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Warte auf mich in ungesprochenen Worten

 

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Antiquariat -> Dichte Weite 05/2015
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sleepless_lives
Geschlecht:männlichSchall und Wahn

Moderator
Alter: 54
Beiträge: 6596
Wohnort: Guildford, UK
DSFo-Sponsor Ei 4
Pokapro und Lezepo 2014 Pokapro VI


BeitragVerfasst am: 26.05.2015 08:55    Titel: Warte auf mich in ungesprochenen Worten eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Warte auf mich in ungesprochenen Worten


Warte auf mich in ungesprochenen Worten
Und Sätzen, nicht vernommen, in
Mangelhaft Erzähltem
Im ruhelosen Schimmer
Vergangener Möglichkeiten

Warte auf mich im letzten Winterschnee
Geschmolzen, weggeschwunden
Im Rauch verbrannten Herbstgeblätters
In lang schon aufgelösten Sommerschatten
Im fahlen Rot ermorgendlichter Nächte

Und wart auf mich in leichten Stunden

Ich dreh nur ein paar Extra-Runden
Zwischen Innenrand und Außenwand
Zwischen Bett und Tisch und Küchenzeile
Zwischen Alltäglich- und Unnotwendigkeiten
Ich dreh nur ein paar Extra-Runden

Ich fall zurück, du gehst voraus
Nichts

Nichts wirklich gedacht
Nichts wirklich vollbracht
Nichts wirklich gesucht
Nichts wirklich verflucht

Nichts
Du gehst voraus, ich fall zurück

Ich dreh nur ein paar Extra-Runden
Zwischen all dem, das in Ordnung sei
Zwischen all dem, das es doch nicht ist
Zwischen außer Rand und starr gebannt
Ich dreh nur ein paar Extra-Runden

Und wart auf frische alte Wunden

Das Sein vom Salz zerfressen zu Erinnerung
Und fern und weit getrieben
Ich finde nicht  
Ich finde dich nicht
Mehr
Und flach und brüchig
Erstrecken sich die Dinge und ohne
Konturen

Ich habe nur vergessen, was
Wir doch wussten
Wussten mit so tief geschlossenen Augen
Dass der Zeit kein Reich bleiben soll  
Kein Wird und Ist und
War, nur Dort und Hier und
Da
Dass nichts vergangen ist, nur
An einen anderen Ort verschoben

Einen anderen Ort verbracht

Da stehst du wieder am Gartentor
Nach hinten zum Wald hinaus
In die Neigung der Wiese hinein
In den Abend hinein
Da drehst du dich wieder um zu mir
In die Gelassenheit der Dämmerung hinein
In das Erkennen hinein
Wo warst du denn
Frage ich
Wo warst du
Ich? sagst du, ich
War immer hier
Immer bei dir

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Gießkanne
Geschlecht:weiblichVolle Kanne ungeduldig

Alter: 16
Beiträge: 705
Wohnort: Nicht mehr in deiner Welt


BeitragVerfasst am: 27.05.2015 21:11    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Schreiber,
Ich bin entzückt. Dieses Gedicht werde ich aufschreiben. Auf einen Zettel. Und ich werde in behalten. Vielleicht werde ich ihn mir an die Wand hängen. Oder unter mein Kopfkissen legen.

Deine Schreibstil wärmt mein Herz - und das sage ich nicht nur so daher - zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass mich ein Gedicht wirklich erreicht hat. Mein Bauch hat gekribbelt, als wäre ich in dein Gedicht verliebt!

Ich finde es sehr schwer, sich in einem Gedicht mit einem Zitat auseinanderzusetzen und du bekommst meinen größten Respekt - diese Aufgabe könnte, so wie sie dort steht, in einer Abiturklausur ihren Platz finden und du hast sie hervorragend gemeistert!
ZWÖLF Punkte geb ich dir,
das sagt auch mein Abwehroffizier
und auch meine kleiner französischer Mobs
damit würd ich sagen:
gelutscht ist der Drops!
Du merkst es vielleicht
dass durch meine Reime jeder schnell bleicht
Ich hab's nicht so mit den Gedichten
und erzähle lieber Geschichten

Dankeschön für deine wunderbaren Verse
Deine Gießkanne


_________________
Don’t say the old lady screamed. Bring her on and let her scream.
Mark Twain

The only place in the world where success comes before work is in a dictionary.
Mark Twain

Die Schlacke einer verbrannten Liebe im Hochofen des Herzens ist ein Nebenprodukt, das man so schnell leider nicht loswird.
Mogmeier
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Mardii
Stiefmütterle

