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Aerohaven


 

 
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Christof Lais Sperl
Geschlecht:männlichHobbyautor

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Beiträge: 393
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Der silberne Roboter


BeitragVerfasst am: 20.09.2015 14:27    Titel: Aerohaven eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Aerohaven
Im Kontrollhäuschen arbeiteten zwei Beamte. S. stand, hinter seiner Frau, in der links gelegenen von zwei Warteschlangen, die sich vor der Schleuse gebildet hatten. Nun waren sie an der Reihe. Schon hatte seine Frau das Häuschen passiert und wartete auf S. indem sie sich umblickte und ihren Pass in der Handtasche verstaute.

Der Beamte blickte auf den Pass, sah S. blinzelnd an, blickte erneut auf das Dokument. S. dachte bei sich, das er auf dem Bild vielleicht nicht gut zu erkennen wäre, doch nun gab der Beamte ein paar Daten ein, las etwas auf dem Bildschirm - und runzelte leicht die Stirn. „Er wird doch nicht abgelaufen sein“, sagte S. mehr zu sich selbst als zum Beamten, der ihn sofort aufgefordert hatte, still zu sein. S. fügte sich in sein Schicksal und blickte zu seiner Frau, deren Gesicht vor dem hellen Hintergrund der gleißenden Verkaufslandschaft kaum auszumachen war. Ihr Oberkörper bewegte sich nervös von links nach rechts, doch offensichtlich konnte auch sie selbst S. kaum erkennen, der ihr zur Beruhigung beschwichtigend die Handfläche entgegenhielt und dazu langsam nickte.

Nun steckten die beiden Beamten die Köpfe zusammen und lasen etwas auf dem Bildschirm. S. war unwohl, denn schon starrten ihn die Wartenden aus der rechten Schlange skeptisch an. Er wusste nicht, wohin er den Blick wenden sollte. Ein Kind, das von seiner Mutter an der Hand gehalten wurde, zeigte mit dem Finger auf ihn, dem nun die Hitze der Beschämung ins Gesicht stieg. Der Beamte auf der rechten Seite schüttelte den Kopf. Auf S. Frage nach der Ursache der Verzögerung beschied man ihn, das überflüssige Fragen sein zu lassen, alles werde sich klären, man sei noch dabei, den Vorgang zu prüfen, Bemerkungen, deren zweite S. ein wenig hoffnungsvoller stimmte.

Seine Frau war entgegen der vorgesehenen Laufrichtung ein paar Schritte zum Häuschen zurückgekommen. S. wollte etwas zu ihr sagen, doch schon hatten zwei Beamte sie nach vorn gedrängt. Ihre Uniformen unterschieden sich in der Farbe von denen der Kontrolleure in der Schleuse. S. hatte Uniformen dieser Farbe bisher nie bemerkt. Seine Frau redete auf sie ein, wie S. an den Bewegungen der drei sich entfernende Silhouetten erkennen konnte, doch offensichtlich hörten die zwei wie Automaten agierenden Beamten ihr nicht zu. Schon bogen sie nach links um die Ecke und S. war nun ganz allein. Meine Frau, dachte er bei sich, sie wird doch nicht allein reisen?

Schon hatte sich ein dritter Beamter ins Häuschen gedrängt. An den vielen Abzeichen und goldenen Tressen konnte S. ablesen, dass es sich hier um einen hohen Rang handeln musste. Die zwei Beamten hörten ihm schweigend zu und blickten sich abwechselnd untereinander, dann wieder den Hochrangigen an. Einer von ihnen hatte sich die Hand Finger der flachen Hand vor den Mund gelegt, was S. als Zeichen höchsten Erstaunens deutete, obwohl er sich keiner Schuld und keiner Versäumnis bewusst  war.

S. stützte sich, einer plötzlichen Schwäche nachgebend, auf das Ablagebrett des Tresens, doch der Hochrangige wies ihn scharf zurecht, er solle zurücktreten, flüsterte den sitzenden Beamten etwas zu und deutete auf die Masse der ungeduldig Wartenden, deren undeutlichem Stimmengewirr schon allerlei Empörung und Protest  zu entnehmen war.

Als S. einen Schritt nach links machte, um den Versuch zu unternehmen, im gleißenden Hintergrund die Silhouette seiner Frau auszumachen, vernahm er die Wörter „Unregelmäßigkeiten“ und „Überprüfung“; einer der Beamten war aufgestanden und hatte ihm einen undeutlichen Satz zugerufen, dem er die beschwichtigende Aussage „nach der Prüfung wird sich alles als ein Versehen herausstellen“ entnehmen zu können glaubte.

Hinter S. waren wie aus dem Nichts drei in rötlichem Ton uniformierte Organe erschienen, von denen ihn zwei kräftig bei den Oberarmen packten. Der dritte ging voraus, doch hatte man nicht den Weg am Häuschen vorbei, sondern zwischen die zwei Warteschlangen nach hinten angetreten. Die Hose des Vorausgehenden saß schief. Die Leute starrten ihn an, Kinder lachten, ganz hinten bemerkte er einen Arbeitskollegen, er wollte sein Gesicht verbergen, doch der hatte ihn bereits erkannt und rief ihm mit ungläubiger Miene etwas zu. Die Menge schrie nun haßerfüllt. Handys wurden gezückt, mancher versuchte, ein Selfie mit ihm zu machen. Die Uniformierten schlugen die brüllenden Gaffer. Man drückte S.' Hände nach unten und nur eine seitliche Kopfdrehung im Handgemenge konnte es ihm erlauben, den  Blick des Bekannten zu meiden.

Eine automatische Tür öffnete sich und sie betraten einen Aufzug, der an zwei Innenseiten mit Werbetafeln ausgekleidet war. S. schöpfte Hoffnung, denn offensichtlich befand man sich hier nicht in einem polizeilichen, sondern in einer Art öffentlichem Raum. Im Spiegel der hinteren Wand sah S. sich selbst und die drei Beamten, von denen einer bösartig und verschlagen, der zweite verbissen und streng, der dritte aber rundköpfig und gutmütig aussah. Der Verbissene holte einen schweren Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn in ein Schloss, das hinter einer Metallklappe verborgen war, drehte ihn, schon schloss sich hinter ihnen die Tür und der Aufzug glitt nach unten.

S. sah die Ziffern auf der Liftanzeige von zehn auf fünf, dann auf eins und null und minus fünf springen. Dann verlosch die Anzeige, doch der Lift fuhr immer noch. S. kam es vor, als wären sie eine Stunde nach unten gefahren, als der Aufzug abrupt zum Halt kam. Während der gesamten Fahrt hatten die drei Beamten nichts geredet, weder mit ihm noch untereinander. Der Rundköpfige hatte lediglich Essen in sich hineingestopft, was es war hatte S. nicht erkennen können.

„Was soll ich denn hier?“,

fragte S., als sich die Tür wieder öffnete und den Blick auf einen, wie es S. schien,  endlos langen, trübe beleuchteten, kühlen und muffig riechenden Gang freigab.

„Das werden Sie noch schnell genug verstehen“,

hatte der Verbissene geantwortet, und ihn noch fester am Arm gepackt.

Sie zogen S. den Gang entlang und er konnte erkennen, dass ein bläuliches Licht den Korridor in regelmäßigen Abständen  beleuchtete. Im unteren Drittel der vor ihnen liegenden, durch die Perspektive aufsteigend erscheinenden Linie aber konnte S. einen Punkt erkennen, der ein wenig heller als all die blauen Felder flackerte. Schon hatten sie ihn erreicht und S. konnte sehen, dass an dieser Stelle ein Glasfenster in die linke Wand des Korridors eingelassen war, hinter dem ein hell erleuchteter Raum lag.

Der Verbissene und der Verschlagene übergaben dem Rundköpfigen Dokumente, die wohl irgendetwas mit S.’ Überprüfung zu tun haben mussten, denn was sollte man in dieser unterirdischen Welt schon an Dokumenten brauchen, fragte sich S. Es muss bloß eine Verwechslung sein, dachte er, als sich eine hölzerne, links neben dem Fenster gelegene Tür öffnete.

Heraustrat eine stämmige Wärterin, wie S. an einem großen Schlüsselbund erkennen konnte, der am einem derben, breiten Ledergürtel befestigt war. Der war um die Hüften der Stämmigen geschnallt, und zog ihren Körper an der rechten Seite mit seiner Last nach unten. Die Wärterin ging ganz krumm und ächzte:

„Der Bund wird mich noch umbringen.“

S. hatte vom Umfang des Schlüsselbundes auf die Zahl der Zellen geschlossen, die sich hier unten befinden mussten. Wozu so viele Schlüssel, wenn niemand eingesperrt werden soll, dachte S.

Er blickte sich um und sag den Verbissenen mit der schiefen Hose und den Verschlagenen sich entfernen. Lediglich der Rundköpfige war geblieben, und der kam S. schon wie ein alter Freund vor, den er nach langer Zeit wiedergefunden hatte.

Die Stämmige fragte den Rundköpfigen etwas in einer S. unverständlichen Sprache. Der hatte

„Zwölf dreiundzwanzig SÜP zweitausendfünfzig vierzehn.“

geantwortet. Und die Stämmige hatte ihn sogleich angeherrscht:

„Wie oft muss man es dir noch sagen, dass es 'Einszwozwodrei Sonderüberprüfung zwanzig fünfzig vierzehn' heißen muss, sonst kann ich den Vorgang nicht ordnungsgemäß anlegen und nach unten weiterleiten."

Der Rundköpfige machte einen Diener und verbeugte sich mehrfach in der Art eines Japaners.

Sie zog an einer Kette, eine Glocke war zu vernehmen, eine Wand verschob sich und gab den Blick frei auf einen weiteren Gang, der leicht nach links hin gekrümmt zu verlaufen schien. S. musste alle Habseligkeiten bei der Stämmigen abgeben, die, wie er nun sehen konnte, einen Dutt auf dem Kopf trug, der jedoch nur dann gerade nach oben zeigte, wenn sich die Alte auf einen Schemel gesetzt hatte, der dich hinter einem Schreibtisch in der Mitte der Raumes befand. S. fröstelte und der Rundkopf begleitete ihn mit nur einem Schlüssel, den die Alte seufzend von ihrem Bund losgemacht hatte, aber offensichtlich schon allein so schwer war, dass er den Uniformierten, dessen Kleidung im Licht des Kellers nunmehr blutrot zu leuchten begann, fast zu Boden drückte. Die Mauertür schloss sich mit einem wummernden Knall hinter ihnen. Durch den sich verkleinernden Spalt hatte S. noch kurz gesehen, wie die Wärterin neugierig seine Habseligkeiten untersuchte.

Zwei Stunden waren sie gegangen, und S., der von all der Aufregung und dem Weg schon ganz erschöpft war, vermutete, dass der Korridor in einer Spirale nach unten verlief, denn die hatten wohl schon einige Kreise beschrieben, waren aber weder am Anfang noch am Ziel angekommen.

S. hatte den Rundköpfigen nach dem Stand der Untersuchungen gefragt, doch der, einfältig wie er offensichtlich war, hatte ihm lediglich auf die Schulter geklopft und gesagt: „Sie wählen täglich zufällig irgendeinen aus. In deinem Fall aber bin ich zuversichtlich, dass sich alles klären wird.“ S. dachte an seine Frau, die sich sicherlich größte Sorgen und Vorwürfe  machte, denn allzu oft suchte sie jegliche Schuld für Misslichkeiten bei sich selbst. S. wollte weinen, war aber zu müde.

Nun hatten sie eine Schleusentür erreicht, der Einfältige gab neben der Tür einen Code ein, die Tür öffnete sich und eine riesige Halle wurde sichtbar, die wohl indirekt durch das Licht der Sonne erhellt wurde. So schien es S., der bemerkt hatte, dass die Uniform des Rundköpfigen nicht mehr so blutrot schimmerte, wie noch auf dem Weg durch den Gang.

Links und rechts der Seitenwände wuchsen Zellenkäfige nach oben, die hunderte, vielleicht tausende Gefangene, wie Hühner in einer Legebatterie, zu beherbergen schienen. Denn S. konnte ihre Bewegungen sehen und ihr Stimmengewirr vernehmen, das die Halle durchströmte.

Der Rundkopf hämmerte mit dem Schlüssel an einen Metallpfosten, und sogleich erschien ein neuer Uniformierter, diesmal zweifarbig gekleidet, besah S.’ Fallnummer, die der Rundkopf ihm entgegenhielt, und schrie:

„Ouest ten, siete fyrtig, büstro!“

Der Rundkopf schien das zu verstehen, setzte er sich doch sogleich in einer bestimmten Richtung in Bewegung.

S. sah metallene Greifarme, die, Schweißrobotern gleich, unablässig allerlei Gegenstände an verschiedene Stellen der Zellenwände reichten.   

Fortsetzung folgt



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BeitragVerfasst am: 21.09.2015 17:06    Titel: Aerohavn 2.0 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Mir passte manches nicht recht. daher habe ich diesen Beginn der Geschichte neu verfasst.

Aerohavn

Im Kontrollhäuschen arbeiteten zwei Beamte.
Seb hatte lange mit seiner Frau in der links gelegenen von zwei Warteschlangen gewartet, die sich vor der Zollschleuse gebildet hatten. Nun waren sie an der Reihe. Er ließ ihr den Vortritt. Schon hatte die Frau das Häuschen passiert und wartete auf S. indem sie sich umblickte und dabei den Pass in der Handtasche verstaute.

