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Kapitel 1, Szene 1 (Arbeitstitel "Die siebte Hexe")


 

 
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TZH85
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BeitragVerfasst am: 15.12.2015 11:00    Titel: Kapitel 1, Szene 1 (Arbeitstitel "Die siebte Hexe") eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Hallo zusammen!
Ohne weitere Umschweife werfe ich die Einstiegsszene meines ersten Kapitels in die Runde. Ich verrate mal nicht, worum es geht oder wo ich die Schwächen in meinem Text vermute, um die Meinungen nicht zu beeinflussen.

Viel Spaß beim Lesen smile


Kapitel 1 
 
 
 
Es ist wirklich beeindruckend, was ein guter Treffer im Gesicht anrichten kann. Zum ersten Mal in unserem Leben konnte man Willin und mich auseinanderhalten. Eine völlig neue Erfahrung. Mein Bruder wälzte sich unter wehleidigem Stöhnen von einer Seite seiner Pritsche auf die andere. Eine Fahne aus billigem Citer, Qualm und Schweiß schlug mir entgegen. Die rote Schwellung unter seinem linken Auge begann langsam aber sicher, sich bläulich zu verfärben. Schwer zu sagen, ob seine Nase in Mitleidenschaft gezogen war. Vielleicht würde sie wieder ihre normale Form und Position einnehmen, wenn der Rest seines Gesichts weniger wie eine malträtierte Rübe aussah. Ich öffnete das Fenster der schmalen Kammer, um ein wenig laue Nachtluft herein – und Willins Dunst hinauszulassen –  und ließ mich am Fußende seiner Schlafstätte nieder. 
„Is er tot?“, quetschte Willin zwischen aufgeplatzten Lippen hervor. 
„Nicht mehr als du.“ 
„Hnf.“ 
In der Ferne schlug die Turmuhr Eins. Zum Glück brach ein Feiertag an und der Meister würde mich nicht vor Mittag in der Werkstatt erwarten. Wahrscheinlich saß er zu dieser Zeit selbst in irgendeiner Taverne, trank fragwürdige Spirituosen und freute sich, dem Drachen daheim ein paar Stunden länger aus dem Weg gehen zu können. Ich würde noch ein wenig bleiben. Nur um sicherzugehen, dass Willin nicht im Schlaf an seiner zerbissenen Zunge erstickte, und mich dann auf den Weg zurück ins Stoffviertel machen. Vielleicht hätte der ein oder andere Bäcker bis dahin schon wieder geöffnet. Zum Greta-Fest gab es überall in der Stadt große, puppenförmige Lebkuchen zu kaufen. Der Meister legte mir zwar immer etwas zur Seite, aber wahrscheinlich machte sich Nes genau in diesem Augenblick über meine Portion her. 
Ich warf einen Blick über meine Schulter. Willin starrte mit leeren Augen in die tanzende Flamme seiner Öllampe. 
„Was hat dich geritten, Ochslin eine zu verpassen? Der Typ wiegt doppelt so viel wie du.“ 
„Der ist ein Großkotz“, näselte Willin. Vielleicht war es mit unserer Ähnlichkeit doch permanent zu Ende. 
„Komisch. Ich hatte den Eindruck, ihr wärt dicke Freunde.“ 
Ein unverbindliches Grunzen ertönte aus den Tiefen von Willins Decke und ich verspürte eine kleine Woge der Genugtuung. Ich mochte den bulligen Schmied-Gesellen noch nie. Ochslin würde mit Sicherheit auch ein paar bleibende Erinnerungen an diese Nacht behalten. Zumindest dem kurzen Blick nach zu urteilen, den ich auf ihn werfen konnte, als ich Willin aus der Gosse hinter der ‚Gefallenen Krone‘ hievte. Obwohl für Willin in Sachen gutes Aussehen eindeutig mehr auf dem Spiel stand als für Ochslin. Aber das war auch keine Kunst. Vielleicht besaß die ganze Angelegenheit ja auch ihre guten Seiten. Ein paar Tage ohne sein ebenmäßiges Grinsen könnten Willin ganz gut tun.
„Tja, jetzt bin ich wohl der gutaussehende Bruder.“ 
Willin hustete einen Lacher. „Wünscht du dir wohl. Hoffentlich bleibt ne Narbe.“ 
Ugh. Ich konnte es förmlich vor mir sehen: Scharen von Mädchen, die Willin mit flatternden Wimpern fragten, wie er zu seiner Verletzung gekommen war. Wahrscheinlich würde er damit sogar noch verwegen wirken. Eine tragische Wendung des Schicksals, dass wir uns so ähnlich sahen und seine Gesichtszüge an mir trotzdem einen ganz anderen Eindruck hinterließen. Was Kleinigkeiten alles ausmachen können. Eine etwas längere Nase, ein minimal schmaleres Kinn, die Haare einen Ton heller - und schon wird aus „animalisch-anziehend“ durchschnittlich. Sogar Nes ließ mich links liegen, wenn Willin in Sichtweite war. Natürlich hat es auch Vorteile, in der Masse unterzugehen. Keine eifersüchtigen Männer auf Brautschau, die sich für ein heimliches Stelldichein mit ihrer Verlobten rächen wollen, zum Beispiel. Allerdings auch keine heimlichen Stelldicheins mit Verlobten. 
Da mein Bruder offenbar lebendig genug war, um mich aufzuziehen, beschloss ich, dass es um ihn nicht schlimm bestellt sein konnte. Ich sprang von seiner Pritsche und war in zwei Schritten an der Tür. 
„Peyr. Danke.“ 
„Keine Ursache.“ Ich zögerte. „Versuch nur, du weißt schon. Weniger trinken. Weniger bewusstlos geschlagen werden.“ 
Willin sah mich mit einem runden Auge entgeistert an. Das andere war inzwischen schlitzförmig zugeschwollen. Aber bevor er etwas entgegnen konnte, ertönten schwere Schritte auf dem Flur. Ich verharrte regungslos. Dass ich mich in den Quartieren der Stadtwache besser auskannte als mancher Novize, war ein Umstand, den ich ungern an die große Glocke hängen wollte. Die Wachen wären sicher nicht begeistert zu erfahren, dass ein Unbefugter hier ein und aus ging, wie er lustig war. Aber Mauern hatten Willin und mich noch nie trennen können. Theoretisch sollte die Festung um diese Zeit spärlich besetzt sein. Vor Feiertagen zog es diejenigen, die gerade nicht im Dienst waren, in den Stadtkern. Die Wache auf dem Flur kam zum Stillstand. Einen Augenblick später klopfte es flurauf laut gegen eine massive Holztür. 
„Aufstehen, Bereitschaft! Der Wolfstrupp wird in fünf Minuten im Hof erwartet.“ 
Eine Sekunde lang blinzelte ich Willin ungläubig an. „Du hast Bereitschaft?“, zischte ich im Flüsterton. „Und dann lässt du dich in der Krone volllaufen?“ Willins Mund öffnete und schloss sich, ohne dass ein Wort heraus kam. Die Wache setzte sich wieder in Gang, das Poltern ihrer schweren Stiefel kam näher und näher. Keine Zeit zu streiten. Ich blies die Öllampe aus, zerzauste meine ohnehin alles andere als geordneten Locken und öffnete zwei Knöpfe meines Hemdes. Ein paar Handgriffe später sah ich aus wie jemand, der gerade aus dem Bett gestolpert war. Als die Schritte vor Willins Tür zum Stehen kamen, öffnete ich einen Spalt weit, bevor die Stadtwache klopfen konnte. 
„Geselle Willin.“ 
„Schon wach, Herr Kommandant“, entgegnete ich. Ich hielt meinen Kopf geneigt und rieb mir mit dem Handballen die Augen, um möglichst viel von meinem Gesicht zu verbergen. Ich hoffte inständig, dass meine Ähnlichkeit zu Willin im schwachen Licht des Flures groß genug war, um seinen Vorgesetzten zu täuschen. 
Mehrere Herzschläge lang musterte mich die Wache mit durchdringendem Blick. Ich zwang mich, ihm direkt in die Augen zu sehen. Willin war niemand, der aus Verlegenheit seine eigenen Füße studierte. Und vielleicht lenkte ich ihn so von meinen zitternden Knien ab. Die Wache nickte einmal kurz und stampfte zielstrebig zum nächsten Quartier. Ich schloss die Tür und lehnte mich mit klammen Handflächen an ihr kühles Holz. Willin versuchte, seinen Körper in eine aufrechte Position zu manövrieren, verhedderte sich in seiner Decke und fiel röchelnd zurück aufs Kissen. 
Wortlos durchquerte ich den Raum, öffnete seinen Schrank und zog eine saubere Uniform hervor. Der Schnitt war ein kleines bisschen zu weit für mich, aber das würde wohl nur einem Schneidergesellen auffallen. Willin verfolgte jede meiner Bewegungen mit seinem guten Auge. Erst als ich den Helm aus Stahl und Leder aufsetzte, fühlte ich mich einigermaßen sicher. Der Nasenschutz würde einen guten Teil meines Gesichts verbergen und wenn ich mit niemandem sprach und nichts tat, was irgendwie mit Schwertern oder Kämpfen oder Dauerlauf zu tun hatte, könnten wir mit der Täuschung davon kommen. 
„Bist du wahnsinnig?“, fragte Willin. 
„Willst du deine Stelle verlieren?“ Ich befreite sein Kurzschwert von der Halterung an der Wand und sicherte die Waffe an meinem Gürtel. Das tödlichste Instrument, das ich bedienen konnte, war eine Schere. Ich drängte den Gedanken ins dunkle Ende meines Hinterkopfs. Gleich neben die Vorstellung von einem Dasein als Nes' Vormund auf Lebenszeit. 
„Keinen Mucks. Du schuldest mir was. Bis später“, sagte ich und trat ins Halblicht des Flures, bevor Willin mich vom Irrsinn meines Plans überzeugen konnte.

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Carizard
Geschlecht:männlichHobbyautor

Alter: 27
Beiträge: 454
Wohnort: Überall und Nirgendwo


BeitragVerfasst am: 15.12.2015 11:34    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo TZH85,

ein interessanter Einstieg in eine, wie mir scheint, spannende Geschichte. Dann will ich mal mein Feedback dazu abgeben.

Beide Figuren waren mir anfangs leicht unsympathisch, weil du sie als streitsüchtig bzw. voller Schadenfreude und Häme darstellst. Doch nach und nach, je mehr Informationen du über sie preisgibst - ohne in langweilige Tell-Passagen auszuarten - desto mehr werden sie mir beide auf ihre Weise nah. Zugleich weiß ich aber um ihre Schwächen und Gefühle, die sie menschlich und damit plastisch machen.

