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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Der fünfte Thron


 

 
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Larc
Geschlecht:männlichAbc-Schütze

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BeitragVerfasst am: 04.11.2014 21:34    Titel: Der fünfte Thron eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Randnotiz: In meiner Geschichte haben Drachen sowohl eine humanoide als auch "klassische" Erscheinungsform, wie man sie aus der Literatur und Mythologie kennt. Deswegen werfe ich den Begriff "anthropomorph" in den Raum, der nichts weiter bedeutet als menschenähnlich. Ich versuche mir eine hauseigene Welt zu zimmern, die zeitlich weit nach dem Menschen ansiedelt. Gewürzt mit Elementen aus dem Bereich Fantasy und neuen "vorherrschenden" Arten, stellt die Geschichte hoffentlich ein angenehmes Lesevergnügen abseits der ausgetrampelten Genrepfade dar. Vielleicht trifft es nicht den Geschmack der breiten Masse, aber ich traue mich einfach mal. Viel Spaß!


Der fünfte Thron

© Larc

Prolog:  Ein König ohne Königreich


Vier Wächter wurden einst erkoren.
Der Zwietracht war in der Welt geboren
Sie wollten das Gleichgewicht erhalten,
Doch der fünfte Thron war gespalten.

Erde, Feuer, Wasser und Wind,
wachten über das Zwielichtkind.
Liebe, Sanftmut, Hass und Lust.
Zwei Seelen wohnten in seiner Brust.



Einst als die neue Welt noch jung war und lange bevor ihre Bewohner den aufrechten Gang erlernten, herrschte Frieden und ein natürliches Gleichgewicht. Eine Eintracht, die es der Vielfalt des Lebens ermöglichte, zu gedeihen und sich zu entwickeln. Im Laufe unzähliger Jahrtausende in denen sich das Rad der Evolution erneut kontinuierlich weiterdrehte, bildeten sich wieder Spuren von empfindungsfähigem Leben. Verschiedenste Arten, angepasst an ihre Lebensräume und ohne Wissen von einander parallel existierend, erlangten ein Bewusstsein und die Fähigkeit zu denken. Wilde Stämme mit ihren unterschiedlichsten Lebensstilen und Bedürfnissen, begannen ihre Welt zu erkunden und sich darin zurechtzufinden. Sie nahmen den Platz von Jenen ein, die einst über ihnen standen. Wesen von deren Existenz nur noch verwilderte Ruinen zeugen, die von der Natur zurückerobert wurden.

Es kam der Tag, an dem sie aufeinandertrafen. Die Jäger auf die Gejagten und die Angreifer auf die Verteidiger. Nicht gewöhnt daran, ihren Lebensraum zu teilen, war es eine Zeit der Konflikte zwischen den Stämmen. Naturverbunden, wie die Völker waren, verehrten ihre Schamanen und Druiden die Elemente. Ihr Naturglauben ließ sie heidnische Riten durchführen, als sie versuchten, mit den Geistern, die sie in den Elementen vermuteten in Kontakt zu treten. Ihre für lange Zeit fruchtlosen Bemühungen schienen vom Erfolg gekrönt, als es ihnen gelang, Wesen aus anderen Welten zu beschwören. Manche dieser Kinder der Elemente waren sanft und wohlgesonnen. Willens sich in ihre neue Umgebung einzufügen und  deren Bewohner zu leiten. Manche suchten ihren Platz in ihrer neuen Welt. Neutral und abgeschieden von deren Völkern. Andere kamen und begannen zu unterwerfen und zu erobern.

Im Unwissen über die Tatsache, dass ihre Existenzebene nur eine der mittlerweile fünf bekannten Sphären darstellte, erzeugten die magischen Riten und Praktiken der Stämme einen Riss zwischen
den Ebenen, der allmählich drohte, die Stabilität der Ebenen zu gefährden. Unsichtbar für das ungeschulte Auge und doch existent.

Der Beginn der Vorfälle, läutete eine Zeit der Mysterien und gegenseitigen Beschuldigungen in den vier Elemtarsphären ein, die seit langem durch Portale in Verbindung standen. Deren dominierende Spezies waren wir Drachen. Alte Völker und Clans, reich an Traditionen und voller Stolz auf ihre Ahnen und individuellen Gepflogenheiten. Dennoch unwissend über die Existenz der fünften Ebene. Da sich diese stark unterschieden, war das Verhältnis zwischen den vier Reichen ebenfalls nicht immer reibungslos. Obwohl alle Reiche die selben Vorfälle vermeldeten, schürte die Tatsache, dass niedere Elementare und auch Angehörige unserer Art spurlos verschwanden, Unmut und den Verdacht, dass eine der anderen Gattungen unserer Art in sie verstrickt waren. Nahe stehend an einem weitreichenden Konflikt, suchten Gelehrte wie ich nach den wahren Ursachen des Problems und fanden die Antworten gerade noch rechtzeitig, bevor sich unsere Reiche ihrer geschürten Kriegslust hingaben. Drachen und ihr Jähzorn... Ich könnte Geschichten über dieses Klischee schreiben.

Der Orden der vier Elemente wurde gegründet und mit vereinten Kräften gelang es dem niveauvollen Teil seiner Angehörigen, die aus den vier Welten stammten, einen Siegelraum im Zwischenreich, das die Sphären verband, zu errichten. In diesem wurden der Riss und die sich geöffneten Zugänge zur fünften Ebene verschlossen. Dieser Raum sollte einst zum Thronsaal werden.

Vier Herrscher wurden einst erkoren...

...und ich war einer von ihnen. Nein, wir waren keine Könige und Königinnen. Viel mehr waren wir Torwachen und Oberhäupter über die kleine Schar des Ordens. Verdiente Persönlichkeiten und Respektspersonen aus den vier Nationen. Unsere Pflicht war es, die unfreiwilligen Übergänger aus der fünften Ebene in ihre angestammte Heimat zurück zu geleiten und man verlieh uns die Autonomie zu tun, was immer nötig wäre, um die Beschwörungsmagie der ansässigen Stämme und Völker zu unterbinden. Diese stellte eine Bedrohung des Gleichgewichtes des Gefüges der Welten dar.

Meine bescheidenen Verdienste zur Aufklärung der Vorfälle und die Mitarbeit am magischen Thronsaal und den Siegeltoren, brachte mir das Vertrauen meiner Heimat und bescherte mir einen der vier ehrwürdigen Posten. Mein Name ist Lung Tao Ning. Gelehrter, Dichter, Schreiber und Gesandter des Windreiches. Doch genug der selbstverliebten Lorbeeren.

Dem Thron des Wassers wurde Septis zugeteilt. Sie war ein schlangenartiges Wesen mit humanoidem Oberkörper. Sprichwörtlich ein stilles Wasser und Quell der Ruhe und Gelassenheit in unserer Runde. Sie war stumm. Oder sprach sie nur nicht? So lange ich sie kenne, hatte sie nie ein Wort gesagt und sich stets durch Gesten und Zeichensprache verständigt, die wir zunächst lernen mussten zu deuten.

Die Dritte im Bunde war Taira. Eine lebenserfahrene Erddrachin. Sanft, verständnisvoll und einfühlsam war sie in ihrer Art. Offen für Sorgen und Nöte, respektiert für ihr Verhandlungsgeschick und ihre fast mütterliche Fürsorge. Sie war das warme Herz und die gute Seele unter uns Vieren.

Die Feuerdrachen entsandten Fengar. Wie man es von ihnen erwarten konnte, war er ein starrköpfiger Grobian...
(Der einleitende Satz der Beschreibung wurde fast zur Unkenntlichkeit durchgestrichen und ersetzt mit einem neuen Ansatz.)
Ein kampferprobter Krieger. Eine Persönlichkeit gestählt und geschmiedet in den Feuern der Ascheberge seiner Heimat. Er wurde unser starker Arm und übernahm die militärische Führung über den Orden.

