir persönlich gefällt das nicht so gut, aber ich kann es nicht begründen. Embarassed


In diesem Kapitel sind es leider echt verdammt viele Zipped Ich denke, da sortier ich noch aus.

Zitat:
Zum zweiten Teil, den ich nur überflogen habe:
Rupin duzt Finnses, obwohl er sein Meister ist. Hier wäre die Höflichkeitsform (Ihr) angebrachter, es sei denn, die beiden haben ein sehr enges und freundschaftliches Verhältnis.


Haben sie tatsächlich. Das wird mit der Zeit noch klar und wie viel sie bereits zusammen überstanden haben, etc. etc smile

Die Sache mit der Schizophrenie muss ich tatsächlich nochmal umschreiben, oder nachschlagen.

Jedenfalls vielen Dank für deine Anmerkungen smile

@Municat

Zitat:
Ich weiß, viele Leser erwarten einen direkten Einstieg in die Handlung und lehnen beschreibende Informationen zu Beginn einer Geschichte ab. Ich mag als Leser beide Wege. Auch Tolkien springt in sein größtes Werk nicht direkt mit spannenden Sequenzen .

Gerade der Einstieg über den Turm erzeugt eine düstere, geheimnisvolle Athmosphäre, die einen stimmigen Hintergrund zu dem alternden, aber immer noch latent wissbegierigigen Gelehrten und dem verzweifelten, zu allem bereiten König abliefert


Ich mag diese Variante leider auch! Aber ich denke ich werde dennoch versuchen, einen Kompromiss zu finden: Viel eher in die Handlung einsteigen und versuchen nebenher, all die Beschreibungen und Informationen komprimiert unterzubringen smile

Dir danke ich natürlich auch für deine Anmerkungen Razz

Ich werde morgen das 3. Kapitel hochladen, wo Prinzessin Salyn vorgestellt wird und hoffe natürlich wie schon oft gesagt, dass der ein oder andere sich bis dahin durchquält smile

LG


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ThomasStark
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BeitragVerfasst am: 28.08.2016 13:25    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Und hier das dritte und letzte Kapitel das ich hochlade! Ich hoffe, jemand kommt zu weit und teilt mir seine Meinung mit smile