Dass du den Namen von Peyr so spät bekannt machst, finde ich hier irgendwie spannend. Auch die Ich-Perspektive, von der ich normalerweise kein Fan bin, passt hier meiner Ansicht nach sehr gut. Die Methode mit der du am Schluss Spannung erzeugst (Prota stürzt sich in eine ihm unbekannte und evtl. gefährliche Situation, um seinen Bruder zu schützen), gefällt mir und baut neben dem vorhandenen Konflikt der Figuren gleich noch ein Ziel auf, ein erstes Abenteuer, dass der Prota bestehen muss. Schön.

Deine Schreibe gefällt mir auch gut. Nah an den Figuren und mit einem angenehmen Erzählduktus. Du streust geschickt Informationen ein, die im Leser als Fragen rumoren, lässt diese dann aber erstmal unbeantwortet und gibst deinen Figuren und der Welt, in der sie leben etwas geheimnisvolles, das ich herausfinden möchte. Ich würde gerne mehr lesen und bin gespannt, ob noch etwas von dir kommt.

Lieben Gruß

Carizard


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Leben heißt, mehr Träume in seiner Seele zu haben als die Realität zerstören kann.

Phantasie ist viel wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.

Du kannst dem Leben nicht mehr Tage geben, aber jedem Tag mehr Leben.
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Stefanie
Dichter und Denker


Beiträge: 1051



BeitragVerfasst am: 15.12.2015 12:11    Titel: Antworten mit Zitat

Der Text gefällt auch mir gut. Die Informationen sind gut eingearbeitet, ohne dass es konstruiert wirkt. Ich erfahre Stück für Stück ein bisschen mehr und bleibe neugierig, was weiter passiert.

Ich bisschen widersprüchlich finde ich deine Einschätzung der Ähnlichkeit der Brüder. Einerseits kann man sie angeblich praktisch nicht unterscheiden, andererseits sollen sich doch so unähnlich sein, dass Petyr von den Frauen links liegen gelassen wird.  Und wenn er körperlich so schwach ist, dass er nicht einmal einen Dauerlauf durchhält im Gegeensatz zu seinem Bruder, muss dann nicht auch der Körperbau schwächer und untrainierter sein?

Bis zu dem Satz: "Jetzt bin ich wohl der gutaussehende Bruder" ist auch nicht klar, ob der Sprecher männlich oder weiblich ist.

Aber ansonsten sehr spannend geschreiben. ich möchte auch mehr lesen. Daumen hoch²
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TZH85
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 33
Beiträge: 307
Wohnort: Essen


BeitragVerfasst am: 15.12.2015 12:43    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank für's schnelle Feedback, Stefanie und Carizard.

Freut mich, dass euch der Erzählstil gefällt. Die erste Fassung des ersten Kapitels ist schon fertig, ein paar Passagen werde ich aber wohl noch mal überarbeiten. Wenn ich damit zufrieden bin, poste ich gern weitere Auszüge.

Zu der Frage nach den Ähnlichkeiten zwischen den Brüdern: Ich werde mir das Feedback auf jeden Fall noch mal durch den Kopf gehen lassen. Mein Plan ist, dass Willin und Peyr sich - bis auf ein paar feine Unterschiede - sehr ähnlich sehen. Die Unterschiede empfindet Peyr aber stärker als der Rest der Welt, bzw. er ist nicht unbedingt ein objektiver, verlässlicher Erzähler und unterschätzt sich gelegentlich. Peyrs Wirkung auf andere hängt daher auch stark mit seiner Haltung zusammen. Vielleicht wird das in den kommenden Passagen deutlicher.
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Jack Burns
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 48
Beiträge: 1559



BeitragVerfasst am: 15.12.2015 13:41    Titel: Antworten mit Zitat

HI TZH85

Das ist ordentlich geschrieben. Sehr ansprechend für die Leser.
Ich vermisse das allmähliche Hineingleiten in die Geschichte, wie es einmal typisch für Fantasy war.
Aber ich weiß: So schreibt man heute schreibt nicht mehr.

Schönen Gruß
Jack


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How should I feel?
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Zeitenträumer
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 39
Beiträge: 123



BeitragVerfasst am: 15.12.2015 14:09    Titel: Antworten mit Zitat

Moin!

Gefällt mir hervorragend, inhaltlich und sprachlich schon auf sehr gutem Niveau. Eine weitere Überarbeitung lohnt umso mehr, denke ich ... Cool
Bis auf die gestrichenen Sachen natürlich alles nur Vorschläge - nimm dir, was du brauchen kannst.

Zitat:
Es ist wirklich beeindruckend, was ein guter vielleicht findest du ein etwas stärkeres Adjektiv für den ersten Satz - satter Treffer o.ä. Noch besser fände ich "Volltreffer" oder einfach "Treffer" ohne Adjektiv Treffer im Gesicht anrichten kann. Zum ersten Mal in unserem Leben konnte man Willin und mich auseinanderhalten. Eine völlig neue Erfahrung. Mein Bruder wälzte sich unter wehleidigem Stöhnen von einer Seite seiner Pritsche auf die andere. Eine Fahne aus billigem Citer, Qualm und Schweiß schlug mir entgegen. Die rote Schwellung unter seinem linken Auge begann langsam aber sicher, würde ich streichen sich bläulich zu verfärben. Schwer zu sagen, ob seine Nase in Mitleidenschaft gezogen war. Vielleicht würde sie wieder ihre normale Form und Position einnehmen, wenn der Rest seines Gesichts weniger wie eine malträtierte Rübe aussah. Ich öffnete das Fenster der schmalen Kammer, um ein wenig laue Nachtluft herein – und Willins Dunst hinauszulassenzu lassen und ließ mich am Fußende seiner Schlafstätte nieder.  
„Is er tot?“, quetschte Willin zwischen aufgeplatzten Lippen hervor.  
„Nicht mehr als du.“  
„Hnf.“  
In der Ferne schlug die Turmuhr Eins. Zum Glück brach ein Feiertag an und der Meister würde erwartete mich nicht vor Mittag in der Werkstatt erwarten. Wahrscheinlich saß er zu dieser Zeit selbst in irgendeiner Taverne, trank fragwürdige Spirituosen und freute sich, dem Drachen daheim ein paar Stunden länger aus dem Weg gehen zu können. Ich würde noch ein wenig bleiben. Hier muss ein Komma hin, da du den Satz nach dem Einschub weiterführst Nur um sicherzugehen, dass Willin nicht im Schlaf an seiner zerbissenen Zunge erstickte, und mich dann auf den Weg zurück ins Stoffviertel machen. Vielleicht häatte der ein oder andere Bäcker bis dahin schon wieder geöffnet. Zum Greta-Fest gab es überall in der Stadt große, puppenförmige Lebkuchen zu kaufen. Der Meister legte mir zwar immer etwas zur Seite, aber wahrscheinlich machte sich Nes genau in diesem Augenblick über meine Portion her.  
Ich warf einen Blick über meine Schulter. Willin starrte mit leeren Augen in die tanzende Flamme seiner Öllampe.  
„Was hat dich geritten, Ochslin eine zu verpassen? Der Typ wiegt doppelt so viel wie du.“ Hier ist zunächst nicht ganz klar wer spricht, kurze Irritation des Lesers
„Der ist ein Großkotz“, näselte Willin. Vielleicht war es mit unserer Ähnlichkeit doch permanent zu Ende vorbei 
„Komisch. Ich hatte den Eindruck, ihr wärt dicke Freunde.“  
Ein unverbindliches Grunzen ertönte aus den Tiefen von Willins Decke und ich verspürte eine kleine Woge der Genugtuung. Ich mochte den bulligen Schmied-Gesellen noch nie. Auch Ochslin würde mit Sicherheit auch ein paar bleibende Erinnerungen an diese Nacht behalten. Zumindest dem kurzen Blick nach zu urteilen, den ich auf ihn hatte werfen konnte können, als ich Willin aus der Gosse hinter der ‚Gefallenen Krone‘ hievte gehievt hatte. Obwohl für Willin in Sachen gutes Aussehen eindeutig mehr auf dem Spiel stand als für Ochslin. Aber das war auch keine Kunst. Würde ich streichen, hat meinen Lesefluss unterbrochen und ist m.E. unnötig; dass Willin gut aussieht wird ausreichend klar Vielleicht besaß die ganze Angelegenheit ja auch ihre guten Seiten. Ein paar Tage ohne sein ebenmäßiges Grinsen köonnten Willin ganz gut tun.
„Tja, jetzt bin ich wohl der gutaussehende Bruder.“ Auch hier nicht ganz klar wer spricht
Willin hustete einen Lacher. „Wünscht du dir wohl. Hoffentlich bleibt ne Narbe.“  
Ugh. Ich konnte es förmlich vor mir sehen: Scharen von Mädchen, die Willin mit flatternden Wimpern fragten, wie er zu seiner Verletzung gekommen war. Wahrscheinlich würde er damit sogar noch verwegen wirken. Eine tragische Wendung des Schicksals, dass wir uns so ähnlich sahen und seine Gesichtszüge an mir trotzdem einen ganz anderen Eindruck hinterließen. Was Kleinigkeiten alles ausmachen können. Eine etwas längere Nase, ein minimal schmaleres Kinn, die Haare einen Ton heller - und schon wird aus „animalisch-anziehend“ durchschnittlich. Sogar Nes ließ mich links liegen, wenn Willin in Sichtweite war. Natürlich hat es auch Vorteile, in der Masse unterzugehen. Keine eifersüchtigen Männer auf Brautschau, die sich für ein heimliches Stelldichein mit ihrer Verlobten rächen wollen, zum Beispiel. Allerdings auch keine heimlichen Stelldicheins mit Verlobten. Nice
Da mein Bruder offenbar lebendig genug war, um mich aufzuziehen, beschloss ich, dass es um ihn nicht schlimm bestellt sein konnte. Ich sprang von seiner Pritsche und war in zwei Schritten an der Tür.  
„Peyr. Danke.“  
„Keine Ursache.“ Ich zögerte. „Versuch nur, du weißt schon. Weniger trinken. Weniger bewusstlos geschlagen werden.“ Auch sehr schön
Willin sah mich mit einem runden Auge entgeistert an. Das andere war inzwischen schlitzförmig zugeschwollen. Aber bevor er etwas entgegnen konnte, ertönten schwere Schritte auf dem Flur. Ich verharrte regungslos. Dass ich mich in den Quartieren der Stadtwache besser auskannte als mancher Novize, war ein Umstand, den ich ungern an die große Glocke hängen wollte. Die Wachen wären sicher nicht begeistert zu erfahren, dass ein Unbefugter hier ein und aus ging, wie er lustig war. Aber Mauern hatten Willin und mich noch nie trennen können. Theoretisch sollte die Festung um diese Zeit spärlich besetzt sein. Vor Feiertagen zog es diejenigen, die gerade nicht im Dienst waren, in den Stadtkern. Die Wache auf dem Flur kam zum Stillstand. Hier verlässt du Peyrs Perspektive, lieber: Die Schritte verklangen o.ä. Einen Augenblick später klopfte es flurauf laut gegen eine massive Holztür. Hier würde ich deutlicher machen, dass es sich um die Tür des Nebenraums handelt. Ich dachte an dieser Stelle, die Wache wäre bereits vor der Tür und war dann später verwirrt.  Insgesamt finde ich diesen Abschnitt den schwächsten, weil er etwas durcheinander ist. Vielleicht kannst du ihn noch etwas ordnen
„Aufstehen, Bereitschaft! Der Wolfstrupp wird in fünf Minuten im Hof erwartet.“  
Eine Sekunde lang blinzelte ich Willin ungläubig an. „Du hast Bereitschaft?“, zischte ich im Flüsterton. „Und dann lässt du dich in der Krone volllaufen?“ Willins Mund öffnete und schloss sich, ohne dass ein Wort heraus kam. Die Wache setzte sich wieder in Gang, das Poltern ihrer schweren Stiefel kam näher und näher. Ähnlich wie oben, kurzer Perspektivwechsel. Vielleicht etwas wie Erneut erklang das Poltern der schweren Stiefel; die Schritte näherten sich rasch Keine Zeit zu streiten. Ich blies die Öllampe aus, zerzauste meine ohnehin alles andere als geordneten Locken und öffnete zwei Knöpfe meines Hemdes. Ein paar Handgriffe später sah ich aus wie jemand, der gerade aus dem Bett gestolpert war. Als die Schritte vor Willins Tür zum Stehen kamen, öffnete ich einen Spalt weit, bevor die Stadtwache klopfen konnte.  
„Geselle Willin.“  
„Schon wach, Herr Kommandant“, entgegnete ich. Ich hielt meinen Kopf geneigt und rieb mir mit dem Handballen die Augen, um möglichst viel von meinem Gesicht zu verbergen. Ich hoffte inständig, dass meine Ähnlichkeit zu Willin im schwachen Licht des Flures groß genug war, um seinen Vorgesetzten zu täuschen.  
Mehrere Herzschläge lang musterte mich die Wache mit durchdringendem Blick. Ich zwang mich, ihm direkt in die Augen zu sehen. Willin war niemand, der aus Verlegenheit seine eigenen Füße studierte. Und vielleicht lenkte ich ihn so von meinen zitternden Knien ab. Die Wache nickte einmal kurz und stampfte zielstrebig zum nächsten Quartier. Ich schloss die Tür und lehnte mich mit klammen Handflächen an ihr kühles Holz. Willin versuchte, seinen Körper in eine aufrechte Position zu manövrieren, verhedderte sich in seiner Decke und fiel röchelnd zurück aufs Kissen.  
Wortlos durchquerte ich den Raum, öffnete seinen Schrank und zog eine saubere Uniform hervor. Der Schnitt war ein kleines bisschen zu weit für mich, aber das würde wohl nur einem Schneidergesellen auffallen. Willin verfolgte jede meiner Bewegungen mit seinem guten gesunden Auge. Erst als ich den Helm aus Stahl und Leder aufsetzte, fühlte ich mich einigermaßen sicher. Der Nasenschutz würde einen guten Teil meines Gesichts verbergen und wenn ich mit niemandem sprach und nichts tat, was das irgendwie mit Schwertern oder Kämpfen oder Dauerlauf zu tun hatte, könnten wir mit der Täuschung davon kommen.  
„Bist du wahnsinnig?“, fragte Willin.  
„Willst du deine Stelle verlieren?“ Ich befreite sein Kurzschwert von der Halterung an der Wand und sicherte die Waffe an meinem Gürtel. Das tödlichste Instrument, das ich bedienen konnte, war eine Schere. Ich drängte den Gedanken ins dunkle Ende meines Hinterkopfs. Gleich neben die Vorstellung von einem Dasein als Nes' Vormund auf Lebenszeit.  
„Keinen Mucks. Du schuldest mir was. Bis später“, sagte ich und trat ins Halblicht des Flures, bevor Willin mich vom Irrsinn meines Plans überzeugen konnte.


