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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Der Weichensteller - Kriminalszenario für Deutschland (Kapitel 0.1)


 

 
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Werther Herr Goete
Sonntagsschreiber


Beiträge: 27



BeitragVerfasst am: 07.03.2015 18:58    Titel: Der Weichensteller - Kriminalszenario für Deutschland (Kapitel 0.1) eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Nullpunkt: Donnerstag, 28. Juli 2016

0.1 Bei Holdorf (Oldenburger Land)

Kopfkino. Keine überflüssige Werbung, keine dröhnenden Vorschauen. Der Film beginnt sofort; sogar ohne Musik, sogar ohne Ton. Nur ein Paar Schuhe, große Herrenschuhe, in denen Füße stecken, Füße, die gehen. Bis zu den Knöcheln sieht man die Füße. Die Schuhe sind dunkelbraun, es sind Halbschuhe; ohne Muster, Leder, zeitlos im Design. Es könnten Halbschuhe aus jedem Jahrzehnt der vergangenen 50 Jahre sein. Schwarze Schnürsenkel. Schwarze Socken. Darüber schwarze Jeans. Der Mann geht.

Jetzt wird der Ton eingeblendet. Die zuerst braun beschuht nur zu sehen waren, jetzt sind sie auch zu hören, die regelmäßigen Schritte auf Asphalt, auf dem diese winzigen Geröllsteine liegen. Solche, die so knirschen, die so knarzen, im Wechsel, hier lauter, dort leiser, unter flachen, harten, profillosen Schuhsohlen. Während sie knirschen, wandert die Kamera langsam etwas zurück und etwas höher. Der Mann schiebt ein Fahrrad. Die Räder rollen lautlos. Die Schritte knarzen weiter. Bis hinauf zu den Oberschenkeln sind die Männerbeine in schwarzen Jeans zu sehen. Die gehen und schieben dabei ein dunkelblaues Fahrrad, wahrscheinlich ein  Mountainbike. Ganz deutlich ist das nicht zu erkennen, es ist nur zur unteren Hälfte eingeblendet. Aber die dicken Reifen mit dem kräftigen Profil deuten darauf hin.

Unvermittelt hält der Mann an, lehnt das Fahrrad an ein Geländer. Die Filmleute legen eine weitere Tonspur auf die Bilder, ein neues, regelmäßiges Geräusch. Das kennst du, so wie das Knirschen und das Knarzen, ein gleichbleibendes Gemisch aus zischender Luft und Brummen von Motoren, nah und fern zur selben Zeit. Eine Autobahn. Der Mann steht auf einer Autobahnbrücke. Das Fahrrad hat er an das Brückengeländer gelehnt.

Die Kamera weicht zurück und schwenkt etwas, wandert nun seitlich an dem Mann langsam nach oben, bleibt aber unterhalb der Nase stehen, zoomt wieder vor, so dass nur der Mund zu sehen ist. Auf der ganzen Leinwand nur ein Mund, ein Männermund. Die Aufnahme ist so deutlich, dass man die weißblonden Bartstoppeln des Mannes sieht. Eine Zigar ..., nein, keine Zigarette, ein Zigarillo wird in den Mund gesteckt, so ein schlankes, braunes, langes Ding. Die Kamera zoomt ein wenig zurück, kräftige Männerhände entfachen ein Feuerzeug, schützen die Flamme, die Flamme entzündet den Zigarillo. Die Filmleute legen das Geräusch knisternder Tabakglut über den Verkehrslärm: Man hört den Mann rauchen, man sieht den Mann rauchen. Er inhaliert, bläst eine Wolke aus, die bläuliche Rauchfahne verrät schwachen Wind, der dem Mann entgegen weht. Die Sonne scheint ihm auf den Mund.

Jetzt gönnt der Kameramann dir endlich die Perspektive des Mannes, tritt hinter den Mann, zoomt zurück, ändert den Winkel und lässt dich sehen, was der Mann sieht. Die dreispurige Fahrbahn einer Autobahn, wahrscheinlich irgendwo in Deutschland. Links unten brummt LKW an LKW, soweit das Auge reicht, ihm und dir entgegen und unter der Brücke her. Auf der mittleren Spur überholen PKW in mäßigem Tempo. Rechts zischen die Schnellfahrer heran und sind schon wieder weg. In der Ferne glimmt hier und da eine Lichthupe zwei, dreimal auf.

Die Kamera schwenkt. Der Mann bückt sich, bindet einen Schnürsenkel, den Zigarillo muss er dabei im Mund haben, denn den sieht man nicht. Nur Hände, die einen Schnürsenkel neu binden. Dann legt die rechte Hand wie beiläufig einen faustgroßen Stein auf den Brückenrand, direkt über die Fahrbahn der äußeren, von ihm und dir aus gesehen rechten Überholspur. Da schwant Schlimmes, ein mulmiges Gefühl gerinnt in der Magengegend, die Kamera fährt zurück, der Mann richtet sich wieder auf, man sieht die ganze Gestalt jetzt im Profil; der Mann ist weißblond. Ein sonnenbebrilltes, braungebranntes Gesicht schaut ohne die Bewegung eines Gesichtsmuskels in die Ferne. In schwarz-weiß kariertem Flanellhemd liegen, die Ärmel halb hochgekrempelt, seine Arme mit den Ellenbogen bald auf dem Geländer der Brücke, bald führt der Mann mit der Rechten seinen Glimmstengel zum Mund, zieht, inhaliert, bläst aus. Als er ausgeraucht hat, schnippst er den Zigarillo nicht brennend auf die Fahrbahn, sondern zerdrückt ihn sorgsam auf dem Brückengeländer, zerbröselt ihn mit beiden Händen, lässt die Tabakkrümel vom Wind davon wehen. Die Kamera zeigt das deutlich. Und unablässig hört das Ohr das Dröhnen der Laster, das Rauschen der PKW.

Da! Zoom! Nahaufnahme des rechten Fußes. Mit sogar aus dieser Nähe kaum merklicher Bewegung stößt der Schuh an den Stein. Die Kamera folgt. Der Stein fällt, fällt und fällt. Der Film zeigt Zeitlupe. Man sieht den Stein sich drehen, sieht kleine Quarze in der Sonne glitzern, sieht scharfe Kanten, Furchen, Krater. Der Stein fällt, fällt, langsam, langsamer, wird immer langsamer, noch langsamer und zertrümmert nach einer halben Ewigkeit die Windschutzscheibe, die ihm unerbittlich und eigentlich schon stundenlang irgendwoher entgegen gerast ist. Glas reißt, verästelt in tausend  Blitze, wird milchig. Die Filmleute können ihr Handwerk. In das langsame Bild komponieren sie den Originalton von splitterndem Glas, dazu grell quietschende Reifen, ohrenbetäubend lange. Die Kamera schwenkt,  lässt die Bilder gleichzeitig wieder normal laufen, zeigt, wie der Porsche auf der Rückseite der Brücke links gegen die Leitplanke knallt, sich überschlägt, auf die mittlere Spur geschleudert wird, dazu fürs Ohr jetzt das scheppernde Getöse von Metall, so wie es bei hoher Geschwindigkeit zusammengequetscht, innerhalb von Sekundenbruchteilen zu einem deformierten Klumpen wird, dann für Auge und Ohr ein Winzling, ein Fiat Panda, der in den Porscheklumpen quietschend hineinschlittert. Es scheppert, splittert, knallt, der folgende  Opel Astra rast in den Fiat hinein, es scheppert, splittert, birst, das dritte Fahrzeug hielt Gott sei Dank gerade genug Abstand und kann gerade noch bremsen, die Filmleute machen das Quietschen so trommelfellzerreißend, das einen Augenblick Totenstille zu herrschen scheint, als das Fahrzeug steht, obwohl rechts die Lkw noch unerschüttert vorbeidonnern. Dann, nach langen Sekunden, bremst ein roter, Sattelschlepper, unbeladen, der Fahrer steigt aus, rennt zur Unfallstelle, das Handy am Ohr, um erste Hilfe zu leisten. Hinter ihm und den verunglückten Fahrzeugen bildet sich unausweichlich einer der Staus, die sich zigfach und täglich auf deutschen Autobahnen bilden. Innerhalb von zwei Minuten wird die Schlange unüberschaubar. Die Kamera schwenkt zurück. Sie zeigt dir hinter dem Mann stehend einen Stau. Lange.

