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Schreibübung zur Farbe "Grau"


 

 
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Happyman
Sonntagsschreiber


Beiträge: 17



BeitragVerfasst am: 14.08.2015 21:00    Titel: Schreibübung zur Farbe "Grau" eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Grau

Es war fast wie früher: Steinumschlossen und nur vom Klosterinternat zu erreichen lag der Park da. Ferdinand steuerte auf ihn zu. In einer der Straße zugewandten und aus rohen Steinen aufgeschichteten Mauer klaffte ein Spalt. Wie oft sie früher die Versprünge zum Klettern genutzt hatten, um heimlich das Internat zu verlassen. Knapp fünfzig Jahre war das her. Ferdinand lächelte, während er sich seitlich durch die Lücke zwängte und den Blick kreisen ließ. Eine Briefmarkenbörse hatte ihn nah an die Stätte seiner Jugend geführt. Doch nun, da er sich bewusst erinnern wollte, schienen die Bilder in diffuser Wehmut verhaftet.
Die Gebäude des Internats besaßen nur noch blinde, teils zerschlagene Fenster und boten den Anblick einer traurigen Ruine: vom Regen zerfressen, der Anstrich längst abgeblättert. Auch der Park hatte der Zeit nachgegeben und konnte sich offenbar nicht an die einstige Ordnung unter den Gewächsen erinnern. Doch schien es Ferdinand, als fühlte das Grün sich in seinem Zustand ganz wohl. Es war eine unverfälschte Natur, dem Eingriff durch die Obrigkeit entzogen, so wie sie einst als Schüler Versuche gewagt hatten, ihren eigenen Weg zu finden.
„Grau“, blitzte die Erinnerung in seine Gedanken – fast wäre Ferdinand das Wort über die Lippen gehüpft. Irgendwo erklang das herzliche Lachen seines Freundes Karl-Eberhard.
„Charly?“, er drehte sich um. Das Lachen erstarb, bis auf das Rauschen der Baumkronen war nichts sonst zu hören. Der Duft von Märzveilchen strömte in Ferdinands Nase, und aus dem wolkenlosen Himmel fiel das Licht des Spätnachmittags auf das vom Wind gesträubte erste Blattgrün der Silber-Pappeln.
„Grau“, mit einem Schweizer Taschenmesser hatte Karl-Eberhard das Bild des Pegasus in die Baumrinde der alten Eiche geritzt. „Schöne Farbe, selten beachtet, hat viele Zwischentöne.“ Wahrscheinlich war er darauf gekommen, weil sie sich aus dem Silentium in den Park gestohlen hatten, wo herbstliche Dämmerung sie empfangen und der Wind eine dunkle Wolkendecke durch den Himmel getrieben hatte.
Faszination durchströmte Ferdinand bei der Erinnerung an Charlys Hände: Ständig malte oder skizzierte, schnitzte oder formte er. Zwischentöne schienen nicht zu ihm zu passen, jedenfalls stach seine Kreativität oft bunt aus dem Schwarz und Weiß des Internatsalltages heraus.
Einmal hatte Charly Abt Pius betend mit Kreide auf die mausgraue Wand des Westflügels gebannt. Eine Sensation für die ganze Stadt. Charly hatte dem Gesicht etwas weichere Züge verliehen und rund um den Kopf hell abschattiert, was dem Portrait etwas sakral Glorifizierendes verlieh. Seine Antwort auf die Exerzitien, die ihm Tante Pia, wie er den Ordensmann respektlos nannte, regelmäßig auferlegte. Dass er der drohenden Tracht entgehen konnte, verdankte er der gesammelten Bewunderung für das Kunstwerk durch die übrigen Pater, sowie durch den Bürgermeister, der just in dem Moment vorbeispaziert gekommen war, in dem Karl-Eberhard die Kreide zusammenpackte.
Ferdinand hatte mittlerweile die alte Eiche erreicht und ging um sie herum. Der geflügelte Pegasus war mächtig gewachsen, ein Blickfang im Stamm, auch wenn sich die Konturen etwas verdunkelt hatten. Die einzelnen Federn hatte man damals fast nicht erkennen können.
„Pigalle“, hatte Charly gemurmelt, während er den Flügel bearbeitete.
„Bitte was?“
„Alte Wildsau. Eines Tages gehe ich dahin, wo schon Lautrec und Picasso gewohnt haben.“ Er zog einen zerknitterten Zettel aus der Hosentasche, auf dem das „Moulin Rouge“ abgebildet war.
Dass ausgerechnet diese Erinnerung kam…
„Sonntag übrigens Akt-Party bei Antonio.“
„Ballett-Antonio?“
„Hat Urlaub vom Ensemble und wohnt bei Schneider Ludwig. Der ist aber nicht zu Hause. Woll´n wir?“
Verrückte Idee. Nur zehn Minuten mit dem Rad. Aber ...
„Mach’ mal allein“, hatte er geantwortet, ins Graue hinein, was Charly auflachen ließ.
Ferdinand wandte seinen Blick von der alten Eiche und kehrte um. Die Erinnerung begann zu verkleben wie der Lehm an seinen Schuhen, weil er den aufgeweichten Rasen zur alten Eiche hatte überqueren müssen. Irgendjemand hatte Charly bei Tante Pia verpetzt, jedoch nur unerlaubtes Entfernen melden können. Man hatte ihn, Ferdinand, zum Verhör zitiert, aber erfolglos. „Kein Wort, alte Wildsau. Zu niemandem.“
Um etwas über Charlys Verbleib rauszukriegen, hatte der Abt Ferdinand vor seine Zelle gesetzt. Er musste mit anhören, wie das Strafgericht über seinen Freund nach dessen Rückkehr hereinbrach. Kein … Wort … zu … nie-man-dem. Mit jedem Schlag hatte sich Ferdinand an dieses Versprechen geklammert, um nicht in die Zelle zu stürzen und seinen Freund noch tiefer in den Schlamassel zu ziehen: „Zu …. Nie-, nie-, nie-, nie-…“ Irgendwann war er vom Stuhl gekippt und erst in der Krankenstation wieder aufgewacht.
Was dann passiert war? Ferdinand wusste es nicht mehr. Dieses Nie-, nie-, nie- würde ihm ewig im Magen liegen. Er versuchte, sich an das Gesicht seines Freundes zu erinnern, seine Augenfarbe. Würde er ihn heute wieder erkennen? Wann war Charly gegangen? Seine Haare waren hellbraun gewesen oder eher dunkel? Könnte er doch nur aus dem Lehmklumpen seiner Erinnerung eine Tonfigur brennen, mit klaren Konturen und scharfen Umrissen. Aber es war sinnlos, Charly und das Ende der Geschichte rekonstruieren zu wollen. Nichts blieb Ferdinand zu fassen außer dem Lachen und den geschickten Händen.
Der Wind frischte auf: Sicher war er das Spiel in den Bäumen leid geworden und bückte sich nun tiefer, um auch das Gras zu streicheln. Ferdinand beobachtete, wie die Schatten anwuchsen und den Rasen zudeckten. Der Wind verstummte in den Wipfeln, als wartete er auf den Untergang der Sonne, deren Strahlen sich noch ein letztes Mal über die hohe Mauer mühten und von Baum zu Baum flirrten. Ferdinand quetschte sich durch den Spalt zurück auf die Straße und ging zurück zum Hotel. Mächtige Wolken bedeckten nun das Licht und verwandelten die Schatten in die ersten tastenden Finger der Dämmerung, angetan mit weichen, grauen Handschuhen. Grau – ob Charly die Farbe immer noch mochte?