Der Beamte blickte nunmehr auf das Dokument, sah Seb blinzelnd an, blickte erneut auf den Pass. Seb dachte bei sich, das er auf dem Bild vielleicht nicht gut zu erkennen wäre, doch nun gab der Beamte Daten ein, bei Sebs Frau hatte er dies nicht getan, las etwas auf dem Bildschirm und runzelte kaum merklich die Stirn. Seb, dessen feinem Gespür solche kaum wahrnehmbaren Regungen niemals entgingen, sagte mehr zu sich selbst als zum Beamten: „Er wird doch nicht abgelaufen sein“, doch der Grenzer hatte ihn sofort angeherrscht, still zu bleiben. Seb fügte sich in sein Schicksal, trat einen halben Schritt zurück und blickte zur Frau, deren Gesicht vor dem hellen Hintergrund der gleißenden Verkaufslandschaft kaum auszumachen war. Ihr Oberkörper bewegte sich ob der Verzögerung ein wenig nervös von links nach rechts, doch offensichtlich konnte auch sie ihren Gefährten kaum erkennen, der ihr zur Beruhigung dennoch beschwichtigend die Handfläche entgegenhielt und dazu langsam nickte.

Nun steckten beide Beamte die Köpfe zusammen, und lasen etwas auf dem Bildschirm. Seb war unwohl, denn schon starrten ihn die Wartenden aus der rechten Schlange skeptisch von der Seite an, denn auch ihre Warteschlange war zum Stillstand gekommen. Seb wusste nicht, wohin er den Blick wenden sollte. Ein Kind, das von seiner Mutter an der linken Hand gehalten wurde, zeigte mit dem Finger auf ihn, dem nun die Hitze der Beschämung ins Gesicht stieg. Der Beamte auf der rechten Seite schüttelte mehrmals den Kopf. Auf Sebs Frage nach der Ursache der Verzögerung beschied man ihn, das überflüssige Fragen sein zu lassen, alles werde sich klären, man sei noch dabei, den Vorgang zu prüfen; Bemerkungen, deren zweite Seb ein wenig hoffnungsvoller stimmte.

Seine Frau war entgegen der auf dem Boden mit Pfeilen markierten Laufrichtung ein paar Schritte zum Häuschen zurückgekommen. Seb wollte etwas zu ihr sagen, doch schon hatten zwei Beamte sie nach hinten ins Licht gedrängt. Ihre Uniformen unterschieden sich in der Farbe von denen der Kontrolleure an der Schleuse. Seb hatte Uniformen dieser Farbe bisher nie bemerkt. Seine Frau redete nun auf die Uniformierten ein, wie Seb an den sich beschleunigenden Gesten und Bewegungen der drei Silhouetten erkennen konnte, doch offensichtlich hörten die zwei wie Automaten agierenden Beamten ihr nicht zu. Schon bogen sie nach links um die Ecke und Seb war nun ganz allein. Meine Frau, dachte er bei sich, sie wird doch nicht ohne mich reisen?

Schon hatte sich ein dritter Beamter ins Häuschen gedrängt. An den vielen Abzeichen und Tressen konnte Seb ablesen, dass es sich hier um einen sehr hohen Rang handeln musste. Die zwei sitzenden Beamten hörten dem Vorgesetzten schweigend zu und blickten sich abwechselnd untereinander, dann wieder den Betressten an. Einer von ihnen hatte sich die Finger der flachen Hand vor den Mund gelegt, was Seb als Zeichen höchsten Erstaunens deutete, obwohl er sich keiner Schuld und keiner Versäumnis bewusst  war. Seb stützte sich, einer plötzlichen Schwäche nachgebend, auf das Ablagebrett des Tresens, doch der Hochrangige wies ihn scharf zurecht, er solle zurücktreten, flüsterte den sitzenden Beamten etwas zu und deutete auf die Masse der ungeduldig Wartenden, deren undeutlichem Stimmengewirr schon allerlei Empörung und Protest  zu entnehmen war.

Als Seb einen Schritt am Kontrollhäuschen vorbei machte, um den Versuch zu unternehmen, im gleißenden Hintergrund die Silhouette seiner verschwundenen Frau auszumachen, vernahm er die Wörter „Unregelmäßigkeiten“ und „Überprüfung“; einer der Beamten war aufgestanden und hatte ihm durchs Stimmengewirr einen undeutlichen Satz zugerufen, dem er die beschwichtigende Aussage „nach der Prüfung wird sich alles als ein Versehen herausstellen“ entnehmen zu können glaubte.

Hinter Seb waren wie aus dem Nichts drei in rötlichem Ton uniformierte Organe erschienen, von denen ihn zwei kräftig bei den Oberarmen packten. Der dritte ging mit seiner eigentümlich schief sitzenden Hose mit großen Schritten voraus, doch hatte man nicht den Weg am Häuschen vorbei, sondern nach hinten zwischen den zwei Warteschlangen hindurch angetreten. Die Leute starrten ihn an, Kinder lachten, ganz hinten bemerkte er einen Arbeitskollegen, er wollte sein Gesicht verbergen, doch der Kollege hatte ihn bereits erkannt, und rief Seb mit ungläubiger Miene etwas Unverständliches zu. Man drückte seine Hände nach unten, und nur eine seitliche Kopfdrehung konnte es dem Abgeführten erlauben, den  Blick des Bekannten zu meiden. Handys wurden gezückt, man warf sich der Vierergruppe wütend in den Weg, doch der vorausgehende Beamte prügelte sich mithilfe eines Knüppels durch die Menge nach vorn. Alarmglocken hatten begonnen, zu schrillen.

Eine automatische Tür öffnete sich. Sie betraten einen Aufzug, der an zwei Innenseiten mit Werbetafeln ausgekleidet war. Seb schöpfte wieder einmal Hoffnung, denn offensichtlich befand man sich hier nicht in einem polizeilichen, sondern in einer Art öffentlichem Raum, der auch von gewöhnlichen Reisenden genutzt wurde. Im Spiegel der hinteren Wand sah Seb sich selbst und die drei Beamten, von denen einer bösartig und verschlagen, der zweite verbissen und streng, der dritte aber rundköpfig und gutmütig aussah. Der Verbissene holte einen riesigen Schlüssel aus der Tasche seiner schiefen Hose, steckte ihn in eine Startvorrichtung, die hinter einer Metallklappe verborgen war, drehte ihn, schon schloss sich hinter ihnen die Tür und der Aufzug glitt nach unten.

Seb sah die Ziffern auf der Liftanzeige von zehn auf fünf, dann auf eins und null und minus fünf springen. Dann verlosch die Anzeige, doch der Lift fuhr immer noch. Seb kam es vor, als wären sie schon eine Stunde nach unten gefahren, als der Lift abrupt zum Halt kam. Während der gesamten Fahrt hatten die drei Beamten nichts geredet, weder mit ihm noch untereinander. Der Rundköpfige hatte lediglich Essen in sich hineingestopft und aus einer Schnapsflasche getrunken, was,  hatte S. nicht erkennen können.

„Was soll ich denn hier?“, fragte S., als sich die Tür wieder öffnete und den Blick auf einen, wie es S. schien,  endlos langen, trübe beleuchteten, kühlen und muffig riechenden Gang freigab. „Das werden Sie noch schnell genug verstehen“, hatte der Verbissene scharf geantwortet, und ihn noch fester am Arm gepackt.

Sie zogen Seb einen Gang entlang, und er konnte erkennen, dass ein bläuliches Licht diesen Korridor in regelmäßigen Abständen beleuchtete. Im unteren Drittel der vor ihnen liegenden, durch die Perspektive aufsteigend erscheinenden Linie aber konnte S. einen Punkt erkennen, der ein wenig heller als all die blauen Felder flackerte. Schon hatten sie die Lichtfläche erreicht, und der Gefangene konnte sehen, dass an dieser Stelle ein Glasfenster in die linke Wand des Korridors eingelassen war, hinter dem ein hell erleuchteter Raum lag.

Der Verbissene und der Verschlagene übergaben dem Rundköpfigen nun Dokumente, die wohl mit S.’ Überprüfung zu tun haben mussten, denn was sollte man in dieser unterirdischen Welt schon an Dokumenten brauchen, fragte Seb sich. Es muss bloß eine Verwechslung sein, dacht er, als sich eine hölzerne, links neben dem Fenster gelegene Tür öffnete. Heraustrat eine stämmige Wärterin, wie S. an einem großen Schlüsselbund erkennen konnte, der am einem derben, breiten Ledergürtel befestigt war. Der war um die Hüften der Stämmigen geschnallt, und zog ihren Körper an der rechten Seite mit seiner Last nach unten. Die Wärterin ging ganz krumm und ächzte: „Der Bund schindet meine alten Knochen und wird mich noch umbringen.“ Die Wärterin bedeutete die Wartenden, einzutreten.

Seb hatte vom Umfang des Schlüsselbundes auf die Zahl der Zellen geschlossen, die sich hier unten befinden mussten. Wozu so viele Schlüssel, wenn niemand eingesperrt werden soll, dachte er ängstlich.

Er drehte den Kopf und sah, wie der Verbissene und der Verschlagene sich entfernten. Lediglich der Rundschädel war geblieben, und der kam ihm schon wie ein alter Freund vor, den er nach langer Zeit wiedergefunden hatte.

Die Stämmige trat vor das Licht, fragte den Rundköpfigen etwas in einer Seb unverständlichen Sprache. Der hatte „zwölf, dreiundzwanzig, SÜP zweitausendfünfzig Strich vierzehn“ geantwortet. Und die Stämmige hatte ihn mit sich überschlagender Stimme sogleich angeherrscht: „Wie oft muss man es dir Trottel noch sagen, dass es ‚Einszwozwodrei Sonderüberprüfungssache zwanzigfünfzigvierzehn’ heißen muss, sonst kann ich den Vorgang nicht ordnungsgemäß nach unten weiterleiten. Der Rundköpfige machte einen Diener und verbeugte sich mehrfach. Beim Wort ‚unten’ wuchs Sebs Beklemmung weiter an.

Die Krumme zog an einer Kette, eine Glocke war zu vernehmen, eine Wand verschob sich, und gab den Blick frei auf einen weiteren Gang, der leicht nach links hin gekrümmt zu verlaufen schien. Seb musste alle Habseligkeiten bei der Stämmigen abgeben, die, wie er nun sehen konnte, einen Dutt auf dem Kopf trug, der jedoch nur dann gerade nach oben zeigte, wenn sich die Alte auf einen Schemel gesetzt hatte, der dich hinter einem Schreibtisch in der Mitte der Raumes befand. Seb fröstelte, und der Rundkopf begleitete ihn mit nur einem Schlüssel, den die Alte von ihrem Bund losgemacht hatte, aber offensichtlich schon allein so schwer war, dass er den Uniformierten, dessen Kleidung im Licht des Kellers nunmehr blutrot zu leuchten begann, fast zu Boden zog. Die Mauertür schloss sich mit einem wummernden Knall hinter ihnen. Durch den sich verkleinernden Spalt hatte S. noch kurz gesehen, wie die Wärterin seine Habseligkeiten untersuchte.

Zwei Stunden waren sie gegangen, und S., der von all der Aufregung und dem Weg schon ganz erschöpft war, vermutete, dass der Korridor in einer Spirale nach unten verlief, denn die hatten wohl schon einige Kreise beschrieben, waren aber weder am Anfang noch am Ziel angekommen.

Seb hatte den Rundköpfigen, der seine Flasche nun fast ausgetrunken hatte, nach dem Stand der Untersuchungen gefragt, doch der, einfältig wie er offensichtlich war, hatte ihm lediglich auf die Schulter geklopft und gesagt: „Sie wählen täglich zufällig irgendeinen aus. Oder es gibt Unregelmäßigkeiten. In deinem Fall aber bin ich zuversichtlich, dass sich alles klären wird, denn die Dokumente waren im blauen Umschlag und ohne Siegel. Allerdings ist es schon vorgekommen, dass die Klärungsprozeduren eine längere Zeit in Anspruch nehmen. Um die Wahrheit zu sagen, ist dies schon öfter vorgekommen. So schnell lassen sie keinen ziehen, aber eine gewisse Neigung zur Kooperation kann das Vorangehen der Sache erheblich beschleunigen.“ S. dachte an seine Frau, die sich sicherlich größte Sorgen und Vorwürfe  machte, denn allzu oft hatte sie jegliche Schuld für Misslichkeiten bei sich selbst gesucht. Seb wollte weinen, war aber zu müde und das Weinen erstickte in einem Schluchzen.

Nun hatten sie eine Schleusentür erreicht, der Einfältige gab neben der Tür einen Code ein, berührte die Tür mit dem Schlüssel, die sich mit einem Zischen öffnete, Dampfwolken drangen aus den Scharnieren, und eine riesige Halle wurde sichtbar, die wohl indirekt oder in einer anderen Art als in der der bisher durchwanderten Gänge erhellt wurde. So schien es  jedenfalls Seb, der bemerkt hatte, dass die Uniform des Rundköpfigen nicht mehr so blutrot schimmerte, wie sie es noch auf dem Hinweg getan hatte.

Links und rechts der Seitenwände wuchsen Zellenkäfige nach oben, die hunderte, vielleicht tausende Gefangene wie Hühner in einer Legebatterie zu beherbergen schienen. Denn Seb konnte Bewegungen sehen und ein Stimmengewirr vernehmen, das die Halle durchströmte.

Der Rundkopf hämmerte mit dem Schlüssel an einen Metallpfosten, und sogleich erschien ein
Neuer Uniformierter, diesmal zweifarbig gekleidet, besah S.’ Fallnummer, die der Rundkopf ihm entgegenhielt, und schrie: „Väst tien, sevente Pladform B, bystro!“ Der Rundkopf schien das zu verstehen, setzte er sich doch sogleich in einer bestimmten Richtung in Bewegung.


S. sah metallene Greifarme, die, Schweißrobotern gleich, unablässig und gefährlich schnell allerlei Gegenstände und Käfige an verschiedene Stellen der Wände reichten.   

Fortsetzung folgt


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BeitragVerfasst am: 25.09.2015 07:22    Titel: Aerohavn 3.0 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Aerohavn

Im Kontrollhäuschen arbeiteten zwei Beamte.
Seb hatte lange mit seiner Frau in der von zwei Warteschlangen links gelegenen gewartet, die sich vor der Zollschleuse gebildet hatten. Sie wollten ein Flugzeug besteigen, und nun waren beide an der Reihe. Seb ließ ihr den Vortritt. Schon hatte die Frau das Häuschen passiert, und wartete auf Seb indem sie sich umblickte, und dabei den Pass in der Handtasche verstaute.