Gern gelesen!

Beste Grüße,

David
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TZH85
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BeitragVerfasst am: 15.12.2015 14:22    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Besten Dank, David! Da sind einige Dinge dabei, die mir überhaupt nicht aufgefallen sind. Vor allem, dass ich an einer Stelle die "Peyrspektive" verlassen habe wink
Ist gar nicht so leicht, immer durch die Augen einer Figur zu berichten, wie ich ursprünglich ganz naiv angenommen hatte. Alles, was ich vorher geschrieben hab, hatte immer einen (oder zwei) personelle Erzähler. Ist also mein erster Ausflug in die Ich-Perspektive, von daher sind Tipps gern gesehen.
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Kris
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BeitragVerfasst am: 15.12.2015 14:27    Titel: Antworten mit Zitat

Hi TZH85,

mir gefällt der Einstieg in die Geschichte auch gut. Spontan musste ich an das tapfere Schneiderlein denken, wegen der Schere und der Tatsache, dass Peyr zurück ins Stoffviertel will. Wink

Die Ähnlichkeit zwischen den Brüdern hat mich, wie Stefanie, ein wenig verwirrt. Einerseits ist sie sehr groß, andererseits hat der Protagonist Sorge, er könnte im Halbdunkeln enttarnt werden. Da würde ich wirklich nochmal drüber bügeln.

Ansonsten würde ich gar nicht viel anders machen. Zum Beispiel gefällt mir die Formulierung "Vielleicht war es mit unserer Ähnlichkeit doch permanent vorbei"nicht, das "permanent" ist mir hier zu gestelzt. Aber das ist auch Geschmackszache. Manches würde ich noch ein bisschen straffen, damit der Weg bis zur Wache nicht zu lang wird. Alles in allem kann man aber die gelieferten Infos noch verarbeiten. Mehr sollte es jedoch nicht sein.  

Ein schöner Auftakt für eine "Heldenreise", bin gespannt, wohin es Peyr verschlägt.

Gerne gelesen. Daumen hoch
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Rainer Prem
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BeitragVerfasst am: 17.12.2015 08:03    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

klasse geschrieben, tolle Charaktere, gut verständlich eingeführt unter Verzicht auf infodumping. Rundum gut, nur ein paar kleinere Dinge, wie sie Zeitenträumer schon aufgeführt hat. Der "gute" Treffer war so seltsam, dass ich fast eine halbe Minute hängen geblieben bin. "Volltreffer" trifft (pun intended) sicher besser. Und prüfe den Text auf Konditional. Das ist oft nicht die beste Wahl ("hätte der Bäcker")

TZH85 hat Folgendes geschrieben:
Besten Dank, David! Da sind einige Dinge dabei, die mir überhaupt nicht aufgefallen sind. Vor allem, dass ich an einer Stelle die "Peyrspektive" verlassen habe wink
Ist gar nicht so leicht, immer durch die Augen einer Figur zu berichten, wie ich ursprünglich ganz naiv angenommen hatte. Alles, was ich vorher geschrieben hab, hatte immer einen (oder zwei) personelle Erzähler. Ist also mein erster Ausflug in die Ich-Perspektive, von daher sind Tipps gern gesehen.


Wenn es dir darauf ankommt, eine starke persönliche Perspektive beizubehalten, musst du noch hier und da ändern. Jeden Satz, wo Peyr anfängt über seine Situation und seine Entscheidungen zu reflektieren, wirkt da schräg.

"Natürlich hat es auch Vorteile, in der Masse unterzugehen." Da spricht im Prinzip der Autor zum Leser.

"beschloss ich," Solche Floskeln müssten in dem Fall auch raus. Besser "Ich würde..."

Du müsstest auch darauf achten, dass die Sprache von direkter Rede und Erzählung besser zueinanderpasst. "ließ mich nieder" Würde ein Schneidergeselle so etwas sagen oder eher "setzte mich hin"?

Übrigens muss eine persönliche Perspektive in der dritten Person genau dieselben Regeln beherzigen "Ich" oder "Er" ist in dem Fall irrelevant.

Grüße
Rainer
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TZH85
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BeitragVerfasst am: 17.12.2015 09:41    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Rainer Prem hat Folgendes geschrieben:

Wenn es dir darauf ankommt, eine starke persönliche Perspektive beizubehalten, musst du noch hier und da ändern. Jeden Satz, wo Peyr anfängt über seine Situation und seine Entscheidungen zu reflektieren, wirkt da schräg.

"Natürlich hat es auch Vorteile, in der Masse unterzugehen." Da spricht im Prinzip der Autor zum Leser.

"beschloss ich," Solche Floskeln müssten in dem Fall auch raus. Besser "Ich würde..."

Du müsstest auch darauf achten, dass die Sprache von direkter Rede und Erzählung besser zueinanderpasst. "ließ mich nieder" Würde ein Schneidergeselle so etwas sagen oder eher "setzte mich hin"?

Übrigens muss eine persönliche Perspektive in der dritten Person genau dieselben Regeln beherzigen "Ich" oder "Er" ist in dem Fall irrelevant.

Grüße
Rainer


Da hat sich die Anmeldung hier jetzt schon gelohnt, vielen Dank! Ich werde den Text noch mal unter Berücksichtigung eurer Tipps überarbeiten. Eigentlich sollten ein paar Dinge - wie Autoren-Stimme vs. Figuren-Stimme - ja offensichtlich sein, aber manchmal muss man wirklich von jemandem mit der Nase drauf gestupst werden. Betriebsblindheit.


Übrigens, @ Kris: Gut geraten Razz
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TZH85
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BeitragVerfasst am: 17.12.2015 13:53    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

So, ich feuere dann mal meinen zweiten Einstand-Auszug hinterher.

Zusammenhang: Peyrs Tarnung als Wachgeselle hielt Stand, die Truppe entdeckte einen Händlerkonvoi ihrer Heimatstadt Rußlingen, der von der Bande des Antagonisten niedergemetzelt wurde. General Ahrweiler plant, die Banditen in einen Hinterhalt zu locken. Peyr, der seinem Kommandanten kurz zuvor positiv aufgefallen ist, fürchtet, sich spätestens im Kampfgetümmel zu verraten (wenn die "Amtsanmaßung" auffliegt, würden ernsthafte Konsequenzen für beide Brüder folgen).