So unterschiedlich wie wir selbst, waren auch unsere Meinungen und Methoden, die wir zur Erfüllung unserer Pflicht durchführen wollten. Oft verstrickten wir uns in lange Debatten, doch nach zeitaufwändiger Phase der Gewöhnung, gelang es uns zusehends besser, uns gegenseitig zu ergänzen und unser Handeln zu koordinieren.

Als Angehörige des Ordens das fünfte Tor durchschritten, um sich ihren zugeteilten Aufgaben zu widmen, trafen sie in der neuen Welt auf Elementare und Angehörige unserer Arten, die gar nicht daran dachten, in ihre Heimat zurückzukehren. Manche hegten Gottkomplexe und frönten ihrem Einfluss und ihrer Macht über die schwach erscheinenden einheimischen Wesen. Andere Übergänger, die einst ihren Clans entrissen wurden, hatten sich friedvoll mit ihrer neuen Umgebung arrangiert und in ihr eine neue Heimat gefunden. Wie die weniger vorzeigetauglichen Angehörigen unserer Art, bestanden auch jene auf ein Recht zu bleiben, weil sie sich mittlerweile verwurzelt und zuhause fühlten.

Die Regeln und Gesetze des Ordens mussten erweitert werden, um der Situation, die sich uns bot, gerecht zu werden. Wir sollten die Rechte der Friedfertigen zu verteidigen. Ebenso war es unsere Pflicht, maßgebliches Beeinflussen der Geschicke und  Entwicklung der fünften Ebene zu Gunsten der ehemaligen Angehörigen unserer Reiche zu unterbinden. Die Rechtschaffenen wandten sich mit dem Anliegen um Mitspracherecht an den Rat und forderten den Einsatz eines eigenen Vertreters. Wir akzeptierten und einigten uns darauf, dass dieser Anwärter beziehungsweise diese Anwärterin zu mehr bestimmt war als einzig und allein als Gegengewicht zu den restlichen vier Vertretern ihrer Heimat. Ein Ei wurde von den Übergängern in unsere Obhut gegeben, aus dem ein gesunder, kleiner Welpe schlüpfte.

Ich erinnerte mich an Tairas leuchtende Augen, als sie dem Moment beiwohnte. Ihr selbst war die Erfahrung Mutter zu werden bislang verwehrt geblieben und es schien sich von ersten Moment eine Verbindung zwischen ihr und dem jungen Leben zu bilden. Septis verhielt sich ihrer Art treu bleibend neutral und ruhig, doch selbst in ihren schwer lesbaren Zügen, schimmerte ein Funken Neugier und Aufgeschlossenheit für unseren Neuankömmling. Fengars Einwand, nicht als Kindermädchen herhalten zu wollen, war ebenso vorhersehbar. Er wollte seinen Teil der Ausbildung erst dann erfüllen, wenn der Jüngling dazu bereit wäre.

Der Kleine sollte zur Vorbereitung auf seine Aufgabe die Beschaffenheit und Eigenheiten der Reiche und deren Bewohner kennenlernen. Nur ein Auge, das die Gesamtheit der Verstrickungen überblickte, konnte jene neutral beurteilen. Als er heranwuchs, wurde er unser Lehrling. Taira gab ihm stets Halt und lehrte ihm Feingefühl, Tradition und diplomatisches Geschick. Septis zeigte ihm, wie man aus innerer Ruhe und Meditation Kraft schöpfen konnte, mit der man seinen Aufgaben gelassen entgegenblicken konnte. Zur Überraschung entwickelte sie auch ein Talent, mit ihrer Wassermagie, mit der Sie Formen und Spielereien erzeugte, zu begeistern und zu beruhigen. Lächelnd möchte ich erwähnen, dass sie dies nur in Momenten tat, in denen sie sich unbeobachtet fühlte.

Meine Aufgabe war es, dem Jungen Wissen und Weisheit zu vermitteln, also nahm ich meinen Platz als Lehrer ein und unterrichtete ihn. Ein paar Grundlagen des motorischen Geschickes fielen ebenso in den Bereich meines Unterrichts. Ich mag wie ein alter, verstaubter Bücherwurm wirken, doch bin ich noch längst nicht gänzlich eingerostet. Vielleicht nicht mehr ganz so beweglich wie einst, aber das ist eine andere Geschichte.

Als der junge Drache sich der Schwelle des Erwachsenenalters näherte, begann der härteste Teil seiner Ausbildung. Er sollte lernen, Situationen zu überleben, in denen Worte und Diplomatie versagten. Fengar wurde sein Kampfmeister. Die Worte des Feuerdrachens waren selten reich an Lob, doch nach langer Phase der Abneigung begründet durch die hohe Messlatte, die er seinen Adepten vorgab, sprachen seine Augen Bände über die Tatsache, dass seine niedrigen Erwartungen übertroffen wurden. Es erfüllt mich mit Stolz festzuhalten, dass der Fünfte im Bunde durch Beharrlichkeit und Training auch diese Hürde meisterte und seinen strengen Ausbilder zufriedenstellte. Über die Jahre begann ich in ihm eine Art Neffen zu sehen. Ihn Sohn zu nennen, wäre eine Übertreibung. Ich bin zu beschäftigt für solch tiefgehenden familiäre Bande.

Die Lehrzeit war abgeschlossen und er nahm seinen Platz als wertgeschätztes Mitglied in unserer Runde ein. Für jene, deren Rechte er vertrat, wurde er zum strahlenden Licht. Die, die bereit waren zu verhandeln, schätzten den galanten Umgang mit Worten und für jene, deren Gier und Machthunger er Einhalt gebot, verkörperte er die Dämmerung. Manche sahen in ihm einen Boten, andere ein Symbol der Einheit der fünf Ebenen. Für manche weniger Verhandlungsbereite war er der Jäger, dessen Schrecken die verbotene Kunst langsam in Vergessenheit geraten ließ. Mythen und Legenden rankten sich um seine Taten, doch kannte kaum einer seinen Namen. Ein Name erwählt von uns Vieren und seiner würdig. Wir tauften ihn Amahr.

Sein Platz und seine Aufgabe schien ihm Erfüllung zu bescheren, doch waren seine wahren Emotionen ebenso schwer zu deuten wie die von Septis. Auf seiner letzten Mission in der fünften Ebene, schien er mit etwas konfrontiert worden zu sein, das ihn nachhaltig veränderte. Seit seiner Rückkehr wirkt er innerlich zerrissen und in sich gekehrt. Selbst unsere Gewohnheit des gemeinsam Schachspiels schlug er seither aus, da ich ihm zu berechenbar sei. Voller Sorge beobachte ich die Veränderungen in seinem Verhalten. In murmelnde Selbstgespräche vertieft, erwähnt er immer wieder, er habe jemanden zurückgelassen und vertieft sich in Vorwürfe. Ebenso scheint sich seine sanfte Seite der Seele gegen den Krieger in ihm aufzulehnen und er wirkt, als wäre er innerlich im Konflikt mit sich selbst. Einst erwähnte er eine Schwester. Kann es sein, dass er auf seiner Reise einer Angehörigen seiner Brut begegnete? Ich bin nicht sicher.