Der Beamte blickte nunmehr auf das Dokument, sah Seb etwas ungläubig an, und blickte erneut auf den Pass. Seb dachte bei sich, dass er auf dem Bild vielleicht nicht gut zu erkennen wäre, doch nun gab der Beamte Daten ein, bei Sebs Frau hatte er dies wohl nicht getan, las etwas auf dem Bildschirm, und runzelte kaum merklich die Stirn.

Seb, dessen feinem Gespür solche kaum wahrnehmbaren Regungen niemals entgingen, sagte mehr zu sich selbst als zum Beamten: „Er wird doch nicht abgelaufen sein“, doch der Grenzer hatte ihn sofort scharf angeherrscht, still zu bleiben. Seb fügte sich in sein Schicksal, trat einen halben Schritt zurück und blickte zur Frau, deren Gesicht vor dem hellen Hintergrund der gleißenden Verkaufslandschaft kaum auszumachen war. Ihr Oberkörper bewegte sich ob der Verzögerung ein wenig nervös von links nach rechts, doch offensichtlich konnte auch sie ihren Gefährten kaum erkennen, der ihr zur Beruhigung im Lichtschein des Zollhäuschens wie ein Buddha die Fläche der erhobenen Hand entgegenhielt, und dazu langsam nickte.

Nun steckten beide Beamte die Köpfe zusammen, und lasen etwas auf dem Bildschirm. Seb war unwohl, denn schon starrten ihn die Wartenden aus der rechten Schlange von der Seite an, denn auch ihre Reihe war zum Stillstand gekommen. Seb wusste nicht, wohin er den Blick wenden sollte. Ein Kind, das von seiner Mutter an der Hand gehalten wurde, zeigte mit dem freien Finger auf ihn, dem nun die Hitze der Beschämung ins Gesicht stieg. Der Beamte auf der rechten Seite schüttelte mehrmals den Kopf. Auf Sebs Frage nach der Ursache der Verzögerung beschied man ihn, das überflüssige Fragen sein zu lassen, alles werde sich klären, man sei noch dabei, den Vorgang zu prüfen; Bemerkungen, deren zweite Seb ein wenig hoffnungsvoller stimmte.

Sebs Frau war entgegen der auf dem Boden mit Pfeilen markierten Laufrichtung ein paar Schritte zum Häuschen zurückgekommen. Er wollte etwas zu ihr sagen, doch schon hatten zwei Beamte sie nach hinten ins Licht gedrängt. Ihre Uniformen unterschieden sich in der Farbe von denen der Kontrolleure an der Schleuse. Seb hatte Uniformen dieser Farbe bisher nie bemerkt. Seine Frau redete nun auf die Uniformierten ein, wie man an den sich beschleunigenden Gesten und Bewegungen der drei Silhouetten erkennen konnte, doch offensichtlich hörten die zwei wie Automaten agierenden Beamten ihr nicht zu. Schon bogen sie mit ihr nach links um die Ecke, und Seb war nun ganz allein. Meine Frau, dachte er bei sich, wird doch nicht ohne mich reisen?

Schon hatte sich ein dritter Beamter ins Häuschen gedrängt. An den vielen Abzeichen und Tressen konnte Seb ablesen, dass es sich hier um einen sehr hohen Rang handeln musste. Die zwei sitzenden Beamten hörten dem Vorgesetzten schweigend zu, und blickten sich abwechselnd untereinander, dann wieder den stehenden Betressten an. Einer von ihnen hatte sich die Finger der flachen Hand vor den Mund gelegt, was Seb als Zeichen höchsten Erstaunens deutete, obwohl er sich keiner Schuld und keiner Versäumnis bewusst  war. Seb stützte sich, einer plötzlichen Schwäche nachgebend, auf das Ablagebrett des Tresens, doch der Hochrangige wies ihn scharf zurecht, er solle zurücktreten. Er flüsterte den sitzenden Beamten etwas zu, und deutete auf die Masse der ungeduldig Wartenden, deren Stimmengewirr schon allerlei Empörung und Protest  zu entnehmen war.

Als Seb einen Schritt am Kontrollhäuschen vorbei machte, um den Versuch zu unternehmen, im gleißenden Hintergrund die Silhouette seiner verschwundenen Frau auszumachen, vernahm er die Wörter „Unregelmäßigkeiten“ und „Überprüfung“; einer der Beamten war aufgestanden und hatte ihm durchs Stimmengewirr einen undeutlichen Satz zugerufen, dem er die beschwichtigende Aussage „nach der Prüfung wird sich alles als ein Versehen herausstellen“ entnehmen zu können glaubte.

Hinter Seb waren wie aus dem Nichts drei in rötlichem Ton uniformierte Organe erschienen, von denen ihn zwei kräftig bei den Oberarmen packten. Der dritte ging mit seiner eigentümlich schief sitzenden Hose mit großen Schritten voraus, doch hatte man nicht den Weg am Häuschen vorbei, sondern nach hinten, zwischen den zwei Warteschlangen hindurch, angetreten. Die Leute starrten ihn an, Kinder lachten, ganz hinten bemerkte er einen Arbeitskollegen, Seb wollte sein Gesicht verbergen, doch der Kollege hatte ihn bereits erkannt, und rief den Verhafteten mit ungläubiger Miene etwas Unverständliches zu. Man drückte seine Hände nach unten, und nur eine seitliche Kopfdrehung konnte es dem Abgeführten erlauben, den  Blick des Bekannten zu meiden. Handys wurden gezückt, man warf sich der Vierergruppe wütend in den Weg, doch der vorausgehende Beamte prügelte sich mithilfe eines Knüppels durch die Menge nach vorn. Alarmglocken hatten begonnen, zu schrillen.

Eine automatische Tür öffnete sich. Sie betraten einen Aufzug, der an zwei Innenseiten mit leuchtenden Werbetafeln ausgekleidet war. Seb schöpfte wieder einmal Hoffnung, denn offensichtlich befand man sich hier nicht in einem polizeilichen, sondern in einer Art öffentlichem Raum, der auch von gewöhnlichen Reisenden genutzt wurde. Im Spiegel der hinteren Wand sah Seb sich selbst und die drei Beamten, von denen einer bösartig und verschlagen, der zweite verbissen und streng, der dritte aber rundköpfig und gutmütig aussah. Der Verbissene holte einen riesigen Schlüssel aus der Tasche seiner schiefen Hose, steckte ihn in eine Startvorrichtung, die hinter einer Metallklappe verborgen war, drehte ihn, schon schloss sich hinter ihnen die Tür und der Aufzug glitt nach unten.

Seb sah die Ziffern auf der Liftanzeige von zehn auf fünf, dann auf eins und null und minus fünf springen. Dann verlosch die Anzeige, doch der Lift fuhr immer noch. Auch die Werbetafeln leuchteten nun nicht mehr.  Seb kam es vor, als wären sie schon eine ganze Stunde nach unten gefahren, als der Lift abrupt zum Halt kam. Während der gesamten Fahrt hatten die drei Beamten nichts geredet, weder mit ihm, noch untereinander. Der Rundköpfige hatte von Zeit zu Zeit Essen in sich hineingestopft, und dazu aus einer Schnapsflasche getrunken. Was für eine Art Getränk es war,  hatte S. nicht erkennen können, doch schloss er aus dem sauren Atem auf Alkohol.

„Was soll ich denn hier?“, fragte S., als sich die Tür wieder öffnete, und den Blick auf einen, wie es S. schien,  endlos langen, trübe beleuchteten, kühlen und muffig riechenden Gang freigab. „Das werden Sie noch schnell genug erfahren“, hatte der Verbissene scharf geantwortet, und ihn noch fester am Arm gepackt.

Sie zogen Seb den Gang entlang, und er konnte erkennen, dass bläuliche Lichtpunkte diesen Korridor in regelmäßigen Abständen beleuchteten. Im unteren Drittel der vor ihnen liegenden (durch die Perspektive aufsteigend erscheinenden) Linie aber konnte Seb einen Punkt erkennen, der ein wenig heller als all die blauen Felder flackerte. Schon hatten sie die Lichtfläche erreicht, und der Gefangene konnte sehen, dass an dieser Stelle ein Glasfenster in die linke Wand des Korridors eingelassen war, hinter dem ein sehr hell erleuchteter Raum lag.

Der Verbissene und der Verschlagene übergaben dem Rundköpfigen nun Dokumente, die wohl mit S.’ Überprüfung zu tun haben mussten, denn was sollte man in dieser unterirdischen Welt schon an Dokumenten brauchen, fragte sich Seb. Es muss bloß eine Verwechslung sein, dachte er, als sich eine hölzerne, links neben dem Fenster gelegene Tür öffnete. Heraustrat eine stämmige Wärterin, wie S. an einem großen Schlüsselbund erkennen konnte, der am einem derben, breiten Ledergürtel befestigt war. Der war um die Hüften der Stämmigen geschnallt, und zog ihren Körper an der rechten Seite mit seiner Last nach unten. Die Wärterin ging ganz krumm und ächzte: „Der Bund schindet meine alten Knochen und wird mich noch umbringen.“ Die Frau bedeutete den Vieren, einzutreten.

Seb hatte vom Umfang des Schlüsselbundes auf die Zahl der Türen geschlossen, die sich hier unten befinden mussten. Wozu so viele Schlüssel, wenn niemand eingesperrt werden soll, dachte er ängstlich.

Er drehte den Kopf, und sah, wie der Verbissene und der Verschlagene sich entfernten. Lediglich der übelriechende Rundschädel war geblieben, und der kam ihm schon wie ein alter Freund vor, den er nach langer Zeit wiedergefunden hatte.

Die Stämmige trat vor das Licht, fragte den Rundköpfigen etwas in einer Seb unverständlichen Sprache. Der hatte „zwölf, dreiundzwanzig, SÜP zweitausendfünfzig Strich vierzehn“ geantwortet. Und die Stämmige hatte ihn mit sich überschlagender Stimme sogleich angeherrscht: „Wie oft muss man es dir Trottel noch sagen, dass es ‚Einszwozwodrei Sonderüberprüfungssache zwanzigfünfzigvierzehn’ heißen muss, sonst kann ich den Vorgang nicht ordnungsgemäß nach unten weiterleiten. Der Rundköpfige machte einen Diener und verbeugte sich mehrfach. Beim Wort ‚unten’ wuchs Sebs Beklemmung weiter an. Die Alte rollte einige der Formulare zusammen  und stopfte sie in eine Rohrpostkapsel.

Nun zog die Gekrümmte an einer Kette, eine Glocke war zu vernehmen, eine Wand verschob sich, und gab den Blick frei auf einen weiteren Gang, der leicht nach links hin gekrümmt zu verlaufen schien. Seb musste alle Habseligkeiten bei der Stämmigen abgeben, die, wie er nun sehen konnte, einen Dutt auf dem Kopf trug, der jedoch nur dann gerade nach oben zeigte, wenn sich die Alte auf einen Schemel gesetzt hatte, der dich hinter einem Schreibtisch in der Mitte der Raumes befand. Seb fröstelte, und der Rundkopf begleitete ihn mit nur einem Schlüssel, den die Alte von ihrem Bund losgemacht hatte, aber offensichtlich schon allein so schwer war, dass er den Uniformierten, dessen Kleidung im Licht des Kellers nunmehr blutrot zu leuchten begann, fast zu Boden zog. Die Mauertür schloss sich mit einem wummernden Knall hinter ihnen. Durch den sich verkleinernden Spalt hatte S. noch kurz gesehen, wie die Wärterin seine Habseligkeiten untersuchte.

Zwei Stunden waren sie gegangen, und S., der von all der Aufregung und dem Weg schon ganz erschöpft war, vermutete, dass der Korridor in einer Spirale nach unten verlief, denn die hatten wohl schon einige Kreise beschrieben, waren aber weder am Anfang noch am Ziel angekommen.

Seb hatte den Rundköpfigen, der seine Flasche nun fast ausgetrunken hatte, nach dem Stand der Untersuchungen gefragt, doch der, einfältig wie er offensichtlich war, hatte ihm lediglich auf die Schulter geklopft und gesagt: „Ich weiß nicht viel. Sie wählen täglich zufällig irgendeinen aus. Oder es gibt Unregelmäßigkeiten. In deinem Fall aber bin ich zuversichtlich, dass sich alles klären wird, denn die Dokumente waren im blauen Umschlag, und ohne Siegel. Allerdings ist es schon vorgekommen, dass die Klärungsprozeduren eine längere Zeit in Anspruch nehmen. Um die Wahrheit zu sagen, ist dies schon öfter vorgekommen. So schnell lassen sie keinen ziehen, aber eine gewisse Neigung zur Kooperation mit dem Maschinisten kann das Vorangehen der Sache erheblich beschleunigen.“ Seb dachte an seine Frau, die sich sicherlich größte Sorgen und Vorwürfe  machte, denn allzu oft hatte sie jegliche Schuld für Misslichkeiten bei sich selbst gesucht. Seb wollte weinen, war aber zu müde, und das Weinen erstickte in einem Aufschluchzen.

Nun hatten sie eine Stahltür erreicht, der Einfältige gab neben der Zarge einen Code ein, berührte die Tür mit dem Schlüssel, die sich mit einem Zischen öffnete, Dampfwolken drangen aus den Scharnieren, und eine riesige Halle wurde sichtbar, die wohl indirekt, oder in einer anderen Art als in der der bisher durchwanderten Gänge, erhellt wurde. So schien es  jedenfalls Seb, der bemerkt hatte, dass die Uniform des Rundköpfigen nicht mehr so blutrot schimmerte, wie sie es noch auf dem Hinweg getan hatte.

Links und rechts der Seitenwände wuchsen Zellenkäfige nach oben, die hunderte, vielleicht tausende Gefangene wie Hühner in einer Legebatterie beherbergen mussten. Denn Seb konnte Bewegungen sehen und ein Stimmengewirr vernehmen, das die Halle durchströmte.