Alter: 59
Beiträge: 1819



BeitragVerfasst am: 28.05.2015 16:58    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Lyriker/in,

hier sehe ich ein Gedicht in dem das Warten auf den/die Geliebte/n den Rahmen und die Sinnstiftung zu den das Zitat behandelnden Strophen bildet. Dabei ist die freundliche Auffassung das hervortretende Merkmal, das heißt, das Taumeln von Gegenwart zu Gegenwart wird nicht als negativ aufgefasst. Das Warten im Text hat zwar etwas Melancholisches, aber es beinhaltet Hoffnung auf etwas Gutes. Das Warten wird erwünscht, ersehnt. Die Gegenwart besteht zwar aus Warten, aber das ist nicht unbedingt negativ besetzt.
Der Text endet in einer positiven Wendung. Das Du kommt. Es war zwar die ganze Zeit da, aber das schmälert die Hoffnung nicht.
Eigenartig ist nur die Umkehrung. Ein Du wird aufgefordert zu warten, während das Ich die ganze Zeit sein Warten beschwört. Unterdessen ist es mit anderem beschäftigt, dem Runden drehen, den Extrarunden. Es hat fast eher den Anschein, das L-Ich ein Warten überbrücken muss. Das rufen ebenso die Beschreibungen der inneren Vorgänge hervor.

Zitat:
Das Sein vom Salz zerfressen zu Erinnerung
Und fern und weit getrieben


Man fragt sich: Wer wartet hier?

Zitat:
Dass nichts vergangen ist, nur
An einen anderen Ort verschoben


Damit kommt eine futuristische Komponente ins Spiel. Die Elemente von Vergangenheit und Gegenwart sind nicht gleichzeitig in ihren jeweiligen Abschnitten, sondern verlagern sich auch räumlich.

Ein paar Textstellen heben sich aus der Menge hervor, wie:

Zitat:
Zwischen außer Rand und starr gebannt


Die Wendung Außer Rand und Band ist hier sehr schön in den Text eingewoben.

Zitat:
Das Sein vom Salz zerfressen zu Erinnerung


Auch sehr schön.
Der Text mutet mir auch religiös an. Er wirkt in Teilen wie ein Gebet.
Jemand arbeitet sich am Leben ab und wird am Ende erhört. Dabei tritt aber kein Gott, der alles dirigiert in Erscheinung. Er bleibt immanent.
So weit von mir.

lg Mardii


_________________
`bin ein herzen´s gutes stück blech was halt gerne ein edelmetall wäre´
Ridickully
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Literättin
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 53
Beiträge: 1755
Wohnort: im Diesseits
Das silberne Stundenglas Der goldene Roboter
Lezepo 2015 Lezepo 2016


BeitragVerfasst am: 29.05.2015 08:05    Titel: Antworten mit Zitat

Dies bleibt mir sehr abstrakt, obgleich hier ein Dialog zwischen LI und LDU stattfindet, wobei das LI erst zum Schluss eine Stimme erhält. Auch wird eine alltägliche Szenerie angedeutet zwischen Bett und Küchenzeile und es schimmern Jahreszeiten auf.

Nichts ist hier wirklich greifbar. Es wird nicht klar, weshalb LDU warten soll und schon gar nicht weshalb in ungesprochenen Worten. LDu ist geduldig und wartet trotzdem, während sich LI in seltsamen Zwischenwelten aufzuhalten scheint, in denen wie gesagt nichts wirklich greifbar ist.

Dies wirkt durchscheinend flüchtig und seltsam transparent, wie der Hauch einer Lasur auf einem Aquarell. Aber was da schimmert in vergangenen Möglichkeiten, oder in den Extra-Runden, die gedreht werden geschiet, das wird für mich nicht deutlich. Soll es vermutlich auch nicht, da es ja gleichzeitig negiert wird:


Zitat:
Nichts wirklich gedacht
Nichts wirklich vollbracht
Nichts wirklich gesucht
Nichts wirklich verflucht


Und doch wäre mir lieber, es wäre in der Negation etwas gezeigt.

So in dieser Form stelle ich für mich selbst fest, dass ich leicht ungeduldig werde mit dem LI das sich auf diese Weise entzieht und nicht zeigt. Und ich habe eine gewisse Achtung für die Geduld des LDu, das trotzdem wartet und "immer da" war.

