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Die Eindringlingin


 

 
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Wolfgang Rill
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber


Beiträge: 27
Wohnort: Fulda


BeitragVerfasst am: 07.09.2015 07:51    Titel: Die Eindringlingin eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Also, wissen Sie, ich weiß ja nicht. Da kauft die Frau einfach den ganzen Hof! Und die ist doch allein. So als Frau allein kauft die den ganzen Hof. Wenn das alle machen würden! Stellen Sie sich das mal vor. Na gut, die Bruchbude hat lang leer gestanden. Wir Nachbarn haben das ja gesehen, wie das nach und nach verfiel. Und mein Mann, der Hermann und ich, wir haben uns schon manchmal gedacht, ob wir den Grund nicht dazunehmen sollten. Schon allein, damit das alles nicht weiter runter kommt. Und wir hätten sicher was draus machen können, was man gut verkaufen kann. Und die Seligs auf der anderen Seite haben das auch gedacht. Die waren sogar mal  in der Stadt bei den Erben, hab ich um drei Ecken gehört. Und dann war denen das zu teuer. Na, da konnten wir auch nicht kaufen. Wie hätte das denn ausgesehen, wenn die nicht kaufen, weil es noch zu teuer ist, und wir kaufen es. Die hätten uns doch für blöd gehalten, dass wir nicht warten, bis es billiger wird. Und dann eines Tages fährt dieser weiße Opel Kadett auf den Hof und die Frau steigt aus. War damals noch jünger, hatte lange, schwarze Haare. Schlank. Keine von hier, das sah man. Und ich hol schnell den Hermann und wir sehen durchs Fenster, wie die aufs Haus zugeht und aufschließt. Hat die doch tatsächlich den Schlüssel von der Bude. Und ein Balg hat sie auch noch dabei. So einen kleinen Jungen, vielleicht zehn, der Kleine. Ich weiß noch, der Hermann wollte die Polizei rufen, weil die mit nachgemachten Schlüsseln einbricht. Ich sag noch zu dem: Mit so einem kleinen Jungen bricht niemand ein. Und drei Wochen später war die da, mit Sohn, und ging nicht mehr weg. Und dann kam die sogar mal zu uns rüber. So auf neue Nachbarschaft. Wollte gut Wetter machen. Also, ich muss sagen, ich bin ja eine Seele von Mensch, ich komme mit jedem gut aus. Mit mir kann man Pferde stehlen. Aber es gibt doch Grenzen. Stellen Sie sich vor: Türkin ist die! Und sagt uns doch tatsächlich frech ins Gesicht, dass sie den Hof gekauft hat und jetzt mit Renovieren anfangen will. Weitgehend in Eigenarbeit. Als Frau allein. Der Mann schon lange jupheidi! Na, bei der kann ich das verstehen. Renovieren, so als Frau ohne Mann, ganz allein, dass ich nicht lache. Hat Hermann übrigens auch gleich gesagt, hat der. Von uns kriegt die nichts. Nicht das Schwarze unterm Fingernagel kriegt die. Frechheit, sich als Frau einfach so hinzustellen. Und noch dazu als eine von Turkistan. Sollen die doch bei ihren Ziegenherden und Kopftüchern bleiben und uns hier nicht die Luft verpesten. Schon wie die aussieht. Immer toll frisiert, immer richtig affig gekleidet. Trotz der Arbeit im Haus und im Garten. Fleißig ist die ja. Und zupacken kann die auch, hat der Hermann gesagt. Aber da bin ich dem in die Parade gefahren. Geh doch rüber zu der Schlampe, sag ich, wirst schon sehen, was das für ein Mannweib ist. Aber komm mir dann bloß nicht wieder angekrochen. Interessiert hätte es mich ja, ob der Mann von der Selig auch so Gelüste hat. Aber mit der Selig rede ich schon seit Jahren kein Wort und beobachtet hab ich noch nichts. So müssen wir also jetzt leben, mit dieser Laus im Pelz. Hoffentlich kracht ihr die Bude bald über dem Kopf zusammen. Baufällig genug ist sie ja.
                                                                  ©  Wolfgang Rill 4/2012

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orientsonne
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 36
Beiträge: 193
Wohnort: Nürnberg


BeitragVerfasst am: 07.09.2015 09:11    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wolfgang,

die Idee finde ich sehr interessant.

