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Fremdschämen unter Lotterleuten


 

 
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Christof Lais Sperl
Geschlecht:männlichHobbyautor

Alter: 57
Beiträge: 376
Wohnort: Hangover
Der silberne Roboter


BeitragVerfasst am: 30.05.2015 14:52    Titel: Fremdschämen unter Lotterleuten eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Fremdschämen unter Lotterleuten
Es ist Mittwoch Nachmittag, und man hat die Masse in den stickigsten Kellerraum der Lehranstalt gepfercht. Es ist ein kleiner Physiksaal mit äußerst schmalen Tischplatten. Viele sind zu spät gekommen und noch immer streunt so mancher auf der Suche nach einem Sitzplatz herum, und blickt vom Lehrerpult am unteren Ende zu den stufenweise angeordneten, müffelnden und knarzenden Bankreihen hinauf. Es dauert lange, bis Ruhe eingekehrt ist, und die zwei ungeduldigen Damen ganz unten mit ihrer Veranstaltung beginnen können. Mancher Zuhörer ist gekleidet wie ein ewig zwölfjähriger, hat jedoch das beste Alter längst überschritten. Sonst herrscht eher grell Geschminktes vor. Rechts neben mir sitzt einer mit einem T-Shirt, das niemand mit gutem Gewissen in die Altkleidersammlung geben würde.

Der Beamer wirft die Prüfung von letztem Jahr an die Wand. Damit kann niemand etwas anfangen. Dennoch dauert es, bis der Fehler bemerkt wird. Falsch!-Rufe werden von der Drahtigeren der zwei am Pult in Handlung umgesetzt, und nun leuchtet die richtige Textauswahl auf dem welligen Projektionsrollo. Auf den Tischplatten stoßen die oberen Ränder der Prüfungsblätter an die Lehnen der Vordermänner, weshalb man sich die Unterlagen an die Brust drückt, und über die Lesebrille an die Wand schielt. Für einen Notizzettel ist kaum Platz, weshalb ich meine Anmerkungen direkt auf den Aufgabenheften mache.

Wir haben uns zur Korrekturversammlung Englisch treffen müssen. Jedes Jahr die gleiche Prozedur. Drei dutzend Lehrkräfte sollen sich abstimmen, welche Antworten wie viel abwerfen, was komplett falsch ist, oder nur die Hälfte an Punkten bringt. Furchtbar schnell wird klar, dass manche die Prüfungsaufgaben gar nicht richtig gelesen und durchdrungen haben. Eine Haltung, welche von den Schülern doch immer rigoros einfordert wird. Soll dieser Anspruch nicht gelten für all die Betagten, von denen einige schon länger als es ihnen guttut, im Job angekommen sind?

Erste, nahezu idiotische Fragen werden gestellt. Wie sich zeigt, haben einige der Englischlehrer Probleme, das Vokabular komplett zu verstehen. Nachgeschlagen hat allerdings keiner; und immerhin sind seit der großen Prüfung schon sieben Tage vergangen. Die Schüler warten auf Ergebnisse.

Nun geht es um gratuity: „Ich kenn’ das nicht, das hab’ ich noch nie gehört. Was kann denn da als Lösung angekreuzt werden?“ Schon lange hat es in mir gekocht. Ob der vergeudeten Zeit. Ob der sinnlosen Autobahnkilometer bis hierher, in die Provinz, in den Physiksaal der Dr.-Karl-Theodor-zu-Guttenberg-Gesamtschule, ihren orangefarbenen Wählscheibentelefonen  und ihren Betonpfosten. Nun kann ich das Wort nicht mehr halten. Wie von allein spricht es aus mir heraus: „Viele von euch sehen nach den Zeiten der Grateful Dead aus,  nicht wahr? Gut, so schwierig zu begreifen wie Creedence Clearwater Revival ist dieser Name nicht. Zurück zum Thema. Das Wörtchen gratitude sollte doch bekannt sein. Und da ist der Weg bis zu gratuitous und gratuitously auch nicht mehr weit. Und im Zusammenhang mit den beschriebenen Dienstleistungen sollte auch Ihnen ein Licht aufgehen, was bei allem Respekt vor Ihren Schülern, und den kniffligen Schwierigkeiten des Englischen, das Wort gratuity bedeuten könnte.“

Mir reicht es nun. Ich gehe auf Schlag und Punkt der geplanten viertel vor. Um den schmerzenden Fragen des Publikums zu entfliehen. Hole mir ein paar Brötchenhälften, die am Eingang von ein paar netten, gickelnden Schülerinnen für die nächste Klassenfahrt verkauft werden.