Interessant wird es für mich, wenn ich mir vorstelle, dass das angesprochene Du, das warten soll, die Zeit selbst ist. In dieser Weise gelesen, erhält es für mich etwas, das bewegt und mir erinnerbar bleibt. Dann entsteht eine weitere Ebene und es bewegt sich etwas in mir. Und in dieser Weise gelesen, finde ich meinen obigen Kommentar fast zu harsch, ich lasse ihn trotzdem stehen: als Protokoll meiner Hineinfindung ins Gedicht.
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tronde
Hobbyautor


Beiträge: 405

Das goldene Aufbruchstück Das silberne Niemandsland


BeitragVerfasst am: 29.05.2015 20:12    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo!
Mir gefallen die Bilder der ersten und der letzten Strophe. Das sind Bilder, mit denen ich was anfangen kann. Vor allem in der letzten Strophe spüre ich die Stimmung (oder erinnere mich oder kann’s mir vorstellen). Abendlicht im Sommer, weiter Blick über die Wiese und auch über den Wald am anderen Ende der Wiese. Sommerkleid, Lächeln, Liebe.

Zwischendrin spricht mich nicht so an.

Zeiträume: schon.

5 Punkte

Grüße
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Rainer Zufall
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 64
Beiträge: 803

Pokapro und Lezepo 2014


BeitragVerfasst am: 30.05.2015 08:16    Titel: Antworten mit Zitat

Bist in meinen persönlichen TopTen gelandet. Will aber aus Zeitgründen keinen weiteren Kommentar hinterlassen. Ich fand vor allem gut, wie du dem Gedicht durch das Ende eine Struktur gegeben hast.
Viele Grüße von Zufall
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Einar Inperson
Geschlecht:männlichDichter und Denker


Beiträge: 1742
Wohnort: Auf dem Narrenschiff


BeitragVerfasst am: 31.05.2015 11:57    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo du, irgendwo in Raum und Zeit,

ein Gedicht, dass mich gepackt hat, ein Gedicht eines Verlustes. Ein Gedicht, dass in vielen Passagen den Atem anhalten lässt, um die Stille, das Unausgesprochene nicht durch Geräusche zu stören.

Ein Gedicht, dessen Stimmung in den letzten Versen aufgeht.

Dann aber auch ein Gedicht, dass mich mit Lyrischem, aus alter Zeit Entlehntem, oder sind es Neologismen, ich habe jetzt nicht geschaut, wo dergleichen bereits vorkommt, konfrontiert. Gleich zu Beginn werde ich von weggeschwunden und Herbstgeblätter und ermorgendlicht erschlagen. Das soll wohl Stimmung ausdrücken? Bei mir hat es nur Unverständnis hervorgerufen. Weil es zu viel ist, die Stimmung wäre dir ohne das treffender gelungen. Zum Glück kommst du dann später ohne aus, was zusätzlich Fragen lässt, warum nicht auch zu Beginn?

Dann schienen mir einige Bilder auch schief gelungen. Schon der Titel. Warte, eine konkrete Aufforderung, auf mich, aha, alles klar, aber dann, in Worten, schwierig, dazu in ungesprochenen, völlig unmöglich. Du kannst ihnsie überall warten lassen, aber da?

Über ermorgendlicht haben ich schon geschrieben, aber es kommt noch mehr. ermorgendlichte Nächte.

Und auch der Reim in der Mitte hat mich nicht überzeugt.

Der Schluss scheint nicht neu, Ähnliches glaubt man schon gelesen zu haben. Aber für mich als Abschluss deines Gedichtes stimmig und grandios.

Leider hast du es dennoch nicht in die Punkte geschafft.


_________________
Traurige Grüße und ein Schmunzeln im Knopfloch

Zitat: "Ich habe nichts zu sagen, deshalb schreibe ich, weil ich nicht malen kann"
Einar Inperson in Anlehnung an Aris Kalaizis

si tu n'es pas là, je ne suis plus le même

"Ehrfurcht vor dem Leben" Albert Schweitzer
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Gefühlsgier
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 25
Beiträge: 438
Wohnort: Worms


BeitragVerfasst am: 31.05.2015 15:14    Titel: Antworten mit Zitat

Mir fällt es wirklich schwer, mich zu dem Stil der hier eingestellten Texte zu äußern. Das möchte ich lieber anderen überlassen und sowohl zu diesem als zu den anderen Beiträgen die inhaltlichen Eindrücke schildern, die ich beim Lesen bekommen habe, sowie im Anschluss ein kleines Fazit geben, woran man bei mir hier in etwa ist.

Erst einmal vielen Dank für das sehr atmosphärische und bildhafte Gedicht. Ich war lange am überlegen, ob das nicht vielleicht zu wirr ist, wenn ich schildere, was während dem Lesen in mir vorging. Andererseits ist es ja nur meine Wahrnehmung, die ich mir nicht einmal ausgesucht habe. Es tut ja (hoffentlich) niemandem weh Wink
Vielleicht habe ich es hier ja mit jemandem zu tun, der sich über solche Dinge auch schon Gedanken gemacht hat, oder diese Information anderweitig "verwerten" kann. Wer weiß.