Du schreibst schön konsequent aus der Perspektive einer aufgebrachten Nachbarin. Allerdings denke ich, wenige wäre mehr, da die Passage nicht gerade einfach zu lesen ist.

Die Wiederholungen zum Beispiel würde ich radikal streichen.

Zitat:
Da kauft die Frau einfach den ganzen Hof! Und die ist doch allein. So als Frau allein kauft die den ganzen Hof. Wenn das alle machen würden!


Das ist zweimal quasi der gleiche Wortlaut. Wenn die gute Frau das einmal sagt, ist das meiner Meinung nach völlig ausreichend.

Manche Dinge sind auch nicht ganz klar: sie kommt, sperrt die Tür auf. Und dann: drei Wochen später war sie da. Was ist in den drei Wochen passiert? Sie muss ja das Haus wieder verlassen haben? Vielleicht könnte man das noch schildern:
Ich wollte die Polizei holen, aber da ist sie schon wieder rausgegangen. Zum Glück, habe ich mir gedacht. Doch dann, drei Wochen später, stand plötzlich der Möbelwagen vor dem Haus.
Oder so.

Der Begriff Turkistan erschien mir auch unpassend. Oder kennst du jemanden, der wirklich dieses Wort benutzt?

Wie geht es weiter? Ist das der Anfang zu einer Kurzgeschichte? Oder ein Ausschnitt?
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hobbes
Geschlecht:weiblichTretbootliteratin


Beiträge: 3226

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
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BeitragVerfasst am: 07.09.2015 10:48    Titel: Antworten mit Zitat

Ich hätte hier vermutlich gar nicht kommentiert, hätte ich nicht das Bedürfnis, orientsonne in fast allen Punkten zu widersprechen.

Ja, ich weiß, man soll die Kommentare anderer Kommentierender nicht auseinanderpflücken, will ich auch gar nicht, ich will hauptsächlich sagen, dass ich anderer Meinung bin.

Mit den Wiederholungen habe ich zum Beispiel gar kein Problem. Die Frau spricht so, das finde ich glaubwürdig, das nehme ich ihr ab, ich hab kein Problem damit, mir so jemanden vorzustellen.

Mich interessiert auch nicht sonderlich, was in den drei Wochen passiert ist. Klar, so ein Einschub à la (sinngemäß): Dann fuhr sie wieder, kam erst mal nicht wieder und wir dachten das war's. - damit hätte ich auch kein Problem, aber ich brauche ihn auch nicht unbedingt.

Bei Turkistan gebe ich orientsonne Recht, das finde ich auch nicht ganz passend, ich hätte mir da einen geläufigeren Ausdruck vorgestellt.

Wo ich jetzt eh schon mal hier bin, will ich aber nicht nur orientsonne auf die Füße treten, sondern generell etwas zum Text sagen.
Was mir allerdings eher schwer fällt, zu meckern finde ich da auf Anhieb nichts, also nichts, was mir das Lesen verderben würde, so sprachlich, handwerklich finde ich das gut gemacht.
Mein Problem ist eher das Warum (gibt es diesen Text), was will er.
Mir ist das nicht überspitzt genug, um so etwas wie "Meine Güte, so eine verlogene Welt, vermutlich hält sich die Erzählerin auch noch für eine gute Christin, nur, weil sie jeden Sonntag in die Kirche geht" herauszulesen.
Irgendwie nehme ich nichts aus dem Text mit. Klar, ein Abbild der Realität, wie gesagt, das ist gut getroffen, mit Sicherheit gibt es diese Frau. Aber das ist ja schon schlimm genug, warum sollte ich von ihr lesen wollen? Da müsste irgendwie mehr drin sein.
Hm, bin mir nicht sicher, ob man versteht, was ich sagen will, ich finde es gerade ein wenig schwierig, das in Worte zu packen.
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Lilly_Winter
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 38
Beiträge: 272
Wohnort: Dortmund