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Seraiya
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 891



BeitragVerfasst am: 14.08.2015 22:23    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Happyman,

nur kurz mein erster Eindruck.

Teilweise für mich umständliche Formulierungen wie:
Zitat:
  In einer der Straße zugewandten und aus rohen Steinen aufgeschichteten Mauer klaffte ein Spalt  

Ist das wichtig, dass die Mauer der Straße zugewandt ist? Ohne diesen Zusatz würde mir der Satz besser gefallen.

Zitat:
  Die Gebäude des Internats besaßen nur noch blinde, teils zerschlagene Fenster und boten den Anblick einer traurigen Ruine: vom Regen zerfressen, der Anstrich längst abgeblättert.

Das ist für mich so ein "Seufz-Wehmut-Satz".
"Die Fenster der Gebäude waren zerschlagen. Der Anstrich abgeblättert." Finde ich angenehmer.
 
Zitat:
Der Wind frischte auf: Sicher war er das Spiel in den Bäumen leid geworden und bückte sich nun tiefer, um auch das Gras zu streicheln. Ferdinand beobachtete, wie die Schatten anwuchsen und den Rasen zudeckten. Der Wind verstummte in den Wipfeln, als wartete er auf den Untergang der Sonne, deren Strahlen sich noch ein letztes Mal über die hohe Mauer mühten und von Baum zu Baum flirrten.   

Die Konstruktion ist hart. Schöne Wörter, schöner Gedanke, interessantes Bild, aber im Gesamten zuviel des Guten.
Außerdem ist der Wind erst das Spiel in den Wipfeln leid und du pflanzt ein Bild, wie er gleich durchs Gras weht und dann verstummt er auf einmal in den Bäumen und wartet auf die Sonnenstrahlen.

Ich habe realtiv schnell nur noch quer gelesen, weil ich die Szene trocken fand. Du beschreibst etwas und ich bekam leider kein klares Bild. Für mich waren weder die Umgebung noch die Erinnerungen greifbar oder lebendig.

Und was mich immer wieder voll rausgehauen hat, war der liebe "Karl-Eberhard" Exclamation
Der Name geht für mich gar nicht. Ist natürlich Geschmackssache.


