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Gesetzmäßigkeiten

 
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lupus
Geschlecht:männlichBestseller-Autor

Alter: 50
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Wohnort: wien



BeitragVerfasst am: 15.11.2015 19:00    Titel: Gesetzmäßigkeiten eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

- Sie sangen Lieder.
- Lieder?
- Ja, Lieder.
- Hier? Unter freiem Himmel? Öffentlich?
- Hinter ihrer Mauer.
- Welche Art von Liedern?
- Lieder eben.
Er wird keine weiteren Angaben machen können. Jedenfalls wird er sich an die Gesetze halten: Musik ist zu melden. Immer. Dem habe man Folge zu leisten, - werden sie nicht vergessen haben, immer und immer wieder zu betonen - denn was wäre ein Bürger, der sich heraus nähme, Paragraphen des Staates zu negieren? Nichts anderes als ein Krebsgeschwür, ein Virus, sei er, ein Wurm, werden sie sagen, zersetzend von innen, zu bekämpfen mit: Gesetzen. Aus Wurm folgt Gesetz folgt Gesetz.

*

Ich sitzt in seinem Zimmer. Es klopft.
- Wer da?
- Ich.
- Ich?

*

Mein Großvater verbrachte viel Zeit auf der ledernen Couch in seinem Genuss-Zimmer. So nannte er den Raum, den Bibliothek zu nennen, er sich weigerte, schließlich fehlten unendlich viele Bücher, um diesen Begriff zu rechtfertigen. Ausgestreckt lag er dann dort, die x-fach gefaltete Decke ließ ihn moribund, der riesige Kopfhörer unnatürlich erscheinen, und er las. Oder hörte Gluck, Mozart, Webern, auch Strauss (Johann, dem Richard hatte er sich stets verwehrt).Revolutionswalzer. Und er lächelte. Ein einziges Mal unterbrach er sein Genießen: „Ich habe im Weltkrieg niemanden erschossen.“ Weder nach Rechtfertigung klang es, noch nach Entschuldigung, eher wie: „Ich bin der Sohn meines Vaters.“ Für mich jedenfalls war das eine gute Nachricht; die schlechte erkannte ich erst Jahre später: Zum Widerstand hatte es nicht gereicht. Tut mir leid, mein Junge. Oder war das Nicht-Erschießen schon als solcher zu werten? Alles gut, Opa. Sprache ist auch Semantik.

Ein Bruder meines Großvaters verbrachte zwei Wochen in Norwegen und schoss auf alles, was sich bewegte, weil: Befehl. Dann zerfetzte ihm eine norwegische Kugel das Gehirn.

Mein Großvater verbrachte täglich Stunden hinter der Freien Presse und löffelte Suppe aus leeren Suppentellern bis ihn seine Frau anschnautzte: „Schmeckt's?“ Dann ließ er den Löffel fallen, dass es platschte. Dann pfiff er nach seinem Hund. Dann ging er. Dann wurde es Nacht.
Wenn mein Großvater betrunken nach Hause kam, war er redseliger denn je. Vielleicht wollte er das Schweigen des Schachspiels durchbrechen, vielleicht hoffte er auch die Diskussionen fortführen zu können, oder aber er genoss einfach die Unsicherheit in der Sprache, vielleicht die Herausforderung diese Unsicherheit zu kaschieren, oder einfach nur das aus den Fugen geratene Leben. Im Grunde hasste der Großvater nichts mehr als Fugen. Er erzählte von der Nachkriegszeit, davon, dass er Musikant gewesen war – niemals hätte er Musiker gesagt, zu groß war die Hochachtung vor den „wahren Künstlern. Ich spielte nur. Erst Jazz für die Briten, dann Schrammelmusik für die Russen. Gegen jedes Gesetz schließlich: Jazz für die Russen. Jeder hat das Recht, Jazz zu hören. Jede Musik. Kein Mensch braucht die Musik.“ (manchmal: „Kunst“, öfter: „Bücher“) „Aber: Ohne sie stirbt die Menschheit “
- Warum?
Er überreichte mir feierlich Leib und Seele bei Descartes und weitere Bücher, die ich erst sehr viel später verstehen sollte.

Ein Bruder meines Großvaters verbrachte Monate im sumpfigen Russland und schoss auf alles was sich bewegte und wurde befördert. Man brauchte Offiziere – viele gab es nicht mehr. Als die Russen vor der Tür standen, riss er sich seine Abzeichen von der Uniform, um nicht als Befehlsinhaber erkannt und sofort erschossen zu werden. Die Rote Armee zog sich zurück. Was zur Folge hatte, dass er als Deserteur hingerichtet werden sollte: Vor ihm standen fünf Mann seines Zuges, die Gewehre im Anschlag, um ihm das Gehirn zu zerfetzen. In diesem Moment flogen die Russen einen Luftangriff. Ein Bruder meines Großvaters wurde als einziger in ein russisches Lager verfrachtet. Ewige Dankbarkeit.

Niemals sprach ein Bruder meines Großvaters mit meinem Großvater darüber.

*

- Mit 'Lieder eben' kann ich nichts anfangen, da müssen Sie schon konkreter werden.
- Das kann ich nicht.
- Ich bin hier, um Ihnen zu helfen, in Ihrem eigenen Interesse.
Sie wird ihn anstrahlen. Maria wird ihr Brustdisplay verkünden. Maria wird reichen müssen, mehr zu wissen wird dem Bürger nicht nötig sein. Seit Veröffentlichung des entsprechenden Dekrets – werden sie sich rühmen - sei die Rate an Beschwerden über Beamte signifikant zurück gegangen. Ein voller Erfolg. Jubel. Lang wird es nicht mehr dauern bis alle Beamtinnen Maria heißen; die Männer Fritz?
- Mir helfen? In meinem Interesse?
- Wenn Sie nicht exakter Stellung nehmen, schreibt das Korrelations-Amt vor, davon auszugehen, dass Sie gezielt die Staatszeit vergeuden wollen. Das hätte Konsequenzen.
- Das wusste ich nicht, ich dachte …
- Es ist nicht nötig, dass ein Bürger alle Gesetze kennt. Ihre Aufgabe besteht lediglich darin, diese zu befolgen.
- Aber …

*

Wenn ich es mir recht überlege, verbrachte mein Großvater sein halbes Lebens damit zu schweigen. Ich vermute, er hatte keine Antworten. Ich liebte ihn. Auch für dieses Gemeinsamschweigen.

Ein Bruder meines Großvaters wurde am 24. Februar 1945 erhängt. Ihm wurde zur Last gelegt,  Mitglied von 05 gewesen zu sein und er hatte nicht geleugnet. Niemals hätte er es geleugnet.
Ein Fremdenführer, letzte Woche vor dem Wiener Stephansdom: „Sehen Sie dieses Zeichen, das in die Mauer eingraviert ist? Null-Fünf. Der fünfte Buchstabe des Alphabetes ist E. Wir haben also OE,  Ö für Österreich. Wir haben also hier das Zeichen des Österreichischen Widerstandes gegen das Nazi-Regime. Dessen Mitglieder kamen aus den verschiedensten Lagern: Kommunisten, Sozialisten, Monarchisten, Demokraten, Liberale, Christlich-Konservative. Kaum Juden. Sie alle verfolgten à la longue die unterschiedlichsten Ziele, kurzfristig jedoch: Solidarität der Empörten, so wie 35 Jahre später die Unterzeichner der Charta 77 in Prag.“)

*

Gestern hat H.C. Strache den österreichischen Bundeskanzler, die Ein Zaun ist nichts Schlechtes-Ministerin und die Österreichischen Bundesbahnen bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Nicht etwa, weil die Ministerin Österreich zum Schrebergarten degradiert, sondern weil Gesetze nicht eingehalten werden.
Weil: zwar Ausnahmesituation, nicht aber für Gesetze.
Weil: wenn a, dann b. Ohne aber.
a = illegaler Grenzübertritt
b = Lager
Weil: aus a folgt b.
a = Invasion = Krieg
b = Verteidigung = Bundesheer = Soldaten = ??
aber
(aber: Vergleiche sind unangebracht. Weil?)

*

Marias Strahlen wird sich verschleiern, sie wird mit den Fingern ihren Unterarm  berühren, sie wird Statistiken in die Luft projizieren. Mein Herr, wird Maria sagen, Sie haben in den letzten drei Jahren sieben Meldungen eingereicht. Drei Mal wegen Literatur, jeweils zwei Mal wegen Malerei und Musik. Zusätzlich registriere ich siebzehn weitere Eingaben bezüglich diverser anderer Vergehen. Hier etwa: Verwendung verbotener Wörter. Die überwiesene Summe von 30.745 spendeten Sie zu 84,36% für Ihren Evolutionsbeitrag dritter Klasse. Die zweite Klasse hätte gereicht, Ihnen die neuesten Gesetze einzudenken.
- Ich
Marias Blick wird ihm zu verstehen geben, dass sie ohnehin wisse, was er im Sinn hat, dass aber seine Gedanken nicht wichtig seien in diesem Moment, dass hier und jetzt nur zähle, was sie, seinen Angaben entsprechend, ins Formular eindenken würde. Aber - so wird er denken - ich bräuchte doch nur etwas zu erfinden, am besten ein schwer wiegendes Verbrechen, damit das Korrelationsamtsinteresse zwangsläufig geweckt wird, etwas wie: sie sangen Nieder mit ... ; in der Hoffnung könnte er solches erfinden, dass sie, Maria also, dass sie sofort die Notwenigkeit erkennen würde, ihn ohne weiteres Hinterfragen in die Zweier-, vielleicht ohne Umwege in die Einser-Klasse einzustufen; dann aber wird er sich fragen, ob denn das Denken nun doch eine Rolle spiele und ob Maria die Lüge als solche aufdecken würde. Denn: „Die Lüge gegenüber dem Staate ist das schlimmste Verbrechen, schlimmer noch als jede Religion“, werden sie in regelmäßigen Abständen verlautbart haben. Und seine Frage nach dem Warum wird er nicht mehr verstehen, geschweige denn eine Antwort, die es ohnehin nicht geben wird.
- Aber

