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Bodenlos


 

 
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Christof Lais Sperl
Geschlecht:männlichHobbyautor

Alter: 57
Beiträge: 393
Wohnort: Hangover
Der silberne Roboter


BeitragVerfasst am: 15.05.2016 11:17    Titel: Bodenlos eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Bodenlos
Der erste ist mir in der Form des lieben Onkels begegnet. Natürlich ohne dass ich das als kleiner Junge wissen konnte. Ich meine, was er für einer war. Was soll man auch groß im fahrrad- und baumhausgefüllten Jungenhirn schon denken, wenn sich die betagten Onkels und Tanten an sommerlich gefärbten, warme Tagen auf Gartenstühlen das Licht ins Gesicht scheinen lassen, und über allerlei Belangloses reden, ihren Kaffee auf Untertassen balancieren, und abgegessene Kuchenteller aufs Gras stellen. Meine Mutter hat mir später dann alles erzählt.

Später dann, in der Schule, wurde das Bild schon klarer. Um die Einundsiebzig muss das gewesen sein, drei Jahre nach der magischen Jahreszahl, die noch heute als fatale Zeitenwende verbrecherisch aufrührerischer Verwirrungen durch die Seelen derer geistert, die fassungslos nur an ihr, aber nicht an allem, was zuvor geschehen war, den Schritt in den Abgrund des kulturellen Niedergangs für alle Ewigkeit auszumachen versuchen. Da standen sie, das lange Haar nach hinten über die Platte gekämmt, am Hinterkopf in scharfer Linie abrupt weggeschoren, litten darunter, dass die Zeit des Rohrstockes vorbei war, wussten sich aber darüber hinwegzuhelfen, indem sie ihre eigenen Kinder windelweich prügelten (man konnte dies samstags in der Umkleide an der Körpern der Lehrerkinder betrachten) oder den Fachunterricht gelegentlich für politische Vorträge unterbrachen: Unter polnischer Verwaltung.

Später zogen ihre Nachfolger (es gibt immer Nachfolger) in kleinen Gruppen und mit riesigen Ghettoblastern durch die westdeutsche Fußgängerzone, aus denen eine Musik dröhnte, die nach einer Mischung aus Schützenfestumzug und Rammstein klang.

Wir saßen im Kino und sahen uns Clockwork Orange an. Als die erste Filmattacke kam, in der ein Penner von ein paar Jugendlichen mit blöden Hüten verprügelt wurde, standen die, die die ersten beiden Reihen besetzt hatten, auf, und liefen wie Aufziehsoldaten im Stechschritt durcheinander, grölten in der Art betrunkener Fußballfans bei jedem Filmfußtritt Applaus und nahmen plötzlich und immer dann wieder Platz, als Fickszenen oder die Musikfetzen von Ludwig Van kamen.

Ein paar Jahre später dann die Demo der Blöden, eine Limousine fährt vor, aus ihr steigt eine kränklich-anämische, popelige Teigfresse mit Germanenwanst und original Rotzbremse. Durch die Gegenmenge wogt ein fast ungläubiges Stöhnen und  der sichernde Polizist neben mir sagt: „Geh mal zu Edeka ’ne Tüte Tomaten holen.“

Nebenan haben sie den Y. umgebracht. Die Haltestelle sollte in Y.-Platz umbenannt werden. Im Gedenken an den Toten. Da ging die Wut durch die Forenmenge, bei einem Deutschen, wie zum Beispiel dem Mordopfer Tragelehn, würde man ja auch nichts umbenennen. Klar, wenn man zu träge ist, wenigstens den Versuch zu unternehmen!
Y. aber wurde im Beisein staatlicher Autorität umgebracht, wenn man das Zuträgerhafte, in seiner eigenen Jugend selbst noch höchst Zweifelhafte, noch frisch Verheiratete, als Maßgeblichkeit betrachten möchte, die, nur zufällig beim Mord anwesend, eine ominöse Plastiktüte in der Hand, in Weltnetzräumen schon wieder mit jungen Dämchen anbandeln will.

Corellis Handy lag vier Jahre beim Verfassungsschutz im Tresor, ohne, dass man es „zuordnen konnte“. Himmel aber auch, wenn im regelmäßig überprüften, ordnungsgemäß deutschen V-Mann-Führer-Stahlschrank so ein Handy vier Jahre lang nicht auffällt.  Vielleicht wären wertvolle Informationen für den Prozess gegen Schlands bekannteste Dreiecks-Frau (mit der schönsten Rückenansicht des Ostens) drin gewesen? Aber wen kümmert, was man gar nicht wirklich wissen will?