Der Rundkopf hämmerte mit dem Schlüssel an einen Metallpfosten, und sogleich erschien ein
Neuer Uniformierter, diesmal zweifarbig gekleidet, besah Sebs Fallnummer, die der Rundkopf ihm entgegenhielt, und schrie, in der hand eine Rohrpostkapsel: „Väst tien, sevente Pladform B, bystro!“ Der Rundkopf schien das zu verstehen, setzte er sich doch sogleich in einer bestimmten Richtung in Bewegung.


Seb sah metallene Greifarme, die, Schweißrobotern gleich, unablässig und gefährlich schnell allerlei Gegenstände und Käfige an verschiedene Stellen der Wände reichten. Jede der beeängstigend schnellen Bewegungen wurde von einem maschinenartig heulenden Sausen begleitet.  

Fortsetzung folgt


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EWJoe
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BeitragVerfasst am: 25.09.2015 09:37    Titel: Antworten mit Zitat

Servus CLS,

OT: im Forum dürfte derzeit wenig los sein. Ich hatte auch derzeit wenig Zeit gehabt.

Nun zum Text.

Die Idee finde ich wirklich gut, irgendwie mag ich da an Kafka denken, beklemmend eben. Diesmal aber vermisse ich den sonst so leichtfüßigen CLS-Stil.
Gerade der Einstieg wirkt auf mich nicht gewohnt magnetisch, er lässt mich an einigen Stellen hängen bleiben.


Ich versuche mal eine Erklärung:
Zitat:
Im Kontrollhäuschen arbeiteten zwei Beamte. Ein direkter Einstieg, nicht ganz ideal aber noch ok.
Seb hatte lange mit seiner Frau in der von zwei Warteschlangen links gelegenen gewartet, die sich vor der Zollschleuse gebildet hatten. Sie wollten ein Flugzeug besteigen, und nun waren beide an der Reihe. Seb ließ ihr den Vortritt. Schon hatte die Frau das Häuschen passiert, und wartete auf Seb indem sie sich umblickte, und dabei den Pass in der Handtasche verstaute. Hier hast Du für mich zuviel Infodump geschrieben. Weniger Erklärung vielleicht, vielleicht eine lockere oder eine leicht gestresste Grundhaltung von Seb und seiner Frau darlegen (Sie wollen den Flieger erreichen haben viel oder wenig Zeit). Jedenfalls eine ganz andere Stimmungslage, wie sie gleich, zunehmend verschlimmernd, folgen wird.

Der Beamte blickte nunmehr brauchts nicht auf das Dokument, sah Seb etwas ungläubig an, und blickte erneut auf den Pass. Seb dachte bei sich, dass er auf dem Bild vielleicht nicht gut zu erkennen wäre nun ja, wenn der Beamte seinen Blick zwischen Passfoto und Gesicht pendeln lässt ist ein Erkennungsproblem gegeben. Vielleicht mehr ... gut das Foto ist nicht ganz aktuell, oder so., doch brauchts nicht nun gab der Beamte Daten ein, bei Sebs Frau hatte er dies wohl nicht getan Vielleicht anders formulieren oder ganz weglassen., las etwas auf dem Bildschirm, und runzelte kaum merklich die Stirn.

Seb, dessen feinem Gespür solche kaum wahrnehmbaren Regungen niemals entgingen, sagte mehr zu sich selbst als zum Beamten: „Er wird doch nicht abgelaufen sein“, doch der Grenzer hatte ihn sofort scharf angeherrscht, still zu bleiben. Seb fügte sich in sein Schicksal, trat einen halben Schritt zurück und blickte zur Frau, deren Gesicht vor dem hellen Hintergrund der gleißenden Verkaufslandschaft kaum auszumachen war. Ihr Oberkörper bewegte sich ob der Verzögerung ein wenig nervös von links nach rechts, doch offensichtlich konnte auch sie ihren Gefährten kaum erkennen, der ihr zur Beruhigung im Lichtschein des Zollhäuschens wie ein Buddha die Fläche der erhobenen Hand entgegenhielt, und dazu langsam nickte. Hier nimmt der CLS-Stiel wieder Fahrt auf. Gefällt mir deutlich besser. Nur der Buddha-Vergleich? Spielt das in Asien, ich habe nicht den Eindruck. Wenn doch dann ok.


Nun beschreibst Du das wachsende Unbehagen des Protas, das von unangenehm auf sehr besorgt schwenkt. Es gab es einige Stellen, wo ich wieder hängenblieb.

Ich bringe ein Beispiel:

Zitat:
Die Stämmige trat vor das Licht, fragte den Rundköpfigen etwas in einer Seb unverständlichen Sprache. Der hatte „zwölf, dreiundzwanzig, SÜP zweitausendfünfzig Strich vierzehn“ geantwortet. Und die Stämmige hatte ihn mit sich überschlagender Stimme sogleich angeherrscht: „Wie oft muss man es dir Trottel noch sagen, dass es ‚Einszwozwodrei Sonderüberprüfungssache zwanzigfünfzigvierzehn’ heißen muss, sonst kann ich den Vorgang nicht ordnungsgemäß nach unten weiterleiten. Der Rundköpfige machte einen Diener und verbeugte sich mehrfach. Beim Wort ‚unten’ wuchs Sebs Beklemmung weiter an. Die Alte rollte einige der Formulare zusammen und stopfte sie in eine Rohrpostkapsel.


Schon klar, Du willst dem Leser mehr Information zukommen lassen, als Seb. Wirkt ein bisschen unklar. Das nimmt zudem etwas Spannung. Ich würde diese Information nicht geben, sondern nur Sebs Beobachtungen wirken lassen, ohne den Text genau zu verstehen. Vielleicht mehr seinen inneren Zustand, seine immer verstärkende Besorgnis bis zur Verzweiflung, das Wechselbad seiner Gefühle beschreiben.

Zitat:
„Väst tien, sevente Pladform B, bystro!“

Klingt irgendwie Skandinavisch, obwohl's nicht Schwedisch ist. Welche Sprache ist das? Thai glaube ich nicht, aber das kenne ich nicht.


Ich habe Deine Geschichte gern gelesen, auch wenn ich einige Anmerkungen geschrieben habe. Ich hoffe es hilft.

LG
Joe


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Christof Lais Sperl
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BeitragVerfasst am: 27.09.2015 11:31    Titel: Aerohavn 4.0 nach Kritik pdf-Datei Antworten mit Zitat

Joe hatte wichtige Anmerkungen. Ich hebe seine Kritik beherzigt.

Aerohavn
Seb und seine Frau hatten schon zwei Stunden in einer der Warteschlangen gestanden, die sich vor der Zollschleuse gebildet hatten. Sie wollten ein Flugzeug besteigen, und nun waren beide endlich an der Reihe. Schon hatte Sebs Frau das Häuschen passiert. Nun wartete sie auf ihn.

Der Beamte blickte auf den Pass, sah Seb etwas ungläubig an, und blickte erneut auf den Pass. Seb dachte bei sich, dass ein Datenfehler vielleicht Grund der Verzögerung war, doch nun las der Kontrolleur hochkonzentriert etwas vom Bildschirm ab, und runzelte kaum merklich die Stirn.

Seb, dessen feinem Gespür solche kaum wahrnehmbaren Regungen niemals entgingen, sagte mehr zu sich selbst als zum Beamten: „Er wird doch nicht abgelaufen sein“, doch der Grenzer hatte ihn sofort scharf angeherrscht, still zu bleiben. Seb fügte sich in sein Schicksal, trat einen halben Schritt zurück und blickte zur Frau, deren Gesicht vor dem hellen Hintergrund der gleißenden Verkaufslandschaft kaum auszumachen war. Ihr Oberkörper bewegte sich ob der Verzögerung ein wenig nervös von links nach rechts, doch offensichtlich konnte auch sie ihren Gefährten kaum erkennen, der ihr zur Beruhigung im Lichtschein des Zollhäuschens die Fläche der erhobenen Hand entgegenhielt, und dazu langsam nickte. Wie ein Buddha, dachte Seb, der sich nun selbst beobachtete. Er kannte diese Figuren von den vielen weiten Reisen, die er mit seiner Frau  schon unternommen hatte.

Nun steckten beide Beamte die Köpfe zusammen, und lasen etwas auf dem Bildschirm. Seb war unwohl, denn schon starrten ihn die Wartenden aus der rechten Schlange von der Seite an, denn auch ihre Reihe war zum Stillstand gekommen. Seb wusste nicht, wohin er den Blick wenden sollte. Ein Kind, das von seiner Mutter an der Hand gehalten wurde, zeigte mit dem freien Finger auf ihn, dem nun die Hitze der Beschämung ins Gesicht stieg. Der Beamte auf der rechten Seite schüttelte mehrmals den Kopf. Auf Sebs Frage nach der Ursache der Verzögerung beschied man ihn, das überflüssige Fragen sein zu lassen, alles werde sich klären, man sei noch dabei, den Vorgang zu prüfen; Bemerkungen, deren zweite Seb ein wenig hoffnungsvoller stimmte.

Sebs Frau war entgegen der auf dem Boden mit Pfeilen markierten Laufrichtung ein paar Schritte zum Häuschen zurückgekommen. Er wollte etwas zu ihr sagen, doch schon hatten zwei Beamte sie nach hinten ins Licht gedrängt. Ihre Uniformen unterschieden sich in der Farbe von denen der Kontrolleure an der Schleuse. Seb hatte Uniformen dieser Farbe bisher nie bemerkt. Seine Frau redete nun auf die Uniformierten ein, wie man an den sich beschleunigenden Gesten und Bewegungen der drei Silhouetten erkennen konnte, doch offensichtlich hörten die zwei wie Automaten agierenden Beamten ihr nicht zu. Schon bogen sie mit ihr nach links um die Ecke, und Seb war nun ganz allein. Meine Frau, dachte er bei sich, wird doch nicht ohne mich reisen?

Schon hatte sich ein dritter Beamter ins Häuschen gedrängt. An den vielen Abzeichen und Tressen konnte Seb ablesen, dass es sich hier um einen sehr hohen Rang handeln musste. Die zwei sitzenden Beamten hörten dem Vorgesetzten schweigend zu, und blickten sich abwechselnd untereinander, dann wieder den stehenden Betressten an. Einer von ihnen hatte sich die Finger der flachen Hand vor den Mund gelegt, was Seb als Zeichen höchsten Erstaunens deutete, obwohl er sich keiner Schuld und keiner Versäumnis bewusst  war. Seb stützte sich, einer plötzlichen Schwäche nachgebend, auf das Ablagebrett des Tresens, doch der Hochrangige wies ihn scharf zurecht, er solle zurücktreten. Er flüsterte den sitzenden Beamten etwas zu, und deutete auf die Masse der ungeduldig Wartenden, deren Stimmengewirr schon allerlei Empörung und Protest  zu entnehmen war.

Als Seb einen Schritt am Kontrollhäuschen vorbei machte, um den Versuch zu unternehmen, im gleißenden Hintergrund die Silhouette seiner verschwundenen Frau auszumachen, vernahm er die Wörter „Unregelmäßigkeiten“ und „Überprüfung“; einer der Beamten war aufgestanden und hatte ihm durchs Stimmengewirr einen undeutlichen Satz zugerufen, dem er die beschwichtigende Aussage „nach der Prüfung wird sich alles als ein Versehen herausstellen“ entnehmen zu können glaubte.

Hinter Seb waren wie aus dem Nichts drei in rötlichem Ton uniformierte Organe erschienen, von denen ihn zwei kräftig bei den Oberarmen packten. Der dritte ging mit seiner eigentümlich schief sitzenden Hose mit großen Schritten voraus, doch hatte man nicht den Weg am Häuschen vorbei, sondern nach hinten, zwischen den zwei Warteschlangen hindurch, angetreten. Die Leute starrten ihn an, Kinder lachten, ganz hinten bemerkte er einen Arbeitskollegen, Seb wollte sein Gesicht verbergen, doch der Kollege hatte ihn bereits erkannt, und rief den Verhafteten mit ungläubiger Miene etwas Unverständliches zu. Man drückte seine Hände nach unten, und nur eine seitliche Kopfdrehung konnte es dem Abgeführten erlauben, den  Blick des Bekannten zu meiden. Handys wurden gezückt, man warf sich der Vierergruppe wütend in den Weg, doch der vorausgehende Beamte prügelte sich mithilfe eines Knüppels durch die Menge nach vorn. Alarmglocken hatten begonnen, zu schrillen.

Eine automatische Tür öffnete sich. Sie betraten einen Aufzug, der an zwei Innenseiten mit leuchtenden Werbetafeln ausgekleidet war. Seb schöpfte wieder einmal Hoffnung, denn offensichtlich befand man sich hier nicht in einem polizeilichen, sondern in einer Art öffentlichem Raum, der auch von gewöhnlichen Reisenden genutzt wurde. Im Spiegel der hinteren Wand sah Seb sich selbst und die drei Beamten, von denen einer bösartig und verschlagen, der zweite verbissen und streng, der dritte aber rundköpfig und gutmütig aussah. Der Verbissene holte einen riesigen Schlüssel aus der Tasche seiner schiefen Hose, steckte ihn in eine Startvorrichtung, die hinter einer Metallklappe verborgen war, drehte ihn, schon schloss sich hinter ihnen die Tür und der Aufzug glitt nach unten.

Seb sah die Ziffern auf der Liftanzeige von zehn auf fünf, dann auf eins und null und minus fünf springen. Dann verlosch die Anzeige, doch der Lift fuhr immer noch. Auch die Werbetafeln leuchteten nun nicht mehr.  Seb kam es vor, als wären sie schon eine ganze Stunde nach unten gefahren, als der Lift abrupt zum Halt kam. Während der gesamten Fahrt hatten die drei Beamten nichts geredet, weder mit ihm, noch untereinander. Der Rundköpfige hatte von Zeit zu Zeit Essen in sich hineingestopft, und dazu aus einer Schnapsflasche getrunken. Was für eine Art Getränk es war,  hatte S. nicht erkennen können, doch schloss er aus dem sauren Atem auf Alkohol.