*

Irgendwann traf ich auf meinen Großvater, als er die Rossegger Gasse entlang schlurfte, dort, wo einst sein Freund der Schuster eine Werkstatt hatte. Eingehüllt in die Moribundendecke, umfasste er mit der Linken den Lauf einer Büchse, krächzend zeichnete der hölzerne Kolben Mäander in den Asphalt. In der Kleinstadt kannte man den alten Professor. Niemand traute ihm Böses zu.
„Wir hatten keine Befehle“, flüsterte er.
Und ich verstand: Februar 1934. Der beginnende Austrofaschismus schießt im Bürgerkrieg auf alles Sozialdemokratische, das sich im Wiener Karl Marx Hof verschanzt hat. Zeitgleich wartet mein Großvater in Kärnten gemeinsam mit dem Schuster auf weitere sozialdemokratische Befehle, die nie kommen werden, weil es keine Kommandostruktur mehr gibt. Die Faschisten zerfetzen auf Befehl innerhalb von zwei Tagen hunderte Widerstandsgehirne. Sprachlosigkeit.
„Opa, warum warst du später mit den Empörten nicht solidarisch?“
„Zu spät.“

*

Frage an Strache: Warum verzichten Sie auf Heil-Rufe?
Antwort: Es ist Gesetz.
Frage an den Gesetzgeber: Warum machen Sie es mir so schwer, Arschlöcher zu erkennen?
Antwort: Es ist Gesetz.

Weil ich nicht weiß, ob ich die richtigen Fragen stelle, zermartere ich mir das Gehirn.

*

Weil es keine Bücher mehr geben wird, die er seinem Enkel vorlegen könnte, die dieser erst sehr viel später verstehen würde, wird sich mein Sohn das Gehirn zerfetzen.
Weil er sich wünschen wird, niemals geboren worden zu sein, werden Sie meinem Urenkel das Ich zerfetzen. Beendete Undankbarkeit.
Weil er sich den Evolutionsbeitrag nicht leisten wird können, wird der Sohn meines Urenkels eines frühen natürlichen Todes sterben.

*

system error

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Literättin
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Das silberne Stundenglas Der goldene Roboter
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BeitragVerfasst am: 16.11.2015 11:50    Titel: Antworten mit Zitat

Mein Favorit: eindeutig E, eindeutig fragmentarisch und darüber hinaus ein sehr berührender und nachdenklich stimmender Text.

Der Einstiegsdialog zieht mich sofort hinein in eine gefühlte Dystopie (anfangs lässt sich das ja noch nicht konkret an irgend etwas festmachen). Ich habe sofort eine Art Verhör vorm inneren Auge und bin gespannt, wie sich das entwickelt. Sehr atmosphärisch (mit kleineren Schwächen, wie die der x-fach gefalteten Decke, die mir doch nicht wegen der x-fachen Faltung den Großvater moribund erscheinen lässt und ähnliche Kleinigkeiten), ist die Erzählung über den Großvater, der mir in all seinen Passagen sehr deutlich mit seinen inneren Regungen und Konflikten fassbar ist.

Gleichermaßen atmosphärisch und dabei sehr unaufdringlich SiFi sind die Textteile, die sich um Maria drehen. Die „leuchtende“ Ersatz-Religions MenschMaschine, die wohl ihn verhört, ohne dass ich erfahre, wer er nun eigentlich ist, der die illegalen Lieder belauscht hat und dabei ist zu verraten (um sich seine Überlebensvorteile zu sichern).

Der Text hat es in sich.

Manches erschließt sich mir nicht, wie z.B. die a und b Gleichung, oder auch die Schlussfolgerungen in Sachen Urenkel und dessen Sohn (hier muss ich wohl einfach noch drüber nachdenken) und ich muss zugeben, dass mein Wissen in Sachen Strache gegen null tendiert und mir diese Verbindung leseverstehend verloren geht. Aber solche Stellen schaffen es nicht, mir diesen Text zu schwächen.

Wie gesagt: Mein Favorit!
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Schreibhand
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BeitragVerfasst am: 16.11.2015 22:44    Titel: Antworten mit Zitat

Hmm....???
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Vanir7777
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Beiträge: 104



BeitragVerfasst am: 20.11.2015 08:55    Titel: Antworten mit Zitat

Bei meinen Bewertungen gehe ich nach folgendem Schema vor:
Inhalt/Hat es zum Denken angeregt?
Sprache/Stil (Ich bin kein Germanist! Ich finde ein guter Schreibstil schlägt sich darin nieder, dass man den Text liest und nicht über Sätze, seltsame Metaphern o.Ä. stolpert.)
Subjektiver Eindruck
Am Ende entscheidet mein Eindruck, da ich der Meinung bin, dass Texte schwer objektiv bewertet werden können. Ich versuche aber bei Inhalt und Stil auf die Gründe einzugehen.

Du schaffst es eine bedrückende Atmosphäre aufzubauen, eine Gesellschaft im Schraubstock von Regeln und Lebensverlängerungen – fantastisch.
Und dann wären wir schon bei dem Teil, der mir nicht gefällt, keine Sorge, es ist ausschließlich ein persönliche Meinung: Ich kann es nicht mehr lesen, angucken oder irgendwie anders konsumieren, der Zweite Weltkrieg als Thema nervt mich.
Der Widerstand von Intellektuellen im 2. WK wird hier auch nicht wirklich thematisiert, was mMn besser zur Geschichte gepasst hätte, aus diesem Grund frage ich mich, was das Setting soll.
Schön  flüssig zu lesen, handwerklich gut. Die Absätze haben den Text nicht zu sehr zerhackt, also alles richtig gemacht.
Aufgrund meiner persönlichen Abneigung weniger Punkte zu vergeben halte ich nicht für angemessen, ich versuche also zu objektivieren und gebe 3 oder 4 Punkte. Es gab einige Texte, die für mich auf dem gleichen Niveau waren, deren Thematik mir aber mehr zusagte. Deshalb leider keine Punkte.
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Babella
Geschlecht:weiblichAutor

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Beiträge: 600

Das goldene Aufbruchstück Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 22.11.2015 08:52    Titel: Antworten mit Zitat

Das ist jedenfalls mal ein Fragment, und das ist E. Lässt mich verwirrt zurück. Und so sollte das wohl auch.
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Tjana
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BeitragVerfasst am: 24.11.2015 01:20    Titel: Antworten mit Zitat

Eine Dystopie.
Das Thema scheint mir gleich in zweierlei Hinsicht aufgegriffen:
- Das hochtechnisierte System (Brustdisplay, jemandem die Gesetze eindenken, Projektionen in die Luft)
- Der Erzähler, der versucht, in diesem System schlicht zu funktionieren wie eine Maschine. Aber er denkt. Malt sich aus, wie es ablaufen könnte, wenn er sich konform verhält. Denkt an seinen Großvater und dessen Brüder. Denkt an heute verbotene Dinge (Bücher, Musik)

Mir gefällt diese Umsetzung des Themas und auch die Sprünge der Gedanken, die wie Szenenwechsel daher kommen. Für mich spiegelt sich darin der Konflikt des Erzählers.


_________________
Wir sehnen uns nicht nach bestimmten Plätzen zurück, sondern nach Gefühlen, die sie ins uns auslösen
In der Mitte von Schwierigkeiten liegen die Möglichkeiten (Albert Einstein)
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rieka
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Beiträge: 972



BeitragVerfasst am: 24.11.2015 11:58    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inco.
Es ist ziemlich schwierig für mich, den Texten dieses Wettbewerbs gerecht zu werden. Ich versuche es:
Mit diesem Text habe ich mich herumgeschlagen, ohne zu einem Schluss kommen zu können. Ich konnte ihn weder als nicht tiefsinnig ablehnen, denn tiefsinnig ist er ohne Zweifel, noch wegen seiner verständlichen Aussage, mit der ich mitgehen kann, wertschätzen. Ich bin mehr oder weniger verwirrt zwischen den geschilderten einzelnen Szenen herumgerutscht.  
Meinem Leseverständnis nach wird in diesem Text das Persönlichkeitsfressende einer totalitären, aber auch denk- und  meinungsterrorisierenden Staatsmaschinerie geschildert. Vielleicht – der Bürger als Befehlsempfängermaschine  in sich immer wieder wiederholenden (Staats)Systemen und Konstellationen? Der Mensch als Gehorsamsmaschine vor dem jeweiligen Gesetz? Früher wie heute, wie eh und je und immer wieder.
Soweit meine Sicht. Warum aber fällt mir eine Einordnung so schwer?
Der Gedanke hinter dem Text gefällt mir. Mit dem fesseln, einbinden hapert es etwas, der Text springt von Szene zu Szene,, ohne dass es der Emotion gelingt, mich ausreichend einzubinden.
Woran aber liegt das? Geschrieben ist der Text gut, die einzelnen Szenen sind nachvollziehbar. Die Aussage, die ich in ihm vermute, könnte aufrühren. Stattdessen meldet sich ein Überdruss. Spricht das nun für oder gegen den Text.  
Obwohl zusammenhängend wirkt er auf mich fragmentiert. (so was aber auch) und mir bleibt ein unangenehmes Gefühl, so dass ich den Text wegschieben möchte und dann doch wieder auch nicht.
Was mir nicht gefällt ist das Ende, das auf mich ein bisschen wie ein Endzeitszenarium wirkt.
Zitat:
Weil es keine Bücher mehr geben wird, die er seinem Enkel vorlegen könnte, die dieser erst sehr viel später verstehen würde, wird sich mein Sohn das Gehirn zerfetzen.
Weil er sich wünschen wird, niemals geboren worden zu sein, werden Sie meinem Urenkel das Ich zerfetzen. Beendete Undankbarkeit.
Weil er sich den Evolutionsbeitrag nicht leisten wird können, wird der Sohn meines Urenkels eines frühen natürlichen Todes sterben.