Wenn mich etwas auf irgendeine Weise mitnimmt, beginne ich, manchmal unbewusst Farben zu "sehen", während ich mich damit auseinandersetze. Während ich für Musik oft keine Erklärung dafür finde, erschließt sich mir diese Sichtweise durch Assoziationen. Durch die Beschreibung "Winterschnee" hast du es mir bezüglich "weiß" natürlich einfacher gemacht, aber das "unausgesprochen" hat es davor in mir ausgelöst. Ein UNbeschriebenes Blatt, UNangetastet - weiß. In das Weiße mischt sich ein Tannennadelgrün. Tiefer, als die meisten Wiesen und vielleicht auch deine Erwähnte.  Was wird der Farbe grün nachgesagt, Hoffnung? Darüber habe ich beim Lesen nicht nachgedacht, auch das war einfach da. Das von dir beschriebene Rot hatte in meinem Bild nur einen sehr geringen Anteil. Was ich aber bei mir untypisch fand war, dass ich mich erst beim zweiten oder dritten Lesen wirklich soweit auf das Gedicht einlassen konnte, dass ich empfänglich für diese Gedanken war. Meistens kommen die Gedanken- und Assoziationsströme(oder eben diese Farbverbindungen) entweder sofort, oder sie bleiben eben aus. Manchmal bleibt auch leider gar nichts davon hängen, egal, wie oft ich lese. Aber der zweite Blick hat sich gelohnt.

Ja, man merkt eine gewisse Schwere deines LI. Irgendwie ist mir da zu viel Tiefe "hineingelegt", um es für mich als Melancholie zu bezeichnen. Während ich über das Wort "depressiv" nachdenke, frage ich mich, wieso man denn alles immer beschreiben und totdefinieren muss. Man hat nur die Information, die du gibst. Ein Momentaufnahme, die auf mehr schließen lässt. Dein LI zweifelt, aber die Fragen an das LD am Ende zeigen, dass es sich nicht mit seiner Situation abgefunden hat und über etwas Klarheit haben will, um zu einem Punkt zu kommen, an dem er oder sie sich wieder sammeln, orientieren kann.

Hier muss ich noch einen kleinen Punkt loswerden:

Zitat:
Wo warst du
Ich? sagst<...ganz spontan hätte ich hier vielleicht "fragst" geschrieben. Allerdings kommt es mir so vor, als wenn du das LD alles wie eine Feststellung als eine Frage gesprochen hat: "Ich war immer bei dir." Dann bringt mich aber das Fragezeichen raus. du, ich
War immer hier
Immer bei dir


Die Zeile lässt viele Interpretationen zu. Für mich ist es fast schon offensichtlich, dass sich dein LI einsam in der Gegenwart einer vertrauten Person fühlt, was zu einem sehr großen Teil an gewissen inneren Blockaden liegt:

Zitat:
Das Sein vom Salz zerfressen zu Erinnerung
Und fern und weit getrieben

vielleicht sitzt bei ihm oder ihr eine Erinnerung so tief, dass sie die Sicht für etwas anderes versperrt, kaum zulässt?

Okay, so viel zu meinen Eindrücken und dem klaren, roten Faden, den ich hier sehe. Ansonsten ist mir noch aufgefallen:

Zitat:
Mangelhaft

Hier dran bin ich hängengeblieben.
Erst wunderte ich mich, wieso dieses Adjektiv ohne Rückschlüsse auf einen neuen Satzanfang groß geschrieben wird uns sah dann, dass es in dieser Form und vorallem hier bei dir nichts ist, das als "besonders" herausfällt. Und trotzdem las ich es immer wieder und mir kam ein Gedanke, der wieder einmal sehr absurd für dich und andere Mitlesende sein könnte."Mangelhaft". Zusammengesetzt aus zwei Worten. "Haft" ist nicht nur ein Adjektiv, sondern auch als Nomen bekannt. Man denkt an Gefangenschaft, an das Unfreisein, an Ketten (sie man sich auch gut selbst anlegen kann). Tatsächlich kommt es mir so vor, als ob dein LI sich durch diese schweren Gedanken unfrei fühlt und kann mir sehr vorstellen, dass sie oft genug zum Hindernis für ihn oder sie werden, der Text beweist es mir nahezu.  Ich merke, dass es ihm/ihr an etwas mangelt, (z.B. Klarheit, Sicherheit, und eine Art von Zuneigung von Seiten des LD) Entschuldige, wenn ich hier wieder völlig an deiner Intention vorbeischießen sollte.

Zitat:
Im fahlen Rot ermorgendlichter<...sehr schöne Wortneuschöpfung Nächte


Ich mache mir vor dem Kommentieren Gedanken über die Wertung, aber bewerten werde ich später. Obwohl der Zugang hier nicht sofort offen stand, hat es dein Gedicht für mich noch in den oberen Wertungsbereich geschafft. Ich empfinde es als angenehm nah. Es hallt nach.

sehr gerne gelesen!