LG,
Seraiya


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Einen Dummkopf erkennt man daran, dass er alles abtut, was er anhand seiner eigenen Erfahrungen nicht erklären kann.
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Violet_Pixie
Geschlecht:weiblichHobbyautor


Beiträge: 446
NaNoWriMo: 20863



BeitragVerfasst am: 14.08.2015 23:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Happyman,

zuerst einmal noch ein herzliches Willkommen und schön, dass du dich getraut hast, gleich etwas in den Einstand zu stellen!

Nun zu Grau:

Was mir als erstes auffällt, ist deine Wortmalerei! Mir gefällt so etwas recht gut und ich finde das für deine Geschichte auch passend.

Was mir fehlt, ist, in welcher Zeit die Geschichte spielt?

Außerdem verstehe ich diese Zeile nicht:

Eine Briefmarkenbörse hatte ihn nah an die Stätte seiner Jugend geführt.

Was ich auch gewöhnungsbedürftig finde ist: Alte Wildsau.
Ist das die Bezeichnung für seinen Freund?

Und:
Soll dies der Anfang deines Romans sein? Oder ist es tatsächlich nur eine Schreibübung?

LG
Violet
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Tape Dispenser
Geschlecht:männlichSchreiberling


Beiträge: 278



BeitragVerfasst am: 15.08.2015 01:07    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo happyman,

also wenn das eine Schreibübung zum Thema "Grau" sein soll, dann sehe ich nicht, wo du dieses Thema hier auch nur ansatzweise behandelt hättest.
Es kommt mir eher so vor, als hättest du eine bereits existierende Story einfach ein bisschen umgeschrieben.

Zur Story selber: Finde ich zu verwirrend. Ich weiß weder, in welcher Zeit das spielen soll, noch um was es eigentlich geht.
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Ithanea
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 29
Beiträge: 1271

Ei 3


BeitragVerfasst am: 15.08.2015 15:25    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Happyman,

ich finde das ganz gut hier. Überladen zwar an vielen Stellen und für meinen Geschmack auch oft zu hochgestochen formuliert (aber vielleicht ist das so ein Internatsbildungsbürger, zu dem das passt), aber unglaublich atmosphärisch.
Für mich kommt viel an vom Grau und von verblasstem Grün vielleicht. Ein Künstler, der Grau am Liebsten hat. Ich hoffe, er hat es geschafft nach Paris. Eine schöne, traurige Erinnerung. Die Zeit, in der das spielt, spielt für mich keine Rolle.

Grüße,
Itha


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Maria
Geschlecht:weiblichEvolutionsbremse

Alter: 47
Beiträge: 7729

DSFo-Sponsor Ei 1
Ei 4


BeitragVerfasst am: 16.08.2015 08:15    Titel: Antworten mit Zitat

Hey, schliesse mich ithanea an. Für mich ist grau hier in unterschiedlichen varianten beachtet, gegenständlich wie athmosphärisch. Schöner text der flüssig zu lesen ist, gewandt formuliert und auf (für mich) überflüssige spirenzchen verzichtet. Gelungene übung, gelungener text .

VG maria
Ps nicht sehr ergiebig, ich weiss, wollte diesen positiven eondruck dennoch da lassen.


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Tyrion Lannister
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Happyman
Sonntagsschreiber


Beiträge: 17



BeitragVerfasst am: 19.08.2015 17:01    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank für Eure Kommentare und die Mühe, die Ihr Euch damit gemacht habt.

@ Seraiya:
Du hast recht: "Die der Straße abgewandte SEite" ist redundant.
Auch der logische Aufbau im letzten Bild (Wind) ist verbesserungswürdig.

Vielen DANK für diese wertvollen Hinweise.

Karl-Eberhardt ist ein Name, der seine Zeit hatte und sollte auf das Alter des Protagonisten verweisen. Natürlich ist er Geschmackssache! Very Happy

@ Violet Pixie:
Gott bewahre: Es handelt sich nicht um meinen Roman, aber vielen Dank für Dein Lob zur "Wortmalerei".

@ Tape Dispenser:
Nein, ich habe diese Geschichte anlässlich der Übung geschrieben. Allerdings hätte ich die Aufgabe präziser fassen müssen: "Ein Mann geht in den Park." So lautete sie für alle. Sie unterschied sich aber hinsichtlich der Farbe, die jeder ziehen musste. Meine war "Grau".
Mit dem Titel habe ich mich schwer getan. "Lehmklumpen der Erinnerung" war eine Version, hörte sich aber "klumpig" und wenig verlockend an. "Grau" macht es nicht besser. Vermutlich ein Grund, warum die Geschichte nicht gerade reißend viele Leser findet. Wink

@ Itheana & Maria:
Vielen Dank für Euren Eindruck und das Lob. Der Text ist nicht gerade "action"-reich. Von daher verstehe ich auch, wenn manche Leser ihn überfliegen, freue mich aber natürlich auch, wenn andere an der Atmosphäre Gefallen finden.

Nochmals Dank an alle!
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