Lange. Der Mann nimmt irgendwann scheinbar ungerührt das Fahrrad, wendet sich um, überquert, das Rad schiebend, die Fahrbahn der sonnenbeschienenen einsamen schmalen Landstraßenbrücke, lehnt das Gefährt an das Geländer auf der anderen Seite des Brückengeländers, greift in eine schwarze Umhängetasche, holt etwas hervor, bückt sich, legt es am äußersten Brückenrand über der äußeren Überholspur der auch dort dreispurigen Fahrbahn ab, richtet sich auf, legt die entblößten Oberarme auf das Brückengeländer und betrachtet, flanellhemdbekleidet, weißblond, braungebrannt, sonnenbebrillt, für die unten entgegenkommenden Fahrzeugführer wie ein harmloser Radfahrer wirkend, den Verkehr. Die ganze dreispurige Fahrbahn rechts vor ihm ist wie leergefegt. Als ein riesiges Gespenst liegt sie da, die leere Autobahn, Gespenst am helllichten Tag. Doch links des Gespenstes lichthupen die Porsche, die BMW, die Mercedes als ginge sie das gar nichts an. Während du weißt: Das stimmt nicht ganz. Das stimmt sogar überhaupt nicht. Es geht sie etwas an. Wären Menschen nicht immer wieder so verdammt ignorant, wären sie doch nicht so wahnsinnig ignorant, wären viele von ihnen wahrscheinlich auch morgen noch am Leben.

Und der Mann? Der ist auf jeden Fall am Leben und wird, nachdem er einem Stein, vielleicht auch zweien, einen winzigen Tritt versetzt hat, in aller Seelenruhe davon radeln.

12Wie es weitergeht »




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Werther Herr Goete
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Beiträge: 27



BeitragVerfasst am: 07.03.2015 19:44    Titel: Uffuff! pdf-Datei Antworten mit Zitat

Embarassed Liebe Leute, jetzt bin ich sehr unsicher! Hab' ich was missverstanden? Der Text sollte als "Einstand" in die entsprechenden Rubrik, nicht als Thema für die Allgemeinheit gepostet werden. Wie krieg ich denText hier weg und dort hin, in diese Einstand-Rubrik? Bitte um Hilfe und entschuldige mich in aller Form!

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Jack Burns
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BeitragVerfasst am: 07.03.2015 21:28    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Herr Goete,

Am Besten: eine PN an einen der Moderatoren schicken.
Der Einstand ist zum öffentlichen Vorstellung gedacht. Ich glaube, man könnte die Option: "für registrierte Benutzer" anklicken. Allerdings sind das immer noch sehr viele Leser.

Grüße
Martin


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Werther Herr Goete
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Beiträge: 27



BeitragVerfasst am: 07.03.2015 21:58    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Habe ja nix gegen viele Leser. Möchte nur nicht aus purer Laienhaftigkeit gegen die Regeln hier verstossen. Wenn es ok ist, dass der Text da bleibt, wo er ist, soll er da bleiben. Wenn es nicht ok ist, soll er weg.

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Bananenfischin
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BeitragVerfasst am: 07.03.2015 22:22    Titel: Antworten mit Zitat

Der "Einstand" ist der Ort, an dem Neulinge ihre ersten beiden Texte einstellen (nicht nur zum Lesen, sondern auch zum daran Werkeln), bevor die weiteren Texte dann in der Werkstatt oder im Feedback gepostet werden können. Insofern müsste dein Text hier also richtig stehen.

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»Ob ich mir eine Dramatisierung meiner Bücher vorstellen kann? Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, in meinen letzten vier Büchern gibt es keine Handlung.« (Andreas Maier im Gespräch mit Raimund Fellinger, 2015)
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Kaja_Fantasy
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BeitragVerfasst am: 08.03.2015 00:04    Titel: Antworten mit Zitat

Da ja nun ausreichend diskutiert worden ist, ob der Text da richtig ist/ war, wo er ist/ war und wo er hin soll, nun zum Text:
Am Anfang hat mich die Schreibweise nicht so überzeugt, weil nichts passiert ist und ich dachte, das würde ja gleich aufhören, letztendlich hat es mich aber doch in den Bann gezogen.
Natürlich besteht das Problem, dass der Leser quasi alles vorgekaut kriegt, man liest ja eigentlich einen Film -finde ich aber eigentlich total cool und spannend, denn das ist eben fast so, wie einen Film zu gucken -nur ohne unfähige Regisseure, Drehbuchautoren, Schauspieler und Synchronsprecher, außerdem kann man bei Bedarf das Buch sinken lassen um nochmal nachzudenken oder sogar zurückblättern -zumindest theoretisch, denn das ist alles in allem also ganz cool, nur habe ich keinerlei Vorstellung davon, wo du damit jetzt hin willst, denn ich glaube, über ein gesamtes Buch hinweg kann man diesen Stil dann wohl kaum durchhalten -wird ja auch am Schluss dann schon anders-, also ist das jetzt irgendwie der Vorspann oder so. (Huppala, Bandwurmsatz.)Aber wie geht es weiter? Mir fehlt etwas zum Anknüpfen, um das Inhaltliche beurteilen zu können, also kann ich nur zur Spache sagen: Manchmal hakt es noch ein wenig. Werde das mal im text verdeutlichen.
Zitat:
Nullpunkt: Donnerstag, 28. Juli 2016

0.1 Bei Holdorf (Oldenburger Land)

Kopfkino. Keine überflüssige Werbung, keine dröhnenden Vorschauen. Der Film beginnt sofort; sogar ohne Musik, sogar ohne Ton. Ich verstehe, dass hier als rhetorisches Stilmittel eine Anapher gewählt worden ist, aber ich finde das an der Stelle aber nicht so passend. Nur ein Paar Schuhe, große Herrenschuhe, in denen Füße stecken, Füße, die gehen. Bis zu den Knöcheln sieht man die Füße. Die Schuhe sind dunkelbraun, es sind Halbschuhe; ohne Muster, Leder, zeitlos im Design. Es könnten Halbschuhe aus jedem Jahrzehnt der vergangenen 50 Jahre sein. Schwarze Schnürsenkel. Schwarze Socken. Darüber schwarze Jeans. Der Mann geht. Der Absatz ist quasi gespickt mit Wiederholungen, das seltsame ist, manchmal stört es mich, manchmal finde ich es gut, also guck da besser selbst noch mal drüber. In jedem Fall musst du aber entweder weglassen, dass die Füße gehen, oder dass der Mann geht, beides zusammen wiederholt sich dann.

