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Idyllischer Fernsehnachmittag


 

 
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Autor Nachricht
fabian
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 136



BeitragVerfasst am: 08.06.2015 20:01    Titel: Idyllischer Fernsehnachmittag eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Jetzt bin ich schon beinahe ein Jahr hier dabei, und habe bisher leider fast nichts beigetragen.
Damit ich nicht ganz und gar zur Karteileiche verkomme, gebe ich mit dieser kleinen Miniatur meinen Einstand.

Wohl bekomm's.




Idyllischer Fernsehnachmittag

Ina bringt Tee. Erwin holt Bier.
Erwin will Fußball. Ina will Teletext.
Fernbedienung?
Drama. Ina hat die Fernbedienung.
Erwin: „Gib mir!“
Ina: „Nein. Ich!“
Erwin: „Jetzt aber!“
Ina: „Nein!“
Erwin greift zu.
Ina dreht sich weg.
Erwins Arm schnellt vor. Hand trifft Nase.
Inas Nase blutet. Blut auf Teppich.
Erwin springt auf.
Fernbedienung fällt.
Fuß auf Fernbedienung.
Es knirscht.
Erwin: „Mist!“
Ina in der Küche. Heult.
Erwin vor der Küche. Schreit.
Faust schlägt an Tür. Klopft?
Erwin: „Mach auf, Schatz! Ich will reden!“
Ina heult. Tür bleibt zu.
Erwin: „Nase schon besser? Selber Schuld.
Nimm Eis!“
Ina schweigt. Tür bleibt zu.
Erwin: „Ina, komm raus jetzt! Ewig geht nicht!“
Schublade scheppert. Tür bleibt zu.
Erwin: „Ina?! Was machst Du? Ina! Du kommst jetzt da raus! Sofort!“
Ina schweigt. Tür geht auf.
Da steht Ina. Linke Hand an Nase.
Erwin: „Na endlich.“
Ina hebt Rechte.
Erwin: „Was soll das denn?“
Messer blitzt.
Erwin: „Aua!?“
Ina: „Still jetzt!“

Bald ist Erwin ganz still.

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Dave
Geschlecht:männlichSchreiberassi

Alter: 31
Beiträge: 30



BeitragVerfasst am: 08.06.2015 20:19    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo fabian,

ich muss gestehen, dass diese Kunstform bisher an mir vorbei gegangen ist. So gesehen, ist dein Text die erste Miniatur, die ich je gelesen habe. Das ist doch auch schon mal was.

Da ich darin keine Erfahrung habe, kann ich dir leider keine besonders konstruktive Kritik geben.

Interessant finde ich jedoch, dass - trotz der Kürze - das wichtigste Handlungselement vorhanden ist: Der Konflikt. Und durchaus einer, der sich gewaschen hat. Auch wenn es natürlich eine Situation ist, die wohl jeder Leser kennen dürfte.

Sei´s drum, mir hat diese Miniatur durchaus gefallen. Insbesondere, da zum Ende jetzt zwei Möglichkeiten offen stehen, über die der Leser nach dem Abschließen des Lesens nachdenken kann/muss. Zumindest muss ich das jetzt.

Hat Ina Erwin so weit eingeschüchtert, dass er sich nicht mehr traut, etwas zu sagen oder ist es doch eher so, dass Ina das Messer genutzt hat, um Erwin zu töten?

Ich mag offene Enden. Smile

Gruß,

Dave


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“Write the book the way it should be written, then give it to somebody to put in the commas and shit.”
Elmore Leonard
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Jack Burns
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 49
Beiträge: 1554



BeitragVerfasst am: 09.06.2015 03:32    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Fabian,

Schönes Ding. Derb, humorvoll und aus dem Leben gegriffen.
Ich hab da gar nichts zu meckern, außer über einige Wiederholungen.
Vor allem, da sie die Sprachmelodie stören.

Erwin will Fußball. Ina will Teletext.
Das zweite "will" könnte weg

Inas Nase blutet. Blut auf Teppich.
Klingt schrecklich. Im Prinzip könnte der erste Satz weg:
 Hand trifft Nase-Blut auf Teppich.

Vor allem die Dialoge sind herrlich.
Sehr unterhaltsames Stück.

Grüße Martin


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Catalano
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 36
Beiträge: 140



BeitragVerfasst am: 09.06.2015 09:56    Titel: Antworten mit Zitat

Finde ich auch richtig gut.

Sehr kurzweilig, lustige und knackige Formulierungen, wirkt nicht billig, richtig super.

Bis auf die Handgreiflichkeiten kenne ich sogar diese Situation von mir zu Hause.
Gut gemacht.
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Papa Schlumpf
Geschlecht:männlichHobbyautor

Alter: 59
Beiträge: 364
Wohnort: Friedersdorf


BeitragVerfasst am: 09.06.2015 15:26    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, Fabian,
auf den ersten Blick, und auch auf den Zweiten, finde ich nichts, was zu bemeckern lohnte. Das will etwas heißen.
Über Jacks Einwand könnte man noch grübeln, da ließe sich vielleicht noch mehr Brillanz herausholen, zöge man die Sprachmelodie konsequenter durch, aber ich bin auch so begeistert. Schöne Sache!
P. S.


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Nicht alles, was wir bewirken, haben wir auch gewollt.
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Yachen
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 41
Beiträge: 194



BeitragVerfasst am: 09.06.2015 21:00    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

ich kenne mich damit auch nicht aus, muss dir aber mitteilen, dass ich es irgendwie gut fand. Ein paar der vorher genannten Tipps umgesetzt, dann ist es noch besser.

LG
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fabian
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 136



BeitragVerfasst am: 11.06.2015 08:48    Titel: Idyllischer Fernsehnachmittag pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank für Eure Kommentare, über die Anregungen zur Weiterarbeit werde ich nachdenken.

Dave, Miniatur war nur ein schneller Arbeitsbegriff, der mir in den Sinn kam, als ich mich fragte, was ich da eigentlich geschrieben habe.
Insofern ist das keine Gattung / Kunstform, die man nach bestimmten Regeln untersuchen könnte. Wenn Du nach dem offenen Ende fragst – für mich hatte sie das Messer benutzt, aber eigentlich kam es mir nicht so sehr auf das Ergebnis an, sondern auf die skizzierte Entwicklung der Figur: sei heult, sie schweigt (überlegt), sie plant (kramt in der Schublade) sie handelt. Und sie bezieht Stellung: "Still jetzt!".

