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Gutmensch


 
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EWJoe
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BeitragVerfasst am: 02.11.2015 21:37    Titel: Gutmensch eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Gutmensch

Teil 1

Blaulichtgewitter. Brand aus! Die Scheinwerfer auf das ausgebrannte Objekt gerichtet. Feuerwehrleute brachten ihr Rüstzeug wieder zu den Löschfahrzeugen. Polizisten sicherten das Areal weitläufig ab. Die Kriminalpolizisten hatten den Tatort übernommen. Joseph Auinger drängte unter hunderten Schaulustigen nach vorne zur Polizeiabsperrung, möglichst nahe zum Kommandofahrzeug der Feuerwehr. Es fröstelte ihn, es war für den Spätherbst ziemlich kühl.

„Presse, bitte lassen Sie mich durch“, rief er dem, vor ihm stehenden, Glatzkopf zu. Der junge Mann drängte bereitwillig zur Seite. Er war vielleicht 18 und hatte ein, hinter dem aufgestellten Kragen, unzureichend verstecktes Tattoo am Nacken, das typisch für die rechtsradikale Szene war. Im Vorbeigehen konnte er tiefe Betroffenheit im Gesicht des Jungen lesen. Das war, für einem Neonazi vor einem abgefackelten Asylantenheim, höchst ungewöhnlich. Er wollte sich umdrehen und den Burschen ansprechen, aber ein offenbar ranghoher Feuerwehr-Offizier war gerade eingetroffen, um sich beim Einsatzleiter zu informieren.

Dem Journalisten war klar, dass im Augenblick niemand zu einer Stellungnahme bereit war. Viel Zeit hatte er aber nicht mehr, der Redaktionsschluss stand unmittelbar bevor. Zum Glück war er nun in Hörweite.

„... Brand aus um 21 Uhr 35. Fünf Tote im ersten Stock: eine Frau, ein Mann und drei Kinder, etwa zwischen drei und zehn. Draußen, unweit der Tür haben wir sieben Männerleichen gefunden. Ich habe noch nie so zugerichtete Körper gesehen.“

Er stockte kurz, fasste sich aber gleich wieder.

„Brandursache höchstwahrscheinlich Brandstiftung unter Einsatz von Brandbeschleunigern. Spuren diesbezüglich sind sicher gestellt. Eine chemische Analyse ist angeordnet worden.“

„Danke, weitermachen.“

Auf der hell beleuchteten Mauer war ein Schriftzug zu erkennen: Völkische Notwehr 444 und darunter 88.

Das deutet klar auf Neonazis. Auinger blickt sich nach dem jungen Mann um. Er war verschwunden.

Zwei abrückende Feuerwehrmänner konnte er kurz befragen, aber weitere Fakten waren nicht zu erfahren.

Eilig diktierte er seinen Artikel  und sandte Bilder über sein Smartphone der Redaktion.

Inzwischen waren Fernsehteams eingetroffen. Natürlich blieb der Tatort abgeriegelt, aber mit den Teleobjektiven kamen sie deutlich näher an die Ermittler heran, als Auinger. Eigentlich hätte er schon gehen können, aber der junge Neonazi ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.

„Ja, die Schneckenpost ist auch vor Ort!“ Eigentlich brauchte er sich nicht umzudrehen, er kannte die Stimme seines Studienkollegen.

„Paul, mit vollen Hosen ist's leicht stinken! Nicht jeder hat einen Informanten bei der Feuerwehr. Du stolperst um drei Ecken und bist vor Ort. Meine Anreise war doch deutlich weiter. Ich will mich aber nicht beschweren. Wird schwierig die Täter eindeutig dingfest zu machen, bei der Spurenlage.“

„Ach Joseph, Joseph. Es gibt doch einen Augenzeugen, einen Asylanten. Er hatte sich über ein Kellerfenster auf der Rückseite ins Freie gerettet und in einem Gebüsch versteckt. Von dort hat er alles mit angesehen... Wer zu-spät kommt, den bestraft der Leser. Mach's gut Joseph.“



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Harald
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BeitragVerfasst am: 02.11.2015 23:26    Titel: Re: Gutmensch Antworten mit Zitat

Hallo EWJoe,

das Thema interessiert mich, den Einstieg finde ich gelungen, einige Kleinigkeiten habe ich mal korrigiert …

EWJoe hat Folgendes geschrieben:
„Presse, bitte lassen Sie mich durch“, rief er dem, vor ihm stehenden, Glatzkopf zu. Der junge Mann drängte bereitwillig zur Seite. Er war vielleicht 18 und hatte ein, hinter dem aufgestellten Kragen, unzureichend verstecktes Tattoo am Nacken, das typisch für die rechtsradikale Szene war. Im Vorbeigehen konnte er tiefe Betroffenheit im Gesicht des Jungen lesen. Das war, für einem Neonazi vor einem abgefackelten Asylantenheim, höchst ungewöhnlich. Er wollte sich umdrehen und den Burschen ansprechen, aber ein offenbar ranghoher Feuerwehr-Offizier war gerade eingetroffen, um sich beim Einsatzleiter zu informieren.


„Presse, bitte lassen Sie mich durch“, rief er dem vor ihm stehenden Glatzkopf zu. Der junge Mann drängte bereitwillig zur Seite. Er war vielleicht 18 und hatte ein hinter dem aufgestellten Kragen unzureichend verstecktes Tattoo am Nacken, das typisch für die rechtsradikale Szene war. Im Vorbeigehen konnte er tiefe Betroffenheit im Gesicht des Jungen lesen. Das war für einen Neonazi vor einem abgefackelten Asylantenheim höchst ungewöhnlich. Er wollte sich umdrehen und den Burschen ansprechen, aber ein offenbar ranghoher Feuerwehroffizier war gerade eingetroffen, um sich beim Einsatzleiter zu informieren.