Verschleierte Machtausübung an Menschen mit Hilfe von Regeln und Gesetzen hat es gegeben, seit Menschen sich zusammengeschlossen haben und es wird sie weiter geben mit Unterwerfung, Befreiung, Unterwerfung, Befreiung ….
Soweit meine fragmentierten Gedanken dazu.
LG rieka
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lupus
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BeitragVerfasst am: 24.11.2015 22:18    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

naja - vielleicht ein bisserl viel hinein gestopft. Smile

und das system error am Ende ist echt sch....


_________________
lg Wolfgang

gott ist nicht tot noch nicht aber auf seinem rückzug vom schlachtfeld des krieges den er begonnen hat spielt er verbrannte erde mit meinem leben

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"Ich bin leicht zu verführen. Da muss nur ein fremder Mann herkommen, mir eine Eiskugel kaufen und schon liebe ich ihn, da bin ich recht naiv. " (c) by Hubi
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Michel
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Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 25.11.2015 13:04    Titel: Antworten mit Zitat

Komplexe Zeitstruktur.

Ich habe eine Weile gebraucht, um mich in den verschiedenen Zeitebenen des Textes einigermaßen zurechtzufinden, der große Brücken schlägt zwischen '45, der Gegenwart und einer Dystopie, in der '45 wieder durchscheint.
"Das Besondere normal erscheinen lassen und das Normale besonders" - wer hat diese Forderung aufgestellt? Hier finde ich sie erfüllt, auf eine Weise, die mich irritiert stocken und dann doch weiterlesen lässt.
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Jenni
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger


Beiträge: 3727

Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 25.11.2015 19:45    Titel: Antworten mit Zitat

Einer der (wenigen) Texte im Wettbewerb, mit denen nicht schnell fertig zu werden ist. Das finde ich gut - und versuche gar nicht fertig zu werden. Ich versuche mich anzunähern.

Drei Erzählstränge kann ich in deinem fragmentarisch erzählten Text ausmachen:

- Die nationalsozialistische Vergangenheit Österreichs, in welcher verschiedene ethisch/moralische Positionen ein namenloser „Großvater“ und seine „Brüder“ einnehmen: der Großvater selbst der Mitläufer der nicht hinterfragt, ein Bruder ein Nazi-General, ein Bruder im Dienste seines Landes gestorben, und einer war im aktiven Widerstand.

- Die Gegenwart: „Ich“ weiß nicht, wo er/sie(/ich) steht. Das Weltgeschehen (im Kleinen: die österreichische Politik) scheint „ich“ höhere Mathematik zu sein, oder: eine Gleichung ohne Unbekannte - und trotzdem undurchschaubar. Der Großvater kann nicht weiterhelfen, denn mit ihm hat niemand gesprochen, und selbst hat er sich ja nicht positioniert, überhaupt sein Leben lang geschwiegen.

Die Zukunft: eine an Fritz Langs Metropolis angelehnte Welt (falls das deine Intention war, diese Assoziation haben jedenfalls in diesem Zusammenhang die Namen bei mir geweckt), in der Gesetze unkritisch befolgt werden und die Menschen von Maria-Automaten regiert. Eine Welt, in der Kultur (Musik, Malerei, Literatur) verpönt, nein verboten sogar ist, in der es keine Bücher mehr gibt, dafür verbotene Worte. Das fiktive Wesen dieser Zukunft wird jedoch durch die Anlehnung an den Film betont, oder vielleicht auch die Tatsache, dass die Vorstellung des Erzählers von der Zukunft keine neue ist?

Lautet die Gleichung so: Wenn über die Vergangenheit geschwiegen wird, fehlen in der Gegenwart die Worte, um eine Zukunft zu verhindern, in der es keine Worte (Meinungen/Fragen/Bücher/Freiheit) mehr gibt oder geben darf?
Wir müssten aus der Vergangenheit lernen, um die Gegenwart zu verstehen, was wir aber nicht tun - was Gesetzmäßigkeit ist? (Zudem ein Vergleich unangebracht ist.)
Keine neuen, aber immer aktuelle Fragen.

Und weiter … system error: Vielleicht wolltest du ja auch auf etwas ganz anderes hinaus.

Was ich mag ist die Unsicherheit und Orientierungslosigkeit, ein (sich selbst) Infragestellen, das in diesem Text spürbar ist, was der Fragment-Vorgabe natürlich herrlich gerecht wird. Das Thema ist mir weniger klar umgesetzt: damit etwa, dass in der Zukunft die Menschen von emotionslosen Robotern kontrolliert werden? Dann wäre ich jetzt enttäuscht. Oder mit der Zwangsläufigkeit des Geschehens, der Wiederholung von Routinen mangels Neubewertung des eigenen (<- in Bezug auf die gesamte Menschheit) Handelns.

-> 10 Punkte
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Akiragirl
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BeitragVerfasst am: 25.11.2015 21:46    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,

das hier ist für mich der Text im ganzen Wettbewerb, zu dem ich rational am wenigsten Zugang gefunden habe. Ich verstehe einfach nicht, wohin du mich damit führen willst, was die Klammer über allem ist, obwohl da einzige Sätze und Absätze drin sind, die mich durchaus packen. Ich weiß, dass die Organisatoren den zugelassenen Texten die Erfüllung der Vorgabe „Menschmaschine“ quasi indirekt bescheinigt haben und doch finde ich die Vorgabe auch nach 3 Lesedurchgängen hier nirgendwo. Vermutlich habe ich etwas übersehen. Oder geht es nur um dieses „Soldaten funktionieren wie Maschinen“/ „Der Krieg ist wie eine Maschine“-Thema? So wie ich die Vorgabe verstanden hatte, hätte eine solche Umsetzung aber nicht ausreichen sollen.

Es geht um den Nationalsozialismus, um Krieg, um Zwangsläufigkeiten, irgendwie. Ich sehe gute Ansätze, aber ich durchdringe nichts.
Ich erkenne an, dass es sich um einen E-Wettbewerb handelt und es okay ist, wenn nicht jeder jeden Text versteht. Vielleicht ist „verstehen“ manchmal auch das falsche Wort, manche Texte funktionieren eben eher auf stilistischer oder emotionaler Ebene, wie ja auch Lyrik das tut.
Das Problem für mich ist, dass ich nicht so recht weiß, wie ich einen Text nun bewerten soll, der mir zwar irgendwie auf eine Art gefällt, zu dem ich aber gleichzeitig nicht durchdringen kann.

Nach langem Hin und Her überlegen habe ich mich nun dazu entschlossen, dem Text 2 Punkte zu geben – und entschuldige mich schon mal für mein Unvermögen.

Liebe Grüße
Anne


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Flotte Schreibefeder
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BeitragVerfasst am: 25.11.2015 22:09    Titel: Antworten mit Zitat

Mir hat die Herangehensweise an das Thema sehr gut gefallen. Die Interpretation von Maschine ist mir erst bei weiterem Nachdenken klargeworden, eine wirklich schöne Herangehensweise.

Da ich auch ein bisschen historisch interessiert bin, hat mir dein Text mit am Besten gefallen. Schön fand ich auch die Stilmittel, zum Beispiel die Klammer mit dem Bruder/den Brüdern des Großvaters.

Das Bücher, Kunst und Musik gleichermaßen verbannt sind, fand ich ein bisschen zu viel des Guten, auch wenn es vielleicht realistischer ist, hätte ich mir doch gewünscht, du hättest dich auf ein Bild beschränkt.

Zudem finde ich den allerletzen Absatz überflüssig. Gerade bei einem Fragment würde ich dem Leser hier mehr Spielraum zur freien Interpretation gelassen
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tronde
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Das goldene Aufbruchstück Das silberne Niemandsland


BeitragVerfasst am: 25.11.2015 23:07    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo!

Fragment: ja
MenschMaschine. tja, aber
Die Rückblenden sind schön erzählt, aber mir erschließt sich die Verbindung zur Anhörung durch Maria nicht. Oder, falls es um Denunziation/Kontrolle/Unmenschlichkeit geht doch zu sehr weit hergeholt. Aber vielleicht verstehe ich den Text nur nicht.

trotzdem wahrscheinlich Punkte.

Grüße
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Eredor
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Traumtagebuch
BeitragVerfasst am: 26.11.2015 14:33    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Sprache ist auch Semantik


Das verstehe ich nicht. Die Semantik ist ein der Sprache geschuldetes Modell - natürlich ist Sprache Semantik!

Aber mal davon abgesehen ist das einer meiner liebsten Texte. Das gefällt mir sehr.

Es regnet Punkte!