Martin & die anderen, die sich zur Sprache äußerten: über die verkürzte, verkünstelte Sprache (zu der auch die Wiederholungen gehören) werde ich noch mal nachdenken. ein Problem sehe ich: sie soll ihren künstlichen, stark rhythmisierenden Charakter beibehalten, sich also nicht ins breite Erzählen verlieren.

Vielen Dank an euch alle.
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Constantine
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 2711

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 13.06.2015 01:46    Titel: Re: Idyllischer Fernsehnachmittag Antworten mit Zitat

Hallo fabian,

dir ist eine schwarzhumorige Szene gelungen, die fast schon nur stichwortartig verfasst worden ist. Dieses Stichwortartige an sich, ist keine schlechte Idee, aber der "Dialog" kommt mir dadurch leider zu unnatürlich gezwungen vor und ließe sich sicherlich an manchen Stellen überdenken.
Ich für meinen Teil bin an einigen Stellen hängen geblieben, die mir den szenischen Ablauf nicht ganz nachvollziehbar machen und mir somit die gesamte Szene unlogisch erscheinen lassen.

Dein Ende kommt sehr überspitzt und passend.

Einige Anmerkungen:
fabian hat Folgendes geschrieben:

Idyllischer Fernsehnachmittag

Ina bringt Tee. Erwin holt Bier.
Erwin will Fußball. Ina will Teletext. <-- Warum in dieser Reihenfolge? Du beginnst mit Ina und ihrem Tee. Warum nicht hier erneut zuerst Ina?
Fernbedienung? <-- Bremst ein wenig das Tempo. Würde ich weglassen. "Drama" und dass Ina die Fernbedienung hat, reicht vollkommen.
Drama. Ina hat die Fernbedienung.
Erwin: „Gib mir her!“
Ina: „Nein. Ich!“
Erwin: „Jetzt aber!“
Ina: „Nein!“
Erwin greift zu.
Ina dreht sich weg.
Erwins Arm schnellt vor. Hand trifft Nase.
<-- so richtig nachvollziehbar erscheint mir der Verlauf nicht. Hält Ina die Fernbedienung vor ihrem Kopf, oder wie kann Erwin ihre Nase erwischen, wenn er nach der Hand greift, in der Ina die Fernbedienung hält? Erwin greift nach Inas Hand, in der die Fernbedienung ist, oder? Wahrscheinlich sitzen beide nebeneinander auf Stühlen oder auf einer Couch. 'Inas Hand mit der Fernbedienung müsste auf Lendenhöhe sein oder auf ihrem Schoß ruhen. Wie erwischt er stattdessen ihre Nase, wenn sie sich wegdreht? Wenn Erwin seinen Arm auf Kopfhöhe von Ina hat, wie will er so die Fernbedienung in ihrer Hand ergreifen?
Inas Nase blutet. <-- könntest du weglassen, denn das vorherige Hand trifft Nase suggeriert, was geschehen ist und mit dem folgenden Satz wird es klar. Blut auf Teppich.
Erwin springt auf. <-- was mir hier nicht gefällt: Erwin trifft Ina auf die Nase und ihre Nase blutet. Du lässt Erwin aufspringen und die Fernbedienung auf den Boden fallen, aber dass Ina in die Küche gerannt ist, lieferst du mir zu spät. Ich finde den Ablauf hier recht unflüssig beschrieben, denn mit einer fallenden Fernbedienung "sehe" ich nicht, dass Ina davon rennt, sondern weiterhin da sitzt.
Fernbedienung fällt.
Fuß auf Fernbedienung. <-- Ist Erwin barfuß, trägt er Hausschuhe oder seine normalen Schuhe oder vielleicht Springerstiefel, um die Fernbedienung unter seinen Füßen zu zertreten?
Es knirscht. <-- Ist Erwin ein Koloss und extrem übergewichtig und seine Füße/Schuhe sind stählern hart? Oder haben die beiden im Wohnzimmer keinen Teppich, sondern einen Parkett- oder Laminat- oder sonstigen Boden. Wenn die Fernbedienung auf einen harten Boden fällt, dann ist das hörbar und die Fernbedienung poltert wahrscheinlich. Erwin würde es merken, oder? Fällt die Fernbedienung auf einen weicheren Boden, z.B. Teppich, so kann das Fallen der Fernbedienung in Eifer des Gefechts überhört und übersehen werden. Aber dann würde ein versehentliches Drauftreten mMn nicht zu einem Knirschen führen. Es wundert mich,dass Erwin die Fernbedienung plättet.
Erwin: „Mist!“
Ina in der Küche. Heult. <-- das kommt mir zu spät. Du könntest zumindest vorher erwähnen, dass Ina wegläuft.
Erwin vor der Küche. Schreit. <-- Damit verbinde ich leider nichts in dieser Situation. Anstelle, dass dann erwähnt wird, was Erwin schreien könnte, lässt du ihn an die Tür schlagen. Ich würde das "Schreit" hier überdenken.
Faust schlägt an Tür. Klopft? <-- Das verstehe ich nicht. Für wen oder was könnte das an die Türschlagen als Klopfen interpretiert werden?
Erwin: „Mach auf, Schatz! Ich will reden!“ <-- mit dem "Ich will reden" kann ich leider das "Schreit" nicht in Verbindung bringen. Die verwendeten Ausrufezeichen sind schon Signal genug für den Leser. Das "Ich will reden!" gefällt mir überhaupt nicht und passt für mich nicht, auch nicht im Folgenden, wenn er noch "Selber Schuld" sagt.
Ina heult. Tür bleibt zu.
Erwin: „Nase schon besser? Selber Schuld. <-- warum hier der Absatz mitten in Erwins direkter Rede?
Nimm Eis!“
Ina schweigt. Tür bleibt zu.
Erwin: „Ina, komm raus jetzt! Ewig Schmollen geht nicht!“
Schublade scheppert. Tür bleibt zu.
Erwin: „Ina?! Was machst Du? Ina! Du kommst jetzt da raus! Sofort!“
Ina schweigt. Tür geht auf.
Da steht Ina, die linke Hand an Nase.
Erwin: „Na endlich.“
Ina hebt Rechte. Messer blitzt.
Erwin: „Was soll das denn?“
Messer blitzt.