Salyn

Salyns Herz machte einen Sprung, als ihr Bruder auf dem Turnierplatz seinem Gegner mit erhobener Lanze entgegenritt. Prinz Ferals blausilberne Rüstung spiegelte das Licht der untergehenden Sonne und der Schweif seines Helms zitterte im Wind.
  Wie jedes Mal, wenn Salyn nervös wurde, strich sie durch ihr braungoldenes Haar. Ihr hochgesteckter Zopf fiel bis zu den Schultern hinunter auf das himmelsblaue Kleid, das stellenweise mit weißen, hellen Tönen bedeckt war. Wie Wolken im Himmel glich es dem Wappen ihrer Familie. Am ganzen Körper trug sie Schmuck aller Art, um den Anlass dieses Turniers gerecht zu werden. Sie selbst hatte es mithilfe ihrer Brüder ausgerufen, um die Lords aus und um Vilentar zu unterhalten und die Bündnisse zwischen ihnen zu stärken. Vorallem aber, um von dem schrecklichen Zustand ihrer Eltern abzulenken. Die Leute dürfen nicht denken, dass ihr König nicht mehr in der Lage ist, zu regieren, dachte sie. Selbsthass keimte in ihr auf, denn sie wollte einfach nicht wahrhaben, dass ihr Vater, für sie der größte König in ganz Gaios, Schwäche zeigte, sich veränderte. Und schon gar nicht wollte sie daran denken, dass ihre Mutter, vor ein paar Monaten noch so lebhaft und fröhlich, wohlmöglich im Sterben lag. Für Salyn waren ihre Eltern unsterblich, doch die Stimme der Vernunft schlich sich immer wieder in ihren Kopf, um die nackte Wahrheit in ihren Verstand zu bohren. Wir werden nicht zerbrechen, sagte sie sich stets. Meine Familie ist stark.
  Als Ferals Lanze fast in Reichweite war seines Gegners war, schloss Salyn ihre Augen und hielt den Atem an. Einen Moment der Stille folgte. Ihr Herz pochte laut in der Brust. Dann hörte sie den tobenden Jubel der Zuschauer.
  "Es ist alles in Ordnung, Prinzessin", sagte Eric Poys, jüngster Ritter der Königsgarde. Das blonde Haar fiel ihm vor die Augen und auf seinem markanten Gesicht zeigte sich ein schwaches Lächeln. "Die Lanze hat Prinz Feral lediglich geschliffen."
  Sie versuchte ruhig auszuatmen, um sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen. Zeig niemandem geringste Anzeichen der Schwäche. "Und sie reiten wirklich, bis jemand vom Pferd gestoßen wird?", fragte Salyn. Der Endkampf des Turniers hatte eigene Regeln.
  "Ganz genau. Bis jemand fällt", antwortete Eric und lehnte sich über das Geländer des Balkons, hoch über den Zuschauerrängen.
  Der Turnierplatz befand sich auf Katanes Hügel, welcher der zweitgrößte innerhalb Veereths Mauern war, benannt nach der zweiten Tochter des ersten Königs von Vilentar, Haeges Lerau. Man konnte den Großteil der Stadt überblicken und hinter ihnen stand der Bergfried mit all seinen Türmen auf den Schultern von Elisas Hügel. Salyn und Eric befanden sich am höchsten Punkt des Platzes; dort, wo eigentlich König und Königin das Geschehen verfolgen sollten. An diesem Tag befanden sich jedoch nur mehrere Lords und ihre Gemahlinnen zu ihren Seiten. Zwei von ihnen waren Lord Evan Martes aus Orlbach, ein alter, gutmütiger Mann, der bereits das sechzigste Lebensjahr erreicht hatte, und Lord Kallar Precht, Lord über Westgard, das Vilentars Westküste seit Generationen hütete. Im Vergleich zu Lord Evan strahlte der Herrscher der Küste vor Stärke. Beide verstanden sich prächtig.
  Bisher haben sie es noch nicht gewagt, zu fragen, wie es meinem Vater und meiner Mutter ergeht, dachte Salyn. Der Gedanke an ihre Mutter schmerzte jedes Mal wie ein Stich ins Herz. Dieser Anblick, wie sie fast leblos an ihr Bett gebunden war, ständig umgeben von fremden Heilern... Sie widmete sich wieder dem Kampf.