LG Dennis


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"vielleicht ist der mensch das was man in den/ ersten sekunden in ihm sieht/ die umwege könnte man sich sparen/ auch bei sich selbst"
- Lütfiye Güzel
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Lilly_Winter
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BeitragVerfasst am: 26.11.2015 20:47    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,
ein neutraler Kommentar um zu Bepunkten.

lg Lilly
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anderswolf
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Beiträge: 336



BeitragVerfasst am: 26.11.2015 23:22    Titel: Antworten mit Zitat

Weniger Menschmaschine als Gesellschaftsmaschine, versagende, dafür aber geschickt die Zeitebenen so verbunden, dass deutlich wird, dass Geschichte eben nicht einfach nur Vergangenheit ist, sondern als Mahnung an die Gegenwart immer aktuell ist, will man nicht in der Zukunft wieder die gleichen grauenvollen Kämpfe kämpfen.

Mehr als Texte, die zeitlich direkt im Dritten Reich angesiedelt sind, weist dieser Text über sich hinaus und warnt auch vor den Verharmlosungen der Gegenwart, denen man nicht erliegen darf.

Leider gibt es sprachliche Schwierigkeiten, die sich nicht mit den Mitteln der Erzählung erklären lassen. Die Notwendigkeit des Maria-Bots ist unklar (denn das totalitäre im Menschen wird ja nicht durch Maschinen erst hervorgebracht).

Insgesamt verbesserungsfähig, aber durchaus ansprechend. Nachhallend.
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nebenfluss
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Wohnort: mittendrin, ganz weit draußen
Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 27.11.2015 02:25    Titel: Antworten mit Zitat

Was "E-Haftigkeit", Lust am Experiment, Gestaltung der Sprache angeht, ist das sicher einer der besten Beiträge dieses Wettbewerbs. Auch die Erzählperspektive finde ich in ihrer Rückschau einerseits und ihrer prophetischen Hellsicht andererseits sehr interessant. Als auktorialen Ich-Erzähler könnte man es vielleicht benennen?

Dass der Text dennoch mit "nur" 4 Punkten "abgespeist" wird, liegt zum einen an der Fehlbarkeit des Rezensenten angesichts so vieler unterschiedlicher, toller Wettbewerbseinreichungen. Und dann noch daran, dass ich auch spontane Wirkung sowie meine Interpretation der Vorgaben habe einfließen lassen.
Dies ist einer der Beiträge, die mir eher "fragmentiert" als in Gänze als Fragment erscheinen. Das klingt ein bisschen kleinkariert, meint aber: Für mich ist das Maßgebliche an einem Fragment das "Über-sich-hinausweisen" und "Gestellte-Fragen-offen-lassen". Das wird mir hier durch das Ende, diese keinen Widerspruch duldende Prognose, schon stark abgewürgt. Kann an mir liegen, vielleicht sollte ich mich nicht so sehr beeinflussen lassen ...

Die a-b-Gleichungen fand ich mathematisch gewagt, oder ich habe sie nicht verstanden. Ich habe es nicht all zu intensiv nachzuvollziehen versucht, da ist für mich die Grenze des Lesegenusses erreicht.

Letzten Endes sind diese Kritikpunkte aber Kleinigkeiten und nur dem Bedürfnis geschuldet, einigermaßen meine Punktwertung zu begründen. Das Gewicht liegt auf dem ersten Absatz dieses Kommentars. Wenn ich davon ausgehe, dass du Autor die anderen Beiträge gelesen und bewertest hast, weißt du ja, dass man auf jeden Punkt, den man in diesem 10K ergattert, fett stolz sein kann.


_________________
fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
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Nihil
{ }

Moderator
Alter: 28
Beiträge: 7432



BeitragVerfasst am: 27.11.2015 13:50    Titel: Antworten mit Zitat


    Vier Punkte für Gesetzmäßigkeiten

    Denn ich, dein Staat, bin ein strafender Staat
    Paragraphen als Handschellen des Geistes. „Gesetzmäßigkeiten“ stellt die Frage, wo der freie Wille bleibt, wenn nur noch Vorschriften zählen. In seinem Appell für die Kunst gerät der Text jedoch streckenweise zu plakativ.

    Vor dem Gesetz sind alle gleich verdächtig. So herrscht in dieser nahen oder fernen Zukunft auch strenge Meldepflicht für alle Bürger, die Unerlaubtes beobachtet haben. Gleich zu Beginn verfolgen wir ein Gespräch zwischen Erzähler und Maria, der sachbearbeitenden Roboterin. Das berichtete Vergehen: das Abspielen öffentlicher Musik. Die Verleumdung wird mit Geld vergütet, die der Erzähler dann für seinen „Evolutionsbeitrag“ ausgeben kann. Der wird nötig, um up-to-date zu bleiben, was die neuesten Gesetze und Regulationen angeht. Über die dystopischen Zustände einer solchen Gesellschaft braucht man nicht nachzudenken. So erscheint die Erinnerung an den Großvater, der sich in NS-Zeiten nicht dem Widerstand angeschlossen hat, nur allzu naheliegend. Aktualität gewinnt der Text auf einer dritten Ebene schließlich durch die Verknüpfung mit dem Tagesgeschehen und den Äußerungen österreichischer PolitikerInnen.
       „Gesetzmäßigkeiten“ wirft eine alte Frage wieder auf. Wer ist der Bürger, wer sind wir in einem totalitären Staat, in dem nur noch das Befolgen der Gesetze wichtig ist? Leider beantwortet der Text diese Frage bereits selbst – man ist niemand mehr –, und greift darüber hinaus zu sehr offensichtlichen Methoden, um das auch mehr als deutlich zu machen. „Aus Wurm folgt Gesetz folgt Gesetz“, heißt es bereits im ersten Absatz. Nicht nur beantwortet der Text damit seine These bereits zu Anfang selbst, was das Weiterlesen eigentlich ersparen könnte. Auch scheint der kausale Zusammenhang hier verschoben. Müsste es nicht lauten: „Aus Gesetz folgt Wurm folgt Gesetz?“ Egal. Dass der Mensch als ein Nichts betrachtet wird, teilen uns auch durchgestrichene Ichs und Abers mit, die jeden Widerspruch von vornherein ausschließen. Dass der Bürger auch noch hohe Summen bezahlen muss, um auf dem neuesten Stand der Revisionen und Reformen zu bleiben, sprengt den Rahmen des Erträglichen.
       Dennoch bietet das Fragment eine interessante Form, es probiert Dinge aus, zeigt Originalität. Trotz verschiedener Zeitebenen wird der Text zusammengehalten, durch die Erzählungen des Großvaters und dessen Bruder etwa. Hier werden schon recht interessante Charaktere gezeichnet, die allerdings wieder in ihrer Betulichkeit und Übertriebenheit versinken. Der Großvater zeigt einen schönen Ansatz in der Perspektivverschiebung, warum er nicht in den Widerstand eingetreten ist. Wollte er sich nicht am Morden beteiligen? Oder war er zu feige? Auf der anderen Seite nennt er die Bibliothek nur „Genuss-Zimmer“, weil sie ihren eigentlichen Namen nicht verdient. Zu viele Bücher würden fehlen. Da tropft der Kitsch zwischen den Zeilen.
       Insgesamt erfindet „Gesetzmäßigkeiten“ das Rad nicht neu. Zudem würde er von einer subtileren Herangehensweise an sein Thema profitieren. Dieses allerdings ist aktuell wie eh und je, vielleicht zu manchen Zeiten und an manchen Orten relevanter als an anderen. Der Mensch wird hier zur Maschine, Fragen, bei denen sich ein Weiterdenken lohnen würde, sind eher nicht zu finden. Schade, denn der Text zeigt auch eine Experimentierfreudigkeit, die durchaus reizvoll ist.
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wwwave
Schreiberassi


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BeitragVerfasst am: 27.11.2015 16:04    Titel: Antworten mit Zitat

Dieser Text erschließt sich mir leider überhaupt nicht. Für mich scheinen es wirre Fetzen zu sein. Und das Thema sehe ich auch nicht umgesetzt.
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Ithanea
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Ei 3


BeitragVerfasst am: 27.11.2015 18:36    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,
das ist jetzt der Text (den gab es bisher in jedem Wettbewerb für mich), von dem ich weiß, dass er gut ist (gut geschrieben, gute Bearbeitung des Themas) und etwas zu sagen hat, den ich, wäre ich völlig neutraler Leser und Bewerter, irgendwo bei "guter Text" einordnen würde, zu dem ich aber irgendwie nicht finde, der mich irgendwie nicht erreicht. Tut mir Leid, dass es bei so vielen irgendwies bleiben muss, manche Leser finden mit manchen Texten vielleicht einfach nicht zueinander. Aber du hast bestimmt ein paar objektivere Bewerter oder Leute, die besser zu deinem Text passen.


_________________
Verschrieben. Verzettelt.
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lupus
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BeitragVerfasst am: 29.11.2015 15:52    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Aaaalso,

das Beantworten der einzelnen Kommentar ist wie immer ein bisserl kompliziert, zumal sie sich inhaltlich ja doch in manchen Bereichen überschneiden, und so werd ich mich mehr oder weniger assoziativ schwafelnd durch hangeln. Ich schreib das alles auch ein bisserl für mich - eine Art Versuch der Eigeninterpretation, weil mir gerade bei diesem Text aufgefallen ist, wie sehr mich das Schreiben getrieben hat.