Jetzt wird der Ton eingeblendet. Die zuerst braun beschuht nur zu sehen waren, jetzt sind sie auch zu hören, die regelmäßigen Schritte auf Asphalt, auf dem diese winzigen Geröllsteine liegen. Der Satz ist etwas verwurschtelt, man kommt da nicht so richtig rein und Schritte sind nicht beschuht. Füße ja, aber Schritte nicht. Solche, die so knirschen, die so knarzen, im Wechsel, hier lauter, dort leiser, unter flachen, harten, profillosen Schuhsohlen. Während sie knirschen, Hier wechselst du irgednwie zwischen der Beschreibung der knirschenden Steinschen im Allgemeinen und der der knirschenden Steinchen im Besonderen. Das ist verwirrend, ich würde einfach nur die knirschenden Steinchen im Besonderen beschreiben.  wandert die Kamera langsam etwas zurück und etwas höher. Der Mann schiebt ein Fahrrad. Die Räder rollen lautlos. Das bezweifle ich. Also es könnte ein Fehler im Film sein -aber dann würde ich das nochmal direkt schreiben, so als Kommentator, ist ja im restlichen Text auch. Denn ansonsten knirschen auch Fahrradräder auf diesen Steinchen. Die Schritte knarzen weiter. Bis hinauf zu den Oberschenkeln sind die Männerbeine in schwarzen Jeans zu sehen. Die gehen und schieben dabei ein dunkelblaues Fahrrad, Das wissen wir doch alles schon, schreib einfach nur über die Vermutung mit dem Mountainbike. wahrscheinlich ein  Mountainbike. Ganz deutlich ist das nicht zu erkennen, es ist nur zur unteren Hälfte eingeblendet. Aber die dicken Reifen mit dem kräftigen Profil deuten darauf hin.

Unvermittelt hält der Mann an, lehnt das Fahrrad an ein Geländer. Die Filmleute legen eine weitere Tonspur auf die Bilder, ein neues, regelmäßiges Geräusch. Das kennst du, Das ist jetzt das erste Mal, dass der Leser direkt angesprochen wird, würde mir das lieber zweimal überlegen, anosonsten einfach "Das kennt man". so wie das Knirschen und das Knarzen, ein gleichbleibendes Gemisch aus zischender Luft und Brummen von Motoren, nah und fern zur selben Zeit. Eine Autobahn. Der Mann steht auf einer Autobahnbrücke. Das Fahrrad hat er an das Brückengeländer gelehnt. Da fehlt mir die Kamerabewegung.

Die Kamera weicht zurück und schwenkt etwas, wandert nun seitlich an dem Mann langsam nach oben, bleibt aber unterhalb der Nase stehen, zoomt wieder vor, so dass nur der Mund zu sehen ist. Auf der ganzen Leinwand nur ein Mund, ein Männermund. Neenee, der Mann hat keinen Männermund, der hat einen Frauenmund, weißte? Die Aufnahme ist so deutlich, dass man die weißblonden Bartstoppeln des Mannes sieht. Eine Zigar ..., nein, keine Zigarette, ein Zigarillo wird in den Mund gesteckt, so ein schlankes, braunes, langes Ding. Die Kamera zoomt ein wenig zurück, kräftige Männerhände entfachen ein Feuerzeug, schützen die Flamme, die Flamme entzündet den Zigarillo. Die Filmleute legen das Geräusch knisternder Tabakglut über den Verkehrslärm: Man hört den Mann rauchen, man sieht den Mann rauchen. Er inhaliert, bläst eine Wolke aus, die bläuliche Rauchfahne verrät schwachen Wind, der dem Mann entgegen weht. Die Sonne scheint ihm auf den Mund. Der Satz wirft einen so bisschen raus.

Jetzt gönnt der Kameramann dir endlich die Perspektive des Mannes, Da wird wieder der Leser direkt angesprochen, finde ich auch hier nicht so gelungen, würde das durch "einen" ersetzen. tritt hinter den Mann ihn, zoomt zurück, ändert den Winkel und lässt dich sehen, was der Mann sieht. Indem du sagtst, dass uns die Perspektive des Mannes gegönt wird, ist klar, dass wie sehen, was er sieht. Die dreispurige Fahrbahn einer Autobahn, wahrscheinlich irgendwo in Deutschland. Woran ist das denn jetzt festgemacht? Außerdem ist mir nach wie vor die vorherige Kameraeinstellung, also die mit dem "er steht auf einer Autobahnbrücke" unklar, wie kann man das denn sehen, ohne auch die Autobahn zu sehen, die du erts jetzt konkret bschreibst? Das würde klarer, wenn nur vermutet wird, dass er auf einer Autobahnbrücke steht, und nun seht man den Verdacht bestätigt. Links unten brummt LKW an LKW, soweit das Auge reicht, ihm und dir und dem Zuschauer entgegen und unter der Brücke her. Auf der mittleren Spur überholen PKWs in mäßigem Tempo. Rechts zischen die Schnellfahrer heran und sind schon wieder weg. In der Ferne glimmt hier und da eine Lichthupe zwei, dreimal auf.

Die Kamera schwenkt. Der Mann bückt sich, bindet einen Schnürsenkel, den Zigarillo muss er dabei im Mund haben, denn den sieht man nicht. Nur Hände, die einen Schnürsenkel neu binden. Gib uns doch nicht immr Info, die wir schon haben! Dann legt die rechte Hand wie beiläufig einen faustgroßen Stein auf den Brückenrand, direkt über die Fahrbahn der äußeren, von ihm und dir aus gesehen rechten Überholspur. Da schwant Schlimmes, ein mulmiges Gefühl gerinnt in der Magengegend, die Kamera fährt zurück, der Mann richtet sich wieder auf, man sieht die ganze Gestalt jetzt im Profil; der Mann ist weißblond. Das hat mich total gewundert, da hat man die ganze Zeit diesen mysteriösen Mann und dann wird sein Aussehen einfach preis gegeben? Ein sonnenbebrilltes, braungebranntes Gesicht schaut ohne die Bewegung eines Gesichtsmuskels in die Ferne. In schwarz-weiß kariertem Flanellhemd liegen, die Ärmel halb hochgekrempelt, seine Arme mit den Ellenbogen bald auf dem Geländer der Brücke, bald führt der Mann mit der Rechten seinen Glimmstengel zum Mund, bald den Glimmstängel zum Mund führend zieht, inhaliert, bläst aus. Als er ausgeraucht hat, schnippst er den Zigarillo nicht brennend auf die Fahrbahn, sondern zerdrückt ihn sorgsam auf dem Brückengeländer, zerbröselt ihn mit beiden Händen, lässt die Tabakkrümel vom Wind davon wehen. Die Kamera zeigt das deutlich. Und unablässig hört das Ohr das Dröhnen der Laster, das Rauschen der PKW.