BeitragVerfasst am: 07.09.2015 11:33    Titel: Antworten mit Zitat

hobbes hat Folgendes geschrieben:


Ja, ich weiß, man soll die Kommentare anderer Kommentierender nicht auseinanderpflücken, will ich auch gar nicht, ich will hauptsächlich sagen, dass ich anderer Meinung bin.



Dann mach ich mal weiter Very Happy .

Die Wiederholungen stören mich auch nicht, sondern machen den Text glaubhaft.
Ich finde gerade schön an dem Text, dass ich diese Frau kenne. Ich treffe sie tagtäglich auf der Straße. Ich brauche auch keine überspitzte Version, denn für mich ist es eine gelungene Beobachtung.
Den Begriff Turkistan habe ich dabei auch schön öfter gehört, deswegen hat er mich nicht gestört.
Ich frage mich, was der tatsächliche Konflikt der Erzählerin ist. Was stört sie am meisten? Das die Nachbarin Türkin ist, oder dass sie eine emanzipierte Frau ist, Alleinerziehend, finanziell unabhängig (sie leistet sich ein Haus, dass der Meinung nach zu teuer ist) und kann dann noch selber anpacken, dabei müsste sie doch nach Meinung Vieler ein Kopftuch tragen und von ihrem Ehemann (natürlich Zwangsehe) zu Hause unterdrückt werden. Die Nachbarin widerspricht in allem was sie tut den bestehenden Vorurteilen, das gefällt mir.

lg Lilly
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Wolfgang Rill
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber


Beiträge: 27
Wohnort: Fulda


BeitragVerfasst am: 07.09.2015 11:36    Titel: Freude über Reaktionen pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke für die beiden bisherigen Kritiken meiner "Eindringlingin". Ich schließe mich mehr der Kritik von hobbes an. Ich glaube, er hat sich stärker in die Suada der Dame eingefühlt und gespürt, dass bei solchen Frauen Wiederholungen nicht als stilistische Störfaktoren gesehen werden, sondern sie zum Grundbestand der Redeweise gehören.
Was hobbes über das "Warum?" sagt, macht mich eher nachdenklich. Hier mit einem "Warum denn nicht?" oder der Frage "Warum schreibt man überhaupt?" zu antworten, wäre zu simpel. Es stimmt: Dieser Text könnte bei manchen Lesern schnell verblassen, keinen bleibenden Eindruck zurücklassen. Das dürften die Leser sein, die das Glück hatten, Menschen wie der Frau im Text, selten oder nie zu begegnen. Mir dagegen, der ich im Leben schon viel platter Gehässigkeit begegnet bin, war es ein innerer Parteitag, so einer Frau einfach den Spiegel vorzuhalten. Es hat ein wenig eine entlastende Funktion. Immer schon haben mir Texte gefallen, in denen die Dummheit sich selbst demontiert, indem der Autor sie einfach zu Wort kommen lässt. In diesem Sinne, meine ich, könnte der Text etwas Leselust erzeugen, aber, wie gesagt, dies vermutlich nicht bei jedem.
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Nina
Geschlecht:weiblichBestseller-Autor