Fortsetzung Kapitel 1:


Es herrschte eine aufgeladene Stimmung als wir uns hinter den Baumreihen verteilten. Die erfahrenen Wachen beteiligten sich nicht an den geflüsterten Wortgefechten und Anfeuerungen der Gesellen. Sie verschmolzen stattdessen mit den Schatten, Hände auf den Griffen ihrer Waffen. Der Kommandant hob den Arm und alle Unterhaltungen starben, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Mir schlug das Herz bis zum Hals, die plötzliche Regungslosigkeit nach dem stundenlangen Marsch ließ meine Muskeln verkrampfen. Ich fürchtete den Moment, in dem die Falle zuschnappen würde. Und gleichzeitig wünschte ich mir nichts mehr, als dass dieser Tag endlich enden würde. Gute Fee, lass es vorbei sein. Lass mich in meinem Bett aufwachen. Lass die letzten Stunden zur Erinnerung werden, die ich verdrängen kann.   
Lange bevor die Vogelfreien auf die Lichtung strömten, hörten wir die ersten Rufe. Schrille Schmerzensschreie. Das Klirren von Stahl auf Stahl, das Donnern von Hufen. Etwa zwanzig Mann brachen zu unserer Rechten durch das Unterholz, die ersten Reiter des Löwentrupps dicht auf ihren Fersen. Unsere Männer umzingelten ihre Gegner nach wenigen Metern. Aber die Vogelfreien waren bewaffnet. Ich sah ein schwarzes Ross krachend zu Boden gehen, eine hölzerne Lanze ragte aus seiner Flanke. Der Reiter wurde unter seinem Tier begraben. Immer mehr Vogelfreie stürmten auf das Feld. Ein langgezogener Pfiff ertönte und unsere Männer wichen an die Ränder der Lichtung zurück. Einen Moment später regnete es Pfeile. Ein dutzend Vogelfreie gingen zu Boden, von unseren Schützen auf den Acker genagelt.  
Dann stürmten die Wachen der übrigen Trupps los. Auf dem Feld brach ein Chaos aus, dem ich kaum folgen konnte. „Ja! Gebt es ihnen!“, fauchte ein Geselle zu meiner Linken. Das unübersichtliche Schlachtgetümmel schien ihm mehr zu sagen als mir. Ich konnte kaum einschätzen, wie der Kampf verlief. Die schiere Zahl an Männern machte mich stutzig. Ich hatte vermutet, dass wir in der Überzahl wären. Aber auf den ersten Blick schien das Verhältnis beinahe ausgeglichen zu sein. Allmählich klärte sich das Feld. Immer mehr Banditen fielen den Schwertern der Wachen zum Opfer, ihre wild zusammengewürfelten Rüstungen boten keinen Schutz vor den Klingen der Rußlinger Wache. Die Gesellen um mich herum strömten aufgeregte Anspannung aus. Ich konnte kaum ein ängstliches Gesicht ausmachen, dafür viele auf denen der Durst nach Anerkennung und der Chance, sich zu beweisen, geschrieben stand. Ein paar hatten bereits ihre Kurzschwerter gezogen und tänzelten erwartungsvoll hin und her.  
Ein hohes Surren zerschnitt die Luft und der Geselle rechts von mir fiel wie ein Stein zu Boden. Aus seinem Rücken ragte ein Pfeil. „Hinterhalt!“ schrie jemand und bevor ich auf die Beine kommen konnte, stürmte ein Dutzend Banditen aus dem Dickicht hinter uns. Eine Handvoll Vogelfreier musste sich vom Kampfgeschehen abgeseilt haben. Oder sie waren den Spähern entgangen. Und wir saßen still wie die Tontauben da, zum Abschuss bereit, unsere ganze Aufmerksamkeit auf die Schlacht gerichtet.  
Ich zog mein Schwert und konnte im letzten Moment den Schlag eines massigen, bärenhaften Banditen abwehren, der mit mordlüsternen Augen auf mich eindrosch. Aber meine Füße verhakten sich im dichten Wurzelwerk eines Baumes und ich fiel rückwärts zu Boden. Das war es, dachte ich. Eine einzige, glückliche Parade. Ich bin tot.  
Der Vogelfreie grinste, hob sein Eisen, eine Klinge, die mir sicher bis zum Bauch gereicht hätte – und stolperte. Hinter ihm nahmen zwei Gesellen einen seiner Kumpane in die Zange und ein Querschläger traf meinen sicheren Mörder unerwartet im Kreuz. Instinktiv zog ich die Knie an und schirmte mein Gesicht mit den Armen ab. Der riesige Mann begrub mich unter sich, als ein markerschütternder Schrei mein Trommelfell zerriss. Mein Gegner sprang zurück, eine Hand vor seinen Augen, die andere umklammerte sein riesiges Schwert. Blut lief zwischen seinen Fingern hindurch, verfing sich in seinem Bart und tränkte sein schmutziges Hemd.  
Meine Klinge blitzte rot und einen Moment lang verstand ich nicht, was geschehen war. Mein Verstand zählte eins und eins zusammen, während ich mich zurück auf die Füße kämpfte. Wie viel Glück konnte man haben? Ich hatte meinen Gegner getroffen, ohne überhaupt mein Schwert zu schwingen. Der Hüne begann wutentbrannt, seine Klinge tanzen zu lassen. Ich trat zur Seite, duckte mich, sprang dem Tod mit jedem Schritt von der Schippe. Der Riese ließ sich von seinen Ohren leiten und schwang sein Schwert blind. Mit jedem verfehlten Schlag schien sich seine Raserei zu steigern und ich konnte nichts anderes tun, als meine Haut zu retten. Sein nächster Schwung traf einen seiner eigenen Kameraden in den Rücken. Mit einem fleischigen Schmatzen riss mein Feind die Klinge los, während der andere Mann röchelnd zu Boden ging.   
Wie ein Berserker folgte mir der Hüne ins Getümmel. Mein eigenes Schwert war nichts weiter als nutzloser Ballast in meiner Hand, aber ich umklammerte den Griff wie ein Ertrinkender einen Ast. Warum kam uns niemand zu Hilfe? Hatte keiner der Kommandanten bemerkt, dass ihr Nachwuchs in der Klemme steckte? Rechts und links von mir streckten Willins Kameraden Angreifer nieder, während ich nichts anderes tun konnte, als den Schwüngen des Berserkers auszuweichen. Rund um meinen Verfolger fielen Banditen in den Staub, von ihrem Verbündeten niedergemäht. Kümmerte es ihn nicht, wen er traf, solange er mich in zwei Stücke hauen konnte? Ein paar Mal entging ich nur um Haaresbreite einem tödlichen Schnitt. Das kann nicht ewig gutgehen, dachte ich, bevor ein Schlag auf meinen Hinterkopf die Welt ins Wanken brachte. Links, rechts, alles relativ. Ich sah Sterne, meine Knie gaben nach und noch ehe mein Kopf aufschlug wusste ich, dass ich nur die eine Chance bekommen würde. Blind oder nicht, direkt zu seinen Füßen war ich ein perfektes Ziel für den Riesen. Ich trat mit aller Kraft zu, traf ihn knapp unterhalb des Knies und rollte zur Seite. Der Mann ging erneut zu Boden, seine massigen Arme ruderten hilflos. Etwas hartes traf mich am Kopf und alles wurde schwarz.  
  
  
„Bei der guten Fee. Sieben! Sieben auf einen Streich!“  
Blut. Überall Blut. Ich japste panisch, aber meine Lungen weigerten sich, ihren Dienst zu tun. Jemand ächzte und dann ließ das erdrückende Gewicht auf meiner Brust nach. Luft strömte zurück in meinen Körper, als zwei Wachen den toten Berserker von mir hievten. Seine eigene Klinge steckte tief in seiner Brust. 
„Ist das dein Blut?“, fragte mich die Wache zu meiner Linken, ein breitschultriger Mann um die dreißig mit aschblonden Haaren. Mühelos zog er mich auf die Beine. „Scheint nicht so“, sagte der andere, während er mich von Kopf bis Fuß abklopfte.   
„Willin, du lebst!“ Degen, eine lange Schnittwunde auf seiner Wange, wankte vorwärts und zwang mich in eine einarmige Umarmung. „Ich bin Pe– penetrant. Penetrant nicht totzukriegen“, stammelte ich. Idiot. Erst denken, dann reden. Ich blickte mich um. Ringsum lag ein halbes Dutzend gefallener Banditen – keinem einzigen davon hatte ich auch nur eine Schramme verpasst. Mehr Glück als Verstand, Peyr. Ein Blick nach unten verriet mir, dass mein Gegner offenbar auf mir ausgeblutet war – und Willins Uniform komplett neu eingefärbt hatte. Rostbraun, kein schöner Ton.  
„Wie hast du das geschafft?“, fragte Degen.   
„Glück?“, antwortete ich und die Männer um mich herum lachten. Wir stapften gemeinsam zurück auf das Feld, wo die Schlacht längst entschieden war.   
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Rainer Prem
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BeitragVerfasst am: 18.12.2015 06:16    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

Eine gute Fortsetzung, aber überarbeitungswürdiger als der erste Teil.

(Schreib mir ruhig, wenn meine Vorschläge dir nicht passen; ich tendiere dazu negativ zu klingen, selbst wenn ich nur helfen will.)

Wir befinden uns immer noch in Peyrs Kopf. Also gilt meine Anmerkung von zu hochgestochener Formulierung auch hier. "beteiligen an Anfeuerungen" ist schon arg "literarisch" außerdem sollte man Substantivierungen vermeiden. "anfeuern" reicht doch.

"Ich fürchtete den Moment, in dem die Falle zuschnappen würde." Auch hier wieder: direkt formulieren. "Wann würde die Falle zuschnappen?" Später im Text ist das besser gelöst.

"Lange bevor die Vogelfreien auf die Lichtung strömten, hörten wir die ersten Rufe." Solche Sätze solltest du umdrehen, damit sie chronologisch ablaufen. Sonst bist du schon wieder aus der Perspektive raus. In dem Fall den Anfang des Satzes um ca. drei Sätze nach hinten schieben.

" begrub mich unter sich, als " als im Sinne von Gleichzeitigkeit vermeiden. "Während", wenn das wirklich gleichzeitig ist. Aber meistens gibt es eine Reihenfolge s.o.

"Unsere Männer umzingelten ihre Gegner nach wenigen Metern." Beschreibe den Vorgang, nicht nur das Ergebnis. "Hans und Peter spornten ihre Pferde an und schafften es in den Rücken der Gegner zu kommen."

"Ein langgezogener Pfiff ertönte" Persönlicher formulieren. "Ich hörte" oder "Ein Pfiff ließ mich meinen Kopf herumreißen".

"ein Querschläger traf meinen sicheren Mörder" Woher will dieser Anfänger das denn wissen?  

An ein paar Stellen hast du eine unglückliche Wortwahl. Beispiele:

Geselle neben mir => Kamerad
alle Unterhaltungen starben => erstarben
einem tödlichen Schnitt. => Treffer
ihr Nachwuchs => Meinst du "Nachhut"?

Und auch hier wieder extrem viele Modaladverbien.