Während Fengar und Septis uns verließen, um persönlich nachzuforschen, blieb ich und Taira zurück. Sie beklagte mangelndes Wohlbefinden, bevor sie sich zur Rast zurückzog, doch beteuerte sie, dass sie bald wieder auf den Beinen sei. Nach zahlreichen Versuchen Amahrs Wall der Verschlossenheit zu durchbrechen, erhielt ich endlich Kunde von unseren Ermittlern. Die Neuigkeiten waren nicht erbaulich und stachen in mein Herz wie die kalte Klinge eines Dolches. Noch konnte ich die Zusammenhänge nicht gänzlich entwirren, doch ein Verdacht drängt sich mir auf. Erneut werde ich Amahr aufsuchen. Ich bin mir nicht sicher, was ich tun soll, doch beschleicht mich das Gefühl, dass die Zeit zu handeln gekommen ist.


Auszug aus Lung Taos Aufzeichnungen
der Aktivitäten des Ordens

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Larc
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BeitragVerfasst am: 04.11.2014 21:36    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Part 1 – Zwietracht

© Larc

In sich gekehrt und konzentriert saß er auf einem einfachen Holzschemel an einem ebenso unscheinbaren, kleinen Tisch. Frei und einsam im Zentrum eines von Dunkelheit erfüllten, großen Raumes, dessen Wände im undurchsichtigen Schatten lagen, was ihn endlos und leer wirken ließ. Zwei einzelne Kerzenhalter standen zu seinen Seiten und die sanft lodernden Flammen der Dochte beleuchteten einen prunkvoll verzierten Spiegel, der sich nahe der gegenüberliegenden Tischkante befand. Sanft geneigt stehend auf einem daran befestigten Bügel.

Ein dimmer Lichtkegel lag um den Platz an der Tischfläche, deren Oberfläche kariert war. Schwarz und weiß wie ein Schachbrett, auf dem die Figuren verteilt waren wie nach einer lange andauernden Partie. Der Lichtschein, der den Tisch umgab, enthüllte Linien auf dem Boden. Eingearbeitet in den Boden und farblich abgehoben vom hellen Marmor erstreckten sie sich um den Sitzplatz in deren Zentrum und verliefen sich in den Schatten. Wie ein Auge mit ovaler, reptilischer Pupille wirkte das Symbol, das seinen Tisch umgab.

Den Ellenbogen auf das Knie gestemmt, welches durch die niedrige Sitzposition auf dem Schemel stark angewinkelt war, brütete der goldene anthropomorphe Drache statuenhaft über dem Spielbrett.
Das Kinn in den Zwischenraum von Daumen und Zeigefinger gebettet und nach vorne gebeugt, zeugte nur gelegentliches Zucken seines Schwanzes von seiner Lebendigkeit. Die fledermausartigen Schwingen, welche sich unter seinen Armen spannten, schienen ihn in seiner Position wie ein lose fallender Mantel zu umhüllen. Sein Blick wirkte nachdenklich angespannt und seine Augen zuckten analysierend, als er die Spielfiguren überblickte, die wie die ausgedünnten Reihen zweier sich gegenüberstehender Armeen wirkten. Die weiße Streitmacht stand vor ihm. Die Schwarze dem Spiegel zugewandt. Zögerlich und dabei mit den Augen den Spiegel fokussierend, machte er seinen nächsten Zug.

„Wie schmeckt die Leere?“, fragte eine Stimme wie aus dem Nichts. Ein knurrendes, zischendes Flüstern. Emotionslos und kalt. Er antwortete nicht, sondern griff stattdessen nach einer der schwarzen Figuren und machte einen Zug für die Gegenseite, während er seinem Spiegelbild stechend in die Augen starrte. Dunkel wirkte es. Wie ein verzerrtes, schattenhaftes Abbild seiner Selbst.

„Kalt...“

Seine Lefzen hoben sich in einem leisen Knurren, bevor sein Gesicht sich wieder zu edlen, statuenhaften Zügen beruhigte, als er wieder begann, über seinen nächsten Zug zu brüten.

„...und bitter?“, Hohn triefte aus den geflüsterten Worten und Spott lag in der unheimlichen Stimme als sie fortfuhr:

„Wie lange thronen wir schon auf dem Platz, der keines Königs würdig ist?“


„Es ist deine Schuld!“, knurrte der Goldene mit erbost angeschwollener Stimme und räumte dabei mit Unterarm und Flügelhaut in einer jähzornigen Bewegung die Figuren vom Spielbrett. Klappernd fielen diese auf den Boden, während der Luftzug seiner Schwinge die Flammen zum Zucken brachten und drei der auf dem fünfarmigen Ständer angebrachten Kerzen zu seiner Rechten löschte. Der Lichtkegel schrumpfte und sein goldener Glanz wirkte nun dimm und matter in der anwachsenden Dunkelheit, während er vom Stuhl aufgestanden beide Pranken auf die Tischfläche stemmte und nach vorne geneigt verächtlich und erbost auf sein dunkles Ebenbild im Spiegel herabsah, das seinen Blick erwartungsgemäß widerspiegelte.

„Unsere Schuld...“

Mund und Lippen des Spiegelbildes bewegten sich unabhängig von den seinen und ein böses Lächeln zeichnete das Gesicht der schattenhaften Reflektion. Es neigte sich langsam zur Seite ohne den Blick zu lösen und begann mit sachtem Pusten die Abbilder der Kerzen zu löschen, die im äußersten Winkel des Spiegels zu sehen waren. Die realen Flammen erloschen zur selben Zeit. Eine nach der anderen und ließen den Drachen im spärlichen Schein der verbliebenen beiden zu seiner anderen Seite zurück.

„Wie lange dauert es, um zu verstehen?“ Das geisterhaft zischende Flüstern verstummte und ein knurrig böses Lachen erklang, das durch den scheinbar leeren Raum hallte. Er starrte auf sein schemenhaftes Abbild, dessen Züge blanken Hohn und Spott ausstrahlten. Unmut und blanke Verachtung stiegen in ihm hoch, doch sein Blick blieb würdevoll. Nach der Kante greifend, begann er den Tisch an seiner Seite anzuheben, so dass sich dieser immer weiter neigte, bis Spiegel und Kerzenständer langsam zu rutschen begannen und letztendlich zu Boden fielen. Mit Genugtuung lauschte er dem Klirren des Glases und dem Poltern der beiden anderen schweren Gegenstände, während das Restlicht auf dem Steinboden erlosch. Mit kleiner Kraftanstrengung stieß er den Tisch nach vorne um, was ein erneut lautes Geräusch erzeugte. Dann wurde es still, fast beängstigend geräuschlos. Nur sein Herzschlag und die von Zorn erhöhte Atemfrequenz sowie sein verächtliches Schnauben war zu hören, bis er sich langsam beruhigte. Er liebte diese Ruhe, mit sich allein und geschlossenen Augen in allumfassender Finsternis.

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Larc
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BeitragVerfasst am: 04.11.2014 21:42    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Part 2 - Sinn des Lebens

© Larc

Leises Klatschen drang an sein Gehör. Ein langsamer Rhythmus, der fast an den Takt einer Uhr erinnerte. Die Augen noch fest verschlossen, lag ein zufriedener Ausdruck auf seinem Gesicht, bis das Geräusch die Ruhe störte. Die Zeit vergessen hatte er, in der er stillstand und die Ruhe in sich aufnahm. Minuten oder Stunden? Er wusste es nicht. Seine Züge wurden ausdruckslos, als er der langsamen Tonfolge lauschte.

„Bravo!“, sagte eine Stimme. Sie klang amüsiert und sehr vertraut, doch war es nicht das Flüstern, was ihn zuvor heimsuchte.