EWJoe hat Folgendes geschrieben:
„Brandursache höchstwahrscheinlich Brandstiftung unter Einsatz von Brandbeschleunigern. Spuren diesbezüglich sind sicher gestellt. Eine chemische Analyse ist angeordnet worden.“


►sichergestellt◄ - "sicher gestellt" würde ja heißen, dass dort etwas "gestellt gewesen" wäre …



EWJoe hat Folgendes geschrieben:
Inzwischen waren Fernsehteams eingetroffen. Natürlich blieb der Tatort abgeriegelt, aber mit den Teleobjektiven kamen sie deutlich näher an die Ermittler heran, als Auinger.



Inzwischen waren Fernsehteams eingetroffen. Natürlich blieb der Tatort abgeriegelt, aber mit den Teleobjektiven kamen sie deutlich näher an die Ermittler heran als Auinger.


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EWJoe
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BeitragVerfasst am: 03.11.2015 08:54    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Servus Harald,

freut mich, dass Dich das Thema interessiert und Dir der Einstieg prinzipiell gelungen erscheint.

Vielen Dank für Deine Textarbeit, das werde ich natürlich komplett übernehmen. Ich hatte auch wirklich ein paar schlimme Fehler drinnen.

Mit ein paar Formulierungen hadere ich auch noch, aber mal sehen.

Liebe Grüße
Joe


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Harald
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BeitragVerfasst am: 03.11.2015 09:33    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Joe,

mich interessiert das Thema sehr, denn bei allen "Befürchtungen" mancher Zeitgenossen, die noch zu verstehen sind, wenn es schon zu minimalen fremdenfeindlichen Übergriffen kommt ist ein solches Szenario zu befürchten, wie wir aus der Vergangenheit ja wissen.

Daher wäre für mich interessant ob und wie die Geschichte weitergeht. Mich hast du als Leser!


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EWJoe
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BeitragVerfasst am: 03.11.2015 18:32    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Servus Harald,

gerade der Brisanz des Themas wegen, habe ich diese Geschichte begonnen. Deine Befürchtungen laufen in die gleiche Richtung. In Schweden brannten schon 5 Gebäude, die Flüchtlingen ein Quartier geben hätten sollen. Schweden hat bei der Aufnahme der Flüchtlinge eine höhere pro Kopf-Quote sogar als Deutschland, was einem demnach zunehmend Sorgen bereiten muss.

Mit der Geschichte wird es langsam vorangehen und es würde mich freuen Dich weiterhin als kritischen Leser zu haben.
Ich bitte Dich aber noch um etwas Geduld.

Liebe Grüße
Joe


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EWJoe
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BeitragVerfasst am: 03.11.2015 21:42    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Gutmensch

Blaulichtgewitter. Brand aus! Die Scheinwerfer auf das ausgebrannte Objekt gerichtet. Feuerwehrleute brachten ihr Rüstzeug wieder zu den Löschfahrzeugen. Polizisten sicherten das Areal weitläufig ab. Die Kriminalpolizisten hatten den Tatort übernommen. Joseph Auinger drängte unter hunderten Schaulustigen nach vorne zur Polizeiabsperrung, möglichst nahe zum Kommandofahrzeug der Feuerwehr. Es fröstelte ihn, es war für den Spätherbst ziemlich kühl.

„Presse, bitte lassen Sie mich durch“, rief er dem vor ihm stehenden Glatzkopf zu. Der junge Mann drängte bereitwillig zur Seite. Er war vielleicht 18 und hatte ein hinter dem aufgestellten Kragen unzureichend verstecktes Tattoo am Nacken, das typisch für die rechtsradikale Szene war. Im Vorbeigehen konnte er tiefe Betroffenheit im Gesicht des Jungen lesen. Das war für einen Neonazi vor einem abgefackelten Asylantenheim höchst ungewöhnlich. Er wollte sich umdrehen und den Burschen ansprechen, aber ein offenbar ranghoher Feuerwehroffizier war gerade eingetroffen, um sich beim Einsatzleiter zu informieren.

Dem Journalisten war klar, dass im Augenblick niemand zu einer Stellungsnahme bereit war. Viel Zeit hatte er aber nicht mehr, der Redaktionsschluss stand unmittelbar bevor. Zum Glück war er nun in Hörweite.

„... Brand aus um 21 Uhr 35. Fünf Tote im ersten Stock: eine Frau, ein Mann und drei Kinder, etwa zwischen drei und zehn. Draußen, unweit der Tür haben wir sieben Männerleichen gefunden. Ich habe noch nie so zugerichtete Körper gesehen.“

Er stockte kurz, fasste sich aber gleich wieder.

„Brandursache höchstwahrscheinlich Brandstiftung unter Einsatz von Brandbeschleunigern. Spuren diesbezüglich sind sichergestellt. Eine chemische Analyse ist angeordnet worden.“

„Danke, weitermachen.“

Auf der hell beleuchteten Mauer war ein Schriftzug zu erkennen: Völkische Notwehr 444 und darunter 88.

Das deutet klar auf Neonazis. Auinger blickt sich nach dem jungen Mann um. Er war verschwunden.

Zwei abrückende Feuerwehrmänner konnte er kurz befragen, aber weitere Fakten waren nicht zu erfahren.

Eilig diktierte er seinen Artikel und sandte Bilder über sein Smartphone der Redaktion.

Inzwischen waren Fernsehteams eingetroffen. Natürlich blieb der Tatort abgeriegelt, aber mit den Teleobjektiven kamen sie deutlich näher an die Ermittler heran als Auinger.
Eigentlich hätte er schon gehen können, aber der junge Neonazi ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.