Viele Grüße
Rainer
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TZH85
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BeitragVerfasst am: 18.12.2015 11:39    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Rainer,

vielen Dank! Keine Sorge, ich bin nicht so empfindlich, was Kritik angeht. Wenn ich Lobeshymen hören wollte, würde ich die Texte in meinem Freundeskreis verteilen.

Die Modaladverbien sind mein größter Feind im Moment. Wenn ich auktorial erzähle, neige ich zu bildhafter Sprache - daher ist Peyrs Ich-Perspektive eine große Herausforderung. Aber ich hab schon massig dazugelernt. Außerdem sitze ich ja ohnehin an der ersten Fassung, kein Wunder, dass es noch nicht hundertprozentig läuft.
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Zeitenträumer
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BeitragVerfasst am: 22.12.2015 00:05    Titel: Antworten mit Zitat

Moin,

ich schließe mich Rainer an, das hat längst nicht die Qualität des ersten Kapitels. Es sind natürlich auch zwei komplett verschiedenartige Szenen; vielleicht fallen dir die "ruhigen" Szenen leichter.

Was die Perspektive betrifft: Ich finde, in einem Kapitel wie dem Ersten, in dem sich die Protagonisten unterhalten, sind Reflexionen des Protagonisten ok. Es entstehen Gesprächspausen, in denen man problemlos derartige Überlegungen anstellen, Beobachtungen machen kann etc. Ich mache es oft so, dass ich die Gedanken als "direkte Rede" formuliere, so wie der Prota sie denkt, und das dann kursiv setze; so behältst du die Perspektive bei.
In einer hektischen Szene wie dieser zweiten würde ich versuchen, wirklich nur das zu beschreiben, was Peyr direkt wahrnehmen kann.

Zum Text. Ich denke, er braucht noch eine gründliche Überarbeitung, ich werde einfach mal durchgehen und anmerken, was mir auffällt. Ist sicher längst nicht alles und natürlich als Anregung zu verstehen.

Zitat:
Es herrschte eine aufgeladene Stimmung als wir uns hinter den Baumreihen verteilten. Die erfahrenen Wachen beteiligten sich nicht an den geflüsterten Wortgefechten und Anfeuerungen der Gesellen. Sie verschmolzen stattdessen mit den Schatten, Hände auf den Griffen ihrer Waffen. Würde ich lieber zeigen, indem Peyr ein solches kurzes Wortgefecht oder eine der erfahrenen Wachen beobachtet. Generell überlegen, ob wir diese Beschreibung von Vorgängen, die Peyr so allgemein kaum beobachten kann, brauchen. Der Kommandant hob den Arm und alle Unterhaltungen erstarben, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Im Wald?! Dann muss es aber wirklich verdammt leise sein ^^ Mir schlug das Herz bis zum Hals, die plötzliche Regungslosigkeit nach dem stundenlangen Marsch ließ meine Muskeln verkrampfen. Auch hier wieder: zu allgemein. Mir schlug das Herz bis zum Hals, und ich spürte einen Krampf im Oberschenkel, verursacht durch ... oder so. Ich fürchtete den Moment, in dem die Falle zuschnappen würde. Und gleichzeitig wünschte ich mir nichts mehr, als dass dieser Tag endlich enden würde. Gute Fee, lass es vorbei sein. Lass mich in meinem Bett aufwachen. Lass die letzten Stunden zur Erinnerung werden, die ich verdrängen kann. Das sind die direkten Gedanken, die ich meinte, und schon bin ich in Peyrs Kopf. Den Satz davor brauchst du nicht.
Lange bevor die Vogelfreien auf die Lichtung strömten, hörten wir die ersten Rufe. Von Rainer bereits angemerkt. Gut fände ich stattdessen: Aus dem Wald erklangen Schrille Schmerzensschreie. Das Klirren von Stahl auf Stahl, das Donnern von Hufen. Etwa zwanzig Mann brachen zu unserer Rechten durch das Unterholz, die ersten Reiter des Löwentrupps dicht auf ihren Fersen. Unsere Männer umzingelten ihre die Gegner nach wenigen Metern. Aber die Vogelfreien waren bewaffnet. Ich sah ein schwarzes Ross krachend zu Boden gehen, eine hölzerne Lanze ragte aus seiner Flanke. Der Reiter wurde unter seinem Tier begraben. Immer mehr Vogelfreie stürmten auf das Feld. Ein langgezogener Pfiff ertönte und unsere Männer wichen an die Ränder der Lichtung zurück. Kann er das sehen? Und was macht bzw. fühlt er die ganze Zeit? Einen Moment später regnete es Pfeile. Ein dutzend Vogelfreie gingen zu Boden, von unseren Schützen auf den Acker genagelt.   
Dann stürmten die Wachen der übrigen Trupps los. Kann er die alle sehen? Lass stattdessen die Männer direkt neben ihm losstürmen, sodass er ungewollt ins Kampfgetümmel gerät. Auf dem Feld brach ein Chaos aus, dem ich kaum folgen konnte. „Ja! Gebt es ihnen!“, fauchte ein Geselle Ich nehme an, das die Mitglieder der Wachtrupps Gesellen genannt werden, aber jedenfalls für mich ist das Wort sehr handwerks-assoziiert und irritiert mich deshalb. zu meiner Linken. Das unübersichtliche Schlachtgetümmel schien ihm mehr zu sagen als mir. Hier würde ich direkt mit Feindkontakt weitermachen, die folgende Reflexion kann ich mir in der brenzligen Situation nicht vorstellen. Ich konnte kaum einschätzen, wie der Kampf verlief. Die schiere Zahl an Männern machte mich stutzig. Ich hatte vermutet, dass wir in der Überzahl wären. Aber auf den ersten Blick schien das Verhältnis beinahe ausgeglichen zu sein. Allmählich klärte sich das Feld. Immer mehr Banditen fielen den Schwertern der Wachen zum Opfer, ihre wild zusammengewürfelten Rüstungen boten keinen Schutz vor den Klingen der Rußlinger Wache. Die Gesellen um mich herum strömten aufgeregte Anspannung aus. Ich konnte kaum ein ängstliches Gesicht ausmachen, dafür viele auf denen der Durst nach Anerkennung und der Chance, sich zu beweisen, geschrieben stand. Ein paar hatten bereits ihre Kurzschwerter gezogen und tänzelten erwartungsvoll hin und her. Ok, daraus schließe ich jetzt, dass sie die Nachhut bilden. Wenn du das vorher etwas deutlicher machst, kannst du ihn mehr beobachten lassen, wobei ich allerdings etwas mehr auf seine Empfindungen, Aktionen und Reaktionen eingehen würde, damit immer spürbar bleibt, dass er es ist, der das alles beobachtet und erzählt und nicht du.
Ein hohes Surren zerschnitt die Luft und der Geselle rechts von mir fiel wie ein Stein zu Boden. Aus seinem Rücken ragte ein Pfeil. „Hinterhalt!“ schrie jemand und bevor ich auf die Beine kommen konnte, stürmte ein Dutzend Banditen aus dem Dickicht hinter uns. Eine Handvoll Vogelfreier musste sich vom Kampfgeschehen abgeseilt haben. Oder sie waren den Spähern entgangen. Und wir saßen still wie die Tontauben da, zum Abschuss bereit, unsere ganze Aufmerksamkeit auf die Schlacht gerichtet.   
Ich zog mein Schwert und konnte im letzten Moment den Schlag eines massigen, bärenhaften Banditen abwehren, der mit mordlüsternen Augen auf mich eindrosch. Aber meine Füße verhakten sich im dichten Wurzelwerk eines Baumes und ich fiel rückwärts zu Boden. Das war es, dachte ich. Eine einzige, glückliche Parade. Ich bin tot.   
Der Vogelfreie Die Etikettierung finde ich etwas unschön, besser etwas wie "Mann" oder in seinem Fall "Hüne", also etwas beschreibendes, nicht wertendes. grinste, hob sein Eisen, eine Klinge, die mir sicher bis zum Bauch gereicht hätte – und stolperte. Hinter ihm nahmen zwei Gesellen einen seiner Kumpane in die Zange und ein Querschläger traf meinen sicheren Mörder unerwartet im Kreuz. Instinktiv zog ich die Knie an und schirmte mein Gesicht mit den Armen ab. Der riesige Mann begrub mich unter sich, als ein markerschütternder Schrei mein Trommelfell zerriss. Unglücklich formuliert, denn wenn man das wörtlich nähme, wäre der Kampf an dieser Stelle für ihn vorbei. Mein Gegner sprang zurück, eine Hand vor seinen Augen, die andere umklammerte sein riesiges Schwert. Blut lief zwischen seinen Fingern hindurch, verfing sich in seinem Bart und tränkte sein schmutziges Hemd.  
Meine Klinge blitzte rot und einen Moment lang verstand ich nicht, was geschehen war. Mein Verstand zählte eins und eins zusammen, während ich mich zurück auf die Füße kämpfte. Wie viel Glück konnte man haben? Ich hatte meinen Gegner getroffen, ohne überhaupt mein Schwert zu schwingen. Der Hüne begann wutentbrannt, seine Klinge tanzen zu lassen. Ich trat zur Seite, duckte mich, sprang dem Tod mit jedem Schritt von der Schippe. Der Riese ließ sich von seinen Ohren leiten und schwang sein Schwert blind. Mit jedem verfehlten Schlag schien sich seine Raserei zu steigern und ich konnte nichts anderes tun, als meine Haut zu retten. Sein nächster Schwung traf einen seiner eigenen Kameraden in den Rücken. Mit einem fleischigen Schmatzen riss mein Feind die Klinge los, während der andere Mann röchelnd zu Boden ging.    
Wie ein Berserker folgte mir der Hüne ins Getümmel. Mein eigenes Schwert war nichts weiter als nutzloser Ballast in meiner Hand, aber ich umklammerte den Griff wie ein Ertrinkender einen Ast. Warum kam uns niemand zu Hilfe? Hatte keiner der Kommandanten bemerkt, dass ihr Nachwuchs in der Klemme steckte? Rechts und links von mir streckten Willins Kameraden Angreifer nieder, während ich nichts anderes tun konnte, als den Schwüngen des Berserkers auszuweichen. Rund um meinen Verfolger fielen Banditen in den Staub, von ihrem Verbündeten niedergemäht. Kümmerte es ihn nicht, wen er traf, solange er mich in zwei Stücke hauen konnte? Mir nicht ganz klar, wer jetzt die Banditen ummäht: Die Wachen, der Berserker oder beide? Die Reflexion ist schon wieder grenzwertig, aber noch ok. Ich würde vielleicht noch ein zwischen zwei Schlägen warf ich einen hastigen Blick über die Schulter einfügen, bevor er sich fragt, warum keine Hilfe kommt. Ein paar Mal entging ich nur um Haaresbreite einem tödlichen Schnitt. Hieb Das kann nicht ewig gutgehen, dachte ich, bevor ein Schlag auf meinen Hinterkopf die Welt ins Wanken brachte. Links, rechts, alles relativ. Ich sah Sterne, meine Knie gaben nach und noch ehe mein Kopf aufschlug wusste ich, dass ich nur die eine Chance bekommen würde. Blind oder nicht, direkt zu seinen Füßen war ich ein perfektes Ziel für den Riesen. Ich trat mit aller Kraft zu, traf ihn knapp unterhalb des Knies und rollte zur Seite. Der Mann ging erneut zu Boden, seine massigen Arme ruderten hilflos. Etwas hartes traf mich am Kopf und alles wurde schwarz.   
   