„Welch illustres Schauspiel! Dieses Esprit und diese Energie! Fantastisch!“

Ein Knurren entstieg seiner Kehle. Tief und grollend. Verärgert über den Spaß auf seine Kosten, riss er die fest zugekniffenen Augen auf. Bunte Lichter tanzten in seinem Sichtfeld und die stechende Helligkeit zwang ihn zu blinzeln. Zwei Feuerschalen vor ihm, aus denen blaue, magisch anmutende Flammen züngelten, tauchten den Raum in ein kühles, aber ausreichend helles Licht. Er kannte diesen Saal nur zu gut. Viel Zeit hatte er hier verbracht. Ein Thron, nein deren vier waren in quadratischer Anordnung und mit exakt gleichen Abständen an den runden Außenwänden platziert. Ausgerichtet so, dass der Blick des Sitzenden in das Zentrum des Raumes gerichtet war. Rechts dieser Position befand sich je ein großer Torbogen mit schweren Eisentüren, die stets verschlossen waren. Vier Schalen weiter im Raumesinneren und in sanft versetzter, aber ebenso geometrisch korrekter Anordnung platziert, beleuchteten sowohl Innen- und Außenbereich mit ihrem Lichtkegel. Wand und Boden waren im schlichten Weiß gehalten. Eine Oberfläche, die wirkte wie Marmor. Die einzige farbliche Abhebung im eintönigen Raum waren die roten Linien auf dem Boden, die das große Augensymbol im Zentrum formten, auf dem nun ein umgeworfener Tisch und Schachfiguren verstreut waren. Die beiden Plätze, die er sah, waren leer. Die Stimme erklang aus dem Bereich in seinem Rücken.

„Wie lange bist du schon hier, Poet?“, fragte er ohne sich dem Gast zuzuwenden. Sein goldener Glanz schien matter zu werden, als sich die Emotion der Ärgernis, die er zu unterdrücken versuchte, in seine Stimme mischte und einen rauen Unterton erzeugte.

„Lange genug, Amahr!“

Noch immer lag dieses unerträgliche Amusement in der Stimme des ihm bekannten Besuchers. Amahr holte tief Luft, als wolle er sich auf eine harsche Antwort vorbereiten. Zeitgleich wendete er sich dem Zweiten im Raum zu, der hinter ihm auf seinem angestammten Platz saß. Dieser war ein östlich anmutender Drache von schlanker und drahtiger Statur. Seine schuppenartige Haut war schlicht grau bis auf Unterkiefer, Kehle und Bauch, die eine matt weiße Farbgebung besaßen. Strähnen seiner langen, ebenfalls weißen Mähne, aus der zwei kurze Hörner mit geweihartigen Auswüchsen ragten, hingen ihm ins Gesicht und verliehen ihm gemeinsam mit seinem sonstigen Äußeren eine weise, aber dennoch verwegene Erscheinung. Lässig hing er in seinem Thron. Ein Bein wippte angewinkelt über die Armlehne, während er die Arme verschränkt vor der Brust hielt und den Kopf leicht seitlich neigte. Das zugewandte, leuchtend blaue Auge allerdings wirkte aufmerksam und beobachtend. Ein amüsierter Glanz schien sich darin widerzuspiegeln und ein Lächeln lag auf seinem Gesicht.


„Lung Tao, ich...“, mehr brachte Amahr nicht heraus, bevor ihm sein Gegenüber ins Wort fiel.
„...möchte wissen wie lange ich noch verharren muss!“, beendete der Lung den Satz mit einer Unschuldsmiene. Wohl wissend, dass er mit dem Verhalten den Unmut seines Gesprächspartners schürte.
„Nicht all zu lang zu deiner Beruhigung. Aber ich, nein wir glauben, dass du nicht bereit bist für das, was vor dir liegt.“

„Bereit für was und wo sind die Anderen überhaupt? Keiner von ihnen hielt es für nötig, mir in meinem Gefängnis eine Audienz zu gewähren!“ Amahrs Stimme klang hart. Ein sanfter Unterton geprägt von Wut und Enttäuschung lag in seinen Worten und der metallische Glanz seiner Schuppen schien erneut zu schwinden. Wie Kohle, deren Kern erkaltet, während sie an den Rändern noch leuchtete wie geschmolzenes Metall. Als er die Emotionen niederrang, schwand die Schwärze wieder aus seiner Haut.

„Fengar ist dort draußen und kämpft gegen einen Gegner, dem er nicht gewachsen ist. Taira ist erkrankt an der Plage, die uns heimsucht und...“
Eine bedeutungsschwere Pause folgte und ließ die vorangegangenen Worte des Lungs verhallen. Sein Gesicht wurde ernst und er straffte sich. Die bequeme Haltung aufgebend, wirkte er nun fast anklagend.
„Wir haben Septis verloren.“ Die Stimme wirkte trocken und sachlich. Seine Miene bitter und die eingenommene nach vorne geneigte Sitzposition nachdenklich und vorwurfsvoll.

„Verloren? Was ist passiert?“ Der Goldene hielt dem stechenden Blick nicht stand, senkte den Kopf und seufzte mit geschlossenen Augen.

„Fragen über Fragen! Antworten, die du bereits kennst! Du weißt, was passierte und du kennst sie, die Abtrünnige! Du ließt sie eins zurück!“


„Das ist nicht wahr!“, knurrte Amahr erbost und schloss die Pranken je um zwei der Beine des auf der Fläche liegenden Tisches, als wolle er Halt suchen. Aus einer jähzornigen Bewegung heraus warf er diesen zur Seite, so dass das Möbelstück einige Meter mit der Fläche auf dem Boden schabend über den glatten Untergrund rutschte.
„Das ist nicht wahr!“, wiederholte er zornig, beinahe knurrend und bewegte sich dabei seitlich zu seinem Gesprächspartner ohne den Blickkontakt zu lösen. Wie ein pirschendes Raubtier, das seine Beute stellte.
„Es war nicht meine Schuld! Es war...“

„Er?“ Lung Tao klang zynisch und angreifend, während er sich langsam erhob und den scharfen Blicken unbeeindruckt trotzte.
„War er es, der mit Tischen warf? War er es, der den Spiegel zerbrach und mit welchem der Beiden spreche ich jedes Mal, wenn ich anwesend bin?“ Er ließ die bartartigen Auswüchse an seinem Kiefer durch seine Finger streichen, um seiner Nachdenklichkeit Ausdruck zu verleihen. Der bestimmte Tonfall brachte sein Gegenüber zum Schweigen.
„Wir alle haben zwei Gesichter, Amahr!“

Die Stimme wurde ruhiger und als hätte er es vergessen, hob der Lung seine zur Faust geballte Pranke und öffnete sie. Umschlossen hielt er darin eine goldene Münze, die er demonstrierend und geschickt über die Fingerkuppen wandern ließ, bevor er sie zwischen den letzten beiden senkrecht und sichtbar hielt.


„Wir alle haben die Kraft zu schaffen und zu zerstören. Jeder Poet, der unzufrieden die Seite Papier zerknüllt dem Wind übergibt. Jeder Zeichner, der...“

„Verschone mich mit deinem haltlosen Geschwätz, Lung Tao! Du kennst mich nicht! Du weißt gar nichts!“ Amahrs Haltung wirkte angespannt und er gestikulierte abfällig mit Arm und Flügelhaut, während er sich abwendete und den Blick in die Leere des Raumes lenkte. Eine schwarze Schachfigur, den König zu seinen Füßen, trat er weg und knurrte im Versuch die Contenance zurück zu gewinnen.

„Vielleicht kenne ich dich besser als du dich selbst. Das ist der Grund, warum ich dir Vertrauen schenke. Und du weißt, warum man mich den flüsternden Poeten nennt. Ich beobachte und weiß viele Dinge, aber niemand scheint mir je zuzuhören!“
Tao stampfte erbost und schmiegte in einer beleidigten Geste die Handrücken an seine Hüften, während er sich stehend sanft nach vorne neigte und die Lippen zu einem geraden Strich verzog.