„Ja, die Schneckenpost ist auch vor Ort!“ Eigentlich brauchte er sich nicht umzudrehen, er kannte die Stimme seines Studienkollegen.

„Paul, mit vollen Hosen ist's leicht stinken! Nicht jeder hat einen Informanten bei der Feuerwehr. Du stolperst um drei Ecken und bist vor Ort. Meine Anreise war doch deutlich weiter. Ich will mich aber nicht beschweren. Wird schwierig die Täter eindeutig dingfest zu machen, bei der Spurenlage.“

„Ach Joseph, Joseph. Es gibt doch einen Augenzeugen, einen Asylanten. Er hatte sich über ein Kellerfenster auf der Rückseite ins Freie gerettet und in einem Gebüsch versteckt. Von dort hat er alles mit angesehen... Wer zu-spät kommt, den bestraft der Leser. Mach's gut Joseph.“


Teil 2

„Arrogantes Arschloch. Bist gut aufgehoben bei der Gossenpresse“, dachte er bei sich.

Auinger wollte sich ein Bild vom Umfeld des Tatortes machen. Ein paar Gassen weiter betrat er eine Kneipe. Augenblicklich wurde es im überfüllten Lokal ruhig und alle Augenpaare folgten seinem Weg zum Tresen. Der Schankwirt schien beim Abtrocknen eines Glases eingefroren zu sein.

„Ein Bier und einen Korn, bitte.“

„Eigentlich sind wir eine geschlossene Gesellschaft“, brummte der Wirt, zapfte aber ein Bier und stellte den Krug auf den Schanktisch. Einen Korn stellte er dazu.

„Trinken Sie und dann gehen Sie!“

Auinger lehnte an der Bar, den Blick in die Raummitte gerichtet und leerte den Korn in einem Zug.

„Hübsches Feuer heute, was?“ Leises Gemurmel erfüllte den Raum.

„Die Scheiß-Asylanten! Endlich hat es denen einer gezeigt!“, plärrte ein offensichtlich sturzbetrunkener Gast, der wahrscheinlich nicht mehr stehen konnte.

„Halt das Maul, Kalle. Hast ja recht, aber halt das Maul!“ Sein Sitznachbar wollte den verbalen Dammbruch vermeiden.

„Aber ist doch wahr! Ich muss von meiner Mindestsicherung leben, weiß nicht woher ich das Geld für den nächsten Tag herbekomme, aber denen wird es vorne und hinten rein-geschoben!“

Der Betrunkene kam erst so richtig in Fahrt.

„Ich schwör' dir, bald werden sie uns auch das bisschen Geld kürzen. Die Zeche zahlen immer wir! Wer verliert den die Jobs wegen denen? Etwa der Herr Rechtsanwalt, oder sonst so ein Studierter? Nee, das sind immer wir Ottos. Für die hat die Regierung nichts üblich, auf uns wird geschissen!“

„So, jetzt gehen Sie“, befahl der Wirt. „Sie waren eingeladen.“

 Auinger wurde von zwei kräftig gebauten Gästen unsanft vor die Tür befördert.“

„Naja, ein Stimmungsbild war das allemal“, murmelte er in seinen Vollbart, während er seine Mütze vom Boden aufhob.

Der Weg zu seinem Auto war kurz. Es hatte leicht gefroren und er musste Eis von der Scheibe kratzen. Er startete und schaltete das Licht an. Im Scheinwerferlicht erschien eine wankende Gestalt. Das war der junge Neonazi.

Er sprang aus dem Wagen, der Motor lief noch. „He, Junge! Wart' mal!“, schrie er. Der junge Mann versuchte im angrenzenden Park zu entkommen, aber er war zu betrunken. Auinger holte ihn ein, bevor er im Dunklen verschwinden konnte. Er packe ihn an den Schultern, aber die Abwehrbewegung des Burschen stieß den eher schmächtigen Journalisten in ein Gebüsch. Gleichzeitig hatte auch der junge Mann das Gleichgewicht verloren. Auinger war schneller auf den Beinen.

„Über das, was heute passiert ist müssen wir reden!“

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EWJoe
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BeitragVerfasst am: 07.11.2015 23:35    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Teil 3

Der Ältere musste dem Jüngeren auf die Beine helfen.

„Ich bin Journalist und schreibe für eine lokale Tageszeitung. Du warst doch dabei! Ich weiß, dass Du das nicht wolltest, aber es ist passiert!“

„Alter, du hast ja keine Ahnung. Ihr lebt alle in elfenbeinernen Türmen, baut euch eure Wolkenschlösser. Die Realität hier unten nehmt ihr doch nicht wahr! Europa, Deutschland wird verschenkt! Millionen überschwemmen unser Land, Fremde, Moslems. Bald wirst du dich auch gegen Mekka beugen müssen und die Scharia wird unser Grundgesetz.“ Trotz seiner Trunkenheit, hatte er nur einen leichten Zungenschlag.

„Weißt du, dass in dem Heim kleine Kinder umgekommen sind...“

„Neiiin, neiiin!“, schrie er hysterisch und stieß Auinger um. Bevor er wieder auf die Beinen kam, war der Bursche verschwunden.

In das Dunkel des Parks wollte er ihm nicht folgen, also rappelte er sich nur langsam wieder auf und putze sich den Staub von der Hose. Im Licht seiner Scheinwerfer bemerkte er einen Zettel am Boden. Er hob ihn auf. Möglicherweise hatte ihn der Junge verloren. Er kehrte zum Auto zurück und fuhr ein paar Mal um die Häuserblöcke, in der Hoffnung den Burschen wieder zu finden.