Erwin: „Aua!?“ <-- ich finde ein "aua" als verbale Reaktion auf einen Messerstich unpassend. "Aua" sagt man doch eher, wenn man sich das Knie stößt oder mit dem Hammer den Daumen trifft, aber auf einen Messerstich (wo auch immer Ina Erwin das Messer reinrammt), passt das nicht. Vielleicht könntest du es überdenken und Erwin nur gurgeln, ächzen, aufstöhnen oder röcheln lassen.
Ina: „Still jetzt!“

Bald ist Erwin ganz still. <-- je nachdem, ob du das "aua" überdenkst, kannst du hierauf verzichten. Generell könntest du diesen letzten Satz weglassen und es somit dem Leser überlassen, sich den Messerstich "dramatisch" oder auch tödlich vorzustellen.


Ich bin leider an manchem in deiner Szene hängen geblieben und deine Szene erschloss sich mir an den relevanten Stellen nicht, um mich bis zum Finale schlüssig zu fesseln. Vor allem die Sache mit der Fernbedienung in Inas Hand und wie Erwin Inas Nase erwischen konnte, obwohl er nach der Fernbedienung greift und Ina sich nur wegdreht, ist mir nicht klar geworden. Beide sitzen, oder? Oder steht Erwin vor der sitzenden Ina? Ich finde, da müsstest du das Bild genauer fassen.

Vielleicht ist etwas Hilfreiches unter meinen Anmerkungen dabei.

LG,
Constantine
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Jack Burns
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 49
Beiträge: 1554



BeitragVerfasst am: 13.06.2015 11:58    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Fabian

"sie soll ihren künstlichen, stark rhythmisierenden Charakter beibehalten, sich also nicht ins breite Erzählen verlieren. "

Auf jeden Fall!
Das ist ja gerade das Ansprechende.

Gruß
Martin


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fabian
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 136



BeitragVerfasst am: 14.06.2015 23:07    Titel: Re: Idyllischer Fernsehnachmittag pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Constantine (und alle anderen), danke für Eure Anmerkungen.
In absehbarer Zeit werde ich am Text nicht weiterarbeiten, aber wenn es soweit ist, werde ich Eure Hinweise sicher noch einmal überdenken. Trotzdem kommentiere ich jetzt hier schon mal ganz zwanglos und bin weiterhin neugierig auf Reaktionen.

Constantine hat Folgendes geschrieben:

Ina bringt Tee. Erwin holt Bier.
Erwin will Fußball. Ina will Teletext. <-- Warum in dieser Reihenfolge?

Das ist eine formale Spielerei, eine Spiegelung. Stelle zwei Figuren hintereinander vor einen Spiegel, schau hinein und du siehst sie in der Reihenfolge AB-BA. Über die Bedeutung dieser Spielerei für die Wahrnehmung der Geschichte bin ich mir nicht ganz im Klaren, aber offensichtlich kann sich der Eindruck des Gebauten, des Konstruierten einstellen, denn genau darauf zielt ja auch Deine Frage.

Zitat:
Fernbedienung? <-- Bremst ein wenig das Tempo.

„Fernbedienung? Drama. …“
Hier kommentiert die Erzählstimme, sie sieht das Desaster kommen. Das eine oder das andere könnte eventuell wirklich wegfallen.

Zitat:
Erwin: „Gib mir her!“

Da werde ich Dir wahrscheinlich nicht folgen. Das klingt mir zu naturalistisch und orientiert nach meinem Empfinden weniger über ihn sondern mehr auf die Fernbedienung.

Zitat:
Erwin greift zu.
Ina dreht sich weg.
Erwins Arm schnellt vor. Hand trifft Nase.
<-- so richtig nachvollziehbar erscheint mir der Verlauf nicht.

Das liegt möglichereweise an dem Satz: „Ina dreht sich weg.“ Mit dem bin ich auch noch nicht ganz glücklich. Der ist mir leider etwas zu „konkret“ geraten. Das „dreht sich“ ist schon nicht mehr offen genug, um dem Leser die Möglichkeit zu geben, sich ein eigenes, konsistentes Bild vom Vorgang zu machen.
Denn insgesamt ist der Vorgang nach dem Motto „Mut zur Lücke!“ geschrieben. Für mich ist „Ina dreht sich weg.“ gerade noch abstrakt genug, um den geschilderten Ablauf vorstellbar erscheinen zu lassen. Allerdings verlangt der Text (nicht nur an dieser Stelle) eine Ergänzung durch den Leser. Dieses eigenständige Ergänzen durch den Leser darf natürlich nicht durch fehlorientierende Formulierungen gestört werden.
Es schien mir ein gewisser Reiz darin zu liegen, den Text so zu gestalten, dass die Kausalität sozusagen „hinzugefügt“ werden muss.
Und um diese Kausalität bemühst Du Dich ja auch. Das heißt, Du machst also genau das, was der Text dem Leser nahelegen soll.
Bleibt die Frage, ob der Text Dich dabei in eine „falsche“ Richtung führt, der Text also seinen Leser verliert, oder ob der Leser seinen Text verliert, indem er sich – aus welchen Gründen auch immer – verspekuliert..
Zitat:
Ich finde den Ablauf hier recht unflüssig beschrieben, denn mit einer fallenden Fernbedienung ...

Der Streit  / das Gerangel um die Fernbedienung ist nötig, der Part um die Zerstörung der Fernbedienung könnte auch wegfallen, vermute ich inzwischen. Im Grunde gings mir wohl nur um eine weitere Charakterisierung Erwins: er ist ein Elefant im Prozellanladen (leider kein niedlicher Elefant) schweigt zur Zertrümmerung der Nase, bedauert hingegen (zumindest kommentiert er sie) die Zerstörung der Fernbedienung.

Zitat:
[color=orange]Ina in der Küche. Heult. <-- das kommt mir zu spät.

Das sehe ich einfach nur als Feststellung eines Szenenwechsels an. Du hattest anfangs ja auch umstandslos angenommen, sie befänden sich im Wohnzimmer (wg Teetrinken & Fernsehen). Es bedarf meiner Meinung nach hier keines „erzählten“ Übergangs.
Der Erzähler mit seinem isometrischen Blick auf die Szene stellt fest:
"Ina in der Küche. Heult.
Erwin vor der Küche. Schreit."

und beobachtet/kommentiert:
"Faust schlägt an Tür. Klopft?"
Du stellst genau die Fragen, die der Text hervorrufen soll (und die er explizit nicht beantworten wird, das soll der Leser ja gerade selber tun). Du stellst im folgenden auch ganz richtig fest, dass im Handeln und Sprechen Erwins eklatante Widersprüche bestehen. Und das charakterisiert ihn.