Und jetzt nach Hause. Was Sinnvolles tun. Die Mucke im Auto auf volles Rohr drehen. Und all die Erleuchteten im Physikraum bis nächstes Jahr vergessen.



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Lais
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Merlinor
Geschlecht:männlichArt & Brain

Alter: 67
Beiträge: 7893
Wohnort: Bayern
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BeitragVerfasst am: 30.05.2015 18:42    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Christof Lais Sperl

Ich kann die Frustration gut verstehen, die diesen Text prägt, ist es doch die Generation der heute 50 - 70 jährigen Lehrer, die das Schulsystem vor Jahrzehnten endgültig an die Wand gekarrt haben.
Ja, damals in den Siebzigern hatten sie die alten Professoren ein für allemal aus den Talaren gekloppt, hatten den Marsch durch die Institutionen erfolgreich angetreten, hatten die überkommenen Werte umgerissen und sie durch … nichts ... ersetzt, durch inhaltliche und pädagogische Leere, durch hohle politische Phrasen von angeblicher schöpferischer Freiheit und vorgeblich selbstbestimmten Lernens der ihnen anvertrauten Schüler.

Ich kann die Frustration dieses Textes deshalb so gut verstehen, weil es in erster Linie meine eigene Generation ist, die unser Bildungssystem damals an vorderster Front fast ersatzlos gestrichen, und das „Neue“, das die alten Konzepte ersetzen sollte, dann nahezu ohne brauchbare Inhalte und Kraft ins Rennen geschickt hat.
Sicher, es waren schon auch gute und sinnvolle Ideen und pädagogische Konzepte darunter, aber da man mit aller Konsequenz darauf verzichtete, solche Bildung auch durchsetzen zu wollen, mussten auch die scheitern.

Heute haben wir deshalb sogar die Situation, dass mittlerweile Millionen Schüler dieses Schulsystem durchlaufen und am Ende als Analphabeten verlassen haben, einige davon total des Lesens und Schreibens unkundig, andere als sogenannte „funktionale Analphabeten“, es ist ein Grauen.
DAS hätte sich das alte autoritäre System niemals erlaubt.
Nicht dass ich ihm nachtrauere, es war auf seine besondere Art ebenfalls fürchterlich und pädagogisch gesehen grottenschlecht, nur hätte ich mir eben gewünscht, dass meine Generation anstelle dessen etwas Besseres, oder wenigstens etwas Ordentliches zustande gebracht hätte.

Und so sieht Schule also heute wohl in weiten Teilen tatsächlich so aus, wie du es in Deiner kleinen Anekdote beschreibst, haben anscheinend viele der dort tätigen Lehrer sich mittlerweile selbst aufgegeben und die Null-Bock-Mentalität zum Lebenstenor erhoben, anstatt noch ernsthaft lehren zu wollen.

Dennoch macht mich die Art und Weise, wie du Deine Geschichte gestaltet hast, nicht wirklich glücklich, denn sie ist nicht gut und wirkungsvoll erzählt.
Womit wir von der weltanschaulichen Ebene hinunter zur schriftstellerisch handwerklichen Ebene kommen.
Das aber ist die Ebene, um die es hier in unserem Forum vordringlich geht.

Eigentlich ist das in der jetzigen Form ja auch noch gar keine Geschichte, sondern nur die Nacherzählung einer Momentaufnahme, ein sachlicher Zustandsbericht ohne ernsthaften Handlungsbogen oder zu Ende gearbeitete Spannungselemente.
Das kann man sicher so machen, aber in meinen Augen ist das zu wenig. So dient das nur dazu, die Leser einzuschläfern; da ginge deutlich mehr.

Die Situation bietet doch genug Stoff an für ein wirklich lebendiges Stimmungsbild und einen darauf sich gründenden dramaturgischen Aufbau.
Der „stickiger Kellerraum“ mit den engen, steil aufsteigenden Physiksaalbänkchen ist schließlich eine Arena wie geschaffen für aktiv vorgestelltes Leben, für Gerüche, Gedrängel, für grinsende oder verbiesterte Gesichter und Grimassen, für gelebtes aufsteigendes Gelächter, wenn die falsche Aufgabenstellung am Beamer erkannt wird und so weiter und so fort.
Hier können ganz wunderbar erzählerische Techniken wie das allbekannte „show don't tell“ zum Zuge kommen und hier können mit gezielter Dramaturgie Spannungsbögen gesetzt werden.