„Verdammt, der war jetzt weich! Und ich Trottel habe ihn einfach so ausgelassen.“ Er schlug mehrmals auf das Lenkrad ein.

Er kam erst um etwa ein Uhr zuhause an. Schlafen konnte er noch nicht. Daher trank er eine Tasse Kaffee und schaltete seinen Computer an. In verschiedenen Social Medias suchte er nach Einträgen zu dieser Wahnsinnstat. Rasch fand er ein etwa drei minütiges Youtube-Video, das ein Augenzeuge aus hoher Entfernung gefilmt hatte. Der verwendete elektronische Zoom,ließ die Bilder verwackelt und pixelig erscheinen, wodurch Details kaum erkennbar waren.

Das Video begann, als das Haus schon in Flammen stand und mehrere Personen zur Tür heraus flüchteten. Draußen warteten etwa 15 Männer und attackierten, vermutlich mit langen Eisenstangen, die Flüchtlinge. Immer wieder schlugen die Mörder auf ihre Opfer ein, sogar als sie längst am Boden lagen. Auinger war von dieser extremen Brutalität angewidert. Die Aufzeichnung endete abrupt.

Über eine Suchmaschine wollte er nun Einträge finden, die das Video referenzierten. Es gab bereits eine erstaunliche Fülle von Bezügen, die er auf Hasspostings filterte. Eine Antwort war besonders auffällig.

In einem Thread einer rechtsradikalen Seite, rühmte sich ein Gast mit dem Nick Odin88, ein Video von dem Asylantenmord, quasi aus der erster Reihe, aufgenommen zu haben, das aber nicht öffentlich wäre.

Auinger erinnerte sich an den Zettel, den er nach dem Zusammenstoß mit dem jungen Nazi gefunden hatte. Offensichtlich war darauf der Schlüssel zu einer unbekannten Seite aufgeschrieben. Er suchte nach dem Usernamen Odin88 im Netz. Wenig später fand er einen Link zu einer Seite, die von einer Neonazi-Gruppe betrieben wurde.
Nach der Startseite konnte er in den internen Bereich mittels der Logindaten vordringen. Mehrere Minuten danach fand er tatsächlich einen Link auf eine Seite, die auf einem US-Server lag, die das gesuchte Video beinhalten sollte.

Die Seite auf dem Server war auch nicht öffentlich zugängig. Diesmal halfen die gefundenen Logindaten nicht. Auinger kam nicht weiter. Es war mittlerweile nach vier Uhr früh. Um diese Zeit war sein Freund und Nachbar sicher noch auf.

Bashir, der Prototyp eines ewige Student, war ein genialer Informatiker und Hacker, der dem Journalisten schon öfters geholfen hatte. Seine Eltern waren libanesische Christen, aber er stand jeder Religion skeptisch gegenüber. Er wollte, wie er immer sagte, sich keinen Bandwurm in das Gehirn setzen lassen.
Das Studium hätte er ohne Probleme längst abschließen können, aber es interessierte ihn einfach nicht, die ausständigen Prüfungen noch zu machen. Dennoch hatte er in der IT-Branche einen hervorragenden Ruf, wenn es darum ging kniffelige Probleme zu lösen. Zahlreiche Aufträge wurden ihm angeboten, er suchte sich immer nur die, für ihn interessantesten heraus. Nahm er einen Auftrag an, der für sechs Monate bezahlt wurde, hatte er ihn meist in zwei Monaten erledigt, den Rest der Zeit genoss er das lockere Studentenleben.

„Baschir, hast Du Zeit?“ Auinger klopfte an die Tür. Die Tür ging einen Spalt auf, die Kette sicherte die Öffnung.

„Ach Du bist es, Joseph. Komm herein! Jetzt haben wir uns schon ein paar Tage nicht mehr gesehen. Ich schätze mal, dass Du wieder einmal was brauchst.“

„Wie immer durchschaust Du mich sofort. Aber es ist heute wirklich sehr wichtig. Der braune Mob hat die Einwohner eines Asylantenheims ermordet.“

„Ich habe schon Einiges auf Twitter darüber gelesen. Darum war ich extra vorsichtig, als ich die Tür geöffnet habe. Du weißt, dass ich vor Kurzem auf der Straße angegriffen worden bin. Damals konnte ich knapp entkommen.“

„Vorsicht ist da wohl angebracht.“

„Komm nimm ein Bier!“ Baschir drückte seinem Gast eine Dose aus dem Kühlschrank in die Hand und beide nahmen auf dem Sofa platz.

Auinger erzählte von den Ereignissen des Tages.

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Rodion
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BeitragVerfasst am: 08.11.2015 02:44    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Joe

das ist in der Tat ein sehr spannendes und aktuelles Thema. Deine Schreibweise gefällt mir gut, auch wenn ich ein paar Zeilen brauchte um mich daran zu gewöhnen, da alles sehr schnell geht und es wenig Erklärungen gibt. Aber die sind auch nicht nötig.

Außer an der Stelle mit Paul, die musste ich mehrmals lesen...

Diese Kneipe, die erscheint mir seltsam. Also ich meine, dass da gleich alle verstummen, als er eintritt. Und dass der Wirt so barsch ist. Die anderen scheinen ja zu wissen, wer er ist. Wusste er denn, was für eine Kneipe das ist?

Naja, allzu viel hilft dir das vielleicht nicht, aber ich habe auch nicht viel auszusetzen und auf jeden Fall hast du viel Spannung erzeugt und ich warte auf die Fortsetzung.