Da! Zoom! Nahaufnahme des rechten Fußes. Mit sogar aus dieser Nähe kaum merklicher Bewegung stößt der Schuh an den Stein. Ich würde vorher irgendwie anders beschreiben, wo er den Stein hinlegt, war jetzt irritiert, weil ich irgednwie gelesen habe, dass er ihn aufs Brückengeländer legt. Die Kamera folgt. Der Stein fällt, fällt und fällt. Der Film zeigt Zeitlupe. Man sieht den Stein sich drehen, sieht kleine Quarze in der Sonne glitzern, sieht scharfe Kanten, Furchen, Krater. Der Stein fällt, fällt, langsam, langsamer, wird immer langsamer, noch langsamer und zertrümmert nach einer halben Ewigkeit die Windschutzscheibe, die ihm unerbittlich und eigentlich schon stundenlang irgendwoher entgegen gerast ist. Glas reißt, verästelt in tausend  Blitze, wird milchig. Die Filmleute können beherrschen ihr Handwerk. In das langsame Bild komponieren sie den Originalton von splitterndem Glas, dazu grell quietschende Reifen, ohrenbetäubend lange. Die Kamera schwenkt,  lässt die Bilder gleichzeitig wieder normal laufen, zeigt, wie der Porsche auf der Rückseite der Brücke links gegen die Leitplanke knallt, sich überschlägt, auf die mittlere Spur geschleudert wird, dazu fürs Ohr jetzt das scheppernde Getöse von Metall, so wie es bei hoher Geschwindigkeit zusammengequetscht, innerhalb von Sekundenbruchteilen zu einem deformierten Klumpen wird, dann für Auge und Ohr ein Winzling, ein Fiat Panda, der in den Porscheklumpen quietschend hineinschlittert. Es scheppert, splittert, knallt, der folgende  Opel Astra rast in den Fiat hinein, es scheppert, splittert, birst, das dritte Fahrzeug hielt Gott sei Dank gerade genug Abstand und kann gerade noch bremsen, die Filmleute machen das Quietschen ist so trommelfellzerreißend, das einen Augenblick Totenstille zu herrschen scheint, als das Fahrzeug steht, Irgendwie ist der Satz bisschen komisch, mt den Zeiten stimmt da was nicht, ich würde das so machen, also ganz anders: "...kann gerade noch bremsen, das Quietschen ist trommelfellzerreißend- Stille. Der Wagen steht. Erst allmählich nimmt man das Vorbeidonnern der LKWs wieder wahr." obwohl rechts die Lkw noch unerschüttert vorbeidonnern. Dann, nach langen Sekunden, bremst ein roter, Sattelschlepper, unbeladen, der Fahrer steigt aus, rennt zur Unfallstelle, das Handy am Ohr, um erste Hilfe zu leisten. Hinter ihm und den verunglückten Fahrzeugen bildet sich unausweichlich einer der Staus, die sich zigfach und täglich auf deutschen Autobahnen bilden vorkommen. Innerhalb von zwei Minuten Nein, ganz sicher nicht, zwei Minuten in Echtzeit, aber nur vielleicht eine halbe in Filmzeit -höchstens. wird die Schlange unüberschaubar.  Die Kamera schwenkt zurück. Sie zeigt dir hinter dem Mann stehend einen Stau. Lange. Hä? Einen Stau? Den Stau! Also so: "Die Kamera schwenkt zurück. Hinter dem Mann stehend zeigt sie den Stau. Lange."

Lange. Der Mann nimmt irgendwann scheinbar ungerührt das Fahrrad, wendet sich um, überquert, das Rad schiebend, die Fahrbahn der sonnenbeschienenen einsamen schmalen Landstraßenbrücke, lehnt das Gefährt an das Geländer auf der anderen Seite des Brückengeländers, greift in eine schwarze Umhängetasche, Was? Wo kommt die denn mit einem Mal her? Das geht so nicht! holt etwas hervor, bückt sich, legt es am äußersten Brückenrand über der äußeren Überholspur der auch dort dreispurigen Fahrbahn ab, richtet sich auf, legt die entblößten Oberarme auf das Brückengeländer und betrachtet, flanellhemdbekleidet, weißblond, braungebrannt, sonnenbebrillt, für die unten entgegenkommenden Fahrzeugführer wie ein harmloser Radfahrer wirkend, den Verkehr. Die ganze dreispurige Fahrbahn rechts vor ihm ist wie leergefegt. Als ein riesiges Gespenst liegt sie da, die leere Autobahn, Gespenst am helllichten Tag. Doch links des Gespenstes lichthupen die Porsche, die BMW, die Mercedes "Lichthupen" ist kein Wort und wenn schon wäre es "der Porsche", "der BMW" und "der Mercedes", aber wieso Singular, kann sein, dass das die Wagen waren, die beim Unfall beteiligt waren -waren es aber nicht glaube ich, keiner merkt sich die Autotypen, das ist also nicht., als ginge sie das gar nichts an. Während du weißt: Das stimmt nicht ganz. Das stimmt sogar überhaupt nicht. Es geht sie etwas an. Wären Menschen nicht immer wieder so verdammt ignorant, wären sie doch nicht so wahnsinnig ignorant, wären viele von ihnen wahrscheinlich auch morgen noch am Leben. Da ist das Ansprechen des Lesers dann mal gelungen.

Und der Mann? Der ist auf jeden Fall am Leben und wird, nachdem er einem Stein, vielleicht auch zweien, einen winzigen Tritt versetzt hat, in aller Seelenruhe davon radeln.

Hab jetzt doch zu allem was geschrieben, nicht nur zur Sprache.
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Werther Herr Goete
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BeitragVerfasst am: 08.03.2015 07:22    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hab' vor der Bettruhe heute Nacht noch kurz deine Kritik gelesen - vielen Dank für deine Mühe! Und während ich schlief, dachte "es" (nein, Freud lässt nicht grüssen) dann: Warum habe ich dieses so und jenes so gemacht? Warum will ich es genau so haben? (Du siehst, schon hier wiederhole ich mich fast - du hast recht, ich pflege einen anapherartigen Schreibstil.) Wenn du genau hinschaust, sind die Sätze aber inhaltlich nicht völlig identisch, und das sind sie auch nicht in dem Textstück. Auf diese Weise "rollt" nach meinem Empfinden der Text gegen das Ufer, das der Leser ist, wie die Wellen einer Brandung, und nimmt ihn (für sich) ein. Wie viel lieber schaue ich nicht auf die rollende Nordsee als auf die plätschernde Ostsee? Ich jedenfalls.

Dieser Text soll den Leser bedrängen, deshalb rücke ich ihm auch mit dem DU auf die Pelle. Das schafft (wenigstens bei einigen) Reaktion, man bleibt nicht neutral, DU bleibst nicht neutral - nicht wahr? Das DU ist aufdringlich, das MAN vornehm reserviert. (Schon wieder eine Anapher. Fast.) Ginge es nur um reine Information, die, einmal gegeben, als angekommen vorausgesetzt werden könnte, wäre diese rhetorische Figur (wie andere auch) überflüssig. Unter diesem Vorzeichen gebe ich dir recht. Aber es geht um mehr als Information, weit mehr - deshalb die vielen Worte.

Besonders (aber nicht nur) als Autor darf man Worte schaffen, wenn man sich dabei an die Regeln hält, die die Sprache vorgibt. "Lichthupen" als Verb ist so ein Wort. Dass du verstehst, obwohl es das Verb "nicht gibt", ist ein Anzeichen dafür, dass ich mich an die Regeln unserer Sprache gehalten habe, wenn auch nicht an alle in diesem Falle. Letzteres ginge auch nicht, sonst gäbe es überhaupt keine Neuschöpfungen. Nun kann man aber diskutieren, ob die Wortschöpfung gelungen ist. "Lichthupen" habe ich hier als Verb benutzt, weil der Leser dann stolpert und meiner Vorstellung nach dann rascher/sicherer/deutlicher eine Vorstellung von "lichthupenden Autos" im Kopf entsteht. Durch den kleinen Regelbruch erzeuge ich höhere Aufmerksamkeit als wenn ich schriebe: "In der Ferne blinkten/leuchteten hier und da Lichthupen auf".  Du kannst das ja bestätigen oder dementieren.