Zitat:
Ewig [color=green]Schmollen geht nicht!“


Du verstehst jetzt sicher, warum ich das „Schmollen“ nicht drin haben will: es ist mir zu konkretistisch.
Was auch immer Erwin Ina unterstellen könnte – der Leser sollte sich sein Bild davon gemacht haben, wie er tickt – es ist angesichts dessen, wie er mit ihr umgeht völlig irrelevant. Er steht vor der Küchentür und fantasiert sich sonstwelche kommunikativen Anknüpfungsstrategien oder Vorstellungen weiter bestehender Gemeinschaftlichkeit zurecht – es ist alles nur Selbsttäuschung. Die Tür bleibt zu. Ina und er sind getrennt.

Zitat:
Erwin: „Aua!?“ [color=blue]<-- ich finde ein "aua" als verbale Reaktion auf einen Messerstich unpassend.

Da hast Du völlig recht.
Ich habe in der Tat anfangs auch mit ähnlichen Formulierungen gespielt, wie Du sie vorschlägst, aber bin dann doch beim etwas unrealistischen „aua“ geblieben, weil: Erwin versteht nichts. Er weiß einfach nicht, wer da vor ihm steht und was geschieht. Ihm fehlt jede Empathie. Sogar für sich selbst.

Zitat:
Ich bin leider an manchem in deiner Szene hängen geblieben und deine Szene erschloss sich mir an den relevanten Stellen nicht, um mich bis zum Finale schlüssig zu fesseln.

Ich weiß nicht, ob es deutlich geworden ist: es sollte kein naturalistischer Text werden und als Leser solltest Du eigentlich „entfesselt“ werden.
Ich glaube, man darf mit einem erzählenden Text durchaus versuchen, dem Leser ein Spiel anzubieten. Ob es mir gelungen ist, es für ihn unterhaltsam zu gestalten ist eine ganz andere Frage.
Eine Anmerkung noch zum Schluss: ich fand Deinen Kommentar (und auch die der Anderen) sehr hilfreich, er hat mir vor allen Dingen noch ein weiteres Problem bezüglich der Überarbeitung eines Textes bewusst gemacht: wir abstrahieren vom Ganzen, wenn wir uns einzelne Aspekte vornehmen, aber am Ende muss der Text wieder als Ganzes funktionieren.
Deshalb ist mir im Moment eine transparent-offene Problematik lieber als schnelle Entscheidungen.
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Constantine
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 2711

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 15.06.2015 19:36    Titel: Re: Idyllischer Fernsehnachmittag Antworten mit Zitat

Hallo fabian,

danke für deine Antworten. Auf einiges möchte ich eingehen:
fabian hat Folgendes geschrieben:

Constantine hat Folgendes geschrieben:

Ina bringt Tee. Erwin holt Bier.
Erwin will Fußball. Ina will Teletext. <-- Warum in dieser Reihenfolge?

Das ist eine formale Spielerei, eine Spiegelung. Stelle zwei Figuren hintereinander vor einen Spiegel, schau hinein und du siehst sie in der Reihenfolge AB-BA. Über die Bedeutung dieser Spielerei für die Wahrnehmung der Geschichte bin ich mir nicht ganz im Klaren, aber offensichtlich kann sich der Eindruck des Gebauten, des Konstruierten einstellen, denn genau darauf zielt ja auch Deine Frage.

Meine Frage hat nicht auf den Eindruck des Gebauten, Konstruierten, abgezielt, sondern auf deine Motivation, die Passage in der Form zu verfassen.
Generell gehe ich davon aus, dass Texten eine gewisse "Konstruktion" innewohnt, sei sie z.B. sprachlich, formal, inhaltlich, oder ein Gemisch davon.
Für dich ist diese Passage eine formale Spielerei, über deren textimmanenten Sinn du dir nicht im Klaren bist. Soweit ok.

Um in deinem Duktus zu bleiben, könnte diese Passage auch in dieser Form einen gebauten oder konstruierten Eindruck besitzen:
"Ina bringt Tee. Erwin holt Bier.
Ina will Teletext. Erwin will Fußball."
Die Frage wäre, was bringt dir die Spiegelung, was dir z.B. die Alternative nicht bringt?


fabian hat Folgendes geschrieben:

Zitat:
Fernbedienung? <-- Bremst ein wenig das Tempo.

„Fernbedienung? Drama. …“
Hier kommentiert die Erzählstimme, sie sieht das Desaster kommen. Das eine oder das andere könnte eventuell wirklich wegfallen.

Die kommentierende Erzählerstimme hat in deinem Text keine tragende Rolle, bis auf "Drama" (beim letzten Satz, bin ich mir nicht sicher, ob dies als kommentierend oder feststellend zu werten ist) wird für mich nur einmal kommentiert. Es wäre mMn zu überdenken, ob die (einmalig) kommentierende Erzählerstimme notwendig ist, und wenn ja, warum nur einmalig und nicht öfter, da sie ansonsten eher "feststellt", oder ob du auf das kommentierende verzichten könntest, da sie für mich, keine wirkliche Funktion im Text hat.

fabian hat Folgendes geschrieben:

Zitat:
Erwin: „Gib mir her!“

Da werde ich Dir wahrscheinlich nicht folgen. Das klingt mir zu naturalistisch und orientiert nach meinem Empfinden weniger über ihn sondern mehr auf die Fernbedienung.

Die Fernbedienung ist das Symbol des Konfliktes. MMn geht aber der Fokus auf Erwin dadurch nicht verloren.

fabian hat Folgendes geschrieben:

Zitat:
Erwin greift zu.
Ina dreht sich weg.
Erwins Arm schnellt vor. Hand trifft Nase.
<-- so richtig nachvollziehbar erscheint mir der Verlauf nicht.