„Warum keiner hört? Weil du verrückt bist, Weiser des Windes!“
Die Antwort klang bissig und provozierend. Der Blick des Lungs richtete sich auf die Scherben. Temperament und Zorn brodelten in ihm, doch er legte sich seine Worte geistig weise und durchdacht zurecht.

„Das macht unsere Gesellschaft speziell, nicht wahr?“, sagte er im ruhigen Ton und zupfte nachdenklich an seinem Bart, bevor er zur entspannten Haltung zurückkehrte und begann, herzhaft zu lachen.

„Selbst wenn du wolltest, könntest du mich nicht aus meinem Gefängnis befreien. Wir brauchen vier, um das fünfte Siegel zu öffnen.“ Amahrs Blick war auf die roten Linien gerichtet, die das Augensymbol formten.

„Es ist kein Gefängnis, es ist ein Thronsaal! Du kennst die Bedeutung des Raumes! Erbaut auf dem Riss zwischen den fünf Sphären, soll er die Letzte schützen, vor dem, was hinter diesen Toren liegt. Das ist unsere Aufgabe und du bist hier aus einem gewissen Grund. Aber die Zeit des Handelns ist gekommen. Ja es ist wahr, aber jeder fühlt sich bedeutssamer, wenn man ihm das Gefühl gibt, gebraucht zu werden.“

Tao umspielte das Reizthema und lenkte die Aufmerksamkeit bedacht auf ein anderes. Ein fast selbstgefälliges Lächeln zeichnete sich auf sein Gesicht, als er an seinen Thron zurück trat und davorstehend die Arme verschränkte. Ein sanfter Windhauch schien durch den Saal zu ziehen. Wie ein Wirbel, ausgehend von seiner Position. Schemenhafte Abbilder seiner Selbst schienen sich vor den anderen drei Plätzen zu bilden. Geisterhaft und transparent. Er senkte einen Arm und betätigte einen Druckschalter an der Armlehne und die Abbilder taten es ihm synchron gleich, bevor sie verschwanden und sich der Wind legte.

„Verrückte werden häufig unterschätzt!“, grinste er und deutete mit der Schnauze auf die roten Linien, die energetisch gespeist gleißend zu leuchten begannen, während der weiße Boden zwischen ihnen durchlässig und wabernd erschien.

„Warum tust du das?“, fragte Amahr ungläubig, die Freiheit vor Augen und den Drang verspürend durch das Portal zu schreiten, ohne die Antwort zu erlauben.

„Weil Verrückte in Zeiten der Not zusammenstehen müssen! Schau dich an! Das was du verleugnest, ist ein Teil von dir. Alles was er möchte ist Balance. Du musst wieder lernen zu akzeptieren, wer du bist.“
Er seufzte leise im Gedanken an all die vorangegangenen Gespräche und Debatten mit seinem Gegenüber, die zu nichts geführt hatten.

„Worte werden einst vergehen,
um zu lernen musst du sehen.“

Tao räusperte sich, um die Emotion in seiner Stimme zu unterdrücken.
„Und ich hoffe du lernst schnell. Bevor du gehst, habe ich noch eine Frage an dich. Was ist der Sinn des Lebens?“

Amahr trat an das Portal, senkte den Kopf. Ein fast schmerzverzerrter Ausdruck zeichnete sich auf sein Gesicht als er nach einigen zäh verstreichenden Momenten antwortete: „Es zu beginnen, es zu leben und zu sterben. Es gibt keinen tieferen Sinn dahinter.“

„Das ist der Grund, warum die Anderen dir nicht trauten.“
Seine Worte verhallten bevor sein Gegenüber durch das Portal schritt und verschwand. Der Lung sah auf die Münze in seiner Hand, drehte und wendete sie, um beide Seiten eingehend zu betrachten. Beide zeigten einen identischen Drachenkopf, der sich nur durch die Mimik unterschied. Sanft und zornig.

„Und so beginnt alles mit einem Münzwurf“, hauchte er im leisen Ton an sich selbst gerichtet, bevor er sich in seinen Thron zurücksetzte.

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Larc
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BeitragVerfasst am: 04.11.2014 21:45    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Part 3 - Der Schatten der ihm folgt
© Larc

Als er auf das gleißend leuchtende Auge trat, spürte er die Beine im wabernd, durchlässig gewordenen Boden versinken. Ein energetisches Zucken auf der Haut spürend, verschwand er langsam im Portal, streckte den Hals und hob den Kopf um einen letzten Atemzug zu nehmen, bevor das rote Licht ihn gänzlich umschloss. Die Augen geschlossen, die Arme vor der Brust verschränkt und die Flügelhäute eng an den Körper geschmiegt, spürte er das Gefühl des Fallens. Einen Augenblick lang, dann spürte er das kribbelnde Gefühl und das Licht, das durch seine geschlossenen Lider drang, schien zu schwinden. Die Augen öffnend und die Arme instinktiv ausbreitend um den Fall zu bremsen, trafen seine Füße auf massiven Boden. Mit den Beinen federte er den Aufprall ab und ging in die Hocke. Ein schnell gesenkter Arm verhinderte, dass er das Gleichgewicht verlor und sein Blick war noch gesenkt, als Schachfiguren, die ebenfalls im Radius des Portals lagen, klackend auf die Steinplatten zu seinen Füßen trafen, aufsprangen und letztendlich ruhig ausrollten, bevor Stille ihn umfing.

Während er sich langsam und in einer geschmeidigen Bewegung aufrichtete, musterte er seine Umgebung. Eingehüllt vom roten Schimmer, erkannten seine Augen nur schemenhafte Umrisse von Gebäuden und Wege die vom Platz wegführten, der von Form und Ausmaß stark an den Innenbereich des Thronsaals erinnerte, in dem er so viel Zeit verbracht hatte. Ein Blick nach oben, ließ ihn Lung Tao erkennen, der am Rande des Portals auf der anderen Seite stand, auf ihn herab sah und mit einer galanten Handbewegung in eine Richtung deutete. Trotz stieg in ihm und sein Blick wurde ernst. Warum sollte er dem Fingerzeig folgen? Was hinderte ihn daran einfach davonzufliegen ohne einen Blick zurückzuwerfen? Ein Mundwinkel hob sich zu einen herausfordernden Lächeln, als er den Blickkontakt brach und den Lichtkegel provokant in die entgegengesetzte Richtung verließ.

Das Gefühl, das seiner rebellischen Natur Genugtuung verschaffte, schwand als er abseits des roten Scheins in nebelverhangene Gassen blickte. Es schien die Zeit kurz vor der Morgendämmerung zu sein. Erste Sonnenstrahlen schienen über den Grat der Berge zu scheinen, doch lange Schatten und der Schleier des Nebels trotzten dem ersten Licht. Er kannte diesen Ort und konnte sich an Form und Anordnung der schemenhaft sichtbaren Gipfel erinnern. Dennoch wirkte seine Umgebung so fremd und verändert. Um den einst entlegenen Ritualsplatz von wandernden Schamanen war eine Siedlung entstanden. Wo sich früher unberührte Natur und Wald erstreckte, wurden Behausungen geschaffen. Anders als die primitiven Hütten und Zelte, die er von den einheimischen Wilden gewohnt war, wirkten diese massiver und aus Stein gemauert. Rustikal, doch zeugte es von fortgeschrittener Baukunst.