_________________
"Exhaustion pays no mind to age or beauty. Like rain and earthquakes and hail and floods."
Haruki Murakami - "Dance Dance Dance"

~

Some people live in Hell
Many bastards succeed
But I, I've learned nothing
I can't even elegantly bleed
out the poison blood of failure
"Swans - Failure"

~

semidysfunktional
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Ithanea
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Alter: 28
Beiträge: 1269

Ei 3


BeitragVerfasst am: 01.06.2015 11:54    Titel: Antworten mit Zitat

Ich bewerte nicht mit, weil ich nicht das Geringste von Lyrik verstehe,
im Wahrsten Sinne des Wortes, ich verstehe die meisten Gedichte einfach nichtaber dieses Gedicht finde ich wahnsinnig gut. Da trag ich noch den ganzen Tag etwas von im Kopf mit herum.


_________________
Verschrieben. Verzettelt.
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finis
Autor


Beiträge: 596
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Die lange Johanne in Bronze


BeitragVerfasst am: 01.06.2015 13:14    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Du.

Zitat:
Warte auf mich in ungesprochenen Worten
Und Sätzen, nicht vernommen, in
Mangelhaft Erzähltem
Im ruhelosen Schimmer
Vergangener Möglichkeiten

Das ist ein schöner Einstieg, der Imperativ öffnet das Bild sehr gut für den Leser. Leider verliert sich der Effekt dann, je häufiger dasselbe wiederholt wird. Auch die zweite Strophe dann, die grundsätzlich eine schöne Stimmung transportiert, verliert ungemein an Wirkung dadurch, dass sie im Schatten der ersten Strophe steht. Es wäre vermutlich sinnvoller gewesen, sie später zu setzen oder in ein anderes Gedicht.

Zitat:
Und wart auf mich in leichten Stunden

Das gefällt mir wieder sehr, weil es einen neuen Aspekt etabliert: nicht nur dass Verschwundene, Ungesagte, sondern auch die Stunden, in denen das Leben leicht ist.


Im anschließenden Teil bis "und wart auf frische alte Wunden" arbeitest Du dann mit symmetrischem Aufbau: Das steht ein wenig fremd zwischen den "freien" Versen und führt dazu, dass das Gedicht etwas zusammengestückelt wirkt. Was mich aber vor allem an dem symmetrischen Aufbau stört - der optisch eigentlich viel hermacht - ist, dass es redundant wird und sich wenig Neues daraus ergibt. Ich sehe darin eine Gegenposition zu dem Zitat (keine ordnende Kraft mehr entgegengesetzt zu strenger Symmetrie), aber dafür dass es so raumgreifend ist, gibt es mir zu wenig.


Überhaupt fällt es mir schwer, festzustellen, wo das Gedicht überhaupt hinwill. Ich habe den Eindruck, dass es sich etwas in seinen Gedanken verliert, keine direkte Richtung hat und das finde ich schade, weil sehr schöne Stellen und Bilder darin zu finden sind.

Ich habe es auf jeden Fall gerne gelesen. LG.
finis


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"Mir fehlt ein Wort." (Kurt Tucholsky)
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BlueNote
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Beiträge: 6693
Wohnort: NBY
Ei 4



BeitragVerfasst am: 01.06.2015 20:32    Titel: Antworten mit Zitat

Sehr schön! Vor allem diese Strophe
Zitat:

Ich dreh nur ein paar Extra-Runden
Zwischen Innenrand und Außenwand
Zwischen Bett und Tisch und Küchenzeile
Zwischen Alltäglich- und Unnotwendigkeiten
Ich dreh nur ein paar Extra-Runden

Spätestens seit diesem Gedicht denke ich mir: Warum muss ich die Texte in eine Reihenfolge bringen. Sie sind einfach gut, verschieden und jeder für sich beachtenswert.

Ausdrücke wie diese "ermorgendlichter Nächte " gefallen mir übrigens überhaupt nicht. Das ist für mich so ... pseudolyrisch - oder: lyrisch mit Gewalt. Aber sonst hat das Gedicht schon sehr ansprechende Wendungen.

Vielleicht hätte ich dem Gedicht mehr Punkte geben sollen ... Ich lese es sehr gern, immer wieder. Ich war immer hier ... einfach poetisch gesagt!
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Constantine
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Beiträge: 2605

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 04.06.2015 01:20    Titel: Antworten mit Zitat

Bonjour!