Und nun? Onkel tot, aber Riefenstahl-Videos zur Grölermucke auf jedem Handy, der Dudelfunk klingt jetzt bisweilen schon nach Führerhauptquartier mit Schlagzeug und E-Gitarre. Ein Junge in Bonn totgeschlagen. Von Schwarzhaarigen und Dunkelhäutigen. Klar, der Deutsche im Allgemeinen bringt ja keinen um! Weder Babys noch Ehefrauen. Während aber der Südländer natürlich und so weiter flugs den Tod für die Demo ausgenutzt. Unser Junge, von solchen umgebracht, und die Lügenpresse schweigt dazu, wenn sie nicht die Infos einfach unterdrückt. Dass man die L-Presse erst jetzt entdeckt hat, wo doch die Zeitung mit den ganz großen Buchstaben schon Jahrzehnte irgendeinen assigen Dreck verzapft, bei dem es keine Sau kümmert, an welchen Haaren er herbeigezogen worden ist! Aber jetzt, da kann man die tiefergelegte L-Pressen-und-Glatzendemo anberaumen, alle auf die Autobahn, er hat die ja gebaut, dicker Auspuff, Kampfgolf, Astra-Jagdgeschwader, Scheibe runter, linker Arm in der Tür, die Faust auf Lenkrad, man hat ja Zeit und Geld genug, das Opfer für seine Zwecke nutzen, das einem sonst, genauso wie die viertausend Verkehrsopfer, herzlich egal wäre.

Wenn man nach Achtundsechzig irgendwas falsch gemacht hat, dann war es das, dass man nicht wachsam genug war. Fruchtbar noch, aus dem das kroch. Sagt Brecht jedenfalls.

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Lais
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lupus
Geschlecht:männlichBestseller-Autor

Alter: 51
Beiträge: 4173
Wohnort: wien



BeitragVerfasst am: 15.05.2016 11:33    Titel: Antworten mit Zitat

Ach Mensch, wenn doch mehrere engagierte Literatur so verstünden wie du. Das ist - wieder einmal - ausnehmend gut geschrieben. Die Sätze fließen, sind gut variiert in Struktur und Länge und zwar immer dort, wo es passt. Die Sprache zwischen flapsig und literarisch oszillierend, immer dort wo es passt.

Und irgendwie hab ich das Gefühl, da sitzt (fast) jedes Wort, es schaut so leicht hin geschrieben aus, am Ende aber dürfte da ziemlich viel Arbeit drin stecken. Oder sehr viel Routine und Können.

allein der erste Satz ist eine Wucht. Durch das 'lieben' ist alles klar und dann doch nicht. Vlt nur, wenn man das kennt, was du sonst schreibst. Own Voice - wer hat das sonst schon?

lgl


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lg Wolfgang

gott ist nicht tot noch nicht aber auf seinem rückzug vom schlachtfeld des krieges den er begonnen hat spielt er verbrannte erde mit meinem leben

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"Ich bin leicht zu verführen. Da muss nur ein fremder Mann herkommen, mir eine Eiskugel kaufen und schon liebe ich ihn, da bin ich recht naiv. " (c) by Hubi
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TZH85
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 34
Beiträge: 307
Wohnort: Essen


BeitragVerfasst am: 15.05.2016 11:45    Titel: Antworten mit Zitat

Gefällt mir auch ausgesprochen gut. Sehr treffende, präzise Formulierungen.
Der Text ist nichts, was man mal eben unkonzentriert herunterlesen kann, aber das ist sicher auch nicht so gewollt.

Normalerweise bin ich kein Fan von eingeschobenen Klammern, aber hier nehmen sie an den richtigen Stellen etwas Tempo aus den langen Sätzen, das fluppt brillierend. Viele Bilder in der Sprache, keins davon ausgelutscht. Chapeau!
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MoL
Geschlecht:weiblichQuelle


Beiträge: 1128
Wohnort: NRW
Das bronzene Stundenglas


BeitragVerfasst am: 20.05.2016 22:08    Titel: Antworten mit Zitat

Ein sehr starker Text. Ich sehe geradezu vor mir, wie in Zukunft unzählige Schüler über der Bearbeitung und Interpretation desselben schwitzen und fluchen, Very Happy

Wirklich sehr stark, anspruchsvoll, aussagekräftig, wortgewaltig. Gefällt!
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Friedbert
Geschlecht:männlichSchreiberassi

Alter: 42
Beiträge: 51
Wohnort: Zürich


BeitragVerfasst am: 22.05.2016 15:11    Titel: Antworten mit Zitat

Gut geschrieben und amüsant umschrieben, keine Frage!
Folgendes ist mir aufgefallen:

– Ich weiss nicht, ob dass gewollt ist, doch während dem ersten und auch dem zweiten Absatz setzt bei mir ein Rätselraten ein, um was für Gestalten es sich handelt, die dem Erzähler begegnen. Wenn ich darauf nicht in nützlicher Frist eine klare Antwort bekomme (kann ja auch auf kreative Weise geschehen), fühle ich mich als Leser manipuliert. Als würde man mir mit der Angelrute eine Karotte vorm Gesicht rumschwenken.