  Der Gegner ihres Bruders war ein älterer Ritter in rotverzierter Rüstung namens Lord Cannigton Jast, Herr über Burg Tjenheim, von dem Salyn vor dem Turnier noch nie gehört hatte. Selbst Eric war dieser Name kein Begriff. Sie hatten gehört, wie Lord Evan und Lord Kallar darüber diskutiert hatten und zu dem Schluss kamen, dass es sich bei Tjenheim um eine ziemlich kleine Lordschaft handelte, wie die meisten aus dem Land Rahel. Dennoch war alles nur Spekulation. Dafür, dass dieser Lord Cannigton so unbekannt ist, hat er sich souverän durchs Turnier geschlagen. Prinzessin Salyn hatte viele Einladungen entsandt, doch Lord Cannigton war einer der Wenigen, die selbst um die Teilnahme gebeten hatten. Ihr Bruder Feral hatte zur Annahme der Bitte geraten. "Die prächtigsten Turniere bestehen aus Teilnehmer aller Welt", hatte er ihr beigepflichtet. "Und wir wollen doch keinen unserer treuen Verbündeten benachteilen. Vielleicht möchte er nur das Gold für Tjenheim gewinnen."
  Die Reiter wurden von ihren Knappen versorgt. Feral nahm für einen Moment den Helm ab und suchte offensichtlich den Blick seiner Schwester.
  Er wird sich fragen, wo Arren ist. Er kann es ebenso wenig ertragen wie ich, dass unser kleiner Bruder sich so von unserer Familie abschottet. Salyn schüttelte den Kopf, worauf ihr Bruder nickte. Er ist nicht da. Er bleibt in seiner Kammer und versteckt sich vor der Realität. Prinz Arren, das jüngste Kind der Königsfamilie, war mit einem verkrüppelten Bein, einen Steifen Nacken und einer zu klein geratenen rechten Hand geboren. Bis zu seinem zehnten Lebensjahr hatte er stets wie ein normaler Junge gewirkt, doch dann begann er irgendwann zu realisieren, was ihm im Leben verwährt bliebe. Natürlich war es für ihn absurd, seinen großen Bruder beim Tjostieren zu sehen. Wie er vom Publikum gefeiert wird, wie er reitet und siegt...  
  Die Ritter führten ihre Pferde zum Rand der Beschrankung und hoben die Lanzen. Cannigton saß wie versteinert auf seinem Pferd. Der Turnierleiter kündigte die nächste Runde an. Schlagartig verstummte das Publikum und sie hörten nur die Hufe der Pferde, die wie Kriegstrommeln über den Sand donnerten.
  Es dauerte nur wenige Sekunden, bis eine Lanze ihr Ziel finden würde, doch für Salyn war es eine Ewigkeit. Sie schlug die Hände vor die Augen. Noch immer Hufgetrampel. War der Turnierplatz wirklich so groß? Sie mussten schon längst aufeinander getroffen sein... Salyn spreizte die Finger einen Spalt breit und im selben Moment sah sie, wie Lord Cannigton seine Lanze auf den Brustpanzer ihres Bruders zerschmetterte. Feral flog wie vom Wind mitgerissen von seinem Pferd. Für einen Moment sah es so aus, als würde der Prinz direkt vor den Hufen seines Gegners landen.
  "Oh, nein!", stieß Salyn hervor und selbst in Erics Augen zeigte sich der Schock.
  Mit dem Rücken vorraus krachte Feral gegen die Beschrankung, Holz splitterte in alle Richtungen. Mit einem Ruck, begleitet von einem Schrei, riss Cannigton die Zügel zur Seite und ritt beinahe einen Zuschauer nieder.
  Alles war still, niemand regte sich.
  Nein, nein, nein... Feral! Die Augen weit aufgerissen, das Gesicht bleich vor Schreck, starrte Salyn auf den regungslosen Körper ihres Bruders. Er wird aufstehen, nur noch einen Augenblick. Sie spürte Erics gepanzerte, schwere Hand auf ihrer Schulter. Hatte sie gerade gehört, wie er mit seiner anderen Hand das Schwert packte? Sie musste sich getäuscht haben, denn sie hörte wie er lachte.
  "Seht nur, Prinzessin", sagte der Gardist.
  Salyn wurde vor Erleichterung schwindelig. Prinz Feral hatte einen Arm erhoben, zeigte mit dem Daumen in den Himmel und ließ ihn anschließend zum Boden sinken, als würde er wie in den Arenen des Südens über sein Schicksal entscheiden. Ein paar Zuschauer lachten, und eine erheiterte Stimmung breitete sich innerhalb von Sekunden unter ihnen aus. Knappen rannten zu Feral und befreiten ihn aus seiner Rüstung.