Denn eingepfercht in all diesen trüben Trubel, beginnt es im Protagonisten doch nach und nach zu gären und zu brodeln, leidet er immer tiefer unter der Fremdscham, die den Titel des Textes bestimmt, und wohl auch unter einer guten Portion Selbsthass, weil er selbst zum inhärenten Teil dieses schulischen Desasters geworden ist und ein Konflikt bewegt ihn in dieser Situation zunehmend: Soll er einschreiten? Soll er sich tatsächlich zu Wort melden, sich gegen die unwürdigen Verhältnisse stellen und den Unmut und den bohrenden Widerstand von Lehrern riskieren, die sich nicht gerne damit konfrontiert sehen, dass sie zu faul waren, die Übungsaufgaben selbst mit dem Wörterbuch in der Hand durchzugehen.

Niemand lässt sich gerne seine Inkompetenz vorhalten.
Das ist also schon ein mächtiges Konfliktfeld, das sich da vor dem Protagonisten auftut und damit kann – ja MUSS – man als Autor in diesem Fall auch gehörig spielen.

Und selbst wenn man das nicht möchte, sondern die Szene lieber eher nüchtern journalistisch aufarbeiten, ist es Pflicht, sie pointiert zu erzählen.
Auch ein nüchterner Stil fordert und ermöglicht einen geregelten Spannungsaufbau, selbst ein trockenes Sachthema kann diesbezüglich optimiert werden und hier haben wir es ja nicht mit einem trockenen Sachthema zu tun, sondern um eine höchst lebendige Anekdote aus dem realen Alltag an einer Schule, um eine Szene voller Potenzial, sie auch entsprechend lebendig und spannungsvoll zu präsentieren.

Das hast Du meiner Meinung nach grundlegend versäumt. Die Spannung kommt gar nicht erst auf, im Leser werden an keiner Stelle des Plots bewegende Fragekomplexe angeregt und eine auflösende Pointe existiert nicht nur nicht, sondern der Protagonist entschwindet aus dem Dilemma eventueller Fragen durch die Lehrerschaft in einer höchst unverständlichen Formulierung: „Mir reicht es nun. Ich gehe auf Schlag und Punkt der geplanten viertel vor. Um den schmerzenden Fragen des Publikums zu entfliehen.“
Da weiß ich nicht einmal, was mit dem mittleren Satz gemeint ist und lese danach etwas ratlos davon, dass es nun halt nach Hause geht für den Protagonisten.

Nun gut, sei es also so: So ein unverständliches wie unspektakuläres Ende einer Anekdote habe ich allerdings noch selten gelesen …
Besser würde ich es deshalb finden, wenn Du die Geschichte noch einmal unter erzählerisch handwerklichen Gesichtspunkten überdenken, wenn Du Dich dafür mit lebendigen, szenischen Erzähltechniken auseinandersetzen würdest und vor allen Dingen auch mit Dramaturgie und Spannungsaufbau.

Selbst wenn Dein schriftstellerisches Arbeitsfeld normalerweise auf einem sehr sachbezogenen Themenfeld liegen sollte, würde es meiner Meinung nach nicht schaden, Dich stärker mit Dramaturgie und Spannungserzeugung auseinanderzusetzen, denn es gibt selbst naturwissenschaftlichen Aufsätzen noch die gewisse Würze, wenn der Autor das kann.
Wenn ich mir überlege, wie gekonnt einige der „Alten“ (wie z.B. ein Max Planck) gelegentlich spannungsvoll mit den Erwartungen der Hörer ihrer naturwissenschaftlichen Vorträge gespielt haben, sollte klar sein, dass es sich hier um grenzüberschreitende Erzähltechniken handelt.

So, jetzt mache ich aber mal Schluss mit meinem Sermon. Ich hoffe, es ist das eine oder andere darunter, das Dir zur Anregung dienen kann.
Nichts davon ist übrigens böse oder abwertend gemeint; es sind halt die Ideen, die mir in den Sinn kommen, wenn ich Deinen Text lese.
Ich hoffe, du bist mir darob also nicht böse, sondern findest das eine oder andere eventuell sogar nützlich.