„Was soll ich denn hier?“, fragte S., als sich die Tür wieder öffnete, und den Blick auf einen, wie es S. schien,  endlos langen, trübe beleuchteten, kühlen und muffig riechenden Gang freigab. „Das werden Sie noch schnell genug erfahren“, hatte der Verbissene scharf geantwortet, und ihn noch fester am Arm gepackt.

Sie zogen Seb den Gang entlang, und er konnte erkennen, dass bläuliche Lichtpunkte diesen Korridor in regelmäßigen Abständen beleuchteten. Im unteren Drittel der vor ihnen liegenden (durch die Perspektive aufsteigend erscheinenden) Linie aber konnte Seb einen Punkt erkennen, der ein wenig heller als all die blauen Felder flackerte. Schon hatten sie die Lichtfläche erreicht, und der Gefangene konnte sehen, dass an dieser Stelle ein Glasfenster in die linke Wand des Korridors eingelassen war, hinter dem ein sehr hell erleuchteter Raum lag.

Der Verbissene und der Verschlagene übergaben dem Rundköpfigen nun Dokumente, die wohl mit S.’ Überprüfung zu tun haben mussten, denn was sollte man in dieser unterirdischen Welt schon an Dokumenten brauchen, fragte sich Seb. Es muss bloß eine Verwechslung sein, dachte er, als sich eine hölzerne, links neben dem Fenster gelegene Tür öffnete. Heraustrat eine stämmige Wärterin, wie S. an einem großen Schlüsselbund erkennen konnte, der am einem derben, breiten Ledergürtel befestigt war. Der war um die Hüften der Stämmigen geschnallt, und zog ihren Körper an der rechten Seite mit seiner Last nach unten. Die Wärterin ging ganz krumm und ächzte: „Der Bund schindet meine alten Knochen und wird mich noch umbringen.“ Die Frau bedeutete den Vieren, einzutreten.

Seb hatte vom Umfang des Schlüsselbundes auf die Zahl der Türen geschlossen, die sich hier unten befinden mussten. Wozu so viele Schlüssel, wenn niemand eingesperrt werden soll, dachte er ängstlich.

Er drehte den Kopf, und sah, wie der Verbissene und der Verschlagene sich entfernten. Lediglich der übelriechende Rundschädel war geblieben, und der kam ihm schon wie ein alter Freund vor, den er nach langer Zeit wiedergefunden hatte.

Die Stämmige trat vor das Licht, fragte den Rundköpfigen etwas in einer seltsamen Sprache, der Seb nur einzelne Vokabeln entnehmen konnte. Der Rundkopf hatte auch brav geantwortet, aber die Stämmige hatte ihn mit sich überschlagender Stimme sogleich angeherrscht. Der Untergebene machte einen Diener, und verbeugte sich mehrfach. Beim Wort ‚onden’, das Seb auch deshalb verstanden zu haben glaubte, weil die Wärterin mit dem Finger zum Boden zeigte, wuchs Sebs Beklemmung weiter an. Die Alte rollte einige der Formulare zusammen  und stopfte sie in eine Rohrpostkapsel.

Nun zog die Gekrümmte an einer Kette, eine Glocke war zu vernehmen, eine Wand verschob sich, und gab den Blick frei auf einen weiteren Gang, der leicht nach links hin gekrümmt zu verlaufen schien. Seb musste alle Habseligkeiten bei der Stämmigen abgeben, die, wie er nun sehen konnte, einen Dutt auf dem Kopf trug, der jedoch nur dann gerade nach oben zeigte, wenn sich die Alte auf einen Schemel gesetzt hatte, der dich hinter einem Schreibtisch in der Mitte der Raumes befand. Seb fröstelte, und der Rundkopf begleitete ihn mit nur einem Schlüssel, den die Alte von ihrem Bund losgemacht hatte, aber offensichtlich schon allein so schwer war, dass er den Uniformierten, dessen Kleidung im Licht des Kellers nunmehr blutrot zu leuchten begann, fast zu Boden zog. Die Mauertür schloss sich mit einem wummernden Knall hinter ihnen. Durch den sich verkleinernden Spalt hatte S. noch kurz gesehen, wie die Wärterin seine Habseligkeiten untersuchte.

Zwei Stunden waren sie gegangen, und S., der von all der Aufregung und dem Weg schon ganz erschöpft war, vermutete, dass der Korridor in einer Spirale nach unten verlief, denn die hatten wohl schon einige Kreise beschrieben, waren aber weder am Anfang noch am Ziel angekommen.

Seb hatte den Rundköpfigen, der seine Flasche nun fast ausgetrunken hatte, nach dem Stand der Untersuchungen gefragt, doch der, einfältig wie er offensichtlich war, hatte ihm lediglich auf die Schulter geklopft und gesagt: „Ich weiß nicht viel. Sie wählen täglich zufällig irgendeinen aus. Oder es gibt Unregelmäßigkeiten. In deinem Fall aber bin ich zuversichtlich, dass sich alles klären wird, denn die Dokumente waren im blauen Umschlag, und ohne Siegel. Allerdings ist es schon vorgekommen, dass die Klärungsprozeduren eine längere Zeit in Anspruch nehmen. Um die Wahrheit zu sagen, ist dies schon öfter vorgekommen. So schnell lassen sie keinen ziehen, aber eine gewisse Neigung zur Kooperation mit dem Maschinisten kann das Vorangehen der Sache erheblich beschleunigen.“ Seb dachte an seine Frau, die sich sicherlich größte Sorgen und Vorwürfe  machte, denn allzu oft hatte sie jegliche Schuld für Misslichkeiten bei sich selbst gesucht. Seb wollte weinen, war aber zu müde, und das Weinen erstickte in einem Aufschluchzen.

Nun hatten sie eine Stahltür erreicht, der Einfältige gab neben der Zarge einen Code ein, berührte die Tür mit dem Schlüssel, die sich mit einem Zischen öffnete, Dampfwolken drangen aus den Scharnieren, und eine riesige Halle wurde sichtbar, die wohl indirekt, oder in einer anderen Art als in der der bisher durchwanderten Gänge, erhellt wurde. So schien es  jedenfalls Seb, der bemerkt hatte, dass die Uniform des Rundköpfigen nicht mehr so blutrot schimmerte, wie sie es noch auf dem Hinweg getan hatte.

Links und rechts der Seitenwände wuchsen Zellenkäfige nach oben, die hunderte, vielleicht tausende Gefangene wie Hühner in einer Legebatterie beherbergen mussten. Denn Seb konnte Bewegungen sehen und ein Stimmengewirr vernehmen, das die Halle durchströmte.

Der Rundkopf hämmerte mit dem Schlüssel an einen Metallpfosten, und sogleich erschien ein
Neuer Uniformierter, diesmal zweifarbig gekleidet, besah Sebs Fallnummer, die der Rundkopf ihm entgegenhielt, und schrie, in der hand eine Rohrpostkapsel: „Väst tien, sevente Pladform B, bystro!“ Der Rundkopf schien das zu verstehen, setzte er sich doch sogleich in einer bestimmten Richtung in Bewegung.


Seb sah metallene Greifarme, die, Schweißrobotern gleich, unablässig und gefährlich schnell allerlei Gegenstände und Käfige an verschiedene Stellen der Wände reichten. Jede der beeängstigend schnellen Bewegungen wurde von einem maschinenartig heulenden Sausen begleitet.  

Fortsetzung folgt


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BeitragVerfasst am: 22.10.2015 16:20    Titel: Aerohavn 5.0 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Aerohavn

Zwei Stunden hatten Seb und seine Frau schon in einer der Warteschlangen gestanden, die sich vor der Zollschleuse gebildet hatten. Sie wollten ein Flugzeug besteigen. Endlich waren beide an der Reihe. Schon hatte Sebs Frau das Kontrollhäuschen passiert und wartete schräg hinter der Rückseite auf ihn.

Der Beamte blickte auf den Pass, sah Seb etwas ungläubig an und starrte erneut, nunmehr angestrengt, auf das Dokument. Seb dachte bei sich, dass ein Datenfehler Grund der Verzögerung sei könnte, doch nun las der Kontrolleur hochkonzentriert etwas vom Bildschirm ab, runzelte kaum merklich die Stirn, seine Lippen bewegten sich beim Lesen mit.

Seb, dessen feinem Gespür solche kaum wahrnehmbaren Regungen niemals entgingen, sagte mehr zu sich selbst als zum Beamten: „Er wird doch nicht abgelaufen sein“, doch der Grenzer hatte ihn sofort scharf angeherrscht, still zu bleiben. Seb fügte sich in sein Schicksal, trat einen halben Schritt zurück und blickte zur Frau, deren Gesicht vor dem hellen Hintergrund der gleißenden Verkaufslandschaft kaum auszumachen war. Ihr Oberkörper bewegte sich ob der Verzögerung ein wenig nervös von links nach rechts, doch offensichtlich konnte auch sie ihren Gefährten kaum erkennen, der ihr zur Beruhigung im Lichtschein des Zollhäuschens die Fläche der erhobenen Hand entgegenhielt, und dazu langsam nickte. Wie ein Buddha, dachte Seb, der festgestellt hatte, dass er sich sich nun auch selbst beobachtete. Er kannte solche Figuren von den vielen weiten Reisen, die er mit seiner Frau  unternommen hatte.

Nun steckten beide Beamte die Köpfe zusammen, und lasen gemeinsam auf dem Bildschirm. Seb war unwohl, denn schon starrten ihn die Wartenden aus der  Nebenschlange von der Seite an, denn auch ihre Reihe war ja zum Stillstand gekommen. Seb wusste nicht, wohin er den Blick wenden sollte. Ein Kind, das von seiner Mutter an der Hand gehalten wurde, zeigte mit dem Finger auf ihn, dem nun die Hitze der Beschämung ins Gesicht stieg. Der Beamte auf der rechten Seite schüttelte mehrmals den Kopf. Auf Sebs Frage nach der Ursache der Verzögerung beschied man ihn, das überflüssige Fragen und Kommentieren sein zu lassen, alles werde sich klären, man sei noch dabei, den Vorgang zu prüfen; Bemerkungen, deren zweite Seb ein wenig hoffnungsvoller stimmte.

Sebs Frau war entgegen der auf dem Boden mit Pfeilen markierten Laufrichtung ein paar Schritte zum Häuschen zurückgekommen. Er wollte etwas zu ihr sagen, doch schon hatten zwei Beamte sie nach hinten ins Licht gedrängt. Ihre Uniformen unterschieden sich in der Farbe von denen der Kontrolleure an der Schleuse. Seb hatte Monturen dieser Farbe bisher nie gesehen. Seine Frau redete nun auf die Uniformierten ein, wie man an den sich beschleunigenden Gesten und Bewegungen erkennen konnte, doch offensichtlich hörten die zwei wie Automaten agierenden Beamten ihr nicht zu. Schon bogen sie mit ihr nach links um die Ecke, und Seb war nun ganz allein. Meine Frau, dachte er bei sich, wird doch nicht ohne mich reisen?

Schon hatte sich ein dritter Beamter ins Häuschen gedrängt. An den vielen Abzeichen und Tressen konnte Seb ablesen, dass es sich hier um einen sehr hohen Rang handeln musste. Die zwei sitzenden Beamten hörten dem Vorgesetzten schweigend zu, und blickten sich abwechselnd untereinander, dann wieder den stehenden Betressten an. Einer von ihnen hatte sich die Finger der flachen Hand vor den Mund gelegt, was Seb als Zeichen höchsten Erstaunens deutete, obwohl er sich keiner Schuld und keiner Versäumnis bewusst  war. Seb stützte sich, einer plötzlichen Schwäche nachgebend, auf das Ablagebrett des Tresens, doch der Hochrangige wies ihn scharf zurecht, er solle zurücktreten. Er flüsterte den sitzenden Beamten etwas zu, und deutete auf die Masse der ungeduldig Wartenden, deren Stimmengewirr schon allerlei Empörung und Protest  zu entnehmen war.

Als Seb einen Schritt am Kontrollhäuschen vorbei machte, um den Versuch zu unternehmen, irgendwo im gleißenden Hintergrund die Silhouette seiner verschwundenen Frau auszumachen, vernahm er die Wörter „Unregelmäßigkeiten“ und „Überprüfung“; einer der Beamten war aufgestanden und hatte ihm durchs Stimmengewirr einen undeutlichen Satz zugerufen, dem er die beschwichtigende Aussage „nach der Prüfung wird sich alles als ein Versehen herausstellen“ entnehmen zu können glaubte.

Hinter Seb waren wie aus dem Nichts drei in rötlichem Ton uniformierte Organe erschienen, von denen ihn zwei kräftig bei den Oberarmen packten. Der dritte ging mit seiner eigentümlich schief sitzenden Hose mit großen Schritten voraus, doch hatte man nicht den Weg am Häuschen vorbei, sondern nach hinten, zwischen den zwei Warteschlangen hindurch, angetreten. Die Leute starrten ihn an, Kinder lachten, ganz hinten bemerkte er einen Arbeitskollegen, Seb wollte sein Gesicht verbergen, doch der Kollege hatte ihn bereits erkannt, und rief den Verhafteten mit ungläubiger Miene etwas Unverständliches zu. Man drückte seine Hände nach unten, und nur eine seitliche Kopfdrehung konnte es dem Abgeführten erlauben, den  Blick des Bekannten zu meiden. Handys wurden gezückt, man warf sich der Vierergruppe wütend in den Weg, doch der vorausgehende Beamte prügelte sich mithilfe eines Knüppels durch die Menge nach vorn. Alarmglocken hatten begonnen, zu schrillen.