   
„Bei der guten Fee. Sieben! Sieben auf einen Streich!“   
Blut. Überall Blut. Ich japste panisch, aber meine Lungen weigerten sich, ihren Dienst zu tun. Jemand ächzte und dann ließ das erdrückende Gewicht auf meiner Brust nach. Luft strömte zurück in meinen Körper, lieber aktiv: ich sog die kühle Luft ein o.ä. als zwei Wachen den toten Berserker von mir hievten. Seine eigene Klinge steckte tief in seiner Brust.  
„Ist das dein Blut?“, fragte mich die Wache zu meiner Linken, ein breitschultriger Mann um die dreißig mit aschblonden Haaren. Mühelos zog er mich auf die Beine. „Scheint nicht so“, sagte der andere, während er mich von Kopf bis Fuß abklopfte.    
„Willin, du lebst!“ Degen, eine lange Schnittwunde auf seiner Wange, wankte vorwärts und zwang mich in eine einarmige Umarmung. „Ich bin Pe– penetrant. Penetrant nicht totzukriegen“, stammelte ich. Idiot. Erst denken, dann reden. Ich blickte mich um. Ringsum lag ein halbes Dutzend gefallener Banditen – keinem einzigen davon hatte ich auch nur eine Schramme verpasst. Mehr Glück als Verstand, Peyr. Ein Blick nach unten verriet mir, dass mein Gegner offenbar auf mir ausgeblutet war – und Willins Uniform komplett neu eingefärbt hatte. Rostbraun, kein schöner Ton.   
„Wie hast du das geschafft?“, fragte Degen.    
„Glück?“, antwortete ich und die Männer um mich herum lachten. Wir stapften gemeinsam zurück auf das Feld, wo die Schlacht längst entschieden war.


Sobald der Dialog beginnt, wird es schlagartig besser. Bin gespannt auf die Überarbeitung der Kampfszene und die Fortsetzung.

Beste Grüße,

David
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TZH85
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BeitragVerfasst am: 22.12.2015 09:09    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank fürs Feedback, Zeitenträumer.

Lustigerweise habe ich die Szene schon überarbeitet und einige Dinge, die du angemerkt hast ähnlich umgesetzt - z. B. einen Dialog eingefügt und Reflexionen gestrichen und durch direkte Gedanken (in Kursiv) ersetzt.
Ich lasse die Szene erst noch mal sacken und schaue in ein paar Tagen wieder drüber, du hast noch ein paar Ausdrücke angesprochen, die ich mir noch mal durch den Kopf gehen lassen will.

"Vogelfreie" ist in diesem Zusammenhang übrigens nicht wertend, weil das der Name der Banditenbande ist. Zwischen meinen beiden Textproben gibt es noch eine Szene, in der das deutlich wird. Ich hab mich aber dazu entschieden, die Kampfszene einzustellen, weil das mMn die schwächste Szene im Kapitel war und ich Feedback haben wollte Razz


Mal eine generelle Frage: Muss ich im Einstands-Bereich einen zweiten Thread eröffnen, um später mal was in der Werkstatt zu posten oder habe ich das falsch verstanden?
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TZH85
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BeitragVerfasst am: 25.12.2015 17:32    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Frohe Weihnachten allerseits!
Kaum kommt man mal etwas zur Ruhe, klappt das mit dem Schreiben auch schon wieder.
Ich hab inzwischen beide Textproben überarbeitet. Sie gefallen mir jetzt um Längen besser als in der ersten Fassung - und das liegt auch an den hilfreichen Tipps, die ich hier bekommen hab. Merci!


Kapitel 1, Szene 1

Es ist beeindruckend, was ein Volltreffer im Gesicht anrichten kann. Zum ersten Mal in unserem Leben konnte man Willin und mich auseinanderhalten. Eine völlig neue Erfahrung. Mein Bruder wälzte sich unter wehleidigem Stöhnen von einer Seite seiner Pritsche auf die andere. Eine Fahne aus billigem Citer, Qualm und Schweiß schlug mir entgegen. Die rote Schwellung unter seinem linken Auge begann langsam, sich bläulich zu verfärben. Schwer zu sagen, ob seine Nase in Mitleidenschaft gezogen war. Vielleicht würde sie wieder ihre normale Form und Position einnehmen, wenn der Rest seines Gesichts weniger wie eine malträtierte Rübe aussah. Ich öffnete das Fenster der schmalen Kammer, um ein wenig laue Nachtluft herein – und Willins Dunst hinaus – zu lassen und setzte mich ans Fußende seiner Schlafstätte.
»Is er tot?«, quetschte Willin zwischen aufgeplatzten Lippen hervor.
»Nicht mehr als du.«
»Hnf.«
In der Ferne schlug die Turmuhr Eins. Zum Glück brach ein Feiertag an und der Meister erwartete mich nicht vor Mittag in der Werkstatt. Wahrscheinlich saß er zu dieser Zeit selbst in irgendeiner Taverne, trank fragwürdige Spirituosen und freute sich, dem Drachen daheim ein paar Stunden länger aus dem Weg gehen zu können. Ich würde noch ein wenig bleiben, nur um sicherzugehen, dass Willin nicht im Schlaf an seiner zerbissenen Zunge erstickte, und mich dann auf den Weg zurück ins Stoffviertel machen. Vielleicht unterwegs beim Bäcker anklopfen. Zum Greta-Fest gab es überall in der Stadt puppenförmige Hexenkuchen zu kaufen. Der Meister legte mir zwar immer etwas zur Seite, aber vermutlich machte sich Nes genau in diesem Augenblick über meine Portion her.
Ich warf einen Blick über meine Schulter. Willin starrte mit leeren Augen in die tanzende Flamme seiner Öllampe.
»Was hat dich geritten, Ochslin eine zu verpassen? Der Typ wiegt doppelt so viel wie du.«
»Der ist ein Großkotz«, näselte Willin. Vielleicht war es mit unserer Ähnlichkeit doch endgültig vorbei.
»Komisch. Ich hatte den Eindruck, ihr wärt dicke Freunde.«
Ein unverbindliches Grunzen ertönte aus den Tiefen von Willins Decke und ich verspürte eine kleine Woge der Genugtuung. Ich mochte den bulligen Schmied-Gesellen noch nie. Ochslin würde mit Sicherheit ein paar bleibende Erinnerungen an diese Nacht behalten. Zumindest dem kurzen Blick nach zu urteilen, den ich auf ihn werfen konnte, als ich Willin aus der Gosse hinter der ‚Gefallenen Krone‘ hievte. Obwohl für Willin in Sachen gutes Aussehen eindeutig mehr auf dem Spiel stand als für Ochslin. Vielleicht besaß die ganze Angelegenheit ja auch ihre guten Seiten. Ein paar Tage ohne sein ebenmäßiges Grinsen konnten Willin ganz guttun.
»Tja, jetzt bin ich wohl der gutaussehende Bruder.«
Willin hustete einen Lacher. »Wünschst du dir wohl. Hoffentlich bleibt ne Narbe.«
Ugh. Ich konnte es förmlich vor mir sehen: Scharen von Mädchen, die Willin mit flatternden Wimpern fragten, wie er zu seiner Verletzung gekommen war. Bestimmt würde er damit noch verwegen wirken. Wie oft verwechselte mich jemand mit meinem Bruder? Auf den ersten Blick. Dann runzelten sie die Stirn, musterten mich von Kopf bis Fuß und sagten ›Ach, du bist es nur‹. Sogar Nes ließ mich links liegen, wenn Willin in der Nähe war. Aber Unscheinbarkeit besaß auch Vorteile. Keine eifersüchtigen Männer auf Brautschau, die sich für ein heimliches Stelldichein mit ihrer Verlobten rächen wollen, zum Beispiel. Allerdings auch keine heimlichen Stelldicheins mit Verlobten.
Vielleicht hatte es etwas mit Körperhaltung zu tun. Ich streckte meinen Rücken durch.
Da mein Bruder offenbar lebendig genug war, um mich aufzuziehen, beschloss ich, dass es um ihn nicht schlimm bestellt sein konnte. Ich sprang von seiner Pritsche und war in zwei Schritten an der Tür.
»Peyr. Danke.«
»Keine Ursache.« Ich zögerte. »Versuch nur, du weißt schon. Weniger trinken. Weniger bewusstlos geschlagen werden.«
Willin sah mich mit einem runden Auge entgeistert an. Das andere war inzwischen schlitzförmig zugeschwollen. Aber bevor er etwas entgegnen konnte, ertönten schwere Schritte auf dem Flur. Ich verharrte regungslos. Dass ich mich in den Quartieren der Stadtwache besser auskannte als mancher Novize, war ein Umstand, den ich ungern an die große Glocke hängen wollte. Die Wachen wären sicher nicht begeistert zu erfahren, dass ein Unbefugter hier ein und aus ging, wie er lustig war. Aber Mauern hatten Willin und mich noch nie trennen können. Theoretisch sollte die Festung um diese Zeit spärlich besetzt sein. Vor Feiertagen zog es diejenigen, die gerade nicht im Dienst waren, in den Stadtkern. Die Schritte verstummten abrupt. Einen Augenblick später zerriss ein lautes Hämmern die Stille. Das Nebenzimmer? Willins dicke Holztür dämpfte die Stimme eines Mannes.
»Aufstehen, Bereitschaft! Der Wolfstrupp wird in fünf Minuten im Hof erwartet.«
Eine Sekunde lang blinzelte ich Willin ungläubig an. »Du hast Bereitschaft?«, zischte ich im Flüsterton. »Und dann lässt du dich in der Krone volllaufen?« Willins Mund öffnete und schloss sich, ohne dass ein Wort heraus kam. Die Schritte erklangen aufs Neue, sie kamen näher und näher. Keine Zeit zu streiten. Ich blies die Öllampe aus, zerzauste meine ohnehin alles andere als geordneten Locken und öffnete zwei Knöpfe meines Hemdes. Ein paar Handgriffe später sah ich aus wie jemand, der gerade aus dem Bett gestolpert war. Als die Schritte vor Willins Tür zum Stehen kamen, öffnete ich einen Spalt weit, bevor die Stadtwache klopfen konnte.
»Geselle Willin.«
»Schon wach, Herr Kommandant«, entgegnete ich. Ich hielt meinen Kopf geneigt und rieb mir mit dem Handballen die Augen, um möglichst viel von meinem Gesicht zu verbergen. Dumm, Peyr. Wie soll er im Dunkeln den Unterschied merken?
Ich zwang mich, ihm direkt ins Gesicht zu sehen. Willin war niemand, der aus Verlegenheit seine eigenen Füße studierte. Und vielleicht lenkte ich ihn so von meinen zitternden Knien ab. Mehrere Herzschläge lang musterte mich die Wache mit durchdringendem Blick. Dann nickte der Mann einmal kurz und stampfte zielstrebig zum nächsten Quartier. Ich schloss die Tür und lehnte mich mit klammen Handflächen an ihr kühles Holz. Willin versuchte, seinen Körper in eine aufrechte Position zu manövrieren, verhedderte sich in seiner Decke und fiel röchelnd zurück aufs Kissen.
Wortlos durchquerte ich den Raum, öffnete seinen Schrank und zog eine saubere Uniform hervor. Der Schnitt war ein wenig zu weit für mich, aber das würde wohl nur einem Schneidergesellen auffallen. Willin verfolgte jede meiner Bewegungen mit seinem guten Auge. Erst als ich den Helm aus Stahl und Leder aufsetzte, fühlte ich mich einigermaßen sicher. Der Nasenschutz würde einen guten Teil meines Gesichts verbergen. Und wenn ich mit niemandem sprach und nichts tat, das irgendwie mit Schwertern oder Kämpfen oder Dauerlauf zu tun hatte, könnten wir mit der Täuschung davon kommen.
»Bist du wahnsinnig?«, fragte Willin.
»Willst du deine Stelle verlieren?« Ich befreite sein Kurzschwert von der Halterung an der Wand und sicherte die Waffe an meinem Gürtel. Das tödlichste Instrument, das ich bedienen konnte, war eine Schere. Ich drängte den Gedanken ins dunkle Ende meines Hinterkopfs. Gleich neben die Vorstellung von einem Dasein als Nes' Vormund auf Lebenszeit.
»Keinen Mucks. Du schuldest mir was. Bis später«, sagte ich und trat ins Halblicht des Flures, bevor Willin mich vom Irrsinn meines Plans überzeugen konnte.