LG,
Rodion
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EWJoe
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Beiträge: 276
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BeitragVerfasst am: 08.11.2015 11:08    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Servus Rodion,

Zitat:
das ist in der Tat ein sehr spannendes und aktuelles Thema. Deine Schreibweise gefällt mir gut, auch wenn ich ein paar Zeilen brauchte um mich daran zu gewöhnen, da alles sehr schnell geht und es wenig Erklärungen gibt. Aber die sind auch nicht nötig.


Freut mich, dass Dir das einigermaßen gelungen erscheint.

Zitat:
Außer an der Stelle mit Paul, die musste ich mehrmals lesen...

Wir haben beide einen Paul in der Geschichte. Mein Paul ist nur eine Nebenfigur, die beiläufig eine Information bietet, die Auinger wegen Zeitmangels verborgen geblieben war.
Ich wäre da gespannt, ob andere ebenfalls über diese Stelle gestolpert sind. Vielleicht braucht's wirklich einen Redebegleitsatz, um das klar zu machen. Das will ich eigentlich vermeiden.

Zitat:
Diese Kneipe, die erscheint mir seltsam. Also ich meine, dass da gleich alle verstummen, als er eintritt. Und dass der Wirt so barsch ist. Die anderen scheinen ja zu wissen, wer er ist. Wusste er denn, was für eine Kneipe das ist?


Echt? Bist Du noch nie erstmals in so ein Lokal gekommen, wo Du Dich sofort deplatziert gefühlt hast? Speziell, wenn die restlichen Gäste unter sich sein wollten und Fremden gegenüber reserviert waren.
Vielleicht war ich (früher) manchmal auch in so seltsamen Kneipen unterwegs.
Die anderen kannten Auinger eben nicht, sonst wäre diese Reaktion in der Tat nicht verständlich.

Zitat:
Naja, allzu viel hilft dir das vielleicht nicht, aber ich habe auch nicht viel auszusetzen und auf jeden Fall hast du viel Spannung erzeugt und ich warte auf die Fortsetzung.

Freut mich deine zusammenfassendes Urteil. Jede Anmerkung ist dem Autor Orientierung, also hilft's allemal.

Vielen Dank,
LG
Joe


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Lapidar
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BeitragVerfasst am: 08.11.2015 11:29    Titel: Antworten mit Zitat

hallo,
fand die Story auch interessant. Ein oder zwei Erbsen jedoch:
Zitat:
Es fröstelte ihn, es war für den Spätherbst ziemlich kühl.
Äm.. Spätherbst ist November /Dezember und eigentlich sollte es da KÜHL sein. Naja, momentan ist es das nicht und ich muss wohl nochmal Rasen mähen, aber DAS ist ungewöhnlich. Kühle/Kälte nicht.

Die Lokalszene war für mich durchaus nachvollziehbar. Wenn man als Fremder wo reinplatzt kann das schon passieren.

Das histerische Neiiin.. kommt ein bisschen seltsam daher in meinen Leserinenohren.
Bashir scheint aber genau das Klischee zu erfüllen, dass der Junge Rechtsradikale vor sich herbetet, bzw. die in der Kneipe. Faule Studenten, die das System ausnutzen und gut davon leben wink ,

Bei dem verlorenen Zettel, der dann so super die Zugangsdaten enthält muss ich sagen, war ich dann doch ein bisschen enttäuscht.  Das war mir dann doch etwas zu leicht.

Trotzdem. Interessant geschrieben. smile


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EWJoe
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BeitragVerfasst am: 08.11.2015 16:43    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Servus Lapidar,

Lapidar hat Folgendes geschrieben:
Zitat:
Es fröstelte ihn, es war für den Spätherbst ziemlich kühl.

Äm.. Spätherbst ist November /Dezember und eigentlich sollte es da KÜHL sein. Naja, momentan ist es das nicht und ich muss wohl nochmal Rasen mähen, aber DAS ist ungewöhnlich. Kühle/Kälte nicht.

Das ist richtig.
Gemeint war:
Es fröstelte ihn, es war sogar für den Spätherbst ziemlich kalt.

und so will ich es dann auch schreiben. (Durchschnittliches Tagesminimum Ende Nov so um die 0 Grad, daher hat es ein paar Minusgrade)

Lapidar hat Folgendes geschrieben:
Das histerische Neiiin.. kommt ein bisschen seltsam daher in meinen Leserinenohren.


Nun der junge Nazi war betroffen, als das Haus brannte. Zeigt doch, dass er da einen sehr wunden Punkt haben muss. ... das wird vielleicht erst im Verlauf der Geschichte ersichtlich.

Lapidar hat Folgendes geschrieben:
Bashir scheint aber genau das Klischee zu erfüllen, dass der Junge Rechtsradikale vor sich herbetet, bzw. die in der Kneipe. Faule Studenten, die das System ausnutzen und gut davon leben wink ,


Bashir habe ich eigentlich nicht als einen Ausnutzer des Systems gesehen. Er finanziert sich sein Leben selbst und das gar nicht schlecht. Er mag zwar dem Klischee entsprechen, dass Südländer eben nicht dem reinen Mamon nachlaufen, sondern auch dem Leben seinen Platz einräumen (etwas was in unseren Breiten gerne als Ausnützen missinterpretiert wird), aber er bringt ja seine Leistung, auch wenn er wesentlich mehr bringen könnte. Er ist halt eher vom Typus : Den Seinen gibt es der Herr im Schlafe, was aber auch gerne den Neid derer hervorruft, denen das bedeutend schwerer fällt. Insofern hast Du Recht, er wird in rechten Kreisen ein willkommenes Feindbild darstellen. Das wird ihn höchstwahrscheinlich motivieren, sich in dieser Sache ordentlich ins Zeug zu legen.
 