Eine automatische Tür öffnete sich. Sie betraten einen Aufzug, der an zwei Innenseiten mit leuchtenden Werbetafeln ausgekleidet war. Seb schöpfte wieder einmal Hoffnung, denn offensichtlich befand man sich hier nicht in einem polizeilichen, sondern in einer Art öffentlichem Raum, der auch von gewöhnlichen Reisenden genutzt wurde. Im Spiegel der hinteren Wand sah Seb sich selbst und die drei Beamten, von denen einer bösartig und verschlagen, der zweite verbissen und streng, der dritte aber rundköpfig und gutmütig aussah. Der Verbissene holte einen riesigen Schlüssel aus der Tasche seiner schiefen Hose, steckte ihn in eine Startvorrichtung, die hinter einer Metallklappe verborgen war, drehte ihn, schon schloss sich hinter ihnen die Tür und der Aufzug glitt nach unten.

Seb sah die Ziffern auf der Liftanzeige von zehn auf fünf, dann auf eins und null und minus fünf springen. Dann verlosch die Anzeige, doch der Lift fuhr immer noch. Auch die Werbetafeln leuchteten nun nicht mehr.  Seb kam es vor, als wären sie schon eine ganze Stunde nach unten gefahren, als der Lift abrupt zum Halt kam. Während der gesamten Fahrt hatten die drei Beamten nichts geredet, weder mit ihm, noch untereinander. Der Rundköpfige hatte von Zeit zu Zeit Essen in sich hineingestopft, und dazu aus einer Schnapsflasche getrunken. Was für eine Art Getränk es war,  hatte S. nicht erkennen können, doch schloss er aus dem sauren Atem auf Alkohol.

„Was soll ich denn hier?“, fragte S., als sich die Tür wieder öffnete, und den Blick auf einen, wie es S. schien,  endlos langen, trübe beleuchteten, kühlen und muffig riechenden Gang freigab. „Das werden Sie noch schnell genug erfahren“, hatte der Verbissene scharf geantwortet, und ihn noch fester am Arm gepackt.

Sie zogen Seb den Gang entlang, und er konnte erkennen, dass bläuliche Lichtpunkte diesen Korridor in regelmäßigen Abständen beleuchteten. Im unteren Drittel der vor ihnen liegenden (durch die Perspektive aufsteigend erscheinenden) Linie aber konnte Seb einen Punkt erkennen, der ein wenig heller als all die blauen Felder flackerte. Schon hatten sie die Lichtfläche erreicht, und der Gefangene konnte sehen, dass an dieser Stelle ein Glasfenster in die linke Wand des Korridors eingelassen war, hinter dem ein sehr hell erleuchteter Raum lag.

Der Verbissene und der Verschlagene übergaben dem Rundköpfigen nun Dokumente, die wohl mit S.’ Überprüfung zu tun haben mussten, denn was sollte man in dieser unterirdischen Welt schon an Dokumenten brauchen, fragte sich Seb. Es muss bloß eine Verwechslung sein, dachte er, als sich eine hölzerne, links neben dem Fenster gelegene Tür öffnete. Heraustrat eine stämmige Wärterin, wie S. an einem großen Schlüsselbund erkennen konnte, der am einem derben, breiten Ledergürtel befestigt war. Der war um die Hüften der Stämmigen geschnallt, und zog ihren Körper an der rechten Seite mit seiner Last nach unten. Die Wärterin ging ganz krumm und ächzte: „Der Bund schindet meine alten Knochen und wird mich noch umbringen.“ Die Frau bedeutete den Vieren, einzutreten.

Seb hatte vom Umfang des Schlüsselbundes auf die Zahl der Türen geschlossen, die sich hier unten befinden mussten. Wozu so viele Schlüssel, wenn niemand eingesperrt werden soll, dachte er ängstlich.

Er drehte den Kopf, und sah, wie der Verbissene und der Verschlagene sich entfernten. Lediglich der übelriechende Rundschädel war geblieben, und der kam ihm schon wie ein alter Freund vor, den er nach langer Zeit wiedergefunden hatte.

Die Stämmige trat vor das Licht, fragte den Rundköpfigen etwas in einer seltsamen Sprache, der Seb nur einzelne Vokabeln entnehmen konnte. Der Rundkopf hatte auch brav geantwortet, aber die Stämmige hatte ihn mit sich überschlagender Stimme sogleich angeherrscht. Der Untergebene machte einen Diener, und verbeugte sich mehrfach. Beim Wort ‚onden’, das Seb auch deshalb verstanden zu haben glaubte, weil die Wärterin mit dem Finger zum Boden zeigte, wuchs Sebs Beklemmung weiter an. Die Alte rollte einige der Formulare zusammen  und stopfte sie in eine Rohrpostkapsel.

Nun zog die Gekrümmte an einer Kette, eine Glocke war zu vernehmen, eine Wand verschob sich, und gab den Blick frei auf einen weiteren Gang, der leicht nach links hin gekrümmt zu verlaufen schien. Seb musste alle Habseligkeiten bei der Stämmigen abgeben, die, wie er nun sehen konnte, einen Dutt auf dem Kopf trug, der jedoch nur dann gerade nach oben zeigte, wenn sich die Alte auf einen Schemel gesetzt hatte, der dich hinter einem Schreibtisch in der Mitte der Raumes befand. Seb fröstelte, und der Rundkopf begleitete ihn mit nur einem Schlüssel, den die Alte von ihrem Bund losgemacht hatte, aber offensichtlich schon allein so schwer war, dass er den Uniformierten, dessen Kleidung im Licht des Kellers nunmehr blutrot zu leuchten begann, fast zu Boden zog. Die Mauertür schloss sich mit einem wummernden Knall hinter ihnen. Durch den sich verkleinernden Spalt hatte S. noch kurz gesehen, wie die Wärterin seine Habseligkeiten untersuchte.

Zwei Stunden waren sie gegangen, und S., der von all der Aufregung und dem Weg schon ganz erschöpft war, vermutete, dass der Korridor in einer Spirale nach unten verlief, denn die hatten wohl schon einige Kreise beschrieben, waren aber weder am Anfang noch am Ziel angekommen.

Seb hatte den Rundköpfigen, der seine Flasche nun fast ausgetrunken hatte, nach dem Stand der Untersuchungen gefragt, doch der, einfältig wie er offensichtlich war, hatte ihm lediglich auf die Schulter geklopft und gesagt: „Ich weiß nicht viel. Sie wählen täglich zufällig irgendeinen aus. Oder es gibt Unregelmäßigkeiten. In deinem Fall aber bin ich zuversichtlich, dass sich alles klären wird, denn die Dokumente waren im blauen Umschlag, und ohne Siegel. Allerdings ist es schon vorgekommen, dass die Klärungsprozeduren eine längere Zeit in Anspruch nehmen. Um die Wahrheit zu sagen, ist dies schon öfter vorgekommen. So schnell lassen sie keinen ziehen. Allerdings kann eine gewisse Neigung zur Kooperation mit dem Maschinisten das Vorangehen der Sache erheblich beschleunigen.“ Seb dachte an seine Frau, die sich sicherlich größte Sorgen und Vorwürfe  machte, denn allzu oft hatte sie jegliche Schuld für Misslichkeiten bei sich selbst gesucht. Seb wollte weinen, war aber zu müde, und das Weinen erstickte in einem dumpfen Aufschluchzen.

Nun hatten sie eine Stahltür erreicht, der Einfältige gab neben der Zarge einen Code ein, berührte die Tür mit dem Schlüssel, die sich mit einem Zischen öffnete, Dampfwolken drangen aus den Scharnieren, und eine riesige Halle wurde sichtbar, die wohl indirekt, oder in einer anderen Art als in der der bisher durchwanderten Gänge, erhellt wurde. So schien es  jedenfalls Seb, der bemerkt hatte, dass die Uniform des Rundköpfigen nicht mehr so blutrot schimmerte, wie sie es noch auf dem Hinweg getan hatte.

Links und rechts der Seitenwände wuchsen Zellenkäfige nach oben, die hunderte, vielleicht tausende Gefangene wie Hühner in einer Legebatterie beherbergen mussten. Denn Seb konnte Bewegungen sehen und ein Stimmengewirr vernehmen, das die Halle durchströmte.

Der Rundkopf hämmerte mit dem Schlüssel an einen Metallpfosten, und sogleich erschien ein
Neuer Uniformierter, diesmal zweifarbig gekleidet, besah Sebs Fallnummer, die der Rundkopf ihm entgegenhielt, und schrie, in der Hand eine Rohrpostkapsel: „Väst tien, sevente Pladform B, bystro!“ Der Rundkopf schien das zu verstehen, setzte er sich doch sogleich in einer bestimmten Richtung in Bewegung.


Seb sah metallene Greifarme, die, Schweißrobotern gleich, unablässig und gefährlich schnell allerlei Gegenstände und Käfige an verschiedene Stellen der Wände reichten. Jede der beeängstigend schnellen Bewegungen wurde von dem heulenden Sausen der elektrischen Motoren begleitet.


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BeitragVerfasst am: 22.10.2015 16:35    Titel: Fortsetzung Aerohaven 1 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Am Saalende war ein Treppenaufgang mit einer schweren Tür zu erkennen, die sich gelegentlich öffnete und dann gleich wieder schloss. Stand sie offen, gab sie den Blick auf einen röhrenartigen Durchgang frei, an dessen Ende ein heller Punkt leuchtete.

Nun hatte einer der Greifarme sich vor den drei Wartenden gesenkt und einen Käfig abgestellt, dessen Tür hochgezogen war. Der Zweifarbige befahl Seb, sich in den Käfig zu begeben. Seb wollte sich am Arm des Rundkopfes festkrallen, doch der hatte sich in einer Kreisbewegung schnell zurückgezogen, ging in Richtung Stahltür, und rief Seb noch ein paar aufmunternde Worte nach. Der Zweifarbige stieß Seb in den Käfig. Kaum hatte er ihn betreten, rasselte die Zugtür herunter und Seb war nun endgültig gefangen. Er wollte sich im Käfig umblicken, doch schon riß der Greifarm ihn mit solcher Wucht in die Höhe, dass Seb es vorkam, sein Körpergewicht habe sich verdreifacht. Da Seb sich nirgends festhalten konnte, ging der zu Boden und umgriff die eisernen Bodenstäbe des Käfigs. Jetzt ging es in einer brutalen Kreisbewegung nach links, der Käfig flog nun langsamer und Seb konnte erkennen, wie sich Käfige an der Saalwand verschoben um dem seinen Platz zu machen. Nun stand er in die Lücke eingepasst und Seb hatte Gelegenheit, sich darin umzusehen.

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BeitragVerfasst am: 23.10.2015 09:14    Titel: Aerohavn. Fortsetzung 2 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Grit hatte für eine längere Zeit vor dem Bürozimmer sitzen müssen. Und obwohl die Uniformierten sie vom Zollhäuschen aus dorthin geführt hatten, schien der Avokaat, wie es auf der Türinschrift hieß,  entweder noch nicht anwesend zu sein. Oder aber, so dachte Grit, er wolle seine Macht auskosten, Menschen warten lassen zu können. Nun allerdings öffnete sich die Tür mit einem rauschenden Rollgeräusch. Die Uniformierten baten sie, noch im Windhauch, einzutreten.

In der Mitte des großen Raumes konnte Grit einen Schreibtisch erkennen, an dem ein offensichtlich sehr kleiner Mann saß. Er las mit einer dicken Brille Akten, blickte nicht auf, hatte aber Grits Eintreten bemerkt und befahl ihr, Platz zu nehmen.

An der hinteren Wand konnte Grit verschiedenfarbige Balkendiagramme ausmachen, an deren linker Seite deutlich lesbare Namen mit kleinen Bildern leuchteten. Ganz unten konnte Grit Sebs Bild (offensichtlich war es vor einer Werbetafel aufgenommen worden) erkennen, doch der größte Teil seines Diagramms war vom Schreibtisch des Avokaaten verstellt. Obwohl Grit sich reckte, konnte sie nicht viel sehen. Allein die Länge des Diagramms schien bis zur rechten Wandecke zu reichen; einen äußersten Punkt, den keines der darüberstehenden Diagramme zu erreichen schien. Der Anblick von Sebs Bild schnürte ihr das Herz zusammen.

Ohne Begrüßung hatte der Avokaat begonnen.

„Sie wurden heute von mir eingeladen, um das weitere Vorgehen im Falle Ihres Lebensgefährten Sebastian Pierrefitte, genennt Seb, vorgetragen zu bekommen. Zunächst danke ich der Kommission für das mir entgegengebrachte Vertrauen, denn  obwohl ich weniger Stimmen als in den letzten Fällen für mich verbuchen konnte, gehe ich dennoch erneut als klarer Sieger des Quorums hervor. Nicht zuletzt gilt mein Dank all den Frauen und Männern  draußen im Lande, deren unerschöpfliche Hilfsbereitschaft und Aufopferung mir heute zu meinem Siege verholfen haben. Ohne diese vielen Menschen wäre mir ein solcher Triumph verwehrt geblieben. All diese Danksagungen mögen Ihnen, Grit, ein wenig seltsam, und angesichts des Sebschen Falles unangebracht erscheinen. Dennoch soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass jedwede Einlassung und Bemerkung aller beteiligten Parteien mitgehört, aufgezeichnet, und, wenn dies zur weiteren Klärung erforderlich sein sollte, neu gesichtet und in solchem Falle Gegenstand einer gesonderten Überprüfung und Abwägung werden kann. In diesem Lichte ist Sebs Fall ohnehin zweitrangig.