Kapitel 1, Szene 3:

Ich mischte mich unter die Männer des Wolfstrupps, ein unablässiges Kribbeln in meinem Nacken. Vielleicht lag es an der aufgeladenen Atmosphäre. Während viele der alten Hasen schweigend ihre Klingen schärften, feuerten sich die Jungen gegenseitig an, eifrig, ihren Mut unter Beweis zu stellen. »Die Bastarde werden sich wünschen, sie wären zu Hause bei ihren Müttern geblieben. Die nässen sich ein, wenn sie uns kommen sehen«, knurrte Degen. Gute Idee, dachte ich. Blase leeren. Wenn ich schon sterben muss, dann wenigstens mit trockenem Hosenboden. Ich peilte den nächsten freien Baum an. Als ich zurückkam, gingen meine Kameraden in Deckung. Ich hockte mich neben Degen, dichtes Gestrüpp schirmte uns vom offenen Feld ab. Der Kommandant hob den Arm und alle Unterhaltungen erstarben. Mir schlug das Herz bis zum Hals, die plötzliche Regungslosigkeit nach dem stundenlangen Marsch ließ meine Schenkel krampfen. Meine Waden fühlten sich an wie heiße Steine. Gute Fee, lass es vorbei sein, betete ich. Lass mich in meinem Bett aufwachen. Lass die letzten Stunden zur Erinnerung werden, die ich verdrängen kann.
Rufe drangen durch das Dickicht des Waldes zu uns vor. Erst schwach und matt, dann immer lauter. Schrille Schmerzensschreie. Stahl klirrte, das Donnern von Hufen schwoll an. Ich verharrte regungslos, Schweiß brannte in meinen Augen. Wenige Meter zu meiner Rechten krachte es im Unterholz. Ich hielt den Atem an, neben mir umklammerte Degen den Griff seines Schwertes. Mit pochendem Herzen riskierte ich einen Blick durch die Zweige. Ein halbes Dutzend Männer kämpften sich die Böschung hinter uns hinauf. Wenig später tauchten die Verfolger auf, drei goldglänzende Kämpfer des Löwentrupps. Die Banditen rannten, als sei ihnen die Hexe höchstpersönlich auf den Fersen. Erst als sie außer Sichtweite waren, wagte ich, auszuatmen.
Degen und ich tauschten einen Blick aus. Gemeinsam pirschten wir uns vorwärts, näher ans Feld. An mehreren Stellen sah ich Banditen über den Acker stürmen, Wachen dicht auf ihren Fersen. Zwei Reiter nahmen ein Dutzend Vogelfreie in die Zange, immer wieder hackten sie wahllos auf die fliehenden Männer ein. Ich sah ein schwarzes Ross krachend zu Boden gehen, eine hölzerne Lanze ragte aus seiner Flanke. Der Reiter wurde unter seinem Tier begraben. Ein langgezogener Pfiff ertönte aus der Ferne und Augenblicke später gingen Vogelfreie scharenweise zu Boden, vom Pfeilregen auf den Acker genagelt.
Um mich herum sprangen die Wölfe auf ihre Beine, Schwerter gezogen. Der Kommandant führte seine Männer mit einem Kampfschrei ins Feld, in den Rücken der Feinde. »Ja! Gebt es ihnen!«, schimpfte ein Geselle zu meiner Linken. Die Wachen schienen kurzen Prozess zu machen. Immer mehr Banditen fielen unseren Kämpfern zum Opfer, ihre wild zusammengewürfelten Rüstungen boten keinen Schutz vor den Klingen. Die Gesellen um mich herum strömten aufgeregte Anspannung aus. Kaum ein ängstliches Gesicht, dafür viele auf denen der Durst nach Anerkennung geschrieben stand. Einige tänzelten erwartungsvoll hin und her, Kurzschwerter gezogen.
Ein hohes Surren zerschnitt die Luft und der Geselle neben mir fiel wie ein Stein zu Boden. Aus seinem Rücken ragte ein Pfeil. »Hinterhalt« schrie jemand und bevor ich auf die Beine kommen konnte, stürmten Vogelfreie aus dem Dickicht.
Ich zog mein Schwert und konnte im letzten Moment den Schlag eines massigen Banditen abwehren, der mit aller Kraft auf mich eindrosch. Meine Füße verhakten sich im Wurzelwerk eines Baumes und ich fiel rückwärts zu Boden. Das war es, dachte ich. Eine einzige, glückliche Parade. Ich bin tot.
Der Vogelfreie grinste, hob sein Eisen - eine Klinge, die mir bis zum Bauch gereicht hätte – und stolperte. Instinktiv zog ich die Knie an und schirmte mein Gesicht mit den Armen ab. Der Mann begrub mich unter sich und ein markerschütternder Schrei zerriss mein Trommelfell. Mein Gegner sprang zurück, eine Hand vor seinen Augen, die andere umklammerte das Schwert. Blut lief zwischen seinen Fingern hindurch, verfing sich in seinem Bart und tränkte sein Hemd.
Meine Klinge blitzte rot und einen Moment lang begriff ich nicht, was geschehen war. Ich kämpfte mich zurück auf die Füße. Wie viel Glück konnte man haben? Ich hatte meinen Gegner getroffen, ohne mein Schwert zu schwingen. Der Hüne begann, seine Klinge tanzen zu lassen. Ich trat zur Seite, duckte mich, sprang dem Tod mit jedem Schritt von der Schippe. Der Bandit wankte vorwärts und schwang sein Schwert blind. Ich konnte nichts anderes tun, als meine Haut zu retten. Sein nächster Schlag traf einen seiner Kameraden in den Rücken. Mit einem fleischigen Schmatzen riss er die Klinge los, während der andere Mann röchelnd zu Boden ging.
Mein eigenes Schwert war nur nutzloser Ballast in meiner Hand, aber ich umklammerte den Griff wie ein Ertrinkender den rettenden Ast. Warum kam uns niemand zu Hilfe? Hatte keiner der Kommandanten bemerkt, dass wir in der Klemme steckten? Rechts und links von mir streckten Willins Kameraden Angreifer nieder, während ich nichts anderes tun konnte, als den Schwüngen eines Blinden auszuweichen. Rund um meinen Gegner fielen Banditen in den Staub. Ein paar Mal entging ich nur um Haaresbreite einem tödlichen Treffer. Das kann nicht ewig gutgehen, dachte ich, bevor ein Schlag auf meinen Hinterkopf die Welt ins Wanken brachte. Links, rechts, alles relativ. Ich sah Sterne, meine Knie gaben nach und noch ehe mein Kopf aufschlug, wusste ich, dass ich nur die eine Chance bekommen würde. Blind oder nicht, direkt zu seinen Füßen war ich ein perfektes Ziel für den Riesen. Ich trat mit aller Kraft zu, traf ihn knapp unterhalb des Knies und rollte zur Seite. Der Mann ging erneut zu Boden, seine massigen Arme ruderten hilflos. Etwas Hartes traf mich am Kopf und alles wurde schwarz.

***

»Bei der guten Fee. Sieben! Sieben auf einen Streich!«  
Blut. Überall Blut. Ich japste panisch, aber meine Lungen weigerten sich, ihren Dienst zu tun. Jemand ächzte und dann ließ das erdrückende Gewicht auf meiner Brust nach. Luft strömte zurück in meinen Körper, als zwei Wachen den toten Berserker von mir hievten. Die Klinge seines Schwertes bohrte sich tief in seine Brust.
»Ist das dein Blut?«, fragte mich der Mann zu meiner Linken, ein breitschultriger Kerl um die dreißig mit aschblonden Haaren. Mühelos zog er mich auf die Beine. »Scheint nicht so«, sagte der andere, während er mich von Kopf bis Fuß abklopfte.
»Willin, du lebst!« Degen, eine Schnittwunde auf seiner Wange, wankte vorwärts und zwang mich in eine einarmige Umarmung. »Ich bin Pe– penetrant. Penetrant nicht totzukriegen«, stammelte ich. Idiot. Erst denken, dann reden. Ich blickte mich um. Ringsum lag ein halbes Dutzend gefallener Banditen – keinem einzigen davon hatte ich auch nur eine Schramme verpasst. Mehr Glück als Verstand, Peyr. Ich blickte an mir herunter – Willins Uniform besaß eine neue Farbe. Rostbraun, kein schöner Ton.
»Wie hast du das geschafft?«, fragte Degen.
»Glück?«, antwortete ich und die Männer um mich herum lachten. Wir stapften gemeinsam zurück auf das Feld, wo die Schlacht längst entschieden war.
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UtherPendragon
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Beiträge: 327



BeitragVerfasst am: 25.12.2015 23:03    Titel: Antworten mit Zitat

Frohe Weihnachten TZH85!