Aber natürlich soll Bashir auch aufzeigen, dass der Mentalitätsunterschied von außen eben auch problematisch gesehen werden kann. Die Nähe soll den Typen sympathischer erscheinen lassen, schließlich ist er großzügig, sehr gastfreundlich und immer für seine Freunde da. Mal sehen ob mir das gelingen wird.

Lapidar hat Folgendes geschrieben:
Bei dem verlorenen Zettel, der dann so super die Zugangsdaten enthält muss ich sagen, war ich dann doch ein bisschen enttäuscht. Das war mir dann doch etwas zu leicht.


Oftmals sind es ganz banale Ursachen, die das Eindringen in ein System ermöglichen. Diese Zugangsdaten bringen zunächst nicht den Durchbruch, sondern stellen nur einen Fuß in der Tür dar, sie gänzlich zu öffnen, dazu bedarf es wohl noch weiterer und versierterer Aktivitäten.


Vielen Dank für Deine guten Anmerkungen.

LG
Joe


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meerenblau
Dichter und Denker


Beiträge: 1068



BeitragVerfasst am: 09.11.2015 16:55    Titel: Antworten mit Zitat

Ich muss sagen, bislang finde ich das sehr gelungen und interessant, und ich bin echt gespannt, wie das wohl weitergeht. Ich hab sogar schon des Öfteren nachgesehen, wann bzw. ob ein neues Kapitel eingestellt wurde, und das will was heißen Smile

Das einzige, was mir auffiel, ist die Schreibweise des Wortes "Nein". Der junge Nazi ruft "Neiiin, Neiiin", und das - ich hab es eben ausprobiert - hört sich ausgesprochen eher an wie ein Homer-Simpson-Neiiin. Weiß nicht, ob das so soll?

Davon aber abgesehen - echt gut gemacht.
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BeitragVerfasst am: 09.11.2015 22:34    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Servus meerenblau,

freut mich sehr, dass Du das im Prinzip als interessant findest.

Zitat:
Das einzige, was mir auffiel, ist die Schreibweise des Wortes "Nein". Der junge Nazi ruft "Neiiin, Neiiin", und das - ich hab es eben ausprobiert - hört sich ausgesprochen eher an wie ein Homer-Simpson-Neiiin. Weiß nicht, ob das so soll?

Interessant, das hat auch schon Lapidar bemängelt. Homer-Simpson wollte ich nicht in Deinem Kopf herum-rumoren lassen, wenn's denn passiert ist, dann dürfte es nicht passen. Da scheine ich wohl über's Ziel hinaus geschossen zu haben. Aber der Junge hat hier seinen weichen Punkt, will wohl etwas wegwischen, was sich zweifach nicht wegwischen lässt. Aber das ist eine andere Geschichte, die es noch zu erzählen gilt.

Vielen Dank für Dein Lesen und Kommentieren.

LG
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BeitragVerfasst am: 09.11.2015 22:46    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Teil 4

„Das alles war wirklich heftig und ich kann mir vorstellen, dass dieses unglaubliche Verbrechen umso betroffener macht, je näher man ihm war.“

Die beiden setzten sich zum Rechner, der eine deutlich höhere Rechenleistung hatte, als normale PCs.

Bashir loggte mit den Daten des Zettels in die rechtsradikale Seite ein. Zunächst versuchte er einige einfacheren Hacks.

„Da versteht einer wirklich sein Geschäft. Der einfache User hier, hat sehr eingeschränkte Rechte und ich bin bislang noch nicht weiter gekommen.
Ich starte einmal ein paar Agents, die ich entwickelt habe.“

„Also ich verstehe nur Bahnhof“, kommentierte Joseph die Vorgänge.

„Nimm Dir ruhig noch ein Bier. Bitte bring mir auch eins mit. Mal sehen, ob ich nicht ein Hintertürchen finde, das perfekt gesicherte System gibt es nicht. Allerdings sucht man da immer nach der Nadel im Heuhaufen. Dafür habe ich aber einen richtigen Magneten geschaffen. So jetzt müssen wir warten.“

Beide setzten sich wieder auf die Couch und unterhielten sich über Fußball. Über die Spiele der letzten Saison und die Championsleague. Schließlich diskutierten sie die Stärken und Schwächen der einzelnen Mannschaften.

„Also Bashir, vom Fußball magst Du einiges verstehen, aber ich habe die Bundesliga schon viele Jahre genau beobachtet. Gegen meine Erfahrung kommst Du da nicht an.“

„Erfahrung ist gewiss was Gutes, aber wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit. Mannschaften verändern sich viel rascher als früher. Ich habe ein Programm geschrieben, mit dem man die Ergebnisse der Bundesligaspiele wesentlich besser vorhersagen kann, als mit herkömmlicher Statistik, und damit Erfahrung. Es basiert auf der Spielanalyse, die die dynamischen Beziehungen der Angriffs- und Verteidigungsmuster zwischen den einzelnen Spielern ermittelt. Das heißt, dass ich alle Aufzeichnungen durch meine Software auf Parameter, wie ...“

„Rede mit mir nicht in Altägyptisch oder Chinesisch. Kannst Du mir das einfacher erklären?“

„Sorry Joseph, ich dachte ...“

Ein lautes „Biep“ unterbrach die Unterhaltung je.

„Ein Agent hat was gefunden!“

Beide stürmten zum Bildschirm. Auf dem Monitor waren Zahlen-Kolonnen sichtbar. Eine lange Symbolreihe blinkte rot.