Von meinen Vorrednern wurde verschiedentlich, und, wie ich zugebe ein wenig spitz  bemerkt, dass die Behandlung des Sebschen Falles eine lukrative Okkupation sei. Dies aber weise ich aufs Schärfste zurück, denn im Fokus der Betrachtungen sollen keine pekuniären Überlegungen, sondern allein  die Einzigartigkeit des Falles stehen. Nachfragen, liebe Frau Grit, sind strikt verboten. Lediglich ist Einladungen zu weiteren Verhören stets Folge zu leisten, weshalb ich Ihnen Einquartierung in unmittelbarer Nähe anempfehle. Ebenso können, da werden mir die werten Kollegen beipflichten, keine Besuchsanträge gestellt werden. Dagegen sind angeordnete Besuchstermine, nichts zuletzt auch im Interesse des Häftlings, wahrzunehmen. Die Frage, wie weit der Fall des Seb fortgeschritten sei, stellt sich hier nicht. Und es ist auch die falsche Frage. Viel wichtiger sind doch die legitimen Befürchtungen all der besorgten Bürger draußen im Lande, die Rechtsprechung nähme sich der allfälligen Irregularitäten und Überprüfungen nur unzureichend an. Daher kann ich nicht umhin zu bemerken, liebe Grit, dass den eher einfach strukturierten Elementen unserer Länderunion sichtbare Handlungen uns Ergebnisse präsentiert werden müssen, an denen sie die Handlungsfähigkeit der Unionsregierung ablesen können.  Verehrte Grit, ich werde mein Bestes tun, um den Fall Ihres Lebensgefährten voranzubringen. In diesem Sinne kann ich Sie nur davor warnen, den Verlauf der Angelegenheit mit Eingaben zu behindern. Selbst wenn sich der Fall als unergiebiger Irrtum herausstellen sollte, wären die mit unsinnigen Nachfragen verbundenen Makel nicht mehr zu entfernen. Ich danke Ihnen in aller Form zur das mir entgegengebrachte Vertrauen, und bitte Sie, mir Ausdruck vorzüglichster und besonderer Hochachtung  zu gewähren. Bitte verlassen Sie nun die Kanzlei.“
Der Advokaat stand auf.

Grit, der es nicht nur ob der mechanischen Ausdrucksweise kalt den Rücken herabgelaufen war, erhob sich ebenfalls. Sie ging zur Tür, die sich geöffnet hatte. Als sie sich noch einmal umdrehte, war der Advokaat bereits verschwunden. Die Kanzlei lag im Dunkel. Nur ein paar der Diagramme leuchteten noch. Einer der Uniformierten klopfte Grit auf die Schulter. Sie bemerkte dies allerdings nicht.

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BeitragVerfasst am: 24.10.2015 00:35    Titel: Antworten mit Zitat

Servus Christof,

Deine Dystopie hat Fahrt aufgenommen. Franz Kafka mag hier einige Erinnerungen beitragen.

Ich habe aber ein paar technische Anmerkungen meiner Ausbildung bzw. meiner Lehrtätigkeit geschuldet. Mag sein, dass das meine Phantasie einschränkt, dennoch will ich Dir diese Rückmeldung geben.

Du schilderst gewaltige Industrieroboter, die meiner Lesart nach Käfige (von mehreren 100 kg) in zig-Meter Höhe verbringen können. Also sind diese Dinger ähnlich groß.

Das Wachstumsgesetz setzt dem enge Grenzen. Mit der dritten Potenz der Größe eines Körpers wachsen die erforderlichen Kräfte (und notwendigen Festigkeiten) eines Körpers, aber nur mit der zweiten Potenz wächst die realisierbare Festigkeit des Körpers. Ein böses Missverhältnis, das mit einer einheitlichen Maschine nicht erfüllbar ist. Heutige Industrieroboter schaffen nur Effektive Massen von 5-20%, das heißt, dass die handhabbaren Massen bestenfalls 20% der Eigenmasse des Industrieroboters ausmachen. Dieses Missverhältnis verschiebt sich noch mehr mit der Größe des Manipulators. Schon ein Elefant, der nur einen halben Meter abstürzt erleidet wahrscheinlich tödliche Verletzungen. Die Größe hat mit der gegebenen Materialfestigkeit daher eine absolute, nicht übersteigbare Grenze, der auch die Saurier gehorchen mussten und die waren unseren Robotern haushoch überlegen. (Eine Ameise hätte demnach allerdings, den Modellgesetzen geschuldet, eine unschlagbare Effektive Masse)

Dem könntest Du mit einem anderen Bild begegnen: anstelle der Zwillinge der gigantischen Schweißroboter, könntest Du ein Regalsystem darlegen, wo über Schienen diese Käfige horizontal und vertikal verschoben werden können. Das kann ruhig mit enormen Beschleunigungen passieren, wie Du das geschildert hast. Allerdings wären die Bewegungen ziemlich orthogonal.

Die Dame mit dem heftigen Schlüsselbund finde ich auch nicht zeitgemäß, da diese Dystopie sicher in der Zukunft angelegt ist. Da genügt eine Keycard oder sogar nur eine biologische Datenerkennung, um Areale betreten zu können oder nicht.


Irgendwo sind mir auch ein paar Rechtschreibfehler aufgefallen, aber die sind nur Nebensache.

Gern gelesen, wenngleich ich hier doch etwas technischen Widerspruch anmerken möchte.

Ich hoffe, dass Du irgendwas von meinen Anmerkungen hilfreich findest.

LG
Joe


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BeitragVerfasst am: 24.10.2015 08:37    Titel: Physik pdf-Datei Antworten mit Zitat

Schön, Joe, danke. Da ist natürlich was dran. Der Schlüsselbund aber kommt vom Steampunk, und auch meine Sprache ist altmodisch gehalten. Mal sehen, wie die Idee sich weiterentwickelt. Kafka ist sicherlich ein großer Einfluss. Danke Joe und schönes Wochenende. Ich habe auch noch Korrekturen auf dem Schreibtisch...😁Vgl cls

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BeitragVerfasst am: 24.10.2015 13:16    Titel: Aerohavn 6.0 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Einige technische Details wurden verändert, das sie zuvor nicht den Gesetzen der Physik gehorchen wollten. Und auch der Avokaat flößte mir und Grit noch nicht genügend Angst ein.
Seb blickt nun um sich und sieht sich den Saal der Gefangenen an. Hier beginnen wir von neuem.


Seb sah metallene Greifarme, die, Schweißrobotern gleich, unablässig und gefährlich schnell allerlei Gegenstände an verschiedene Stellen der Wände reichten oder auf ein Geleissystem setzten, das in der Art einer Achterbahn gebaut war. Jede der beeängstigend schnellen Bewegungen wurde vom heulenden Sausen elektrischer Motoren begleitet.  



Am Saalende war ein Treppenaufgang mit einer schweren Tür zu erkennen, die sich gelegentlich öffnete und dann gleich wieder schloss. Stand sie offen, gab sie den Blick auf einen röhrenartigen Durchgang frei, an dessen Ende ein heller Punkt schimmerte.

Nun hatte einer der Greifarme sich vor den drei Wartenden gesenkt und einen Käfig abgestellt, dessen Tür hochgezogen war. Der Zweifarbige befahl Seb, sich in den Käfig zu begeben. Seb wollte sich am Arm des Rundkopfes festkrallen, doch der hatte sich in einer Kreisbewegung schnell zurückgezogen, ging in Richtung Stahltür, und rief Seb noch ein paar aufmunternde Worte nach. Der Zweifarbige stieß Seb in den Gitterkasten. Kaum hatte er ihn betreten, rasselte die Zugtür herunter und Seb war nun endgültig gefangen. Er wollte sich im Käfig umblicken, doch schon riss der Greifarm ihn mit solcher Wucht empor, dass  es ihm vorkam, sein Körpergewicht habe sich verdreifacht. Der Greifarm setzte den Käfig krachend auf ein Geleis. Da Seb sich nirgends festhalten konnte, fiel er auf die Dielen und umgriff die eisernen Wandstäbe des Käfigs, der auf seinem Geleis nun brutal beschleunigte. Jetzt ging es in einer Kreisbewegung nach links oben, der Käfig rollte nun langsamer, und Seb konnte erkennen, wie sich weitere Käfige an der Saalwand verschoben um dem seinen Platz zu machen. Nun stand er in die Lücke eingepasst und Seb hatte Gelegenheit, sich in seiner Behausung umzusehen. Blickte man zur Saalmitte (es war die einzige ergiebige Blickrichtung) war rechter Hand eine Metallpritsche angebracht. Von dort bis zur Mitte hin war der Boden mit Dielen bedeckt. Wo der Dielenboden endete, bildeten blanke Gitterstäbe den Zellenboden, die mit allerlei Unrat verklebt waren.


Grit hatte für eine längere Zeit mit zwei Wächtern vor dem Bürozimmer sitzen müssen. Und obwohl die Uniformierten sie vom Zollhäuschen aus dorthin geführt, und dann den Türwächtern übergeben hatten, schien der Avokaat, wie es auf der Türinschrift hieß, entweder noch nicht anwesend zu sein. Oder aber, so dachte Grit, er wolle seine Macht auskosten, Menschen warten lassen zu können. Kein Geräusch drang nach außen. Nun allerdings öffnete sich die Tür mit einem rauschenden Rollen. Die Wächter baten Grit einzutreten; der Lufthauch der Tür war noch nicht zur Ruhe gekommen.

In der Mitte des großen Raumes konnte Grit einen hölzernen Schreibtisch erkennen, an dem ein offensichtlich sehr kleiner Mann saß. Er las mit einer dicken Brille Akten, blickte nicht auf, hatte aber Grits Eintreten bemerkt und befahl ihr mit einer leisen Bewegung des Kopfes Platz zu nehmen.

An der hinteren Wand konnte Grit verschiedenfarbige Balkendiagramme ausmachen, an deren linker Seite deutlich lesbare Namen mit kleinen Bildern und kurze Texte leuchteten. Ganz unten konnte Grit Sebs Bild (offensichtlich war es vor einer Werbetafel aufgenommen worden) erkennen, doch der größte Teil seines Diagramms war vom Schreibtisch des Avokaaten verstellt. Obwohl Grit sich reckte, konnte sie nicht viel davon sehen. Allein die Länge des Diagramms schien bis zur rechten Wandecke zu reichen; einen äußersten Punkt, den keines der darüberstehenden Diagramme zu erreichen schien.

Ohne Begrüßung hatte der Avokaat begonnen. Die Stimme dieses kleingewachsenen Mannes war unerhört kräftig und füllte des gesamten Raum.

„Nehm Sie Platz, Nehmen Sie Platz, Nehm Se Platz, Nehmen’S Platz, Nehm Sie Platz, Sie und Sie und Sie und Sie wurden heute von mir eingeladen, eingeladen, ja vor, vor, vorgeladen, Rattatatam, um das weitere Vorgehen der Juroren im Falle Ihres Lebensgefährten Sebastian Pierrefitte, genannt Seb, vorgetragen zu bekommen, zu bekommen. Bekommen? Wo war ich stehen geblie’, meine Frau sagt auch immer, du musst auch mal eine Idee zu Ende, zunächst also denke ich, nein danke ich, der Kommission für das mir entgegengebrachte Vertrauen, Vertrauen wichtig, Kontrolle besser, denn  obwohl wir allesamt weniger Stimmen als in den letzten Fällen für uns verbuchen konnte, gehe ich dennoch erneut als klarer Sieger des Quorums hervor, habe ich doch am wenigsten Stimmen eingebüßt, gebüßt. Nicht zuletzt gilt mein Dank all den Frauen und Männern  draußen im Lande, deren unerschöpfliche Hilfsbereitschaft und Aufopferung für die Juroren der Juroren mir heute zu meinem Siege verholfen haben. Verholfen haben. Ohne diese vielen Menschen wäre mir ein solcher Triumph verwehrt geblieben. All diese Danksagungen mögen Ihnen, Grit, ein wenig seltsam, und angesichts des Sebschen Falles unangebracht erscheinen. Nein, sagen Sie nichts Grit. Dennoch soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass jedwede Einlassung und Bemerkung aller beteiligten Parteien mitgehört, aufgezeichnet, und, wenn dies zur weiteren Klärung erforderlich sein sollte, neu gesichtet und in solchem Falle Gegenstand einer gesonderten Überprüfung und Abwägung werden kann. In diesem Lichte ist Sebs Fall im Vergleich zur Funktion des gesamten Systems ohnehin zweitrangig.

Von meinen Vorrednern, die Sie aus Außenstehende nicht vernehmen konnten, wurde verschiedentlich, und, wie ich zugebe, ein wenig spitz  bemerkt, dass die Behandlung des Sebschen Falles eine lukrative Okkupation sei. Dies aber weise ich aufs Schärfste, meine Frau sagt immer, du musst auch mal zurück, denn, wo war ich, im Fokus der Betrachtungen sollen sozang keine pekuniären Überlegungen, sondern allein  die Einzigartigkeit des Falles stehen, Falles stehen. Nachfragen, liebe Frau Grit, sind daher strikt verboten. Frau Grit! Ich muss hier in aller Form! Lediglich ist Einladungen zu weiteren Verhören stets Folge zu leisten, ja, Folge zu leisten, auch Sie werden noch Ihren Beitrag liefern müssen, Pierrefitte, weshalb ich Ihnen Einquartierung in unmittelbarer Nähe anempfehle, rate, anpreise, befürworte, lobe, nahelege, vorschlage, anrate und befehle. So lang reicht mein Arm. Unterstehen Sie sich nicht, sinnlose Eingaben zu machen. Schweigen Sie forthin, denn bald platzt mir die Hutschnur! Ebenso können, da werden mir die werten Kollegen beipflichten, keine Besuchsanträge gestellt werden. Dagegen sind angeordnete Visitentermine, nicht zuletzt auch im Interesse des Häftlings, wahrzunehmen. Die Frage, wie weit der Fall des Seb fortgeschritten sei, stellt sich hier nicht. Und es ist auch die falsche Frage. Sozang eine unverschämte Frage. Viel wichtiger sind doch die legitimen Befürchtungen all der besorgten Bürger draußen im Lande, die Rechtsprechung nähme sich der allfälligen Irregularitäten und Überprüfungen nur unzureichend an. Daher kann ich nicht umhin zu bemerken, liebe Grit, dass den eher einfach strukturierten Elementen unserer Länderunion sichtbare Handlungen uns Ergebnisse präsentiert werden müssen, an denen sie die Handlungsfähigkeit der Unionsregierung ablesen können, und sei es nur anhand eines Testlaufes. Verehrte Grit, ich werde mein Bestes tun, um den Fall Ihres Lebensgefährten voranzubringen. Und auch in diesem Sinne kann ich Sie nur davor warnen, den Verlauf der Angelegenheit mit Eingaben zu behindern. Wir machen auch nur unsere, sagt meine Frau immer. Und haben ohnehin schon zuviel davon. Selbst wenn sich der Fall als unergiebiger Irrtum herausstellen sollte, wären die mit unsinnigen Nachfragen verbundenen Makel nicht mehr von Ihrem Lebenslauf zu entfernen. Entfernen. Was das bedeutet, wissen Sie. Ich danke Ihnen in aller Form zur das mir entgegengebrachte Neuartrev, Neuartrav, Vertrauen, trauen, und bitte Sie, mir den Ausdruck vorzüglichster und besonderer Hochachtung  zu gewähren. Verlassen Sie die Kanzlei.“

Der Advokaat stand abrupt auf.