Mein künstlerisches Credo ist: Regeln müssen gebrochen oder wenigstens gedehnt werden, sonst entsteht keine Kunst, auch keine Schreibkunst. Die Kunst liegt in der Dosierung der Regelbrüche- oder Dehnungen - worauf man allerdings sehr wohl sagen kann: Für mich falsch/schlecht dosiert, werther Herr Goete. Dagegen könnte ich dann nichts mehr einwenden.
 
Danke dir für genaues Lesen. Du hast recht, es gibt eigentlich keinen Plural zu Porsche, BMW, Mercedes. Aber ich brauche einen hier. Darum werden es wohl in der Korrektur "die Porsches" werden.


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BeitragVerfasst am: 08.03.2015 07:26    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Schon wieder ein Regelbruch. Very Happy

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BeitragVerfasst am: 08.03.2015 12:17    Titel: Antworten mit Zitat

Kaja_Fantasy hat Folgendes geschrieben:
Da ja nun ausreichend diskutiert worden ist, ob der Text da richtig ist/ war, wo er ist/ war und wo er hin soll, nun zum Text:

Am Anfang hat mich die Schreibweise nicht so überzeugt, weil nichts passiert ist und ich dachte, das würde ja gleich aufhören, letztendlich hat es mich aber doch in den Bann gezogen.


Also, @Werther Herr Goete, dieses Zitat stammt aus einer ellenlangen Kritik, die ich nicht gelesen habe, da ich lieber meine eigene Meinung schreibe. Und, da mir der Beginn des obigen zweiten Satzes, nicht so gefallen hat, die Fortführung aber schon.

Ich finde, das du einen sehr guten Text geschrieben hast. Dein Stil, der Inhalt deiner Geschichte, die Länge deiner Sätze und die Gestaltung deiner Absätze, haben mir sehr gefallen.

Deine Schreibweise ist so, wie ich sie selber ein bisschen anstrebe.

Natürlich hoffe ich, einen eigenen Stil zu haben. Und einige Schriftsteller, die ich besonders schätze, gibt es auch. Ich hole gerne die Meinung von anderen Leuten ein. Das hat mir schon sehr geholfen. Doch vor allem versuche ich, so zu schreiben, wie es mir gefällt. - Und das solltest du auch tun!

Deine Textprobe ist das Beste, was ich bisher im Forum gelesen habe. Nur am Ende könntest du vielleicht noch etwas verbessern. Es könnte  etwas länger werden. Und von dem letzten Absatz war ich nicht völlig überzeugt.

Ich hoffe, das du Erfolg mit deinen Geschichten hast und sende dir viele Grüße

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Werther Herr Goete
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BeitragVerfasst am: 08.03.2015 12:53    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Na, für das Lob bedanke ich mich aber sehr! Embarassed  Da ja auch schon dein Vorredner im Grunde eine Fortsetzung vermisst hat, hier ein kleiner Hinweis: Es standen ja nur 2000 Wörter zur Verfügung, deshalb musste ich mich begrenzen. Das Ganze ist der erste Teil des ersten Kapitels zu dem Buchtitel, der in der Betreffzeile angegeben ist. Der lässt sich ja bei etwas Eigeninitiative auch woanders finden und ausführlicher probelesen.

Aber ich schliesse dann gleich mal einen zweiten Text als Einstand an, den ich persönlich gelungen finde, für den ich aber mehrfach kritisiert worden bin. Was meint die illustre Leserschaft von dsfo? Bitte ebenso direkt kritisieren wie vorher - was anderes bringt nix! Ich kürze den Einstieg etwas, damit die Länge von 2000 Wörtern nicht überschritten wird.


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Werther Herr Goete
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BeitragVerfasst am: 08.03.2015 13:06    Titel: Kapitel 4: Womöglich Donnerstag, 15. Mai 2014 Frankfurt/Main, Gutleutviertel pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ein sehr blonder Mann betrat die Autonomen-Kneipe in Frankfurt. Wer lange genug gelebt hat, um in den 80ern zwischen 20 und 35 gewesen zu sein, fühlte sich dort sofort in alte Zeiten zurückversetzt. Aus den Lautspre­chern verklangen gerade die letzten Takte eines Reggae-Songs. Das nächste Stück war instrumental, Acid-Jazz. Alte, mehr oder weniger verschlissene Sofas und Sessel boten den Gästen ihre Sitzplätze, definitiv keine IKEA-Wa­re, noch definitiver kein altdeutscher Kneipenstil. Durch die großen Fenster flutete das Licht der Nachmittagssonne in den vielleicht 100 Quadratmeter großen Raum, an dessen Ende sich eine moderne Kuchenglastheke befand, dahinter Gläser, Tassen, Teller, Maschinen, alles, was man für den modernen Café-Betrieb braucht.  An die Theke schloss sich übergangslos ein undurch­sichtiger Holztresen, mit einigen Barhockern davor, an. Der Stuck an der weiß gestrichenen, aber etwas vergilbten Decke, an der sich auch ein Venti­lator langsam drehte, erinnerte daran, dass es in Deutschland einmal eine Gründerzeit gegeben hat. Die wenigen Gäste repräsentierten alle Alters­schichten, hier ein Student von vielleicht fünfundzwanzig Jahren, dort zwei Mütter Anfang dreißig mit je einem schlafenden Baby im Kinderwagen; am Tisch direkt an der Tür saßen ein Mann und eine Frau, sie vielleicht Mitte vierzig, er etwas älter, in der Mitte des Raumes auf einem Sofa ein ergrauter Zeitungsleser um die Sechzig mit gelbem Zeige- und Mittelfinger von den vielen Zigaretten seines Lebens. ... Das ganze Etablissement strahlte eine Art linksradikalen Konservatismus aus; für den distanzierten Betrachter war es, als könne man hier einem zukünftigen politischen Fossil bei seiner langsamen Versteinerung zusehen, was die Betreiber der Kneipe sicher weit von sich gewiesen hätten. ...

Der sehr blonde Mann ging in Richtung Theke und Tresen, seine Sonnen­brille nahm er nicht ab. Die hübsche braunäugige Bedienung dahinter, mit kurzem, hennarot gefärbtem Haar und grünem Streifen darin, einen Brillant in den kleinen, linken Nasenflügel gepierct, an Punkerzeiten erinnerndem Halsband um den Nacken, Anfang vierzig, hatte sicher mal Architektur oder Soziologie studiert. Auf den Mann hatte sie unmittelbar mit distanzierter Kühle reagiert, als sie den augenscheinlich hier fehlplatzierten Gast von ih­rem Platz hinter der Theke zur Tür hereinkommen sah.

«'Jaja, so blau, blau, blau blüht der Enzi ...'. Mann, was willst du denn hier?» hatte Renate gedacht, sich spontan umgedreht und sich mit dem Rücken zur Eingangstür daran gemacht, den Espressoautomaten zu reini­gen.  Aber ewig konnte sie ja nicht so stehen bleiben. Sie drehte sich nach ei­nigen langen Sekunden dem durchaus unwillkommenen Gast zu und zwang sich zu einem Lächeln: «Und was hättest du gerne?» Hier im Kollektiv wur­de geduzt, hier war jeder gleich viel wert, das konnte der Kerl sich sofort hinter die Ohren schreiben.