Das liegt möglichereweise an dem Satz: „Ina dreht sich weg.“ Mit dem bin ich auch noch nicht ganz glücklich. Der ist mir leider etwas zu „konkret“ geraten. Das „dreht sich“ ist schon nicht mehr offen genug, um dem Leser die Möglichkeit zu geben, sich ein eigenes, konsistentes Bild vom Vorgang zu machen.
Denn insgesamt ist der Vorgang nach dem Motto „Mut zur Lücke!“ geschrieben. Für mich ist „Ina dreht sich weg.“ gerade noch abstrakt genug, um den geschilderten Ablauf vorstellbar erscheinen zu lassen. Allerdings verlangt der Text (nicht nur an dieser Stelle) eine Ergänzung durch den Leser. Dieses eigenständige Ergänzen durch den Leser darf natürlich nicht durch fehlorientierende Formulierungen gestört werden.

Wie ich im ersten Kommentar mit der Formulierung "stichwortartig" angedeutet habe, muss der Leser selbst einiges assoziieren und ergänzen. Soweit ist dein Vorgehen klar.

fabian hat Folgendes geschrieben:

Es schien mir ein gewisser Reiz darin zu liegen, den Text so zu gestalten, dass die Kausalität sozusagen „hinzugefügt“ werden muss.
Und um diese Kausalität bemühst Du Dich ja auch. Das heißt, Du machst also genau das, was der Text dem Leser nahelegen soll.
Bleibt die Frage, ob der Text Dich dabei in eine „falsche“ Richtung führt, der Text also seinen Leser verliert, oder ob der Leser seinen Text verliert, indem er sich – aus welchen Gründen auch immer – verspekuliert..

Es ist mein subjektiver Eindruck und für mich funktioniert dein Kausalitäts-Anspruch beim Gerangel um die Fernbedienung und dem Schlag auf die Nase nicht. Von anderen Lesern hast du in dem Sinne positive Rückmeldungen erhalten, die den ergänzenden Ablauf passend hinzugefügt haben.
Dein Text hat mich als Leser verloren und das sagt eher mehr über mein "Lesen" aus, als über deinen Text.



fabian hat Folgendes geschrieben:
Zitat:
Ich finde den Ablauf hier recht unflüssig beschrieben, denn mit einer fallenden Fernbedienung ...

Der Streit  / das Gerangel um die Fernbedienung ist nötig, der Part um die Zerstörung der Fernbedienung könnte auch wegfallen, vermute ich inzwischen. Im Grunde gings mir wohl nur um eine weitere Charakterisierung Erwins: er ist ein Elefant im Prozellanladen (leider kein niedlicher Elefant) schweigt zur Zertrümmerung der Nase, bedauert hingegen (zumindest kommentiert er sie) die Zerstörung der Fernbedienung.

Dass für Erwin die Fernbedienung wichtiger ist, als Inas Wohlergehen, kommt denke ich heraus.

fabian hat Folgendes geschrieben:

Zitat:
[color=orange]Ina in der Küche. Heult. <-- das kommt mir zu spät.

Das sehe ich einfach nur als Feststellung eines Szenenwechsels an. Du hattest anfangs ja auch umstandslos angenommen, sie befänden sich im Wohnzimmer (wg Teetrinken & Fernsehen). Es bedarf meiner Meinung nach hier keines „erzählten“ Übergangs.

Das kann ich gut nachvollziehen.
Viele mögliche Räumlichkeiten bleiben nicht, um sich die beiden vor einem Fernseher vorzustellen und das Wohnzimmer ist, denke ich, der übliche Ort dafür. Insofern ist es keine große Kunst sich das Wohnzimmer "ergänzend" als Ort des Konfliktes vorzustellen.

fabian hat Folgendes geschrieben:

Der Erzähler mit seinem isometrischen Blick auf die Szene stellt fest:
"Ina in der Küche. Heult.
Erwin vor der Küche. Schreit."

und beobachtet/kommentiert:
"Faust schlägt an Tür. Klopft?"
Du stellst genau die Fragen, die der Text hervorrufen soll (und die er explizit nicht beantworten wird, das soll der Leser ja gerade selber tun). Du stellst im folgenden auch ganz richtig fest, dass im Handeln und Sprechen Erwins eklatante Widersprüche bestehen. Und das charakterisiert ihn.

Mit dem "Klopft" kann ich weiterhin wenig anfangen, auch nicht aus der isometrischen Sicht des Erzählers, der beide soweit zu kennen scheint, dass er mMn selbst nicht fragen würde oder sich unsicher wäre, ob das Schlagen gegen die Tür als ein Klopfen angesehen werden könnte.
Was mir aber an der Passage eingefallen ist, um zu deiner Spiegelung vom Anfang zurückzukommen, so wäre hier eine Möglichkeit diese Spielerei erneut aufzugreifen:
"Ina in der Küche. Erwin vor der Küche.
Erwin schreit. Ina heult."

fabian hat Folgendes geschrieben:

Zitat:
Ewig [color=green]Schmollen geht nicht!“


Du verstehst jetzt sicher, warum ich das „Schmollen“ nicht drin haben will: es ist mir zu konkretistisch.
Was auch immer Erwin Ina unterstellen könnte – der Leser sollte sich sein Bild davon gemacht haben, wie er tickt – es ist angesichts dessen, wie er mit ihr umgeht völlig irrelevant. Er steht vor der Küchentür und fantasiert sich sonstwelche kommunikativen Anknüpfungsstrategien oder Vorstellungen weiter bestehender Gemeinschaftlichkeit zurechtes ist alles nur Selbsttäuschung. Die Tür bleibt zu. Ina und er sind getrennt.

Für mich ist diese Selbsttäuschung und Erwins Fantasieren sonst welcher kommunikativer Anknüpfungsstrategien nicht nachvollziehbar. Für mich macht Erwin einen sehr plumpen und geistig beschränkten Eindruck, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass er zu einer (unbewussten) Selbsttäuschung fähig wäre, sondern so ist, wie er ist, und das ohne doppelten Boden oder selbst täuschender Psychologie.

fabian hat Folgendes geschrieben:

Zitat:
Erwin: „Aua!?“ [color=blue]<-- ich finde ein "aua" als verbale Reaktion auf einen Messerstich unpassend.

Da hast Du völlig recht.
Ich habe in der Tat anfangs auch mit ähnlichen Formulierungen gespielt, wie Du sie vorschlägst, aber bin dann doch beim etwas unrealistischen „aua“ geblieben, weil: Erwin versteht nichts. Er weiß einfach nicht, wer da vor ihm steht und was geschieht. Ihm fehlt jede Empathie. Sogar für sich selbst.