Beiträge: 4355



BeitragVerfasst am: 07.09.2015 11:45    Titel: Antworten mit Zitat

Gelungene Geschichte, gelungene Skizze von halbgarem, dummen Zeug, das manche Denken, Reden und Verbreiten. Turkistan als Begriff hat mir, obwohl ich den Begriff noch nicht gehört oder gelesen habe vorher, deshalb besonders gefallen, weil er bei mir nicht nur die Assoziation auslöst, dass es schlichtweg egal ist, von wo jemand ist, es reicht aus, dass der oder die anders aussieht, um diese Person auszugrenzen und abzulehnen, wie es die Person hier in der Geschichte macht. "Solche Leute" wissen manchmal gar nicht, woher jemand kommt, aber das wollen sie auch nicht wissen, deshalb kommt dann eben ein solch verquerer Begriff zustande, der einiges "enthüllt" über die Person, die ihn verwendet.  Außerdem ist es für mich eine Kombi und Neuschöpfung aus Türkei und Afghanistan, andererseits auch Absurdistan. Mich haben die Wiederholungen im Text ebenfalls nicht gestört, ich würde auch nichts streichen, der Text ist rund. Die Figur darin, ist m.E. in all ihren Widersprüchen glaubwürdig im Sinne von "solche gibts" reizt auf eine Art insofern, dass sie eine Diskussion zum Thema "Fremde / Flüchtlinge / Ausgrenzung anstößt / anstoßen kann.

Vielen Dank für diesen Text.


_________________
Liebe tut der Seele gut.
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hobbes
Geschlecht:weiblichTretbootliteratin


Beiträge: 3226

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
Ei 4 Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 07.09.2015 12:34    Titel: Re: Freude über Reaktionen Antworten mit Zitat

Wolfgang Rill hat Folgendes geschrieben:
Mir dagegen, der ich im Leben schon viel platter Gehässigkeit begegnet bin, war es ein innerer Parteitag, so einer Frau einfach den Spiegel vorzuhalten. Es hat ein wenig eine entlastende Funktion. Immer schon haben mir Texte gefallen, in denen die Dummheit sich selbst demontiert, indem der Autor sie einfach zu Wort kommen lässt.

Versteh ich gut und im Grunde passt es ja auch. Ich glaube, in gewisser Weise befürchte ich, die Dummheit demontiert sich eben nicht genug. Na gut, das Problem hat man wohl immer.
Ich greife mal Ninas Punkt auf, vielleicht wird dann klarer, was ich meine.
Nina hat Folgendes geschrieben:
Die Figur darin, ist m.E. in all ihren Widersprüchen glaubwürdig im Sinne von "solche gibts" reizt auf eine Art insofern, dass sie eine Diskussion zum Thema "Fremde / Flüchtlinge / Ausgrenzung anstößt / anstoßen kann.

Ich frage mich eben, ob der Text das tatsächlich kann (eine Diskussion anstoßen). Also natürlich kann er das, vermutlich kann das jeder Text, ich frage mich eher, ob der Text nicht noch besser/anders sein müsste, um wirklich etwas zu bewirken.
Denn entweder man gehört zu denen, die denken "Ach ja, kenn ich, schlimm, solche Leute". Dann gibt mir der Text aber auch nichts Neues. Na gut, Bestätigung, irgendwie.
Oder man gehört zu denen, die denken "Aber da ist ja schon was dran (an dem was die Erzählerin sagt)". In dem Fall bezweifle ich eben, dass die demontierte Dummheit genug Wirkung hat, etwas auszulösen. Weil sie vielleicht gar nicht erkannt wird.


Ach ja:
Wolfgang Rill hat Folgendes geschrieben:
Ich glaube, er hat sich stärker in die Suada der Dame eingefühlt (...)

Ich habe gerade ein Weilchen gebraucht, um herauszufinden, wen du mit "er" meinst. Ich bin eine sie smile
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Muskat
Hobbyautor


Beiträge: 341



BeitragVerfasst am: 07.09.2015 14:09    Titel: Eindringlingin Antworten mit Zitat

Hallo Wolfgang,

das ist gut erzählt, die Protagonistin idt großartig charakterisiert.  Ich sehe die ach so gutmütige Seele vor mir, wie sie gehässig zu dem Haus der türkischen Frau rüberschielt.

In Gedanken lässt sich die Geschichte weiterspinnen, wie das Klatschweib beschämt wird oder, je nachdem woher der Wind weht, in ein anderes Horn bläst.