«Eine Cappuccino, please!» sagte der Mann, mit einer auffällig warmen, tiefen Sprechstimme.
Renate war völlig überrascht. Sie schämte sich augenblicklich ihres Vor­urteils. «Sure!» antwortete sie und fragte, während sie sich am Kaffeeauto­maten zu schaffen machte, über die Schulter gewandt: «Where do you come from?»
«From America», sagte der Angesprochene. «Aber ich spreche eine wenig Deutsch und ich verstäihe allmeist alle. Sie können sprechen Deutsch zu mich.»
«But I speak English, too», sagte Renate lächelnd. Das zischende Geräusch des Milchschäumers machte die Fortsetzung der Unterhaltung für einen Au­genblick unmöglich.
«Oh, no, please. Bitte», sagte der Mann mit der angenehmen Bassstimme und lächelte gar nicht unsympathisch, als Renate ihm die Tasse hinstellte. «Ich habe gelernt Deutsch in viele Jahre, aber es ist so schwer zu mich, weil so viele people sprechen English here. Bitte sprechen Sie Deutsch zu mich!»
«Wenn der doch bloß die blöde Sonnenbrille abnehmen würde. Der sähe wahrscheinlich richtig nett aus!», dachte Renate. In Ermangelung weiterer Gäste blieb sie hinter der Theke stehen, goss sich selbst einen Kaffee ein und fragte neugierig: «Bist du schon lange in Deutschland?»
«Oh, yes, viere Jahre», war die Antwort, wobei Renate nicht verstand, ob der Amerikaner 'vier' oder 'viele' meinte.
«Ich bin eine Künstler from Oclahoma», erzählte er weiter. «Ich habe be­kommen eine Exchange Stipend an die Kunsthouchschule hier in Frank­furt viere Jahre bevor.»
«Oh, that's interesting. Und? Gefällt es dir in Deutschland?» wollte Renate wissen.
«Oh, yes, it's a very nice country», sagte der Mann. «Es ist, in eine Weg, die Grund warum ich würde schätzen zu sprechen mit dich.»
Renate war einmal mehr überrascht: «Du willst mit mir reden?» Dann sollte der Kerl nun wirklich die Sonnenbrille abnehmen, das gehörte sich in Deutschland so.
«Oh, no, sorry! Not what you think, excuse me!» entschuldigte sich ihr Ge­genüber, spürbar verlegen. «Ich haben zu erklären. You know, ich haben ge­wesen on your homepage, ich haben gesehen, dass Sie haben eine workshop for the – how do you say in German – environment?»
«Arbeitskreis Umwelt?»
«Yes, of course, eine Arbäitskräis Umwelt. Ich würde schätzen zu bekom­men in contact mit diese people. Können Sie vielleicht helfen mich?»
«Ich bin selbst Mitglied da», lächelte Renate über das amüsante Kauder­welsch des Amerikaners. «Und du brauchst nicht ständig 'Sie' zu sagen. 'Du' ist völlig in Ordnung.»
«Oh, thanks. Aber Sie verstäihen, es ist viele mehr einfach zu mich zu sa­gen 'Sie'. Dann ich nicht muss erinnern alle diese viele Endungen man ha­ben in das deutsche Sprache. You see?» Er nahm einen Schluck aus der Kaf­feetasse und lächelte: «But I did not understand diese erste Wort Sie haben gesagt. Sie sind eine Mit ..., Mit ..., Mit...what?»
Renate sah ihn einen Augenblick verwirrt an. «Ah, Mitglied», dämmerte es ihr dann. «Member.»
«Yeah, of course, eine Mitgläid. That's very nice. Tuen Sie haben eine Lei­ter in diese Arbäitskräis?»
Renate stutzte wieder, dann lachte sie offen:
«Einen Leiter meinst du? Oder eine Leiterin? Nein, wir haben keinen Lei­ter und keine Leiterin. Autonome fassen alle Beschlüsse gemeinsam oder gar nicht.»
«Oh, yes, I understand», sagte der Mann, wobei Renate sich allerdings fragte, ob das so stimmen konnte. Doch der Mann beugte sich etwas vor und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: «I've greetings from the Anonymous Mo­vement in the US.»
Plötzlich war Renate elektrisiert. Die Sonnenbrille war dabei, eine alter­native Erklärung zu bekommen. Sie sah den Mann mit großen Augen an, der, als würde er ihre Gedanken lesen, bestätigte: «Das ist die Grund für diese sunglasses, you know?»
Renate war sich nicht sicher, ob sie das wusste, aber sicher war auf jeden Fall, dass dieser Mann weder ein zufälliger noch ein gewöhnlicher Gast war. «Okay», sagte sie abwartend, doch immer noch lächelnd. «Was willst du?»
«Ich würde lieben zu treffen Ihre Arbäitskräis und zu sprechen zu es», bot der Mann sein anscheinend höflichstes Deutsch auf.
«Aha. Und warum willst du das?» fragte Renate, nun etwas reservierter.
«Because of the environment, wegen das Umwelt of course. Perhaps wir können arbäiten zusammen. Ich würde schätzen zu machen eine Vorschlag. It is very necessary. Es ist sehr notwendig», übersetzte der Mann sich selbst.
Renate war ratlos. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Gott sei Dank hatte sie das Kollektiv, sie musste nichts alleine entscheiden. «Das kommt ein bisschen überraschend. Ich muss mit den anderen darüber re­den», sagte sie. «Wie kann ich dich erreichen?»
Der Mann kritzelte eine Telefonnummer auf einen Bierdeckel. «Send eine short message zu mich. Simply write «Arbäitskräis Umwelt okay. Day, time and location.» If I answer, I'll be there. If not, not. Is that okay?»
Renate zögerte einen Augenblick. Sie sah den Mann eindringlich an und versuchte, die Sonnenbrille gewissermaßen zu durchröntgen. Aber die Au­gen des Mannes blieben ihr verborgen. «Woher weiß ich, dass du nicht vom Verfassungsschutz bist?» fragte sie plötzlich.
«From the what?»
«CIA. FBI. Secret service. Something like that!»
«Oh! Yes! No! That you can't know.»
«Wenn ich das nicht wissen kann, warum soll ich dir dann trauen?»
«Sie sollen nicht trauen mich.» Der Mann betonte sein 'mich' überdeut­lich. «Sie sollen nur trauen arguments. We are the Anonymous. Wir nur trauen in arguments, not persons.»
«Warum soll ich dir trauen, wenn du mir dein Gesicht nicht zeigst?
«Wenn ich wollte nehmen ab meine sunglasses, what would you win?»
«Ich würde deine Augen sehen!»
«Und dann Sie können trauen mich mehr?» fragte der Mann mit seinem Lächeln ohne Augen. «Und können Sie trauen mich mehr cause I'm smiling now?»
Renate war verunsichert. Was wollte dieser Kerl?
«Etwas mehr auf jeden Fall.»
«Warum das? Haben Sie nie experienced – what do you say in German – er ..., er ..., haben Sie nie er-fah-ren, dass Augen können lügen? Und eine Lä­cheln auch?»
Renate wurde noch unsicherer und dachte einen Augenblick nach. Doch, natürlich hatte sie erfahren, dass Augen lügen können und ein Lächeln falsch sein kann. Ein ehrliches Gesicht, was immer das war, konnte sehr wohl über wahre Absichten hinwegtäuschen. Aber trotzdem, Augen waren wichtig, besonders für eine Frau.
«Doch, natürlich hab' ich die Erfahrung gemacht», sagte sie. «Aber ich habe auch erfahren, dass Augen zeigen, ob jemand es ehrlich meint.»
«In private relationships you may be right», räumte der Amerikaner ein. «But not in politics. In politics Sie müssen niemals trauen Augen und Lä­cheln. Ich sprechen über das Umwelt. That means politics, not private relati­onships.»
Die Frau hinter der Theke nahm sich zwei, drei weitere Sekunden zum Denken. «So habe ich das noch nicht gesehen», sagte sie dann. «Okay, Politik dann. Und was willst du damit sagen?»
«Wir in die Anonymous movement only trust at arguments. In politics die beste arguments must win, not persons. Dafür wir tragen masques wenn wir treffen und diskutieren. And», fügte er hinzu, «by the way, wir auch nicht haben Leitern.»
«Ihr habt keine Leiter und tragt Masken, wenn ihr diskutiert?»
«Yes, in the States we do so. Dann wir nur hören auf die argument and auf die voice.» Der Mann nahm einen Schluck Kaffee: «Look,  arguments are only good or bad.» Der Mann nahm einen neuen Schluck und fuhr fort: «Nur gute oder schlechte arguments. Und ist es nicht viele mehr schwer zu ma­chen eine Voice lügen than eyes? So we hide the eyes, we hide the face. Wenn wir treffen another, die masques machen uns alle egal. So there is no leader. So wir eliminieren die Einfluss von die person who's speaking. In politics wir wollen dass the best arguments win, not persons.»
Renate wurde nachdenklich. Das stimmte ja irgendwie. Eine Stimme lü­gen zu lassen, das war schwer. Die zittert schnell, wenn man unlautere Ab­sichten hat. Und diese Diskussionstechnik, die war interessant und irgend­wie verwandt. Bei den Autonomen diskutierte man so lange, bis alle sich ei­nig waren, zumindest ein für alle annehmbarer Kompromiss herauskam. Da ging es in gewissem Sinne auch darum, den Einfluss der Person zu eliminie­ren. Beredte und charismatische Leute, die aufgrund ihrer Persönlichkeit Mehrheiten für sich gewinnen konnten, wurden so neutralisiert. Das war ein erklärtes Ziel der ganzen autonomen Bewegung. Keiner sollte über je­mand anderen herrschen.
«Okay», sagte Renate. «Und warum willst du uns treffen?»
«Das ich habe erzählt schon. Ich würde schätzen zu machen eine Vor­schlag zu die arbäitskräis. The international environment movement muss bekommen much stronger. And weil ich lebe in Deutschland zu die Zeit my job is to talk with the germans.»
«Okay», sagte Renate wieder. «Aber ich weiß immer noch nicht, ob du nicht doch vom Verfassungsschutz bist.»
«Oh, För-fas-sungs-what? You named this word, ich erinnere, but ich nicht erinnere die Meinung.»
«CIA. FBI. Secret service.»
«Oh, yes, jetzt ich erinnere. Listen, if I really were from diese För-fas-sungs-schutz», der Amerikaner hatte wirklich Mühe, das Wort auszuspre­chen, «es wollte sein meine Ziel, zu können beschreiben die persons von diese arbäitskräis, by exampel. Wouldn't it?»
Renate nickte.
«So, listen, ich wollte schlagen vor zu bringen mit mich a masque to evry participant of this meeting. So all participants wollten sein anonymous zu mich. Eine Mitgläid von diese För-fas-sungs-schutz would not do that, would it?»
«Da hast du recht, dass würden die wohl nicht tun», räumte Renate ein. «Aber mich kennst du ja jetzt. Du kannst mich beschreiben.»
«Sie haben gesagt very klarlich zu mich, dass Sie sind eine mitgläid von diese arbäitskräis. If that were a dangerous information to give me, you would not given it to me, right?» antwortete der Amerikaner. «I know not more about you than that.»
«Okay, das stimmt», gab Renate zu. Hm. Mehr wusste der in der Tat nicht. Das konnte ja wirklich ein interessantes Experiment werden. Renate sah vor sich die fünfzehn Mitglieder des Arbeitskreises maskiert diskutieren. Span­nend!
«Gut. Ich werd's den anderen vorschlagen», sagte sie. «Aber ich verspre­che nichts! Ist die Nummer hier auf dem Bierdeckel ein Prepaid-Handy?»
«Of course. And you have a prepaid-number, too?»
«Für solche Fälle, ja.»
Die beiden schwiegen einige Sekunden.
«Okay. Ich werd' mit den Anderen reden und schick' dir morgen Abend eine SMS», sagte Renate dann.
«Very nice! How many masques do we need for the arbäitskräis?» fragte der Amerikaner noch.
«Fünfzehn.»
«Okay! If all of you agree! Wenn Sie alle stimmen zu!» Der Weißblonde lä­chelte wieder sein sonnenbebrilltes Lächeln, von dem Renate nach diesem Gespräch wirklich nicht mehr entscheiden konnte, ob es höflich, freundlich, gewinnend, amüsiert, zufrieden oder aber falsch war, trank seine Tasse leer, zahlte und streckte über die Theke eine kräftige Männerhand zum Abschied hin. «Very nice to meet you. Auf Wiedersäihn!» sagte der Mann. Dann wand­te er sich um, verließ das Lokal und blieb nach wenigen Schritten noch einen Augenblick vor einem der drei großen Fenster stehen, gewisserma­ßen direkt neben der Theke, nur eben draußen auf dem Bürgersteig. Renate sah, wie der Mann sich einen Zigarillo anzündete.