Für mich ein etwas wirres, unausgereiftes Gedicht. Ich vermisse die Linie der Themenvorgabe. Stattdessen erhalte ich als Leser einen Gedankenstrom des LI über das Auseinanderdriften zum LDu und am Ende wird mir vom zurückgekehrten LDu präsentiert, dass es doch immer beim LI war. Klar. Nichts Neues in dieser Hinsicht. Keine Hilfe ist mir dabei das große Pathos, welches aus dem Gedicht trieft und es mir extrem schwer macht, mich in dein Gedicht und dein LI hinein zudenken.

Von der Form verlässt du nach einigen Strophen dein Gedicht und betrittst eine andere. So ergibt sich für mich ein Gemisch, eine Heterogenität, anstelle eines in sich formal und inhaltlich schlüssigen Gedichts.

Formulierungen wie "weggeschwunden" oder "ermorgendlichter" lassen mich zu Beginn stocken und ich habe das Gefühl hier haben sich im Vergleich zum gesamten Gedicht einige Formulierungen zu diesen für mich Nichtwörtern vermischt.

Irritiert bin ich über den Wechsel von "warte...", "warte..." zu plötzlich "Und wart...", "Ich dreh..." und "Ich fall..." anstelle "Und warte...", "Ich drehe...", "Ich falle...".
Das Wart(en), Dreh(en) und Fall(en) wiederholt sich, um dann ins "Ich finde..." und "Ich habe..."
Das ist für mich ein Wirrwarr, den ich nicht nachvollziehen kann.



Zitat:
Da drehst du dich wieder um zu mir

Diese Zeile möchte ich in ihrer Reihenfolge ändern zu

Zitat:
Da drehst du dich wieder zu mir um




Etwas verwirrt bin ich über diese Zeile:
Zitat:
Das Sein vom Salz zerfressen zu Erinnerung

Ich hatte sie mir kurz nach Wettbewerbsbeginn notiert, weil ich beim Lesen hängen geblieben bin: "Das Sein zu Erinnerung vom Salz zerfressen".
Nun lese ich sie abgewandelt und finde sie immer noch holprig und möchte sie doch umändern in
Zitat:
Das Sein vom Salz zu Erinnerung zerfressen



Insgesamt überzeugt mich dein Beitrag leider nicht.
Im Vergleich zu den anderen Beiträgen, hast du es leider nicht in meine Top 10 geschafft: zéro points.

Merci beaucoup.

LG,
Constantine
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Rübenach
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Beiträge: 2291



BeitragVerfasst am: 04.06.2015 08:25    Titel: Antworten mit Zitat

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"Von Literatur verstehen Autoren so viel wie Vögel von Ornithologie." (Marceel Reich-Ranicki)

„Ist es nicht idiotisch, sieben oder gar acht Monate an einem Roman zu schreiben, wenn man in jedem Buchladen für zwei Dollar einen kaufen kann?“ (Mark Twain)
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Stimmgabel
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Bronzener Sturmschaden Der goldene Spiegel - Lyrik (2)



BeitragVerfasst am: 05.06.2015 09:14    Titel: Antworten mit Zitat

-


zu   Warte auf mich in ungesprochenen Worten :

ein Li wartet hier unentwegt auf sich   und findet scheinbar nur unberührte Zeit mit sich selbst? meist nur allgemeinplätzige Hinweise; nebulös lyrisch aufgeblasene Bilder ohne echte Kontur. das Li findet sich nicht, behauptet es / LI’s inneres ICH/DU behauptet, dass es immer da war.

z.B. derarte Sequenzen wie:  Das Sein vom Salz zerfressen zu Erinnerung / sind für mich einzig schwallende Luftblasen Wink

Der Text trifft für mich nur teilst_weise die Funktion des Langgedichts:  ein über_langes, wortereiches Aneinandereihen, zu viel Plaudern [ im allermeist dicht_sprachigen Sinne, versig zeilig allermeist / diese Sequenzen sind formal gut umgesetzt !! ] ... doch wo sind die Prosa’esken Strukturen, die ihrerseits lyrische Kontur und Sinnwert besitzen. diese fehlen mir hier zu sehr [ eben das, was ein Langgedicht, muss ja nicht lang sein,  mMn u.a. ausmacht ].


Gruß Stimmgabel


-


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MrPink
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Der Bronzene Wegweiser


BeitragVerfasst am: 05.06.2015 10:24    Titel: Antworten mit Zitat

Sorry,
hab es leider sehr eilig, bin spät dran und überhaupt.. Embarassed

MrPink:
six points


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(Buk)
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Zinna
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BeitragVerfasst am: 06.06.2015 17:33    Titel: Antworten mit Zitat

.
Hallo Inko,

die Zeit war knapp zum schreiben und kommentieren, passt ja zum Thema. Irgendwie.
Ich bitte um Verzeihung, dass  meine Kommentare diesmal besonders kurz ausfallen.