EDIT (etwa 5 Stunden nachdem ich angefangen hab diese Antwort zu schreiben): und im Nachhinein betrachtete wird das für euch wie eine groß angelegte Verteidigung klingen - is es auch, denn das ist genau das, was ein Schreiber gegenüber dem Rezensenten, dem Lektor zu tun hat: verteidigen, zeigen, dass hinter (fast) jedem Wort eine Gedanke steckt. Tja, und am Ende steht dann der Lektor, der sagt: "Alles gut und schön, AAAABER ..." Und dieses AAAABer steht dann am Schluss, als eine Art Erkenntnis für mich selbst, weil die Absicht ist eine Sache, die Wirkung eine andere.

EDIT2: mir schmeckt gerade das Bier so ziemlich und das könnte theoretisch auch ein bisserl durchschimmern Smile

Zu aller erst aber:
Vielen Dank an alle die mit geschrieben haben, das war ein wirkliche Herausforderung, all die Texte zu lesen, zu verstehen (zumindest den entsprechenden Versuch zu machen) und zu kommentieren. Aber es hat wahnsinnigen Spaß gemacht, nicht zuletzt dshalb weil - und davon bin ich immer noch überzeugt - dieser Wettbewerb so ziemlich das Beste war, was das dsfo so in den letzten Jahren hervor gebracht hat. Das Niveau war ausnehmend hoch, wäre die Vorgabe nicht gewesen, E-Texte abzuliefern, wäre mir eine Reihung wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen.
Die Kommentare hauen mich bisweilen um, gehen von
Schreibhand hat Folgendes geschrieben:
Hmm....???

über
ziemlich treffsichere Analysen (Nihil, Jenni, Akira, Literättin, etc.)
bis zu Kommentaren, wo ein Satz mich bisweilen nachdenklich stimmt:
Flotte Schreibfeder hat Folgendes geschrieben:
Das Bücher, Kunst und Musik gleichermaßen verbannt sind, fand ich ein bisschen zu viel des Guten, auch wenn es vielleicht realistischer ist, hätte ich mir doch gewünscht, du hättest dich auf ein Bild beschränkt.

Das alles - und auch davon bin ich überzeugt - wäre ohne das geniale Thema nicht möglich gewesen. Und deshalb auch vielen Dank an das wundervolle Orga-Team.

Ich mag diesen Text immer noch und ich mag wie er entstanden ist. Als völlige SciFi-Null, als jemand, der mit CyBORGs am ehensten ein Bundes-Oberstufen-Real-Gymnasium verbindet, war das natürlich spannend und dann hört man Radio und plötzlich taucht da ein Linguist auf, der davon spricht, dass Sprachprogramme immer noch zum größten Teil über Korrelationen arbeiten und ein Israelischer Robotiker, der von 'nächster Evolutionsstufe' redet und davon, dass das soziale Verwerfungen mit sich bringen wird und ich erinnere mich vage an einen Vortrag einer Linguistin, die von neurolinguistischer Assoziationsforschung spricht und die Frage, ob im Moment(!) denn Sprachprogramme semantische Feinheiten (@Eredor) erkennen könnten eindeutig mit 'nein' beantwortete und meinte, das würde noch Ewigkeiten dauern - wenn es denn überhaupt möglich wäre.

Und bei MenschMaschine, da taucht natürlich 'Metropolis' auf. Und klar, @Jenni hat's erkannt,

Jenni hat Folgendes geschrieben:
Die Zukunft: eine an Fritz Langs Metropolis angelehnte Welt (falls das deine Intention war, diese Assoziation haben jedenfalls in diesem Zusammenhang die Namen bei mir geweckt),


war das gewollt:

Gesetzmäßigkeiten hat Folgendes geschrieben:
Lang wird es nicht mehr dauern bis alle Beamtinnen Maria*) heißen; die Männer Fritz?

*)Maschinenmensch-Maria in Metropolis

Und bei der Mensch-Maschinen-Dichotomie kommt Descartes ins Spiel, der vor 400 Jahren sich schon Gedanken darüber gemacht hat, was denn den Menschen vom Tier unterscheide; das Tier nannte er im Vergleich eine 'Maschine', weil ein Tier eben nicht über Sprache verfüge. Deshalb, auf die Frage, warum denn die Menschheit ohne Bücher sterben würde:

Gesetzmäßigkeiten hat Folgendes geschrieben:
Er überreichte mir feierlich Leib und Seele bei Descartes und weitere Bücher, die ich erst sehr viel später verstehen sollte.


Ja, und um Sprache (im weitesten Sinne um Kunst) geht es im Grunde, um Literatur, was sie soll, was sie darf / dürfen soll. Und deshalb, Nihil, ist die Bewunderung der Literatur (als Kanon vlt sogar, da das was den Kanon umfasst, zeigt, was - im Gegensatz zur Unterhaltungs-/Trivialliteratur, die Kulturindutrie im Adorno-Horkheimerschen Sinn  (Dialektik der Aufklärung, 1947) - Literatur soll und kann, nämlich Anderssein, Auflehnung, Widerrede und -stand, aufklären, und die Ehrfurcht davor nicht Kitsch, definiert als innere Verlogenheit. Es mag ein Klischee sein, es mag etwas sein, was heute als Klischee betrachtet werden kann, nicht aber in der Nachkriegszeit, nicht aber in einer Zeit, wo Bücherverbrennungen noch im Gedächtnis waren. Hier im Übrigen zwei mal die Referenz zum 'Musikverbot', das kein generelles ist, sondern sich - nach behördlicher Überprüfung, dem Bürger wird diese Beurteilung nicht zugetraut - in verschiedene Arten gliedert, andernfalls die Frage nach

Ges-mäß hat Folgendes geschrieben:
Welche Art von Liedern?


unsinnig wäre. Und: die Parallele zu den Bücherverbrennungen/Bilderverboten aller Zeitalter, die wiederum nie alle betroffen hat, sondern immer nur jene, die (s.o.) anders waren, sich auflehnten, Widerstand leisteten, generell suspekt waren:

Ges-mäß hat Folgendes geschrieben:
etwas wie: sie sangen Nieder mit ... ;


Und Widerstand löste eine weitere Assoziation aus. Ich gebe zu, dass der Widerstand gegen das Nazi-Regime in meiner Familie im weitesten Sinn, eine Frage ist, die mich verfolgt, die mich nicht los lässt, die ich immer wieder in den verschiedensten was-wäre-wenn-Facetten durchspiele. und mein Großvater dient mir hier als ambivalentes Beispiel.

Wenn dieser(!) - nicht meiner - Großvater als Mitläufer erkannt wird (Nihil, Jenni, dann hab ich wirklich was falsch gemacht. Das Gegenteil sollte eigentlich evoziert werden: erst gegen den Austrofaschismus ein wirklicher Widerstandskämpfer, einer aber, der sich nicht zutraute, ohne Befehle vorzugehen. Das warten auf Befehle ist ja nicht zwangsläufig als schieres Befehlsempfängertum, als Feigheit, selbst Initiative zu ergreifen, zu deuten, sondern auch als Verantwortung den Mitstreitern gegenüber, die man ja in Gefahr bringen könnte, sollte man Entscheidungen treffen, deren Auswirkungen man nicht erkennt, nicht erahnen kann.

Dazu eine weitere Anmerkung: Im Austrofaschismus, dem, was so gerne euphemistisch als Ständestaat bezeichnet wird, waren die Sozialdemokraten verboten, es drohte bei illegaler Mitgliedschaft (dasselbe galt im übrigen für Nationalsozialisten) Arbeitslager bis Todesstrafe. Man kann sich leicht ausrechnen, was bei 'bewaffnetem Widerstand' drohte; und ja, wären es nicht tausende gewesen, wäre jeder Widerständler hingerichtet worden. Ja, mir ist völlig klar, dass man von Lesern nicht zwangsläufig erwarten kann, dass sie sich kundig machen, wenn sie denn nicht kundig sind. Ja, im Grunde ist es ein streng genommen schwerer handwerklicher Fehler, genau das aber doch zu erwarten. Und ja, es ist ein durch und durch österreichischer Text (von österreichischen Lesern - zumal E-Lesern kann man dieses Wissen erwarten). Und dazu steh ich. (wenn ich jetzt ganz frech bin, sehr frech, geradezu unverfroren frech: der österreichische literarische Kanon unterschiedet sich vom deutschen gerade in dieser Beziehung: es wird eben darauf nicht die geringste Rücksicht genommen; und nein, wer auf diese Idee kommen sollte, nein: jeder Vergleich liegt mir ferner als fern, zu groß ist meine Verehrung, meine Hochachtung vor genau jenen, die sich immer und immer wieder mit eben dieser Zeit und der Zeit danach aus einander setz(t)en, als dass ich mir irgend einen Vergleich andenken lassen wollte,  und nein Vanir7777, ich glaube nicht, dass man darüber - du nennst den WKII, um den es eigentlich gar nicht geht (dazu mehr später) - nämlich den Austrofaschismus und die Folgen genug schreiben kann, jemals genug schreiben wird können. Vor allem dann nicht, wenn wir in Zeiten leben, die doch zumindest in Ansätzen daran erinnern.

Weiter mit dem Großvater:
Also, nicht Mitläufer, sondern eher desillusionierter Widerstandskämpfer, der sich einfach den, von ihm selbst ausgehenden 'großen' Widerstand nicht zutraut, zumal mit dieser (und man muss es sagen: im Vergleich zu dem, was im 3.Reich passieren hätte müssen, harmlosen Widerstand gegen den Austrofaschismus) Erfahrung aus dem 34er Jahr. Und was den Widerstand betrifft, trifft der Großvater 2 Äußerungen:

Zitat:
„Zu spät.“

und

Zitat:
„Wir hatten keine Befehle“


Mit dem 2. Zutat will ich beginnen, und mich auf - darüber hinaus - Nihil beziehn.