  "Es ist alles in Ordnung?" Salyn konnte ihren eigenen Worten kaum glauben. Die Bilder des Sturzes schwirrten ihr noch im Kopf. Ihr Bruder hatte großes Glück gehabt. Unser Herr, Sal'Tenarim wacht über uns. Er liebt Feral, und würde es noch nicht zulassen, dass er die andere Seite betritt.
  "Euer Bruder ist ein zäher Bursche, Prinzessin", meinte Eric. "Es gab schon Ritter, die solch einen Sturz nicht überlebt haben."
  "Sprich nicht davon!", fauchte Salyn den Gardisten an. Doch er blickte sie nur mit seinen dunklen, grünen Augen an.
  "Ihr müsst Lord Cannigton Jast für seine schnelle Reaktion danken. So gut zu tjostieren ist eine Sache, doch solch eine Reaktion? Euer Bruder hätte genauso gut zertrampelt werden können."  
"Wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden?" Salyn wusste, dass er recht hatte, doch war es das Letzte, worüber sie nachdenken wollte.
  "Verzeiht, ich wollte nur betonen, dass Prinz Feral von unserem Herrn gesegnet ist." Die Wärme seiner Stimme wirkte auf Salyn trotz seiner Worte beruhigend. Er wandte den Blick hinunter zum Turniergelände. "Wie es aussieht, ist er sogar schon wieder wohlauf."
  Und tatsächlich: Feral war aus seiner Rüstung größtenteils befreit worden. Er schlenderte langsam zum Rand des Feldes, wo Lord Cannigton von seinem Knappen versorgt wurde, ergriff sein Handgelenk und riss es in die Luft.
  "Wir haben einen Sieger", brüllte der Turnierleiter, und deutete zu einem Podium, auf den mehrere Musikanten auf sein Zeichen warteten. Und mit dem Klang ihrer Instrumente war der Schrecken gebannt.
  Feral lächelte, doch man sah ihm seinen Schmerz an. Er lächelt sogar im Schlaf und als Kind hat er kaum geweint, erinnerte sich Salyn. Die Knie des Prinzen zitterten und er fasste sich mit einer Hand an die Rippen, während er Lord Cannigton zu seinem Sieg beglückwünschte. Der Lord aus Tjenheim schien trotz seiner Errungenschaft gelassen, als hätte er diesen Sieg von Anfang an erwartet. Die Schriften über seine Ahnen und das Haus Jast sind einwandfrei. Bloß warum erscheint er mir so seltsam zu sein? Sie würde ihn auf der anstehenden Feier um ein Wort bitten.
  "Und seid Ihr mit eurem Turnier zufrieden, Prinzessin?", fragte Eric.
  "Das werden die Bürger und die Lords entscheiden", antwortete Salyn. "Ohne Zweifel wird noch immer Misstrauen und Zweifel auf den Straßen herrschen. Die Gerüchte über meine Eltern werden wohl nie verklingen."
  "Dazu müsstet Ihr schon Veereths Gassen ausräuchern, um die Ratten an der Verbreitung zu hindern."
  "Ich werde mir deinen Rat zu Herzen nehmen." Sie schauten sich an und grinsten.
  "Es wäre mir eine Ehre, wenn ich das erste Feuer legen dürfte, Prinzessin."
  "Nur wenn du endlich aufhörst, mich so zu behandeln, als sei ich ein adliges Gör."
  "Aber Ihr seid die Prinzessin, Mylady", sagte Eric stolz und salutierte.
  "Das hat dich damals nie interessiert, Eric", lachte Salyn. Seit ihrer Kindheit gehörte Eric Poys zu ihrem Leben. Er war damals noch Knappe von Hetgar Sandwer, Kommandant der Garde, der Eric zum Ritter geschlagen hatte. Während er zum Gardist ausgebildet wurde, wuchs sie auf dem Hof auf und erblühte zu einer jungen Frau. Sie hatte sich schon oft gefragt, ob seine tiefen Blicke, als würde er in ihre Seele hineinschauen wollen, mehr bedeuteten, obwohl sie wusste, dass die Gardisten auf jegliche Liebe verzichteten und sich nur der Sicherheit der Königsfamilie hingaben. Sie war zu dem Schluss gekommen, dass seine grünen Augen für alles verantwortlich waren, in denen sie sich hin und wieder versehentlich verlor.