Der runde Platz, über dem das rote Portal schwebte, schien eine Art Versammlungsort im Zentrum zu sein. Der Boden fühlte sich kühl und etwas feucht an. Glatter bearbeiteter Stein. Er sah vier sanft leuchtende Bodenplatten, die das geöffnete Auge mit Energie zu speisen schienen. Er kannte die Anordnung, deren Ausrichtung sich an den Himmelsrichtungen orientierte und die darauf eingravierten Symbole. Die nördliche Platte zierte ein Wirbel, der den Wind symbolisierte, die stliche eine Flamme. Am Weststein symbolisierte ein Tropfen das Wasser und am Südlichen mehrere geschwungene Linien, aus denen sich eine Knospe erhob, die Erde.
Zwei Gegensätze getrennt von den Neutralen. Er schnaubte beim Gedanken an dieselbe Sitzordnung im Thronsaal und der Unterschiedlichkeit der Charaktere, die dort vertreten waren. Dieser Steinplatz war einst nur einer von vielen seiner Art. Lange bevor Beschwörungsrituale untersagt und der Riss der Sphären durch den Bau des Saals und deren Pforten versiegelt wurde. Viele Konflikte hatten er und die Vier gesehen. Der Zwist der wilden Stämme und jenen der Gerufenen aus den vier Ebenen, die unerlaubt in die Geschicke dieser jungen Welt eingriffen. Verehrt wurde seine Art. Die Einheimischen nannten sie die Kinder der Elemente. Manche von ihnen gierig und selbstsüchtig in ihrem Tun. Andere auf der Suche nach Hoffnung und einem neuen Zuhause. Es herrschte immer Zwietracht in dieser Welt, doch Zeiten ändern sich.

Er schluckte schwer beim Gedanken an die Worte des Poeten. Eine der Vier verloren? Der Zustand der anderen ungewiss. Was hatte sich geändert und wie viel Zeit war verronnen, seit er das letzte Mal in dieser Ebene war? Der Lung erklärte ihm einst, dass die Zeit außerhalb des Thronsaals schneller verging, solange die Siegel geschlossen blieben. Er hatte das Gefühl verloren für die Spanne, die er alleine dort verbrachte. Nur spärlich besucht und versorgt von seinem Kameraden, der ihn stets mit rätselhafter Sprache und Belehrungen in Aufruhr versetzte. Alleine mit ihm. Der Reflektion seiner selbst. Dem Spiegelbild, das zu ihm sprach. Der Gefangene war nun frei und Herr seiner Wege, doch seine Flucht vor diesem Ort sollte etwas warten. Amahr fühlte den Drang, diese Ansiedlung zu erkunden. Wie magnetisch angezogen von den leeren Gassen, folgte er leise und lauschend dem Weg in südlicher Richtung. Kunstvoll angelegte Grünflächen umgaben den zentralen Platz und erstreckten sich zu beiden Seiten seines Weges, bis er die ersten Gebäude hinter sich ließ und der Hauptstraße folgte. Verlassen scheinende, aus Stein gebaute Häuser waren entlang des Weges erbaut worden. Schatten verhangene Gassen führten tiefer in die Siedlung, die größer wirkte als alle die er bisher sah hinein.

Wer immer diese Stadt erbaute, hatte sie wie es schien in Hast verlassen. Er sah Holzverschläge und Stände auf denen Nahrungsmittel ansprechend angerichtet und vermutlich angeboten wurden. Früchte und Gemüse verschiedenster Art. Die Nüstern des goldenen Drachen zuckten, als er die verschiedensten Gerüche in sich aufnahm. Süß, angenehm und wohlriechend. Sogar den an Haken hängenden Fischen haftete kein Duft der Fäulnis an, was darauf deuten ließ, dass die Bevölkerung den Ort nicht lange zuvor verlassen hatte. Es war kein Anzeichen des Lebens auszumachen, aber er fühlte sich auf eine unangenehme Art und Weise beobachtet. Seine Blicke wanderten in die Pfade und Seitenstraßen, die in die Viertel hinein führten. Jedes mal als er eine von ihnen passierte. Stets gefasst darauf, belauert und überrascht zu werden, doch er fand nur Stille. Ein Geräusch in der Ferne fing seine Aufmerksamkeit. Ein Scheppern, das klang wie ein Behältnis aus Ton, das zu Bruch ging. Irgendwo abseits der Marktstraße. Die Sinne geschärft und den Kopf etwas in gesenkter Haltung, bog er in die nächste Gasse, die ihn in die Richtung der Geräuschquelle führte. Lang und schmal war diese. Gesäumt von dicht stehenden Häusern und deren Fronttüren und Fenstern die zum Weg zeigten.

Ummantelnde Stille und die düstere, nebelverhangene Enge ließ nur wenig der ersten gedämpften Sonnenstrahlen auf seinen Weg fallen. Im Augenwinkel sah er eine Bewegung. Seine Reflektion im Glas der Fenster? Amahr wusste, dass er da war. Der Schatten, der ihm folgte.
„Alleine?"

Das knurrende Flüstern schien direkt in seinem Kopf zu entspringen. Wissend, in jeder spiegelnden Fläche in das Gesicht des dunklen Abbildes zu starren, war sein Blick stur nach vorn gerichtet.
„Ich mag es!", schnaubte er verächtlich und mit zynischen Unterton. Fast gewohnt an das Zwiegespräch mit dem Schatten.

„Schwach und alleine..."

Amahr beschleunigte seine Schritte und beobachtete im Augenwinkel die Fenster zu seinen Seiten, sah ihn seine Bewegungen imitieren wie ein normales Spiegelbild und im Nächsten stillstehend und mit verschränkten Armen wartend.
"Ich brauche dich nicht mehr!", knurrte er ohne den direkten Blickkontakt zu suchen
„Ich bin deine Rüstung! Wer bist du?"

Eindringlich, fast bedrohlich klang die Stimme zu Beginn, während die letzten Worte in ein Hauchen übergingen. Erinnerungen erfüllten seine Gedanken. Teils Dinge die er festhielt und andere die er verdrängte. Aufgewachsen und erzogen von den Vieren. Ausgebildet und trainiert. Sein ganzes Leben unter ihnen. Ein Gefühl der Wärme erfüllte ihn, als er an Taira dachte. Die Erddrachin war wie eine Mutter für ihn als er noch jung war. Mit der sanften und beharrlichen Art ihres Elementes. Tao hätte erwähnt, dass sie erkrankt sei. Er erinnerte sich daran, wie sie von den Anderen durch das Tor hinter ihrem Thron zurückgebracht wurde, um sich in ihrer Heimatebene zu erholen. Bevor sie ihn verließen. Sie strotzte stets vor Leben und er war sich sicher, dass sie bald wieder genesen würde.

War er das wirklich? Die Nachricht über den Verlust von Septis erschütterte ihn innerlich. Die Seeschlange hatte nie gesprochen. Sie war stumm, doch ehrwürdig und stolz in ihrem Auftreten. Sets der ruhige Pol und die personifizierte Ausgeglichenheit in der Runde. Sie lehrte ihn Kraft aus der Stille und Meditation zu schöpfen und er erinnerte sich gern daran, wie sie ihn in seiner Jugend mit bewegten Figuren, die sie magisch aus Wasseroberflächen erhob, amüsierte und zum lachen brachte. Bitterkeit lag in seinem Ton, als er flüsternd antwortete:
„Das Licht, das den Weg weist."

„Du weißt wer wir sind! Jäger... Richter."