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BeitragVerfasst am: 09.03.2015 09:10    Titel: Re: Der Weichensteller - Kriminalszenario für Deutschland (Kapitel 0.1) Antworten mit Zitat

Werther Herr Goete hat Folgendes geschrieben:
Der Mann nimmt irgendwann scheinbar ungerührt das Fahrrad, wendet sich um, überquert, das Rad schiebend, die Fahrbahn der sonnenbeschienenen einsamen schmalen Landstraßenbrücke, lehnt das Gefährt an das Geländer auf der anderen Seite des Brückengeländers, greift in eine schwarze Umhängetasche, holt etwas hervor, bückt sich, legt es am äußersten Brückenrand über der äußeren Überholspur der auch dort dreispurigen Fahrbahn ab, richtet sich auf, legt die entblößten Oberarme auf das Brückengeländer und betrachtet, flanellhemdbekleidet, weißblond, braungebrannt, sonnenbebrillt, für die unten entgegenkommenden Fahrzeugführer wie ein harmloser Radfahrer wirkend, den Verkehr.


Danke, @Werther Herr Goete, für deinen Kommentar bei meiner Geschichte. Ich muss aber auch noch etwas nachtragen: Beim ersten Mal habe ich deinen Text anscheinend doch nicht so genau gelesen, denn ich habe den obigen Satz gefunden.

Das ist ein ellenlanges Bandwurm-Monstrum von der übelsten Sorte. So etwas sollte verboten werden! An manchen Details musst du wohl doch noch arbeiten.

Ich hatte mal einen einzigen langen (aber nicht so langen) Satz in einem Text stehen und habe sofort die Rückmeldung vom Redakteur bekommen, das ich ihn doch bitte ändern soll.