Zwischenbemerkung:
Nihil, ich bin begeistert von der Art, wie du deine Kommentare geschrieben hast, wie du nicht nur eine tatsächliche Kritik-Struktur aufbaust, nicht nur sprachlich dich einer "Kritikersprache" (und das mein ich - nur, um sicher zu gehen - nicht, also keinesfalls despektierlich) bedienst und dabei auch noch den Finger dorthin legst, wo tatsächlich die Textwunden zu finden sind. Gäbe es einen Preis für die besten Kritiken, meine Stimme hättest du mit Sicherheit, und das, obwohl ich dir - siehe ganz oben: Verteidigung - widersprechen will:

Nihil hat Folgendes geschrieben:
Denn ich, dein Staat, bin ein strafender Staat
Paragraphen als Handschellen des Geistes. „Gesetzmäßigkeiten“ stellt die Frage, wo der freie Wille bleibt, wenn nur noch Vorschriften zählen. In seinem Appell für die Kunst gerät der Text jedoch streckenweise zu plakativ.


Nicht wirklich. der Text stellt die Frage - oder so zumindest war es intendiert - ob es ein 'zu spät' gibt, oder anders rum: ist es jetzt zu spät? Wenn nein, wann dann? Ist - jetzt in Paris - die Anwendung des Ausnahmezustandes auf Umweltaktivisten, eine Rechtfertigung zum wenigstens Aufbegehren?

Ob der Text das geschafft hat, kann ich nicht beurteilen, aber ich habe versucht, ein paar trigger zu setzen


Nihil hat Folgendes geschrieben:
Vor dem Gesetz sind alle gleich verdächtig. So herrscht in dieser nahen oder fernen Zukunft auch strenge Meldepflicht für alle Bürger, die Unerlaubtes beobachtet haben. Gleich zu Beginn verfolgen wir ein Gespräch zwischen Erzähler und Maria, der sachbearbeitenden Roboterin. Das berichtete Vergehen: das Abspielen öffentlicher Musik. Die Verleumdung wird mit Geld vergütet, die der Erzähler dann für seinen „Evolutionsbeitrag“ ausgeben kann. Der wird nötig, um up-to-date zu bleiben, was die neuesten Gesetze und Regulationen angeht. Über die dystopischen Zustände einer solchen Gesellschaft braucht man nicht nachzudenken.


Nein?

Nihil hat Folgendes geschrieben:
So erscheint die Erinnerung an den Großvater, der sich in NS-Zeiten nicht dem Widerstand angeschlossen hat, nur allzu naheliegend. Aktualität gewinnt der Text auf einer dritten Ebene schließlich durch die Verknüpfung mit dem Tagesgeschehen und den Äußerungen österreichischer PolitikerInnen.
„Gesetzmäßigkeiten“ wirft eine alte Frage wieder auf. Wer ist der Bürger, wer sind wir in einem totalitären Staat, in dem nur noch das Befolgen der Gesetze wichtig ist? Leider beantwortet der Text diese Frage bereits selbst – man ist niemand mehr –, und greift darüber hinaus zu sehr offensichtlichen Methoden, um das auch mehr als deutlich zu machen. „Aus Wurm folgt Gesetz folgt Gesetz“, heißt es bereits im ersten Absatz. Nicht nur beantwortet der Text damit seine These bereits zu Anfang selbst, was das Weiterlesen eigentlich ersparen könnte. Auch scheint der kausale Zusammenhang hier verschoben. Müsste es nicht lauten: „Aus Gesetz folgt Wurm folgt Gesetz?“ Egal. Dass der Mensch als ein Nichts betrachtet wird, teilen uns auch durchgestrichene Ichs und Abers - dazu weiter unten - mit, die jeden Widerspruch von vornherein ausschließen. Dass der Bürger auch noch hohe Summen bezahlen muss, um auf dem neuesten Stand der Revisionen und Reformen zu bleiben, sprengt den Rahmen des Erträglichen.


Nihil hat Folgendes geschrieben:
die jeden Widerspruch von vornherein ausschließen.


ist das tatsächlich der Fall? Stellt sich nicht der Text selbstreferenziell die Frage, ob er die richtigen Fragen stellt?

Gesetzmäßigkeiten hat Folgendes geschrieben:
Weil ich nicht weiß, ob ich die richtigen Fragen stelle, zermartere ich mir das Gehirn.


Und was passiert mit den Antworten, wenn die Fragen falsch sind, wenn also die Korrelationen nicht überprüft werden? Sie müssen nicht, können aber falsch sein. Das ist eigentlich die 2. Gedankenebene. Um auf deine Aussage von oben zurück zu kommen, Nihil, man brauche über die ZUstände in einer solchen Gesellschaft nicht nach zu denken:

Aber möglicherweise darüber, dass - und dafür sind ja die Bezüge zur Vergangenheit, zur Gegenwart da - ob wir, und zwar jetzt, uns nicht auf dem besten Weg in eine solche Gesellschaft befinden. Wieder die Frage: Widerstand? Oder zumindest Widerrede? Um eben nicht im nach hinein als Mitläufer bezeichnet zu werden? Und dann wieder: Stimmt das alles? Stelle ich/stellt der Text/stellen wir die richtigen Fragen?


Daraus auch:

Zitat:
Oder war das Nicht-Erschießen schon als solcher [Widerstand] zu werten?


daraus auch:
@nebenfluss, der ebenfalls eine "keinen Widerspruch duldende Prognose" erkennt
und
@rieka, die von einem "Endzeitszenario" spricht

Gesetzmäßigkeiten hat Folgendes geschrieben:
Weil es keine Bücher mehr geben wird, die er seinem Enkel vorlegen könnte, die dieser erst sehr viel später verstehen würde, wird sich mein Sohn das Gehirn zerfetzen.
Weil er sich wünschen wird, niemals geboren worden zu sein, werden Sie meinem Urenkel das Ich zerfetzen. Beendete Undankbarkeit.
Weil er sich den Evolutionsbeitrag nicht leisten wird können, wird der Sohn meines Urenkels eines frühen natürlichen Todes sterben.


Was, wenn die Fragen falsch sind? mehr noch: was wenn es Widerstand gibt - und zwar nicht "zu spät". Sondern: jetzt? Wenn ja: wogegen? Gelten dann diese Weil-Sätze noch? Oder lassen sie sich verhindern?

Ob dieser Gedankengang richtig ist, v.a.: ob er beim Leser ankommt, überhaupt ankommen kann, kann ich einfach nicht beantworten, denke aber, dass er zumindest - und das sagen mir einige Kommentare - ansatzweise erahnt werden kann.

und dann noch:

Nihil hat Folgendes geschrieben:
Dass der Bürger auch noch hohe Summen bezahlen muss, um auf dem neuesten Stand der Revisionen und Reformen zu bleiben, sprengt den Rahmen des Erträglichen.


Gebe ich dir bei deinem letzten Kritikpunkt noch in so fern recht, als es durchaus möglich ist, dass meine Gedanken einfach keine Chance haben anzukommen, so muss ich dir hier einfach widersprechen, und zwar ganz technisch, ökonomisch:

Warum Hohe Summen? Das steht nun wirklich nirgends.
1) Es wird absichtlich keine Währung erwähnt, sondern explizit Einheiten
2) Wir wissen nicht genau, wann die Geschichte in der ZUkunft spielt.

--> es sind keine wirtschaftlichen Ereignisse bis dahin bekannt, keine Inflationsraten vor allem, es kann sich um einen großen Betrag handeln, um einen kleinen;wir wissen es schlicht und ergreifend nicht. Das ist absichtlich so gewählt - der aus heutiger Sicht enorm wirkende Betrag, müsste eigentlich genau diesen Gedankengang anstoßen. Aus dem hohen Betrag eine hohe Summe zu schließen, ist ganz einfach unlogisch.

AABER, ganz großen AABER: ich hab diese Schwierigkeiten mit dem Weil-Satz-Trio eigentlich vorhergesehen, mit mir gehadert, sie gestrichen, wieder rein geschrieben, gestrichen, sie rein kopiert, gestrichen, sie schließlich gelassen, weil ich mir dachte: es  soll ein E-Text sein, es soll herausfordernd sein, es soll haken. Und ich wollte ganz gezielt nicht darauf Rücksicht nehmen, dass es ein Wettbewerb ist, wo man sich noch auf 20 andere Texte konzentrieren muss.

UND: auch beim Betrag hab ich lange überlegt, mir aber dann gedacht: wurscht, mit dem Prinzip der Inflation zumindest ist jeder vertraut, zumal nach den Diskussionen während der Wirtschaftskrise.

Nihil, deine Überlegungen sind mir gar nicht fremd, ich hab sie ganz einfach nicht ernst genug genommen. Mein Fehler. Den ich was den Betrag wieder machen würde - ganz gezielt, den ich, was die drei Weil-Sätze betrifft vermeiden würde, oder: vergiss die 10.000 Zeichen und geh mehr ins Detail.


Nihil hat Folgendes geschrieben:
Dennoch bietet das Fragment eine interessante Form, es probiert Dinge aus, zeigt Originalität. Trotz verschiedener Zeitebenen wird der Text zusammengehalten, durch die Erzählungen des Großvaters und dessen Bruder etwa. Hier werden schon recht interessante Charaktere gezeichnet,


Das geht natürlich runter wie Butter, weil das heißt - klingt zumindest so - dass das handwerkliche stimmt.