Dein Text spricht mich an, wenn ich mir auch, wie von Zeitenträumer angemerkt, die Leichtigkeit des Dialogs zum Ende hin auch an anderen Stellen wünschen würde. Seis drum.

Zitat:
»Der ist ein Großkotz«, näselte Willin. Vielleicht war es mit unserer Ähnlichkeit doch endgültig vorbei.
Die Schlussbemerkung erschließt sich mir an dieser Stelle noch nicht.
Zitat:

Ein unverbindliches Grunzen ertönte aus den Tiefen von Willins Decke und ich verspürte eine kleine Woge der Genugtuung.
Hat eine Decke Tiefen? Die kleine Woge ist mir pers. zu viel des Guten nach dem "unverbindlichen Grunzen"
Zudem würde ich Schmiedegeselle in einem Wort schreiben
Zitat:
Zumindest dem kurzen Blick nach zu urteilen, den ich auf ihn werfen konnte, als ich Willin aus der Gosse hinter der ‚Gefallenen Krone‘ hievte.
Ein Erzähler muss nicht immer zweifeln. Du könntest dir das "zumindest" sparen und einfach konstatieren, dass Petyr einen Blick auf den Herrn Ochslin-Jung werfen konnte.
 
Zitat:
Ein paar Tage ohne sein ebenmäßiges Grinsen konnten Willin ganz guttun.
konnten ganz guttun - erneut eine halbgare Formulierung, bei der ein Erzähler einen Teil seiner Sicherheit preisgibt:) Wie wärs mit "konnten nur guttun" oder "würde sicher guttun" oder oder
Zitat:
die Willin mit flatternden Wimpern fragten,
Vorschlag: "darüber ausfragten"?
Zitat:
Keine eifersüchtigen Männer auf Brautschau, die sich für ein heimliches Stelldichein mit ihrer Verlobten rächen wollen, zum Beispiel. Allerdings auch keine heimlichen Stelldicheins mit Verlobten.
Haha, Nice!
Zitat:
Da mein Bruder offenbar lebendig genug war, um mich aufzuziehen, beschloss ich, dass es um ihn nicht schlimm bestellt sein konnte
Find den Satz nicht so gelungen.
Zitat:
Versuch nur, du weißt schon. Weniger trinken. Weniger bewusstlos geschlagen werden
Genialer Satz. Hab ich auch schonmal gehört^^
Zitat:
Willin sah mich mit einem runden Auge entgeistert an. Das andere war inzwischen schlitzförmig zugeschwollen
Das "runde" könntest du dir auch sparen find ich
Zitat:
Dass ich mich in den Quartieren der Stadtwache besser auskannte als mancher Novize, war ein Umstand, den ich ungern an die große Glocke hängen wollte. Die Wachen wären sicher nicht begeistert zu erfahren, dass ein Unbefugter hier ein und aus ging, wie er lustig war.
Dies ist als Außenstehender natürlich immer ganz leicht zu sagen, aber ich finde diese Sätze zu verschachtelt und zu naiv. Das sind ganz klare Tatsachen, derer sich ein junger Mann ja nun auch bewusst sein sollte.
Zitat:
Willin versuchte, seinen Körper in eine aufrechte Position zu manövrieren, verhedderte sich in seiner Decke und fiel röchelnd zurück aufs Kissen.
Hier dürfte sich ruhig ein Zeitwort wie unterdessen, währenddessen etc. einschleichen;)

Das Ende der ersten Szene ist sehr souverän zu Papier gebracht!

Zitat:
Ich mischte mich unter die Männer des Wolfstrupps, ein unablässiges Kribbeln in meinem Nacken
Lies den Satz mal ganz langsam, das Kribbeln steht in keinem Zusammenhang mit irgendetwas in diesem Kasus
Zitat:
Vielleicht lag es an der aufgeladenen Atmosphäre.
Finde ich sehr trivial.
Zitat:
Während viele der alten Hasen schweigend ihre Klingen schärften, feuerten sich die Jungen gegenseitig an, eifrig, ihren Mut unter Beweis zu stellen.
Diese Analyse scheint eher von einer Autoreninstanz als von einem direkt beteiligten neuling zu stammen, der der Angst fette Beute ist. Die Gedanken sind so klar/zu klar, weißt du was ich meine? Ist aber ganz fix verbessert, und danach geht es ja auch äußerst glaubwürdig weiter. Auch wenn ich finde, dass Bastarde und Mütter wirklich IMMER im Spiel sind lol2
Zitat:
Meine Waden fühlten sich an wie heiße Steine
Astrein
Zitat:
Erst schwach und matt, dann immer lauter
"matte" Rufe?

Zitat:
Ein halbes Dutzend Männer kämpften sich die Böschung hinter uns hinauf
"kämpfen" suggerierte mir ein Gefecht, dennoch meinst du wohl sowas wie klettern.. Hat mich etwas herausgerissen.
Zitat:
ihre wild zusammengewürfelten Rüstungen boten keinen Schutz vor den Klingen
"Den Klingen" sagt leider gar nicht präzises aus.. welche Klingen?
Zitat:
Die Gesellen um mich herum strömten aufgeregte Anspannung aus
Ne, nein also der Satz ist voll doof. Löst ganz seltsames Kopfkino von überkochenden Reistöpfen aus bei mir
Zitat:
Kaum ein ängstliches Gesicht, dafür viele auf denen der Durst nach Anerkennung geschrieben stand.
Finde ich auch noch nicht sehr glaubwürdig beschrieben. Wie kann der kampfunerfahrende Petyr dies bestimmen
Zitat:
»Hinterhalt« schrie jemand und bevor ich auf die Beine kommen konnte, stürmten Vogelfreie aus dem Dickicht.
Stell dir vor, du befindest dich im Schlachtgetümmel und siehst genau dies - würdest du die Gefahr im Nachhinein als Erzähler einfach als "Vogelfreie stürmten aus dem Dickicht" präzisieren? Irgendwas fehlt da, finde ich zumindest

Zitat:
Ich zog mein Schwert und konnte im letzten Moment den Schlag eines massigen Banditen abwehren, der mit aller Kraft auf mich eindrosch. Meine Füße verhakten sich im Wurzelwerk eines Baumes und ich fiel rückwärts zu Boden. Das war es, dachte ich. Eine einzige, glückliche Parade. Ich bin tot.
Der Vogelfreie grinste, hob sein Eisen - eine Klinge, die mir bis zum Bauch gereicht hätte – und stolperte. Instinktiv zog ich die Knie an und schirmte mein Gesicht mit den Armen ab. Der Mann begrub mich unter sich und ein markerschütternder Schrei zerriss mein Trommelfell. Mein Gegner sprang zurück, eine Hand vor seinen Augen, die andere umklammerte das Schwert. Blut lief zwischen seinen Fingern hindurch, verfing sich in seinem Bart und tränkte sein Hemd.
Meine Klinge blitzte rot und einen Moment lang begriff ich nicht, was geschehen war.
Wiederum bravourös geschrieben. Nur zerrissen sind seine Trommelfelle doch sicher nicht ganz?
Zitat:
Mit einem fleischigen Schmatzen riss er die Klinge los, während der andere Mann röchelnd zu Boden ging.
Jaa! JAAAA!
Zitat:
Rund um meinen Gegner fielen Banditen in den Staub. Ein paar Mal entging ich nur um Haaresbreite einem tödlichen Treffer. Das kann nicht ewig gutgehen, dachte ich
Komisches Kopfkino von gefällten steifen Wesen namens "Banditen". Außerdem ist Petyr zuvor schon tödlichen Treffern ausgewichen.

Der Rest liest sich ausgezeichnet, besonders der penetrante Petyr ähh Willins!

Was allgemein die Kampfszenen angeht, empfehle ich dir Bernard Cornwall, ein Autor, der u.a. hist. Romane über die Eroberungskriege der Nordmänner in Großbritannien oder die Schlacht bei Hastings geschrieben hat. Der hat ein ungeheures Gespür für die versatzstückartigen Gefühle eines mannes, welcher sich das erste Mal in einer Schlacht befindet und liest sich dazu großartig - mich hat dieser Autor in dieser hinsicht bereichert wie kein anderer. Wobei ich selbst eigentlich mal schön mein Maul halten kann, schließlich komme ich seit einem guten Jahr kaum noch zum schreiben..

Würde weiter lesen.

Liebe Grüße,

Uther P


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TZH85
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Wohnort: Essen


BeitragVerfasst am: 07.05.2016 21:06    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier auch noch mal, weil die Testleserbörse so versteckt ist smile

Testleser gesucht

N'Abend! Ich suche ein bis zwei Testleser für mein Fantasy-Manuskript. Bisher hab ich in Freundes/Bekanntenkreis rekrutiert, aber eine unabhängige Stimme täte gut.

Genre: Fantasy

Inhalt: Peyr und Willin sind grundverschieden  - bis auf ihr Gesicht und das Talent, Ärger heraufzubeschwören. Während der eine Zwilling sich auf sein schnelles Köpfchen verlässt, bevorzugt der Andere schnelle Fäuste. Als ein selbsternannter Banditenfürst und seine Incantatin ihre Heimatstadt bedrohen, müssen die Brüder ihre ganze Straßenschläue einsetzen, um die eine Person zu beschützen, die das Undenkbare verhindern kann: die Rückkehr der totgeglaubten Magica-Kunst.
Peyr ist der Ich-Erzähler der Geschichte, die sich an Jugendliche und Young-Adult-Leser richtet. Romanzen findet ihr nicht, dafür Humor, Action und ein bisschen Detektivarbeit seitens der Brüder.

Der Umfang:Ungefähr 100 000 Wörter.

Besondere Wünsche: Ich verlange keine Detail-Kritik. Es geht mir nicht um eine Stilanalyse (wenn über einen Ausdruck gestolpert wird, kann's natürlich erwähnt werden). Vielmehr möchte ich wissen: Findet ihr Löcher im Plot? Handeln die Figuren nachvollziehbar? Sind sie sympathisch?
Durchquälen muss sich niemand. Falls die Geschichte nicht überzeugt, würde ich einfach gern wissen, an welcher Stelle und warum der geneigte Testleser ausgestiegen ist.

Bei Interesse einfach eine PN schicken.
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Michel
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Beiträge: 1618
Wohnort: Südwest
Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 08.05.2016 06:24    Titel: Antworten mit Zitat

Hast ne PN.
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GereonSand
Geschlecht:männlichAbc-Schütze


Beiträge: 6
Wohnort: Rheinland-Pfalz


BeitragVerfasst am: 08.05.2016 07:30    Titel: Antworten mit Zitat

... und noch eine smile
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