Die Stimme in ihm antwortete direkt und klang bestimmter und härter als zuvor. Noch immer mied Amahr den Seitenblick, während er dem Weg folgte, um dem Starren in den spiegelnden Flächen der Glasscheiben nicht trotzen zu müssen. Verloren im Gedanken und in Erinnerung an die verbliebenen beiden Thronhalter. Tao schulte seinen Geist und füllte ihn mit Wissen. Er musste sich eingestehen, dass der Lung es verstand, mit Worten umzugehen, auch wenn er sich ihm gegenüber heute noch oft wie ein rebellischer Schüler verhielt. Irgendwie mochte er die illustre Lyrik und Geschichten seines einstigen Lehrers, auch wenn er es ihm gegenüber nie erwähnt hatte. Ebenso schulte dieser bereits früh in seiner Jugend Amahrs Reflexe und Geschicklichkeit im verspielten Sparring, als der Jüngling seine liebsten Helden aus den Erzählungen im Spiel verkörperte. Die neckenden, weisen Zitate, mit denen er seinen Schüler provozierte, als er seinen ungestümen Anstürmen mit Leichtigkeit entging und ihn zum Stolpern brachte. Der, der den Wind vertrat, war weit mehr als ein Bücherwurm und Quacksalber. Er zeigte ihm bereits im Spiel, dass es mehr erfordert als pure Kraft, um einen Gegner zu besiegen. Alles in Allem genoss er seine Jugend, auch wenn das Lernen das meiste seiner Zeit verschlang. Oft durfte er in Begleitung die verschlossenen Türen durchschreiten und in die Heimat seiner Lehrer reisen. Wälder voller Leben, ein Ozean, der endlos schien und ein wolkenverhangener Horizont und fliegende Inseln, in dessen Höhen er sich frei und unbekümmert fühlte, als er den Wind unter seinen Flügeln spürte.

„Du kennst unseren Feind! Du ließt sie zurück als sie geschwächt war!"

Das unheimliche Flüstern riss ihn aus den angenehmen Erinnerungen, die sich binnen weniger Sekunden vor seinem geistigen Auge abspielten und lenkten seine Gedanken auf die harten und unangenehmen Erfahrungen, die er in seinem Leben durchlaufen hatte, seit der Zeit als er das junge Erwachsenenalter erreichte. Die Zeit als er den vierten König traf. Seinen härtesten Lehrmeister. Fengar, ein grimmiger Krieger aus der Ebene des Feuers. Sie sagten er habe eine warmherzige Seite, aber er zeigte sie nur allzu selten, als er ihm lehrte zu kämpfen. Erbarmungsloser Drill und harte Worte stählten ihn in dieser Zeit und bereiteten ihn auf die Aufgabe vor, die ihm angedacht war, doch hinterließen sie auch Spuren in der sanften Seite seines Wesens.
„Sie ist meine Schwester!", hauchte er leise und beinahe entschuldigend.

„Sie war erfüllt von Neid! Wollte unseren Platz!"

Sein ganzes Leben war er geschult und trainiert worden für eine Aufgabe. Als die Welt jung und wild war, herrschte steter Konflikt zwischen ihren vielen Völkern. Manche, deren Lebensart sich glich, formten Allianzen um sich zu verteidigen. Andere jagten und rissen. Dennoch waren sie alle denkende und fühlende Wesen, die sich allerdings ihren Urinstinkten hingaben. Aufrecht gehend und sozial unter den Ihren.

Sie verehrten die Elemente und ihre Schamanen versuchten durch Rituale mit der Seele und Essenz, die sie in ihnen vermuteten, Kontakt aufzunehmen. Irgendwie gelang es ihnen sogar, was als unangenehmen Nebeneffekt die Risse zwischen den Ebenen erzeugte. Er verstand nicht viel davon und dachte mit Grauen an die Geschichtsstunden zurück, in welchen der weise Tao versuchte, ihm magische Bewandtnisse und Einzelheiten zu erklären und dabei der Klang seiner Stimme mit der Konstanz eines lauen Herbstwindes an sein Gehör drang. Die Vorgehensweise bei der Erbauung des Thronsaals erschloss sich ihm ebenfalls nicht gänzlich. Ein komplexer Vorgang bestehend aus magischen Unsinn, den er nicht gänzlich verstand. Der Lung brüstete sich immer damit, dass seine Sphäre die erste war, die eine Lösung dafür fand, den Riss ungerufen zu durchschreiten, um mit den anderen drei Ebenen in Kontakt zu treten. Der Saal und seine Tore wurden geschaffen, um den Riss hinter den magischen Pforten zu versiegeln und seinen Missbrauch durch die Unwissenden zu unterbinden.

Vier Herrscher wurden einst erkoren.
Der Zwietracht war in der Welt geboren
Sie wollten das Gleichgewicht erhalten,
Doch der fünfte Thron war gespalten.

Sie waren mehr Wächter als Könige, doch des Poeten Hang zur Übertreibung und Beschönigung war allseits bekannt. Und er? Er war ein Geschenk.
Sein Ei wurde von seinen wahren Vorfahren als Zeichen guten Willens den vier Wächtern übergeben. Tao sagte ihm als er alt genug dafür war, dass seine Eltern Drachen waren, die durch den damals noch geöffneten Riss gezogen wurden, als diese Wilden der fünften Ebene ihre Rituale durchführten. Sie gehörten zu jenen seiner Art, die den Einklang und Frieden mit ihrer neuen Umgebung suchten. Namenlose Fremde! Er spuckte auf den Boden.

„Ich will das nicht mehr!", schnaubte er in einem Ausbruch seiner Gefühle und senkte dabei mit finsterer Miene den Kopf, während er langsamen Schrittes weiterhin der Gasse folgte.
Der Lung hatte ihm auch erklärt, dass das Verhältnis zwischen den vier Elementarebenen gereizt und angespannt war, und dass ein Eingreifen in die Geschicke ihrer Übergänger schnell als kriegerischer Akt gewertet werden konnte. So fassten sie gemeinsam den Plan, jemanden den Posten des fünften Wächters anzuvertrauen, der neutral zu den vier Reichen steht. Jemand, der die Natur, Sitten und Gebräuche aller verstand und in sich vereinte.

Er schnaubte verächtlich. Die noble Aufgabe, die ihm zuteil wurde, entpuppte sich als Drecksarbeit und er war dazu bestimmt, jene zu jagen, die in der neuen Welt ihre Gottkomplexe über die Schwächeren auslebten und in ihrer Gier und Selbstsucht Schande über ihre Heimat brachten. Über jene zu richten, die im Verdacht standen, gegen die neu erlassenen Gesetze der fünf Throne verstoßen zu haben. Trainiert und vorbereitet. Allerdings nicht auf jene Situation, die ihn einst unerwartet traf. Er ließ sie zurück und hasste Politik mit tiefer Inbrunst.

Verloren in seinen Gedanken, wurde ihm erst nach einigen Momenten bewusst, dass die Stille zurückgekehrt war. Keine hämischen Fratzen, die in den Fensterscheiben reflektierten. Kein Flüstern, das in seinem Kopf widerhallte. Er fühlte sich allein. Es war das erste mal in seinem Leben, dass dieser Zustand Unbehagen in ihm auslöste. Kein Geräusch, kein einziges Anzeichen von Leben. Nicht einmal der Wind sang durch die Gasse. Die Stadt schien mit dem Leichentuch bedeckt und ihres Atems beraubt. Da war ein Geräusch! Leise, kaum wahrnehmbar und dennoch von seinem Gehör aus der Totenstille zu filtern. Wie nackte Füße auf blanken Stein. Er wirbelte herum und sah angespannt in die Richtung, in der er den Ursprung vermutete, doch dort war nichts als ein leerer Pfad und sich eng gegenüberstehende Häuserfronten mit noch schmaleren Wegen dazwischen, die die Gebäude voneinander trennten. Seine Sinne schärften sich und erwachten. Die Nüstern zuckten, als er in kurzen Atemzügen die Luft nach einer Fährte prüfte. Sein Blick, wild und konzentriert, als seine grünen Augen und die durch die Lichtverhältnisse zu schmalen Schlitzen geformten Pupillen jeden Winkel  in seinem Sichtfeld abtasteten. Selbst die Zunge schien die Luft aus sanft geöffneten Lippen abzutasten, als wolle er sie schmecken. Der Geruch von abgestandenen Wasser aus den Abflüssen an Straßenrand, dominierte seine Wahrnehmung.