– Ich mags nicht, wenn Filme oder Bücher, oder Bands (besonders natürlich populäre) namentlich bemüht werden. Ist mir zu einfach, hat einen Touch von "sich mit fremden Federn schmücken", oder "Applaus auf sicher", oder so. Ist aber mein Ding und nicht so wichtig.

-Wenn ich einen Schritt Abstand nehme zu den einzelnen Absätzen, die wie gesagt, gut gemacht sind, frage ich mich, was dieser Text will. Auch wenn die Beschreibungen keinen Zweifel darüber lassen, welche Einstellung der Erzähler "jenen" gegenüber hat, ist es doch einfach eine Aufzählung, wann und in welcher Form sie ihm begegnet sind. Und im Schlusssatz dann noch eine Erkenntnis aus der Hüfte gefeuert. Wirkt ein bisschen, als hätte man vor lauter Bäumen den Wald aus der Sicht verloren.

Alles natürlich nur meine Meinung, nicht hauen...
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Christof Lais Sperl
Geschlecht:männlichHobbyautor

Alter: 57
Beiträge: 393
Wohnort: Hangover
Der silberne Roboter


BeitragVerfasst am: 22.05.2016 16:50    Titel: Antwort pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke für die Kritik.
1. ein Onkel
2. Lehrer, Nazis, Nazipunks, NSU, V- Männer, Bewohner des undifferenzierten Mainstream.
3. Filme, Bands: hast du recht. Ich wollte allerdings beschreiben, dass in meiner Heimatstadt dieser Film von Gewaltpunknazis als Vorlage zum Aufgeilen genutzt wurde.
4. Der Schluss rundet ab auf den Beginn und das immerwährende in der Geschichte, dass die Mechanismen des Denjens immer gleich bleiben.
Mein Text ist eine spontane Produktion, insofern kann man ihn als "aus der Hüfte geschossen" bezeichnen. Er ist ein Sammelsurium von Assoziationen auf einer zeitlichen Linie.
Vielleicht fehlt das Erzählerische, und ein paar Formulierungen Haken noch.
LG, cls

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Lais
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Damelo
Schreiber-Lehrling

Alter: 30
Beiträge: 95



BeitragVerfasst am: 23.05.2016 12:51    Titel: Antworten mit Zitat

Mir hat der Text sehr gut gefallen. Vielleicht auch, weil ich selbst immer wieder solche Assoziationsketten im Kopf herumgeistern habe, sie aber wohl selten bis nie so eloquent zu Papier bringen könnte.

Es liest sich allerdings mehr wie ein geschriebenes Politkarbarettstück als eine Geschichte, wobei ich das nichts Schlechtes finde. Wahrscheinlich war es genau so gedacht.

Ansonsten Hut ab, wenn solche Texte bei dir "aus der Hüfte geschossen" entstehen! In eine solche Richtung würde ich gerne selbst auch schreiben und habe in Anbetracht solcher Texte noch einiges vor mir.

Viele Grüße
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Orpheus
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 60
Beiträge: 130
Wohnort: Osnabrück


BeitragVerfasst am: 06.08.2016 13:28    Titel: Re: Bodenlos Antworten mit Zitat

Christof Lais Sperl hat Folgendes geschrieben:
Bodenlos
Wenn man nach Achtundsechzig irgendwas falsch gemacht hat, dann war es das, dass man nicht wachsam genug war. Fruchtbar noch, aus dem das kroch. Sagt Brecht jedenfalls.


Ein gewaltiger Text, da schließe ich mich gern allen anderen an. Nur das Ende, damit habe ich meine Probleme. Da wird moralisiert, geratschlagt, ein Fazit gezogen von mehr, als aus dem Text hervorgeht.
Wer deinen (ich sag es gern noch einmal) wortgewaltigen, super starken Text aufmerksam liest, der findet das Fazit selbst. Meine Meinung.


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Orpheus
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