„Da haben wir unseren Treffer. Ein schwacher Schlüssel. Über den kann ich mit einer anderen Software ein Login kreieren, dann sollten wir in ein paar Stunden mit Administratorrechte eindringen können.“

„Also Bashir, ich kann da nichts erkennen, aber wenn Du das sagst. Jetzt bin ich langsam müde, es ist nach sechs Uhr morgens. Irgendwie zieht mich mein Bett jetzt magisch an. Bist Du mir böse, wenn ich mich kurz zurückziehe, ich brauche mehr als zwei Stunden Schlaf.“

„Klar doch Joseph, war auch ein langer Tag. Ich starte nur noch ein Entschlüsselungsprogramm. Viele Rechner bekommen jetzt ordentlich was zu tun. Dann werde ich mich auch ein wenig ausruhen.“

Sie verabschiedeten sich.

« Was vorher geschah123



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Rodion
Schreiber-Lehrling

Alter: 34
Beiträge: 80
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 10.11.2015 02:15    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Joe,

dein neuer Abschnitt ist ziemlich kurz und ich hätte gern jetzt schon mehr erfahren.
Heißt es aber nicht "einfachere Hacks"?
Und: loggte SICH ein?
Also beim Lesen war mein erster Gedanke, warum sich die beiden nun über Fussball unterhalten müssen. Das kam etwas überraschend. Ich hätte weder deine Hauptfigur noch den Freund so eingeschätzt, dass sie sich sonderlich dafür interessieren. Aber gut, das ist ja nicht verkehrt, so lernt man eben die Figuren im laufe des Textes kennen.

Warum hat Auinger eigentlich die Bundesliga schon lange beobachtet? Das hört sich an, als täte er das nicht nur aus Interesse am Fussball, sondern weil er an etwas forsche oder so.

Alles in allem liest sich auch diese Passage sehr gut und flüssig.
Vielleicht müsste man mal sehen, ob es nach einer Weile ein paar mehr Sinneseindrücke bedarf. Ist nur so eine Idee, nur so ein Gefühl. Aber andererseits ist diese Szene auch mehr eine Überleitung, denn es passiert ja nichts total wichtiges oder Veränderndes.
Dein Auinger sollte aber aufgrund der interessanten Story und des raschen Voranschreitens der Geschichte mit seiner Persönlichkeit nicht untergehen. Weißt du was ich meine? Er soll doch sicher eine Figur sein, in die man sich gut reinversetzen kann, eine starke Figur also. Das ist er zwar schon, aber ich habe noch kein richtig lebendiges Bild von ihm vor Augen.
Ich freue mich jedenfalls schon sehr auf den 5. Teil.
LG
Rodion
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EWJoe
Geschlecht:männlichSchreiberling

Alter: 60
Beiträge: 276
Wohnort: A-2384 Österreich Breitenfurt bei Wien


BeitragVerfasst am: 12.11.2015 12:22    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Servus Rodion,

vielen Dank für Deinen neuerlichen Post.

Zitat:
Heißt es aber nicht "einfachere Hacks"?
Und: loggte SICH ein?

Mit der Rechtschreibsache hast Du recht.

Zitat:
Also beim Lesen war mein erster Gedanke, warum sich die beiden nun über Fussball unterhalten müssen. Das kam etwas überraschend. Ich hätte weder deine Hauptfigur noch den Freund so eingeschätzt, dass sie sich sonderlich dafür interessieren.
... Warum hat Auinger eigentlich die Bundesliga schon lange beobachtet? Das hört sich an, als täte er das nicht nur aus Interesse am Fussball, sondern weil er an etwas forsche oder so.


Über Fußball war vorher noch keine Zeit zu sprechen, daher tauchte das Thema hier ein wenig unvermittelt auf. Da magst Du schon recht haben, dass da noch etwas vorher sein sollte z.B. dass Auinger auch jahrelang Sportkommentare geschrieben hatte oder so. Bashir mag vielleicht aus wissenschaftlicher Neugier sich dafür interessiert haben, aber auch das gehört dann im Text irgendwie festgemacht. Grundsätzlich ist das Interesse am Fußball nur ein Nebenthema, das aber zur Lösung beim Knacken einer Seite inspirierte. Kann schon sein, dass ich über den letzten Abschnitt all zu rasch hinweg-geprescht bin. Er hat in diesem Sinne wohl noch Schwächen, die es auszumerzen gilt.


Zitat:
Vielleicht müsste man mal sehen, ob es nach einer Weile ein paar mehr Sinneseindrücke bedarf. Ist nur so eine Idee, nur so ein Gefühl. Aber andererseits ist diese Szene auch mehr eine Überleitung, denn es passiert ja nichts total wichtiges oder Veränderndes.
Dein Auinger sollte aber aufgrund der interessanten Story und des raschen Voranschreitens der Geschichte mit seiner Persönlichkeit nicht untergehen. Weißt du was ich meine? Er soll doch sicher eine Figur sein, in die man sich gut reinversetzen kann, eine starke Figur also. Das ist er zwar schon, aber ich habe noch kein richtig lebendiges Bild von ihm vor Augen.


Diese Aussage deckt sich mit meiner Auffassung. Hier muss ich wohl das Tempo rausnehmen und ein bisschen mehr an den Figuren, insbesonderes an Auinger, arbeiten.

Vielen Dank für Deine wertvollen Anregungen,

LG
Joe


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Christof Lais Sperl
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Alter: 57
Beiträge: 376
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BeitragVerfasst am: 12.11.2015 17:37    Titel: Gutmensch? Antworten mit Zitat

Servus Joe, erst die sprachliche Kritik.

Der Titel Gutmensch gefällt mir nicht. Es ist dies ja der ewige Vorwurf der Schlechtmenschen, dass manche Ihre Ethik noch nicht ganz vergessen haben. Diesem Unwort würde ich nicht den Raum geben, den es nicht verdient.