Das ist für mich leider auch nicht nachvollziehbar. Wenn er wirklich so wäre, warum folgt er seiner Frau - er wird wissen, dass Ina seine Ehefrau ist, mit der sich die Wohnung teilt - bis zur Küchentür und möchte mit ihr reden? Wenn ihm jegliches Einfühlungsvermögen fehlt, wäre er dann nicht eher im Wohnzimmer geblieben, hätte sich den Fußballsender notfalls manuell eingerichtet und würde sein Bier genießen und Fußball gucken? Auf das Heulen aus der Küche würde er vielleicht dann mit einem Schulterzucken und seinem Kommentar "Selbst Schuld" reagieren.
Eine gewisse Empathie muss er haben, sonst würde er nicht vor der Küchentür stehen.

fabian hat Folgendes geschrieben:

Zitat:
Ich bin leider an manchem in deiner Szene hängen geblieben und deine Szene erschloss sich mir an den relevanten Stellen nicht, um mich bis zum Finale schlüssig zu fesseln.

Ich weiß nicht, ob es deutlich geworden ist: es sollte kein naturalistischer Text werden und als Leser solltest Du eigentlich „entfesselt“ werden.

Ich bin mir nicht sicher, was du mit "entfesselt" meinst, wenn du weiter oben schreibst:
fabian hat Folgendes geschrieben:

Es schien mir ein gewisser Reiz darin zu liegen, den Text so zu gestalten, dass die Kausalität sozusagen „hinzugefügt“ werden muss.
Und um diese Kausalität bemühst Du Dich ja auch. Das heißt, Du machst also genau das, was der Text dem Leser nahelegen soll.
Bleibt die Frage, ob der Text Dich dabei in eine „falsche“ Richtung führt, der Text also seinen Leser verliert, oder ob der Leser seinen Text verliert, indem er sich – aus welchen Gründen auch immer – verspekuliert..

was einen "mitarbeitenden" Leser fordert, der die "Lücken" selbst füllt.

fabian hat Folgendes geschrieben:
wir abstrahieren vom Ganzen, wenn wir uns einzelne Aspekte vornehmen, aber am Ende muss der Text wieder als Ganzes funktionieren.

Es kommt mMn auf die Intention und die gewählte "Konstruktion" des Verfassers an.

LG,
Constantine
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fabian
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 136



BeitragVerfasst am: 15.06.2015 22:10    Titel: Re: Idyllischer Fernsehnachmittag pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Constantine,

Eigenartig, auf was für Pfade Du mich führst.

Constantine hat Folgendes geschrieben:

Meine Frage hat nicht auf den Eindruck des Gebauten, Konstruierten, abgezielt, sondern auf deine Motivation, die Passage in der Form zu verfassen.
Generell gehe ich davon aus, dass Texten eine gewisse "Konstruktion" innewohnt, sei sie z.B. sprachlich, formal, inhaltlich, oder ein Gemisch davon.
Für dich ist diese Passage eine formale Spielerei, über deren textimmanenten Sinn du dir nicht im Klaren bist. Soweit ok.

Um in deinem Duktus zu bleiben, könnte diese Passage auch in dieser Form einen gebauten oder konstruierten Eindruck besitzen:
"Ina bringt Tee. Erwin holt Bier.
Ina will Teletext. Erwin will Fußball."
Die Frage wäre, was bringt dir die Spiegelung, was dir z.B. die Alternative nicht bringt?

Meine Entscheidung (“was es mir bringt“), die Reihenfolge so und nicht anders zu wählen scheint mir „intuitiv“ begründet. Mir gefällt die Verschachtelung, die Kreisbewegung in den vier Sätzen. Die Alternative erscheint mir als „tick-tack-Pendel“-Struktur.
Wenn Du mich jetzt dazu bringst, meinen scheinbar(?) rein gefühlsmäßigen Entscheidungsschritt zu reflektieren und zu begründen, dann ist meine erste Reaktion: diese Reflexionen werden mich aufs Glatteis führen, ich könnte der Esel sein, dems zu wohl wird, wenn ich so zu reflektieren versuche, wo es in der Praxis (beim Schreiben) doch in Wirklichkeit eine „Wohlfühl“-Entscheidung war.
Aber es ist wohl in der Tat so, dass es mir besser „gefallen“ hat, Ina und Erwin harmonisch das Gleiche tun zu lassen (sie bringt, er holt etwas), und zugleich zu zeigen, dass sich in diesem scheinbar auf Gemeinsamkeit angelegten Handeln schon der Konflikt andeutet: Tee und Bier stehen wohl nicht so ganz für die gleiche Vorstellung vom Familiennachmittag, zumal ja Ina „bringt“ (für beide) und Erwin „holt“ (für sich). Dabei wandert der Blick in diesen ersten beiden Sätzen von Ina zu Erwin. Der Blick bleibt dann bei Erwin, wird aber vom „Tun“ zum „Wollen“ gelenkt (dritter Satz) und kehrt schließlich zu Ina zurück, um auch ihr Interesse in dieser Situation zu zeigen (vierter Satz). Das schien mir ein schön harmonisch gerundeter Zirkel zu sein, und gleichzeitig ist in dieser schönen strukturellen Harmonie das hässliche Konfliktpotential der Situation beschrieben.
Damit, so glaube ich jetzt, war meine Entscheidung wohl doch nicht nur der Faszination geschuldet, eine „Spiegelung“ entdeckt zu haben, sondern hatte durchaus auch „textimmanenten Sinn“, wie Du es nennst.
Jetzt kehren wir mal zum Glatteis zurück, auf das geführt zu werden ich mich fürchte, wenn ich Deinen Fragen folge und solche Reflexionsversuche anstelle.
Dieser Furcht liegt mein Bedenken zugrunde, wir könnten eventuell nicht vom gleichen Level aus argumentieren, d.h., Du könntest womöglich „Leit“-Fragen stellen, und ich nicht verstehen, wohin das führt (führen soll).
Ich spekulierte über Deine Rolle und Dein Interesse in unserem kleinen Diskurs, und – um Komplexes platt zu sagen – stieß mit der Netzsuche „Du weidest mich auf“ zum Begriff „Chiasmus“ im Feld der rhetorischen Figuren vor.