  Ein Diener trat an Salyns Seite. "Lord Cannigton erscheint jeden Moment, um eure Glückwunsche und die Siegerehrung zu empfangen, Mylady."
  "Natürlich. Haltet den Rosenkranz und die Schriften bereit", erwiderte Salyn, woraufhin der Mann sich verbeugte. Ein seltsames Gefühl überkam Salyn bei dem Gedanken, Lord Cannigton persönlich gegenüber zutreten. Nur was hatte sie schon zur befürchten? Er würde seine Preise entgegen nehmen und schon morgen nach Tjenheim zurückkehren. Außerdem war Eric bei ihr.
  "Viel Glück", flüsterte der Gardist ihr zu. Er wusste, wie schwer es für sie war, Stärke zu zeigen, und dass ihr Reden vor Publikum unangenehm waren. Besonders, wenn so viele hohe Lords genauestens zuhörten, die jedes Wort auf die Wagschale legten. Doch war es nun an ihr, diese Verantwortung zu übernehmen. Ihre Mutter war sterbenskrank und ihr Vater war vor Verzweiflung und Trauer ein völlig anderer Mensch geworden. Feral ließ seine Wunden versorgen und spaßte vermutlich mit anderen Rittern, während sich Arren noch immer in seiner Kammer verbarg.
  Die Lords und ihre Gemahlinnen applaudierten, als Connigton Jast zu ihnen auf den Balkon trat. Hände wurden geschüttelt und Glückwünsche ausgesprochen. Dennoch bemerkte Salyn die Lords, die sich vom Geschehen abwandten und dem Lord aus Tjenheim skeptische Blicke zu warfen.
  Cannigton hatte ein glatt rasiertes Gesicht, durchzogen von Furchen und Falten. Ihm blieb noch etwas graues Haar, das streng zur Seite gekämmt war. Er presste die Lippen fest aufeinander und es wirkte, als bringe er das Lächeln nur schwer zu stande. Seit seinem Erscheinen, hatte er seine blauen Augen auf Salyn gerichtet.
  Für einen Moment fühlte sich Salyn eingeschüchtert und wusste nichts zu sagen, doch dann gab Eric ihr hinter ihrem Rücken einen Ruck.
  "Lord Cannigotn Jast, Herr über Tjenheim aus dem Lande Rahel, es ist mir eine Ehre, Euch zu diesem hervorragenden Sieg beglückwünschen zu dürfen." Veereths Prinzessin trat vor und verbeugte sich, einige Leute klatschten und Cannigton kniete nieder.
  "Es gibt kaum eine größere Ehre, als von solch einer bezaubernden Prinzessin empfangen zu werden." Seine Stimme war tief und klar. "Euer Bruder war ein Gegner wie kaum ein anderer. Jeder Teilnehmer des Turniers hätte meinen Sieg verdient und ich freue mich darauf, Seite an Seite mit ihnen zu feiern."
  Salyn bat Cannigton zum Geländer des Balkons. Die Menschen auf den Zuschauerrängen verstummten. Sprich zu ihnen, als seiest du die Königin. Zeige ihnen keine junge, schüchterne Dame. Sie stellte sich vor, dass ihre Mutter hinter ihr stehen würde, roch ihren Duft und spürte ihre Hand auf ihrer Schulter.
  "Veehrte Gäste, die Ihr weit gereist seid. Seit Jahren sind eure Häuser und Familien dem Hause Lerau treu ergeben. Zusammen haben wir dunkle Zeiten erlebt, doch durchlitten wir sie gemeinsam. Seit ich denken kann, herrscht Frieden in unseren Landen und dafür spreche ich Euch vom tiefsten Herzen meinen Dank aus." Und das meinte sie wirklich vom ganzen Herzen. Sie atmete tief durch, als die Leute applaudierten. Setze all deine Stärke in deine Stimme. Sie werden sich daran erinnern, sagte sich Salyn. "Eure Familien und unser Zusammenhalt haben dies ermöglicht und ich hoffe, dass unsere Kinder und Kindeskinder ebenso in Zeiten der Ruhe aufwachsen werden." Es wird nie Ruhe herrschen. Hunger, Krankheiten und Tod werden uns nie verlassen. Es werden immer Unruhen und Spannungen zwischen den Häusern herrschen. Warum sage ich ihnen das alles?
  Dann geschah das, wovor sie sich gefürchtet hatte. Sie öffnete den Mund, um fortzufahren, doch die Wörter blieben aus. Für den Bruchteil eines Augenblicks blickte sie in all die erwartungsvollen Gesichter. Atmete sie überhaupt noch? Vielleicht war die Zeit einfach stehen geblieben... Sie sah am Rande des Turnierplatzes ihren Bruder, von Knappen umgeben. Er nickte ihr zu, sah aber schwach und gebrechlich aus.