LG Merlinor


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„Ich bin fromm geworden, weil ich zu Ende gedacht habe und nicht mehr weiter denken konnte.
Als Physiker sage ich Ihnen nach meinen Erforschungen des Atoms:
Es gibt keine Materie an sich, Geist ist der Urgrund der Materie.“

MAX PLANCK (1858-1947), Mailand, 1942
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Christof Lais Sperl
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BeitragVerfasst am: 31.05.2015 07:26    Titel: Danke pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lieber Rezensent, das war eine wertvolle Kritik meiner Momentaufnahme, die das Blitzlichtabbild einer Abendstimmung ist. Sicher einer meiner ersten nicht-literarischen sondern eher journalistischen Texte. Auch in diesem Genre wollte ich es einmal probieren.
Das Problem der Pädagogen sehe ich allerdings etwas mehr am
Los ein universitäres. Das hat mit den Talaren heute nur noch wenig zu tun. Aber mehr mit der Tatsache, dass weniger Menschen aus Begeisterung als aus der Berufsaussucht heraus studieren. Was mich aber nicht begeistert, beherrsche ich nicht.lg cls


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Lais
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Christof Lais Sperl
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BeitragVerfasst am: 31.05.2015 09:06    Titel: Fremschämen unter Lotterleuten pdf-Datei Antworten mit Zitat

Nach guter Kritik an der Momentaufnahme hier berücksichtigt, was mir daran sinnvoll erschien.

Fremdschämen unter Lotterleuten

Es ist Mittwoch Nachmittag. Man hat die Masse in den stickigsten Kellerraum der Lehranstalt gepfercht. Es ist ein kleiner Physiksaal mit äußerst schmalen Tischplatten. Viele Teilnehmer sind zu spät gekommen, und noch immer streunt so mancher auf der Suche nach einem Sitzplatz herum, und blickt vom Lehrerpult am unteren Ende zu den stufenweise angeordneten, müffelnden und knarzenden Bankreihen hinauf. Es dauert lange, bis Ruhe eingekehrt ist, alles drängelt und quetscht sich auf die Bänke, und die zwei ungeduldigen Damen ganz unten mit der Veranstaltung beginnen können. Mancher Zuhörer ist gekleidet wie ein ewig Zwölfjähriger, hat jedoch das beste Alter längst überschritten. Sonst herrscht eher grell Geschminktes und Lustloses vor. Links neben mir unangenehme, körperliche Bedrängnis, rechts sitzt ein Kerl in einem T-Shirt, das niemand guten Gewissens in die Altkleidersammlung geben würde.

Der Beamer wirft die letztjährige Prüfung an die Wand. Damit kann ich nichts anfangen, bin aber noch zu reserviert, um in all den lauten Gequassel noch hoffnungslosen Einspruch zu erheben. Und nun dauert es, bis der Fehler bemerkt wird. Falsch!-Rufe werden von der Drahtigeren der zwei am Pult nun in Handlung umgesetzt, nun leuchtet die richtige Textauswahl am welligen Projektionsrollo. Auf den Tischplatten stoßen die oberen Ränder der Prüfungsblätter an die Lehnen der Vordermänner, weshalb man sich die Unterlagen an die Brust drückt, und über die Lesebrille an die unten gelegene Wand schielt. Für einen Notizzettel ist kaum Platz, weshalb ich meine Anmerkungen direkt auf den Aufgabenheften mache.

Wir haben uns zur Korrekturversammlung Englisch treffen müssen. Jedes Jahr die gleiche Prozedur. Drei dutzend Lehrkräfte sollen sich abstimmen, welche Antworten wie viel abwerfen, was komplett falsch ist, oder nur die Hälfte an Punkten bringt. Furchtbar schnell wird klar, dass manche die Prüfungsaufgaben gar nicht richtig gelesen und durchdrungen haben. Eine Haltung, welche von den Schülern doch immer rigoros einfordert wird. Soll dieser Anspruch nicht gelten für all die Betagten, von denen einige schon länger als es ihnen guttut, im Job angekommen sind?

Erste, nahezu idiotische Fragen werden gestellt. Ob bei zwei Kreuzen das Richtige zählt, wo doch oben steht, Mehrfachkreuzungen führten zu Punktverlust. Wie sich zeigt, haben einige der Englischlehrer Probleme, das Vokabular der Prüfungstexte komplett zu verstehen. Nachgeschlagen hat allerdings keiner; und immerhin sind seit der großen Klausur schon sieben Tage vergangen. Die Schülerschaft wartet auf Ergebnisse.