Ich bin überrascht und für heute gedanklich erschöpft.

Nochmal: Eigenartig, auf was für Pfade Du mich führst.
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Catalano
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Alter: 36
Beiträge: 140



BeitragVerfasst am: 15.06.2015 22:25    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Constantine

Kritik ist ne tolle Sache, wenn sie maßvoll ist und darauf abzielt, dem Verfasser Ratschläge zu geben.

Fabians Text scheint mir sehr spontan und intuitiv zustande gekommen zu sein. Und dafür ist er ziemlich gut.
In deinen Posts zerpflückst du diesen kleinen, spontanen Text aber ziemlich doll.

Manche Texte sind einfach dazu da, um etwas Unterhaltung zu bieten. Und wenn sie einigermaßen gut sind, kann ich persönlich auch über kleine Logikfehler, oder meinen eigenen, persönlichen Geschmack hinwegsehen.

Hier zum Beispiel:




 
Zitat:
Um in deinem Duktus zu bleiben, könnte diese Passage auch in dieser Form einen gebauten oder konstruierten Eindruck besitzen:
"Ina bringt Tee. Erwin holt Bier.
Ina will Teletext. Erwin will Fußball."


finde ich vom Gefühl her Fabians Version angenehmer, so, wie er das in seinem Text auch geschrieben hat.
Ina beim zweiten Satz wieder an den Anfang zu stellen klingt logisch. Aber  in Fabians Version wirkt es lebendiger, und gefälliger.
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fabian
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 136



BeitragVerfasst am: 16.06.2015 00:17    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das ist schon alles ok so.

Die Latte liegt hoch, und ich fühle mich durchaus zum produktiven Nachdenken angeregt.

Allein schon der Spaß, aus einer Befindlichkeitsstörung heraus über den Psalm 23 aufs Feld der Rhetorik gekommen zu sein – das hat mich überrascht.
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Constantine
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 2711

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 17.06.2015 09:40    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo fabian,

fabian hat Folgendes geschrieben:
Meine Entscheidung (“was es mir bringt“), die Reihenfolge so und nicht anders zu wählen scheint mir „intuitiv“ begründet. Mir gefällt die
 Verschachtelung, die Kreisbewegung in den vier Sätzen. Die Alternative erscheint mir als „tick-tack-Pendel“-Struktur.
Wenn Du mich jetzt dazu bringst, meinen scheinbar(?) rein gefühlsmäßigen Entscheidungsschritt zu reflektieren und zu begründen, dann ist meine erste Reaktion: diese Reflexionen werden mich aufs Glatteis führen, ich könnte der Esel sein, dems zu wohl wird, wenn ich so zu reflektieren versuche, wo es in der Praxis (beim Schreiben) doch in Wirklichkeit eine „Wohlfühl“-Entscheidung war.

Deine intuitiv begründete Wohlfühl-Entscheidung der besagten Passage ist für mich voll ok. Dass du aber da Gefühl hast, mit dem Reflektieren und Begründen dich aufs Glatteis zu begeben, lag nicht in meiner Absicht.
Du sagtest, dass du deinem Text einen künstlichen Charakter verleihen wolltest, konstruiert, nicht erzählend (so ungefähr zusammengefasst). Ich habe mit einer gleichfalls konstruierten, beispielhaften Alternative versucht zu erfahren, warum für dich deine gewählte Konstruktion funktioniert und das Beispiel eher nicht.

fabian hat Folgendes geschrieben:
Aber es ist wohl in der Tat so, dass es mir besser „gefallen“ hat, Ina und Erwin harmonisch das Gleiche tun zu lassen (sie bringt, er holt etwas),
 und zugleich zu zeigen, dass sich in diesem scheinbar auf Gemeinsamkeit angelegten Handeln schon der Konflikt andeutet: Tee und Bier stehen wohl nicht so ganz für die gleiche Vorstellung vom Familiennachmittag, zumal ja Ina „bringt“ (für beide) und Erwin „holt“ (für sich). Dabei wandert der Blick in diesen ersten beiden Sätzen von Ina zu Erwin. Der Blick bleibt dann bei Erwin, wird aber vom „Tun“ zum „Wollen“ gelenkt (dritter Satz) und kehrt schließlich zu Ina zurück, um auch ihr Interesse in dieser Situation zu zeigen (vierter Satz). Das schien mir ein schön harmonisch gerundeter Zirkel zu sein, und gleichzeitig ist in dieser schönen strukturellen Harmonie das hässliche Konfliktpotential der Situation beschrieben.

Danke. Genau hier formulierst du, was du dir bei der gewählten Reihenfolge der ersten vier Sätze gedacht hast und warum dir deine Kreisbewegung besser gefällt als z.B. eine Zick-Zack-Bewegung.
Ich spreche wie immer nur für mich und meinen Leseeindruck, aber die unspezifische Mengen-Formulierung "Ina bringt Tee. Erwin holt Bier." als Bild-Anfang, bevor ich als Leser überhaupt ein Gespür für die beiden Charaktere entwickeln kann, habe ich Ina mit einer Tasse Tee gesehen und Erwin mit einer Flasche Bier. Jeder von beiden nur für sich. Dass Ina mit zwei Tassen Tee kommen könnte, dachte ich nicht, da ich nach dem ersten Satz noch keinen Erwin kenne. Somit sehe ich zu Beginn nur Ina mit einer Tasse. Erwin wird mit dem zweiten Satz eingeführt und ihn sehe ich passend dazu auch nur mit einer Flasche Bier. Beide Charaktere sehe ich bereits von Anfang an mit den beiden ersten kurzen Sätzen als getrennt an.
Ich bin mir nicht sicher, ob deine Konflikt-Intention - Ina bringt für beide, Erwin holt nur für sich - beim Leser in dieser Form ankommt.


fabian hat Folgendes geschrieben:
Damit, so glaube ich jetzt, war meine Entscheidung wohl doch nicht nur der Faszination geschuldet, eine „Spiegelung“ entdeckt zu haben, sondern hatte durchaus auch „textimmanenten Sinn“, wie Du es nennst.