Und wieder leise Schritte in seinem Rücken. Näher und präsenter als zuvor. Schnell drehte er sich in seine vorherige Laufrichtung und erhaschte wieder keinen Blick auf die flinke, unbekannte Kreatur, die ihm folgte. Oder waren es gar Mehrere? Wurde er flankiert? Die Erkenntnis traf ihn hart. Er schien gejagt zu werden. Angespannt und alarmiert tastete er sich voran, drehte sich mehrfach und umsichtig um und versuchte, seine aufgeregte Atmung zu beruhigen. Sein linker Arm gesenkt. Die fledermausartige Spannhaut seines Wyvernflügels formte eine sanfte Wölbung und er spreizte seine klauenbesetzten Finger. Die andere Pranke mit nach hinten angewinkelten Ellenbogen auf Schulterhöhe erhoben und deren Fingerknöchel angewinkelt, nahm er eine Pose ein, die ihn einst Lung Tao zeigte.
„Sieh mich an!"

Sein Instinkt trieb ihn dazu, rasch zur Seite zu blicken. Stehend vor einem weiteren Fenster, sah er kurz sein goldenes Gesicht, bevor das Glas sich nach außen zu wölben schien. Lautes Klirren, gefolgt vom kehligen Knurren des Biestes, das sich ohne Rücksicht auf eigene Verletzungen auf ihn stürzte. Die Fänge weit geöffnet, das graue Fell gesträubt. Kleiner als er. Einen Blick erhaschte er, bevor er den Aufprall spürte und das Gleichgewicht verlor. Den erhobenen Arm klemmte er instinktiv unter den Hals der Kreatur, bevor er das Gleichgewicht verlor und zurückfiel. Der Aufprall auf den Rücken, presste die Luft aus seiner Lunge. Der Angreifer über ihm, den er als zweibeinig, aufrecht gehenden Wolf identifizierte, schnappte wie wild nach seinem Hals. Einzig zurückgehalten von seinem Unterarm.

Einstudierte Bewegungen und Instinkt steuerten sein Handeln. Amahrs langer Schwanz peitschte seitlich aus, schlang sich in einem Haken um den Torso des Mondsängers. Mit Schwung riss er seinen Schweif in die andere Richtung, was seinen Angreifer für einen Moment anhob. Ein Wimpernschlag, der reichte um seinen Arm zu befreien. In einer blitzschnellen Reaktion packte er die Schnauze und schloss die beängstigenden Fänge mit Druck beider Pranken. Eine Handfläche auf die kühle Nase gepresst, hielt er den Kiefer mit der anderen Hand fest geschlossen und wälzte sich seitwärts, um sich mit Schwung über den Angreifer zu erheben, und ihn mit seinem Gewicht niederzudrücken.

Er fühlte den Sog des Schnaufens an seiner Pranke, während er die Atemwege verschlossen hielt. Der Wolf knurrte und wehrte sich. Wilde Augen...
Amahr erschauderte als er die Augen sah. Trüb und ausdruckslos, fast milchig und grau. Ein dunklerer Ton als das Fell. Er fühlte einen Schnitt im unteren Bereich seines Flügels, als eine Kralle des wild zappelnden und um sich schlagenden Gegners sich in die Membrane hakte. Er brüllte auf im Schmerz, hob den Kopf des Graupelzes vom Boden an und stieß in mit Wucht zurück auf den harten Stein. Den Griff lösend, schlug er einmal kräftig mit den Flügeln, um mit einem Satz zurück etwas Abstand zu gewinnen. Er landete auf seinen Füßen, warf einen kontrollierenden Blick nach unten und sah Blut. Ein wenige Zentimeter tiefer Schnitt in der Flügelhaut. Er schmerzte als er diesen spannte und wieder seine Kampfpose einnahm um sich auf den Ansturm vorzubereiten.
Benommen durch den Aufschlag, richtete sich sein Gegenüber langsam auf. Wackelig und bemüht um Balance war er, bevor der Wolf wieder zu sich kam und wie von Sinnen, mit dem selben animalischen Verhalten in gebückter Haltung auf den Drachen zustürmte. Amahr wartete auf den rechten Moment und führte einen geraden Schlag nach vorne.

Der Handballen traf mit Wucht auf den Nasenrücken. Ein Knacken ließ das Blut des Drachens fast gefrieren und den Verrückten winselnd rückwärts taumeln. Im Reflex folgte Amahr ihm mit einem geschmeidigen Schritt vorwärts und holte mit der zurückgehaltenen Pranke zum sauberen, diagonalen Schlag von unten nach oben aus. Er fühlte seine Krallen in das Fell tauchen und in die Haut schneiden. Vom Schlüsselbein schräg über den Hals. Drei Striemen begannen rot durch das graue Fell zu sickern als er seinen Gegner betrachtete, der röchelnd stehen blieb. In einer Reaktion fing er diesen, legte seine Pranke auf dessen Hinterkopf und geleitete ihn in die Hocke gehend zu Boden. Sein Blick war die ganze Zeit auf diese unnatürlichen Augen fixiert. Der Wolf blinzelte und schnappte nach Luft.
„Warum?", fragte der Drache im emotionalen Ton.

Er kannte die Mondsänger als stolzes ursprüngliches Volk, das hier im Norden lebte. Friedfertig, sanft und naturverbunden in ihrer Art. Er konnte das Verhalten nicht begreifen. Der Wolf blinzelte und der Schleier in seinen Augen schien zu weichen. Eisblau und tief wie der Ozean wurden sie. Voller Furcht im Todeskampf. Die bestialischen Züge wichen einem Ausdruck der Furcht, als er versuchte zu sprechen und nur ein Röcheln über seine Lippen kam.

„Shhh..."

Amahrs Lippen bebten und der beruhigende Laut kam nur zitternd hervor. Die zweite Pranke lag auf der Brust des Wolfes. Er fühlte die krampfende Atmung, bis langsam Stille einkehrte. Erfüllt mit Trauer und über den Toten gebeugt, schloss er seine Augen.
„Finde Frieden!", hauchte er leise. Er fühlte den Drang zu schreien und verstand den Grund der Aggression nicht. Etwas stimmte nicht. Diese Augen...

„Öffne die Augen!"

Er ignorierte die knurrige Stimme des Schattens und hob schwermütig und mit geschlossenen Augen den Kopf. Er fühlte erneut einen harten Aufprall der ihn niederriss. Es war ein Fehler zu glauben, dass Wölfe alleine jagen. Die Augen weit geöffnet, sah er zwei Weitere von hinten anpirschen, während er ein gruseliges Würgen von dem über ihm vernahm. Bevor er reagieren konnte klatschte eine Flüssigkeit in sein Gesicht. Zäh, klebrig und ekelerregend. Es verklebte seine Nüstern, zwang ihn durch das Maul zu atmen. Ein Tropfen gelangte auf seine Zunge. So bitter...
Er hörte ein Brüllen. Die Stimme eines Drachens, den er kannte, bevor das Gewicht des Angreifers von seiner Brust verschwand und seine Sicht verschleierte und er langsam das Bewusstsein verlor.

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Larc
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BeitragVerfasst am: 04.11.2014 21:47    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

So... Prolog bis Part 3 reicht denke ich vorerst. Part 4 muss noch überarbeitet werden und Teil 5 ist noch nicht ganz fertig.

Ups... und nach einem Blick in die Regeln, die empfehlen, man solle portioniert hochladen, hoffe ich, dass ich nicht bereits über das Ziel hinausgeschossen bin. Werde etwas kürzer treten in Zukunft.
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