Grit, der es nicht nur ob der mechanischen Ausdrucksweise kalt den Rücken herabgelaufen war, erhob sich ebenfalls, und blickte zum Avokaaten hin. Der aber bewarf sie fluchend mit einem schweren Griffel. Sie ging zur Tür, die sich schon geöffnet hatte. Als sie sich noch einmal umdrehte, war der Juror bereits verschwunden. Die Kanzlei lag im Dunkel. Nur ein paar der Diagramme leuchteten noch und spiegelten sich auf der leeren Tischplatte. Einer der Uniformierten klopfte Grit auf die Schulter. Sie bemerkte dies allerdings nicht und begann zu schluchzen.

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BeitragVerfasst am: 26.10.2015 13:31    Titel: Sebs Brief pdf-Datei Antworten mit Zitat

Grit, sie haben mir nur fünfzehn Minuten gegeben, diesen Brief zu schreiben. Sie werden ihn lesen und kontrollieren. Daher darf ich dir auch gar nicht sagen, wo ich mich befinde. Wenn ich das nur selbst genau wüsste! Was man mit vorwirft, weiß ich nicht. Ein Zellennachbar, mit dem ich einmal am Tag für eine kurze Zeit heimlich sprechen kann, sagt, manche Fälle würden bloß eröffnet, um den Lauf der Rechtsinstitutionen zu prüfen. Man konstruiert einen Fall, und kann an dessen Verlauf erkennen, ob alles richtig funktioniert. Und wenn nicht, spüren sie dem Fehler nach. Sogar ein paar aus der Justiz sitzen hier unten ein. Denen ist wohl ein Fauxpas unterlaufen. Ich kann mich nur in der einen Hälfte des Käfigs aufhalten (ja, es gibt nur Käfige, in die sie uns stecken können). Durch die andere Hälfte plumpst ständig Unrat aus den höher gelegenen Zellen herunter. Und auch ich muss, will ich mich erleichtern, einen glücklichen Moment abpassen, zu dem gerade nichts herunterfällt. Und dann ganz schnell machen. Zweimal am Tag reichen sie Wasser und ein wenig Nahrung herein. Das Dröhnen der Arbeitsmaschinen in der Saalmitte (die Käfige befinden sich an den Seitenwänden) ist ohrenbetäubend. Einmal am Tag werden die Maschinen gewartet. Dann ist es für kurze Zeit still. Und die Käfige laufen auf Schienen. Mancher Käfig wird heraus- und nach ein Paar Stunden wieder hineingebracht. Dann geht ein Ruck durch das gesamte Geleissystem.
Grit, ich weiß nicht, was mich erwartet, ob ich je wieder zurückkehre. Mein Nachbar berichtet, es gäbe nur einen einzigen Anwalt, der alle Fälle betreut. Man könne versuchen, bei ihm vorzusprechen. Willst du das tun, Grit? Ich muss schließen, da kommt schon der Rohrpostbote. Schreib!
Seb.


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BeitragVerfasst am: 01.11.2015 11:40    Titel: Aerohavn 7.0 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lieber Seb,

ich habe deinen Brief erhalten und bin in deiner Nähe. Sie haben mir geraten, hier eine Unterkunft zu suchen. Dort kann ich versuchen, mehr darüber zu erfahren, was dir vorgeworfen wird. Ich bin nir nachts hier in meinem Zimmer. Am Tage muss ich mich beeilen. Viel Zeit zum Schreiben lassen sie mir nicht. Ohne Unterlass muss ich verschiedenen Beamten Fragen beantworten, Wege erledigen  und lange Formulare ausfüllen. Die Büros der Beamten sind über den gesamten Aerohavn verteilt. Auch beim Anwalt war ich schon, doch davon in einem späteren Brief. Seb, sie haben mir einen Besuch in Aussicht gestellt. Sie werden die Bescheid geben, wann er stattfinden soll. Seb, beunruhige dich nicht. Man sagt, mancher Fall würde sehr schnell entschieden. Vielleicht ist alles nur ein Irrtum.

Deine Grit


Seb hatte den Brief zusammengefaltet, und in seine Brusttasche geschoben. Wie froh er nun war, ein Lebenszeichen von Grit zu besitzen. Sie musste das Land also nicht verlassen, und konnte in seiner Nähe bleiben.

Er war mittlerweile ganz allein. Der Nachbar, den er in den Lärmpausen so manches Mal etwas gefragt hatte, war mitsamt seinem Käfig verschwunden. Und da sein eigener nach langen Rangierbewegungen nun zwischen zwei unbesetzten Zellen zum Stehen gekommen war, hatte er niemanden, mit dem er hätte reden können. Die Nahrung steckte der bösartige Essenverteiler zweimal am Tag durch eine Käfigklappe. Der aber hatte keine Zeit zum Reden und fluchte nur mit leerem Blick für sich selbst vor sich hin:

„Wenn endlich schon maln Fresser verreckt is, steen drei neue Bazillendräger an de Dör. In de Hölle senn sollte man das Drecksgeschwerl.“

Von dem war außer dem Schlag mit der Wassersuppenkelle nichts zu erwarten. Dann schon eher vom Rohrpostmann, der gelegentlich vorbeikam. Und fiel Sonnenlicht bis nach unten, konnte er am Tor manches Mal den Rundkopf erspähen. Das waren die Zerstreuungen des Seb.

Gelegentlich unterbrochen wurde der Lärm von Durchsagen, deren Inhalt für jeden verständlich, obwohl in einer völlig neuen Sprache vermittelt wurde, die aber jeder hier zu verstehen schien. Die Intonation erinnerte an die Melodie von Flughafendurchsagen, bei denen oftmals halbe Sätze zusammengerafft werden,  die sich dann abrupt verlangsamen um in einen Terzsprung zu enden:

„Attentionarrestperson seven - seven - fyra - een - zero: interrogation prozedije, immediatetransfertorez-de-chausée platform, wait för tansfer, karaschokeeppersoonlike documents ready“,

wobei die documents und ready-Durchsage im Terzsingsang vollzogen wurde. Dannn ging wieder ein Ruck durch die Käfigwand, irgendein Insasse wurde zum Verhör gefahren, die Zellen auf dem Geleissystem kamen wieder zum Stillstand, Greifarme bewegten sich gefährlich schnell, irgendwo öffneten und schlossen sich Türen und Durchgänge. Dies konnte zu jeder Tages- und Nachtzeit geschehen. Kalt war es Seb nie. All die Abwärme der Maschinen heizte den Saal mehr als notwendig auf. Sogar die Gitterstäbe seines Käfigs fühlten sich warm an. Am Tag kam ein wenig Sonnenlicht durch einen Schacht herab. Und dann konnte man auch das Portrait erkennen, dass auf eine Schmalseite des Saales gemalt war. Der leicht erhobene Kopf war leicht nach links geneigt, und die Augen sahen in die Ferne.

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BeitragVerfasst am: 13.12.2015 12:57    Titel: Aerohavn - Ende pdf-Datei Antworten mit Zitat

Am nächsten Tag aber glaubte Seb seinen Namen in einer der Durchsagen vernommen zu haben, und schon ging ein Ruck durch seinen Käfig, der in großer Geschwindigkeit hin und her rangiert, und dann nach unten befördert wurde. Nun stand er in seinem Käfig wie ein Raubtier in einer rieseigen Manege, deren Ränder von den Gitterstabwänden der Mitgefangenen begrenzt wurden. Obwohl der Käfig sich nun nicht mehr bewegte, klammerte sich Seb immer noch an den Metallstäben derart fest, dass seine Handknöchel im Halbdunkel weiß leuchteten.

In der Mitte der hinteren Saalwand öffnete zischend eine Tür. Als der Dampf des Türantriebs verstoben war, erblickte Seb einen langen Gang, der nun in der Perspektive zwischen seinen Fäusten lag. Der Käfig langsam rollte zur Tür hin. Nun konnte Seb am Tunnelende drei Gestalten sehen, deren mittlere von denen links und rechts gestützt wurde. In der Mitte aber lag ein erleuchtetes Fenster, das in der Art englischer Bay Windows in den Gang hineinragte.  Als der Käfig in den Gang hineingeglitten war, und Sebs Augen sich an die noch tiefere Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er in der mittleren Gestalt am Gangende: Grit. Sie hatte auf einer Bank Platz genommen und rief ihm etwas zu, doch da der Korridor so lang war, konnte Seb lediglich die besorgt klingende Melodie in Grits Intonation vernehmen. Ihm zog es das Herz zusammen und es fröstelte ihm.

Im erleuchteten Fenster erkannte Seb einen kleinwüchsigen, bebrillten Menschen in einer Richterrobe, der ihm hektisch zu bedeuten schien, sich beeilen zu müssen, mit übertriebenen Mundbewegungen und kreisendem Unterarm mochte er wohl zu verdeutlichen suchen, Seb solle mit seiner Frau mit Rufen Kontakt aufnehmen. Seb rief ihr nun auch etwas zu:

„Grit, wie lange wollen sie mich noch hier festhalten? Hast du Neuigkeiten?“,

doch Grit, die nun ihr Gesicht hinter den Händen verborgen hatte, schien zu schluchzen, jedenfalls kam es Seb so vor, er konnte keinen Laut vernehmen, aber an ihren Schultern die typische Bewegung tiefster Verzweiflung mit Leichtigkeit erkennen.

Nun hallte ein Knacken durch den Raum. Es war, als hätte man eine starke Lautsprecheranlage eingeschaltet, einen Stecker in eine Verstärkerbuchse eingeführt, denn nun war auch ein Rauschen zu vernehmen.

„Hörnsezu, hörnsezu, sozang, wir wollen uns hier nicht lang, die Zeit geht im Sauseschritt, ich habe noch andere Fälle, meine Frau sagt immer, du musst auch mal etwas weniger, sei’s drum, kommen wir zur Begrünung, äh, Begründung, da liegt es ja klar auf der Hand, man muss das Getriebe der Juristerei mal wieder prüfen, prüfen. Ob alles so wirklich und richtig funktioniert, lieber, wie heißt er noch? Seb, ja Seb, geboren am und wohnhaft in, männlich, sind Sie das? Ja, danke, man kommt noch ganz durcheinander mit den vielen Fällen und Personenfeststellungen. Nun Seb, Sie haben das Glück im Mittelpunkt einer ganz besonderen Untersuchung und Prüfung zu stehen, zu stehen, Glück kann man aber nicht sagen, denn, doch das sozang später. Man muss alle Jahre einmal prüfen, ob alles richtig ineinandergreift, lieber Seb, lieber Seb, meine Frau sagt auch immer, du musst mal wieder nachsehen, aber nun lieber Seb, man sollte Sie nicht so auf die Folter spannen, obwohl die eigentliche Folter noch, Seb, also ganz kurz: Man muss die Exekution mal wieder prüfen, nachschauen, ob das Messer mit dem Mouton in der Fallschiene noch ohne Klemmen und Haken heruntersaust, heruntersaust, das Haar zerzaust im Wind, im Wind, wie bei den Scholls vor langer Zeit, die auch so wie Sie erhobenen Hauptes dort hinein, nur mut, guter Seb, da gab’s schon ganz andere. Janger Rede, kurzer, banger Sinn, Seb, die verantwortliche Instanz wollte einmal ganz schnell entscheiden, zumal die Inspektion ansteht, und vor den Inspektoren so ganz ohne ein anschauliches Beispiel dazustehen, das hätte uns nicht gut angestanden, lieber Seb, meine Frau sagt auch immer, du musst mal wieder ausmisten, Erschießungen und den Strang hatten wir schon, nun soll es die Guillotine richten, que le sang impur abreuve nos sillons, so sei es drum,
n’ est-ce pas, mon ami, nach meiner Erkenntnis ist das unverzüglich, sofort, ja sofort, an allen Exekutionsstellen der Aerohavn, steht auf dem Zettel hier, vielen Dank lieber Seb, noch etwas sagen, noch etwas sagen, nein, man hört Sie ohnehin nicht.“

Sebs Käfig drehte sich nun abrupt nach rechts in einen Nebengang. Grits silhouettenhafter Anblick verwischte in der seitlichen Bewegung. Man ergriff ihn, legte seinen Körper auf das bewegliche, blechbeschlagene Brett, schnallte ihn an, der Mouton, ausgelöst durch den verhüllten Scharfrichter, sauste herunter, Seb spürte das Durchdringen des Halses nur sehr vage, viel deutlicher hatte er zuvor noch verspürt, wie die die brühwarme Scheiße zwischen seine schwach gespreizten Beine gelaufen war, und die Lautsprecheranlage jedes Geräusch in die Halle trug, es fiel sein Haupt in den Fangkorb, lag schon darin, auf der Seite, ja, der Kopf lebt noch, dachte er, ganz froh, leicht und glücklich, dem Tode doch noch ein letzten Schnippchen geschlagen zu haben, und nun klang es nach Glockenspiel, die Kirche von Bergues fiel ihm ein, und er schwang sich, frei von Sorgen und Gedanken an ein Morgen, in ein Schwarz hinein, das schwerer, größer, mächtiger, endgültiger und dichter nicht sein konnte.

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