Dafür kriegst du keine Blumen! Doch das kannst du besser!

Viele Grüße Legende
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Werther Herr Goete
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BeitragVerfasst am: 09.03.2015 15:32    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lies mal den Satz "Und die kleine Antonie ...", gleich am Anfang von Die Buddenbrocks.  Thomas Mann würde heute abgelehnt!

Stimmt also, der Satz ist lang. Aber nicht jeder lange Satz ist schlecht. Für mich ist die Frage nicht, ob er lang ist oder kurz, sondern ob er atmet und Rhytmus hat oder nicht. Nach meinem sprachmelodischen Geschmack klingt er gut, weshalb ich ihn so lasse.


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Harald
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BeitragVerfasst am: 10.03.2015 09:35    Titel: Antworten mit Zitat

Werther Herr Goete hat Folgendes geschrieben:
Nach meinem sprachmelodischen Geschmack klingt er gut, weshalb ich ihn so lasse.


Ich finde hier keine mitreißende Sprachmelodie, für mich ist dieser Satz teilweise eine durch Kommata getrennte Aufzählung von Tätigkeiten bzw. Aussehen

»Der Mann nimmt irgendwann scheinbar ungerührt das Fahrrad, wendet sich um, überquert, das Rad schiebend, die Fahrbahn der sonnenbeschienenen einsamen schmalen Landstraßenbrücke, lehnt das Gefährt an das Geländer auf der anderen Seite des Brückengeländers, greift in eine schwarze Umhängetasche, holt etwas hervor, bückt sich, legt es am äußersten Brückenrand über der äußeren Überholspur der auch dort dreispurigen Fahrbahn ab, richtet sich auf, legt die entblößten Oberarme auf das Brückengeländer und betrachtet, flanellhemdbekleidet, weißblond, braungebrannt, sonnenbebrillt, für die unten entgegenkommenden Fahrzeugführer wie ein harmloser Radfahrer wirkend, den Verkehr.«

Damit wir uns richtig verstehen, ich finde den Aufbau genial, aber eine besondere "Sprachmelodie" sehe ich nicht darin, mögen andere das auch anders sehen …

 Wink


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Werther Herr Goete
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BeitragVerfasst am: 10.03.2015 21:41    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Naja, die Sprachmelodie ist wohl auch eher eine Analogie, wobei man sie, wenn man's darauf anlegt, wohl noch verbessern könnte. Ich assoziere ein ein kleines musikalisches Motiv, das eine Tonstufe höher wiederholt wird, dabei denselben oder verwandten Rythmus hat, sich so immer höher schraubt, bis ein Schlusspunkt erreicht ist. Da fällt mir kein bessereres Wort als "Sprachmelodie" ein, aber wer hier eine treffendere Idee hat, dem höre ich gerne zu ...

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Harald
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BeitragVerfasst am: 10.03.2015 21:54    Titel: Antworten mit Zitat

Dieser Satz ist eher ein Orffsches Stück, im Gleichklang der Taktung fließt er dahin, es fehlt das melodietragende Instrument …

Ich sehe/höre keine Dissonanzen und kann auch kein Anschwellen zum Crescendo ausmachen …

 Rolling Eyes


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BeitragVerfasst am: 06.04.2015 22:24    Titel: Antworten mit Zitat

Werther Herr Goete hat Folgendes geschrieben:
Hab' vor der Bettruhe heute Nacht noch kurz deine Kritik gelesen - vielen Dank für deine Mühe! Und während ich schlief, dachte "es" (nein, Freud lässt nicht grüssen) dann: Warum habe ich dieses so und jenes so gemacht? Warum will ich es genau so haben? (Du siehst, schon hier wiederhole ich mich fast - du hast recht, ich pflege einen anapherartigen Schreibstil.) Wenn du genau hinschaust, sind die Sätze aber inhaltlich nicht völlig identisch, und das sind sie auch nicht in dem Textstück. Auf diese Weise "rollt" nach meinem Empfinden der Text gegen das Ufer, das der Leser ist, wie die Wellen einer Brandung, und nimmt ihn (für sich) ein. Wie viel lieber schaue ich nicht auf die rollende Nordsee als auf die plätschernde Ostsee? Ich jedenfalls.

Dieser Text soll den Leser bedrängen, deshalb rücke ich ihm auch mit dem DU auf die Pelle. Das schafft (wenigstens bei einigen) Reaktion, man bleibt nicht neutral, DU bleibst nicht neutral - nicht wahr? Das DU ist aufdringlich, das MAN vornehm reserviert. (Schon wieder eine Anapher. Fast.) Ginge es nur um reine Information, die, einmal gegeben, als angekommen vorausgesetzt werden könnte, wäre diese rhetorische Figur (wie andere auch) überflüssig. Unter diesem Vorzeichen gebe ich dir recht. Aber es geht um mehr als Information, weit mehr - deshalb die vielen Worte.

Besonders (aber nicht nur) als Autor darf man Worte schaffen, wenn man sich dabei an die Regeln hält, die die Sprache vorgibt. "Lichthupen" als Verb ist so ein Wort. Dass du verstehst, obwohl es das Verb "nicht gibt", ist ein Anzeichen dafür, dass ich mich an die Regeln unserer Sprache gehalten habe, wenn auch nicht an alle in diesem Falle. Letzteres ginge auch nicht, sonst gäbe es überhaupt keine Neuschöpfungen. Nun kann man aber diskutieren, ob die Wortschöpfung gelungen ist. "Lichthupen" habe ich hier als Verb benutzt, weil der Leser dann stolpert und meiner Vorstellung nach dann rascher/sicherer/deutlicher eine Vorstellung von "lichthupenden Autos" im Kopf entsteht. Durch den kleinen Regelbruch erzeuge ich höhere Aufmerksamkeit als wenn ich schriebe: "In der Ferne blinkten/leuchteten hier und da Lichthupen auf".  Du kannst das ja bestätigen oder dementieren.

Mein künstlerisches Credo ist: Regeln müssen gebrochen oder wenigstens gedehnt werden, sonst entsteht keine Kunst, auch keine Schreibkunst. Die Kunst liegt in der Dosierung der Regelbrüche- oder Dehnungen - worauf man allerdings sehr wohl sagen kann: Für mich falsch/schlecht dosiert, werther Herr Goete. Dagegen könnte ich dann nichts mehr einwenden.
 
Danke dir für genaues Lesen. Du hast recht, es gibt eigentlich keinen Plural zu Porsche, BMW, Mercedes. Aber ich brauche einen hier. Darum werden es wohl in der Korrektur "die Porsches" werden.

Eigentlich wollte ich nur den Satz zitieren, der die Gesamtaussage deiner Antwort widergibt -aber ich konnte keinen finden, also nochmal das ganze.
Nun, ich persönlich schreibe Geschichten und mache keine Kunst, da liegt der Hase im Pfeffer.
Aber egal.
Zum Bandwurmsatz: Ich dachte erst, was, Höhepunkt zum Schluss, hä, aber als ich ihn laut vorgelesen habe, stellte ich fest, dass es wirklich so ist -sogar meine Stimme ist beim Lesen höher geworden!
Den zweiten Text finde ich ziemlich gut, das einzig verwirrende für mich war der Wechsel von der Beschreibung zu Renates Perspektive -aber das ist bei näherem Überdenken eigentlich doch ganz cool.
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