Nihil hat Folgendes geschrieben:
die allerdings wieder in ihrer Betulichkeit und Übertriebenheit versinken. Der Großvater zeigt einen schönen Ansatz in der Perspektivverschiebung, warum er nicht in den Widerstand eingetreten ist. Wollte er sich nicht am Morden beteiligen? Oder war er zu feige? Auf der anderen Seite nennt er die Bibliothek nur „Genuss-Zimmer“, weil sie ihren eigentlichen Namen nicht verdient. Zu viele Bücher würden fehlen. Da tropft der Kitsch zwischen den Zeilen.
Insgesamt erfindet „Gesetzmäßigkeiten“ das Rad nicht neu. Zudem würde er von einer subtileren Herangehensweise an sein Thema profitieren. Dieses allerdings ist aktuell wie eh und je, vielleicht zu manchen Zeiten und an manchen Orten relevanter als an anderen. Der Mensch wird hier zur Maschine, Fragen, bei denen sich ein Weiterdenken lohnen würde, sind eher nicht zu finden. Schade, denn der Text zeigt auch eine Experimentierfreudigkeit, die durchaus reizvoll ist.


Auf einige Punkte bin ich ja weiter oben schon eingegangen (Kitsch), einen anderen (der Mensch wird hier Maschine) hat an sich Jenni für mich beantwortet:

Jenni hat Folgendes geschrieben:


Drei Erzählstränge kann ich in deinem fragmentarisch erzählten Text ausmachen:

- Die nationalsozialistische Vergangenheit Österreichs, in welcher verschiedene ethisch/moralische Positionen ein namenloser „Großvater“ und seine „Brüder“ einnehmen: der Großvater selbst der Mitläufer der nicht hinterfragt, ein Bruder ein Nazi-General, ein Bruder im Dienste seines Landes gestorben, und einer war im aktiven Widerstand.



Auch du, Jenni, erkennst wie Nihil den Großvater als Mitläufer, irgend etwas muss ich also ganz sicher falsch gemacht haben, möglicherweise ist man - in Anbetracht der Tatsache, dass nun doch schon 70,80 Jahre vergangen sind - aber doch mit diesem derogativen Urteil ein bisserl zu schnell? Interessant für mich - und ich sag's gleich: daran hatte ich beim Schriben nicht gedacht - dieser Zugang - aus a folgt zwingend b - der funktioniert auch in der Retrospektive, also in Bezug auf den Großvater: Wird jemand, der nicht aktiv am Widerstand beteiligt war, sondern seine einzige Chance darin sah, im Kleinen zu 'widerstehen', indem er eben 'nur' nicht auf andere Menschen schießt, zum Mitläufer?

Jenni hat Folgendes geschrieben:
damit etwa, dass in der Zukunft die Menschen von emotionslosen Robotern kontrolliert werden?


Das ist es nicht, oder wenn, dann nur ansatzweise:
Zunächst einmal: Maria ist nur eine Beamtin, sie ist niemand, der regiert, kontrolliert, sondern wiederum jemand, der ausschließlich 'seine Pflicht tut'. Weiters ist nicht klar, ob es sich nun tatsächlich um einen Roboter handelt, oder einfach nur um jemanden, der diese nächste "Evolutionsstufe" (israelischer Robotiker, s.o.) - möglicherweise der Klasse 3 oder höher, durchgemacht hat.
Aber: im Grunde steht Maria hier als Metapher für einen totalitären Staat, der - ausgehend von der Grundüberlegung 'Sprache' - in erster Linie Meinungsfreiheit faktisch abgeschafft hat, ja eigentlich schon Gedankenfreiheit.


Jenni hat Folgendes geschrieben:
- Die Gegenwart: „Ich“ weiß nicht, wo er/sie(/ich) steht. Das Weltgeschehen (im Kleinen: die österreichische Politik) scheint „ich“ höhere Mathematik zu sein, oder: eine Gleichung ohne Unbekannte - und trotzdem undurchschaubar. Der Großvater kann nicht weiterhelfen, denn mit ihm hat niemand gesprochen, und selbst hat er sich ja nicht positioniert, überhaupt sein Leben lang geschwiegen.


Diese unbedarft gewählte Gleichung hat nicht nur bei Kopfschütteln oder zumindest Verwirrung verursacht, auch nebenfluss:

Das ist an sich ja keine mathematische Formel, sondern kommt aus der Logik und wird - meines Wissens - immer noch als wenn-dann-Kategorie in der Programmierung verwendet, früher nannte man das wohl Flussdiagramm. Die Eigenart des Flussdiagrammes ist, wenn ich das recht verstanden habe, dass es auf den jeweiligen Ebenen binär funktioniert: Ja oder nein, 1 oder 0.

Ein anderes Stichwort - auch aus der Logik: garbage in -> garbage out. Wenn nun also die Annahme a schon falsch ist, oder die Frage, die zur Annahme a führt, kann b nur falsch sein.

in diesem Fall:

GesM hat Folgendes geschrieben:

Weil: zwar Ausnahmesituation, nicht aber für Gesetze.
Weil: wenn a, dann b. Ohne aber.
a = illegaler Grenzübertritt
b = Lager
Weil: aus a folgt b.
a = Invasion = Krieg
b = Verteidigung = Bundesheer = Soldaten = ??
aber
(aber: Vergleiche sind unangebracht. Weil?)


Nur zwei Punkte:
was wenn die a= - Annahmen völlig falsch sind?
aber wichtiger:
was, wenn die Gesetze nicht mehr für die Menschen da sind, sondern der Mensch für die Gesetze und somit ein durch und durch aufklärerisches Prinzip durchbrochen wird? Was, wenn Gesetze nicht mehr hinterfragt werden?

Der Bezug zur Aufklärung sollte im Übrigen dadurch hergestellt werden:

GesM hat Folgendes geschrieben:
Ich sitzt in seinem Zimmer. Es klopft.
- Wer da?
- Ich.
- Ich?


Das ist eine 'Geschichte, ein Witz fast, der Ende 18.Jhds aufgekommen ist und den man sich in den Salons erzählt hat, angeblich hat diese Geschichte den E.T.A. Hoffmann zu seinen Elixieren des Teufels inspiriert.

Und ja, Nihil, das ist vordergründig plakativ, wen die ichs durchgestrichen sind. Und ja, hier wird Meinung vermittelt. Warum allerdings eine plakativ oder dezidiert vorgebrachte Meinung eines Erzählers nicht zum Weiterdenken führen soll, oder nicht zur Widerrede, versteh ich nicht.

und:
was unterscheidet dann in seiner Handlungsfähigkeit den Menschen von der Maschine, wenn nicht überprüft wird, ob a nicht schlicht und ergreifend garbage ist? Die nicht-Überprüfung btw ist ein Charakteristikum der law and order-Fraktion. Wie plakativ, Nihil, ist es aber, wenn Strache, aber auch der Gesetzgeber auf die Frage nach dem 'Warum' dieselbe Antwort geben, obwohl an sich diametral sich gegenüberstehende Fragen gestellt werden?

So, klingt zunächst einmal widersprüchlich: was jetzt? plakativ oder nicht plakativ. Und ja, das kann ich schon auch als handwerklichen Fehler anerkennen. Und ja auch: es kann auch die Vermeidung von Plakativität zu plakativ daher kommen. Ob das auf diesen Text zutrifft kann ich nicht sagen - dafür bin ich schon viel zu blind. Ich wollte nicht plakativ schreiben.


Jenni hat Folgendes geschrieben:
Die Zukunft: eine an Fritz Langs Metropolis angelehnte Welt (falls das deine Intention war, diese Assoziation haben jedenfalls in diesem Zusammenhang die Namen bei mir geweckt), in der Gesetze unkritisch befolgt werden und die Menschen von Maria-Automaten regiert. Eine Welt, in der Kultur (Musik, Malerei, Literatur) verpönt, nein verboten sogar ist, in der es keine Bücher mehr gibt, dafür verbotene Worte. Das fiktive Wesen dieser Zukunft wird jedoch durch die Anlehnung an den Film betont, oder vielleicht auch die Tatsache, dass die Vorstellung des Erzählers von der Zukunft keine neue ist?

Lautet die Gleichung so: Wenn über die Vergangenheit geschwiegen wird, fehlen in der Gegenwart die Worte, um eine Zukunft zu verhindern, in der es keine Worte (Meinungen/Fragen/Bücher/Freiheit) mehr gibt oder geben darf?
Wir müssten aus der Vergangenheit lernen, um die Gegenwart zu verstehen, was wir aber nicht tun - was Gesetzmäßigkeit ist? (Zudem ein Vergleich unangebracht ist.)


das ist die Aussage, auf den Punkt gebracht. dass du genau hier 'Zudem ein Vergleich unangebracht ist.' dazu geschrieben hast freut mich doppelt. genau so war es gemeint.

und deshalb kann ich auch dem nicht zustimmen:

rieka hat Folgendes geschrieben:
Verschleierte Machtausübung an Menschen mit Hilfe von Regeln und Gesetzen hat es gegeben, seit Menschen sich zusammengeschlossen haben und es wird sie weiter geben mit Unterwerfung, Befreiung, Unterwerfung, Befreiung ….


Das wäre mir ein zu defätistischer, ein zu passiver Zugang zur Gesellschaft, einer, der mich zu sehr an die Zeit des österreichischen Biedermeier unter Metternich erinnert (wir wissen, was der Grund dieser zeit war, nämlich ein ausgereiztes Zensurprogramm - "verbotene Worte".

weil:

Jenni hat Folgendes geschrieben:
Keine neuen, aber immer aktuelle Fragen.