Zwei Vorschläge:

Im ersten Satz bitte nicht den Leser ansprechen, das braucht es nicht. Aleo das "Sie" streichen. Dann die Frisur, die ist natürlich nicht toll, sondern übertrieben, aufgetakelt, oder was auch immer, aber negativ bewertet.

Sehr gerne gelesen.

Liebe Grüße

Muskat
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BlueNote
Geschlecht:männlichStimme der Vernunft


Beiträge: 6895
Wohnort: NBY
Ei 4



BeitragVerfasst am: 09.09.2015 06:12    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Wolfgang,

deine Satire gefällt mir sehr gut. Der Plot, die Idee ... 3-4 mal denke ich allerdings, dass du es mit dem Überspitzen etwas übertreibst. Dann kommt mir die Protagonistin vorgeführt vor und die Komik holzhammermäßig. Das sind aber immer nur kurze Sätze, die das zuvor Gesagte noch einmal (unnötigerweise) wiederholen. Ansonsten, gut gemacht! EIne Persiflage au7f die Scheinheiligkeit der Alteingesessenen, die seit Jahren schon nicht mehr mit dem Nachbar reden ... gut auf den Punkt gebracht!

BN
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G.T.
Autor

Alter: 33
Beiträge: 701



BeitragVerfasst am: 09.09.2015 07:37    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde die Textidee ganz schön und die sprachliche Umsetzung gut.
Jetzt kommt das ABER: Wink Der Text ist in dieser Form meiner Meinung nach schon fast "veraltet". Die Protagonistin denkt Dinge, die auch gut in die 70er oder 80er Jahre passen würden. Ich hätte es gerne noch ein bisschen bissiger, indem es aktueller ist.
Die alleinerziehende Türkin ist natürlich eine dankbare Steilvorgabe, aber auch arg standadisiert. Es gibt noch sooo viele Formen von Andersartigkeit, über die man sich aufregen kann. Es gibt auch noch so viel, worüber man sich bei einer Alleinerziehenden aufregen kann. In dem Text wird eigentlich nur kritisiert, dass sie als Frau alleine nicht in der Lage sei, "männliche" Arbeiten zu verrichten. Mich wundert es, dass die Protagonistin sich gar keine Gedanken darüber macht, dass die Frau alleine ist. Bei einer Türkin denkt das schlichte Gemüt doch sofort an Zwangsverheiratung etc. Ohne Mann zu leben ist außerdem Scheitern auch auf sozialer Ebene - nicht nett/schön/gut genug für eine Ehe gewesen. An einer alleinstehenden Türkin gibt es noch viel mehr zu kritisieren, als bisher im Text ist.
Und um nochmal auf meinen ersten Kritikpunkt zu kommen: Für mich ist die Protagonistin nicht richtig zeitgemäß, weil sie ihr Verhalten in keiner Weise rechtfertigt. Typisch ist ja mittlerweile die Floskel "Ich bin kein/nicht ... aber ..." Sowas fehlt mir in dem Text. Denn wenn die Protagonistin in der Gegenwart lebt und spricht (was ich hoffe), dann weiß sie auch, dass in den Medien ein anderes Bild von Ausländern vermittelt wird und sie als schlechter Mensch dasteht.
Dieser Schimpftext wirkt daher auf mich "veraltet". "Heute" müssten meiner Meinung nach viel mehr Rechtfertigungsfloskeln rein. Das völlig abgeschiedene Landleben, in dem Menschen nicht mehr mit political correctness belästigt werden, gibt es eigentlich nicht mehr, jeder hat ne Glotze, an der gerade solch schlichte Gemüter ihre Abende verbringen. Und dann merken sie, dass ihr Weltbild nicht mit dem meist propagierten übereinstimmt. Ein weiterer und m. E. wichtiger Grund, sich aufzuregen - und eben zu rechtfertigen.