Prima.

fabian hat Folgendes geschrieben:
Jetzt kehren wir mal zum Glatteis zurück, auf das geführt zu werden ich mich fürchte, wenn ich Deinen Fragen folge und solche Reflexionsversuche anstelle. Dieser Furcht liegt mein Bedenken zugrunde, wir könnten eventuell nicht vom gleichen Level aus argumentieren, d.h., Du könntest womöglich „Leit“-Fragen stellen, und ich nicht verstehen, wohin das führt (führen soll).
Ich spekulierte über Deine Rolle und Dein Interesse in unserem kleinen Diskurs, und – um Komplexes platt zu sagen – stieß mit der Netzsuche „Du weidest mich auf“ zum Begriff „Chiasmus“ im Feld der rhetorischen Figuren vor.

Mein Interesse gilt deinem Text, keiner Rolle, keiner Rhetorik oder Wortverdreherei (was ich aus deinem letzten Satz herauslese). Dein Text ist sehr verdichtet geschrieben und kommt aufgrund seiner Konstruktion artifiziell rüber. Von daher muss mMn mehr Sorgfalt aufgebracht werden, da jeder Satz und jedes Wort sitzen sollten. Für mich funktioniert einiges nicht in deinem Text und da wir uns hier in einem Schreibforum befinden und du deinen Text hier veröffentlicht hast, habe ich dahingehend kommentiert, Vorschläge getätigt und Fragen zu deiner Schreibtechnik geäußert. Wohin das führt, ist ein Dialog zwischen Leser und Verfasser in einem Schreibforum bezogen auf deinem Text. Wenn dir das als Aufweiden, Wortverdreherei und als zu ausschweifender, vielleicht sogar sinnloser Dialog vorkommt, so tut es mir leid.

LG,
Constantine
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fabian
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 136



BeitragVerfasst am: 17.06.2015 11:37    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Constantine,

vorweg und auf die Schnelle: ich hoffte doch, Du verstündest mich. Ich sprach von Befürchtungen, die eher biografisch denn situativ begründet sind und meine Wahrnehmung färben. Eigentlich wollte ich Dir ein Kompliment machen. Deshalb hab ich mir auch Mühe gegeben mit diesem einen Punkt. Nicht, dass Du nun glaubst, der Rest Deiner Anmerkungen wäre ignoriert worden. Es fällt mir nur nicht leicht, auf diesem Reflexionsniveau über meinen eigenen Text zu sprechen. Schön finde ich das Wort "Aufweiden", das ist so herrlich nah an "Ausweiden", was wiederum semantisch (heißt das so?) zwar dicht an meine Befürchtungen heranreicht, aber dennoch eine (in meinen Augen gelungene) Wortverdreherei wäre, die zwar vom guten Hirten wegführt, dafür aber – wohl verstanden – dem Zwecke des Forums entspräche, eben auch dem abwägenden Drehen und Wenden.
Aber ich schweife ab (oder aus?). Bitte fühle Dich einfach nur nicht ignorant von mir auf den Schlips getreten. Deinen Anspruch teile ich uneingeschränkt, ob ich ihm gerecht werden kann, ist eine ganz andere Frage.

[Edit:] Hier wird gleich noch was nacheditiert ... – leider doch nicht gleich, copy-copy-paste = Text weg.
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fabian
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 136



BeitragVerfasst am: 17.06.2015 18:29    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Dann also als neuer Beitrag:

Constantine hat Folgendes geschrieben:
Genau hier formulierst du, was du dir bei der gewählten Reihenfolge der ersten vier Sätze gedacht hast

Ich muss dazu ergänzend sagen, dass ich beim Schreiben doch etwas "losgelassener" eingestellt war. Soweit, wie hier jetzt dargestellt, habe ich eigentlich nicht gedacht. Vielleicht hat "es" gedacht? Oder sollte man sich den Vorgang vielleicht auch als "Andenken" vorstellen? In realiter wurde ich mir zwar einer Art  "Strukturproblematik" bewusst, bin aber über das Bild der "Spiegelung" in dem Moment nicht hinausgekommen. Erst die Anstöße in der folgenden Diskussion haben mich dazu gebracht, da noch etwas tiefer zu bohren.

Zitat:
Ich spreche wie immer nur für mich und meinen Leseeindruck, aber die unspezifische Mengen-Formulierung "Ina bringt Tee. Erwin holt Bier." als Bild-Anfang,

Wie stabil sind Lesebilder, die von Satz zu Satz beim Lesen entstehen? Ist eine gewisse Unschärfe, bedingt durch Lesererfahrung/Lesererwartung etc. nicht unvermeidbar? Und ist Lesen nicht ein linearer Vorgang, in dem sich die Komplexität eines Sachverhalts erst nach und nach erschließt? Die Bilder also immer wieder neu bzw. deutlicher vom Leser gezeichnet werden?
Aber hier im konkreten Fall hast Du insofern recht, weil die strukturell gleichartig gebauten Sätze auf zwei gleichartige Vorgänge hindeuten. Ich war mir dessen bewusst und hoffte, dass umso deutlicher die Verwendung der zwei in ihrer Bedeutung unterschiedlichen Verben (“bringt“ man sich selbst Tee?) bereits an dieser Stelle auf besagtes Konfliktpotential hindeuten könnten. Möglicherweise eine Überfrachtung. So eine Art Wahrnehmungsflimmern erzeugt zu haben, wäre aber vielleicht auch gar nicht mal so schlecht?
Eine etwas deutlichere Lösung wäre natürlich:
„Ina bringt den Tee. Erwin holt sich ein Bier.“
Dann ist aber das Prinzip der knappen, artifizellen Sprache angeknabbert. Kein Rhythmus mehr. Das geht gar nicht.
Die von Dir angemerkte Unschärfe nehme ich also vorerst in Kauf. Zumal sie Dich ja auch nicht auf einen falschen Weg führt.
Ich werde weiter nachdenken.
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purpur
Dichter und Denker


Beiträge: 1023



BeitragVerfasst am: 12.05.2016 05:03    Titel: Antworten mit Zitat

Moin Very Happy lieber Fabian,

Gefällt mir sehr

Schöne Laughing keilförmige
3Teilung,
Da freut sich der Dritte
 Crying or Very sad Laughing Crying or Very sad
Die Fernbedienung hat
im Kreis der Familie
Platz genommen,
Harmonie gesprengt
Und still Cool wurd's
wieder
 Kommt noch was?
PpGruß
Pia


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TagfürTag
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nolimetangere
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