Ein schöner Titel, er deutet auf etwas Sehnsüchtiges hin, was im Text auch aufgegriffen wird.
Der Ton wirkt nicht kontinuierlich auf mich, eine gewisse Zeit zum „Abhängen“ wäre von Vorteil gewesen,
doch mit der knappen Schaffenszeit mussten sich alle Teilnehmer herum ärgern schlagen auseinander setzen.
Die letzte Strophe gefällt mir insgesamt am besten in deinem Gedicht.


LG
Zinna


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lilli.vostry
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BeitragVerfasst am: 07.06.2015 00:49    Titel: aw:Warteaufmich Antworten mit Zitat

Hallo,

ein schönes Zeitgedicht, das von Nähe und Abstand, Suchen und (Wieder)finden in einer schon länger dauernden Beziehung erzählt.
LI spürt das LDU neben sich nicht mehr, die Alltagsroutine steht zwischen ihnen und der verschiedene Zeit-Rythmus von beiden, ausgedrückt in der Wiederholungszeile, die sich in der Umkehrung wenig unterscheidet:
"Ich fall zurück. Du gehst vorraus/Nichts"; "Nichts/Du gehst vorraus. Ihc fall zurück".

Die Kommas in Zeile 2 V1 unterbrechen den Lesefluss.

Seltsames Wort: "ermorgendlichter Nächte" - statt erloschener oder angelehnt an ermöglichte?

Die Zeile ist m.E. überflüssig: Einen anderen Ort verbracht.

Zu gekünstelt und floskelhaft m.E. diese Zeile: "Das Sein vom Salz zerfressen zu Erinnerung"

Außerdem unentschlossen manche Wortendungen: mal mit, mal ohne Endung: "warte" - "wart", "Fall", "dreh".

Die Schlusszeile kommt so beiläufig, fast banal daher als wäre nichts gewesen die ganze Zeit, er immer bei ihr gewesen; das stellt alles Vorangegangene in Frage und am Zeit-Maß der Gefühle für den anderen hat sich nichts geändert. Oder doch?

Es bleibt für mein Empfinden etwas zu allgemein-offen.

Ich gebe Dir 7 Punkte.

Viele Grüße,
Lilli


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anderswolf
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Beiträge: 336



BeitragVerfasst am: 07.06.2015 14:41    Titel: Antworten mit Zitat

Aufgrund Zeitmangels (immer dasselbe) nur ein Bepunktungskommentar.
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sleepless_lives
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BeitragVerfasst am: 08.06.2015 16:43    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank an alle für die Kommentare! Wie immer gilt, dass es gewaltig hilft, Einschätzungen zu seinem Text zu bekommen, insbesondere wenn es auf völliger Anonymität beruht.

Und eigentlich wollte ich es hierbei belassen. Gedichte erklärt man nicht.  

Aber der Unterschied ist zu groß, der Unterschied zwischen meinen Annahmen und Absichten und dem, was tatsächlich angekommen ist, von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen. Ich dachte, das Gedicht ist schon beinahe peinlich offensichtlich in seinen Aussagen und Hintergründen, gerade so am Abgrund der Sentimentalität vorbeischlingernd, und stelle nun fest, dass offenbar wenig verstanden und wenig erkannt wurde und das Gedicht eher kryptisch erschien. Wie schon erwähnt, mit Ausnahmen.

Also doch ein wenig über Hintergründe und Motivationen. Dies ist aber nicht als eine 'amtliche' Deutung zu sehen. Manche der Interpretationen, die in den Kommentaren angerissen wurden, sollen gleichwertig daneben stehen.

Die zentrale Ausgangssituation des Werks ist der Tod eines geliebten Menschen oder zumindest eine als schwer erträglich empfundene, zeitliche Trennung (aufgrund äußerer Faktoren) von einem geliebten Menschen. In engerer Sicht handelt es sich um Liebende, aber das muss nicht notwendigerweise so sein.

Ich dachte, dass all die Anrufung von Vergangenheit und Vergänglichkeit in den ersten beiden Strophen in Verbindung mit dem Leitvers das überdeutlich zutage fördert. Weit gefehlt offenbar. In der ersten Strophe sind das die Worte, die gesprochen hätten werden können und vergangene Möglichkeiten zu handeln. In der zweiten Strophe wird Vergänglichkeit und Verschwinden auf die Spitze getrieben: der geschmolzene Schnee des letzten Winters ("Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr", B. Brecht, aufgegriffen von einer Ballade von  François Villon), nicht einmal die Herbstblätter selbst, sondern nur noch der Rauch der Laubfeuer und vom Sommer nur die Schatten. All das schien mir Morbidität geradezu zu deklarieren. Die »ermorgendlichte« Nacht war möglicherweise zu enigmatisch: eine Anspielung auf 'ermorden' (zusammen mit dem 'fahlen Rot') und den Morgen und dessen Licht, die die Nacht beenden, die die Täter sind. Die Nacht, nun ja, deutsche Frühromantik, eine Anspielung an Novalis und seine "Hymnen an die Nacht", denen ja ein ähnliche Thematik zugrunde liegen.