Edit: Zum Schluss aber noch was Positives. Ich find den Titel super! Mr. Green
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Klemens_Fitte
Geschlecht:männlichSpreu

Alter: 37
Beiträge: 2081
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 09.09.2015 08:09    Titel: Antworten mit Zitat

Mein Leseeindruck geht in die Richtung des Kommentars von G.T.

Natürlich könnte ich jetzt sagen, dass der Text in seiner sprachlichen Gestaltung klar über dem Durchschnitt des Einstandsbereichs liegt – und dann käme das Aber: er macht es sich halt auch ziemlich einfach, indem er die Folie der "gehässigen, unreflektierten Frau" benutzt, um sich auf den Fundus gehässiger, unreflektierter Phrasen beschränken zu können.

Was ich meine: Eine weit größere und wünschenswertere Herausforderung wäre aus meiner Sicht, nicht diesem sehr grob umrissenen Abziehbild den Spiegel vorzuhalten, sondern es mit einer Rhetorik und einer sprachlichen Präzision auszustatten, die ihm ermöglichen, dem Leser wiederum den Spiegel vorzuhalten.

Nochmal anders: Im vorliegenden Text sind es Autor und Leser, die szs solidarisch mit dem Finger zeigen können, ohne sich in ihren eigenen Haltungen und Imperfektionen hinterfragen zu müssen – und damit fallen sie in genau das gleiche Muster wie die an den Pranger gestellte "gehässige, unreflektierte Frau", Stichwort: "solche Leute". Die übrigens – und das ist das perfide am Dorfklatsch – manchmal, aber eben nicht immer derart plump in ihren Gehässigkeiten sind. Da fehlt mir im Text ein wenig der Mut, diese Sprache statt auf die Spitze in die Genauigkeit zu treiben, bis zu dem Punkt, an dem es kippt und ich als Leser mich auch ertappt fühlen kann.

Natürlich ist der jetzigen Vorgehensweise ein gewisser kathartischer Effekt nicht abzusprechen, aber der Text legt sich die Messlatte damit, wie gesagt, auch unnötig niedrig.


_________________
100% Fitte

»Es ist illusionär, Schreiben als etwas anderes zu sehen als den Versuch zur extremen Individualisierung.« (Karl Heinz Bohrer)
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Wolfgang Rill
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber


Beiträge: 27
Wohnort: Fulda


BeitragVerfasst am: 10.09.2015 07:00    Titel: Scharf gezielt abgedrückt und getroffen pdf-Datei Antworten mit Zitat

Muss sagen, es ist etwas dran, was GT und Klemens sagen: Der Text ist "veraltet". Er hat die neueren Floskeln der Anklage und der Verteidigung im dörflichen Gerücktekrieg noch nicht aufgenommen, schon gar nicht die gegenwärtig sich überschlagende Krisenrhetorik auf beiden Seiten, die durch die Flüchtlingswelle verursacht ist.
Muss aber auch sagen: Selbst wenn hier eine Frau aus den achtziger Jahren spricht, macht mir der Text selber noch Spaß. Es hat sicher beides seine Berechtigung: einen Text zu würdigen für das, was er ist, und einen Text dafür zu tadeln, dass er zwar ist, was er ist, aber er mehr sein könnte.

Was ich nicht ganz nachvollziehen kann, ist die scharfsinnige Anregung von Klemens, den Text so weit zu treiben, dass er "kippt" und sich der Leser selbst betroffen fühlen muss. Ich verstehe das Prinzip. Es ist wie in der Grundschulgeschichte, in der der kleine Junge von der Mutter Geld verlangt fürs Einkaufen gehen und fürs Kohlen aus dem Keller Holen. Wir fühlen mit dem Jungen. Dann aber verlangt die Mutter kein Geld fürs Wachen am Krankenbett, fürs Windeln, Füttern, Kleiden. Und wir fühlen uns ertappt. Gut, gut. Aber von der Frau, die ich beschrieben habe, trennen mich viele Kilometer. Die sie zu Fuß durchlaufen zu lassen, bis sie bei mir ankommt, war nicht meine Absicht.
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