Nun geht es um gratuity:

„Ich kenn’ das nicht, das hab’ ich noch nie gehört. Was kann denn da als Lösung angekreuzt werden?“

Schon lange hat es in mir gebrodelt. Ob des Niveaus knapp über Realschule. Ob der Masse. Ob der vergeudeten Zeit und der sinnlosen Autobahnkilometer bis hierher, in die Provinz, in den Physiksaal der Dr.-Karl-Theodor-zu-Guttenberg-Gesamtschule, ihren orangefarbenen Wählscheibentelefonen  und ihren Betonpfosten. Nun kann ich nach all den Fragen das Wort nicht mehr halten. Wie von allein spricht es aus mir heraus:

Viele von euch sehen nach den Zeiten der Grateful Dead aus. So schwierig zu hinterfragen wie Creedence Clearwater Revival ist dieser Name nicht. Und wer mit grateful nicht allzu viel anfangen kann, dem sollte das Wörtchen gratitude allerdings bekannt sein. Da ist der Weg bis zu gratuitous und gratuitously auch nicht mehr weit. Und im Zusammenhang mit den beschriebenen Dienstleistungen sollte auch Ihnen ein Licht aufgehen, was bei allem Respekt vor Ihren Schülern und den kniffligen Schwierigkeiten des Englischen, das Wort gratuity bedeuten könnte.

Allerlei glotzendes Unverständnis und die Empörung, öffentlich an unangenehme Grenzen gestoßen worden zu sein.  Mir reicht es nun. Der mit dem T-Shirt steht auf. Ich gehe auf Schlag und Punkt der geplanten viertel vor fünf. Um den schmerzenden Fragen des Publikums zu entfliehen. Der Grottenluft zu entgehen. Hole mir für den Weg zum Parkplatz ein paar Brötchenhälften, die am Eingang von ein paar netten, gickelnden Schülerinnen für die nächste Klassenfahrt verkauft werden.

Und jetzt nach Hause. Sinnvolles tun. Die Mucke im Auto auf volles Rohr drehen. Und all die Erleuchteten im Physikraum bis auf nächstes Jahr komplett vergessen.


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Babella
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Das goldene Aufbruchstück Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 31.05.2015 10:12    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe jetzt eine Weile überlegt, was mich an diesem Text stört.

Ist es das, dass die Lehrer wieder einmal als faul, inkompetent, schlecht angezogen und zu blöd, um leo.org anzuklicken, dargestellt werden, und das von einem, der dazugehört, der also von der Berufskrankheit Überheblichkeit genauso befallen ist?

Oder dass der Rechthaber vom Dienst zwar seinen Unmut in einem Wortausbruch zum Besten gibt, sich dann aber flüchtet, um nicht von noch mehr doofen Fragen heimgesucht zu werden, statt sich auf eine Auseinandersetzung einzulassen, Konsequenzen zu ziehen, wie auch immer die aussehen könnten?

Dass auch der kleinste Fetzen Selbstironie fehlt, dass man sich einfach nur in der Überlegenheit und seiner Verachtung suhlt? Dass da offenbar noch ein weiterer resigniert, obwohl er genau das seinen Kollegen vorwirft?

Ich kann solche Berichte nicht lesen, ohne an Gregs Tagebücher zu denken: "Von Idioten umzingelt". Nur dass die eben puppenlustig sind und das hier nicht. Obwohl dies eine Steilvorlage für Komik wäre.
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Christof Lais Sperl
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Beiträge: 376
Wohnort: Hangover
Der silberne Roboter


BeitragVerfasst am: 31.05.2015 12:26    Titel: OK, aber pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ihre Kritik ist bedenkenswert. Lösungen sind hier aber nicht zu erwarten, denn wie besagt,handelt es sich um eine Momentaufnahme. Und die Kerbe faul und blöd betrifft zwar die Minderheit, aber betrifft manche dennoch. Was die Überheblichkeit anbelangt, wird doch lediglich das Normale verlangt: sich mit dem Stoff befassen, alles verstehen, sich in jedem Falle aber oberhalb des Schülerniveaus bewegen, da man begeistert studiert hat, und im Sinne Sloterdijkscher Übung jeden Tag dazulernen will. Ein Text zur Studienreform währe wohl nötig, aber nicht in diesem Forum.
Meine anderen Texte stellen so stark das Zweifeln am Selbst dar, dass der Vorwurf der Überheblichkeit nur schwer greifen kann. Einer, der die Prüfungsaufgaben nicht beherrscht, der ist doch einfach nur peinlich. Beste Grüße, CLS

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Lais
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