All das vielleicht nicht so auffällig, aber dann, nahm ich an zumindest, in Strophe 8 "Dass der Zeit kein Reich bleiben soll", keine Anspielung, ein fast direktes Zitat des Titels des berühmten Gedichts von Dylan Thomas "And death shall have no dominion" (Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben). Hier, dachte ich, ist allerspätestens alles klar. Eine Vers daraus hätte fast meinem Gedicht vorangestellt werden können: "Though lovers be lost love shall not". Aber das wäre vermessen gewesen.

Formal spiegelt das Gedicht vielleicht zu streng das vorgegebene Thema zeit[       ]räume wider. Die ersten zwei Strophen behandeln vergangene Zeit, dann folgt in den nächsten sieben Strophen, eine Klammerung, die Leere umschließt, wonach die nächsten zwei Strophen von Zeit, die zu Raum wird (dazu später mehr), beherrscht werden. Konsequenterweise entziehen sich die letzten beiden Strophen des Gedichts dem Schema, übersteigen es. Die Klammer erfolgt vertikal durch den Endreim (Stunden – Runden, Runden – Wunden) und horizontal durch den Vers-immanentem Reim (Rand – Wand, Rand – gebannt) in der dem Endreim folgenden bzw vorangehenden Zeile. Das wird noch einmal in anderer Weise wiederholt im Aufbau der beiden "Ich fall zurück" Strophen.

In der Klammerung und der leeren Mitte wird der Kampf des zurückbleibenden LI mit dem alltäglichen Leben thematisiert, das nur noch dahinzulaufen scheint, das nur als ein paar Extrarunden empfunden wird und in dem Außenstehenden beteuert wird, dass alles in Ordnung sei, obwohl es das nicht ist. Nur hier fehlt den Verben der ersten Person das "e" (wart, dreh, fall). Dem LI ist das E abhanden gekommen (Energie, Elan). Das konsequente Versmaß und der Endreim in Strophe 6 waren als die Manifestierung von sinnentleerter Ordnung gedacht.

Während die ersten zwei Strophen trotz allem in der Aufforderung zu warten noch etwas Optimistisches haben, kippt das Gedicht nach der Klammerung in Strophe 10 ins Verzweifelte, weil das LI den geliebten Menschen (das LD) nicht mehr in seinem Dasein findet (Sein wird zu Erinnerung, wird flach und konturlos). Erst als sich das LI erinnert, was die beiden vorher 'gewusst' hatten, wendet sich die Stimmung wieder - um es mit W. Faulkner auszudrücken, auch wenn er etwas Anderes damit gemeint hat: "Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen" (The past is never dead. It's not even past). Das Gedicht greift die These auf und verändert sie, legt nahe, dass die Zeit einschließlich der Vergangenheit wie der Raum ist, wo prinzipiell jeder Bereich zugänglich ist, nichts unwiderruflich verschwindet (wird → dort, ist → hier, war → da). Die "tief geschlossenen Augen" sind eine Anspielung, die auf der Gleichsetzung von Sehen und Verstehen oder Wissen in manchen Sprachen (z.B. im Englischen und Altgriechischen) beruht und andeutet das dies 'Wissen' eine andere Art von Wissen sein muss, weil es für den Menschen nicht wirklich vorstellbar ist (da hat einen sowohl I. Kant wie auch die Neuropsychologie am Wickel).

Und die beiden letzten Strophen des Gedichts sind dann die Konsequenz aus der wiedergefundenen Erkenntnis. Die Vergangenheit wird zugänglich, ist ›da‹ (der erste und der fünfte Vers beginnen mit diesem Wort und bringen das LD für das LI sozusagen zurück, obwohl es ja nie weg war, wie es betont).

Wie schon erwähnt, das Gedicht lässt sich sicher weniger dramatisch auch als Wiederfinden der Zuversicht bei einer nur temporären Trennung interpretieren. In den Kommentaren wurden außerdem noch ein paar andere, interessante Punkte angesprochen, auf die ich demnächst noch eingehen möchte, wenn ich dazu die Zeit finde.


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Es sollte endlich Klarheit darüber bestehen, dass es uns nicht zukommt, Wirklichkeit zu liefern, sondern Anspielungen auf ein Denkbares zu erfinden, das nicht dargestellt werden kann. (Jean-François Lyotard)

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