Betroffen. Kein schöner Ausdruck. Klingt etwas zu weich. Wie wäre es mit schockiert oder konsterniert, erregt, versteinert? Dann das Tatoo. Es war nicht, es IST zum Zeitpunkt der Geschichte immer noch ein Zeichen der Wurstköpfe.

Ich finde es vorbildlich und gut, dass sich ein Schriftsteller wie du eines solchen hochaktuellen Themas annimmt. Chapeau. Zudem hast du die Story sehr spannend geschrieben! Alles entwickelt sich schnell und flutschig. Bravo. Toller Text. Nur zum Schluss, wie auch Lapidar anmerkte, nimmst du auf einmal den fünften Gang raus, und bringst die Sache mit dem Zettel. Hier hast du Spannung abgebaut und es den Polizisten zu leicht gemacht. Aber ansonsten cooler Text. Schreibe mal das Ende um, dass passt es! LG c


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Lais
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Slaavik
Geschlecht:männlichAutor


Beiträge: 517



BeitragVerfasst am: 12.11.2015 18:33    Titel: Re: Gutmensch? Antworten mit Zitat

Christof Lais Sperl hat Folgendes geschrieben:
Es ist dies ja der ewige Vorwurf der Schlechtmenschen, dass manche Ihre Ethik noch nicht ganz vergessen haben. Diesem Unwort würde ich nicht den Raum geben, den es nicht verdient.


Wirklich? Darüber gibt es auch andere Ansichten.

Zitat:

Erstaunlich ist daher, wenn Gauck das schwierige Wort selbst freimütig in den Mund nimmt – und das ausgerechnet für Menschen, die tatsächlich menschenfreundlich mit Asylsuchenden umgehen. "Bloßes Gutmenschentum kann man auch belächeln", sagte der ehemalige Pastor aus Rostock, als er vor dem am Samstag stattfindenden Weltflüchtlingstag zwei ehrenamtliche Flüchtlingsprojekte in Gießen besuchte. Und: "Mir gefällt Ihr Ansatz sehr gut. Das ist besser, als wenn ein Gutmensch da reintobt in eine Flüchtlingseinrichtung und seine Transparente ausrollt."


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Harald
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BeitragVerfasst am: 12.11.2015 18:50    Titel: Antworten mit Zitat

Der Gutmensch ist der Schlechtmensch der Schlechtmenschen,
also kann er eigentlich nur ein guter Mensch sein …

 Shocked


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Willebroer
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BeitragVerfasst am: 12.11.2015 20:20    Titel: Antworten mit Zitat

Harald hat Folgendes geschrieben:
Der Gutmensch ist der Schlechtmensch der Schlechtmenschen,
also kann er eigentlich nur ein guter Mensch sein …

 Shocked


Und man kann alles noch steigern: Das ist dann der "selbsternannte Gutmensch". Rolling Eyes

Nein, die Steigerung von "Gutmensch" lautet jetzt "Gauckmensch".
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BeitragVerfasst am: 13.11.2015 08:33    Titel: Antworten mit Zitat

Ich wollte mich schon vor Tagen zum Titel gemeldet haben, dankenswerter Weise sind jetzt Christof und Harald schon darauf eingegangen.

Der Titel stellt für mich die ganze Geschichte in Frage, weil es eben ein zynischer Begriff ist.

Nur der Vollständigkeit halber und weil ich den Artikel sehr gut, weil sehr umfassend und sehr erhellend finde:


https://de.wikipedia.org/wiki/Gutmensch

LG, Literättin
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EWJoe
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Beiträge: 276
Wohnort: A-2384 Österreich Breitenfurt bei Wien


BeitragVerfasst am: 13.11.2015 09:35    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Servus,

@ Alle:

ich will auf die Titel-Frage ganz kurz eingehen.

Wir haben in Österreich einen Parteichef (unserer Rechtsaußenpartei), der das Wort Gutmensch in jedem dritten Satz zur Anwendung bringt, daher ist mir die Bedeutung des Wortes ein Begriff. Ich habe den Titel bewusst gewählt, einerseits ist er provokant und andererseits wird dieser Begriff zu einem wesentlichen Punkt werden.

Haralds Definition Der Gutmensch ist der Schlechtmensch der Schlechtmenschen triftt das ziemlich genau, wenngleich ich die moralische Wertung nicht so scharf sehen will (Gutmenschen versus Schlechtmenschen).

In jedem Fall ist dieses Wort für mich ein Synonym eines Grabens in unseren Gesellschaften, den es ebenfalls darzustellen gilt. Die gegensätzlichen Standpunkte sind nicht annäherbar, aber sie versuchen die große Masse der Menschen, die in ihrer Meinung schwanken, auf ihre Seite zu bringen.
Manchesmal passiert es aber auch, dass ein Unversöhnlicher aussteigt, auf die andere Seite wechselt, mit all den Konflikten denen er sich dabei aussetzt.

@Christof

Zitat:
Betroffen. Kein schöner Ausdruck. Klingt etwas zu weich. Wie wäre es mit schockiert oder konsterniert, erregt, versteinert? Dann das Tatoo. Es war nicht, es IST zum Zeitpunkt der Geschichte immer noch ein Zeichen der Wurstköpfe.


Mit dem IST hast Du natürlich recht. Betroffen ist für uns vielleicht in der Tat zu schwach formuliert, aber bei einem Nazi würde ich das schon als einen extremen Kontrast wahrnehmen.



Derzeit bin ich beruflich etwas stärker belastet, daher komme ich nur wenig zum Schreiben und ich bitte Euch wiedermal um Geduld.

In jedem Fall hilft mir Eure Meinung als Orientierung, daher vielen Dank dafür.

Liebe Grüße
Joe


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