Jenni hat Folgendes geschrieben:
Und weiter … system error: Vielleicht wolltest du ja auch auf etwas ganz anderes hinaus.


Nein, ich wollt auf gar nix anderes hinaus. System error dazu zu schreiben, war einfach ein Fehlgriff, dass diese zwei Wörter dort stehen ist ganz einfach, schlicht und ergreifend: Scheiße.

So, ich glaub ich bin jetzt so einigermaßen durch mit dem Geschwafel. Das AAABER des Lektors bin ich euch noch sculdig geblieben:

fiktiver Lektor hat Folgendes geschrieben:
Alles gut und schön, lupus. Aber was um alles in der Welt hast du von deinem pseudo-intellektuellen Blabla, wenn du erstens nichts von dem in deinen Text einbaust und zweitens kein Mensch das was du hier in den Text rein legst, jemals raus lesen kann?


ein paar Punkte sind noch offen, auf die geh ich noch ein.

Vielen Dank und lgl


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lg Wolfgang

gott ist nicht tot noch nicht aber auf seinem rückzug vom schlachtfeld des krieges den er begonnen hat spielt er verbrannte erde mit meinem leben

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Nihil
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BeitragVerfasst am: 29.11.2015 17:40    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Lupus, Danke für diese detaillierte Stellungnahme (und dein großes Lob an mich, das du darin verstreut hast), die ich sehr interessant finde. Beim Lesen hat es mich schon in den Fingern gejuckt zu antworten, also tue ich das auch gleich, allerdings nicht ganz so ausführlich wie du. Edit: Das war gelogen. Ich kündige allerdings schon mal an, dass ich den meisten Argumenten deiner Verteidigung widersprechen muss.

Mir war von vornherein klar, dass dies dein Text sein musste, so wie auch Eredor und Akira recht deutlich zu erkennen waren. Österreich, Juden, interessante Form. Einfache Formel, aber siehe da. ^^ Mich beeindruckt bei deiner Replik das enorme Hintergrundwissen, mit dem du die Entscheidungen des Textes begründest. Anekdoten aus dem 19. Jhd, Adorno, Descartes, u.a. Das allerdings ist auch mein Problem mit deiner Argumentation. Im Grunde sehe ich die Schwierigkeit hier darin, dass du ein zu großes Hintergrundwissen hast. Positiv formuliert. Negativ formuliert: Kaum etwas davon lässt sich aus dem Text ableiten. (Und ich rede nicht davon, dass man natürlich weiß, dass die Sozialdemokraten verboten waren usw.) Du magst auf Basis all dieses Wissens deine Geschichte geschrieben haben, aber für einen Leser, der nicht Du ist, oder zumindest die gleichen Infos hätte, präsentiert sich der Text nun einmal anders. Manche Argumente von dir hauen auch logisch nicht hin, finde ich, aber dazu jetzt mehr:

Zitat:
Ja, und um Sprache (im weitesten Sinne um Kunst) geht es im Grunde, um Literatur, was sie soll, was sie darf / dürfen soll. Und deshalb, Nihil, ist die Bewunderung der Literatur (als Kanon vlt sogar, da das was den Kanon umfasst, zeigt, was - im Gegensatz zur Unterhaltungs-/Trivialliteratur, die Kulturindutrie im Adorno-Horkheimerschen Sinn (Dialektik der Aufklärung, 1947) - Literatur soll und kann, nämlich Anderssein, Auflehnung, Widerrede und -stand, aufklären, und die Ehrfurcht davor nicht Kitsch, definiert als innere Verlogenheit. Es mag ein Klischee sein, es mag etwas sein, was heute als Klischee betrachtet werden kann, nicht aber in der Nachkriegszeit, nicht aber in einer Zeit, wo Bücherverbrennungen noch im Gedächtnis waren.

Naja. Vom Ausflug in die Linguistik und Descartes' Werk einmal abgesehen (für das oben von mir Gesagtes gilt), ist der Text ja doch zweifelsfrei im November 2015 erschienen. Du kannst mir ja nicht erzählen, dass du gerne eine historisch-kritische Herangehensweise an diese Passage möchtest, weil man das damals anders gesehen hat. Vielleicht ist es 100% subjektiv, aber das wirkt so übertrieben und abgehoben auf mich. Elfenbeinturm, ob damals oder heute.

Zitat:
Wenn dieser(!) - nicht meiner - Großvater als Mitläufer erkannt wird (Nihil, Jenni, dann hab ich wirklich was falsch gemacht.

Wenn er sich nur nicht aufraffen konnte, weil ihm niemand den Befehl dazu gegeben hat, dann habe ich das so tatsächlich nicht verstanden. Der Großvater kam mir vor wie ein Mensch, der seine Passivität u.a. damit begründet, dass er nicht auch töten will.

Hier eine Doofheit meinerseits:
Nihil hat Folgendes geschrieben:
Über die dystopischen Zustände einer solchen Gesellschaft braucht man nicht nachzudenken.

Unuscharf formuliert, die Zeit saß im Nacken. Soll heißen: Unzweifelhaft stellt sich diese Gesellschaft als Dystopie dar.

lupus hat Folgendes geschrieben:
Stellt sich nicht der Text selbstreferenziell die Frage, ob er die richtigen Fragen stellt?

Hm. Diese Frage hatte ich nicht als Frage des Textes an sich selbst verstanden, sondern als Figurenrede irgendeines Journalisten, der aus Strache eine andere Antwort herauskitzeln will als „Es ist Gesetz“. Ich denke, du traust der Frage an dieser Stelle zu viel zu.

Zitat:
Aber möglicherweise darüber, dass - und dafür sind ja die Bezüge zur Vergangenheit, zur Gegenwart da - ob wir, und zwar jetzt, uns nicht auf dem besten Weg in eine solche Gesellschaft befinden. Wieder die Frage: Widerstand? Oder zumindest Widerrede? Um eben nicht im nach hinein als Mitläufer bezeichnet zu werden? Und dann wieder: Stimmt das alles? Stelle ich/stellt der Text/stellen wir die richtigen Fragen?

Hier habe ich durch meine unsaubere Formulierung wohl etwas losgetreten, das ich nicht wollte. Natürlich soll/muss/kann man über erfundene Dystopien und die Implikationen für Heute nachdenken, Brave New World, 1984, man braucht ja gar nicht weiter machen. Zu den Fragen selbst: Momentan gibt es doch in Deutschland Gott sei Dank auch immer eine Gegendemonstration, wenn Pegida und Ähnliches sich versammeln. Wie die Sache genau in Österreich aussieht, weiß ich nicht. Frankreich, Holland, Ungarn, Türkei, da siehts schon düsterer aus. Hier eher die Frage: Was kann man da als Bürger machen, das nicht nur eine Luftnummer ist und letztlich nur dem eigenen Narzissmus dient, weil man meint, etwas Gutes und Sinnvolles getan zu haben?

Eins noch, bevor ich was kochen muss, um nicht zu verschmachten:
lupus hat Folgendes geschrieben:
und dann noch:
Nihil hat Folgendes geschrieben:

Dass der Bürger auch noch hohe Summen bezahlen muss, um auf dem neuesten Stand der Revisionen und Reformen zu bleiben, sprengt den Rahmen des Erträglichen.



Gebe ich dir bei deinem letzten Kritikpunkt noch in so fern recht, als es durchaus möglich ist, dass meine Gedanken einfach keine Chance haben anzukommen, so muss ich dir hier einfach widersprechen, und zwar ganz technisch, ökonomisch:

Warum Hohe Summen? Das steht nun wirklich nirgends.
1) Es wird absichtlich keine Währung erwähnt, sondern explizit Einheiten
2) Wir wissen nicht genau, wann die Geschichte in der ZUkunft spielt.

--> es sind keine wirtschaftlichen Ereignisse bis dahin bekannt, keine Inflationsraten vor allem, es kann sich um einen großen Betrag handeln, um einen kleinen;wir wissen es schlicht und ergreifend nicht. Das ist absichtlich so gewählt - der aus heutiger Sicht enorm wirkende Betrag, müsste eigentlich genau diesen Gedankengang anstoßen. Aus dem hohen Betrag eine hohe Summe zu schließen, ist ganz einfach unlogisch.

Sorry, lupus, aber hier hast du den Bezug zu deinem eigenen Text verloren. Ich lese hier von Wirtschaft und Inflation und denke: Huch, wo kommt das bitte her? „Einheiten“ stehen da genau so wenig wie Euro, aber der Gedankensprung, den du vom Leser erwartest, ist nicht nachzuvollziehen.
Zitat:
Die überwiesene Summe von 30.745 spendeten Sie zu 84,36% für Ihren Evolutionsbeitrag dritter Klasse.
30.745 klingt für mich nach einer großen Zahl. Wenn es allgemeine Einheiten sein sollen, ist eher noch davon auszugehen, dass eine Einheit eher noch einem € entsprechen wird als einem ¥, der ungefähr so wertvoll ist wie eine Blähung, die es dann doch nicht aus dem Darm geschafft hat. Für mich als Leser sieht diese Zahl nach Arbeit und hohen Kosten aus, daran ändert auch deine versuchte Rechtfertigung mit der Inflation nichts. Denn die ist, wie Descartes' Philosophie (nicht die Nennung des Titels eines Werks), die Anekdote um ETA Hoffmann, usw. nirgends aus dem Text herauszulesen.
Unterm Strich hätte ich also noch so lange in meinem Universitäts-Genusszimmer verbringen können, ohne imstande gewesen zu sein, die gleichen Verbindungen zu ziehen wie du.
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