  "Im Namen meiner Familie Lerau habe ich zu diesem Turnier aufgerufen, um unser Bündniss zu stärken und ich glaube fest daran, das dem so sein wird." Erneut klatschte das Publikum in die Hände. "Und nun ist es an der Zeit, denjenigen vorzustellen, der sich einen Platz in Veereths Geschichte erkämpft hat." Ohne Cannigton anzublicken fasste Salyn den Panzer seines Handgelenks. Es fühlte sich kalt an. "Lord Cannigton Jast von Tjenheim aus dem Lande Rahel!" Frauen und Männer jubelten, die Kinder zwischen ihnen brüllten vor Begeisterung. Cannigton verbeugte sich tief und winkte den Leuten zu. Diener überreichten ihm ein goldenes Medallion, von dessen wert sich dutzende Familien ernähren konnten. Salyn war froh, am Ende ihrer Rede zu sein. Sie rief zur abendlichen Feier auf, und wünschte allen Gästen einen angenehmen Aufenthalt.
  Dann ging plötzlich ein Raunen durch die Menge und dutzende Blicke richteten sich auf Salyns Bruder, der zusammengebrochen auf den Boden lag. Er hatte sich erbrochen und lag mit ausgestreckten Armen im Sand.
  Jeder zu Salyns Seiten begann zu flüstern, von unten hörte sie sogar den Schrei einer Frau.
  "Feral... ", sagte Salyn und war wie erstarrt. Bitte nicht er, nein... Nicht noch jemand... Sie musste sich am Geländer festhalten. Lord Cannigton stützte sie und in diesem Moment trafen sich wieder ihre Blicke. Eine gefühlte Ewigkeit starrten sie sich an, als würden sie ohne Wort kommunizieren. Und tatsächlich schien Cannigton zu erahnen, was die Prinzessin dachte und schüttelte langsam den Kopf. Sein Ausdruck zeigte keine Sorge oder Angst, doch war ihm die Verwunderung anzumerken.
  Wenn dieser Mann dafür Verantwortlich war, lasse ich ihn hängen, sagte sich Salyn. Ihr Verstand war nur auf diese eine Vorstellung gerichtet und sie merkte in diesem Moment nicht, wie absurd ihr Verdacht war.
  "Meine Herrin", begann Cannigton leise, als Eric dazwischen trat.
  "Salyn, du musst die Leute beruhigen!", sagte der Gardist.
  "Beruhigen?", murmelte sie. "Wie?"
  Zu ihrem Glück merkte Eric scheinbar sofort, dass Salyn noch zu geschockt war, um zu handeln. Er wandte sich umgehend an Bedienstete des Turniers und wenig später rief der Turnierleiter über die Köpfe der Zuschauer hinweg.
  "Es gibt keinen Grund zur Aufregung", dröhnte seine Stimme.
  Keinen Grund? Mein Bruder... was ist ihm zugestoßen?
  "Unser verehrter Prinz Feral wird in diesem Augenblick von den besten Heilern des Königs behandelt. Sie sagten, es seien Nachwirkungen des Sturzes und es erfordere lediglich Zeit und Ruhe, zur Genesung." Zwar kehrte Ruhe ein, doch verließen die Zuschauer umgehend und deutlich nervös den Turnierplatz.
  Nachwirkungen des Sturzes... er ist plötzlich zusammengebrochen. Wie kann das sein? Sie blickte sich nach dem Lord von Tjenheim um, doch er war fort. Frauen und Männer blickten die Prinzessin besorgt an, und es war das eingetreten, was sie eigentlich vermeiden wollte. Vilentars Prinzessin zeigte Schwäche. Ich wollte stark sein. Stark, für meine Familie... Ein Gefühl der Scharm überkam sie. Nicht nur, weil sie völlig aufgelöst am Geländer des Balkons lehnte, sondern weil sie Cannigton sofort verdächtigt hatte. Es besteht aber die Möglichkeit, dass..., flüsterte ihr eine Stimme in ihrem Kopf zu. "Nein, nein, nein", murmelte Salyn. Sie spürte, dass ihr jemand hoch half. Es war Eric und er führte sie die Treppe hinunter. Den Weg zurück zum Schloss nahm sie kaum noch wahr.
  "Feral", flüsterte sie nur. "Ich will zu meinem Bruder."

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